30.08.2006

Gute Literatur

Und wo wir bei guter Literatur sind:
Ich stöbere gerade wieder in "Magische Maschinen" von L. E. Modesitt Jr. herum. Ein ganz hervorragender Fantasy-Roman.

Was mir an ihm so gefällt?
  1. Der Autor schreibt Szene für Szene, deutlich gegeneinander getrennt und deutlich aufeinander abgestimmt.
  2. Die Erzählweise ist meist ruhig und ohne diese großartigen, leider oft ungekonnten Schlachtengemälde. Wenn es dann doch zur Schlacht kommt, schildert Modesitt diese plastisch und ohne Effekthascherei.
  3. Selten habe ich solch gut gekonnten Charakterbeschreibungen gelesen. Modesitt lotet seine Figuren bis in eine psychologische Tiefe aus, die selbst psychologische Thriller nicht haben, die mit einem solchen Etikett werben.

Und wie macht Modesitt das?

Konflikte
In den modernen Schreibratgebern heißt es so schon: "Konflikte - Konflikte - Konflikte".
Ja, denkt man sich, Konflikte können ja ganz spannend sein. Was aber passiert? (Ich nenne hier jetzt mal keine Namen!) Die Geschichten überlagern sich mit "Pseudo-Konflikten" und "schattenhaften Geschehnissen", die über eine oberflächliche Dramatik verfügen, aber den Protagonisten nicht tief, sondern sprunghaft zurücklassen. So las ich neulich die Kritik zu einem neuen deutschen Thriller, in dem diesem folgendes vorgeworfen wird:
Die Handlung dümpelt vor sich hin und der Schreibstil wird spätestens nach dem dritten Satz à la "Und dann passierte etwas Schlimmes" nervig.
Ich kann diesem Urteil nur zustimmen und verstehe, wie ein anderer Rezensent auch nicht, was an diesem Thriller nun gut sein soll.
Modesitts Roman geht einen ganz anderen Weg: in diesen vielen kleinen Szenen umkreist er die Konflikte, bringt sie langsam ins Spiel, verzichtet auf dramatische Ankündigungen und bietet dafür einen guten Aufbau. Dabei achtet er sehr auf einen fundierten Charakter. Wo dieser gebrochen erscheint, kann ich mich als Leser darauf verlassen, dass Modesitt einen gebrochenen Charakter beschreiben wollte.
  • Halten wir also zunächst fest, dass Konflikte sich auf einen guten Charakter stützen müssen, und dass ein guter Charakter nicht nur mit dramatischen Aufschreien und invasiven Erlebnissen zu tun hat, sondern mit den kleinen Gefühlen des Unwohlseins und der Spannung, die der Alltag für jeden von uns hergibt.
  • Halten wir weiter fest, dass eine gute Anordnung des Geschehens ebenso spannend sein kann, wenn nicht noch mehr, wie ständiger Action. Dieses Hechel! Hechel! Keuch! Keuch! übertüncht doch meist, dass der Autor eigentlich keine Ahnung von dem hat, was er beschreibt und deshalb auch die feineren Konflikte nicht sieht. Ein guter Roman bereitet einen Konflikt lange vor, kann ihn andeuten, umspielen, kommen lassen.

Charaktere
Gute Romane bieten in jeder Szene eine Mischung aus Vorantreiben der Handlung und Charakterisierung der teilnehmenden Personen. Man könnte dies auch die gelungene Mischung aus Verinnerlichung und Veräußerlichung nennen.
Schlechte Romane bieten immerhin drei Seiten Gehetze an und solch vortrefflichen Sätze wie "Schock! Krallen kratzten über das Parkett! Der Dämon! Er kam!" - Nein! Sätze kratzen uns nicht! Dieses Gehechel! Es stört! Vor allem, wenn es so drei Seiten lang weiter geht.
Darf ich Modesitt hier zitieren? Ich darf:
"Was liest du da?"
"Nichts weiter." Er versucht sich rasch eine gute Ausrede zurechtzulegen. "Nur ein altes Werk über Naturphilosophie", fügt er eilig hinzu.
"Doch wohl nicht wieder über eines dieser alten, mechanischen Geräte, was?" fragt der große Mann.
"Doch, Vater", antwortet Dorrin seufzend und wartet ergeben auf die Strafpredigt.
Aber sein Vater beschränkt sich darauf, laut zu schnaufen.
Hier wird ein Konflikt deutlich gemacht: der Eigensinn des Jungens, der ihn später zu einem von seinem Vater und der Tradition seines Vaters unabhängigen Weg führen muss, hier aber noch nicht offen geführt wird. Trotzdem verstehe ich das als Leser und erwarte diesen Konflikt.
  • Halten wir also fest: Handlungen sind natürlich das allerwichtigste, gerade in einem Spannungsroman. Aber Gehetze verliert den Kontakt zu dem Fundament, das jeden Roman ausmacht: der guten Charakterisierung.
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