24.09.2013

Filmtheorie, Computerprogramme und ein verloren gegangener Max Frisch

Neulich habe ich eine ganz spannende Arbeit zur psychoanalytischen Filmtheorie betreut. Die ganze Sache war deshalb aufregend, weil die Kundin überhaupt nicht auf die Lacansche Psychoanalyse vorbereitet war, ja nicht einmal auf die grundlegenden Theorien von Freud. Thema des ganzen Seminars war ›Das Unheimliche in Buch und Film‹. In der Literaturliste wurde Sigmund Freuds Schrift ›Das Unheimliche‹ nicht erwähnt. Jene Studentin ist also erbärmlich schlecht auf diese Hausarbeit vorbereitet worden, was man ihr selbst gar nicht zum Vorwurf machen kann. Schreiben sollte sie über ›The shining‹ von Stephen King, bzw. dessen Verfilmung durch Stanley Kubrick.
Was ich nun wirklich überhaupt nicht leiden kann: wenn ich völlig verzweifelte Studenten am Telefon habe, deren ganzes Studium von so einer blöden Seminararbeit abhängt, und ich dann merke, dass ein Großteil dieser Verzweiflung einfach aus einer völligen Überforderung durch ein schlecht aufgebautes Seminar entsteht. Schon alleine der Arbeitsauftrag ist viel zu unstrukturiert gewesen. Zumindest hätte der Dozent Hinweise geben können, was die Studentin besonders beachten sollte. Ein paar Tipps für die Sekundärliteratur wären auch nicht schlecht gewesen. Ich kenne die Filmtheorie ja eigentlich nur am Rande, aber mir sind sofort ein paar Bücher eingefallen, die man beachten könnte.
Nun: im Wesentlichen haben wir den Arbeitsauftrag eingegrenzt auf die grundlegenden Mechanismen der Traumarbeit in Text und Film und wie diese sich bei King und Kubrick darstellen.

Sehr empfehlenswert ist das Buch ›Filmtheorie zur Einführung‹ von Thomas Elsaesser und Malte Hagener aus dem Junius-Verlag.

Zeitlich hat mich ein Auftrag sehr gebunden. Ich sollte eigentlich nur das Skript zu einer internen Schulung schreiben. Dann aber hatte der Programmierer, der für die Umsetzung verantwortlich war, einen Motorradunfall, was mich in das Vergnügen gebracht hat, die ganze Schulung selber zu programmieren. Das Programm dazu verlangte überhaupt keine Kenntnisse in irgendwelchen Computersprachen, sondern war intuitiv bedienbar. Also kein Problem!

Vor einigen Wochen habe ich mir die gesammelten Werke von Max Frisch bestellt, aus einem Antiquariat in Amerika. Letzte Woche sind diese nun angekommen, d.h. ein Paket. Es war das falsche Buch drin. Zwei kurze und sehr nette E-Mails mit dem Vertrieb. Nein, der Frisch ist nicht aufzutreiben. Man habe falsch etikettiert. Schade! Das andere Buch darf ich behalten; die Kosten habe ich zurückerstattet bekommen. Nett, und trotzdem bin ich etwas enttäuscht.

Seid ihr wählen gegangen? Ich schon. — Eigentlich wollte ich den Wahlkampf mit einigen rhetorischen Analysen begleiten. Stattdessen habe ich mich intensiver mit Aspekten der politischen Philosophie beschäftigt, insbesondere mit Hannah Arendt. Interessiert hat mich insbesondere die Verbindung zwischen der Politik als „Job“ und der politischen Haltung des Bürgers aus ethischen Gründen. Allzu viel kann ich dazu noch nicht sagen: zum einen hatte ich wenig Zeit und zum anderen kann ich kaum mehr als erste Wege ins Gehölz vorzeigen.
Ganz wundervoll sind die politischen Essais von Judith Butler, die sie in ›Gefährdetes Leben‹ veröffentlicht hat. Mit diesen muss ich mich ebenfalls intensiver auseinandersetzen. Und nebenbei habe ich mir Michel Foucault hervorgeholt. Hier habe ich zunächst aus dem Buch ›Diskurstheorien und Literaturwissenschaft‹ den Artikel ›Zum Diskursbegriff bei Foucault‹ von Manfred Frank durchgearbeitet und gerade im Moment von Claude Lévi-Strauss ›Die Struktur der Mythen‹ aus ›Strukturale Anthropologie I‹.

Was habe ich gewählt? Nun, das meiner Ansicht nach kleinste Übel der Opposition. Zum Schluss hat mich dieses ganze Theater nicht mehr interessiert. Nicht nur durch Hannah Arendt und Judith Butler, sondern auch durch Aristoteles, Kant und Foucault erscheint mir die Tagespolitik als immer befremdlicher und immer unwirklicher. Vielleicht sollten die Politiker einfach mal aufhören, dem Volk zu sehr aufs Maul zu schauen und das ganze lieber bei den Philosophen versuchen. Dem Volk würde übrigens eine solche Kehrtwendung auch nicht schlecht tun.

Moodboards und Neuro Response Design

Wir müssen das Moodboard so gestalten, dass das Neuro Response Design optimiert ist.
So sagte mir ein Mensch, mit dem ich neulich zusammengearbeitet habe.
Was denn ein Moodboard sei, fragte ich.
Na, so eine Seite, die Gefühle weckt.
Also, Sie zeigen mir gerade eine Seite, die in mir das Gefühl tiefster Ratlosigkeit weckt, erwiderte ich.
Jener Mensch lachte und meinte, dass Designer so reden.
Und was ist jetzt ein Moodboard? - In diesem Punkt wollte ich beharrlich bleiben.
Das sei eine für den User gestaltete Internet-Seite.
Aha! - Nächste Frage: Was ist Neuro Response Design?
Das ist, wenn die Botschaft beim User rüberkommen soll.
Also so etwas wie Tafelbild-Gestaltung, nur eben multimedial und ohne Lehrer?, fragte ich.
Lacht der Mensch schon wieder. Ja, so könne man das auch sagen. Aber als Designer müsse man auf seine Kunden achten.
Da musste ich dann daran denken, dass Lehrer das ja irgendwie auch machen. Aber das habe ich natürlich nicht gesagt. Gefragt habe ich, ob es dabei irgendwelche Besonderheiten gäbe.
Das Ganze ist ein bisschen komplizierter, sagte jener Mensch. Man würde jetzt auch das soziale Umfeld der User beachten, also den Freundeskreis und die Freizeitgestaltung.
Also eine möglichst ganzheitliche Schülerbeschreibung?, fragte ich. Mittlerweile war ich von dem kurzen Gespräch völlig erschlagen.
Ja, sagte jener Mensch, so könnte man die Fachsprache der Designer übersetzen. Er selbst sei ja "nur" Informatiker. Aber als er neulich auf einer Fachtagung für Neurotainment (sprich: Njurohtäinment) gewesen sei, hätten die dort alle so gesprochen. Die Hälfte habe er auch nicht verstanden. - An dieser Stelle seufzte ich vernehmlich auf, was ihn zu einem erneuten Heiterkeitsausbruch verleitete.
Und wo ist jetzt das Neuro vom Neuro Response Design?
Na, die haben alle behauptet, dass das Design durch das Gehirn gehen müsse.
Da musste ich dann auch mal herzlich lachen.

Wir machen unseren Kunden also nicht mehr ein Produkt schmackhaft, sondern bizzeln sie solange mit 0,7 Volt-Erkenntnissen, bis sie sich gezwungen sehen, das Produkt zu kaufen.

09.09.2013

Nachrichten aus der Zwischenwelt — Bücher, Bücher, Bücher

Sollte irgendjemand meinen, ich hätte mich zurückgezogen, muss ich ihm unrecht geben. Ich bin am Lesen.

Und am Arbeiten. Nachdem mein Blog im Juli deutlich unter 2000 Besucher im Monat abgerutscht ist, kann ich mich derzeit überhaupt nicht mehr beklagen. Mein Artikel ›Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird‹ hat seit seinem Erscheinen vor etwa vier Wochen über 20.000 Besucher gehabt. Das ist geradezu irrsinnig!
Dass mein Blog über die Jahre hin doch einen gewissen Erfolg zu verbuchen hat, liegt mit Sicherheit nicht daran, dass ich dem typischen Marketing nachgebe: nämlich einen Blog über ein bestimmtes, eng begrenztes Thema zu führen. Vielmehr hat sich lange Zeit die Besucherzahl auf bestimmte Artikel konzentriert, zum Beispiel dem zum sinnentnehmenden Lesen oder dem zum Grammatikunterricht.
Hier haben sich nach und nach die regelmäßigen Besucher konzentriert, was meinem Blog insgesamt eine bessere Stellung bei Google verschafft hat. Ich musste mich eben in Geduld üben.

Jedenfalls kann ich im Moment nicht über Aufträge klagen. Ich suche mir die besten heraus. Und auch mal den einen oder anderen spannenden, den ich kostenlos erledigen muss, weil es schlichtweg unsinnig wäre, von diesem Menschen Geld zu verlangen. So hatte ich neulich eine Anfrage zu ein paar Sätzen aus Max Frischs Stiller und zwar von einer Studentin aus der Ukraine. Es ging um Feinheiten der Satzbedeutung. Recht nett war dabei auch, dass ich mich mit dieser Studentin dann über Skype unterhalten konnte, per Video, ganz kostenlos und, sieht man von einem gewissen Ruckeln ab, auch face-à-face. Thema war die Nachkriegsliteratur insgesamt; die Studentin hatte sich, was sinnvoll war, auf den Stiller beschränkt. Ihr hätte ich aber nur mit schlechtem Gewissen eine Rechnung stellen können. Wer sich mit knapp 100 € Monat durchschlägt, kann mich gewiss nicht bezahlen.

Vor einigen Wochen habe ich beschlossen, dass ich, wie ich es vor vier Jahren getan habe, mit einigen Kommentaren zum Wahlkampf und zu den Wahlprogrammen Stellung nehme. Genau dies aber ist nun nicht passiert. Als ich Ende April eine Arbeit zu Aristoteles vorliegen hatte, zur Nikomachischen Ethik, habe ich mich mit dieser gründlicher beschäftigt. Parallel dazu habe ich, für mich, die Dialektik der Aufklärung angefangen durchzukommentieren. Und schließlich wollte ich, ebenfalls als Privatvergnügen, eine Serie zu Judith Butler schreiben, um gewisse Voraussetzungen ihrer Philosophie allgemeinverständlich darzulegen.
All dies hat mich, parallel zu Max Frisch und Christa Wolf, zu all jenen Schriftsteller und Philosophen geführt, die die Nachkriegszeit intellektuell mitgestaltet haben. Uwe Johnson zum Beispiel, von dem ich bisher nur das dritte Buch über Achim kannte. Seit letzter Woche besitze ich die Jahrestage, ein ganz wundervolles Werk.
Ein anderes Werk, das ich begonnen habe, fleißig durchzukommentieren, ist ›Dimensionen des Autors‹ von Christa Wolf. Schließlich habe ich ›Der eindimensionale Mensch‹ von Herbert Marcuse mit einigen Anmerkungen "versorgt", von Negt und Kluge (wieder einmal) ›Geschichte und Eigensinn‹, von Georg Seeßlen und Markus Metz ›Blödmaschinen‹; dann: Hannah Arendt. (Und nicht: Wahlkampfkommentare!)

Hannah Arendt also!
Arendt ist mir bereits im Mai durch Judith Butler begegnet, in einem aufgezeichneten Gespräch zwischen Butler und Gayatri Chakravorty Spivak, einer indischen Philosophen. Dieses Gespräch nennt sich ›Sprache, Politik, Zugehörigkeit‹. Aktuell ist dieses Buch auch deshalb, weil es über die Zurichtung von Menschen zur Staatenlosigkeit handelt; aktuell zum Beispiel wegen Snowden. Die Erörterungen zur Hannah Arendt finden sich ab Seite 14.
Eine schöne Biografie zu Arendt hat Thomas Wild geschrieben, bei Suhrkamp erschienen in der Reihe Suhrkamp Basisbiografie. Abgesehen von einigen Sätzen, die mir zu schrill geraten sind, ein rückhaltlos schönes Buch. Genauso empfehlenswert, mit etwas weniger Pathos geschrieben, ›Hannah Arendt zur Einführung‹ von Karl-Heinz Breier.
Von Thomas Wild schließlich ist das Buch ›Nach dem Geschichtsbruch. Deutsche Schriftsteller um Hannah Arendt‹; dazu kann ich nun noch nicht genügend sagen, da ich es erst zu lesen begonnen habe. Einen leichten Stich der Enttäuschung hat es mir versetzt, da ich Max Frisch darin nicht gefunden habe. Hilde Domin, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann, Rolf Hochhuth und Hans Magnus Enzensberger. Auf diese bezieht sich Thomas Wild.
Zu Walter Benjamin bin ich schon vor längerer Zeit zurückgekehrt, wegen einiger Passagen aus den Tagebüchern von Max Frisch, jetzt aber auch wegen Hannah Arendt. Hannah Arendt ist auch die Herausgeberin der gesammelten Werke von Hermann Broch. Dessen Bücher habe ich nun seit Jahren im Bücherregal stehen, aber auch seit langer Zeit sehr unbeachtet.

Neulich habe ich Brochs ›Der Tod des Vergil‹ hervorgeholt. Aus einem ganz anderen Grund übrigens: es ging um die Sätze in ihrem textlichen Zusammenhang. Geleitet hat mich zunächst ›Leibhaftig‹ von Christa Wolf, dann ihre ›Kassandra‹. Parallel dazu die ›Philosophische Grammatik‹ von Wittgenstein.
Jedenfalls habe ich mir jetzt die anderen Bücher von Broch wieder hervorgeholt.

Name-dropping? Das also soll es gewesen sein, Herr Weitz?

Einmal wurde ich als Wühler bezeichnet. Diese leicht spöttische, aber ebenso freundliche Benennung mag ich zum Beispiel viel lieber akzeptieren als jene des Literaturkritikers, die mir vor zwei Tagen zugedacht wurde.

Wenn ich denn mal Zeit habe, besteht meine Arbeit, also eigentlich mein Vergnügen, darin, Texte frei durchzukommentieren und viel zu zitieren. All das wandert in meinen Zettelkasten. Beim derzeitigen Stand mag ich aber nicht zu all den politischen Vorgängen eine Meinung äußern. Dass Vieles im Argen liegt, muss man kaum weiter erläutern. Besorgter bin ich um meine eigene Position, die sich in den letzten 20 Jahren deutlich als eine liberale abgezeichnet hat. Mehr denn je möchte ich aber nicht nur reflektieren, sondern auch konstruktive Wege aufzeigen, jenseits der Selbstdarstellung als Opfer, den manche Intellektuellen so wundervoll pflegen können und die zugleich jegliche Handlungsunfähigkeit rechtfertigt.

Damit erspare ich euch auch sämtliche anderen Bücher aufzuzählen, die ich mir in den letzten Wochen antiquarisch zugelegt habe, teilweise für nur einen Cent. Es sind zahlreiche!

Ein Buch jedoch darf ich noch erwähnen, dazu auch einen Artikel ankündigen: David Baldacci: ›Bis zum letzten Atemzug‹, ein Thriller. Wahrscheinlich wird er die Grundlage für den Folgeartikel zu Thriller schreiben bilden. Und auch noch zu einigen weitergehenden Anmerkungen.

Eine dieser Anmerkungen wird die Erzählsituation betreffen. Baldacci ist nämlich ein gutes Beispiel dafür, dass die Erzählsituation (oder auch: Erzählperspektive) rasch wechseln kann und die Behauptung, man würde für ein Buch ausschließlich die personale Erzählsituation wählen, zwar für einzelne Werke treffen kann, aber weder für eine gute Qualität bürgt, noch realistisch ist.
Demnächst also genauere Erläuterungen zur Erzählsituation. Versprochen!

Seit einer Woche bin ich offizielles Mitglied bei Qindie, einem Zusammenschluss von Autoren, die ein Gütesiegel vergeben. Ich bin nun weiß Gott kein Freund dieser teilweise hanebüchenen Auseinandersetzungen um literarische Qualität. Zumindest aber konnte ich jetzt im Forum von Qindie feststellen, dass einige der Mitglieder eine sehr breite Basis an Leseerfahrung mitbringen und das stimmt mich doch äußerst hoffnungsvoll.

Gesundheitlich geht es mir hervorragend.

08.09.2013

Warum manche Frauen gute Schriftstellerinnen sind! oder: Irrtümer einer gewissen Logik

Da haben wir es wieder, diesen tollen Vorwurf: ich hätte in der mathematischen Logik mangelnde Kenntnisse, es bliebe, so ein gewisser Kai Sievers, der fade Beigeschmack der Ignoranz und es sei abenteuerlich, was einige Literaturkritiker meinen über Logik zu wissen.

Der Sachverhalt

Worum geht es?
Letzten Endes um den Unterschied zwischen einer bestimmten mathematischen Logik und dem Argumentieren im Alltag. Und in diesem Fall um meine Rezension zu einem Büchlein, das sich Argumentieren nennt.
Dazu gab es dann einen Kommentar (nachzulesen auf Amazon), der sich auf meine Kritik am Kettenschluss bezog und meinte, dass der Kettenschluss, den ich kritisiert habe, durchaus richtig sei.
In meiner Antwort habe ich dann darauf hingewiesen, dass ich die innere Form des Kettenschlusses gar nicht kritisiert habe, sondern die Einordnung in den umliegenden Gesamtzusammenhang.

Nun fühle ich mich seit zwei Tagen, nämlich genau, seit der Herr Sievers, in Reaktion auf die Kommentare zu meiner Rezension, seinen unsachlichen Kommentar geschrieben hat, dazu gedrängt, doch etwas zur Argumentationslehre zu sagen, was allgemeinerer Natur ist.
Obwohl manche Leser natürlich wissen, dass ich mich immer wieder auf bestimmte Logiken und Logikfehler beziehe, zum Beispiel mit sämtlichen Artikeln, die sich auf die Extrapolation beziehen, oder zum Beispiel mein Aufsatz zur Logik des Kriminalromans (mit noch deutlichen begrifflichen Unsicherheiten), schreibe ich immer noch ungerne über die Logik als Fachgebiet.
Das hat aber ganz andere Gründe, als meine komplette Unkenntnis auf diesem Gebiet.

Was Logik (auch noch) ist

Einer der Gründe, warum ich mich mit allgemeinen Darstellungen bisher zurückgehalten habe, ist, dass ich, als ich mich dann tatsächlich mit der philosophischen Logik beschäftigt habe, festgestellt habe, dass diese auf ganz anderen Ebenen ihren Streit austrägt, als eben auf dieser formalen Ebene der Schlüsse. So gehört zum Beispiel zu meinen neuesten Errungenschaften das unvollendet gebliebene posthume Werk ›Das Urteilen‹ von Hannah Arendt. Arendt spricht aber nun keineswegs von den Schlüssen, sondern von der Beziehung zwischen dem Urteil und der Politik und, soweit ich dies beim ersten Durchlesen verstanden habe, wie der Bürger durch seine Urteile an einer politischen Öffentlichkeit teilnehmen kann. Hier ist übrigens das Wort Politik nicht mit der Berufspolitik zu verwechseln, sondern mit den Formen des organisierten Zusammenlebens, unter anderem eben dem Staat, zu verstehen.
Dass es also in der Logik durchaus um ethische Grundfragen gehen kann, war mir nicht so ganz neu, damals, als ich mich damit zu beschäftigen angefangen habe, aber es hat vorher lange Zeit nur am Rande meiner Aufmerksamkeit als mögliche Idee gelebt.

Das ist der eine Grund für meine Zurückhaltung. Hier fehlt mir tatsächlich eine eigene Position und meine ganze Kritik, zum Beispiel an den Extrapolationen, basiert mehr auf der Grundhaltung, dass bestimmte Sachen nicht gehen oder zumindest angezweifelt werden müssen. Zu einer Darstellung fremder Logiken hat mir bisher auf der einen Seite die Lust und auf der anderen Seite die Übersicht gefehlt, ein Zustand, der wohl auch noch ein wenig andauern wird.

Verwirrung der Begriffe

Der andere Grund ist die komplette Verwirrung der Begriffe, die die Logik oder auch nur das praktische Argumentieren betreffen. Als eines der negativen Beispiele mag dann jenes von mir geschmähte Buch ›Argumentieren‹ bilden. So wird dort der Begriff Argument für das verwendet, was in der klassischen Logik als Schluss bezeichnet wird. Ein Schluss schließt nämlich aus zwei oder mehreren Beweisgründen oder Argumenten oder Prämissen auf eine daraus folgende Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit. Diese Folgerung nennt man deshalb auch Schlussfolgerung (oder Konklusion, manchmal auch: Konsequenz).
Wenn nun die beiden Autoren den Schluss als Argument bezeichnen, missachten sie zumindest den klassischen Gebrauch der Begriffe. Und das war ja eine meiner Kritiken an dem Buch: dass sie eben dem Leser nicht ermöglichen, zumindest nicht leicht ermöglichen, an andere Darstellungen der Logik anzuschließen.

Übrigens bezeichnen die Autoren dann den Kettenschluss als FullPower-Argument. Welchen Sinn diese Umbenennung haben soll, erschließt sich mir nicht.

Der Kettenschluss; oder: Frauen als Vögel

Man frage sich also, was überhaupt ein Kettenschluss ist.
Folgt man der Logik von Kant (Werkausgabe Bd. VI, Seite 417-582), so kann man dort folgendes lesen:
Ein aus mehreren abgekürzten und unter einander zu Einer Konklusion verbundenen Schlüssen heißt ein Sorites oder Kettenschluss, … (566)
Der aufmerksame Leser wird hier eine weitere Verunsicherung erfahren. Wir hatten eben noch von dem einzelnen Schluss gesprochen, jetzt von verbundenen Schlüssen, also doch wohl mehreren. Das ist richtig: ein Kettenschluss besteht immer aus mehreren Schlüssen. Das griechische Wort Soros kann mit Haufen übersetzt werden.

Formal gesehen ist eine Form des Kettenschlusses also folgende:
(a→b; b→c)→(a→c)
Ausformuliert:
Wenn Frauen intelligent sind, dann sind sie Vögel; wenn Vögel schreiben, dann schreiben sie gute Bücher; woraus insgesamt folgt: manche Frauen (nämlich die intelligenten) schreiben gute Bücher, sind also folglich gute Schriftstellerinnen.
Nun gibt es natürlich gute Schriftstellerinnen, womit mein Kettenschluss bewiesen wäre.

Enthymeme

Wenn man sich etwas besser mit der Logik auskennt, kann man bei dem Beispiel, das ich in meiner Rezension kritisiert habe, noch auf eine andere Art und Weise stutzig werden. Wird der Schluss (Syllogismus) entweder auf Wahrscheinlichkeiten gestützt (so die Peripatetiker) oder wird der Schluss abgekürzt, meist durch den Mittelsatz (so Quintilian), oder wird gar eine Schlusskette vorausgesetzt und deshalb weggelassen, also mehrere Syllogismen (eine Möglichkeit, die die Schule von Port-Royal zulässt) abgekürzt, spricht man von einem Enthymem.

Gegen ein Enthymem ist nichts zu sagen. Es hat zahlreiche Funktionen, zum Beispiel in einer Rede die Zuhörer nicht mit überflüssigen Details zu langweilen. Problematisch werden solche Enthymeme erst, wenn sie nur scheinbare Enthymeme sind, also gar nicht auf einem Syllogismus beruhen, sondern auf einem Trick oder einem Wortspiel.
Die Autoren des Buches ›Argumentieren‹ stützen sich in ihrem Beispiel (das ich in meiner Rezension kritisiert habe) auf die ersten beiden Formen des Enthymems:
Wenn wir es nicht schaffen, dass alle Abteilungen intensiv zusammenarbeiten, werden wir unser Umsatzziel nicht erreichen. (Seite 48).
Ausgelassen wird hier der Mittelsatz, den man wie folgt ergänzen kann: was intensiv zusammenarbeitet, erreicht das Umsatzziel. Und jetzt hängt alles davon ab, ob das Merkmal ›intensive Zusammenarbeit‹ notwendig zum Merkmal ›Umsatzziel erreichen‹ führt, dann wäre zumindest dieser Teil des Kettenschlusses tatsächlich absolut stichhaltig, oder ob er nur der Umstände halber zutreffen kann; dann aber stützt dieser Schluss die Konklusion nicht „hundertprozentig“ (wie die Autoren behaupten).
Natürlich gibt es einen starken Grund, die intensive Zusammenarbeit mit der Verbesserung des Umsatzzieles zu verknüpfen. Dieser Grund ist die Erfahrung, die man mit verbesserter Zusammenarbeit machen kann. Trotzdem entsteht dadurch kein notwendiger Schluss, sondern nur ein wahrscheinlicher. Wie so häufig im Leben.
Die formale Richtigkeit von Schlüssen ändert dann manchmal nichts an der Gültigkeit von der Schlussfolgerung. Jeder Mensch wird mir zustimmen, dass manche Frauen gute Schriftstellerinnen sind. Und ich nehme an, dass jener Mathematiker, mit dem ich mich im Anschluss an meine Rezension disputiert habe, auch der formalen Richtigkeit meines oben gelieferten Kettenschlusses zustimmen wird. Und trotzdem bleibt dieses Beispiel doch irgendwie irrsinnig.

Ein gewisser gestrenger Kritiker

Den letzten Absatz muss ich dann wohl meinem strengen Kritiker widmen. Wenn er mir mangelnde Kenntnisse in der mathematischen Logik vorwirft, so muss ich ihm — leider! — bedingt sogar Recht geben. Um ein Beispiel zu geben: die mathematische Logik muss mit Mengen umgehen, die notwendigerweise eine Einheit bilden. Quine gibt als Beispiel in seinem Buch ›Grundzüge der Logik‹ die zwölf Apostel und bemerkt dazu, dass ein Apostel zwar fromm sei und dies für jeden der zwölf Apostel gelte, dass aber kein Apostel das Merkmal Zwölfheit trage. Nun ist mir durchaus klar, dass es zwölf Apostel sind. Nicht verstanden dagegen habe ich, wie Quine daraus seine Schlussfolgerungen zieht, dass die zwölf Apostel nicht nur durch Gewohnheit zusammengehören, sondern wie dies formallogisch zu bestimmen sei; zumindest habe ich es nur zur Hälfte verstanden (das Beispiel findet sich ab Seite 295 ff.).
Sievers scheint mir aber vorzuwerfen, dass ich vom Kettenschluss keine Ahnung hätte. Nun basiert der Kettenschluss auf den Schlüssen und die Schlüsse an sich sind recht simple logische Verknüpfungen. Da ich gerade dies aber nicht kritisiert habe, sondern, wie ich schon in meiner Rezension dargelegt habe, eigentlich nur die Bezeichnung und die Tragweite der Schlussfolgerung, ist dieser Vorwurf natürlich unsinnig.
Denn selbst wenn ich hier falsch argumentiert hätte, hätte Sievers hier von einem Einzelfall (diese Beweisführung ist unlogisch) auf eine allgemeine Regel (Herr Weitz hat keine Ahnung von Logik) geschlossen, einen Beweis, den man durchaus im Auge behalten darf, der aber als einer der unsichersten in der Logik gelten darf. Was uns der Herr Sievers verschweigt. Oder, was auch eine Möglichkeit wäre, weil er selbst keine Ahnung von Logik hat.

Für ebenso unsinnig halte ich meine Benennung zum Literaturkritiker. Dazu müsste man erstmal klären, was Kritik ist. Wie viele Wörter, die im Alltagsleben als bare Münze genutzt werden, um dem Moloch des Konkurrenzdenkens zu huldigen, ist auch das Wort Kritik oft kein aufklärendes, sondern nur ein gewalttätiges Wort. Ähnlich übrigens dem Wort verstehen, von dem die meisten Menschen gar keine Definition liefern können, aber es doch in schönster Regelmäßigkeit gebrauchen, um sich aufzuspielen oder jemand anderen herunterzuputzen.
Aufschlussreich dazu ist übrigens das Kapitel ›Logik des Fanatismus — Geschlossene und offene Welt‹ im Buch: Weimer, Wolfgang: Logisches Argumentieren, Stuttgart 2005; dies kostet nur fünf Euro, ist wesentlich inhaltsreicher, benutzt die klassischen Begriffe und verweist sehr ordentlich auf weiterführende Literatur, im Gegensatz zum von mir geschmähte Argumentieren für fast neun Euro.

Würde ich diese Zuweisung nun zurückgeben wollen, müsste ich Herrn Sievers fragen, ob er denn Mathematiker sei und ihm ansonsten das Recht auf den richtigen Gebrauch logischer Schlussfolgerungen absprechen, da er ja nur ... was weiß ich auch immer sei.
Ich habe nun keine Ahnung, wer jener Kai Sievers ist. Und, das darf ich gestehen, es interessiert mich auch nicht. Ich habe seinen Kommentar deshalb auch nicht beantwortet, um mit ihm eine Diskussion zu führen, sondern "nur", um einige allgemeine Missverständnisse auszuräumen, was Logik ist und wo bestimmte Grenzen der Logik verlaufen. Und der eigentliche Hintergrund dazu ist, dass ich zum Beispiel neulich tatsächlich mal wieder in den Fernseher geschaut habe und zwar in eine Sendung von Markus Lanz, die (am 06.06., wie ich eben gegoogelt habe) mit Gregor Gysi und einigen anderen lief. Im Rahmen des Wahlkampfes ärgere ich mich gerade darüber, wie suggestiv die Reden unserer Politiker sind, wie wenig sie noch den Regeln einer guten Diskussion gehorchen. Lanz nun heizt dieses Klima des Nicht-Diskutierens auch noch auf. Und bietet dadurch ein schlechtes Vorbild, als Journalist und als Bürger.

Frappant ist auch die Unterstellung, dass man als Literaturkritiker nicht nur eine abenteuerliche Vorstellung von der Logik hat, sondern dass damit impliziert wird, die Literaturwissenschaftler hätten ja auch irgendwie nichts mit Logik zu tun. Wenn man sich aber ansieht, wie bestimmte Zweige der Literaturwissenschaft argumentieren, nämlich dort, wo sie sich mit zum Beispiel der formalen Logik berühren, dann muss man mindestens die Grundlagen der Aussagenlogik gut verstanden haben.
Aber selbst, wenn es nicht so wäre, selbst, wenn dies nicht ein Teil der Studiums wäre, heißt das noch lange nicht, dass sich ein einzelner Mensch nicht auch alleine darin einarbeiten könnte. Dazu gibt es ja eben Ratgeber, die einem die Grundlagen des guten Argumentierens beibringen können und die allgemeinverständlich geschrieben sind, ohne die ganze Komplexität der Logik auf ein bisschen Satzverknüpfung zusammenzudampfen.

Wäre mir nach Rachsucht zumute, könnte ich meinem Kritiker nicht nur eine fehlende Kenntnis betreffs der Argumentation/Logik, sondern auch der Literaturwissenschaft unterstellen und ihn, im Gegenzug, dazu auffordern, dass er das doch gefälligst anzumerken hat, wenn er mir schon einen solchen Kommentar schreibt. Ich könnte konstatieren, ganz ohne Verlaub, dass sein Kommentar den faden Beigeschmack der Ignoranz trage und es abenteuerlich sei, was irgend so ein aus dem Internet mir zugelaufener Leser meine, über Logik zu wissen und dazu noch über meine Kenntnis der Logik.
Nun ist mir leider die Logik als solche viel zu wichtig; jenes Buch von Hannah Arendt — ›Das Urteilen‹ — ist von einer solch, man möchte sagen: herzergreifenden Menschlichkeit und einer solch frappierenden Schärfe, dass es mich schmerzt, dass sie es nicht vollenden konnte und nur als Fragment vorliegt. So oder so ist es ein großes, geradezu ein enormes Buch. Und da bleibt für das bisschen Rachsucht gar keine Zeit. Den Spott jedoch habe ich mir gerne gegönnt und hoffentlich auch den ganzen Sachverhalt mit einigen neuen Informationen (beileibe nicht allen) versorgt.
Deshalb zum Abschluss einige Literaturempfehlungen zum Thema Logik:

Ein guter Ratgeber ist zum Beispiel:
Bayer, Klaus: Argument und Argumentation. Göttingen 2007

Ebenfalls empfehlenswert das bereits oben erwähnte Buch:
Weimer, Wolfgang: Logisches Argumentieren, Stuttgart 2005

In diesem Zusammenhang sehr lesenswert, wenn auch sehr kurz und ohne Beispiele:
Kant, Immanuel: Logik. in: Gesammelte Werke, Bd. VI, Frankfurt am Main 1977

Schließlich darf man aber auch von Aristoteles das Organon als erste systematisch dargestellte Logik empfehlen. Zwar muss man hier alle Abstriche machen, die ein solches Werk aus der Antike mit sich bringt; es bietet aber zumindest zwei Vorteile: es ist einfach und verständlich geschrieben (jawohl!), und es ist recht systematisch, was es von den unsystematisch verlaufenden Alltagsargumentationen wohltuend abhebt.

21.08.2013

Was ist Sensibilität?

Eine spannende Frage! Und sie ist mit Sicherheit nicht einfach zu beantworten. Deshalb gebe ich hier, in Kurzfassung, meine Idee dazu.

Sensibilität

Sensibilität ist die Fähigkeit, ein Phänomen aus verschiedenen Richtungen beleuchten zu können. Beleuchten ist natürlich nur eine Metapher. Übersetzt man diese, dann stößt man vor allem auf eine Tätigkeit, nämlich die des Vergleichens.
Wollen wir also zum Beispiel eine Sensibilität für Sätze aufbauen, dann ist ein guter Schritt, Sätze zu vergleichen. Ich sammle also Sätze zu bestimmten Themen, bzw. lasse ich meinen Zettelkasten nach bestimmten Wörtern suchen. Dann kann es schon mal vorkommen, dass ein Kunde, der über Vampire schreibt, eine Passage aus Nietzsches Anti-Christen oder aus Jean-Paul Sartres Flaubert von mir zugeschickt bekommt (und gerade jene Passage von Nietzsche, an die ich denke, nämlich im § 50 des Anti-Christen, ist eine sehr schöne, sehr hintersinnige Passage, die man sich als Schriftsteller gründlich anschauen darf: nicht nur wegen des Inhalts, sondern wegen des Satzbaus und der rhetorischen Figuren darin).

Sammeln

Vor dem Vergleich kommt natürlich das Sammeln. Für meine Sammlungen nutze ich meinen Zettelkasten (links oben findet ihr ein Suchfeld: wenn ihr dort Zettelkasten eingebt, findet ihr alle meine Artikel dazu). Und damit mein Zettelkasten diesen ersten Schritt für mich übernimmt, kommen natürlich alle möglichen Fundstücke dort hinein, alle Zitate, alle Ideen, alle Kommentare. Im Laufe der Zeit ergeben sich dann Verbindungslinien. So ist der Vampir nicht nur im modernen Roman populär. Man findet ihn in der Philosophie (Nietzsche, Sartre, Deleuze) als Denkfigur, als logisches Muster, in der Ethnologie als funktionale Gestalt (der Vampir ist manchmal eine Art Geist, der die Krankheiten von Menschen verursacht und sich von dieser Krankheit nährt; er ist damit häufig dem Werwolf entgegengesetzt, der in manchen Volkssagen die Fruchtbarkeit des Landes und der Frauen schützt), usw.
Alle diese einzelnen Fundstücke sind natürlich nur kleine Bausteine und ein einzelner Vergleich nur ein kleiner Schritt auf dem langen Weg zur Sensibilität.

Verbindungen herstellen

Bleiben wir also dabei, dass die Sensibilität zunächst durch das Vergleichen entsteht. Vergleichen sollte man zunächst auf einer ganz schlichten Ebene und sich vor allem von moralischen Urteilen fernhalten. Es genügt, wenn wir beim Vampirbeispiel bleiben, dass in klassischen Volkssagen Vampire zum Beispiel Krankheiten verursachen, in moderneren Büchern ihre "Infektion" weitergeben, bei Nietzsche eine Metapher für den Priester sind und bei Flaubert eine Metapher für die untreue Ehefrau. Der Vampir steckt mit etwas an: mit einer Krankheit, mit dem Vampirismus, mit der Rachsucht (Nietzsche) oder der Untreue (Flaubert).
Und so können wir nach und nach alle möglichen Verbindungen herstellen. Die Gesamtheit dieses Könnens, so meine Definition, nennt sich dann Sensibilität. Heute hört man auch den Begriff "vernetztes Denken", manchmal auch "Bildung" und einiges anderes mehr.

Brötchen im Weltall

Was sollen wir vergleichen? Alles mit allem. Deshalb ist der Satz "Das kann man doch nicht vergleichen!" (fast schon) ein unsinniger Satz. Natürlich kann ich mein Frühstücksbrötchen mit dem Weltall vergleichen. Dieser Vergleich wird zwar wissenschaftlich unsinnig sein, aber wer humorvolle Literatur schreibt, muss gerade solche Vergleiche trainieren. Eventuell entdeckt man dann, dass man von Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) gar nicht so weit entfernt ist.

Themen

Vergleiche stellt man unter ein übergeordnetes Thema.
Ein typischer Fall: Wie fängt man einen Roman an? - Was habe ich damals, 1997, gemacht? Ich bin in die Bibliothek gegangen und habe mir von hundert Romanen den ersten Satz abgeschrieben. Wahllos übrigens. Später, sehr viel später, habe ich mal versucht, alle diese Romane zu finden und ein Stück über den ersten Satz hinaus zu lesen.
Ein anderer typischer Fall: Protektionismus, also ein volkswirtschaftlicher Begriff. Habe ich zu diesem Thema noch wenig gesammelt, gibt mein Zettelkasten wenig oder garnichts dazu her. Ist ja auch nicht mein Fachgebiet. Andererseits sammle ich natürlich, wenn ich einen Kunden habe, der zu diesem Thema arbeitet, Zitate, Gedanken, Kommentare, und falls dann eine Folgearbeit kommt, kann ich auf meine bisherigen Sammlungen zurückgreifen. Wenn ich nämlich das Wort Marketing eingebe, zu dem ich schon viele Menschen gecoacht habe, kann ich auf mehrere tausend Zettel zurückgreifen und das Thema wesentlich rascher beleuchten.
Ihr solltet natürlich vor allem zu euren Themen sammeln. Wer gerne Horrorromane schreibt, sammelt eben alles, was sich auf Vampire, Werwölfe, Zombies, Monstren, etc. bezieht. Wer Liebesgeschichten schreibt, sammelt die schönsten und die langweiligsten Küsse, Sätze, in denen die Protagonisten beschrieben werden, Dialoganfänge unter dem Aspekt: streiten sich die beiden darin? oder: versöhnen sich die beiden? usw. Was euch eben einfällt.

Sensibilität braucht Zeit

Zu manchen Themen sammle ich seit 15 Jahren, zum Beispiel zum Thema Motivation. Andere Themen, etwa die Metapher, verschwinden für eine Zeit lang und tauchen dann wieder auf, manche Themen sind tatsächlich nicht meine Themen.
So finden sich in meinem Zettelkasten, dank einer lange zurückliegenden Betreuung, etwa 50 Kommentare zu einem biochemischen Vorgang. Das war eine Arbeit aus dem Bereich der Chemie, deren fachlichen Inhalt ich gerade mal mit viel Mühe nachvollziehen konnte. Und auch bei der nächsten Arbeit werde ich im Fach Chemie wahrscheinlich nicht glänzen können. Doch damit war für mich ein Thema eröffnet. Ich habe zwischendurch dazu gesammelt, auch ein bestimmtes Thema gefunden, das mich an dem Fach tatsächlich sehr interessiert, nämlich das Experimentieren und darüber bin ich dann wiederum auf Ludwig Wittgenstein gestoßen, der zum Experiment viele spannende Sachen zu sagen hat.
Anderthalb Jahre später hat sich dieses "überflüssige" Interesse tatsächlich ausgezahlt. Ich habe ein Seminar zur Motivation abgehalten und in diesem Seminar saß nun ein Chemiker. Das war ein Mensch, der für sein Fach und nur in diesem Fach gelebt hat. Psychologie erschien ihm "äußerst wolkig". Er hat meine Erklärungen auch nicht verstanden, bis ich ihm, das war ein glücklicher Einfall, das Ganze in grundlegende Begriffe der Chemie übersetzt habe. Und dann hat er einen Zugang dazu gefunden, gleichsam ein metaphorisches Bild für das, was im Prozess der Motivation passiert.
So kann man im Laufe der Zeit Sensibilität aufbauen, natürlich immer nur für bestimmte Themen. Aber ein wichtiger Aspekt dabei ist auf jeden Fall, dass man mit dieser Arbeit nicht aufhört und immer wieder neue Themengebiete dazu holt (oder, für den Schriftsteller, neue Literatur) oder alte Themengebiete nach einer bestimmten Zeit erneut bearbeitet (so wie ich jetzt noch ein wenig zur Erzählperspektive arbeiten werde).

Zwei Fragen zur Autorschaft und zum Satz aus Katzenbachs Der Sumpf

So langsam sind die Ferien vorbei. Ich merke das an meinen Besucherzahlen. Mein Artikel Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird! hat seit seinem Erscheinen vor neun Tagen fast 3000 Klicks bekommen, ein erstaunlicher Erfolg.
Zu diesem Artikel und zu dem Artikel über Katzenbachs Satz habe ich einige E-Mails bekommen. Zumindest zwei möchte ich in diesem, einen im folgenden Artikel (Was ist Sensibilität?) beantworten. Einen Aspekt, über den H. S. gestolpert ist, kann ich allerdings nicht auf die Kürze beantworten. Ich hatte nämlich in dem Artikel zu Katzenbach die Beziehung zwischen Adjektiven und Erzählperspektive angedeutet. Diese Frage sachlich zu beantworten braucht eine längere Vorbereitungszeit (und viele Beispiele aus der Literatur).
Eine andere Frage werde ich auch nicht zufriedenstellend beantworten, nämlich die, ob ich nicht die englischen Bücher übersetzen könne. Ich könnte natürlich. Mein Englisch ist gut genug. Aber es würde unglaublich viel Zeit in Anspruch nehmen und selbst dann dürfte ich die ohne die Genehmigung des Verlags nicht veröffentlichen.

Muss ich wirklich jeden Satz beachten, wenn ich schreiben will?

Ja und nein. Ein guter Lektor kann natürlich einen Teil dieser Arbeit erledigen. Wer im Prinzip erstmal halbwegs gute Sätze schreiben kann, kann, sobald der Text oder der Roman fertig ist, mit dem Feinschliff beginnen und hier die Dienste eines Lektors in Anspruch nehmen.
Der Lektor schlägt dann andere Sätze vor und andere Möglichkeiten, diesen Satz in seinen Gesamtzusammenhang einzufügen. Und genau hier steckt dann ein weittragenderes Problem: es ist nämlich gar nicht so selten, dass ein präziser formulierter Satz die ganze Szene danach in ein schiefes Licht rückt. Und dann muss die ganze Szene neu geschrieben werden. Dadurch wiederum kann es passieren, dass die Szene schwierig zu der gesamten Geschichte passt.

Deshalb gehe ich hier gerne vom Lektorat weg und schaue mir verschiedene, ausgesuchte Sätze zusammen mit dem Kunden an. Dadurch biete ich dem Kunden zwei Vorteile: seine eigenen alternativen Sätze kann er wesentlich besser finden, sie passen besser in die Atmosphäre des gesamten Texts; und in Zukunft kann er an entscheidenden Stellen treffsicherere Sätze einbauen.
Eine der wichtigsten Aufgaben eines guten Pädagogen ist, so hat dies Rudolf Dreikurs mal formuliert, daran zu denken, dass seine Schützlinge selbstständig und er (der Pädagoge) überflüssig wird. Für einen guten Lektor gilt genau dasselbe.

Muss ich das wirklich alles machen, um gut zu werden?

Wiederum ein Ja und ein Nein. Ein guter Schriftsteller arbeitet beständig an sich selbst. Und tatsächlich ist der Wunsch, alles gut schreiben zu können, eine netter, aber wohl auch vergeblicher Wunsch. Was ich in meinem Artikel zum erfolgreichen Schriftstellern vorschlage, sind Tipps, die sich bewährt haben. Zugegeben: nicht bei jedem.

Meine erste Kundin nach meinem Krankenhausaufenthalt im April rief mich um sechs Uhr morgens an: sie müsse am kommenden Tag eine Seminararbeit abgeben, käme aber mit dem Text nicht zurecht. Ihr Freund, ein netter, unkomplizierter Mensch, könne ihr nicht helfen. Wir haben dann folgendes ausgemacht: sie solle mir jetzt ihre Arbeit zuschicken, sich selber für einige Stunden schlafen legen, dann gut frühstücken und sich dabei von ihrem Freund zwei Gedichte vorlesen lassen. Kruder Gedanke, oder? Jetzt ist aber folgendes passiert: zunächst einmal hat die Studentin tatsächlich seit längerer Zeit wieder ruhig schlafen können. Durch die vollkommen andere Textsorte, eine kurze Ballade von Heine und ein Gedicht von Droste-Hülshoff, hat sie neue Ideen bekommen, wie sie Sätze schreiben kann. Und ich habe mir ihre Arbeit angeschaut. Die war im Prinzip in Ordnung. Sie hat lediglich die Begriffe nicht scharf genug dargestellt. Wir haben dann am Nachmittag noch einmal miteinander telefoniert, einige Möglichkeiten der Darstellung von Begriffen besprochen, ein Randproblem der Arbeit in den Ausblick verlagert. Durch den Schlaf, die Gedichte und meinen kleinen Einsatz konnte sie Distanz zu ihrer Arbeit gewinnen und den Text so überarbeiten, dass er am Abend fertig war. - Manchmal sind es tatsächlich nur Kleinigkeiten, die eine Schreibblockade auflösen. Und dann braucht man eben ein gewisses Gespür dafür, was genau diese Kleinigkeiten sein könnten.

Natürlich wird die Kundin die schriftstellerischen Möglichkeiten nicht voll ausreizen können. Aber wenn man so etwas gelegentlich macht, nämlich sich tatsächlich einen Roman aus einem fremden Genre anzuschauen, nämlich sich tatsächlich Gedanken darüber zu machen, wie ein Satz in sich aufgebaut ist und wie er sich in den Gesamtzusammenhang einfügt, erwirbt man schon eine ganze Menge Sprachsensibilität.

Und ein Nachtrag: bei einem abschließenden Telefonat habe ich die Kundin noch einmal gehörig ins Gebet genommen. Sie hatte mir, wenn auch in einer verzweifelten Situation, gesagt, dass ihr Freund ja "nicht studiere". Alle Basis einer guten Wissenschaftlichkeit ist aber die Erlebnisfähigkeit. Wer den Kontakt zu seinem sinnlich-konkreten Erleben verliert, kann weder ein guter Wissenschaftler, noch ein guter Erzähler, noch ein guter Lebensgefährte werden.
Und der Freund dieser Kundin, der ja nur Automechaniker war, konnte vor allem eins: mir schildern, was er gesehen, gehört und gefühlt hat. Die Kundin war ja gut, nur eben verunsichert. Und in dieser Situation konnte ihr Freund sie dann tatsächlich erden und ihr eben das Fundament der guten Wissenschaft ersetzen. Dazu braucht niemand studieren.

20.08.2013

John Katzenbach. Der Sumpf - bzw. ein einzelner Satz daraus

Ich möchte noch einmal auf die Analyse eines Satzes aus John Katzenbachs Der Sumpf eingehen. Die Vorlage hat Johannes geliefert.
Normalerweise finde ich jedes populärere Buch in den umliegenden Bibliotheken und wenn nicht, muss ich eben zum Fahrrad greifen und in die Amerika-Gedenk-Bibliothek fahren. Der Thriller von Katzenbach ist natürlich irgendwo in Berlin vorhanden, allerdings diesmal nur in Spandau und das ist mir zu weit entfernt. Bestellen möchte ich es mir nicht, denn ich finde andere Bücher von Katzenbach ohne weiteres in meiner nächstliegenden Bibliothek.
Es bleibt also bei dem einzelnen Satz. Ich werde gleich noch erläutern, warum diese Vorgehensweise eigentlich ungünstig ist.

Das Zitat - ein Satz aus John Katzenbachs Thriller Der Sumpf

Zunächst aber das Zitat:
„Ein leichter Südwind strich durch die morgendliche schwüle Luft, jagte grauweiße Wolken über den strahlend blauen Himmel und milderte die zunehmende Hitze, als Cowart den Parkplatz überquerte.“
Vieles, was wichtig ist, hatte Johannes schon genannt: der fragwürdiger Einsatz der Adjektive, die Länge des Satzes und die eventuell ungünstige Erzählweise dieses Satzes.

Zum letzten Aspekt: Johannes hatte vorgeschlagen, den Protagonisten und seine Handlung an den Anfang zu stellen.
Wahrscheinlich ist das sinnvoll. Es kommt hier auf das Umfeld an, das ich nicht kenne. Knüpft diese Szene direkt an die vorhergehende an, sowohl von der Zeit als auch von der Person her, erscheint mir eine Handlung am Anfang als günstig. Ansonsten muss man dies mit der Leserorientierung abwägen. Zur Leserorientierung gehört zum Beispiel, dass der Leser ziemlich sofort zum Beginn einer neuen Szene informiert wird, wo die Handlung stattfindet. Und dann können Südwind und Wolken und Himmel und Hitze für diese Orientierung mitsorgen.

Ortswechsel - der Protagonist auf Reisen

Wenn ein Protagonist auf Reisen geht, sei es ein Flug über den Atlantik, sei es der Einkauf beim Bäcker um die Ecke, dann ist es sinnvoll, wenn ein Autor darauf zumindest einen Halbsatz verschwendet. Das kann auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen passieren. Zum Beispiel wird ein Inspector in der ersten Szene angerufen, man habe schon wieder eine Leiche entdeckt und zwar dort und dort; in der nächsten Szene betritt derselbe Inspector den Tatort:
"Ich bin sofort bei euch!", sagte ich und hängte ein. Das war nun wirklich eine unangenehme Überraschung! Schon der erste Mord war unappetitlich. Aber jetzt schien das Ganze sogar auf einen Serienkiller hinzuweisen.
* * *
Als ich den Tatort erreichte, …
Das ist nun eine recht schlichte Art und Weise, eine solche Reise darzustellen (und eigentlich auszulassen!). Der Protagonist könnte ja zwischendrin auch etwas tun, zum Beispiel sich durch den Verkehrsstau quälen, während der Autofahrt über den Fall nachdenken, usw.; was eben der schriftstellerischen Fantasie so einfällt. Allerdings muss der Schriftsteller gerade in Spannungsromanen jeglichen überflüssigen Ballast wegschneiden und wenn er nichts Wesentliches mitteilen kann, was auf der Reise passiert, dann ist dieses simple Schema ›er will dort hin, er kommt dort an‹ zu wählen.
Andererseits kann man natürlich den Weg von einem Ort zum anderen sehr umfangreich darstellen und in manchen Genres ist dieser Weg sogar der einzig wichtige Ort, zum Beispiel in Road Movies. Rainman etwa: Hier muss ein jüngerer, sehr karriereorientierter Bruder seinen älteren, autistischen Bruder von der Westküste Amerikas an die Ostküste holen. Die eigentliche Handlung findet während der Reise statt. Wir können durch den Vergleich aber sehen, dass bestimmte Formen des Thrillers sehr ortsgebunden sind, nämlich genau dann, wenn die Untersuchung (eines Tatorts) im Mittelpunkt steht. Andere Formen dagegen sind wieder stärker an das Reisen gebunden, wenn nämlich die Jagd nach den Bösewicht (siehe James Bond) geschildert wird.

Die Funktion eines Satzes

Die Frage ist also, was Katzenbach uns mit diesem Satz mitteilt. Denn, so vermute ich, er schildert hier nur einen bestimmten Weg von einem Ort zu einem anderen. Solche Szenen zwischen der Haupthandlung können verschiedene Funktionen haben: sie dienen der Charakterschilderung, der Reflexion des vorhergegangenen Geschehens (sprich: der Protagonist denkt über das Vorgefallene nach), der Vermutung von zukünftigen Ereignissen (und sei es nur, dass hinter den Morden ein Serienkiller vermutet wird) oder es wird eine Atmosphäre vorbereitet. Nur eines haben alle diese Szenen (eines Spannungsromans) gemeinsam: sie sind kurz.
Und hier ist es tatsächlich sehr ungünstig, dass ich das Umfeld des zitierten Satzes nicht kenne. Er wirkt auf mich aber sehr pathetisch und dann erwarte ich auch eine etwa ähnlich gestimmte Szene. Einen Mord etwa, einen Überfall oder ein makabres Souvenir des Serienkillers. Irgendetwas in der Art eben.

Adjektivitis

Trotzdem kann man diesen Satz kritisieren. Johannes hatte dies bereits getan, dies allerdings vor allem an den Adjektiven festgemacht, die hier tatsächlich "pompös" eingesetzt werden. Generell empfehle ich, mit Adjektiven sparsam umzugehen, wobei das "nur" eine Empfehlung, keine Regel ist. Ein Autor sollte sich aber zweimal überlegen, ob er mehr als ein Adjektiv pro Satz verwendet und vor allem sollte sich ein Autor strengstens (!) überlegen, ob er zwei Adjektive (morgendliche schwüle Luft) oder ein spezifiziertes Adjektiv (strahlend blauer Himmel) einsetzt. Was sind wir nämlich schon mit heiser grollenden Stimmen und verführerisch schlenkernden Hüften beschenkt worden! Vergessen wir nicht die angestrengt schwitzenden Körper, die kunstvoll geflochtenen Zöpfe, die auffallend mystisch grünen Augen oder die leichte, gleichfalls altkeltische Reitkleidung! Es ist doch zum Davonlaufen! (Die letzten drei Beispiele stammen übrigens von John Asht aus dessen Roman Twin-Pryx und zwar alle aus einem Satz!)

Adjektive und Erzähler

Solche Adjektive hängen manchmal dermaßen beziehungslos in der Gegend herum, dass wir gar nicht wissen, woher sie kommen. Und damit sind wir bei der Funktion von Adjektiven. Was macht nämlich ein Adjektiv in einem fiktiven Text? Es drückt eine Wahrnehmung aus, also ein (philosophisch ausgedrückt) Sinnesdatum oder eine Empfindung. Wahrgenommen wird aber immer von irgendjemandem und wer in einer Geschichte etwas wahrnimmt, bewirbt sich für die Stelle des Erzählers. Vor allem aber charakterisieren die Adjektive auch den Erzähler, wie er seine Umgebung wahrnimmt. Und in diesem Fall muss man Herrn Katzenbach leider unterstellen, dass er aus der Perspektive einer Wetterstation berichtet und nicht der eines Menschen. Ich möchte ja nun keineswegs behaupten, dass Wetterstationen unattraktive Protagonisten sind. Für einen Thriller erscheint mir das aber ein wenig zu experimentell. (Und überhaupt diese ganze Erzählsituation: damit beschäftige ich mich gerade im Zusammenhang mit Christa Wolf wieder sehr intensiv; und neulich durfte ich erleben, wie auf Facebook diese Erzählsituation reflektiert wird, nämlich mit den allergröbsten Mitteln. Schon wenn man sich den Ich-Erzähler im Typenkreis von Stanzel ansieht, haben wir ein zwar etwas komplexeres, aber dafür auch wesentlich hilfreicheres Modell. Ich werde demnächst davon ausführlicher berichten.)

Rhetorisches Eigenleben

Adjektive haben aber auch die unangenehme Eigenschaft, ein rhetorisches Eigenleben zu entwickeln. Und in diesem Fall ist das sogar relativ einfach darzustellen. Der leichte Südwind beißt sich zum Beispiel mit den jagenden Wolken, die Wolken mit dem strahlenden Blau und die abgemilderte mit der zunehmenden Hitze. All das passiert selbstverständlich nicht offiziell, nicht auf der Ebene des konkret Ausgedrückten, aber im rhetorischen Untertext. Dieser unterschwellige Text ist im reinen Unterhaltungsroman möglichst sparsam zu gebrauchen, da er die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Sprache zurücklenkt. Die Aufmerksamkeit DES Lesers? Natürlich nicht bei jedem. Doch das Risiko, dass ein Leser über solche Sätze stolpert und aus dem Lesefluss ausbricht, ist relativ groß.
Natürlich gibt es Romane, die genau das wollen. Wenn Christa Wolf die Verknüpfung von Sprache und Zensur ausarbeitet, dann muss sie poetische Mittel wählen, die den Leser zur Reflexion über das gerade als Sprache Gelesene auffordern und insofern auch die Sprache als Ausdrucksmittel hervorheben. Doch genau das machen Thriller, Fantasy, Liebesgeschichten nicht. Die Verfolgungsjagd eines FBI-Agenten und eines Serienkillers, das Schlachtgetümmel zwischen Elfen und Orks, das Liebesgesäusel zwischen dem knackigen Motorradfahrer und der bildhübschen Managerin muss zwar in Sprache gefasst werden, soll uns allerdings hauptsächlich Vorstellungen ermöglichen. Und dann ist kein Platz für Sprachreflexion und für die Unterbrechung des Leseflusses. Wir wollen ja nicht einen kritischen Umgang mit Sprache lernen, sondern in eine fremde Welt eintauchen.
Sobald aber Adjektive ein solches Eigenleben entwickeln, sobald sich Symbole, bestimmte rhetorische Figuren oder auch Anspielungen in den Vordergrund drängen, erscheint auch die Sprache als Ausdrucksmittel. Wann genau dies passiert, ist individuell, aber wenn es passiert, hat man den Leser eigentlich schon frustriert (ich rede weiterhin von Spannungsromanen). Deshalb sind viele Adjektive natürlich nicht verboten. Irgendwelche Leser werden das schon akzeptieren und deshalb auch lesen. Aber die Erfahrung sagt, dass es von diesen Lesern nicht allzu viele gibt und wer Erfolg haben möchte (also viele Romane verkaufen möchte), hält sich eben günstigerweise an die Empfehlung, Adjektive sparsam zu gebrauchen.
Ich hoffe, dass euch jetzt der Kopf raucht.
Wer meine Darstellung als schwierig empfindet, darf dies getrost tun. Es gibt nicht DIE gute Erzählweise. Vor allem spannt sich das Erzählen zwischen verschiedenen Polen auf, manchmal völlig entgegengesetzten. So ist die Leserorientierung für den Spannungsautor zwar wichtig, darf aber keinesfalls in Informationsmüll (neudeutsch: Infodumping) ausarten. So muss die symbolisch-rhetorische Schicht (der unterschwellige Text) zwar sparsam gebraucht werden; aber ausgeschlossen werden darf sie nicht. Man kann sie auch gar nicht ausschließen, weil diese Schicht zwar durch den Autor geführt werden kann, sie aber eine wesentliche Leistung des Lesers ist. So dass jeder Text eine solche Schicht besitzt, ob der Autor das nun will oder nicht.

Was ein Lektor so alles macht! Und was ein Textcoach!

Ein Kommentar auf dem Blog von Johannes Flörsch hat mich doch etwas aus der Fassung gebracht. Johannes geht gerade zu übervorsichtig mit diesem Kommentar um. Was hat Johannes gemacht? Er hat einen Satz aus einem Thriller kritisiert. Und er hat sich hier an die klassischen Regeln der Kritik gehalten: Kritik bedeutet nämlich die Reichweite einer Äußerung abzuschätzen und in diesem Fall hat Johannes das gemacht, was ein guter Lektor tut: er hat sich nämlich gefragt, ob dieser Satz den Leser orientiert, den Leser auf hinreichende, aber nicht überflüssige Weise informiert und ob er für die Spannung (die ja jeder Thriller haben muss!) zuträglich ist. Mit anderen Worten (nämlich meinen): Leserorientierung, Informationsvergabe, Spannungsaufbau — also grundlegende Orientierungen für jeden Autor, der spannend schreiben möchte.

Genau das macht ein guter Lektor. Unter anderem!
Ein Lektor achtet auch auf die narrative Logik, die Wortwahl, auf den Stil, nicht zuletzt aber auch auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik.

Gutes und richtiges Schreiben

Ich mag Johannes' Artikel sehr: Tagebuch eines Schriftstellers. Neunter Eintrag
Häufig wird ja das gute Schreiben mit dem richtigen Schreiben verwechselt. Eine Erzählung oder ein Roman ist deshalb keine schlechte Erzählung, weil zu viele Wörter falsch geschrieben worden sind, weil zu viele Kommata falsch gesetzt worden sind. Er wird dann allerdings anstrengend zu lesen sein.
Gut oder schlecht erzählen zu können muss ein Stück weit unabhängig davon betrachtet werden. Die Entwicklung von Kindern in der Erzählkompetenz und der Rechtschreibkompetenz mag das bezeugen: die grundlegenden Strukturen des Erzählens lernen Kinder um das dritte Lebensjahr herum, bzw. sie lernen es zu zeigen. Eine Rechtschreibkompetenz allerdings entwickeln sie erst nach der Alfabetisierung, also etwa ab dem sechsten Lebensjahr.

Wahrheiten?

Johannes hat also diesen Satz auseinandergenommen. Und er zeigt damit etwas, was viele Lektoren nicht können: Sensibilität für das, was dort geschrieben steht. Umso mehr fand ich den Kommentar als unsinnig. Dieser beginnt mit den Sätzen:
Das ist meiner Meinung nach ein schönes Beispiel für eine technokratische, übertheoretisierende und deswegen auch grundfalsche Analyse.
Schon hier missachtet der Kommentar eine ganz grundlegende Einsicht, wie man sich zu Texten verhält. Denn implizit verlangt der Kommentator, dass Johannes einen Bezug zu einer Wahrheit herstellen solle. Man frage sich, was das für eine Wahrheit sein soll! Denn das 20. Jahrhundert hat uns diesen Glauben an die festen, unumstößlichen Wahrheiten gründlich ausgetrieben. Und eigentlich muss man dazu gar nicht ins 20. Jahrhundert gehen, sondern liest einfach mal seinen Kant.

Sensibilität!

Wenn es aber keine Wahrheit des Schreibens, was gibt es dann?
Nun, es gibt eine Sensibilität. Was bedeutet das (in diesem Fall)? Es bedeutet, ein Textphänomen, also zum Beispiel einen Satz, vielfältig vergleichen zu können. Dazu ist es hilfreich, sehr viel unterschiedliche Literatur zu kennen: das ist immer mein allererster Tipp an junge Schriftsteller (siehe: Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird!); und für einen Lektor ist dies sogar eine Pflicht.
Nun ist das Kennen von vielen verschiedenen Textsorten erst der Einstieg. Ein zweiter und ein dritter Schritt (die man aber als gleichwertig und parallel laufend sehen darf) sind die Auseinandersetzung mit Texten und die Produktion solcher Texte. Für die Auseinandersetzung nutze ich am Anfang gerne den freien Kommentar (die Assoziation oder der ungezügelte Einfall) und für die Textproduktion kleine und kurze Formen, zum Beispiel das Haiku. Darüber entwickelt ein Schriftsteller oder ein Mensch, der ein Schriftsteller werden will, seine Sensibilität. D.h. dann letzten Endes, dass er mehr Möglichkeiten hat, einen Text zu lesen, ein Verhältnis zu einem Text aufbauen zu können.

Wobei ein Lektor noch hilft

Johannes stellt nun dar, welches Verhältnis er zu diesem einen Satz hat; er stellt also seine Sensibilität für diesen Satz dar. Ich habe ihm dann geantwortet, dass ich an diesen Satz ganz anders herangegangen wäre. Trotzdem habe ich einen hohen Respekt vor seiner Art. Und genau deshalb hat mich der Kommentar auch geärgert: Johannes' Analyse ist nämlich nicht technokratisch und übertheoretisiert, sondern präzise und nachvollziehbar. Er führt das vor, was ein guter Schriftsteller weitestgehend alleine macht: über die Wirkung seiner Sätze auf den Leser und im Gesamtzusammenhang der Erzählung nachzudenken.
Lektoren können hier manchem jungen Schriftsteller auf die Sprünge helfen. Sie können das natürlich nur, wenn sie selbst (also die Lektoren) Sätze, Textmuster, Plotstrukturen, Charakterisierungen genauestens anschauen können. Der Lektor führt (hoffentlich) vor, wie man über Texte kompetent nachdenkt.

Wissenschaftliches Lektorat

Dasselbe gilt natürlich auch für das wissenschaftliche Schreiben. Hier bleibe ich ganz gerne formal und bringe meinen Kunden die Anschauung, das Urteil, den Begriff und die Argumentation bei, samt sämtlichen Sonderformen, zum Beispiel die Recherche, die Auswahl relevanter Argumente, die Begriffskritik oder die Beziehung zwischen Hypothese, Fallunterscheidung und Disjunktion (um nur einige zu nennen).
Aber auch meine Arbeit bezieht sich immer auf den Satz als Grundlage. Und es ist diese Sensibilität für Sätze, die ich immer wieder erweitere. Und erweitern muss!

Die je eigene Sensibilität

Denn hier ergibt sich noch ein ganz anderes Problem, das zugleich ein pädagogisches und ein ethisches ist. Die Sensibilität ist von Mensch zu Mensch verschieden und manchmal schaffen es ja die Pädagogen, diese je individuelle Sensibilität kaputtzumachen. Auch hier mögen Kinder und Jugendliche als Beispiel dienen. Wenn Kinder nämlich frühzeitig erzählen können, dann sollte jeder junge Erwachsene auch ein relativ gutes Erzählen beherrschen. Wie es nun die Eltern und die Lehrer schaffen, diese Kompetenz manchmal völlig aus dem Ruder laufen zu lassen, ist nun eine Sache für sich. Wenn allerdings ein Mensch die Erzählkompetenz gefördert bekommen hat (oder sich selbst fördern konnte), hat er hier über lange Zeit hinweg eine sehr individuelle Kompetenz aufbauen können. Unnatürlich ist es aber auf jeden Fall, wenn diese grundlegenden Techniken nicht beherrscht oder komplett missachtet werden.
Häufiger allerdings sind die Unsicherheiten: der Mensch im Allgemeinen reflektiert nicht auf seine Erzählkompetenz und die meisten Menschen wissen auch gar nicht, was zu dieser Erzählkompetenz dazugehört. Umso leichter aber wird es, wenn ein Lektor oder Textcoach daher kommt, der selbst eigentlich recht unsensibel mit Texten umgeht, diese Sensibilität kaputtzumachen oder auf falsche Bahnen zu lenken.
Deshalb ist die Aufgabe von mir und von jedem Textcoach eigentlich noch anspruchsvoller als die eines Autors: ich muss nämlich wissen, wie unterschiedlich Texte wirken können, wie unterschiedlich Autoren und Leser sind und diese würdigen können (der ethische Aspekt), ohne ein gewisses Niveau aufzugeben (der pädagogische Aspekt).

Zum Beispiel Nora Roberts.
Was haben sich meine Bekannten gewundert, als ich mich intensiv mit dieser "Schmuddelschriftstellerin" auseinandergesetzt habe. So etwas liest man in meinem Bekanntenkreis nicht!
Und trotzdem: ich kann heute besser nachvollziehen, was Menschen an diesen Romanen reizt, vor allem kann ich sie aber betreuen und wertvolle Tipps geben. Und die Erzählweise der Autoren wird besser.

Zum Beispiel wissenschaftliches Schreiben.
Ab und zu habe ich Kunden, die bereits Schreibseminare für wissenschaftliches Schreiben besucht haben. Und hier höre ich immer wieder dasselbe: die Studierenden haben Mindmaps, Cluster, Freewriting, autobiografisches Schreiben und so weiter und so fort "erlernt", aber keine Ahnung von den verschiedenen Urteilen, von der Einteilung der Argumente, von der Begriffsbildung, von den Freuden und Leiden der Induktion oder den Fehlschlüssen. Und natürlich würde ich mit diesen kreativen Sachen auch anfangen, aber das ist nur der erste Schritt; der zweite dagegen muss konstruktiv und zielorientiert auf den wissenschaftlichen Text hinauslaufen. Und genau dies wird dann in den Seminaren für wissenschaftliches Schreiben nicht vermittelt.

Werkzeuge und Impulse

Trotzdem: DIE Sensibilität besitze auch ich nicht. Ich muss immer wieder nachdenken, immer wieder kommentieren und ich muss immer wieder schauen, welche Sensibilität für Texte mein Kunde mit sich bringt. Und dann kann ich manchmal auf Altbewährtes zurückgreifen und einfach Werkzeuge vermitteln, häufiger bin ich aber eher Impulsgeber.
Alle meine Kunden können zum Beispiel Begriffe bilden. Die Unsicherheit schleicht sich erst in dem Gesamtzusammenhang des wissenschaftlichen Arbeitens ein und damit dann auch eine fehlerhafte Darstellung. Und hier reicht häufig, den grundlegenden Weg darzustellen und ihn dann für den Kunden auf sein spezifisches Problem und seinen spezifischen Text anzuwenden.
Das funktioniert sogar in Fächern hervorragend, in denen ich mich eigentlich überhaupt nicht auskenne. Eine solche grundlegende Sensibilität konnte ich schon immer anbieten. In manchen Fachgebieten ist sie aber, zum Teil sehr deutlich, in den letzten Jahren gewachsen.

Fachkenntnisse des Lektors

So hatte ich vor einigen Monaten eine Kundin, die über den Reisprotektionismus in südostasiatischen Ländern geschrieben hat. Es handelte sich um eine Seminararbeit. Seit etwa vier Wochen betreue ich diese Kundin wieder. Denn jetzt schreibt sie ihre Diplomarbeit und hat dabei eine launige Idee aufgegriffen, die ich ihr damals gegenüber geäußert habe, nämlich dass der Protektionismus nicht nur die Binnenwirtschaft schützt, sondern auch gegen die Börsenspekulation mit Lebensmitteln arbeitet. Und die Fragestellung dieser Arbeit ist nun, inwieweit der Protektionismus in Zukunft mehr und mehr auf dieses Spekulieren eine Antwort sein könnte.
Das intensive Interesse an wirtschaftlichen Vorgängen war bei mir eigentlich schon immer da. Als ich Mitte Zwanzig war, habe ich dann Marx durch Luhmann ersetzt. Aber ich habe mich (natürlich!) nie so intensiv mit einzelnen Vorgängen beschäftigt. In den letzten Jahren  musste ich das aber; der Umgang mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ist mir zwar durch meine intensive Auseinandersetzung mit der Statistik von Intelligenztests deutlich erleichtert worden und auch das Marketing weist Überschneidungen mit der Unterrichtsplanung auf, aber es sind ja dann doch immer noch eigenständige Felder. Und heute kann ich mit wesentlich größerer Sicherheit Texte aus dem Bereich BWL und VWL beurteilen; das gilt selbstverständlich immer noch nicht für die Wirtschaftswissenschaften als solche, aber für die Möglichkeiten ihrer Darstellung.

Nein, Johannes' Artikel ist nicht übertheoretisiert, sondern zeichnet einen möglichen Weg vor, wie man über einen Satz nachdenkt. Das es hier unterschiedliche Wege gibt, darüber muss man nicht streiten. Dass aber ein Mensch, der sich mit Text auseinandersetzt, dies präzise und nachvollziehbar tun sollte, darüber lässt sich ebenfalls nicht streiten.

15.08.2013

Bookless. Leider immer noch keine Rezension

Neben allem anderen lese ich zur Zeit BookLess von Marah Woolf. Nein, ich lese es nicht nur, sondern ich arbeite damit. Seltsamerweise trifft es sich nämlich ganz ausgezeichnet mit anderen Büchern, die ich lese. Wer eine etwas normalere Rezension dazu von mir haben möchte, folge jetzt bitte diesem Link: Marah Woolf. Bookless.

Woran arbeite ich im Moment? An der Beziehung zwischen Parodie und Politik; Hintergrund ist der vorletzte und letzte Abschnitt in Judith Butlers Buch Das Unbehagen der Geschlechter. Der letzte Abschnitt heißt auch direkt ›Von der Parodie zur Politik‹. Von hier aus habe ich mich gefragt, ob es andere Formen der parodierenden Identität gibt als die des genders (ich bin nämlich gerne ein kleiner Macho). Unter anderem hat mich dies wieder zu Max Frisch zurückgeführt, zunächst zu einer Stelle im Homo Faber, dann aber auch zu einigen Abschnitten in seinem ersten Tagebuch. In meiner Ausgabe finden sich auf den Seiten 19-22 (überschrieben mit Café de la Terrasse), 27-29 (Du sollst dir kein Bildnis machen), 33 und 35-36 (Zur Schriftstellerei) einige recht rätselhafte (wenngleich auch wunderschöne) Texte zum Verhältnis von Bild, Erzählung, Zeit und Liebe. Ich zitiere:
Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. (27)
Was nun hat das mit Marah Woolf zu tun? Eine ganze Menge. Zunächst schreibt Max Frisch von der nicht konsumierbaren Dialektik zwischen Bild und Erzählung und nichts anderes macht ja ein Schriftsteller, indem er ein statisches Bild in seine Erzählungen überführt, oder (sehr platt und sehr technisch gesagt) einen Anfangszustand in einen Endzustand. Die Zwischenzustände bleiben günstigenfalls in der Schwebe. In einem Unterhaltungsroman heißt das dann wohl Spannung. Und genau das interessiert mich jetzt, nicht von der Unterhaltung her, sondern von meiner Fragestellung her: damit ein Roman spannend wird, muss der Autor (bzw. die Autorin) dieses Schwebende herzustellen wissen. Und, wenn man dies zu dem Zitat von Frisch zurückwendet, der Autor muss seine Figuren lieben.

Dazu fällt mir ein Aufsatz ein, den ich während meiner Studienzeit für ein Seminar gelesen habe (lesen musste). Er stammt von Gerd Mattenklott und heißt Das gefräßige Auge. An eine Passage erinnere ich mich immer noch sehr deutlich (sie war äußerst einprägend). Der Verfasser berichtet, wie er in einer Sauna eine Bekanntschaft macht und diese mit nach Hause nimmt (es handelt sich wahrscheinlich um eine Schwulensauna). Je mehr sich aber dieser bisher unbekannte Mensch bekleidet, zunächst im wörtlichen Sinne, dann aber auch mit Daten und Geschichten und Verhaltensweisen, umso mehr verschwindet der Eros des ersten Eindrucks, des nackten Daseins und macht der Agape, der reinen Liebe, Platz.
Vielleicht ist das eine der Enttäuschungen, die mich bei vielen dieser unterhaltenden Liebesromane vom Weiterlesen abhält: das sind keine Menschen, die ich lieben könnte; fast alle Frauen, die Nora Roberts beschreibt, sind mir zuwider und auch die Männer oftmals so besitzergreifend und eindimensional, dass mir selbst eine Unterhaltung mit diesen während eines Bierchens zu viel wäre. Roberts liefert Schablonen, die nacheinander abgehakt werden. Erzählen kann sie nicht (ich muss hier generalisieren, denn von den angeblich 600 Romanen, die diese Frau geschrieben hat, habe ich nur 60 gelesen). Sie scheint ihre Figuren auch nicht wirklich zu lieben. Wichtig dagegen ist ihr die versteinerte Idylle am Ende, auf die es von Beginn an hinausläuft. Nichts ist in der Schwebe. Die Schablone, die Figur als Schablone, das ist die Figur im Roman, die nicht eingekleidet werden muss, die keine Erzählung nötig hat. Sie ist der Tod jeglicher Erzählung. Sie hat auch keine Liebe nötig, nicht vom Autoren und nicht vom Leser. Und die Liebe des Autors zu seiner Figur ist ja nur ein Modell für die Liebe des Lesers zu der Figur.
Lucy, die Hauptfigur in BookLess, kann man lieben. Marah Woolf liebt sie.

All diese Ideen von mir sind noch sehr zögerlich. Die Verbindungen, die sich für mich hier herstellen, laufen über Walter Benjamin bis zu Goethe; sowohl Max Frisch als auch Christa Wolf scheinen mir fleißige Leser von Benjamin gewesen zu sein; in ihrem Buch Leibhaftig spielt Wolf direkt auf den Faust von Goethe an, und seltsamerweise scheint dies auch ein Intertext von BookLess zu sein. Zu diesem letzten Buch kann ich mich aber noch nicht äußern, da es der Beginn einer Trilogie ist. Bemerkenswert scheint mir auf jeden Fall, dass Marah Woolf zahlreiche solcher Intertexte, solcher intertextuellen Bezüge herstellt und hier eben zur Faust-Sage. Dabei ist sie aber nicht aufdringlich, auch anscheinend nicht gewollt. Es liest sich nebenher mit.

12.08.2013

Nilpferde und Salatblätter

Mein "offizieller" Arbeitstag ist vorbei. Ich lese gerade in Max Frischs Forderungen des Tages:
Entscheidungen aussprechen
ist Sache der Nilpferde.
Ich ziehe vor,
Salatblätter auf ein
Sandwich zu legen und
unrecht zu behalten.
Günter Eich, zitiert nach Max Frisch, S. 96.
Von Günter Eich habe ich, als ich fünfzehn oder sechzehn war, sein Hörspiel Träume gehört, ein wahrhaft erschreckender Reigen aus fünf Szenen. Ich war tief beeindruckt und doch hat es mich nie an diesen Schriftsteller gebunden.

11.08.2013

Wie man immer noch ein erfolgreicher Schriftsteller wird!

Eine Zeit lang, nämlich genau letzte Woche, konnte man bei Google die Stichworte "erfolgreicher Schriftsteller werden" eingeben und hat einen Artikel von mir auf der ersten Seite gefunden. Ein Artikel, mit dem ich gerade abgelehnt habe, dass man auf jeden Fall ein erfolgreicher Schriftsteller werden könne, und vor allem nicht heute.
Folgende Mail (Rechtschreibfehler habe ich entfernt): "Sie haben mir die Augen geöffnet, dass man nicht einfach so ein guter Schriftsteller werden kann. Wie werde ich denn nun erfolgreich, ich habe nämlich schon einen Roman geschrieben."
Wir kommentieren das jetzt nicht, oder?

Ich werde im folgenden allgemeine Ratschläge zum Besten geben, die eigentlich alle altbekannt sind. Zumindest sind sie altbekannt, wenn man gefühlte hundert Schreibratgeber gelesen hat. Meine Tipps sind also eher für Frischlinge. Vielleicht entdeckt aber auch der eine oder andere alte Hase eine neue Idee.

Zuvor mag ich auf einen "Konkurrenz"-Blog hinweisen, den ich für sehr empfehlenswert halte: Art is the Daughter of Freedom. Cassandra Kramer, gelernte Grafikdesignerin (glaube ich), gibt Tipps für Buch-Cover und Tipps zum (Roman-)Schreiben. Sie setzt andere Schwerpunkte als ich. Insgesamt sehr lesbar. Ab heute auch immer in meiner Blog-Roll zu finden.

So, und wie wird man nun ein erfolgreicher Schriftsteller?
Ändern wir erstmal den Titel dieses Postings:

Wie man ein passabler, aber nicht unbedingt erfolgreicher Schriftsteller wird!

Eine Warnung vorweg

Wer ein Buch schreibt und dies, wie das heute üblich ist, als E-Book veröffentlicht, muss damit nicht unbedingt erfolgreich sein. Der Markt reagiert recht willkürlich auf ein Buch. Manche AutorInnen haben trotz beständiger Werbung keinen Erfolg, andere wieder ohne Werbung einen ganz enormen. Dein Buch mag gut oder schlecht sein, überraschend neu oder völlig konventionell: durch Werbung kann man den Erfolg allerhöchstens begünstigen, keinesfalls aber herbeizwingen.

Was lesen?

(1) Nehmen wir an, du willst Krimis schreiben, dann liest du so viele Krimis wie möglich. Wenn du einen Liebesroman in Planung hast, liest du möglichst viele Liebesromane. Und welches Genre auch immer du meinst schreiben zu müssen: Lies die Bücher deines Genres!

(2) Pflege Lieblingsbücher aus anderen Genres! Schau auf jeden Fall über den Tellerrand und in andere Genres hinein. Du musst ja nicht unbedingt den blutigsten Horrorroman aussuchen, wenn dein Metier ChickLit ist. Grundsätzlich sollte man aber ein paar Bücher aus unterschiedlichen Genres besitzen und diese gründlich gelesen haben.

(3) Klassiker? Ja, natürlich. Klassiker sollte man lesen. Es müssen ja nicht gleich alle sein. Manche dieser Werke können einen durch ihre Wortgewalt und ihre Geschichte sehr überraschen. Ich bin nun jemand, der sehr viele dieser klassischen Werke besitzt. Ich könnte keines von ihnen ausdrücklich empfehlen. Leser meines Blogs wissen, dass ich derzeit Christa Wolf sehr mag und dass ich mich vorher über zwei Jahre hinweg mit dem Homo Faber von Max Frisch auseinandergesetzt habe. Und jetzt zähle ich einfach mal einige meiner Lieblingsbücher aus den vergangenen fünfundzwanzig Jahren auf: Der Zauberberg von Thomas Mann, Der Tod des Vergil von Hermann Broch, Berge Meere und Giganten von Alfred Döblin, Novellen von Kleist, Kurzprosa von Robert Walser, Aus dem Leben eines Fauns von Arno Schmitt, Karte und Gebiet von Michel Houellebecq. Anna Seghers habe ich gerade frisch entdeckt und finde sie sehr gut. Ich liebe Ernest Hemingway und Bertolt Brecht. Usw. Sucht euch einige, wenige Klassiker aus. Verachtet mir bitte die Gedichte und Dramen nicht. Shakespeare, Lessing, Goethe. Der west-östliche Divan (Goethe), das Stunden-Buch (Rilke), der Atta Troll (Heine).

(4) Lest Schreibratgeber! Manchmal rufen mich junge Autoren an, die keinen einzigen Schreibratgeber gelesen haben. Würde ich hier einen Vertrag ausmachen, könnte ich bei Adam und Eva anfangen. Der Kunde würde eine Menge Geld bezahlen für das, was er in Schreibratgebern wesentlich günstiger bekommt. Hier eine Liste mit jeweils einigen Kommentaren dazu. Ich möchte besonders auf die Reihe ›Write Great Fiction‹ hinweisen, die es leider nur auf Englisch gibt (wie ich überhaupt mehr englische Schreibratgeber besitze als deutsche). Um deutlich zu machen, dass ein Buch zu dieser Reihe gehört, setze ich hinter den Titel in eckigen Klammern ein WGF, also eine Abkürzung für die Buchreihe.

  • Egri, Lajos: Literarisches Schreiben.
    Dies scheint derzeit einer der Klassiker zu sein. Und es ist auch gut. Mir kommt in diesem Buch die Ausarbeitung einer Szene und die Ausgestaltung von Konflikten zu kurz. Trotzdem: für Schriftsteller bietet es eine solide und durchdachte Basis an.
  • Von Werder, Lutz: Lehrbuch des kreativen Schreibens.
    Dieses Buch enthält zahlreiche Übungen, um mit Texten zu experimentieren. Um Ideen zu bekommen, sich an das beständige Schreiben zu gewöhnen oder um Schreibblockaden aufzulösen, ist dieses Buch äußerst nützlich. Was dagegen die Ausarbeitung von Figuren, die Gestaltung von Plots und Settings angeht, ist es dürftig. Insofern kann dieses Buch phasenweise hilfreich sein. Romane schreiben lernt man dadurch aber nicht.
  • Beinhart, Larry: Kriminalromane und Thriller schreiben.
    Ein gutes Buch, gut aufgebaut und mit verständlichen Beispielen unterlegt. Vorzugsweise ist es natürlich für Krimi-Autoren, lässt sich aber relativ leicht für andere Formen der Spannungsliteratur übertragen. Empfehlenswert! (Da ich dieses Buch nur auf Englisch besitze, kann ich nichts zur deutschen Übersetzung sagen.)
  • Grant-Adamson, Lesley: writing crime fiction.
    Wer sich im Englischen einigermaßen sattelfest fühlt, und wer Krimis schreiben möchte, dem sei auch dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt. Es ist strukturierter als Beinhart und enthält — ein großer Vorteil! — Übungen und Listen, anhand deren man das eigene Schreiben überprüfen kann.
  • Ray, Robert J./Remick, Jack: The Weekend Novelist Writes A Mystery.
    Dieses Buch ist sehr in Ordnung, wenn auch das schwächste von den drei Mystery-Writing-Books. Es nimmt den Autoren sehr sehr fest bei der Hand und führt ihn anhand sehr klarer Aufgaben durch den Schreibprozess. Für Menschen, die sich immer zerfasern oder noch überhaupt keine Schreiberfahrungen haben, ist dieses Buch mit Sicherheit sehr gut. Allerdings ist es dermaßen überstrukturiert, dass es dem Autor kaum Platz lässt, neue Wege zu gehen. Es ist auf zweierlei Weise empfehlenswert: um überhaupt mal einen Roman zu Ende zu bringen oder als Fundgrube für erfahrene Autoren, was man noch einmal ausprobieren könnte. Leider nur auf Englisch.
  • Bell, James Scott: Plot & Structure [WGF].
    Dieses sehr praktisch gehaltene Buch hilft einem dabei, eine Geschichte gut zu planen. Zwar verarbeitet es im Prinzip nur den schönen, alten Aristoteles, das aber sehr modern und verständlich. Zwei Sachen fehlen mir: die Feinstruktur einer Szene, bzw. die Wechselwirkung zwischen Satz und Szene; die Oberbegriffe, die, wenn sie gut entwickelt sind, sinnvolle Werkzeuge für das Schreiben darstellen. Trotzdem ein sehr nützliches Buch.
  • Rozelle, Ron: Description & Setting [WGF].
    Hier findet der Leser nicht nur wertvolle Tipps, um den Hintergrund einer Geschichte zu entwerfen (das Setting), sondern auch, wie man dieses dann in konkrete Beschreibungen umsetzt und diese mit der Handlung und den Figuren der Geschichte vermittelt. Teilweise ist das Buch sehr dicht gedrängt mit Beispielen zu äußerst verschiedenen Aspekten. Man kann jede dieser Ausführungen nachvollziehen und unterschreiben. Die Übungen am Ende eines Kapitels sind allerdings immer nur auf besonders wichtige Augenmerke bezogen. Für alle anderen muss sich der Leser selber Aufgaben ausdenken.
  • Kress, Nancy: Characters, Emotion & Viewpoint [WGF].
    Auch dieses Buch ist recht dicht gedrängt geschrieben. Besonders die Kapitel über die Gefühle finde ich sehr hilfreich. Bei vielen deutschen Romanen fällt mir auf, dass die Beschreibung von Gefühlen entweder gar nicht oder übertrieben stattfindet. Dieses Buch schafft einen differenzierteren Blickwinkel, ist also schon alleine deshalb empfehlenswert. Vorsicht, das Englisch erscheint mir anspruchsvoller als in den anderen Büchern.
  • Kempton, Nancy: Dialogue [WGF].
    Von allen Textmustern, die ein Autor beherrschen sollte, sind die Dialoge wohl die anspruchsvollsten und vielgestaltigsten. Deshalb sind Bücher über das Dialog-Schreiben wohl auch recht schwierig zu verfassen. Die Autorin hat sich deutlich einschränken müssen und versucht dies durch zahlreiche Übungen zu ersetzen. Es ist also verzeihlich, wenn nicht alle Aspekte und jeder Geschmack hier bedient wird. Das Buch hätte mindestens viermal so dick sein müssen, um überhaupt eine umfangreiche Basis zu schaffen. Und ebenso sind die Übungen: sinnvoll, aber ergänzbar. Als Ausgangspunkt also ein ordentliches Buch.
  • Lukeman, Noah: The Plot thickens.
    Vor dem stilistischen Feinschliff wird dieses Buch sehr nützlich. Es bietet zahlreiche kleine Werkzeuge an, zum Beispiel wie man das Innenleben einer Figur beschreibt und für die Konflikte in der Geschichte benutzt oder wie man Spannung aufbauen kann. Am Anfang dürfte dieses Buch zu speziell sein. Da es sich aber viele Probleme, mit denen Autoren sich herumschlagen, herausgreift und diese sehr plausibel überwinden hilft, ist es eine wertvolle Ergänzung.

Wie lesen?

(1) Manche Bücher solltet ihr mehrmals lesen. Ein Buch ist wie ein Stück Käse. Je älter es wird, umso mehr verändert es seinen Geschmack. Manche entpuppen sich als fade, manche gewinnen an Reife und Würze. Das allerdings kann man tatsächlich erst durch eine zweite, dritte und vierte Lektüre erfahren.

(2) Vom Lesen zum Schreiben kommen. Roland Barthes schreibt in seinem Buch S/Z (Frankfurt am Main 1994):
... von welchen Texten würde ich akzeptieren, dass sie geschrieben (neu geschrieben) und begehrt werden, als Kraft in meine Welt Eingang finden? Was die Bewertung des Textes findet, ist ein Wert: das, was heute geschrieben (neu geschrieben) werden kann: das Schreibbare. Warum ist das Schreibbare unser Wert? Weil es das Vorhaben der literarischen Arbeit (der Literatur als Arbeit) ist, aus dem Leser nicht mehr einen Konsumenten, sondern einen Textproduzenten zu machen. Unsere Literatur ist von der gnadenlosen Trennung gezeichnet, die die literarische Institution zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher des Textes, seinem Besitzer und seinem Käufer, seinem Autor und seinem Leser aufrechterhält. Ein solcher Leser ist in einem Nichtstun versunken, ... (Seite 8)
Ich gebe eine Kurzfassung: es gilt das eigene Schreiben-Können in anderen Texten zu entdecken. In der Auseinandersetzung mit ihnen findet der Leser seine Rolle als Autor. Welcher Art ist diese Auseinandersetzung?
Dazu gebe ich jetzt einige Tipps.

Wie schreiben?

(1) Verabschiedet euch erst mal von der Idee des Genies. Die Welt des Genies ist eine Welt der Tautologie: die Tautologie behauptet nur sich selbst. Goethe sei der größte deutsche Schriftsteller, weil Goethe der größte deutsche Schriftsteller sei. Das allerdings ist keine Begründung, sondern eine Frechheit. Aus demselben Grunde seid auch ihr keine Genies und ihr müsst auch nichts Geniales schreiben.
Schaut euch den klassischen Krimi an: er besteht immer aus einer geregelten Abfolge: zuerst wird eine Leiche entdeckt, dann sucht der Detektiv Spuren am Tatort, rekonstruiert den Tathergang und die Motive und schließt daraus auf den Mörder. Entdeckung - Spurensuche - Rekonstruktion - Motivanalyse. Das funktioniert bei Agatha Christie genauso wie bei Donna Leon. Trotzdem bieten diese Autorinnen genügend Abwechslung. Welches Genre ist besonders populär? Der Krimi. Heute darf man den Thriller dazu nehmen.
Wenn ihr also für ein gewisses Genre schreiben möchtet, dann haltet euch an typische Muster. Lernt aber auch, diese eigensinnig zu behandeln. Würde Donna Leon tatsächlich wie Agatha Christie schreiben, wäre sie nicht so populär. Würde George R. Martin wie Tolkien schreiben, hätte er keinen internationalen Bestseller verfasst.

(2) Nachahmen. - Habt also keine Angst vor der Nachahmung, nicht einmal vor dem bewussten Plagiat. Ein Plagiat ist erst dann ein Plagiat, wenn es veröffentlicht wird. Um Schreiben zu lernen, sind Plagiate allerdings äußerst sinnvoll.
Der französische Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat gezeigt, dass die Nachahmung ein wichtiger Bestandteil des Lernens ist. Wenn ihr euch an eure Schulzeit zurückerinnert, werdet ihr dasselbe als pädagogisches Prinzip erkennen: der Lehrer macht etwas an einem Beispiel vor, dann hat er euch Aufgaben gegeben, mit denen ihr das nachmachen sollt.
Zum Erlernen sind Nachahmungen unumgänglich. Darauf werde ich gleich noch genauer eingehen.

(3) Spielen/misshandeln. - Texte sind nicht nur dazu da, um gelesen zu werden, sondern auch, um mit ihnen zu experimentieren. Ich benutze das Wort misshandeln deshalb so gerne, weil man bei dem Spiel mit Texten sehr weit gehen darf, viel weiter als in der "echten" Welt.
Wie aber spielt man mit einem Text? Dazu kann man nun tausend Vorschläge machen. Eine ganz einfache Form ist das Ersetzen. Ersetzt zum Beispiel eine Frau durch einen Mann, und eventuell einen Mann durch eine Frau und schreibt auf dieser Basis eine Szene neu. Ersetzt einen Kinobesuch zweier Freundinnen durch den Besuch eines Fußballspiels (oder einer Punk-Party) zweier Freunde, lasst diese aber genau dieselben Dinge erleben und sich über dieselben Themen unterhalten, wie in der Szene, die ihr plagiiert.

(4) Pflegt kurze Textformen! - Von allen kurzen Textformen ist das Zitat das einfachste. Es ist eine wortwörtliche Nachahmung. Welche Zitate sammelt man? Natürlich weise und bedenkenswerte Zitate, aber auch schöne Sätze, die euch berühren, Sätze, die euch auffallen oder euch auf dunkle Weise faszinieren, kleine Dialogstellen (und sammelt viele solche Dialoge: gute Dialoge zu schreiben ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, der sich ein Schriftsteller stellen muss: fangt also frühzeitig damit an!).

Weitere klassische Kurzformen findet ihr in Poetik in Stichworten von Ivo Braak. Hier eine knappe Übersicht über einige (nicht alle) Kurzformen:
  • Anmerkungen:
    Ich arbeite Bücher gerne mal grundsätzlich durch. Eine wichtige Technik ist für mich die Anmerkung. Ich schreibe also "Schachbrett: weiß/schwarz; später: schwarze Vögel in weißem Himmel; später: Hanna trägt schwarz (Trauer), dann weiß (wegen Hitze?)". Ich binde mich bei solchen Anmerkungen an nichts Festes, sondern folge meinen Einfällen. Grundsätzlich füge ich auch die Seitenzahl ein, zu der diese Anmerkung entstanden ist. Wenn ich mir später die Textstelle zu der Anmerkung noch einmal ansehen möchte, erleichtert mir das Finden.
  • Assoziation:
    Diese funktioniert im Prinzip wie die Anmerkung, nur verlässt sie das Buch, verweist auf andere Bücher, Filme, das eigene Leben
    . Vor einigen Monaten habe ich mir die zweite Staffel von Teen Wolf angesehen. Dazu habe ich zum Beispiel notiert: "Wie unser Räuber/Gendarm-Spiel, als wir Kinder waren. Der Wald [in der Serie] wirkt vertraut. (Wälder beschreiben; Jagd durch den Wald)" - Dieses Beispiel ist sprunghaft. Zuerst kommt eine Kindheitserinnerung, dann ein Eindruck, schließlich habe ich als Ergänzung einige Schreibmöglichkeiten notiert. (Die Jagd durch den Wald habe ich tatsächlich geplottet und teilweise geschrieben. Dabei habe ich die Jäger aus der Serie durch Orks ersetzt. Nicht besonders einfallsreich, aber als Übung sehr in Ordnung.)
  • Anekdote:
    Sammelt alle möglichen Begegnungen und Beobachtungen, die ihr während des Tages gesammelt habt. Manche Autoren führen eine Art Abend-Tagebuch, in das sie solche Sachen eintragen. Eine Anekdote ist normalerweise eine kurze Schilderung einer bedenkenswerten Handlung. Wenn ihr ebenfalls ein solches Abend-Tagebuch schreibt, können aber auch Assoziationen auftauchen: "alter Mann mit neuer Zeitung" oder "Mädchen starrt Eis schleckend auf die Goldfische im Teich". Probiert einfach mal ein bis zwei Wochen aus, ob das etwas für euch ist. Manche schriftstellernden Menschen schwören darauf.
  • Bericht:
    Berichte sind relativ nüchterne Texte, die eine Handlung wiedergeben. Sie müssen aber nicht real sein. In der Tageszeitung findet ihr Anregungen, fiktive Texte zu schreiben. Steht dort zum Beispiel "Alligator-Schildkröte greift Jungen an: Badesee in Bayern abgesperrt", dann könnt ihr euch ein gleiches oder ähnliches Beispiel ausdenken und zum Beispiel von einem Wachtmeister oder dem behandelnden Notarzt aus einen Bericht über den Vorfall schreiben. (Damit übt ihr übrigens eine wichtige Tätigkeit des Schriftstellers: eine Zusammenfassung eures Romans zu schreiben.)
  • Slogans:
    Erfindet euch für alle möglichen Objekte (zum Beispiel auf eurem Arbeitstisch) Werbe- und Wahlkampfslogans. "Trinkt Tinas Tassen-Tee." oder "Wählt Fabian: Meckern ist auch eine Meinung!"
  • Aphorismus:
    Eine kurze, überraschende Einsicht in Prosa. Vorsicht! Gute Aphorismen sind sehr schwierig zu schreiben. "Manche Menschen besitzen eine Bibliothek wie ein Eunuch einen Harem." (Lichtenberg), "Für Männer. Überzeugen ist unfruchtbar." (Walter Benjamin), oder "Eine Utopie, die nicht beantwortet wird, erzeugt Geschwätz." (ich)
  • Maxime:
    eine Verhaltensempfehlung, bzw. eine Richtschnur für das Verhalten. "Wiederhole die Argumente deines Gesprächspartners in eigenen Worten.", "Sammle schöne Wörter.", usw.
  • Sentenz:
    eine scharfe, zum Nachdenken auffordernde Formulierung. "Die Erde wird durch Liebe frei. Durch Taten wird sie groß." (Goethe); "Menschen, warum seid ihr besser / Als wir andre? Aufrecht tragt ihr / Zwar das Haupt, jedoch im Haupte / Kriechen niedrig die Gedanken." (Heine); "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Adorno)
  • Parabel:
    in einer Parabel wird eine Anekdote erzählt und diese im letzten Satz zu einem Gleichnis gemacht. So schreibt Goethe ein kurzes Gedicht von einem Gast, der sich schlemmend und prassend über das Gericht des Gastgebers hermacht und danach am Essen herummeckert. Dann fügt Goethe folgendes an: "Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.", womit deutlich wird, dass der Gast sich eigentlich an der Literatur labt, und sich hinterher wider besseren Wissens kritisch gibt.
  • Haiku:
    Das Haiku ist eine japanische, dreizeilige und reimlose Gedichtform. Die erste und die dritte Zeile bestehen aus je fünf Silben, die zweite aus sieben. Sie eignen sich besonders für Landschaftsbeschreibungen. Beispiel: "Aus dem Mauerspalt / Wächst ein einzelner Grashalm. / Ein Kind schaut ihn an.", "Nebel über dem See. / Schwarzes Wasser und weißer / Himmel. Oktober."
  • Lied:
    Das Lied in seiner einfachen Form enthält meist zwei bis acht Strophen, manchmal noch mehr. Die Strophe ist vierzeilig. Sie umfasst je zwei Reime, einen Reim (zweite und vierte Zeile), manchmal auch keinen. Viele bekannte Gedichte in Liedform drücken die Empfindungen des ›lyrischen Ichs‹ aus. Beispielhaft sind Gedichte von Mörike, Brentano, Heine, aber auch dem frühen Rilke. Für Roman-Schriftsteller eignen sie sich besonders, um sich über den Charakter eines Menschen klarzuwerden.
Im Prinzip sind deiner Erfindungslaune keine Grenzen gesetzt. Es gibt zahlreiche weitere Formen, die du nutzen kannst, angefangen von Listen, Mindmaps, Clustern, und vieles andere mehr. Das Grundprinzip dahinter ist aber immer das gleiche: Etwas in etwas zu verwandeln, also eine Vorlage in irgendetwas anderes. Wichtig dabei ist das Spiel, das Ausprobieren von verschiedenen Ausdrucksformen.
Zweimal habe ich sogar mehrere Kapitel in eine Art Comicstrip oder Film-Szenenbuch umgesetzt. Weil das viel Arbeit macht, mache ich das ungerne, aber dem Kunden hat das sehr geholfen. Übrigens sind meine Fähigkeiten als Zeichner äußerst dürftig. Es geht also nicht darum, jetzt auch noch sein zeichnerisches Talent entwickeln, sondern sich die ganze Geschichte aus einem anderen Medium anzusehen.
Zwei wichtige Bitten habe ich dazu:
  1. Bevor du deine Texte bewertest, lass sie liegen. Gerade junge Schriftsteller sind mit sich selbst auf falsche Weise kritisch, häufig überkritisch. Lass sie ein wenig ruhen, schreib andere Sachen, probier dich weiter aus, sammle weiter Erfahrungen. Dann kehr zu den Texten zurück, nach zwei oder vier oder sechs Wochen und lies sie noch einmal.
  2. Überarbeite in regelmäßigen Abständen deine Texte. Überarbeiten heißt: ändere soviel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Mir ist dieses Überarbeiten sehr wichtig, denn später wirst du deinen Roman immer nur zu ganz bestimmten Punkten durcharbeiten, zum Beispiel ob du die Adjektive sparsam, aber effektvoll eingesetzt hast, oder ob deine Verben zu gewöhnlich sind und du nach ungewöhnlicheren Ausdrücken suchen solltest. Keinesfalls solltest du deine Übungstexte komplett neu schreiben. Dabei lernst du wesentlich weniger, als wenn du ihn umarbeitest. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, dass junge Autoren die Kritik an einem Kapitel so verstanden haben, dass sie es noch einmal ganz von vorne verfassen müssen. Dabei entstehen dann meist dieselben Fehler, die ich schon vorher kritisiert habe. Nein! Es ist genau dieses Nachdenken, ob man ein Wort austauschen sollte, einen Satz einfügen sollte, ein anderes Satzgefüge wählen sollte, ob man statt einer Metapher einen Vergleich benutzt, statt einer Benennung eine Beschreibung, usw., das aus einem jungen Schriftsteller einen guten Schriftsteller macht.

Zwei Mythen

Show, don't tell! — Diese Empfehlung meint das Richtige, wird aber häufig falsch verstanden. Manche Autoren lesen diese Aufforderung dahin, möglichst alles ganz genau zu beschreiben. Doch das führt nur zu einem aufgeblähten Text. Tatsächlich meint diese Empfehlung etwa folgendes: Schreibe deinen Text so, dass der Leser vergisst, dass er eigentlich nur Wörter liest. Du musst also den Leser in seinen Vorstellungen so führen, dass er in dem Text "versinkt". Dazu gehören auf der einen Seite sinnliche und konkrete Details. Auf der anderen Seite gehört aber auch eine konkrete Handlung dazu, die den Leser interessiert.
Wie dies genau aussehen kann, werde ich hier nicht erläutern. Zum einen unterscheidet sich das von Genre zu Genre, zum anderen von der Länge des Textes. Man schreibt einen dicken Roman anders als einen Kurzroman. Drittens aber spielen individuelle Vorlieben des Autors eine große Rolle. Kein Autor zeigt seine Figuren auf dieselbe Weise; kein Autor erzählt seine Geschichte auf dieselbe Weise. Und auch wenn man so etwas in einem Roman schwer benennen kann, ist es doch dieser Eigensinn eines Autors, der eine Geschichte erst wirklich lebendig werden lässt.

Für den Leser schreiben! — Natürlich. Wer einen Roman schreibt und diesen veröffentlicht, der möchte gelesen werden. Die Frage ist allerdings, von wem. Stellt euch bitte nicht vor, dass ihr jemals einen Roman schreibt, der sämtliche möglichen Leser in seinen Bann zieht. Ihr schreibt natürlich immer nur für ein bestimmtes Publikum. Hier ist die Empfehlung einfach zu unpräzise.
Die Empfehlung bleibt aber auch zu abstrakt. Denn dass man für Leser schreibt, ist eine Selbstverständlichkeit. Viel spannender ist die Frage, wie man für sie schreibt. Auch diese Frage werde ich hier nicht beantworten, weil sie ebenfalls sehr stark vom Genre abhängt, aber noch mehr von den Arbeitsprozessen eines Autors. Die Herausforderung ist, seine eigenen Wege zu finden, oder, wie es auf neudeutsch heißt, den workflow.

03.08.2013

Bookless, Blödmaschinen und einiges anderes

Marah Woolf schenkt uns ein Märchen, allerdings mehr ein Erwachsenen-Märchen, Bookless, das demnächst veröffentlicht wird. Ich lese es gerade zum dritten Mal. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass sie so gut wie Michael Ende ist, aber fast. Einen Vorteil haben ihre Bücher allerdings insgesamt: Sie sind moderner, sie atmen mehr den Zeitgeist. Oder den Widerstand gegen den Zeitgeist. Und es ist spannend!

Fünf Bücher habe ich diese Woche gekauft: Geschichte und Eigensinn sowie Öffentlichkeit und Erfahrung von Oskar Negt und Alexander Kluge; Reden von Max Frisch; und das Buch Blödmaschinen von Markus Metz und Georg Seeßlen. Das letztgenannte Buch beginnt mit einem Furor. Eigentlich sollte ich hier das ganze Vorwort zitieren. Ich bleibe aber bei einem Ausschnitt:
Denken ist peinlich, vor allem öffentlich. Eine Art, sich danebenzubenehmen. …
Natürlich haben die denkenden Menschen in beinahe jeder Epoche das Empfinden, gerade in ihrer würden sie am meisten behindert, verleumdet und missbraucht. Das ist ganz normal, denn das Denken wird in jeder Epoche behindert, verleumdet, missbraucht, nur eben immer anders und vielleicht ist die unsere zugleich die raffinierteste und ehrlichste, insofern sie Behinderung, Verleumdung und Missbrauch des Denkens als öffentliches Spektakel inszeniert.
Metz, Markus/Seeßlen, Georg: Blödmaschinen, Berlin 2011, Seite 10
Ein Nachtrag. Jemand hat nachgezählt: ich habe das fünfte Buch vergessen. Es mag aber verständlich sein, wenn ich sage, dass dies ein Geburtstagsgeschenk ist und ich jenes Werk bereits besitze. Da die junge Frau, die heute ihren Geburtstag nachfeiert, meinen Blog regelmäßig liest, kann ich natürlich nicht den Titel verraten.

Gelesen habe ich, fragt nicht lieber nicht, ziemlich viel. Eine Auftragsarbeit führt mich zu John Stuart Mill, übrigens eine sehr angenehme Arbeit, da ich hier mehr als "Störenfried" auftreten darf und soll. Die beiden Doktoranden können bereits hervorragend schreiben. Eigentlich wollte ich diese Aufgabe ablehnen, da ich mich mit den englischen Empiristen nicht gut auskenne. Aber meine Ablehnung wurde nicht akzeptiert. Auf eine sehr bauchpinslerische Art und Weise nicht akzeptiert. Da konnte ich natürlich nicht Nein sagen.

Fertig gelesen habe ich von Christa Wolf Stadt der Engel und Kindheitsmuster, die mich beide sehr tief berührt haben. Dazu wird wahrscheinlich auch einiges auf meinem Blog folgen.
Gelesen und kommentiert habe ich Leibhaftig (ebenfalls von Christa Wolf). Die Kommentare sind allerdings nur erste Notizen. Parallel dazu durchdenke ich jetzt dieses wundervolle Buch anhand von Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter und Ludwig Wittgensteins Philosophische Grammatik.

Außerdem bin ich Christa Wolf über Max Frisch zu Walter Benjamin gefolgt. In den Tagebüchern von Frisch wird die Stellung des Bildes in einer Erzählung, aber auch in der Gesellschaft, ausführlich diskutiert. Das hat mich an Walter Benjamins Entstellte Ähnlichkeit erinnert; und hier öffnet sich dann auch fast unwillkürlich eine Perspektive auf das Werk von Christa Wolf: die Erzählung Kassandra scheint mir eine äußerst kluge Entstellung des Homo Faber zu sein. Und überhaupt ist das ganze Werk von Max Frisch für Christa Wolf bedeutsam (obwohl die intertextuellen Bezüge zu Anna Seghers "stärker" hervortreten).

Es geht mir also gut. Das "Herumwühlen" in Texten macht mir Spaß.