01.06.2016

Killerstrategien fürs Schreiben

Man mag es drehen und wenden wie man will, das Oxymoron ist für die schriftstellerische Praxis ein wichtiger Bestandteil. Was ist ein Oxymoron? – Ein scharfer Widerspruch! Etwas, was eigentlich nicht zusammenpasst und den Leser oder Hörer stutzig machen sollen. Argumentativ ausgeführt handelt es sich dann um ein Paradox.

Die acht Killerstrategien des Stephen King

So vollmundig, so pompös. Und was liest man dort? Zunächst einmal, dass man einfach so schreiben soll, wie man sich das denkt; dann aber, kurz darauf, dass jedes Wort zählt (und wohl mit Bedacht gesetzt werden sollte).
Wie ihr wisst, liebe ich King. Ich halte ihn für einen äußerst intelligenten Menschen. Ich möchte also an diese acht Strategien eine neunte dranhängen: Falls ihr noch nicht intelligent seit (was ja ein wenig an den Genen liegt), wartet mit dem Schreiben bitte auf eure Wiedergeburt. Schreibt keinesfalls einen Thriller mit einem Serienkiller, auch keine heiße Romanze zwischen einer jungen Hexe und einem von moralischen Selbstzweifeln geplagten, aber doch äußerst männlichen Werwolf, bleibt den gay romances mit ihren lähmenden Wiederholungen fern, und glaubt ja nicht, ihr müsstet jetzt einen humorvollen Roman schreiben, weil gelegentlich die Leute in eurer Umgebung lachen (in Wirklichkeit lachen sie über euch, und sie werden noch mehr lachen, wenn sie euren Roman zu lesen bekommen).

Wozu braucht der Schriftsteller Fantasie? Und was ist das überhaupt?

Ersetzen wir mal das Wort Fantasie, Imagination, Vorstellungskraft durch das Wort Einbildungskraft, und suchen wir einen recht alten Herren auf, der dazu einiges zu sagen wusste, den Herrn Immanuel Kant. Bei ihm vermittelt die Einbildungskraft zwischen der Empfindung (bzw. der Sinnlichkeit) und dem Verstand (der die Begriffe bildet und ordnet). Kant hatte zwar mehr und mehr Probleme, diese Einbildungskraft in seinem Gedankengebäude unter Kontrolle zu halten, und gelegentlich bekommt man beim Lesen der Kritik der praktischen Vernunft den Eindruck, dass sie ihm vollständig entgleitet, aber als ein besserer Schritt erscheint sie mir doch sinnvoll, zumindest eine Weile.
Dies als Vorgeplänkel.
Die Einbildungskraft, so kann man Kant in gewisser Weise lesen, ist der Kitt zwischen einem sinnlichen Schreiben und einem intelligiblen (was man hier als ein verständliches, spannendes, den Leser führendes Schreiben verstehen darf). Demnach ist die Einbildungskraft (oder, wie sie früher in Französischen übersetzt wurde, die fantasie) keineswegs bunt und wild, sondern hat ganz praktische Auswirkungen.

Brauchen wir Schreibtipps?

Diese Frage kann man sich leicht übersetzen: brauchen wir noch einen Schreibratgeber, der zum 100.000. Mal wiederholt, was schon tausend Leute vorhergesagt haben, der das als besonders wichtig und besonders elitär verkauft, was in Wirklichkeit eine Banalität ist? Brauchen wir also Schreibratgeber? Brauchen wir Bücher, wie man einen verdammt guten Roman schreibt?
Nicht wirklich. Die eigene Stimme wird man dabei nicht finden. Auch nicht die eigene Intelligenz. Manche Menschen können sich besser vermarkten als andere, die werden vielleicht Erfolg haben. Und manchmal gibt es auch jemanden, der tatsächlich eine eigene Art zu schreiben gefunden hat, obwohl solche Menschen selten sind. Nein, wie man die eigene Stimme findet, das sagen einem all diese Schreibtipps nicht. Und wenn man sie fleißig befolgt, bekommt man vor allem eines: eine hölzerne Sprache. Und dann wäre doch eine gute, lang anhaltende, hartnäckig wiederkehrende Schreibblockade viel menschenfreundlicher, als Twitter und Facebook und Instagram damit zuzuposten, dass man gerade einen Roman geschrieben hat, der sich ›Begehren der Nacht‹ nennt und einem die entblößte Schulter einer jungen Frau zeigt, auf dem cover natürlich. Dann würden wir auch die Schulter zeigen, und zwar die kalte.

Schriftstellerischer Erfolg

Wenn man aber wirklich jenen Artikel liest, der diese acht Killerstrategien „offenbart“, dann geht es vor allem um eins: um den mordsmäßigen Verkauf von Büchern, um das viele Geld, um die internationale Berühmtheit. Geht es also um das Schreiben oder um das eigene Ego?
Aber ich möchte nicht meckern. Meinetwegen dürfen die Menschen massenhaft diesen Schreibtipps nacheifern. Sie werden damit keinen Blumentopf gewinnen. Und sie werden auch keine einzigartigen Romane schreiben. Darin steckt viel Arbeit, viel mehr Arbeit, als eine einfache, ungepflegte Intuition.
Und vermutlich werden darüber so viele schreibende Menschen frustriert, dass sie einfach aufhören zu schreiben, statt sich lange und intensiv und vielfältig mit diesem eigentlich wunderschönen Beruf (und natürlich seinen Produkten) auseinanderzusetzen.
Ich habe mal die selfpublisher-Szene verteidigt. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt noch Idealisten (wie zum Beispiel die Leute von Qindie), aber allzu oft eben auch Selbstdarsteller und kleine Erdogans. Die viel wollen und wenig können.
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