29.04.2009

Es war sehr eindeutig die Nachtigall

Sohnemann und ich: ich lese ihm abends, zum Einschlafen, Heine vor. Nachdem wir das neunte Gedicht hintereinander mit einer Nachtigall hatten, sagte mein Sohn: "Besonders viele Vögel kennt der ja nicht." Im zehnten kam dann zusätzlich noch eine Spatzenfamilie vor, aber das wollte Cedric nicht mehr hören.


Drucker

Ich war ein wenig abgelenkt, die letzten Tage: mein Drucker hat halb gestreikt. Die Software ließ sich nicht neu aufspielen und so war ich einigermaßen verzweifelt. Aber Hewlett-Packard hat es sich nicht nehmen lassen, bei mir anzurufen und mich dann so durch mein Betriebssystem zu schleusen, dass ich jetzt wieder alle meine Funktionen habe.
Bedenkt man, dass ich mir eine recht billige Klitsche gekauft habe, für gerade mal 79,- €, und dass dieses Gerät seit fast drei Jahren läuft, hat HP wenig an mir verdient. Dann ist es umso lobenswerter, dass es einen solchen Kundenservice gibt. 


Georg, der Blog

Noch ein netter Blog, gut, abseits vom Gewöhnlichen.
Wenn man seine Gedanken über Gott (entfällt, seit Pro Reli gescheitert ist) und die Welt veröffentlicht, gerät man in eine kreative Position zu dem ganzen Geschehen, das so tagtäglich um einen herumwirbelt. Nicht immer, aber doch häufig. Was ja nur zeigt, dass Schreiben eine kritische Tätigkeit ist, selbst Kommentieren ist eine kritische Tätigkeit, was man als fleißiger Foucault-Leser wissen darf.


28.04.2009

Metaphern und moralisierte Bereiche

Eigentlich wollte am Sonntag nur damit beginnen, Zitate zu Metaphern zusammenzustellen. Dann aber bin ich bei Bateson hängen geblieben und mittlerweile arbeite ich wieder mit seinen Schriften. Es ist noch zu früh, hier irgendetwas zu dem ganzen Komplex bei Bateson zu sagen, aber meiner Ansicht nach passen seine theoretischen Erarbeitungen in gewisser Weise gut zu dem Problem des sozialen Gedächtnisses.
Jedenfalls zeigt mir Bateson noch einmal sehr deutlich, wie kritisch man mit bestimmten metaphorischen Feldern umgehen muss. So ist es ja durchaus üblich, Verhaltensweisen mit Metaphern aus dem Bereich der Energie zu illustrieren. So wird dann Ermüdung als fehlende (psychische) Energie wahrgenommen. Gerade das aber muss biologisch nicht so sein: wenn die Energie in einen anderen Teil des Organismus abgleitet als den motorischen, wird eben keine Energie wahrgenommen. Was auch immer hier Energie dann bedeutet.
Neben einer radikaleren Beobachterperspektive gerade in den Bereichen, die wir metaphorisieren, muss man (und muss ich) noch einmal lernen, solche allzu raschen, da allzu eingängigen Metaphern besser wahrzunehmen.
Gerade stark moralisierte Bereiche, wie Empathie, wie Gewalt, ziehen Metaphern und metaphorische Modelle an. Eigentlich kann man hier nur dann zu einer wissenschaftlicheren Perspektive kommen, wenn man zuvor Metaphernkritik betreibt, also zuerst genau und auf diese Punkte hin liest. 


Trennen und Verbinden

Jammere ich? Ja, ich jammere. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge, wenn ich mir mal diese Schmonzette von einem Spruch erlaube.

Gerade habe ich das Buch Trennen und Verbinden. Soziologische Untersuchungen zur Theorie des Gedächtnisses von Marco Schmitt fertig rezensiert. Und ich kann sagen: ein selten gutes Buch. Es geht, vor allem, aber nicht nur, um Luhmanns Theorie des sozialen Gedächtnisses. Schmitt hat hier, jedenfalls für mich, eine Bresche geschlagen, die es mir wesentlich erleichtert, an diesen Theoriepart von Luhmann heranzugehen.
Das ist das eine. Zum zweiten schreibt er aber so klar, dass sich sofort in mir Widerspruch geregt hat. Am Ende kritisiert er Luhmann in einem bestimmten Aspekt und gerade hier stimme ich nicht mit dem Autor überein. Dass ich hier also meinerseits Kritik übe, ist aber kein Fehler dieses Buches, sondern eine Leistung. Hätte Schmitt nicht so klar geschrieben, wäre eine Kritik meinerseits vielleicht nicht so rasch zustande gekommen. Und auch das ist eben eine wissenschaftliche Leistung: so klar zu schreiben, dass rasch Anschlüsse möglich sind, und seien es solche, die eine solche Position ablehnen.
Nichtsdestotrotz: Schmitt kennt sich hervorragend mit Luhmann aus. Ich mag hier gar keine Abstriche machen und sehe meine Kritik als insofern zufällig an, als ich hier mit meinen eigenen Ideen zur Systemtheorie recht weit gediehen bin.
Drittens aber ergänzt dieses Buch gerade eine Problemkonstellation, an der ich arbeite, so, dass ich einen Riesenschritt vorangekommen bin. Die Frage nach Empathie und Gewalt treibt mich ja immer noch um (und wird es auch in Zukunft, also gewöhnt euch daran). Das soziale Gedächtnis kann hier wesentlich zu einer schärferen Problemformulierung verhelfen und damit natürlich auch zu präziseren Lösungsvorschlägen.

Ein Jammer dagegen ist es, dass ich so wenig Zeit finde, mich mit all dem präziser auseinanderzusetzen. Vielleicht sollte ich doch mal das Schlafen aufgeben. Letzten Endes ist das ein recht unnötiges, biologisches Artefakt.

Es ist getan!

Jetzt habe ich - endlich und endgültig - meinen kleinen Kurzroman an den Arcanum-Verlag geschickt. Der war eine kleine Fingerübung für zwischendurch und nett zu schreiben.Die letzten zwei Tage habe ich noch einmal gekürzt und ergänzt.
Ehrlich gesagt: auch nachdem ich weitere Kapitel gleich zu Beginn herausgekürzt habe, ist die Geschichte noch kompliziert, da sie dreimal umgebrochen wird, und äußerst straff organisiert. Ein kleines bisschen Abseits, ein wenig Idylle hier und da, eine Verschnaufpause auch für den Leser, hätte nicht geschadet.
Immerhin aber ist die Handlung turbulent, ohne zu einem eintönigen Hin- und Hergehetze zu werden. Wenn ich etwas hasse, dann diese "Hase und Igel"-Ideen, wie man sie, wenn man sich das antun will, in manchen Büchern von Kai Meyer aus der Serie "Sieben Siegel" finden kann. Siehe dazu meine Kritik zu Der schwarze Storch.
Und auch ein anderes Problem konnte ich durch meine Planung bannen. Viele Fantasy-Romane sind derart üppig, verzettelnd gestaltet, dass die eigentliche Geschichte darunter verschwindet. Ein krasses Machwerk habe ich mit Asche zu Asche rezensiert. Aber eine solche Gefahr sehe ich sowieso nicht bei mir.
Hier ist, ein wenig notgedrungen, fast der gegenteilige Effekt eingetreten


27.04.2009

Wachsender Rassismus

Etwas verschüttet gegangen ist bei der ganzen Volksabstimmung mein Augenmerk auf die neue Gewaltstudie.
Diese wurde am 17.03 von Christian Pfeiffer vorgestellt. Insgesamt ist die Jugendkriminalität rückläufig. Nur der Rechtsextremismus gewinnt mehr und mehr Boden. 14,4% aller Jugendlichen seien als extrem ausländerfeindlich einzustufen. Eindeutig rechtsextrem gelten 4,9%.
Zweierlei muss man dazu anmerken.

Erstens schreibt der Spiegel:
Bemerkenswert: Die Ausländerfeindlichkeit ist in jenen Regionen am höchsten, wo eher wenige Ausländer leben. "Wo die direkte Erfahrung mit dem Fremden fehlt, sind die Vorurteile am größten", erklärte Pfeiffer.
Im Zuge der Pro Reli-Debatte wurde, man denke daran, genau das umgedrehte Argument verwendet: erst die eigene Identität, dann die fremde (aber, wie ich schon sagte, selbst Goethe hat hier ein eher dialektisches Verhältnis, das von einem sich ausdifferenzieren verschiedener Identitäten ausgeht).
Tatsächlich ist es die Erfahrung mit Fremden und Fremdem, die zu einer differenzierteren Sicht kommen lässt und die Erfahrung mit einer eigenen Kultur, die sich in so Fremdartigem wurzelt wie Nathan, der Weise oder Faust, die einen nuancierteren Blick auf die eigene Kultur nahebringen.
Auch dafür ist Bildung geeignet.

Pfeiffer sagte auch:
Damit seien diese Gruppierungen wesentlich erfolgreicher bei der Anwerbung von Jugendlichen als etwa alle demokratischen politischen Nachwuchsorganisationen zusammen, betonte Pfeiffer. "Es ist erschreckend, dass die Rechten beim Einsammeln der Jugendlichen mehr Erfolg haben als die etablierten Parteien."
Wenn aber die politischen Gruppierungen sich einer Sprache bedienen, die den Begriffen ihren Ethos nimmt, die eine politische Debatte auf unsachliche und unklare Weise herunterbrechen, dann kann man hier kaum von einer strukturellen Distanzierung zur Nazi-Propaganda sprechen. Und dann spielen andere Faktoren plötzlich eine große Rolle, die die etablierten Parteien nicht bieten, die Neonazis aber schon: zum Beispiel ein bestimmtes Aussehen, Kameradschaft, gemeinschaftliche Unternehmungen.

Was aber am besten gegen Rassismus und Faschismus hilft ist Spaß am Lernen und Spaß an Bildung, und zwar der Bildung, die einen Jugendlichen zu kreativem und konstruktivem Arbeiten befähigt. Spaß am Lernen, Spaß an der Bildung muss manchmal seine eigenen Wege gehen und der Lehrer und die Eltern müssen kompetent sein, diese Wege zu sehen (zu diagnostizieren) und zu unterstützen (in Methoden zu packen).
Wer das Lernen lernt, der kann dieses gelassener führen (beim Lernen gibt es nur bedingt Steuerungsmöglichkeiten, aber diese kann man natürlich ausnutzen); wer Spaß am Lernen hat, überschreitet Grenzen: das muss nicht mit dem Überschreiten von Rassengrenzen oder politischen Grenzen einhergehen - solche Erwartungen fände ich zu hochgestochen -, aber es kann mit anderen Grenzen, disziplinären Grenzen oder Grenzen der Lebenswelt anfangen.
Die Steuerung solcher Prozesse kann sich übrigens nicht an Scheinidentitäten entfalten, sondern nur an ethischen Begriffen. Ethische Begriffe sind Begriffe, die sich nicht verwirklichen lassen, und denen auch niemand realerweise entspricht. Es sind eher Leitgedanken, Idealitäten, die genau dann dem Realen am nächsten kommen, wenn sie sich in einer kritischen Struktur wiederfinden. Die streitbare Demokratie ist ein solches Beispiel: die endgültige, die absolute Demokratie wird fortlaufend vertagt, aber nicht mehr für sie zu streiten, weil es keinen Zweck habe, weil sie sowieso nie existieren wird, wird die politischen Prozesse ins Gegenteil kippen lassen.
Ein anderes Beispiel ist der humorvolle Lehrer; humorvoll in dem Sinne, wie Freud dies für Eltern beschrieb: Ansprüche zu stellen aber das Scheitern als Erkenntnismöglichkeit und nicht als Versagen zu nehmen.

Kurzes Lebenszeichen

Der Respighi war furchtbar. Tolle Sängerinnen und Sänger, das Orchester möglicherweise gut, aber das lässt sich bei einer solchen Musik schwer sagen, das Bühnenbild unbedeutend, aber die Geschichte gab auch wenig her, was sich hätte transzendieren lassen. Einmal musste ich fast lachen, weil die Passage so offensichtlich von Mahler geklaut war. Und auch anderes war sehr zitathaft.

Das Wochenende habe ich über Metaphern bei Gregory Bateson gesessen, also seiner Theorie der Metaphern, bin von hier aus zum Humor, zur Codierung, zur Schismogenese und zur Kontextmarkierung gekommen. Zahlreiche Zettel vollgeschrieben und von hier dann ins Coaching und in die Soft-Skills gewandert. Insgesamt eine spannende Sache.

Dann war natürlich der Volksentscheid. Am Samstag haben wir noch Material verteilt, Susanne und ich. Sonntag war ich erst spät wählen: ich hatte mich den Morgen über eben an Bateson festgelesen.
Glücklicherweise ist der Entscheid mit einem Nein ausgefallen. Vielleicht war die Kampagne von Pro Reli doch zu dick und zu eindeutig unsachlich aufgetragen.
Trotzdem muss ich mich auch im Nachhinein von der Wortwahl und den Argumenten der Pro Ethik-Fraktion distanzieren. Hier wurde zwar etwas sachlicher gearbeitet, aber nicht dicht genug an den Möglichkeiten.
Mein Nein entstand lediglich aus den Befürchtungen, dass 1. der ganze Aufwand organisatorisch nicht zu bewältigen ist und 2. ein separater Werteunterricht eher nicht zu einem gemeinsamen Wertebild oder gut gegeneinander konturierte Wertebilder führt. Befürchtungen: denn empirisch gesehen gibt es nur eine Tendenz, dass gemeinsamer Unterricht heterogener Gruppen zu einer stärkeren Identitätsbildung führt.
Und noch einmal muss ich sagen, dass die ganze Wertedebatte zwar höchst aufgeheizt, aber in der methodisch-praktischen Umsetzung sehr phantasielos geführt word. Hier verweise ich auf alternative Diskussionsforen wie zum Beispiel das World-Café


24.04.2009

Respighi

Otto Respighi dürfte durch seine fadenscheinig verlorenen Traummusiken bekannt sein, die er mit Pini di Roma und Fontane di Roma, und wohl auch noch ein paar anderen di Roma-Werken zum besten gab. Ein Klangkünstler, doch irgendwie ohne rechten Witz, möchte man meinen.
Ich gehe heute Abend in die Oper, in die Marie Victoire. Die Zeit nennt dieses Stück eine speckige Schwarte. Vielen Dank für diese Vorabinformation. Da weiß ich schon, was ich hinterher essen muss.


Lernwiderstände

Wenn man sich weiter und weiter mit der "Metaphorologie" der Begriffe auseinandersetzt (ich erhebe ja eigentlich Einspruch gegen diese leichtgängige Verwendung der Metapher), stößt man auf zahlreiche weitere Beispiele.
Wahlfreiheit und Wahlzwang sind nicht die einzigen Begriffe, die hier zu einem Gegensatz hochstilisiert werden.
Eben stoße ich auf eine andere Stilisierung, die dazu auch noch den Begriff der Stilisierung verwendet:
Im Kontext der »pädagogischen« Lernforschung müssen die Lernwiderständigkeiten der SchülerInnen sich auf irgend eine Weise als mangelnde »Lehrerfolge« im Unterricht wiederfinden. Auf einer unmittelbaren Ebene pflegt man die »Schuld« dafür (quasi systemexklusiv) den SchülerInnen in die Schuhe zu schieben: Im »Unterricht« gängige Verbalisierungen wie »Faulheit«, »Unmotiviertheit«, »ungünstiges« Elternhaus, »schlechte Gesellschaft« der SchülerInnen sind ein Indiz dafür. Disziplinierungsmaßnahmen, »Bestrafungen«, »Sitzenlassen« usw. sind die organisatorische Folge. Eine »wissenschaftliche« Stilisierung solcher unmittelbaren »Schuldzuschreibungen« ist die »auslesende« psychologische Diagnostik, in der mittels »Leistungstests« der Eliminierung der »ungeeigneten« SchülerInnen eine pseudowissenschaftliche Rechtfertigung gegeben wird.
(aus einem Buch, dessen Autor ich nicht mehr kenne und bei dem ich auch keine Seitenzahl angeben kann. Es heißt Lernen und Lernwiderstände.)
Was sich hier im ersten Moment als eine kritische Stellungnahme zu einer gängigen Praxis liest, prozessiert aber den gleichen Mechanismus. Dass ein Nicht-Lernen ein Lernwiderstand ist, greift auch auf die Beobachtung von Phänomenen zurück, die unter der Schädeldecke passieren, mithin nicht beobachtbar sind.
In diesem Fall aber haben wir es noch mit ganz anderen Bedingungszusammenhängen zu tun. Damit der Lehrer überhaupt sein Tun als sinnvoll empfinden kann, muss er kausal denken, und sei es kausal in einer Konstellation, die er nur bedingt mitbewirken kann. Kausalität heißt auch, dass man Ursache und Wirkung zurechnet, oder, im übertragenen Sinn, Schuld und Unschuld, Gewinn und Schaden. In Interaktionen braucht man genau diese Trugschlüsse. Oder anders formuliert: Man beginnt doch mit niemandem ein Gespräch, wenn man vorher schon weiß, dass es nichts bringt (und verbaut sich Chancen, wenn man vorher schon zurückweicht, weil man diesem Glauben aufsitzt).
An genau dieser Stelle wird die strategische Interaktion interessant. Alles, was ich zuvor für die Interaktion beschrieben habe, vermischt sachliche und soziale Sinnzusammenhänge. Dabei wird grundlegend versucht, der Interaktion durch Verdinglichung von psychischen Systemen Halt zu geben. Die Paradoxie, die am Anfang der Interaktion steht, wird durch diese Verdinglichungen unsichtbar gemacht. Die strategische Interaktion kommt natürlich nicht ohne solche Zuschreibungen aus, reflektiert sie aber viel stärker in ihrer Willkürlichkeit und dass sie zu Effekten kommt, deren man selbst und der andere nicht Herr sind.
Auch diese Begrifflichkeit aber bleibt ambivalent, zumindest, wenn man sie nicht in einer bestimmten Art und Weise durchdefiniert hat. So jedenfalls, so undefiniert, hat die strategische Interaktion den Beigeschmack von jemanden in eine Position hineindrängen, die ihm schadet.

Stilisierung, Selbststilisierung, der Vorwurf der Stilisierung - man müsste dies durch ein Umschwenken auf die mindestens semiotische Ebene, oder auf die systemische Ebene so weit aushebeln, dass dieser Zusammenhang selbst schwierig wird, ohne dann zu einer unreflektierten Praxis zurückzukehren.
Zudem kann man und muss man, wie zum Beispiel bei der Praxis der schulischen Selektion, auf die Vielfalt von Systemen zu sprechen kommen, die an dieser Praxis, am Zustandekommen dieser Praxis beteiligt sind. Nicht zuletzt erlebt man doch Eltern, die wollen, dass selegiert wird, vor allem, wenn es nicht ihr eigenes Kind betrifft. Und Organisationen wie die Schule stehen unter Entscheidungszwängen, die sie sich von außen herbeiirritieren müssen. Vielleicht liegt das ganze Dilemma der Schule, ihre betonstarrige Unbeweglichkeit, in der Tatsache, dass die Verhaltensmuster von Schülern eine irritierende Varianz erzeugen, die so beeindruckend ist, dass die irritierende Stabilität des Erziehungssystems nicht mehr in den Blick gerät, oder nur über komplexe Analysen und eruptive Verbesserungsbedürftigkeit (zum Beispiel nach Amokläufen).

Diskontinuierliches Denken

Was jene Art Wissenschaft der Gliederung, des Diskontinuierlichen, angeht, die ich ein wenig ironisch »Arthrologie« nannte, möchte ich dennoch sagen, dass diese Begriffe des Diskontinuierlichen und der Kombinatorik für mich wichtig und lebendig bleiben. In jedem Augenblick, den ich lebe, wenn ich gehe, sogar auf der Straße, wenn ich denke, wenn ich reagiere, jeden Augenblick finde ich mich auf seiten eines Denkens des Diskontinuierlichen und der Kombinatorik. Erst heute las ich einen wie immer bewundernswerten Text von Brecht über die chinesische Malerei, wo er sagt, dass die chinesische Malerei die Dinge nebeneinander, eines neben das andere stellt. Das ist eine sehr einfache, aber sehr schöne und sehr wahre Formel, und im Grunde genommen suche ich gerade, jenes »Neben« zu fühlen.
Das haben Sie in L'Empire des signes (Das Reich der Zeichen) versucht, nicht wahr?
Genau. Es scheint recht einfach, nicht sehr revolutionär, und dennoch, wenn man sich die Art und Weise vorstellt, wie die Geisteswissenschaften denken, Begriffe bilden, formalisieren und verbalisieren, dann bemerkt man, dass sie überhaupt nicht an ein wirkliches Denken des Diskontinuierlichen gewöhnt sind: sie sind noch vom Über-Ich der Kontinuität beherrscht, einem Über-Ich der Evolution, der Geschichte, der Filiation usw. Jede Vertiefung des Denkens des Diskontinuierlichen bleibt also wesentlich häretisch, revolutionär im eigentlichen Sinne und notwendig.

Barthes, Roland: Gespräch mit Stephen Heath, in: ders.: Die Körnung der Stimme, Frankfurt am Main 2002, S. 141-165, hier S. 144f.
Der Text von Brecht findet sich in Brecht, Berthold: GW Band 18, S. 278-279 (Über die Malerei der Chinesen).
Zunächst muss man davon ausgehen, dass Barthes hier dem zerbrochenen, diskontinuierlichen Begriff das Wort redet, so wie er auch von Pro Reli für den Begriff der Freiheit genutzt wird. Barthes dagegen will hier aber den Begriff in seiner Kausalität problematisieren. Pro Reli verkausalisiert den Begriff der Freiheit (Es geht um die Freiheit), also ist das Kreuzchen an der richtigen Stelle schon die Verwirklichung von Freiheit. Dagegen steht hier der immanente Bruch, der die Wahl, auch jede andere Wahl gerade nicht in einem kausalen Zusammenhang mit Freiheit stellt, sondern in einen konstellativen und problematischen.
Parteien erschaffen ja nicht bessere Kausalzusammenhänge, sondern verwirklichen Erschaffungs- und Simulationszusammenhänge. Natürlich passiert dasselbe in der Wissenschaft, wenn auch unter anderen Vorzeichen und mit anderen Werten. Die Vornehmheit eines Wissenschaftlers liegt dann in seiner Ironie, dass andere (wissenschaftliche) Betrachtungsweisen eben auch möglich sind.
Ein Politiker, der heute im Wahlkampf zu ironischen Selbstdistanzierungen Zuflucht nimmt, wäre so unglaubwürdig, wie der, der hinterher seine Wahlkampfversprechen nicht hält. Aber das ist wieder und letzten Endes das Problem eines Volkes, dass sich, müde geworden, nicht mehr mit den Parteiprogrammen auseinandersetzt und hier von unten Druck auf eine Sprache der politischen Werbung ausübt.

Brecht nun geht in diesem Text Über die Malerei der Chinesen darauf ein, dass diesen chinesischen Bildern die Zentralperspektive fehlt und damit auch der Zwang, sich einer Macht unterzuordnen (man fühlt sich an Foucaults Untersuchung zum Panoptismus erinnert, siehe Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, S. 251ff.). Die fehlende Unterordnung ermöglicht stattdessen ein wesentlich offeneres Gefüge. Es gäbe über die Familie hinaus Verbindungen und Verbünde und wenn man ein chinesisches Bild zerschnitte, hätte man immer noch einen gleichen Wesenszug, wenn auch nicht mehr das gleiche Bild.
Brecht setzt hier also eine gleichsam holistische Auffassung einer parzellierenden Auffassung entgegen. Der holistischen Auffassung (im Sinne Brechts) entsprechen plurale Perspektiven, "unendliche" Teilbarkeit, heterogene Gefüge. Die parzellierende Auffassung dagegen (obwohl Brecht von ihr hier nicht explizit spricht) besteht aus: einer Zentralperspektive, die gleichzeitig einen Ort des unsichtbaren Zwangs konstruiert und unteilbare Funktion der Elemente zueinander.

Barthes Denken des Diskontinuierlichen scheint mir daneben ein Drittes zu sein. Es konstelliert einen Erschaffungs- oder Schöpfungszusammenhang, eine evozierende Kombination, die sich kritisch gegen die Kausalität wendet, gegen das Denken der Kontinuität. Dieses Denken ist kritisch, weil es sich gegen eine Herrschaft der Zentralperspektive wendet (gegen die Kontinuität), selbstlegitimierend, weil es sich schon als Bruch einführt, und sich nicht kausal, sondern polemisch erklärt, polemisch, insofern es den Konflikt, Widerspruch oder die Unreinheit in den Begriff hineinerklärt, und verwirrend, als diese Konflikte, Widersprüche und Unreinheiten nicht wegerklärt, sondern gerade herauspointiert werden. Hier ist die Spannung also am Größten. Es geht wider den Geschmack der reinigenden Kausalität.
Brechts Holismus dagegen erscheint - zumindest in diesem kleinen Fragment - geradezu idyllisch.

Was die kausalen Begriffe angeht, so simulieren diese eine Oberfläche. Gerade wenn man sie hinterfragt, wenn man ihre Reichweite, ihren Problemgehalt zu formulieren anfängt, werden die Gegendarstellungen von Brecht und Barthes aber attraktiv. (Im übrigen scheint mir, aber das müsste man genauer untersuchen, Goethes Nachschrift zum westöstlichen Diwan mit ähnlichen Denkfiguren zu spielen.)

Es geht um die Freiheit

So bewirbt Pro Reli derzeit die Ja-Stimme beim Volksentscheid. Ein schlechter Scherz übrigens, denn wie ich weiter oben ausgeführt habe, ist dieser Volksentscheid keineswegs ein Volksentscheid um Wahlzwang und Wahlfreiheit. Um was es sich handeln wird, lässt sich wahrscheinlich erst dann sagen, wenn man sich die Praxis ansieht.
Neulich meinte eine Frau zu mir, sie fände es schade, dass aus diesem Volksentscheid eine politische Vorwahl für die Bundestagswahl gemacht wird. Und so sieht es allerdings aus. Bei Pro Reli geht es kaum noch um die Sache, eigentlich garnicht mehr, wenn man sich die Konstellation der Begriffe ansieht. Das ist eine dermaßen ungeheuerliche Verflachung der Argumentation, dass man sich nur schütteln kann.
Es geht um die Freiheit - so wirbt man hier mit den Gesichtern von Günther Jauch und etlichen anderen B- und C-Promis. Aber um was für eine Freiheit denn? Mir ist der Gebrauch dieses Begriffes in diesem Zusammenhang garnicht klar.
Dass sich Günther Jauch für so etwas hergibt. Andererseits, was soll man von einem Menschen erwarten, der das Abfragen obskurer Wissensbestände mit dem Reich-Werden verknüpft? (Neulich träumte mir, dass ich ein Gespräch mit ihm hätte, über die Bedeutung von Bildung. Am Ende weinte er vor Scham und schlechtem Gewissen.)


Giftige Wertpapiere

Das ist ein äußerst seltsamer Ausdruck, finden Sie nicht auch? - Ich hatte anderswo schon einmal darauf hingewiesen, dass die Wirtschaft derzeit mit Metaphern des Krankseins, des kranken Leibes bedacht wird. Hier haben wir also einen weiteren Ausdruck, der dies stützt.
Bedenkt man, dass Wertpapiere ihre Funktion in der Spekulation haben, also genau auch in ihrem Wertverlust und ihrer möglichen "Minderwertigkeit", dann ist dies in dem Zusammenhang der Wirtschaftskrise (auch eine Metapher) keineswegs ein harmloser Ausdruck. Denn dass es giftige Wertpapiere gibt, suggeriert ja, dass das Gift nur in einigen Wertpapieren steckt, während eine gesunde Spekulation nur gesunde Bestände aufbauen würde. Doch genau dies widerspricht der Spekulation.
Die Spekulation nimmt dort Wert weg - Mehrwert! -, wo sich dies zu lohnen scheint. Dieser Mehrwert ist auf den Marktwert von Waren und Dienstleistungen aufgebaut. Bricht dieser Marktwert zusammen, weil dieser sich umgedreht auch wieder von dem Wert der Spekulation bestimmen lässt, wird also das Aufheizen von spekulativem Wert und Marktwert unterbrochen, dann gerät die Spekulation in die Krise, d.h. sie zerfällt in ihrem Versprechen auf Gewinn. Das ist nun keineswegs krank, sondern die gleichsam natürliche Variation der Spekulation: dass sie zwischen Erfüllung und Enttäuschung pendeln kann.
Es lohnt sich also nicht, über giftige Wertpapiere nachzudenken, vielmehr über den Zusammenhang von Spekulation, wirtschaftlichen Krisen und individueller Arbeit.