30.07.2014

Von unten lesen (Sloterdijks schreckliche Rezensenten)

Einstmals hat mich eine Erfahrung in einem literaturwissenschaftlichen Seminar sehr geprägt; als nämlich die Professorin einen Text, der mir völlig verständlich vorkam, so auseinandergepflückt hat, dass er zunächst unverständlich wurde (für mich) und dann wieder, aber auf eine ganz andere Art und Weise, verständlich. Selten ist mir deutlicher klar geworden, was es bedeutet, am Text zu arbeiten. Vielleicht lag das auch an diesem Schockmoment, durch den die eigene Wahrnehmung ins Gleiten geraten ist und vor den Augen eine ganz andere Welt hat entstehen lassen.

Seitdem ist diese „Mikrolektüre“ (so nannte die Professorin das) zu einer wichtigen Technik geworden. Letzten Endes entdeckt man nämlich bei fortlaufender Beschäftigung mit einem Text oder Textausschnitt (und häufig bleibt es ja bei einem Textausschnitt, denn ein gesamtes Buch der Mikrolektüre zu unterziehen ist wohl eine ewige Arbeit), bei fortlaufender Beschäftigung also entdeckt man ständig neue Konstellationen des Sinns, neue Ebenen, die der Text nie verborgen hat und die man trotzdem erst spät entdeckt.

Frisch auf dem Markt ist ein neues Buch von Peter Sloterdijk, »Die schrecklichen Kinder der Neuzeit«. Es ist ein umfangreiches Buch und vermutlich nicht ohne eine gewisse Kenntnis vorhergehender Werke einzuordnen. Die drei Sphären-Bücher zum Beispiel und ihre Umschrift der Solidarität; jenes »Du musst dein Leben ändern«, welches die Religion durch Übungssysteme ersetzt.
Das neue Buch wiederum erfreut sich sofortiger Diskussionen, die nicht mehr den Inhalt des Buches diskutieren, sondern auf einer äußerst dünnen Basis das Gerangel um die Lesekompetenz und wer darüber bestimmen darf, durchexerzieren. Es ist eine lächerliche Diskussion. Mit Sicherheit sind die Menschen, die aus Sloterdijk nichts anderes herauslesen können als Bodennebel und ultrakonservative Gelüste keine besonders aufmerksamen Leser. Das kann man auch ohne Kenntnis des Buches sagen, da man sich jeden Text verständlich machen kann und da jeder Text immer wieder auf andere Art und Weise verständlich werden kann.
Jene Menschen, die Bücher erwarten, die sofort verständlich, eventuell sogar sofort umsetzbar sind, zählen mit Sicherheit nicht zu den fleißigen Menschen. Zumindest schwimmt bei ihnen am Rande des Horizonts die Idee mit, dass Lesen eine eher passive Haltung darstellt, nicht eine lustvolle und konkrete Aktivität.

Mich erschrecken solche Diskussionen. Ich habe auch gar keine Lust, in sie einzugreifen und sei es durch das Geständnis, dass ich dieses Buch gelesen habe und keineswegs zu so eindeutigen Aussagen kommen möchte. Überhaupt kann ich diesen Meinungen zu Büchern, die ja herauszuspringen scheinen wie der Teufel aus dem Kasten, nichts abgewinnen. Sie sind langweilig, abstrakt, Neid erfüllt und rachsüchtig. Sie empfinden als Elend, das unsere Gesellschaft nicht ausschließlich die Bücher produziert, zu denen man nicht allzu viel zu denken braucht.
Letzten Endes suchen diese Menschen immer noch jenen Gott, der allem Sinn gibt, und sie suchen ihn ausgerechnet an dem Ort, wo Gott wahrscheinlich am wenigsten auftaucht: dem Buch.
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