26.12.2018

Mathematisches Modellieren

Mathe ist nicht gerade das beliebteste Fach in der Schule. Dabei ist gerade das Modellieren mithilfe von mathematischen Sprache spannend.

Was haben Weizenbiergläsern mit Integralgleichungen zu tun? Wie müssen Aufzüge gesteuert werden, damit kein Chaos entsteht? Wie kann man eine nachhaltige Energieversorgung erreichen? Gibt es bei Fußballwetten Tricks?
All das sind Fragen, die man mithilfe des mathematischen Modellierens erforschen kann.

Was ist ein Modell?

Das Modell, so der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss, ist das Abbild eines idealen Funktionierens. Diese Definition muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Zunächst ist es wichtig, dass das, was funktioniert, nur im Idealfall funktioniert. Da die Realität nur real, nicht ideal ist, besitzen Modelle keine Wahrheit. Sie erleichtern allerdings die Erkenntnis.
Abbilder sind zum Beispiel Tabellen, Diagramme, Ablaufpläne, aber im weitesten Sinne auch Texte.
Demnach ist ein Modell eine Konstruktion, die uns das Denken erleichtert.

Modellieren

Modellieren kann folgendermaßen definieren: als aktives Hineinsehen eines Modells in die Umwelt, beziehungsweise als aktives Herauslesen.
Die Umwelt wird also nicht in ihrer Vielfalt wahrgenommen, sondern bewusst auf einen Aspekt hin abstrahiert.
So gesehen spielt das Modellieren in allen wissenschaftlichen Erkenntnisvorgängen eine wichtige Rolle. Ob man nämlich eine Gruppe von Schülern anhand eines psychologischen Motivationsmodells beobachtet oder die Reden von Angela Merkel anhand einer Liste klassischer rhetorischer Figuren: Überall spielen Modellierungsprozesse eine wesentliche Rolle und teilweise liest man, dass Modellierungskompetenzen zu den zentralsten Kompetenzen erwachsenen Denkens gehören.
Das mathematische Modellieren spielt hier allerdings eine wesentliche Rolle.

Die Abstraktion im Blick

Mathematik wird als abstrakt, formell und gerade in ihrer höheren Form auch als wenig tauglich angesehen. Doch gerade dies sind Eigenschaften, die die Mathematik so wichtig machen.
Im alltäglichen Umgang miteinander machen wir uns selten bewusst, dass wir von einem anderen Menschen nur ein Modell, eine Abstraktion besitzen. Und trotzdem muten wir unseren Gegenüber zu, genau damit umzugehen. Sicher: spricht man die Menschen darauf an, dann hört man: "Natürlich, ich kenne ihn nicht vollständig! Wie sollte das gehen?"
Doch hier abzuschätzen, was solche Abstraktionen bedeuten, fällt vielen Menschen sehr schwer.
Die Mathematik dagegen geht genau den umgekehrten Weg. Als formelle Sprache ist sie per se abstrakt. Hier geht es darum, abzuschätzen, was man sich mit Konkretionen leistet.
Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget legt in seinem Werk immer wieder dar, dass eine Funktion nur dann gut begriffen wird, wenn die Umkehrfunktion auch verstanden wird. Man kann also als ein allgemeines Lerngesetz postulieren: um eine Funktion zu verstehen, lerne auch die Gegenbewegung dazu.
Um Abstraktionen zu verstehen, muss man deshalb auch Konkretionen einüben. Mathematische Modelle bieten hierfür zahlreiche Anlässe. Durch gute mathematische Kompetenzen erhöht man - gleichsam indem man gegen den Strom schwimmt - auch das Verständnis für sozialpsychologische und andere nichtmathematische Modelle.

Was ist ein mathematisches Modell?

Das üblichste mathematische Modell ist die Zahl. Zahlen sind hochabstrakt. Man darf sich wundern, dass Kinder sie so früh lernen. Denn was macht eine Zahl? Sie abstrahiert von allem, was sinnlich und konkret ist. Kinder lernen, dass hinter dem Satz "Ich habe vier Figuren und bekomme noch zwei dazu geschenkt." die Zahlen 4 und 2 stehen und die mathematische Operation des Addierens. Was das für Figuren sind, und ob man zum Beispiel mit diesen spielen kann, ist völlig uninteressant.
Weitere mathematische Modelle sind: Gleichungen und Formeln, mathematische Koordinatensysteme, geometrische Figuren oder Mengenabbildungen.

Fazit

Mathematik als Denkpraxis wird viel zu wenig geschätzt. Vor allem ihr Verhältnis zu anderen Wissenschaften wird zu wenig durchdacht. Dabei darf das Problem nicht bei den Mathematiklehrern gelassen werden. Die Fähigkeit zur Abstraktion und Konkretionen sollte jedem Menschen am Herzen liegen, der ein vielseitiges und wissenschaftliches Denken pflegen möchte.

Laterales Denken

Kaum ein Begriff kann in der Psychologie der Kreativität eine solche Bedeutsamkeit und Vernachlässigung vorweisen, wie der Begriff des lateralen Denkens.

Das laterale Denken wurde als Begriff von Edward de Bono eingeführt. Der Begriff war neu, dass was dahinter stand, allerdings nicht.

Definition des lateralen Denkens

"Beim lateralen Denken geht es… darum, die Wahrnehmung zu ändern und an der neuen Wahrnehmung festzuhalten." (de Bono 2010, Seite 84)
Laterales denken sei "Musterwechsel innerhalb eines Muster bildenden Systems" (ebenda, Seite 85).

Vorläufer I: Friedrich Nietzsche

Kaum ein Philosoph ist heißer geliebt und kälter verachtet worden als Nietzsche. Dabei sind seine Schriften komplex. Selbst der Krieg, dessen positive Wirkung er so häufig beschwört, ist sowohl als Übertreibung, als auch als Metapher und als Provokation zu lesen. Worum geht es dir? Was willst Du? Hast Du eine Meinung und traust du dich, diese zu vertreten, mit der Gefahr, dass jemand besser als du argumentiert?
Nietzsche fragt nach dem flexiblen Denken. In der Sprache de Bonos: nach dem Musterwechsel.

Vorläufer II: Jean Piaget

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Piaget hat sich fast ausschließlich in seinem wissenschaftlichen Werk mit der Entwicklung des Denkens beschäftigt. Der zentrale Begriff, den Piaget geprägt hat, ist der des Schemas. Dieses bezeichnet er auch (in seinem Spätwerk) als Transformationsstruktur. Ein Schema macht aus etwas etwas anderes. In ihm liegt eine "geistig gewordene Bewegung".
Eine der wichtigsten Begriffe für das adoleszente Denken ist die fluiden Klasseninklusion. Damit ist gemeint, dass ein Erwachsener ein Phänomen oder eine Idee aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und diese verschiedenen Perspektiven untereinander verknüpfen kann. Dies ist nichts anderes als laterales Denken. De Bono hat die fluiden Klasseninklusion in eine Technik umgewandelt, die der sechs Denkhüte.

Spielerisches und kreatives Denken

Ein solches Denken gilt als spielerisch. Es hat aber mit den ebenfalls spielerischen Denken eines Kleinkindes wenig zu tun.
Kleinkinder sind nur in geringem Maße in der Lage, zwei Größen miteinander zu kombinieren. Sie können zum Beispiel nicht den Wasserstand und die Breite eines Glases in ein Verhältnis bringen. Schüttet man Wasser aus einem hohen Glasrohr in einem breiten Glasbehälter und fragt ein kleines Kind, ob in dem breiten Glasbehälter gleich viel, weniger oder mehr Wasser sei, so wird das Kind verschiedene Antworten geben. Es sagt zum Beispiel, dass in dem breiten Glasbehälter mehr Wasser sei als in dem hohen Glasrohr, weil der Glasbehälter breiter ist. Aus dem selben Grund könnte es aber auch sagen, dass es nun weniger Wasser sei, weil der Glasbehälter niedriger ist. Das Kind ist noch auf eigene Größe fixiert (Piaget nennt dies Zentralismus).
Ein wesentlicher Unterschied ist also, dass ein erwachsener Denker die Verhältnisse zwischen den Größen durchdenken und Perspektiven bewusst auswählen kann, während ein kleines Kind frei assoziiert und seiner Wahl nicht durchdenken kann.

Vielfältiges und hartnäckiges Denken

Laterales Denken bedeutet, wie es bei de Bono es oben schon anklingt, auf der einen Seite die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Musterwechsel, auf der anderen Seite, nicht zu rasch von Muster zu Muster zu hüpfen. Das Denken muss hartnäckig bleiben und hartnäckig an einer Sache arbeiten. Der französische Lyriker Charles Baudelaire schrieb: je härter das Material, desto feinsinniger die Gedanken.

Psychologische Modelle

Spielen Sie dies einmal mit psychologischen Modellen durch. Ein psychologisches Modell ist eine Art Raster, das man über einen Menschen wirft, um ihn abschätzen zu können. Es gibt zahlreiche dieser Raster und deshalb auch zahlreiche Möglichkeiten, einen Menschen zu beurteilen.
Ein Muster bietet uns eine einzelne Perspektive. Für den betreffenden Menschen wird sie zu grob sein und er wird sich über unser Urteil beschweren. Mehrere Muster haben viel mehr Aussicht auf Erfolg. Springt man aber willkürlich zwischen den einzelnen Mustern hin und her und bedenkt nicht deren Zusammenhang, wird uns der Mensch als unzuverlässig oder sogar wirr empfinden.
Erst wenn wir uns bewusst von Muster zu Muster bewegen können und unsere Bewegungen verdeutlichen können, erscheinen wir als differenziert. Mit Wahrheit hat weder das undifferenzierte Muster noch das bewusste Anwenden vieler Muster zu tun. Das letztere ist nur differenzierter und viele Menschen sind höflich genug, sich mit einer gewissen differenzierten Beurteilung ihrer selbst zufrieden zu geben.

Fazit

Laterales Denken bedeutet das bewusste und hartnäckige Anwenden vielfältiger Muster auf ein Thema, einen Sachverhalt, ein Problem oder einen Menschen.

Literatur
  • De Bono, Edward: De Bonos neue Denkschule. mvg-Verlag 2010. Taschenbuch, 240 Seiten. 9,95€

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Motivation ist eine der wichtigsten und schillerndsten Vokabeln der Psychologie. Obwohl sie den gesamten Alltag durchzieht, wird sie selten kritisch diskutiert. Ein Fallbeispiel.

Zu den bekanntesten Modellen zur Motivation zählt die Maslowschen Bedürfnispyramide. Sie wird von Psychologen verwendet und ist auch in Organisationen, zum Beispiel bei der Mitarbeitermotivierung, sehr beliebt. Welche Vorteile bietet dieses Modell und welche Grenzen hat es?

Die Bedürfnispyramide

Die klassische Form der Bedürfnispyramide besteht aus fünf Stufen. Die einzelnen Stufen sind:
  • physiologische Bedürfnisse
  • Sicherheitsbedürfnisse
  • Bedürfnis nach Liebe/Zugehörigkeit
  • Achtungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Selbstverwirklichung
Diese Bedürfnisse sind (von oben nach unten) hierarchisch angeordnet. Maslow schreibt, dass zuerst die grundlegenden, das heißt die physiologischen Bedürfnisse befriedigt werden müssen, und dann nach und nach alle anderen. Die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung können erst an letzter Stelle stehen.

Die einzelnen Stufen

Maslow hat die einzelnen Stufen weiter konkretisiert.
Zu den physiologischen Bedürfnissen zählen: Atmen, Essen, Wasser, Sex, Schlaf, Homöostase (physiologisches Gleichgewicht, insbesondere Salze im Blut), Ausscheidung.
Als Sicherheitsbedürfnisse gelten die Sicherheit von Körper, Beruf (Beschäftigung), Ressourcen, Moralität, Familie, Gesundheit, Besitz.
Auf der dritten Stufe (Liebe/Zugehörigkeit)befinden sich genauer die Bedürfnisse nach Freundschaft, Familie, sexuelle Intimität.
Schließlich versteht Maslow unter den Achtungsbedürfnissen im genaueren folgendes: Selbstachtung, Zuversicht, Leistung, Respekt durch andere, Respekt für andere.
Zum Schluss stehen die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung: Moralität, Kreativität, Spontanität, Probleme lösen, fehlende Vorurteile, Akzeptieren von Fakten.
Schon hier kann man sehen, dass Maslow eine äußerst strittige Einteilung vorgenommen hat.

Defizitorientierte und unendliche Bedürfnisse

In der Bedürfnispyramide gibt es eine Grobeinteilung. Die ersten vier Stufen, mit Ausnahme der vierten Stufe, sind defizitorientiert. Die zugehörigen Motivationen orientieren sich an dem, was fehlt. Wem Schlaf fehlt, der sucht sich einen Platz zum Schlafen. Und wem Freundschaften fehlen, der sucht sich Freundschaften.
Erst auf der vierten Stufe ändert sich das. Hier gilt teilweise, was für die fünfte Stufe vollständig gilt: es sind unendliche, das heißt nicht zu befriedigende Bedürfnisse. Jedenfalls behauptet Maslow das.

Wie man die Bedürfnispyramide benutzt

Dieses Modell bietet ein gutes Raster, um sich über eigene und fremde Bedürfnisse klar zu werden. Klar werden heißt hier: sensibel werden.
Sie bietet zudem eine gute Möglichkeit Handlungen oder Handlungsfolgen einzuordnen. Hinter jeder Handlung liegt ein Motiv, hinter jedem Motiv ein Bedürfnis. Trotzdem sollte man hier unendlich vorsichtig sein. Handlung und Motiv, Motiv und Bedürfnis hängen nur lose zusammen. Es gibt keinen mathematischen, sondern "nur" einen intuitiven Schluss vom einen zum anderen.

Probleme der Bedürfnispyramide

Maslow wurde vorgeworfen, zu blauäugig, zu sehr am Guten orientiert zu sein. Es gäbe auch schlechte Bedürfnisse. Obwohl dieser Einwand zunächst als einer der triftigsten erscheint, sind Bedürfnisse, die den Motive nur zu Grunde liegen, nicht mit moralischen Maßstäben zu bewerten. Erst wenn diese Bedürfnisse rational, beziehungsweise kognitiv erfasst werden, kann man anfangen, nach moralischen Maßstäben zu fragen.
Ähnlich lässt sich auch der zweite Einwand wieder aushebeln. Maslow wurde der Vorwurf gemacht, die Hierarchie sei zu starr; oft werden höhere Bedürfnisse vor den niedrigeren befriedigt. Auch in diesem Einspruch werden Bedürfnisse und Motive, beziehungsweise Motivationen, vermischt. Erfahrungsgemäß, und dies zeigen zum Beispiel die Fallbeispiele der Psychoanalyse, hängt die Befriedigung höherer Bedürfnisse, bevor niedrigere Bedürfnisse befriedigt worden sind, stark mit Ersatzbefriedigungen oder neurotischen Objektfixierungen zusammen. Dann wird ein höheres Motiv gleichsam mit der Befriedigung eines niedrigeren Bedürfnisses (beim Neurotiker) zusammenimaginiert.
Viel ernster zu nehmen ist der Einwand, dass Maslow genau diese schlechte Durchmischung von Motiven und Bedürfnissen in seiner Bedürfnispyramide abbildet. Es ist kaum vorstellbar, dass zum Beispiel die Kreativität ohne kulturelle Veränderungen auskommt oder gar erst entsteht.

Motivationstheorien als Ausdruck von Ideologien

Beispielhaft kann man dies an einem Mythos der westlichen Kultur sehen. In Hermann Hesses Narziss und Goldmund stirbt Goldmund in dem Augenblick, als er sein schönstes, sein perfektes Kunstwerk erschafft. Indem ein nach Maslow unendliches Bedürfnis durch die Perfektion doch endlich wird, ist der Sinn des Lebens gleichsam aufgebraucht.
Nun kann man diesen romantischen topos belächeln. Doch hinter dieser rührseligen Vorstellung steckt der Gedanke, dass der Mensch sich vollständig in der Ware, die er produziert, aufhebt, und nur so das Höchste und Beste zu leisten vermag. Der Prototyp des Menschen als Ware ist, so Walter Benjamin, die Hure. Diese hat nur ihren Körper, den sie anbieten kann, und geht in ihrem Dasein gezwungenermaßen als Ware auf.
Man kann also vermuten, dass selbst psychologische Modelle nicht notwendig auf streng wissenschaftliche Tatsachen zurückgreifen, sondern kulturelle topi wiederholen, die man als patriarchal und neoliberalistisch bezeichnen muss.

Hartz IV

An einem anderen Beispiel kann man die Problematik ebenso gut durchbuchstabieren. Brauchen Arbeitslose den Respekt durch andere, zum Beispiel durch Politiker (Bedürfnis nach Achtung), bevor sie einen Beruf ausüben (Bedürfnis nach Sicherheit)? - So gesehen ist diese Frage rein rhetorisch. Denn wie sollte ein Arbeitsloser sich den Respekt von bestimmten Politikern verdienen, wenn diese nur auf ihn aufmerksam werden, wenn er arbeitslos ist?
Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist also nicht in der Lage, die Widersprüche einer Kultur abzubilden.

Fazit

Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist ein Klassiker. In gewisser Weise kann man sogar sagen: zurecht. Unkritisch sollte man aber dieses (und kein anderes) Modell anwenden.

Die sechs Denkhüte nach Edward de Bono

Eine der berühmtesten Kreativitätstechniken sind die sechs Denkhüte. Hier erfahren Sie die Anwendung, die Hintergründe und welche Fehler Sie vermeiden sollten.

Kaum eine Kreativitätstechnik wird so häufig zitiert und doch so gerne missverstanden, wie die Denkhüte. De Bono entwarf diese Technik, um verbalen Spiegelfechtereien und pseudo-logischen Attacken ein Ende zu bereiten.

Herkunft der sechs Denkhüte: Künstliche Intelligenz

In den sechziger Jahren etablierte sich eine sehr neue Form, das menschliche Denken zu erforschen. diese ist unter dem Begriff des Konnektionismus mittlerweile eine der wichtigsten Strömungen moderner Psychologie. Entstanden ist sie mit den ersten vorsichtigen Entwicklungen von Programmen der künstlichen Intelligenz. Dabei spielt ein Begriff eine wesentliche Rolle, der des parallel-distributive processing, des parallel-distributiven Prozessierens, kurz auch PDP genannt.
Diese Idee des PDP findet sich auch in der Technik der Denkhüte wieder.

Die Anwendung der sechs Denkhüte

Diese Technik benutzt man, um ein Thema zu erforschen oder ein Problem zu lösen. Dabei werden reale, farblich gestaltete Hüte oder Abbilder von solchen für ein Gespräch genutzt. Weiter unten erfahren Sie, wofür die einzelnen Farben stehen.
Ganz wichtig dabei ist, dass jede Farbe eine bestimmte Perspektive auf ein Thema repräsentiert.

Die wichtigste Regel: immer nur ein Hut

Häufig liest man, dass alle sechs Denkhüte gleichzeitig verwendet werden. Doch genau das ist falsch. Die Denkhüte dürfen nicht zu einer Rollenaufteilung in einer Gruppe führen. Während einer Diskussion über ein Thema oder ein Problem ist es wichtig, dass alle Gruppenmitglieder von einer bestimmten Perspektive aus, zum Beispiel von der "roten" Perspektive, urteilen.
Hier findet man auch in Bezug zum parallel-distributiven Prozessieren wieder: parallel ist die Blickrichtung, distributiv, dass es in verschiedenen Köpfen gleichzeitig passiert. Es geht um ein gemeinsames Erkunden, nicht um ein verteiltes Übertrumpfen.

Der weiße Hut

Der weiße Hut steht für Papier und Information. Nutzt man diesen, werden alle Informationen gesammelt, die zu dem Thema bekannt sind.
An dieser Stelle ist die Bewertung der Informationen verboten. Wenn jemand eine Information zu haben meint, kann er sich an dieser Stelle äußern.
Am Anfang mag es schwierig sein, Kritik oder kreative Einwürfe bei der Phase mit dem weißen Hut herauszuhalten. Da aber sowohl Kritik als auch Kreativität bei anderen Hüten ausgelebt werden dürfen, ist dies nur ein Anfangsproblem.

Der rote Hut

Hier geht es um Emotionen und Empfindungen. Alles, was uns an einem Thema Spaß macht, die Neugierde erhält, die Wut im Bauch erhöht oder uns auch ängstigt, kann in dieser Phase geäußert werden.
Dabei geht es nicht nur um starke Emotionen, sondern auch um schwache, um Empfindungen, Langeweile, gemäßigtes Interesse, und so weiter.

Der schwarze Hut

Schwarz steht für Kritik, das heißt für Logik, Urteile und innere Folgerichtigkeit. Beim schwarzen Hut geht es also darum, Gefahren, Fehler, potentielle Gefährdungen, unsachgemäße Behandlung oder riskante Folgen zur Sprache zu bringen.
Beim schwarzen Hut geht es also darum, zu filtern und Ideen nach ihrem Risiko und fehlendem Nutzen zu bewerten.

Der gelbe Hut

Genauso wichtig wie der schwarze Hut, jedoch häufig wenig genutzt, ist der gelbe Hut. Er steht für Werte. Hier geht es darum, die wünschenswerten und motivierenden Aspekte eines Themas, Teilthemas oder Problems darzulegen.
Gerade bei Problemen fällt es vielen Menschen schwer, motivierende und positive Anteile zu finden. Doch genau dies ist Sinn und Zweck des Hutes. Menschen neigen viel zu schnell, Probleme mit üblichen Lösungsmöglichkeiten aus der Welt zu schaffen. Sie denken nicht mehr über die Folgen nach. Mit dem gelben Hut wird der Nutzen eines Problems mehr und mehr bewusst. Dadurch steht man erstens nicht mehr unter Handlungsdruck, und kann zweitens nützliche Nebenwirkungen eines problematischen Zustandes im Blick behalten.

Der grüne Hut

Dieser steht für kreative Energie. Während dieser Phase darf jeder Teilnehmer seine Ideen, Alternativen, Skizzen, Fantasien und Entwürfe einbringen.
Die Aufgabe dieses Hutes ist, dass er "formell" zur Kreativität aufgefordert. Der Organisationsberater Peter Kruse sagt, dass jede Organisation einen Spinner braucht, der ständig Ideen produziert und stört. Mit dem grünen Hut wird die ganze Gruppe auf die "Spinnerei" eingeeicht.
Diese Denkperspektive ist deshalb so wichtig, weil sie Alternativen produziert. Zwar fällt vielen Menschen genau dies am Anfang schwer, doch indem eine ganze Gruppe mit viel Lust und Spaß mehr oder weniger passable Ideen entwickelt, werden auch "unkreative" Menschen mitgerissen und beteiligen sich.

Der blaue Hut

Der blaue Hut steht für Kontrolle.
Normalerweise läuft das Sechs-Hüte-Denken so ab, dass jemand sagt: "Das war ein toller roter Hut! Ich hätte jetzt gerne ein paar gelbe Hüte."
Der blaue Hut kommt genau dann ins Spiel, wenn es entweder darum geht, den Prozess zu strukturieren ("Lasst uns jetzt erstmal zum gelben Hut kommen, und dann finde ich den schwarzen Hut sinnvoll.") oder wenn der Prozess an Kraft verliert oder entgleitet ("Wir haben uns zu sehr in der Kritik verrannt. Was haltet ihr davon, wenn wir uns jetzt erstmal auf rote, gelbe und grüne Hüte beschränken. Seid Ihr mit einer halben Stunde einverstanden?").
In dieser Phase geht es nicht darum, Menschen zu kritisieren. Das ist allgemein verboten. Für diese Kreativitätstechnik gilt, was auch für das systemische Denken gilt: respektvoll gegenüber Menschen, respektloses gegenüber Ideen.

Fazit

Am Anfang macht diese Technik Mühe. Man muss sich zunächst daran gewöhnen, dass jede Denkweise ihren Platz findet, nur eben nicht immer bei dem entsprechenden Hut. Ist aber erstmal diese anfängliche Hürde überwunden, erleichtert das Sechs-Hüte-Denken die ganze Organisation, von kreativen bis hin zu planerischen Prozessen.
Literaturempfehlung:
  • De Bono, Edward: Der kluge Kopf, Heidelberg 2004, S. 105-124

08.11.2018

Die schlechten Rechten

Der Merkur hat dankenswerterweise einige Aspekte zum Migrationspakt aufgeschrieben, die etwas ganz anderes darstellen, als das, was die AfD weiterhin auf ihrer Partei-Website postet. So schreibt der Merkur sehr richtig, dass der Migrationspakt vor allem auch den Kampf gegen die Schleuser und die Bekämpfung von migrationsauslösenden Faktoren über staatliche Grenzen hinweg intensivieren soll. Illegale Migration soll unter anderem dadurch auch verhindert werden, dass alle unterzeichnenden Staaten sich „verpflichten“, Migrantinnen mit Papieren zu versorgen. Ein solches Papier zur Feststellung der Identität ist nicht, wie da neulich so jemand frech gegen mich einwandte, ein Pass, sondern eben ein Papier. Wie das in den jeweiligen Staaten geregelt wird, müssen die Staaten dann noch selbst entscheiden. (Merkur)

Aspekte, die für Deutschland nicht relevant sind

Es gibt andere Forderungen, die zum Beispiel für Deutschland gar nicht fordern, da diese hier längst umgesetzt worden sind, so zum Beispiel die „menschenwürdige Behandlung am Arbeitsplatz“. Da darf man gelegentlich uzen, denn so eindeutig scheint das manchem Arbeitgeber doch nicht zu sein, auch in Deutschland nicht. Aber weitestgehend unterscheidet das doch Deutschland von ganz anderen Arbeitsbedingungen, die man weniger als Arbeit, denn als Sklaverei bezeichnen könnte. Auch der Zugang zur Grundleistungen ist für Menschen in Deutschland weitestgehend gesichert. Wer hier ist, hat Anspruch auf medizinische Versorgung, auf ein Dach über den Kopf, Nahrung und Kleider.

Zwei Seiten der Nicht-Kommunikation

Die derzeitige, zum Teil völlig überhitzte Debatte um den Migrationspakt wird tatsächlich von zwei Seiten angefeuert. Die schlimmere, weil bösartige, ist die der Rechten (oder Rechtsradikalen), weil diese einfach unterstellen, was in diesem Papier überhaupt nicht zu finden ist, und auf der anderen Seite alles weglassen, was darin zu lesen steht. Dafür steht zum Beispiel die AfD. Ich komme gleich darauf zurück.
Georg Anastasiadis hat in einem Kommentar allerdings auch die andere Seite stark kritisiert: natürlich muss ein solches Rahmenwerk in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Dies gebietet das demokratische Gewissen. Die Diskussion dürfte allerdings auch deshalb hinreichend schwierig sein, weil, wie Marian Wendt (CDU) zum besten gibt, das Rahmendokument noch zu viele Fragen aufwerfe. Dieser letzte Einwand ist natürlich deshalb unsinnig, weil Rahmenwerke immer relativ offen gehalten sind. Sie weisen auf ferne Ziele hin, ohne die genaue Auskleidung und den genauen Weg dorthin zu kennen. Sie machen nur deutlich, dass diese Ziele von besonders vielen Regierungen als gut anerkannt werden, und setzen andere, abweichende Ziele unter besonderen Legitimationsdruck.
Trotzdem ist es eben auch Sinn einer Demokratie, solche Rahmenwerke zu diskutieren. Und da geht es noch nicht einmal darum, ob dieses Rahmenwerk vollständig abgelehnt werden muss, sondern auch darum, wie man es konkretisieren könnte. In dieser Fassung, wie er derzeit vorliegt, ist der Migrationspakt kein Einwanderungspakt; er bietet noch immer sehr viel Raum auch für recht krude hegemoniale Ansprüche. Die Hoffnung ist natürlich, dass die unterzeichnenden Staaten den Migrationspakt nun nicht auf seine Grenzen hin austesten, sondern sich zugleich mit der Migrationspolitik auch in anderen politischen Gebieten in Richtung einer Demokratisierung bewegen. In Deutschland müsste man eben diskutieren, wo und in welchem Maße sich die deutschen Ansprüche zugleich mit den Rechten von Migrantinnen und den Bürgern anderer Staaten verwirklichen lassen. Dazu sind aber die Gebiete, die in diesem Rahmenwerk angesprochen werden, zu vielfältig und im einzelnen zu komplex, um ein eindeutiges Ja oder Nein äußern zu können. Aber genau dem trägt ja auch der Migrationspakt Rechnung.

Den Migrationspakt stoppen

Dies möchte die AfD. So betitelt sie ihre Website zu dem Thema. Doch schon der erste Satz ist eine faustdicke Lüge. Es sollte einen nicht wundern. Die AfD schreibt:
Am 10. Dezember 2018 will die Bundesregierung einem internationalen Abkommen Global Compact for Migration beitreten, dass Migranten aus aller Welt weitgehende Rechte zu Migration, auch nach Deutschland, einräumt.
Falsch ist schon, dass Migranten das Recht zur Migration eingeräumt werden würde. Der Migrationspakt möchte nur die Situation der Migrantinnen unter bessere rechtliche Bedingungen stellen. Das Recht, in jedes Land zu migrieren, wird ihnen dagegen mit keinem Wort eingeräumt. Tatsächlich steht im Migrationspakt etwas ganz anderes, nämlich die Verhinderung von Migration:
Dieser Globale Pakt hat das Ziel, die nachteiligen Kräfte und strukturellen Faktoren zu minimieren, die Menschen daran hindern, in ihren Herkunftsländern eine nachhaltige Existenzgrundlage aufzubauen und aufrechtzuerhalten, und die sie dazu veranlassen, anderswo nach einer besseren Zukunft zu suchen.
Und man höre, unter diesem nicht besonders schön formulierten Satz mit seinen mehrfachen Verneinungen, dass es das Ziel ist, den Menschen zu ermöglichen, in ihrer Heimat eine Existenzgrundlage aufzubauen, so dass sie ihre Zukunft nicht in einem anderen Land sehen (müssen). Dazu gehört der Zugang zu Wasser, zu Grundnahrungsmitteln, zur Bildung; dazu gehört eine deeskalierend arbeitende Polizei und ein positivistisches Rechtssystem.
Auch andere Teile der Stellungnahme der AfD erweisen sich als schlichte Lügen. Noch einmal behauptet die AfD, der Migrationspakt benenne „praktisch nur die Rechte der ›Migranten‹ und die Pflichten der Zielländer“; aber dazu hatte ich schon vor einigen Tagen geschrieben, dass es zu einer der Grundlagen für die Verbesserung der Situation der Migranten auch gehört, dass die Migranten sich an das Rechtssystem eines Landes halten. Das mag dem einen oder anderen Migranten nicht passen. Zugegeben. Im allgemeinen aber kann man doch konstatieren, dass die meisten Migranten eine relativ geordnete und pazifizierte Situation den zum Teil chaotischen Situationen ihrer Herkunftsländer vorziehen. Genau das macht ja, zumindest derzeit noch, westliche Länder so attraktiv.
Zwei andere Punkte, die die AfD ins Spiel bringt, lassen sich beim Lesen des Migrationspaktes ebenfalls als fadenscheinige Lügen aufzeigen: weder werden die möglichen Gefahren für die innere Sicherheit durch Zuwandererkriminalität ausgeblendet, noch wird die problematische Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen ausgeklammert.
Schließlich fordert der Migrationspakt auch nicht dazu auf, dass „in den Medien über die Vorteile der Zuwanderung im Sinne einer ›Bereicherung der Gesellschaft‹ zu berichten“ sei. Vielmehr solle die Regierung Maßnahmen ergreifen, die die Diskriminierung und Herabwürdigung von Migrantinnen verhindert. Dazu gehört offener Rassismus und Sexismus. Und die Formulierungen im Migrationspakt sind auch deshalb nicht wirklich adressiert, weil Rassismus und Sexismus natürlich auch durch Migrantinnen stattfinden kann. Es geht ja nicht darum, sexuelle Übergriffe durch Migranten zu leugnen. Es geht ausschließlich darum, dass Migranten nicht automatisch auch sexuell übergriffig sind, und dass man sie deshalb auch nicht verurteilen kann, bevor sie eine Tat begangen haben. Denn so schwierig der Begriff der Vorurteilslosigkeit auch ist, so geht es eben darum, dass ein fehlendes Vorurteil eben noch lange nicht bedeutet, dass ein Gericht nicht über einen Menschen wegen Fehlverhaltens urteilen würde. Aber das macht eben das Gericht. Und nicht der Mob auf der Straße.
Lügen also, nichts als Lügen. Hanebüchene Vereinfachungen, boshafte Unterstellungen, ein einziges aufgeheiztes blablabla. Und mehr hat die AfD zum Migrationspakt auch nicht zu sagen. Wie sie auch zu vielen anderen Sachen nichts zu sagen hat. In der Causa von der Leyen müssen Grüne, FDP und Linke ohne den AfD-Abgeordneten Rüdiger Lucassen auskommen. Er fiel „entweder durch Schweigen oder durch Abwesenheit auf“ (Welt).

Hartes Programm

Ich lese, ich schreibe, ich programmiere. Und so ein ganz klein bisschen mache ich auch noch ganz andere Sachen.
Seit drei Monaten ziehe ich ein hartes Programm durch. Ein wenig Programmieren habe ich ja schon immer können, Gestaltung von Webseiten, mal die eine oder andere Verhübschung mit JavaScript, kleinere Spiele mit Python. Aber all das hat mir schon lange nicht mehr gereicht. Seit zwei Jahren springe ich zwischen Java und Python (und gelegentlich anderen Sprachen) hin und her.
Möglichst jeden Tag versuche ich einen bestimmten Aspekt der Java-Programmierung zu wiederholen und ein kleines, halbwegs sinnvolles Programmchen damit zu schreiben. Und sofern mir die Zeit bleibt, erarbeite ich mir auch neue Sachen; oder ich reflektiere. Derzeit diszipliniere ich mich, meine Programme vorher mit UML zu entwerfen und diese dann nach Plan umzusetzen. Funktionieren diese Programme nicht, arbeite ich zunächst nicht an den Programmen direkt weiter, sondern gleiche Ideen zu meinem Plan mit den Ideen ab, die mir während des Programmierens noch gekommen sind, und mit den Fehlermeldungen oder Fehlfunktionen des „fertigen“ Programms.
Das mag mühselig erscheinen. Aber gerade derzeit schreite ich wieder mit Riesenschritten voran. Ich habe es noch nie geschafft, innerhalb von einer Stunde zwölf Klassen zu schreiben. Vor allem dann auch mal zwölf (oder mehr) Klassen, die auf Anhieb genau das miteinander getan haben, was ich von ihnen haben wollte.

15.10.2018

Satanische Migration

Am besten gefallen hat mir die Behauptung, der Migrationspakt sei das Werk von Satanisten.

Wir: die unterdrückte Minderheit

Gerade arbeite ich mich durch die ganzen Werke hindurch, die von der UNO im Rahmen des Migrationspaktes veröffentlicht worden sind. Und ich darf die frohe Botschaft verkünden, dass die Autoren und Autorinnen von solchen Blogs wie Die Achse des Guten, von online-Zeitschriften wie der Schweizer Morgenpost oder solchen Politikerinnen wie der AfD-Abgeordneten Nicole Höchst keinerlei Ahnung haben, was in diesen Papieren steht.
So gibt die Schweizer Morgenpost an, die Absichtserklärung von Marrakesch sähe den Zuzug von bis zu 300 Millionen Afrikanern bis 2068 vor. Und schreibt dann, wortwörtlich:
Dies wird im Ergebnis dazu führen, dass die einheimischen Bevölkerungen zu unterdrückten rechtlosen Minderheiten innerhalb ihrer eigenen Heimat werden.

Die Erklärung von Marrakesch

Sieht man sich allerdings die Erklärung von Marrakesch an, so enthält diese zwar auch die Verrechtlichung legaler Migration, vor allem aber die Unterbindung illegaler Migration, die Bekämpfung von Schleusern und Maßnahmen, um junge Menschen in ihrer Heimat zu binden.
Legale Migration hört sich für unsere Rechtsradikalen vermutlich auch nicht so toll an. Dazu gehören aber auch Bildungsmigranten (also zum Beispiel Studenten und Studentinnen, die in Europa Auslandssemester oder eventuell sogar ein ganzes Studium absolvieren können), die leichtere Möglichkeit, Fachkräfte auszutauschen (zum Beispiel der Austausch zwischen Ärztegemeinschaften) oder gemeinsame Bildungsprojekte über das Internet (die dann auch gegen Ursachen der Migration gerichtet sind).
Es stimmt übrigens auch nichts von den Zahlen; die Absichtserklärung von Marrakesch ist keine neue, sondern nur eine Folgeerklärung. Sie beruht auf dem sogenannten Rabat-Prozess, ebenfalls eine Absichtserklärung von 2006. Es ist also sehr überraschend, wenn nun jemand auf Facebook behauptet, der Migrationspakt käme überraschend und sei hinter dem Rücken der deutschen Bevölkerung und gegen diese ausgearbeitet worden.

Grenzpolitische Konzepte und Relegalisierung

Was findet sich noch in der Absichtserklärung von Marrakesch? Zum Beispiel die Koordination von Grenzkontrollen und gemeinsamer grenzpolitischer Konzepte. Dies ist sinnvoll, weil einseitig betriebene Grenzen dazu neigen, für das Jenseits blind zu sein. Auch das ist eine Maßnahme gegen illegale Migration.
Ein anderer Punkt sind Maßnahmen zur Rückkehr, Relegalisierung und Reintegration von Migranten und Migrantinnen in ihr Heimatland. Gerade die Relegalisierung kann für Menschen aus politisch unsicheren Ländern ein großes Problem darstellen. Auch wenn sich die politische Lage entschärft hat, werden hier allzu häufig alte Urteile weitergetragen. D. h., dass sich zwar die Rahmenbedingungen für eine Verurteilung eines Migranten geändert haben, aber noch nicht das Urteil selbst. Damit wird die Ursache für die Flucht nicht beseitigt. Dies soll, innerhalb der Möglichkeiten des jeweiligen Landes, schneller bewältigt werden, um eine legale Rückkehr zu fördern.
Man hätte es vorher sagen können, aber es ist ja sinnvoll, sich ein eigenes Bild zu machen, und so kann ich es jetzt sagen, auf Widerruf, denn ich habe bisher noch lange nicht alle Absichtserklärungen gelesen: was sich zum Beispiel die AfD auf ihren Seiten zusammenspinnert, ist eben nichts anderes als Spinnerei.

Die Lügen der AfD

Ein letztes Beispiel: die AfD schreibt:
Es wird keine Integration in die Kultur der Einwanderungsländer erwartet. Die eigene Kultur und Rechtsordnung (zum Beispiel Sharia) kann beibehalten werden.
Im Migrationspakt steht aber:
Der Globale Pakt bekräftigt das souveräne Recht der Staaten, ihre nationale Migrationspolitik selbst zu bestimmen, sowie ihr Vorrecht, die Migration innerhalb ihres Hoheitsbereichs in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht selbst zu regeln. Innerhalb ihres Hoheitsbereichs dürfen die Staaten zwischen regulärem und irregulärem Migrationsstatus unterscheiden, einschließlich bei der Festlegung ihrer gesetzgeberischen und politischen Maßnahmen zur Umsetzung des Globalen Paktes, unter Berücksichtigung der verschiedenen nationalen Realitäten, Politiken, Prioritäten und Bestimmungen für Einreise, Aufenthalt und Arbeit und im Einklang mit dem Völkerrecht;
[…] Der Globale Pakt erkennt an, dass die Achtung der Rechtsstaatlichkeit, die Einhaltung ordnungsgemäßer Verfahren und der Zugang zur Justiz für alle Aspekte einer gesteuerten Migration von grundlegender Bedeutung sind. Das bedeutet, dass der Staat, öffentliche und private Institutionen und Einrichtungen sowie alle Personen an Gesetze gebunden sind, die öffentlich verkündet und in gleicher Weise angewandt werden, über deren Einhaltung unabhängige Gerichte wachen und die mit dem Völkerrecht im Einklang stehen; […]

Positive Migration

Das ist etwas differenzierter gesagt. Die Migration soll nicht unterbunden werden; sie soll aber transnational geregelt werden. Migration muss, wie oben gesagt, nichts schlechtes bedeuten. Sie kann, im Falle von Bildung zum Beispiel, zu einer Förderung der Herkunftsländer führen, etwa, wenn Kompetenzen zur weiteren Demokratisierung eines Landes und zum Aufbau einer funktionierenden und vielfältigen Wirtschaft genutzt werden.
Migration ist nicht so einfach, wie die AfD dies darstellt. Tatsächlich trifft ein Teil der von der AfD aufgeführten Punkte überhaupt nicht die Sachverhalte; ich habe hier deshalb so ausführlich aus dem Migrationspakt zitiert, um alleine die Behauptung zu widerlegen, Migrantinnen und Migranten hätten sich nicht an das geltende Rechtssystem zu halten. Dies ist eine glatte Lüge. Auch alle anderen Punkte der AfD lassen sich rasch widerlegen. Man muss den Migrationspakt nur lesen.

Faschistisch und dumm

Fazit bleibt, was man als halbwegs gebildeter Mensch eigentlich schon immer wusste: die AfD, die Achse des Guten, der PI-Blog und solche Vertreter wie Vera Lengsfeld oder Henrik Broder sind entweder nicht in der Lage, vernünftig zu lesen, vernünftig zu recherchieren oder vernünftig zu denken.
Als Manuela Rottmann die Petentin für die Gemeinsame Erklärung 2018, Vera Lengsfeld, fragte, was sie eigentlich wolle, hat sie wohl das ausgedrückt. Die Absichtserklärung, die der Migrationspakt darstellt, ist eben eine Absichtserklärung. Deutschland gibt damit nicht seine Souveränität aus den Händen. Sie ist noch nicht einmal rechtlich bindend. Die meisten Aspekte des Migrationspaktes sind auch keine zur Förderung der Migration, sondern zu ihrer Verhinderung. Und so ist es reichlich paradox, gegen den Migrationspakt zu sein, wenn man gegen Migration ist.
Informiert euch aber bitte selbst. Alles, was beschlossen wurde und beschlossen wird, Absichten, nicht Gesetze, liegt öffentlich vor. Wer auf die Lügen der Faschisten reinfällt, ist selbst Schuld.

06.08.2018

Entstellte Ähnlichkeit

Ungünstig ist es in unserer schnelllebigen Zeit, ein Buch zu empfehlen, das bereits zwanzig Jahre alt ist; doch gibt es Bücher, in die sich jedes Mal von neuem ein Jetzt der Erkennbarkeit einschreibt. Und nicht ganz unzufällig ist es, dass sich diese Figur nicht nur im Lesen zu erkennen gibt, sondern auch als Theoriestück von der Autorin behandelt wird.
Denn das Jetzt der Erkennbarkeit offenbart sich darin, dass sich jedes Mal, sobald man zu einem reichen, tiefen und dichten Buch zurückkehrt, eine andere Konstellation den Weg in die Erinnerung zurückweist. Aber ich gebe es zu: diese andere Konstellation habe ich mir billig erkauft. Zu lange ist es her, dass ich mich intensiv mit diesem Buch beschäftigt habe. Seitdem sind die Zwillingstürme und viele tausend Menschen durch einen feigen Terroranschlag vernichtet worden, habe ich das Studium beendet und bin dem Sohn nach Berlin gefolgt, hat Chantal Mouffe gegen die kosmopolitische Illusion geschrieben, die Schröder-Regierung die Arbeitslosenhilfe reformiert, und Jacques Derrida starb, erwarb ich die Gesamtausgabe von Kant und begeisterte und verzweifelte an dieser Lektüre; die Immobilienblase platzte, und Judith Butler schrieb über die Macht der Geschlechternormen. Ich kehrte in den Schuldienst zurück und beschäftigte mich nebenher mit dem Programmieren. Metz und Seeßlen veröffentlichten Blödmaschinen und Rahel Jaeggi Kritik von Lebensformen und Martha Nussbaum Politische Emotionen. Der Rechtsruck erreichte die deutsche Demokratie und wurde dann auch, einige Jahre später, von einer breiteren Bevölkerung wahrgenommen. Ich las Hannah Arendt.
So ist die Rückkehr zu Sigrid Weigels Monographie über Walter Benjamins theoretische Schreibweise auch eine Neuentdeckung. Sigrid Weigel, mittlerweile emeritierte Professorin, forschte und forscht über ikonische Präsenz und epistemischen Gehalt von Bildern und den Schnittstellen zwischen Psychoanalyse und Neurophysiologie. Ersteres arbeitet an den Erkenntnismöglichkeiten, die in unserer zunehmend visuellen Welt durch Bilder erzeugt werden; zweiteres greift (auch) auf die nicht ganz überraschende Erkenntnis zurück, die der Neurologe Gebhard Roth in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit äußerte: dass es zwischen der Hirnforschung und der Psychoanalyse erstaunlich viele Analogien gäbe.
Das Buch allerdings, welches mittlerweile aus dem offiziellen Verlagsprogramm heraus genommen wurde, geht in zum Teil minutiöser Lektüre den Verschiebungen sprachlicher Bilder in Walter Benjamins Gesamtwerk nach, von den Jugendschriften über die stärker an Messianismus und Ästhetik orientierten Aufsätze bis hin zu seiner materialistischen und gedächtnistheoretischen Wende; und kann dadurch die Entwicklung von Benjamins Schreibweise anhand der Verschiebung von diesen sprachlichen Bildern aber auch die Reifung der benjaminschen Theorie nachzeichnen.
Zeichnen der erste und der zweite Teil zum einen den Wandel der Gedächtnistheorie nach, zum anderen jene Leib- und Bildräume, die sich aus der literarischen Figur der Allegorie entwickeln, wird im dritten Teil auf die Gegenwärtigkeit des benjaminschen Denkens Bezug genommen.
Wie mächtig Benjamins Denken ist, mag man daran sehen, wie er die Gedächtnistheorie aus ihrer falschen Objektivität herausholt. Ohne dies je so gesagt zu haben, kann auch bei Benjamin das menschliche Gedächtnis nicht die Vergangenheit in sich hüten: das Gehirn operiert immer aktuell (Heinz von Förster). Diese neurophysiologische Erkenntnis nimmt Benjamin vorweg, indem er die Objektivität des Erinnerns anzweifelt und dem ein Jetzt der Erkennbarkeit entgegensetzt. Diese Umkehrung ist zwar nicht gänzlich neu, und durch Nietzsche, Freud und Bergson glücklich vorbereitet, doch in dieser Schärfe und Tiefe dies für die Kulturwissenschaften fruchtbar zu machen Benjamins herausragender Verdienst.
Freilich, dieses Buch, von Weigel geschrieben, zieht nur einige Fäden aus dem Volumen, welches Benjamin uns hinterlassen hat. Sie erleichtern die Lektüre des Originals ungemein. Das ist ihr Verdienst. Es ist als Monographie philosophisch, ohne selbst zu philosophieren; die Autorin zeichnet nach, fasst zusammen, erläutert und lässt Benjamin selbst sprechen.
Mit einem gewissen Unglück steht allerdings der letzte Teil da. Die Aktualität Benjamins wurde mittlerweile auf vielfache Weise weiter gewandelt. Ist das erste Kapitel des letzten Teils Michel Foucault gewidmet, so liegen seit einigen Jahren die gesammelten Schriften und die Vorlesungen der Öffentlichkeit vor; ganz zu schweigen von der immens gewachsenen Sekundärliteratur. Sie erforderten einen genaueren, besseren Vergleich.
Ebenso scheint die politische Realität Benjamin zu überholen, wenn auch in umgedrehter Richtung. Denn was Hannah Arendt 1943 schrieb, »dass die Zeitgeschichte eine neue Gattung von Menschen geschaffen hat – Menschen, die von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden«, schien zwei Jahre später für lange Zeit keine politische Option mehr zu sein; sie ist es wieder, sie wird dreist und unter dem Namen der Realpolitik diskutiert und ausgehandelt und bewerkstelligt. So wenig damals wie heute das Entsetzen integrierbar, so wenig ist Benjamin inaktuell. Dies natürlich kann das Buch nicht mehr sagen. Aber es kann ein Fundament legen, wo das Schweigen nicht mehr ausreicht, gegen die Entmenschlichung aufzustehen, ohne die Lust auf Erkenntnis aufzugeben.

15.07.2018

Lacan. Eine Einführung

Man kann zu Slavoj Žižek sagen, was man will; er gehört, ob man ihm folgen möchte oder nicht, zu den vergnüglichen und scharfsinnigen Autoren. Sein Büchlein über Jacques Lacan ist darin nicht anders. Und wie viele der Philosophen, die nett zu plaudern vermögen, so wie überhaupt jedes Buch von Žižek, birgt auch dieses die Gefahr, dass die dahinterstehende Methode aus dem Blick gerät, und damit der systematische Zusammenhang, den Lacan in seinen Vorlesungen und Schriften herausarbeitet.
Mit 148 Seiten (den darumstehenden Apparat abgerechnet) ist dieses Buch natürlich zu kurz, um mehr als eine Einführung zu sein. Insofern ist es schon erstaunlich, wie viele zentrale Gedanken Žižek gleichsam im Vorübergehen vermitteln kann.

Das nutzlose Geschenk der Liebe

So erklärt Žižek zum Beispiel, warum sich Liebende eigentlich immer nur unnütze Dinge schenken: gerade weil diese Dinge nicht nützlich sind, transportieren sie in reinster Weise das Kümmern des anderen. Sie bedeuten nichts anderes als die Nichtigkeit des Zweckmäßigen. Und so sind gerade die kleinen, überflüssigen Sachen ein Zeichen dafür, dass man nichts geschenkt und nichts angenommen hat, während man zugleich alles, nämlich sich selbst, geschenkt und alles angenommen hat.

Interpassivität

Die Masse der Narzissten

Ein anderer hübscher Gedanke ist der der Interpassivität. Man tut etwas, um nichts zu tun.
Man erlebt das manchmal bei einer Schreibblockade: der Autor kann nicht weiterschreiben, er tut alle möglichen Sachen, die gerade nichts mit dem Schreiben zu tun haben. Er tut also etwas, aber es ist nicht das Schreiben. Und doch –
Das Problem dabei ist, dass sich die geheimen Vorstellungen auf ein anderes Objekt verschoben haben, weil die eigentliche Tätigkeit keine Befriedigung mehr bietet. Denn tatsächlich leben wir in einer Kultur, in der das geschriebene Wort so massenweise auftaucht, dass sie die narzisstische Stellung des Autors nicht mehr zu bedienen vermag.

Ghostwriting

Und so taucht der Ghostwriter an dieser Stelle auf. Er schreibt, was man selber nicht schreiben kann oder wozu einem das Begehren fehlt, damit man selbst etwas anderes tun kann, zum Beispiel in Urlaub fahren.
Dann darf man sich auch beklagen, dass das Ghostwriting so teuer ist und setzt die Mühen des Schreibens den Mühen des Geldverdienens entgegen. Das kann sogar soweit führen, dass man den Preis herunterzuhandeln versucht, weil der Vater ja schließlich schon das ganze Studium bezahlt habe und jetzt nicht auch noch so viel Geld für die Masterarbeit bezahlen solle. (Die Dame hat sich übrigens, laut ihren eigenen Aussagen, während des Studiums vor allem um ihr Pferd kümmern müssen. Deshalb konnte sie nicht so oft in den Seminaren sitzen.)

Fundamentalistisch sein

Die drei rhetorischen Figuren des Perversen

Žižek ist auch ein scharfer Beobachter und Kritiker radikaler Tendenzen. Dass er sich dabei des Öfteren über islamistische Fundamentalisten auslässt, hat ihm gelegentlich das Lob aus dem „rechten“ und rechtsradikalen Lager eingebracht. Dabei lässt sich die Kritik auf einfachste Weise auch auf den Rechtsradikalismus anwenden, oder auf gewisse Formen, die das Christentum derzeit wieder in den Vordergrund zu rücken scheinen.
Die Idee ist relativ einfach: der Fundamentalist ist einfach ein Perverser. Der Perverse wird nicht durch seine bizarren Praktiken definiert (tatsächlich üben nur ein kleiner Teil der Perversen solche sexuellen Tätigkeiten aus), sondern dadurch, dass er als Instrument eines höheren Willens nicht nur den direkten Zugang zur Wahrheit besitzt, sondern zu einer apokalyptischen Wahrheit (dem göttlichen Gericht).
Die rhetorischen Figuren dahinter sind einfach: zunächst ist die Realität nur eine Allegorie höherer Mächte; dann wird die Spaltung auf einseitige Weise verdoppelt: die Leugner des wahren Glaubens bestätigen diesen und so wird aus der Bejahung und Verneinung eine Bejahung als Bejahung und eine Verneinung als Bejahung; drittens aber wird der Beweis umgekehrt: das, was beabsichtigt wird, dient nun als Beweis für den eigenen, höheren Status: Nicht führt der Glaube an die Wahrheit zum Tod, sondern der (zukünftige) Tod beweist die Wahrhaftigkeit des Glaubens.

Etwas durch sich hindurch glauben lassen

Žižek begründet aber auch sehr präzise, warum der Perverse nicht selbst glaubt und noch nicht einmal wirklich „religiös“ leben muss: denn der höhere Andere glaubt durch den Perversen hindurch und legitimiert, egal was dieser tut. Ohne Frage gilt dies aber nicht nur für die eigentlichen Religionen, sondern auch für alle anderen möglichen ideologischen Systeme. Dies mag unter anderem erklären, warum gerade die Rechtsradikalen so herzlich wenig Ahnung von ihrer eigenen Kultur besitzen, und warum man zum Beispiel bei der AfD die seltsamsten, geradezu infantilen Überzeugungen findet.
Denn eine andere Sache zeichnet den Perversen, und damit den fundamentalistischen Ideologen aus: die religiösen Aussagen werden als empirische genommen. Denn obwohl man dies der sinnlichen Umwelt kaum wird abgewinnen können, scheinen diese Menschen in der Lage zu sein, das „Deutsche“ sehen und hören zu können, als würde es durch das Grün der Landschaft und dem Rauschen der Bäume direkt zu ihnen sprechen.

Lesenswert?

Eine Rezension sieht anders aus. Aber was soll ich wiederholen, was ich zum Lesen empfehle. Natürlich gibt es auch andere Bücher über Lacan, die man diesem entgegenstellen könnte. Nichts wäre einfacher als das.
Žižek spart auch alle Diagramme aus, mit denen Lacan seine Lehre illustriert hat, angefangen vom umgedrehten Zeichen bis hin zum Graphen des Begehrens. Diese sind, man kann es nicht anders sagen, für jemanden, der sich tatsächlich und ernsthaft mit Lacan auseinandersetzen will, natürlich eine Pflicht.
Aber was will man von einer Einführung anderes erwarten, als dass sie einem zentrale Aussagen in vergnüglicher Weise illustriert und ihren kritischen Wert demonstriert? Das ist Žižek nun gelungen. Und insofern macht dieses Buch auch Lust, sich intensiver mit dieser schillernden Gestalt auseinanderzusetzen.

09.06.2018

Was ist eine Proposition?

Die Proposition ist ein zentraler Begriff der kognitiven Psychologie. Im semantischen Gedächtnis bezeichnet er kleinste bedeutungstragende Einheit.

Tatsächlich geht der Begriff weit über die kognitiven Psychologie hinaus. Er bezeichnet einen ähnlichen Sachverhalt in der Logik, in der Grammatik und in der Informatik. Obwohl es hier viele Querverbindungen gibt, spielt in diesem Artikel nur der psychologischer Begriff eine Rolle.

Was aber ist eine Proposition?

Sie ist die mentale Repräsentation eines einfachen Satzes. Wenn Sie, lieber Leser, diesen Satz jetzt nicht verstanden haben, dann haben Sie noch keine Repräsentation dieses Satzes gebildet.
Das kann daran liegen, dass ein Satz Wörter enthält, die man nicht oder nur ungenau kennt. Oder ein Satz wäre in sich klar, ergibt aber im Kontext keinen Sinn. Schließlich kann der Satz schlichtweg zu lang sein.
Zu lange Sätze enthalten immer mehrere Propositionen. Muss der Leser diese mühsam auseinanderbasteln, versteht er zunächst den Sinn nicht.

Elemente der Proposition: Prädikat und Argument

Die Kognitionspsychologen gehen davon aus, dass sich ein Satz durch verschiedene Elemente im Gedächtnis abbildet. Genauer gesagt identifizieren sie zwei Typen von Elementen.
Der erste Typ ist das Prädikat. Das Prädikat existiert auch in Satz. Dort bezeichnet es das flektierte Verb. Mental ist es das Element, das die Argumente in einer bestimmten Art und Weise konstelliert und "zusammenhält". Die Satzglieder werden in der mentale Repräsentation zu Argumenten. Jedes Satzsubjekt, jede adverbiale Bestimmung ist ein Argument. Bei dem Wort Argument sollte man sich übrigens nicht davon stören lassen, dass es in der Rhetorik eine völlig andere Bedeutung hat.

Notation von Propositionen

In der Kognitionspsychologie ist es üblich, eine Proposition ähnlich wie in der Logik zu notieren. Aus dem Satz
Cäsar schenkt Kleopatra einen Sklaven.
wird
schenken (Cäsar, Kleopatra, Sklave).
Da diese Notation Missverständnisse hervorrufen kann, fügt man zusätzlich Hinweise auf die Beziehung ein. Diese nennt man auch Kasusrolle. Das sieht dann folgendermaßen aus:
schenken (wer? Cäsar, wem? Kleopatra, was? Sklave).

Propositionen bilden die Elemente von Begriffen

Zwar sind Propositionen die kleinsten Einheiten im semantische Gedächtnis, doch stehen sie selten alleine da. Sie vernetzen sich untereinander und bilden so Begriffe.
Ein Begriff wiederum wird bestimmt als das kleinste ordnungsschaffende Werkzeug unseres Denkens. Propositionen tragen also einen bestimmten Sinn, in unserem Denken schaffen aber die Begriffe die "gute" Struktur.

Propositionen legen Handlungen nahe

Da eine Proposition ein Prädikat enthält, und da dieses Prädikat auf eine Handlung verweist, strukturieren diese unser Handeln. Allerdings kann man nicht sagen, dass sie es alleine tun. So spielen viele andere Aspekte eine Rolle, zum Beispiel zu welchen Begriff eine Proposition gehört, wie sich die Begriffe untereinander anordnen, und nicht zuletzt Emotionen und Motivationen.

Metakognition

Einer der wichtigsten Aspekte des Problemlösens und kreativen Denkens ist die Metakognition. Zu der Metakognition gehört auch, dass man sein eigenes Denken in Elemente zerlegen und es dadurch analysieren kann. Wiederum spielt die Proposition eine zentrale Rolle.
Arbeitet man an einem Problem und kommt nicht weiter, dann hilft es, die Propositionen aufzuschreiben. Einfacher gesagt ist dies nichts anderes, als dass man seine eigenen Gedanken zu Papier bringt. Meist sieht man dann sofort, wo man sich blockiert hat. Mit ein wenig Übung und Reflexionsvermögen kann man aber auch gedanklich seine eigenen Denkprozesse überprüfen und zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

Fazit

Die Proposition spielt eine zentrale Rolle bei sinnhaften Denkprozessen. Es ist mitunter äußerst schwierig und mühsam, einzelne Propositionen im eigenen Denkprozess zu erfassen. Trotzdem lohnt es sich, diese Arbeit immer wieder zu tun. Dadurch erlangt man größere geistige Klarheit und ein reicheres Verständnis von der Welt.

Die "What if"/"Was wäre, wenn …"-Technik und ihre Tücken

Wer kreativ schreiben möchte, lernt fast automatisch die "What if"-Technik kennen. Doch wie bei jeder Schreibtechnik muss man einiges beachten.

Zunächst ist diese Technik sehr einfach. Sie besteht darin, dass man eine neue Möglichkeit unterstellt.
Beispiele für solche "Was wäre, wenn …"-Fragen (mit dem Froschkönig als Bezug) sind:
  • Was wäre, wenn der Froschkönig einen üblen Plan verfolgt?
  • Was wäre, wenn die goldenen Kugel nicht einfach nur eine goldene Kugel ist?
  • Was wäre, wenn die Prinzessin selbst ziemlich hinterhältig ist?

Wie man an dieser Technik scheitert

Autoren haben häufig das Problem, dass sie die "Was wäre, wenn …"-Technik auf zu große oder zu abstrakte Themen anwendet. Fragen wie "Was wäre, wenn ein Werwolf sich in einer Allergikerin verliebt?" (ein zugegeben dummes Beispiel) lösen meist nicht ein viel wesentlicheres Problem, nämlich dass vielen Autoren die Fähigkeit zu einer konkreten und lebendigen Schilderung fehlt.
Für diese Autoren wird es häufig schwierig, aus dieser Technik sinnvolle, d.h. ergebnisorientierte Schreibprozesse zu entwickeln.

Wie man mit dieser Technik Erfolg hat

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man sich den Übergang zu eigenen Geschichten erleichtert.
Die erste Möglichkeit besteht ganz simpel darin, dass man die "Was wäre, wenn …"-Technik auf die eigene Lebenssituation anwendet. Beispiele:
  • Was wäre, wenn meine Freundin Therapeutin werden möchte?
  • Was wäre, wenn mein Nachbar Trompete spielen würde?
  • Was wäre, wenn meine Mutter unangemeldet zu Besuch kommt?
Die Fähigkeit, Alternativen zu entwickeln, übt man am besten an den Situationen, die man gut kennt.
Die zweite Möglichkeit ist fast genauso. Statt dass man "Was wäre, wenn …"-Fragen an den eigenen Alltag stellt, greift man zu einem Buch oder einer Geschichte. Oben hatten Sie drei Beispielfragen zu dem Froschkönig. Weitere Beispiele sind:
  • Was wäre, wenn Oskar Matzerath Flöte gespielt hätte?
  • Was wäre, wenn Bella (aus Twilight) Marxistin wäre?
  • Was wäre, wenn in Hogwarts auch Lesen und Schreiben unterrichtet hätte werden müssen?

Viele Fragen stellen

Die allerwichtigste Regel aber ist, dass man möglichst viele Fragen stellt, je mehr, desto besser.
Der Philosoph Edmund Husserl bezeichnet die Fantasie als Variation des Faktischen. Eine Vorlage ist also unbedingt notwendig. Zugleich bedeutet Variation, dass möglichst viele verschiedene, abweichende Betrachtungsweisen ins Spiel gebracht werden.
Dabei ist die Fantasie keine mystische Begabung, sondern eine Kompetenz. Kompetenzen lassen sich automatisieren, und deshalb ist auch die Fantasie eine Sache, die man zuerst einüben muss, und die nach einiger Zeit dann ganz automatisch abläuft.
Je mehr Sie eine Technik wie die "Was wäre, wenn …"-Technik einüben, umso mehr drängt sich diese Ihrem Denken auf und umso weniger müssen Sie sich anstrengen.
Nichts anderes propagiert der amerikanische Denktrainer Edward de Bono, wenn er das Erzeugen von Alternativen in den Mittelpunkt bestimmter Denktechniken stellt. Auch beim Problemlösen, wie die Kognitionswissenschaft es untersuchen, spielt diese Art der Fantasie eine wichtige Rolle. Sie wird vor allem unter dem Stichwort 'Analogien bilden' abgehandelt.

Fazit

Die "Was wäre, wenn …"-Technik muss tatsächlich als eine der Grundtechniken des kreativen Schreibens angesehen werden. Durch eine angemessenere Handhabung als dem wildem Herumprobieren kommt man rasch zu guten Ergebnissen.

Was ist individuelle Förderung?

Individuelle Förderung ist für die meisten Schulen verpflichtend. Doch wenn sie überhaupt umgesetzt wird, dann zu oft als Ausgleich von Defiziten.

Schulen und Lehrer haben eine ganze Menge Probleme im Alltag.
Die Sündenbockfunktion von Lehrern ist bekannt. Spätestens seit PISA aber erhöht sich der soziale und politische Druck auf Lehrer. Häufig wird von ihnen eine Unmenge an Kompetenzen abverlangt, die die Fordernden selbst nur zu einem kleinen Teil erfüllen können.
Eine dieser Kompetenzen ist die individuelle Förderung.

Förderung als Ausgleich von Defiziten

Altbekannt und am häufigsten praktiziert wird die Förderung, die Lerndefizite der Schüler ausgleichen soll. Ebenso alt ist die Kritik an dieser Art der Förderung. Und manchmal bleibt Verhaftetsein in der altbekannten defizitorientierten Förderung und dem Proklamieren einer völlig anderen Art des Förderns in einer kruden Widersprüchlichkeit nebeneinander bestehen.
Dies kann man an Lernentwicklungsplänen sehen, die sich deutlich von einer defizitären Förderung abheben wollen, und dann doch damit anfangen, aufzuzählen, was ein Schüler alles nicht kann.

Förderung und die Blindheit für Entwicklungen

Man trifft aber auch Gegenbeispiele. Der Lehrer (oder die Erzieherin) findet alles ganz toll. Alles kreativ, produktiv, supi, klasse, toll.
So viel Lob unterscheidet sich kaum von einem Schlag ins Gesicht.
Wenn Kinder auf die Welt kommen, orientieren sie sich an Problemen. Das Gehirn ist so strukturiert, dass es nicht nur mit Problemen umgehen kann, sondern sie geradezu sucht. Kinder erfahren also von Anfang an, dass sie nicht einfach nur super sind. Sicher, Kinder wollen geliebt werden und wenn möglich ohne Wenn und Aber. Wer aber Probleme schlichtweg leugnet, leugnet auch die Entwicklungserfahrung der Kinder und damit einen wesentlichen Bestandteil ihrer Identität.
Aus der Erfahrung mit Strategien des Mobbings weiß man, dass eine wichtige Strategie das Verleugnen von Entwicklungen, problematischen Entscheidungen, Problemen und Irrtümern ist. Dann muss man sich fragen, ob dieses bedingungslose Gutfinden des Kindes tatsächlich etwas anderes ist als Mobbing.
Und man kann gleich eine Frage an dieses Problem dran hängen: ist die Defizitorientierung, wie viele Schüler an den Tag legen, nicht doch eher eine Problemorientierung, die wir Erwachsenen nicht richtig wahrzunehmen gelernt haben?

Was aber kann dann individuelle Förderung sein?

Individuelle Förderung hängt von individuellen Entwicklungen ab. Individuelle Entwicklungen, man sollte meinen, dass dies selbstverständlich ist, sind vor allem psychische Entwicklungen und hier vorrangig dann die kognitiven, da diese am raschesten ablaufen. Natürlich darf man emotionale und motivationale Entwicklungen deshalb nicht für geringer erachten.
Trotzdem ergibt sich allein aus der Geschwindigkeit der kognitiven Entwicklung das Primat der individuellen kognitiven Förderung.
Dabei sollte man noch einen zweiten Punkt unbedingt beachten: ein Fehler (zum Beispiel ein Rechtschreibfehler) orientiert sich immer an einer sozialen Norm. Eine defizitorientierte Diagnose kann gar nicht individuell fördern, weil die Voraussetzung, aus der diese Diagnose entstanden ist, viel zu abstrakt gehalten ist.
Daraus ergibt sich eine zweite wesentliche Regel der individuellen Förderung: es werden keine Normen oder Normhandlungen gefördert, sondern Denkstrukturen.

Das Problem der Denkstrukturen

Denkstrukturen haben allerdings das Problem, dass sie sich nicht direkt beobachten lassen. Man kann sie nur in die Kinder hineininterpretieren, mit mehr oder weniger Sensibilität.
Hier kommt die Entwicklungspsychologie ins Spiel. Entwicklungspsychologen erforschen seit über 100 Jahren auch (und man kann sagen vorrangig) die kognitive Entwicklung. Auch wenn die Ergebnisse immer mit Vorsicht behandelt werden sollten, kann hier die Theorie sowohl Entwicklungsgesetze, als auch typische Abfolgen erklären.
Dabei ist die Theorie das eine. Zum anderen muss man lernen, diese idealtypischen inneren Entwicklungen aus dem Verhalten der Kinder zu erschließen. Diese andere Seite der Entwicklungspsychologie, die konkrete sinnliche Erfahrungen damit, ist die wesentlich anspruchsvollere Seite.
Man kann dies auch an der "Verwurstung" von Jean Piaget sehen: es gibt bei Piaget vier große Stufen der geistigen Entwicklung. Zu diesen geht er Altersstufen an. Nun wird Piaget häufig so verwendet, als wäre ein Kind mit zwei Jahren zwangsläufig in der entsprechenden geistigen Phase. Doch genau das ist ein Irrtum. Diese Altersangaben sind wie Fähnchen, wie ein Landvermesser in die Landschaft steckt. Die eigentliche Stufe der geistigen Entwicklung leitet sich aus kognitiven Funktionen ab. Piaget begründet, warum bestimmte geistige Leistungen zuerst entwickelt werden müssen, damit andere geistige Leistungen überhaupt eine Grundlage haben, auf der sie entstehen können.
Summa summarum kann man dann postulieren, dass man anhand der Entwicklungspsychologie in etwa sagen kann, wo ein Schüler im Moment steht, und was in nächster Zeit von ihm zu erwarten ist. Darauf kann man dann die Förderung aufbauen, ohne sich an Defiziten zu orientieren oder Problemorientierungen zu vernachlässigen.

Fazit

Folgt man diesen Gedankengängen, dann ist eine gute entwicklungspsychologische Ausbildung für Lehrer (aber auch für Eltern) dringend notwendig.

Deutsch - ein integrales Fach

Deutsch gilt als schöngeistig, wenn es um Literatur geht, als lästige Pflicht, wenn es um Rechtschreibung geht. Dabei mischt sich Sprache überall ein.
Mathias ist Systemadministrator. Seit Jahren programmiert er besonders gerne in Java. Java ist eine objektorientierte Programmiersprache.
Der "Satzbau" von Java sieht folgendermaßen aus:
MeinKuchen.mische (Mehl, Eier, Zucker, Salz, Öl, Wasser);

Ausflug ins objektorientierte Programmieren

"MeinKuchen" gilt dabei als Instanz eines Objektes. Ein Objekt in Java legt fest, welche Eigenschaften und welche Funktionen ein Objekt hat. Eine Instanz ist ein konkretes Objekt. Das kann man sich gut an einem konkreten Beispiel vorstellen: man kann eine ganze Menge Kuchen backen, die alle ähnlich sind. Das entspricht den Objekten. Aber wenn man einen Kuchen backt, kann man nur diesen einen Kuchen backen. Das ist die Instanz.
Damit ein ordentlicher Kuchen entsteht, müssen Handlungen ausgeführt werden. Das entspricht in Java den Funktionen. "MeinKuchen.mische" heißt also nichts anderes, als dass die Zutaten zu einem konkreten Kuchen gemischt werden. Eine Funktion in Java entspricht einem aktiven Verb im Satz.
Schließlich stehen hinter einer Funktion Argumente. Damit werden Variablen, Konstanten oder Instanzen bezeichnet, die "MeinKuchen" braucht, um die Funktion "mische" auszuführen. Mathias hat für sein Objekt "Kuchen" festgelegt, dass beim Mischen Mehl, Eier, Zucker, und so weiter verwendet werden sollen. Benutzt er jetzt eine konkrete Instanz, muss er dieser, wie im richtigen Leben, die richtigen Zutaten in Form von Argumenten mitgeben.

Propositionen - die Grundlage der Rhetorik

Mathias wohnt in Brüssel. Weit entfernt, in Berlin, sitzt sein jüngerer Bruder Stefan über Gedichten von der österreichischen Lyrikerin Friederike Mayröcker. Stefan ist Deutschlehrer. Er möchte mit seinen Schülern expressionistische Prosa besprechen und bereitet sich darauf penibel vor. Um die Gedichte rhetorisch zu erfassen, erarbeitet er sich zunächst ein Grundgerüst. Für das Gedicht März notiert er:
tanzen (mein grünes Herz, an der Innenseite der Regenbogen)
sich niederlassen (die Möven meines Verstandes)
sein (du, manchmal, perlgrau)
sein (du, versunken)
…
Was Stefan hier notiert, nennt man Propositionen. Propositionen sind formale Aufzeichnungen von Sätzen. Zu Beginn einer solchen steht ein Verb in der Grundform. In den Klammern dahinter finden sich die Satzteile, die man dann Argumente nennt. Hätte Stefan statt einfach nur "tanzen" "März.tanzen" geschrieben, hätte seine Gedichtsanalyse so ausgesehen:
März.tanzen (mein grünes Herz, an der Innenseite der Regenbogen)
Damit ist er schon fast beim objektorientierten Programmieren. Im Unterschied zu Java-Objekten ist die lyrische Sprache nicht auf einen funktionellen Aufbau bedacht, jedenfalls nicht in dieser Weise.
Trotzdem wird deutlich, was eine Gedichtinterpretation mit der Programmierung in Java zu tun hat. Expressionistische Lyrik kann Inhalt der elften Klassenstufe sein. Programmieren in Java schreiben die meisten Lehrpläne vor.

Textmuster

Ein weiteres Thema, in denen naturwissenschaftliche Fächer und Deutsch eng ineinander verzahnt sind, sind Textmuster.
Textmuster bilden sich entlang spezifischer fachlicher Anforderungen aus. So hat die Dokumentation eines Experimentes typischerweise die Beschreibung eines Aufbaus, die Beschreibung der Durchführung und die Erörterung des Ergebnisses (plus einigen weiteren Textmustern). Eine Dokumentation ist also eine spezifische Anordnung verschiedener Textmuster und Textinhalte.
Aber auch Dramen oder Romane eines bestimmten Genres haben typische Abfolgen. Bei vielen Krimis findet man die Abfolge Spuren erkunden (Beschreibung des Tatorts) - Spuren verfolgen (Verknüpfung des Tatorts/Mordopfers mit der sozialen Situation) - Gelegenheiten erkunden (Ausschluss von Möglichkeiten, wer die Tat begangen haben könnte). In Textmustern sähe die Abfolge so aus: Beschreibung - Interpretation - Erörterung. Das ist natürlich eine idealisierte Darstellung.
Trotzdem beruhen wissenschaftliche und fiktive Texte auf gleichen Prinzipien. Man muss sie nur genügend abstrahieren.

Sinnentnehmendes Lesen

Ein weiteres leidliches Thema ist das sinnentnehmende Lesen.
Je wissenschaftlicher naturwissenschaftlicher Unterricht wird, umso textlastiger ist er. Dabei arbeitet nicht nur der Deutschunterricht den naturwissenschaftlichen Fächern zu. Umgedreht wird auch die sprachliche Bildung zu einem Lernziel der Naturwissenschaften.
Scheuer, Kleffken und Ahlborn-Gockel von der Technischen Universität Dortmund schreiben:
"'Sprache als Gegenstand des Nachdenkens und als Mittel, die Welt und sich selbst zu verstehen und sich mit anderen zu verständigen' … nimmt bei der erfolgreichen Bewältigung des Alltags und des Bildungsweges eine Schlüsselrolle ein, …" Mit dem Modellprojekt "Kinder als Forscher und Entdecker - Ein neuer Weg der Sprachförderung" wird die Sprache als ein zentrales Werkzeug naturwissenschaftlichen Denkens "zurückerobert".

Fazit

Inhalte von Sprach- und Literaturwissenschaften sind von naturwissenschaftlichen Inhalten nicht zu trennen.
Hier stehen aber nicht nur die Lehrer in der Pflicht. Der Sinn dieser Verbindung muss gesamtgesellschaftlich getragen werden. Dabei spielen Eltern eine prägende Rolle.
Literatur:
  • Scheuer, Rupert/Kleffken, Brigitta/Ahlborn-Gockel, Sabine: Experimentieren als neuer Weg der Sprachförderung. Verknüpfung naturwissenschaftlicher und sprachlicher Bildung. in Höttecke, Dietmar (Hrsg.): Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens zwischen Phänomen und Systematik. Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik, Jahrestagung in Dresden 2009. Berlin 2010, S. 248-251.