15.11.2015

Kampf gegen den Terror; meine private Empfehlung

Vielleicht wären solche Meldungen eines neuen Hashtags wert, einer, der sich Infodumping nennt. Das ZDF erdreistet sich doch mit der Information, dass unter den Opfern der Anschläge in Paris auch ein Deutscher sei. Ja und? Macht das jetzt die Anschläge schlimmer, oder, wie man vielleicht boshafterweise auch behaupten könnte, besser? Hat sich damit die politische Lage verändert? Sind die Deutschen insgesamt jetzt anders betroffen? Was soll mir diese Information sagen?

Anteilnahme

Wichtiger, wenn auch nicht ganz so wichtig, dass die Menschen in Paris Blumen niederlegen. Schlimm ist, dass hier die politischen Aussagen zu symbolischen Gesten zusammen gekürzt werden. Die Le Monde hat einzelne Geschehnisse ausführlicher berichtet. Eines geht mir ganz besonders nahe: ein Mann filmt per Handy, wie ein junger Mann einen anderen, leblosen Körper aus dem Club Bataclan herauszieht und die Straße entlangschleift, bis ihm schließlich jemand zu Hilfe eilt und die beiden den immer noch leblosen Körper wegtragen. Der Mann, der mit dem Handy filmt, fragt mehrmals »Qu'est ce qui s'est passé?« – die Szene ist gespenstisch.

Gauck spricht von Krieg

Und dem widerspreche ich. Krieg wird zwischen Staaten geführt. Der IS ist kein Staat. Terror ja, Krieg nein. Ich mag Gauck mit seinen Übertreibungen überhaupt nicht. Sollten es nicht Pirinçci und Konsorten sein, die sich mit solchen Schnöseligkeiten ins rechte Licht rücken? Sollte der Bundespräsident denn wirklich mit nationalstaatlichem Furor die gegnerische Kriegserklärung antizipieren? – Ich denke nicht.
Gerade in dieser Situation sollten wir dafür danken, dass den meisten Europäern immer noch die Tugend der Mäßigung mehr entspricht als die Suada der Hetzrede. Und nein, ich möchte jetzt keine betroffenen Politiker sehen. Und ich glaube nicht, dass man solchen Taten durch politischen Aktionismus auf Staatsebene beantworten kann.

Europa hat eine großartige Tradition

Bedenken wir: Europa hat düstere Zeiten hinter sich; und vielleicht hat es düstere Zeiten vor sich. Aber gab es nicht so viele Menschen, so viele einzelne, mutige Menschen, die sich gegen diese Düsternis ausgesprochen haben, und die mit ihren Worten Lichträume geschaffen haben, Bücher der Klarheit und Bescheidenheit, Bücher der Selbstpositionierung und der Entdeckung dessen, worin wir uns noch fremd sind? War es nicht Nietzsche, einer der missverstandensten Philosophen Europas, der uns die Fernstenliebe geraten hat, der uns gepredigt hat, uns nicht nur von uns weg, sondern uns über uns hinaus zu schießen?
Seien wir uns bewusst, dass das Europa, das wir heute haben, der islamischen Tradition einiges zu verdanken hat, in einer Zeit, als Europa selbst in einer seltsamen Düsternis versunken ist, im Mittelalter (obwohl das Mittelalter längst nicht so düster war, wie man es manchmal glauben möchte: Aufklärung und Aberglaube lagen damals dicht nebeneinander; auch heute ist es ja kaum anders). Von einer Islamisierung jedenfalls ist hier, in meinem Stadtviertel, nichts zu spüren. Die hiesigen Muslime gehen ins Fitnessstudio, neulich hat ein junger Araber einer älteren Frau angeboten, ihren Einkauf nach Hause zu tragen, und als diese sichtlich nicht wusste, ob sie das annehmen kann, meinte er, die Kassiererin sei seine Cousine, und der würde sie vielleicht vertrauen. Einzelfälle, ich weiß. Nicht repräsentativ. Genauso wenig aber ist der Terror repräsentativ. Verpflichten wir uns der Aufklärung und der Mündigkeit.
Mündigkeit? Sich seines Verstandes ohne die Lenkung durch andere zu bedienen. Nicht den teuflischen Einflüsterungen, den hehren aber leeren Worten zu glauben. Weder wird Deutschland islamisiert, noch gehört zum Wesen der Deutschen die Weltoffenheit. Die einzige Katastrophe, die schon immer die Menschen heimgesucht hat, jene, die meinten, sich verteidigen zu müssen, und jene, die meinten, angreifen zu müssen (der jeweilige Gott ist angesichts solcher Taten geradezu beliebig), das war, ist und bleibt die Entdifferenzierung, die Angstmacherei, die ungleiche Teilhabe an den Möglichkeiten der Politik.

Lesen für den (bedingten) Frieden

Lest mehr! Lest mehr politische Bücher, Bücher der politischen Philosophie, Bücher darüber, wie soziale Ordnung möglich ist.
Welche?
Auch wenn der eine oder andere es vielleicht nicht mehr glauben mag: ich habe mich nie von Niklas Luhmann verabschiedet, und Niklas Luhmann ist es, den ich empfehle, die große Einleitung in sein Spätwerk, Soziale Systeme; und den fulminanten, wenn auch etwas vorläufigen Abschluss (denn natürlich wurden auch noch postum Manuskripte von ihm redigiert herausgegeben): Die Gesellschaft der Gesellschaft.
John Dewey, den ich auch viel zu wenig erwähne: Demokratie und Erziehung, als sein eines wichtiges Werk, und seine Logik als das andere (mir) wichtige Buch. Unbedingt zu empfehlen ist auch Gabriel Tarde: Die Gesetze der Nachahmung. Derzeit liegen vier Sammelbände mit Aufsätzen neben mir in meinem kleinen Bücherregal, das ich mir vor den Einschub für meinen Computer gestellt habe. Alle vier sind zu empfehlen, wobei nur zwei davon echte politische Philosophie betreiben, während die anderen eher der Erkenntnistheorie, bzw. Ästhetik zuzurechnen sind:
  • Schönrich, Gerhard/Kato, Yasushi: Kant in der Diskussion der Moderne. Frankfurt am Main 1996
  • Gibson, John/Huemer, Wolfgang: Wittgenstein und die Literatur. Frankfurt am Main 2006
  • Jaeggi, Rahel/Loick, Daniel: Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis. Frankfurt am Main 2013
  • Jaeggi, Rahel/Wesche, Tilo: Was ist Kritik? Frankfurt am Main 2009

Aus der Reihe … zur Einführung aus dem Junius-Verlag sind folgende Bücher zu empfehlen:
  • Politische Philosophie zur Einführung; von Elif Özmen
  • Friedrich Nietzsche zur Einführung; von Werner Stegmaier
  • Michel Foucault zur Einführung; von Philipp Sarasin
  • Judith Butler zur Einführung; von Hannelore Bublitz
  • Antonio Gramsci zur Einführung; von Thomas Barfuss und Peter Jehle
  • Neue Philosophien des Politischen; von Uwe Hebekus und Jan Völker

Zudem möchte ich auf ein Buch aufmerksam machen, welches ich nur angelesen habe, das sich aber insgesamt wohl sehr gut liest, die Ausschnitte waren danach, und Spannendes zu erzählen weiß, sehr Anregendes:
  • Saar, Martin: Die Immanenz der Macht. Frankfurt am Main 2013

Letzteres Buch handelt von der Philosophie des Politischen bei Baruch de Spinoza. Ähnlich wie es im Moment eine Tarde-Renaissance gibt, wird auch Spinoza gerade wieder entdeckt. Vor der Jahrtausendwende konnte man die Lektüre dieser beiden großen Denker vor allem durch Gilles Deleuze vermittelt bekommen; heute werden beide auf breiterer, längst nicht so genialischer Ebene diskutiert, dafür philologisch genauer und besser nachvollziehbar. Bedingt scheint das Buch von Martin Saar auch ein Angriff auf die Spinoza-Lektüre von Deleuze darzustellen. Darauf bin ich sehr gespannt, nachdem ich von der direkten Auseinandersetzung Slavoj Zizeks mit Deleuze – in: Körperlose Organe – ziemlich enttäuscht war.
Und, bevor ich das vergesse, gibt es schließlich noch den einen, den großen, das Urgestein: Immanuel Kant. Man muss ihn nicht verstehen, um bei der Lektüre seiner Werke sich wundervoll emporgehoben und aufs beste mit weiterführenden Gedanken versorgt zu fühlen.
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