19.07.2010

Motive

Den gestrigen Sonntag habe ich mit Motivationspsychologen (natürlich nur deren Büchern) verbracht.
Obwohl sich das Feld der Motivation auf ein paar Modelle beschränkt, sind die Schlussfolgerungen insgesamt relativ komplex. Besonders faszinierend finde ich immer noch den leicht exzentrischen Bereich, diese Modelle auf die Literatur anzuwenden.
Ein zentrales Arbeitsmittel ist mir die Maslowsche Bedürfnispyramide geworden. Wer sich unbedarft mit diesem Modell an die Literatur begibt, merkt sofort, dass sie hinten und vorne nicht passt. Erst wenn man dieses Unpassende ausformuliert, bekommt das Modell seinen Sinn. Schlägt das Modell auf der Frontseite eine Ordnung vor, so zwingt es auf der Rückseite zu einer Sensibilisierung gegenüber dem untersuchten Artefakt (wie zum Beispiel einem fiktiven Text).
Nähme man die Phänomenologie zur Hilfe, dann ginge es bei der Sensibilisierung um die Aufmerksamkeit gegenüber dem Erkenntnisinhalt (Noema) und gleichzeitig dem Erkenntnisakt (Noesis). Ist es schon nicht einfach, einen wissenschaftlichen Text auf diese schlichte Formel immer wieder zu überprüfen, so ist die intellektuelle Herausforderung bei einem fiktiven Text mehr als enorm. Vor allem findet sich aber diese Differenz von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt auch in dem neumodischen Begriff der emotionalen Kompetenz. Die emotionale Kompetenz erklärt die Souveränität als einen zentralen Punkt.
Souveränität entsteht, wenn ich den Gefühlen so weit Widerstand leisten kann, dass ich trotz der Gefühle entscheidungsfähig bleibe. Ungebremste Gefühle schlagen sich in ungebremsten Motiven nieder. Erst wenn ich mir meiner Motive bewusst werde, kann ich diese gewollt einsetzen. Erst dann bin ich auch souverän. Ähnlich wie beim Modell kommt die souveräne Handlung nur dadurch zustande, dass ich in der Lage bin, auszuwählen.

Das Faszinierende an dieser ganzen Geschichte ist, dass sowohl die Kompetenzen im Modellieren als auch die emotionale Kompetenz nicht das Ziel sind, sondern nur Werkzeuge, um zu mehr Sensibilität zu gelangen. Weder ist ein wissenschaftliches Modell ein Ausschwitzen der Wahrheit, noch ist ein persönliches Modell individueller Motive ein Abbild. Hinter Motiven stehen Transformationsleistungen, die die Welt verwandeln. Die Sensibilisierung entsteht, indem man das Vorher und das Nachher in einen kritischen Bezug zueinander setzt, bei der man zugleich lösungsorientiert arbeitet, als sich auch von jeder Lösung als Endlösung fern hält.
Motive sind also Transformationsleistungen, die nicht (im konkreten Falle) wissenschaftlich erörtert werden können, sondern Brennpunkte der Reflexion aufzeigen. Dies gilt für den Menschen im alltäglichen Leben, aber auch genauso für den fiktiven Menschen im Roman. Wenn ich auf meine letzten drei Jahre als Textcoach zurückblicke, dann ist eine der größten Fehler das fehlende Bewusstsein für Motive, und daraus entstehend eine mangelnde Sensibilität.


Kommentar veröffentlichen