27.07.2010

Elite und Integration

Der Begriff der Elite spielt in der Soziologie von Niklas Luhmann kaum eine Rolle. Er greift diesen eher als semantisches Überbleibsel auf. Hier ein längerer Abschnitt aus Luhmanns Buch Die Politik der Gesellschaft (Seite 131-132):
Die klassische politische Theorie hatte im Anschluss an alte Traditionen der Politik eine Funktion gesellschaftlicher Integration zugewiesen. Es blieb bei höheren begrifflichen Ansprüchen unklar, wie das gemeint war. Diese Unklarheit war der Preis, der für das Festhalten an einem Identitätskonzept für Politik und Gesellschaft unter immer komplexer werdenden Bedingungen zu zahlen war. Integration wurde einerseits über den Staatsbegriff zugemutet, wobei vorausgesetzt wurde, dass eine Gesellschaft jeweils nur einen Staat hervorbringe. Sie konnte andererseits mit Hilfe einer Theorie politischer Eliten formuliert werden, womit (bei heutiger Distanz zu diesem Theoriedesign) sowohl regierende als auch »kritische«, das heißt protestierende Eliten gemeint sein konnten. Geht man zu einer Theorie gesellschaftlich ausgelöster und reproduzierter Systemautonomie über, gewinnt man die Möglichkeit, diese ziemlich unplausibel gewordenen Integrationstheorien aufzugeben. An ihre Stelle tritt das Konzept der funktionalen Spezifikation des politischen Systems.
Die Konsequenzen dieser Theorieumstellung werden an vielen Stellen unserer Darlegungen sichtbar werden. Im Moment soll nur ein besonders wichtiger Gesichtspunkt angedeutet werden.
Während im Integrationskonzept Übereinstimmung und Verständigung über Politikvorschläge im Vordergrund stehen, kann nach Aufgabe dieses Konzepts die Bedeutung politischer Konflikte differenzierter gewürdigt werden. Konflikte sind durch die Codierung Regierung/Opposition geradezu vorgeschrieben. Sie werden durch das links/rechts-Schema schematisch reproduziert. Es mag sich in nicht wenigen Fällen nur um gespielte Konflikte handeln; aber auch dies signalisiert die strukturell garantierte Dauerbereitschaft des politischen Systems, gesellschaftlich fundierte Meinungs- oder Interessenkonflikte aufzugreifen und zur Entscheidung zu bringen. Dem entspricht (wie wir noch sehen werden) eine Präferenz der Massenmedien, über Konflikte (und nicht: über übereinstimmende Meinungen) zu berichten und die »öffentliche Meinung« entsprechend zu strukturieren. Die öffentliche Aufmerksamkeit und Kommunikation konzentriert sich damit typisch auf den politischen Konflikt - so wie im Falle des Sports auf Sieg oder Niederlage oder im Falle der Börsenberichte auf die Auf- oder Abwärtsbewegung der Kurse. Was fasziniert, ist nicht die Einheit, sondern die Differenz; oder genauer: die spezifisch bestimmte Einheit einer Differenz - die Streitfrage über Militäreinsatz, über Ausdehnung oder Einschränkung von Sozialleistungen, über Technologiepolitik, regionale Dezentralisierung etc.
Da man nur über Dasselbe streiten kann, liegt auch im Konflikt eine Integrationsleistung vor, aber sie ist viel komplexer gebaut, als es in klassischen Politikkonzepten formuliert werden kann. Sieht man Konflikte als soziale Systeme, die sich in anderen Systemen gleichsam parasitär entwickeln, so handelt es sich deutlich um überintegrierte Systeme, die dazu tendieren, alle Ressourcen im Blick auf Sieg oder Niederlage auf einen Konflikt zu konzentrieren. Dem wirkt nach üblicher Vorstellung die Juridifizierung der Konflikte (= Konditionierung der Entscheidung durch einen unabhängigen Dritten) entgegen. Im Zuge einer stärkeren Ausdifferenzierung des politischen Systems ergibt sich dazu ein funktionales Äquivalent, nämlich die thematische Spezifikation von politischen Konflikten. Sie ermöglicht eine Begrenzung der jeweiligen Beiträge, Argumente und verwendungsfähigen Mittel. Sie verhindert eine gesellschaftliche »Versäulung« der Konflikte mit der Folge, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen sich in allen Konflikten als dieselben Gegner wiedererkennen. Gelingt eine thematische Spezifikation der Konflikte, kann man das politische System beobachten im Blick auf die Frage, ob und wie es gelingt, Konflikte zu entscheiden. Auch die Beobachtung (und vor allem: Selbstbeobachtung) des politischen Systems wird damit auf das Politische konzentriert und mehr oder weniger distanziert von den Interessen, die jeweils vertreten und berücksichtigt oder übergangen werden. Außerdem strukturiert die laufende Bearbeitung und Entscheidung thematisierter Konflikte das Gedächtnis des Systems; und dabei erinnert sich das System auch und gerade an die immer wieder zurückgesetzten Interessen, die allein dadurch schon Gewicht gewinnen, dass sie typisch zu den Verlierern gehören.

Und an einer anderen Stelle, in Soziale Systeme (Seite 465-467), schreibt Luhmann folgendes:
Wenn diese Theorie zutrifft, müsste man im Übergang von einer hierarchischen zu einer funktionsbezogenen Gesellschaftsordnung ein Problematischwerden der Latenz feststellen können, und das ist in der Tat der Fall. Das »seiner Natur nach Geheime« wird in Kommunikationsprobleme und Kommunikationssperren übersetzt. So sieht Pascal die Situation: Das Volk lebt in der Illusion. Wer das durchschaut, darf dies nicht äußern. Nicht der Sachverhalt, sondern die Einsicht hat verborgen zu bleiben. Pascal spricht an vielen Stellen noch von mystère; aber er betont auch, dass das Akzeptieren der vorhandenen Ordnung auf Illusionen über die Gerechtigkeit des überkommenen Rechts, über die Qualitäten des Adels, über die Legitimität der Herrschaft beruhe; dass diese Einsicht aber nicht geäußert werden dürfe, sondern dass sie pensée, cachée, pensée de derrière bleiben müsse; dass gerade dies Zurückhalten der Kommunikation der Ordnungsbeitrag des Christen sei: der damit den Sündenfall akzeptiere; und dass auch der einsichtige Adel darauf verzichten müsse, darzustellen, wie es um seine Qualität und seine Menschlichkeit in Wahrheit stehe. Auch die Theorie der Salonkonversation findet sich bald darauf durchsetzt mit Kommunikationsverboten und Schweigepflichten, die benötigt werden, um Geselligkeit in Gang zu halten. Und auch die Moraltheorie nimmt die Einsicht auf, dass das Interesse an moralischer Achtung nicht in die Kommunikation einfließen dürfe, sondern dass man moralisches Handeln um der Moral selbst willen zu verlangen habe (was immer die wahren Motive seien, die auszuleuchten man besser zu vermeiden habe).
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spitzt diese Problematik sich zu. Der Aufklärer nimmt als »Philosoph« eine öffentliche Rolle in Anspruch, er symbolisiert in seiner Person die Selbstreflexion des Gesellschaftssystems. Man beginnt, sich auf die öffentliche Meinung zu berufen. Ausgerechnet die öffentliche Meinung wird zur unsichtbaren Gewalt erklärt. Manifest und latent fallen zusammen - und nur dass dies geschieht, bleibt latent.
Parallel zu dieser Problematisierung von Latenz (die sich zu jener Zeit nur auf die Ordnungsvoraussetzungen der alten Gesellschaft beziehen konnte), nimmt die Bereitschaft zu, Vorgefundenes auf Alternativen hin zu befragen, das heißt in funktionalen Bezügen zu denken. Kritik wird als Anwendung von Urteilsvermögen im 18. Jahrhundert zur Universaltugend - zunächst gedacht als Verfahren der Aussonderung des wirklich Vernünftigen, im 19. Jahrhundert dann als Praxis des Änderns um des Änderns willen, als Revolution, als Umwälzung und in diesem Sinne als Praxis, die sich selbstkritisch ihr Ziel, ihr Maß, ihr Gesetz gibt. Gerade diese Radikalisierung muss sich aber auf eine latente Beziehung zum Problem der Latenz zurückführen lassen. Sie ist nicht freiwillig radikal, sie muss auf eigentümlich hilflose Weise radikal werden, weil sie keine Form mehr findet, latente Funktionen und Strukturen zu respektieren. Sie leistet damit im Ergebnis aber nicht viel mehr als eine negative Darstellung dessen, was ohnehin der Fall ist, und kann dann sehr rasch in Verzweiflung und Resignation zusammensinken. Oder eine neue Elite findet sich wieder in der Pascalschen Situation: zu wissen, aber nicht sagen zu können, dass sie nicht verdient, es zu sein!

Halten wir zudem noch fest, dass allein der strukturelle Bezug zwischen Elite und Gesellschaft bedingt, dass Eliten selbst sich nicht integrieren, sondern desintegrieren. Sie müssten ja, qua Definition, besser sein, als die Gesellschaft.
Hieraus könnte man auch schließen, dass jegliche real existierende Elite die gesellschaftliche Integration nur an dem Maß des Besser-Seins begreift. So, wie man aus der Gesellschaft aussteigt, so steigt man zunächst in die Gesellschaft ein. Dies scheint der Mythos hinter den Aussagen von Trapp und Sarrazin zu sein. Ich würde mit den beiden wirklich gerne mal einen Intelligenztest machen.



Kommentar veröffentlichen