04.06.2016

Finger weg von unseren Frauen

Also eigentlich: "Finger weg von unseren Frauen!", denn mein Spruch ist das nicht.
Nun könnte man sich ja das Gegenteil denken, also "Finger dran, an unsere Frauen!" - Dies wird wohl auch fleißig gepostet, und dazu ge-uzt, man verschachere jetzt "seine (also 'unsere') Frauen" an die Ausländer.

Verneinungen

Aber diese kleine Szene, die wir dem FPÖ-Menschen Armin Sippel verdanken, zeigt auf ein generelles Problem.
Der deutsche Satz lässt nicht nur eine explizite, sondern auch eine implizite Verneinung zu. Explizit verneint wird meist über das Verb, bzw. das Prädikat des Satzes. Dies wäre "Finger weg", in seiner elliptischen Form. Was an dem Video von Sippel (unter anderen Dingen) so lächerlich ist, was schon an der ganzen Diskussion um die "Sylvester-Vorfälle" so lächerlich war, war ein ganz anderes Wörtchen, was sich in die Debatte eingeschlichen hat, jenes "unsere", ein Wort, das einen Zugehörigkeits-, aber auch einen Besitzanspruch markiert.
Keine Frage: das Bedrängen und Nötigen von Frauen, und natürlich erst recht das, was darüber hinaus geht, ist schlimm, um nicht zu sagen, widerlich. Hier Frauen zu schützen ist Pflicht, aber es ist eben ganz allgemein, nicht wählerisch die Pflicht. Als ich mich neulich zu der Kopftuchfrage geäußert habe, da war meine leitende Idee dabei nicht, ob Kopftuch oder nicht, sondern ob der Individualwille einer Frau akzeptiert wird. Sittliche Autonomie, die zugleich der umfassende Begriff von Meinungs- und Religionsfreiheit ist, ist nun mal der zentrale Wert unserer Kultur, zugleich deren politischer Gegenbegriff von der Würde des Menschen. Unsere Kultur hat eben sittliche Autonomie, damit Meinungs- und Religionsfreiheit zu gewährleisten. Und was mir sehr viel mehr Sorge macht, ist nicht, dass der Islam patriarchal ist; - obwohl er das zweifellos ist, sondern dass sich über den Vorwurf und unter dem sehr zweifelhaften Schirm des Wörtchens "Schutz" das sowieso Patriarchale unserer Kultur wieder breite Bahn bricht.

Das Patriarchat

Was das Patriarchat angeht, so darf ich mich hier als Pessimisten vorstellen. Wir werden, solange wir Kultur wollen, nicht um hegemoniale Effekte herum kommen. Hegemonie entsteht. Da kein Mensch alles machen kann, da auch kein Mensch alles denken kann, da zudem jeder Mensch sich durch seine Umgebung beeindrucken lässt, entstehen wohl oder übel bestimmte Formen der Logik, bestimmte Formen der logischen Kürzel (Enthymeme), die dann keineswegs logisch sein müssen; und schließlich gibt es auch bestimmte, automatisierte Konnotationen, die die alltägliche Interpretation von Ereignissen leiten.
Das Patriarchat, bzw. die hegemoniale Männlichkeit als dessen kulturelles Pendant, ist keine Wahl, sondern eine Struktur, die sich den Menschen aufdrängt. Sie drängt sich, klassischerweise, den Männern und Frauen in Form von an Äußerlichkeiten gewonnenen Rollen auf. Werden solche Äußerlichkeiten zurückgedrängt (ich spreche nicht von: beseitigt), dann verschwindet die Struktur nicht. Sie macht bloß dafür Platz, dass nun auch mal Frauen den Patriarchen mimen können. Die patriarchale Feministin, das ist nur oberflächlich ein Widerspruch.
Aber ich will das nicht so stehen lassen. Die Verwirrung der Codierungen ermöglicht am Rande auch die Entdeckung und Erschaffung neuer Rollenbilder, neuer Klischees. Sie braucht mehr Geist, mehr Feinfühligkeit, mehr Offenheit, auf beiden Seiten. Oder: weil hier die Vielfalt mitschwingt, auf allerlei Seiten.
So sehe ich zwar seit Jahren, fast schon Jahrzehnten, dass sich der Kern der Kultur nicht sonderlich geändert hat. Es sind dieselben Mechanismen, nur dass Frauen diese jetzt auch nutzen; wir sind den patriarchalen Enthymemen nicht entkommen. Aber die gelegentliche Verwirrung hat den Rändern unserer Kultur mehr Freiheiten ermöglicht. Homosexualität ist selbstverständlicher geworden, alleinerziehende Mütter werden respektiert und bedingt gut geschützt, zumindest, was den europäischen Vergleich angeht. "Seltsame" Lebensformen sind nicht mehr nur dem Adel zugänglich.
Der Kampf gegen die patriarchalen Strukturen hat zwar nicht im Kern, aber doch an den Rändern Effekte hinterlassen.

Kultur als Filter

Kultur und das Erschaffen von Kulturen wird mithin durch bestimmte, meist "irgendwie" dogmatische Filter bestimmt. Grenzüberschreitungen von der einen Seite des Filters auf die andere werden an Merkmalen festgehalten, die konnotativ bestimmt, aber meist denotativ behauptet werden. Denotativ, damit ist die direkte Benennung gemeint: ein Merkmal weist kausal auf eine bestimmte Wesensart hin, auf eine im Kern eindeutig fassbare Existenz; so geschehen mit (wahlweise) Juden, Frauen, Bolschewiken, Faschisten, Moslems, Männern. Semiotisch gesehen handelt es sich allerdings um Konnotationen: also um mehr oder weniger diffuse Ideen, die sich im Zuge der Denotierung an einer Zeichenkette vereindeutigen und zu verwirklichen scheinen.
Kulturen filtern und kanalisieren die beständige Verwechslung von Konnotationen als Denotationen.
Wohlgemerkt: eine Kultur existiert nicht ohne Filter, und es ist keineswegs so, dass man dieser Filter Herr werden könne, dass man sie wahlweise austauschen könne gegen bessere Filter. Der Feminismus, so positiv er in vielem war und ist, hat mit seinem Weg in die Etablissements auch mehr und mehr einen dogmatischen Kern entwickelt, der in den wütenden Protesten schon angelegt war. Ich will damit weder etwas gegen die Proteste sagen, die in den meisten Fällen berechtigt waren, noch etwas gegen den Weg in die Institutionen. Was ich bezweifle, ist, dass dieser Wandel ein tatsächlicher Wandel ist, und dass seine Effekte deutlich positiv sind. Womit ich auch sagen möchte, dass eine Rückkehr zu einem Zustand vor dem Feminismus ebenfalls keine Option sein kann.

Der imaginierte Moslem

Filter erzeugen Kultur. Da zwischen solchen Filtern (bestimmten Codierungen, bestimmten Strategien der Codierung, bestimmten Enthymemen) und der Kultur eine beständige Wechselwirkung besteht, da kulturelle Codes nie naturwissenschaftlich fest stehen, gibt es immer undeutliche, fließende Bereiche innerhalb einer Gesellschaft.
In einer Kultur entstehen aber auch und immer wieder, es lässt sich wohl nicht verhindern, Maschinerien der Vereindeutigung, kulturelle Zentren, die den Übergang von Konnotationen zu Denotationen zu einem zentralen Mechanismus machen. In einer solchen Position sehe ich die Pegida, die AfD, aber auch den "Konservatismus" im Allgemeinen. Er ergreift Kulturen, kulturelle Gruppierungen, Einzelpersonen. Man findet diese Zentren links und rechts (sofern man von einer solchen schnöden Einteilung noch ausgehen mag), FeministInnen und MaskulinistInnen, Gender-Mainstreamer und Anti-Gender-Mainstreamer.
Mit solchen Strategien wird die Kultur übersichtlich, dogmatisch. Sie reduziert sich, erzeugt sich ihre Gegner selbst, und gelegentlich rutscht sie in das Gebiet der Unkultur ab, dort, wo der zerstörerische Charakter einer solchen Reduktion offenbar wird. Davon sind muslimische Kulturkreise ebenso betroffen wie deutsche (oder westliche).
Was derzeit passiert, ist, dass sich diese kulturelle Reduktion in einem solchen Maße in die Institutionen einbringt, und das auf eine denkbar gefährliche, unkultivierte Art und Weise. Die Reduktion wird damit institutionalisiert und damit das Feindbild, die andere Seite der Kultur, ebenfalls, und zwar genau dadurch, dass sie de-institutionalisiert wird (der Moslem wird zum Vagabunden, Terroristen, Barbaren).
Diese andere Seite der Kultur, ihr Ausgeschlossenes, das kann man zum Beispiel bei Bernhard Waldenfels nachlesen, ist zutiefst mythisch. Es gibt nichts mehr in der Kultur, was diese andere Seite begreift, weil die Übersetzungsprozesse verloren gegangen sind. Indem wir die Übersetzungen zwischen "muslimischen" und "deutschen" Kulturen ausdünnen, machen wir aus dem Muslim einen Mythos. Und, wenn ich mir bestimmte Internet-Seiten ansehe, bestimmte Aussagen auf twitter und facebook, dann ist dieser Schritt schon längst geschehen.
Es ist wohl wahr, wenn die AfD sagt, der Islam gehöre nicht zu deren Kultur. Wahr insofern, als es oberflächliche Merkmale gibt, die diesen Ausschluss scheinbar notwendig machen. Doch natürlich ist auch das Gegenteil richtig: strukturell und funktional gesehen ist dieser Weg in den Anti-Islamismus auf genau dieselben Mechanismen zurückzuführen wie dies bei der Radikalisierung von Islamisten beobachtet werden kann. Es mag zwar sein, dass der Islam hier kürzere und leichtere Wege in die kulturelle Reduktion anbietet und insofern tatsächlich die westliche Kultur eine offenere und eventuell bessere ist. Aber es ist absurd, diese "Überlegenheit" dadurch zu verwirklichen, dass man sie abschafft.
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