24.11.2006

In Stuttgart wäre das nicht passiert! (auch: Was ist Kritik?)

Da lese ich doch in der Zeitung:

"Vor Auto gelegtes Baby ist in Berlin gestorben"

Noch Fragen?

NaNoWriMo

Mit all der Arbeit, die ich zur Zeit habe, stand meine Teilnahme am NaNoWriMo in den Sternen. Doch obwohl ich eigentlich eher selten an meinem Text weiter gearbeitet habe, bin ich innerhalb von zwanzig Tagen auf die stolze Summe von 42.000 Wörtern gekommen.

Wer klopft mir auf die Schulter?

Meine Fähigkeit, ...

bestimmte Menschen mit meiner Textkritik zu verärgern, ist in letzter Zeit in die Tiefe und die Breite gewachsen.

Da wirft mir doch ein R. vor, ich habe keine Ahnung von Kritik und meine Kommentare seien unbegründet. - An dieser Stelle dürfte sich zum Beispiel Alice einschalten, die das, glaube ich, anders sieht.

Diesem R. verdanken wir also solche hervorragenden Sätze wie:

... Langsam atmete er, zwang sich, langsam zu atmen, versuchte, nicht an das zu denken, wovor er hierhin geflüchtet war.

Voller Wut trat er einen Stein beiseite, wollte ihn zersprengen nur mit der Kraft seines glühenden Hasses, seiner Gedanken um sein personifiziertes Leid. Warum nur tat er sich das an? ...

... Tränen quollen Roland aus den roten Augen, er wollte hassen, musste hassen, um sich selbst zu schützen, konnte nicht hassen. Sein schlanker Körper fiel zu Boden, ja, genau das hatte er jetzt gebraucht; er wand sich lüstern in seinem Schmerz, ...

... Schreiend, schluchzend kniete er, hämmerte mit den Fäusten gegen seinen Bauch, wollte nur noch Schmerzen spüren, es sollte ihn zerreißen vor Agonie. Ja! Das tat so gut, wundervoll! ...

Auf meine Kommentare, die sich unter anderen um Warnungen vor zu viel Passivkonstruktionen drehten, schrieb der werte junge Mann dann Folgendes:

außerdem: deine art zu kritisieren ist schrecklich. an den anfang und an den schluss setzt man positives, generell sollte das positive überwiegen

dem würde ich zustimmen: wenn man einen Text schreibt, lieber R., sollte das Positive überwiegen: schön, dass du das einsiehst

(ich weiß, das kann oft schwer fallen, davon genug zu finden,

stimmt!

man sollte es aber zumindest redlich versuchen, wenn man wirklich "kritisieren" will - denn kritisieren heißt beurteilen und feedback geben, nicht verzweifelt versuchen zu zerstören).

Das ist fein! Alle meine Freunde wissen, wie ich verzweifelt zuhause sitze und versuche, etwas kaputt zu machen. Aber selbst dazu scheine ich dann doch zu dumm zu sein und muss mich, wie man richtig zu kritisieren hat, von einem 18jährigen vorführen lassen.

natürlich, das ganze ist nur dein subjektiver eindruck, vielleicht hattest du einfach nur einen schlechten tag und wolltest das am erstbesten opfer - das dann eben ich war - auslassen;

Hübsch, wie rasch hier von der Sachebene auf die Projektion umgeschwenkt wird. - Gut, ich war nicht sonderlich nett zu diesem R.: ich habe ihm dann, im Fazit, folgendes geschrieben: "Dein Text ist kaum eine Geschichte zu nennen, eher ein Aneinanderkleben von großen Worten. Handlungen, die nicht das immer gleiche benennen, neue Ideen, Wandlungen, schöne Sprache, all das fehlt." Nett ist das nicht. Aber angesichts der Sätze, die ich oben aus seinem Text zitiert habe, einfach nur angebracht.

R+ (Au-délà du marché) - man lese hier durchaus die Aufforderung: "Erblüh!" (er-plus auf französisch) und darin den Befehl, dass ein Wort seine Metaphorizität preis gibt

Besonders lustig wird R. aber in dem Moment, wenn er dann dies schreibt:

nur zerstörst du damit zum einen deine glaubwürdigkeit (das egoistische motiv) und zum anderen möglicherweise die motivation anderer, zu schreiben (das moralisch-altruistische motiv).

Hat jemand diesen Satz verstanden?

Ich nicht!

Was hat denn Glaubwürdigkeit in diesem Fall mit egoistischen Motiven zu tun?

Und das altruistische Motiv besteht für mich auch darin, solche Texte der Leserwelt zu ersparen, wie dieser Herr sie schreibt. Da finde ich mich doch wirklich altruistisch.

Wollt ihr noch mehr?

Bitte:

Ich schrieb dann zurück:

und ich sehe insgesamt, nicht nur bei dir, diese furchtbare Tendenz, jede Empfehlung gleich als vernichtende Kritik zu lesen und darauf mit Selbstverblödung und Eitelkeit zu reagieren

tut mir Leid, aber ich sehe wirklich keine Qualitäten in deinem Text, deshalb gab es auch sowieso kein Lob, und nein, ich komme nicht aus der Unterhaltungsliteraturecke und nein, wenn man einen schlechten Text geschrieben hat, ist man noch lange nicht intellektuell, und nein, das Schreiben wollte ich dir nicht madig machen, aber Arbeit an einem Text ist eben Arbeit an einem Text und wenn du das nicht tun willst, soll es mir auch recht sein

R. führt dann noch ominöse Preise an, die er gewonnen hat und Veröffentlichungen, mit denen er - angeblich - herumwedeln kann. Vor allem bezieht er sich auf einen Radiomoderator (Name unbekannt), der selbst Bücher veröffentlicht hat und seine Texte gelobt habe:

Der spezielle Radiomoderator ist selbst Autor, hat schon einige Bücher veröffentlicht. Und ich hatte nie vor, Unterhaltungsliteratur zu schreiben, geschweige denn billige Ratgeber zu kaufen und zu lesen.

Und was ich dir vor allem vorwerfe (Geschmäcker sind schließlich verschieden), ist die Form der Kritik, die äußere Gestalt. Das Forum, in dem derartige Kritik als hervorragend angesehen wird, würde ich ehrlich gesagt gerne sehen.

Nun, wir alle wissen um die Qualität unserer deutschen Veröffentlichungen. Nicht immer kann man damit glänzen. Veröffentlicht zu sein heißt nun mal häufig, dass man einen Markt bedienen kann. Ich erinnere an Fitzeks "Die Therapie", ein wirklich grauenhaftes Buch (bei all den guten Thrillern, die es gibt). Verkauft hat sich das aber hervorragend. Ist der Autor deshalb der deutschen Sprache mächtig? Jein; erzählen kann er jedenfalls eher schlecht bis mittelmäßig.

Fitzek ist übrigens auch Radiomoderator. Dieser Status ist also kein Kriterium für inhaltliche und sprachliche Qualität.

Sehr spannend ist auch, dass R. hier die Form der Kritik (meinerseits) bemängelt. Das ist insofern spannend, als er damit der inhaltlichen Kritik von Anfang an ausgewichen ist. Dies ist immer noch ein sehr beliebter Trick von Menschen, die an Selbstimmunisierung leiden. Dummerweise scheint dies in der heutigen Zeit durchaus ein Karrierekriterium zu sein und so kann ich R. eine glänzende Laufbahn voraussagen.

Dass er sich nicht mit Ratgebern auseinandersetzen mag, ist genauso hübsch. Vor allem billigen Ratgebern. Herr Gesing wäre sehr erfreut, wenn er dies hören würde. Und erst Herr Schneider. Von diesen beiden Autoren habe ich R. nämlich Bücher empfohlen, einmal "Kreatives Schreiben" (Gesing) und einmal von Wolf Schneider insgesamt die Ratgeber zu gutem Deutsch. Leider ist Herr Gesing nur freier Autor und nur promoviert und deshalb unter der Würde von R. Und auch Wolf Schneider als Autor und Stern-Redakteur ist viel zu niedrig angesiedelt, um diesen jungen Mann noch sachgerechte Erfahrungen zu bieten.

Ich hätte da auch noch zwei amerikanische Schreibratgeber von Pulitzer-Preisträgern anzubieten, die R. zu billig sein dürften.

Kritik

Was also ist Kritik?

Kommen­tar, Kritik, Schrift wären in der Tat eine Antwort an den, der nicht möchte, dass ich antworte; bleibt es ohne Antwort, bläst sich das Werk zu einer riesigen, kompakten Behauptung auf, das ist meine (pessimistische oder realistische) Sicht ersten Grades; doch indem ich es kommentiere (das heißt: aktiv lese), antworte ich ihm, banne ich das Zwangsverhält­nis, dem es mich unterwirft (dem mich im Grunde jedes Werk, jedes Sprechen unterwirft).

So schreibt Roland Barthes in seinem Buch "Das Neutrum".

Vielleicht ist es hier nicht so wichtig, dass die Kritik verhindert, dass sich ein Werk aufbläst. Ich denke nur an Prousts Art zu schreiben, der die angemahnten Korrekturen weitestgehend missachtete und stattdessen noch mehr Text in die Korrekturfahnen schrieb.

Wichtiger ist, dass Kritik eine aktive (allerdings tatsächlich keine "gerechte") Form des Lesens ist.

Man beachte, dass der Begriff - ausgehend von der Philo­sophie selbst oder innerhalb ihrer - dialektisch in Frage gestellt werden kann (lassen wir Nietzsche beiseite, der nicht innerhalb der Philosophie stand): eine marxistisch inspirierte Philosophie: Henri Lefebvre, De L'Etat, IV, S. 15: »Nur auf den Begriff gebracht hat das Denken Konsistenz, ist es verständlich und mitteilbar.

Um sein Ungenügen zu erwei­sen, um an den Tag zu bringen, was diesseits und Jenseits von ihm ist, gilt es ihn zu überschreiten«! Tyrannei des Be­griffs? Ja, analog der Tyrannei des Staates. Nein, denn die Verwendung des Begriffs schließt Selbstkritik ein, die nicht Sache der Tyrannen ist.

Freilich war es Nietzsche, der den Begriff am gründlich­sten demontiert hat (in beiden Bedeutungen des Wortes (Barthes erläutert mündlich den Doppelsinn von demonter, »zerlegen« und »stürzen« : »wie man einen Mechanismus zerlegt; und wie das Pferd einen Reiter abwirft«.)):

»Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nicht­gleichen.« : Begriff also: Kraft zur Reduktion des Mannigfaltigen, des sinnlichen Werdens, der aisthesis : wollte man diese Reduktion ablehnen, müsste man nein zum Begriff sagen, dürfte sich seiner nicht bedienen. Doch wie sollten wir, wir Intellektuellen, dann sprechen? In Metaphern.

Den Begriff durch die Metapher ersetzen: schrei­ben.

Diese sehr zentrale Stelle steht für den guten Umgang mit dem Begriff: der Begriff ist ein kognitives Ereignis, keines, was auf dem Papier stattfindet: insofern gibt es keine wissenschaftliche Literatur, sondern nur eine verschleierte Lyrik der Physik, der Chemie, der Medizin, etc. Selbst das Sprechen, dieses so persönliche Umgehen mit dem Wissen, erzeugt Metaphern. Der Begriff ist nur im Hintergrund a-präsentiert, d.h. "nicht so ganz vorhanden".

Als Zwischenanmerkung sei hier eingeschoben, dass es zwar in der Schule wichtig ist, Begriffsbildung zu betreiben, dass es aber keinesfalls wichtig ist, diese Begriffe zu können, vor allem nicht, wie der Lehrer sie meint. Der Begriff als kognitives Ereignis verlangt einen ganz anderen Umgang: er muss einerseits angeregt, aber nicht nachgeprüft werden, denn der Lehrer kann tatsächlich nicht den Begriff prüfen, sondern nur die Metaphern; zweitens aber muss aus den Metaphern eine produktive Rekonstruktion des Begriffs durch den Lehrer geleistet werden (im Sinne einer Diagnostik).

Es ist zum Beispiel kompletter Schwachsinn, wenn immer noch behauptet wird, lernbehinderte und geistigbehinderte Menschen hätten keine Begriffe.

Ihr Problem ist vielmehr, dass sich ihre Begriffe nicht so gut "verwechseln" lassen: Wenn ich mich mit einem Menschen über einen Begriff unterhalte, stellt sich oft die Situation ein, dass ich meinen Begriff mit dem Begriff des Anderen verwechsle. In Wirklichkeit aber sind es zwei Metaphern, die in einem wechselseitigen Ersetzungsverhältnis stehen: also zwei Metaphern, die einen metaphorischen Bezug haben.

Hat ein Mensch eine ungewöhnliche Weltsicht, oder wird diese ungewöhnliche Weltsicht bei einem Menschen angenommen oder unterstellt, dann denunziere ich im Prinzip seine Begriffsbildung als "ungleich" und oft genug als "minderwertig" oder als "garnicht vorhanden". Genau dies passiert nun bei "fremdartigen" Menschen. Statt hier ins Spiel der Metaphern einzusteigen, wird eine hierarchische Begriffsqualität angenommen - natürlich meist zu den eigenen Gunsten.

Was nun die Kritik angeht, so bleibt diese so lange abstrakt, so lange sie nicht prozesshaft gedacht werden kann und nicht prozesshaft geführt wird. Die Kritik ist nicht so sehr eine Struktur, die von außen beschreibt - als solche wird sie aber oft gehandhabt -, sondern ein Stolperstein, der sich im Inneren eines Prozesses einnistet.

Textkritik, die sich auf diesen Prozess einlässt, ist notwendig hart und freundlich zugleich: Ich verweise hier auf die Art und Weise, wie Alex mit der Kritik an seinen Texten umgeht und ebenso auf die Kommentatoren, wie diese sich mit seinem Text auseinandersetzen. All dies ist vorbildlich (als Prozess; inhaltlich kann man das und darf man das anders sehen).

Die Zerlegung des Begriffes Kritik kann nur selbst über die Kritik laufen. Die Kritik müsse sich praktisch selbst demontieren. Dies aber kann in der Kürze nur einen unfruchtbarer Zirkelschluss produzieren. Die eine Möglichkeit, diesem Zirkelschluss zu entkommen, ist die Hierarchisierung. Notwendigerweise aber muss diese Hierarchie selbst unkritisiert bleiben, weil sie sonst den Ausweg selbst zerstören würde und wieder beim alten Problem ankommen würde: dem Zirkelschluss. Die andere Möglichkeit (die auch von den Systemtheoretikern bevorzugt wird) ist die Temporalisierung. Die Temporalisierung ist hier übrigens keine Politik der kleinen Schritte, also ein Verfahren, sondern eine Grundhaltung, die sich selbst immer wieder in den Prozess der Kritik mit hinein holt, selbst wenn sie nicht der ursprüngliche Gegenstand der Kritik ist. Kritik muss in sich selbst notwendigerweise fremdartig sein (also paradox), da sie sonst notwendigerweise gleichförmig bleibt (also tautologisch). Eine in sich notwendig fremdartige Kritik bleibt heterogen, auch unsystematisierbar. Sie ist vielleicht nicht "wissenschaftlich", aber sie entspricht dem demokratischen Sein, das in sich ebenfalls heterogen ist und trotzdem eine Einheit behauptet.

Die Aufgabe der Kritik liegt nicht einfach darin, »gegen« das Gesetz zu sprechen, als wäre das Gesetz dem Sprechen äußerlich und Sprechen der privilegierte Ort der Freiheit. Wenn Sprechen auf Zensur beruht, dann ist das Prinzip, dem man sich womöglich widersetzen will, zugleich das Formprinzip der Widerrede. Es gibt keine Opposition ge­gen die Grenzlinien der Verwerfung außer der, die genau diese Grenzlinien neu zieht. Doch zeigt sich hier keine Sackgasse für die Handlungsmacht, sondern die zeitliche Dynamik und das Versprechen, das in ihrer spezifischen Gebundenheit liegt. Es bleibt möglich, die Voraussetzun­gen des Sprechens auszunutzen, um eine zukünftige Spra­che zu schaffen, die in diesen Voraussetzungen noch nirgends impliziert ist.

Judith Butler geht hier von einer anderen Seite an das Problem der Kritik heran. Dem Sprechen selbst ist die Zensur immanent: da das Sprechen auf (akustischen) Einheiten beruht, deren (kognitiver) Gehalt nicht einheitlich ist, oft auch diffus oder sogar leer, zensiert das Sprechen die "Gedanken". Diese Zensur ist strukturell bedingt. Auch der Einspruch gegen eine institutionelle Zensur kann die strukturelle Zensur nicht abschaffen. Die Form der Widerrede, die gegen die Zensur angeht, kann hier nicht zu einer Abschaffung der Zensur führen, weder der strukturellen, noch der institutionellen, sondern nur ihr Interessenbündnis zerreißen.

Es gilt also, der Institution den willkürlichen Gebrauch über das Sprechen zu entreißen.

Die Kritik als Institution ist also nur solange akzeptiert, solange sie sich auf ein strukturell zensiertes Sprechen stützt, ohne dies thematisieren zu wollen. Koppelt man beides voneinander ab, wird die Kritik als Institution uninteressant. Dagegen wird die strukturelle Zensur kritisch, und zwar im doppelten Sinn des Wortes: 1.) die strukturelle Zensur selbst ist Ort und Ziel der Kritik, 2.) die strukturelle Zensur "verhält sich" kritisch, schwankend, ungewiss.

Diese Art des Umgehens der Zensur muss spielerisch und umweghaft bleiben, mithin nicht nur prozessual und temporalisiert, sondern im Wesentlichen auch ein wenig "verrückt", nicht dort, wo sie sein sollte. Sie kann nur dort sein, wo sie nicht ist.

Lacan hat diese Zensur als Ort der Wahrheit, die zugleich Unwahrheit ist, als Ort, an dem nicht sauber getrennt werden kann zwischen wahr und falsch, einmal so beschrieben:

"Ich sage immer die Wahrheit, nur nie die ganze Wahrheit, denn die ganze Wahrheit zu sagen ist unmöglich."


In diesem Sinne also wünsche ich R. viel Glück.

Kritische Homosexualität / Paranoia! Paranoia!

Die Anregung zur Bildung des Ichideals, als dessen Wächter das Gewissen bestellt ist, war nämlich von dem durch die Stimme vermittelten kritischen Einfluss der Eltern ausgegangen, an welche sich im Laufe der Zeiten die Erzieher, Lehrer und als unübersehbarer, unbestimmbarer Schwarm alle anderen Per­sonen des Milieus angeschlossen hatten. (Die Mitmenschen, die öffentliche Meinung.)
Große Beträge von wesentlich homosexueller Libido wurden so zur Bildung des narzisstischen Ichideals herangezogen und finden in der Erhaltung desselben Ableitung und Befriedigung. Die Institution des Gewissens war im Grunde eine Verkörperung zunächst der elterlichen Kritik, in weiterer Folge der Kritik der Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich bei der Entstehung einer Verdrängungsneigung aus einem zuerst äußerlichen Verbot oder Hindernis wiederholt. Die Stimmen sowie die unbestimmt gelassene Menge werden nun von der Krankheit zum Vorschein gebracht, damit die Entwicklungsgeschichte des Gewissens regressiv repro­duziert. Das Sträuben gegen diese zensorische Instanz rührt aber daher, dass die Person, dem Grundcharakter der Krankheit entsprechend, sich von all diesen Einflüssen, vom elterlichen ange­fangen, ablösen will, die homosexuelle Libido von ihnen zurückzieht. Ihr Gewissen tritt ihr dann in regressiver Darstellung als Einwirkung von außen feindselig entgegen.
Die Klage der Paranoia zeigt auch, dass die Selbstkritik des Gewissens im Grunde mit der Selbstbeobachtung, auf die sie gebaut ist, zusammenfällt. Dieselbe psychische Tätigkeit, welche die Funktion des Gewissens übernommen hat, hat sich also auch in den Dienst der Innenforschung gestellt, welche der Philosophie das Material für ihre Gedankenoperationen liefert. Das mag für den Antrieb zur spekulativen Sytembildung, welcher die Paranoia auszeichnet, nicht gleichgültig sein.

(Sigmund Freud, Zur Einführung des Narzissmus)

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