Mäßigung und Wissenschaftlichkeit sind doch auch irgendwie deutsche Tugenden, hoffe ich.
Just an mir vorbeigegangen ist, was in München passiert. Ich hatte zwar Twitter geöffnet, aber über eine Stunde nicht mehr hinein gesehen.
Ich wünsche mir: Mäßigung. Das immerhin ist noch eine ciceronische Tugend, vielleicht auch eine von Kant. Ethos, so lautet der alte, griechische Begriff. Er ist dem Pathos gegenübergestellt. Insgesamt bezeichnet er eine Tendenz, zu was in einer Rede aufgerufen wird, ist also ein Begriff aus der Rhetorik.
München! Bedenkt man, wie wenig Menschen Terroranschläge begehen, ist die Aufregung unverständlich. Eher sollte man doch Autos des Landes verweisen. Oder wackelige Stühle.
Natürlich werden diese Anschläge in München, samt den Opfern, politisch instrumentalisiert. Das lässt sich wohl kaum vermeiden. Von etwas eine Meinung zu haben bedeutet zwangsläufig, der Tatsache etwas hinzuzufügen. Wie anders könnte man aber auch in der Gesellschaft über Tatsachen reden? Wie anders ließen sich Tatsachen auch als soziale Ereignisse verstehen?
Ich hatte schon vor langer Zeit geschrieben, dass sich Terroranschläge in Deutschland wohl nicht werden vermeiden lassen. Allerdings bezweifle ich, dass diese etwas mit den Flüchtlingen zu tun haben. Ich möchte doch behaupten, dass Terroristen, die in Deutschland Terroranschläge verüben wollen, so oder so nach Deutschland kommen werden, ob versteckt in Flüchtlingsströmen oder nicht. Das beste Beispiel sind die Anschläge vom 11. September. Die Täter haben sich nachweislich über längere Zeit in Deutschland aufgehalten und zum Teil auch von hier aus die Anschläge geplant.
Deshalb beunruhigen mich diese vielen greifbaren völlig verdrehten Kommentare in den social medias zu dem angeblichen Deutschtum und der deutschen Kultur viel mehr. Natürlich möchte ich nicht, dass Menschen getötet werden, in wessen Namen auch immer. Aber die deutsche Kultur abschaffen werden die Islamisten nicht; so wie es zur Zeit aussieht, braucht man dazu nur eine größere Menge an deutschen Deppen.
22.07.2016
Zu rasch ...
Eben habe ich einen Artikel veröffentlicht, den ich noch gar nicht veröffentlichen wollte (und jetzt wieder gelöscht). Aus einer Laune heraus hatte ich diesen vor anderthalb Wochen angefangen und dann immer wieder daran weiter gearbeitet. Im Kern ist er stimmig, aber in seinem Ablauf nicht differenziert genug.
Er wird wohl, wie viele meiner Artikel im letzten Jahr, in der Versenkung verschwinden, bis ich meine Position so weit überdacht habe, dass ich ihn werde anders schreiben können.
Zwischendurch sind mir eben auch ganz andere Sachen unter die Finger gekommen. JavaScript (mal wieder), der Putsch gegen Erdogan (obwohl ich diesen nur ganz halbherzig verfolgen konnte), und immer wieder diese politischen Kommentare. Darum ging es in dem gelöschten Artikel vornehmlich. Es ist unglaublich, was sich dort die Menschen teilweise an einer komplett widersinnigen Umschreibung der Geschichte leisten. Den einen oder anderen müsste man wirklich anzeigen.
Nun, ich habe besseres zu tun. Thema des Artikels war (und ist) das unablässige Selbstbewusstsein und die Flucht davor. Es fügt einigen Themen, die ich in den letzten Jahren bearbeitet habe (Langeweile, Gefühlslosigkeit), noch einmal einen neuen Aspekt hinzu. Was ich derzeit schmerzhaft vermisse: ich hatte mir letzten Jahr zwei weitere Bücher von Leon Wurmser gekauft. Die Maske der Scham besitze ich seit 25 Jahren. Ich komme aber nicht dazu, diese Bücher zu lesen. Ich habe in einigen geblättert. Gerade jetzt wünsche ich mir, ich hätte dazu die Zeit. Ich bin kein großer Freund der Psychoanalyse, aber Wurmser habe ich immer als anregend gefunden, wenn es um die Betrachtung komplexer psychosozialer Zustände ging. Ein andermal vielleicht.
14.07.2016
Zeugnisse und Datenbanken
In den letzten drei Wochen bin ich nicht mehr zum Programmieren gekommen; ich habe auch kaum ein Buch angefasst, jedenfalls kein Buch, das mit Philosophie oder Literatur zu tun hätte. Selbst meine Anmerkung über Kant habe ich nur aus dem Zettelkasten herausgezogen.
Datenbanken entwerfen
Ohne es direkt zu wissen habe ich angefangen, eine Datenbank zu entwerfen. Nein, eigentlich habe ich nur Daten so strukturiert, dass sie möglichst einfach und flexibel einsetzbar sind. Ziel ist ein Programm, dass mir meine Lernprozesse strukturiert und übersichtlich macht, ein Kanban für Autodidakten.
Vor einigen Wochen habe ich mir auch ein Buch über Datenbanken gekauft. Jetzt hätte ich gerne Zeit, mir dieses Buch intensiver anzuschauen. Noch fehlt mir die Zeit, aber bin mir ziemlich sicher, dass ich in den nächsten Tagen dazu kommen werde.
Zeugnisse schreiben
Heute habe ich dann doch noch programmiert, sogar eine kleine Datenbank.
Seit Tagen sitze ich über den Zeugnisnoten meiner Schüler. Nicht, dass die Noten nicht feststehen würden. Aber ich warte noch auf irgend ein Zeichen, das diese Noten zu ehrlichen Beschreibungen meiner Schüler macht. Dieses Zeichen ist bisher ausgeblieben.
Nein, ich mag solche einfachen Noten nicht. Sie beschreiben keineswegs die Qualitäten meiner Schüler, keinerlei Tendenzen, eigentlich gar nichts. Ein Samenkorn beschreibt die fertige Pflanze besser als eine Note die Schülerarbeiten. Ich habe also ein wenig gelitten.
Vielleicht hätte ich während meines Studiums nicht so sehr mit dem philosophischen Unterschied von Qualität und Quantität beschäftigen sollen. Sie verleidet einem doch jegliche Quantifizierung psychologischer Phänomene.
Ein rasches Programm
Trotzdem habe ich mir heute noch schnell ein Programm geschrieben, welches mir die Noten zusammen rechnet und strukturiert ausgibt. Besonders wichtig war mir das im Fachbereich Deutsch. Dort gibt es vier Noten auf dem Zeugnis, drei Teilnoten und eine Gesamtnote. Zudem muss man die mündlichen und die schriftlichen Noten unterschiedlich gewichten. Und da die drei Teilnoten zum Teil aus schriftlichen und zum Teil aus mündlichen Noten zusammengesetzt sind, kann man nicht einfach die Teilnoten zusammenrechnen. Da ist ein kleines Programm schon recht sinnvoll.
An meinen von Hand ausgeführten Berechnungen hat sich zwar nichts geändert, aber zumindest weiß ich jetzt, dass ich richtig gerechnet habe.
An meinem grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber den Noten hat sich aber nichts geändert. Der Zweifel bleibt.
11.07.2016
Berlin. Stadt der Frauen
So kann man es derzeit auf einem Plakat lesen. Darunter steht:
Nur noch bis zum 28.8.2016.
Danach ist Berlin nicht mehr Stadt der Frauen, oder was?
Das ist fast so schön wie die Widmung unter Benjamins Trauerspiel.
08.07.2016
Kant zur objektorientierten Programmierung
Das soll natürlich ein wenig provozierend sein, aber tatsächlich nur ein ganz klein wenig. Dass Kant sich nicht zur objektorientierten Programmierung geäußert hat, nicht direkt, dürfte klar sein. Trotzdem lassen sich bestimmte Gedanken Kants auf die Philosophie des modernen Programmierens übertragen.
Das Objekt im objektorientierten Programmieren
Die Kunst des objektorientierten Programmierens besteht darin, ein Objekt (meistens aber ziemlich viele) zu erschaffen, das in irgend einer Art und Weise der Realität entspricht. Ein Objekt ist zunächst eine Art Schablone, man nennt dies auch Klasse, aus der dann ein konkretes Objekt (auch Instanz genannt) erzeugt wird.
Nehmen wir zum Beispiel eine Klasse an, die ganz allgemein Bücher „repräsentieren“ soll. In dieser Klasse legt man bestimmte Datensätze fest, die wie eine Schablone wirken: interessant wäre zum Beispiel der Autor, der Titel, der Preis, die Seitenzahl, der Verlag. In der Klasse werden diese Datensätze festgelegt, ohne dass sie aufgefüllt werden. Erschafft man eine Instanz von einer solchen Klasse, dann wird zum Beispiel als Autor Immanuel Kant angegeben, Titel wäre Kritik der praktischen Vernunft, der Preis beliefe sich auf zehn Euro, die Seitenzahl auf 302, und der Verlag wäre der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main.
Nehmen wir zum Beispiel eine Klasse an, die ganz allgemein Bücher „repräsentieren“ soll. In dieser Klasse legt man bestimmte Datensätze fest, die wie eine Schablone wirken: interessant wäre zum Beispiel der Autor, der Titel, der Preis, die Seitenzahl, der Verlag. In der Klasse werden diese Datensätze festgelegt, ohne dass sie aufgefüllt werden. Erschafft man eine Instanz von einer solchen Klasse, dann wird zum Beispiel als Autor Immanuel Kant angegeben, Titel wäre Kritik der praktischen Vernunft, der Preis beliefe sich auf zehn Euro, die Seitenzahl auf 302, und der Verlag wäre der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main.
Abstraktion entlang des Gebrauchs
Allerdings schleicht sich in eine solche Klasse und ein solches Objekt bereits die Abstraktion massiv ein. Wollte man ein Buch wie die Kritik der praktischen Vernunft so real wie möglich beschreiben, dann wäre es notwendig, auch den gesamten Text (der ja das eigentlich interessante an diesem Buch ist) in der Instanz zu speichern. Die Instanz, und damit auch die Klasse, bräuchte also ein weiteres, wahrscheinlich ziemlich komplexes Datenobjekt, welches den Text abspeichern würde.
Das reduzierte Objekt, welches ich zunächst vorgeschlagen habe, ist eindeutig nicht an dem Objekt selbst gewonnen worden, sondern an dem Interesse eines möglichen Konsumenten.
Damit entpuppt sich die Rede davon, dass das programmierte Objekt ein reales Objekt abbilde, als eine sehr schlampige Darstellung. Tatsächlich bildet das Objekt vor allem den Gebrauch ab; es ist also keineswegs die Abbildung eines Gegenstandes, sondern einer begrenzten Anzahl von Handlungen. Damit bildet es auch nicht ein Stück meist physikalisch gedachter Welt ab, sondern ein Stück subjektiven Bedürfnisses. Anders ließe sich auch gar nicht erklären, dass sämtliche Fantasy-Spiele, die es auf dem Markt gibt, objektorientiert programmiert sind. Hier wird, über den Gebrauch, eine Welt erschaffen und eben nicht abgebildet.
Das reduzierte Objekt, welches ich zunächst vorgeschlagen habe, ist eindeutig nicht an dem Objekt selbst gewonnen worden, sondern an dem Interesse eines möglichen Konsumenten.
Damit entpuppt sich die Rede davon, dass das programmierte Objekt ein reales Objekt abbilde, als eine sehr schlampige Darstellung. Tatsächlich bildet das Objekt vor allem den Gebrauch ab; es ist also keineswegs die Abbildung eines Gegenstandes, sondern einer begrenzten Anzahl von Handlungen. Damit bildet es auch nicht ein Stück meist physikalisch gedachter Welt ab, sondern ein Stück subjektiven Bedürfnisses. Anders ließe sich auch gar nicht erklären, dass sämtliche Fantasy-Spiele, die es auf dem Markt gibt, objektorientiert programmiert sind. Hier wird, über den Gebrauch, eine Welt erschaffen und eben nicht abgebildet.
Kants Objekte
Immanuel Kant hat sich die Objekte als Sinnesdaten gedacht, die durch das Wirken der Vernunft in eine idealisierte Form gebracht werden. Der Weg, den jegliche sinnliche Mannigfaltigkeit zum idealisierten Objekt geht, ist der der Abstraktion. Wie auch immer sich Kant das dann genau gedacht hat, so bleibt doch festzustellen, dass das Objekt nicht gemäß der Prinzipien der Realität, sondern denen der Vernunft konstruiert wird, also nicht entlang von naturwissenschaftlichen Gesetzen, sondern von subjektiven, spontanen Formen.
So muss auch die objektorientierte Programmierung den Benutzern gehorchen. Dies ist, auf der einen Seite, natürlich derjenige, der das Programm später gebraucht. Zuallererst aber werden diese Objekte von dem Programmierer selbst benötigt, und so sind sie auch zuallererst Konstrukte des Programmierers. Die Kundenfreundlichkeit eines Programms besteht dann ja auch aus dem Zusammenwirken zahlreicher Objekte, bzw. deren Instanzen.
So muss auch die objektorientierte Programmierung den Benutzern gehorchen. Dies ist, auf der einen Seite, natürlich derjenige, der das Programm später gebraucht. Zuallererst aber werden diese Objekte von dem Programmierer selbst benötigt, und so sind sie auch zuallererst Konstrukte des Programmierers. Die Kundenfreundlichkeit eines Programms besteht dann ja auch aus dem Zusammenwirken zahlreicher Objekte, bzw. deren Instanzen.
Hilfs-Ich
In der Psychoanalyse beschreibt man mit dem Begriff des Hilfs-Ichs ein Objekt, welches zwischen den Triebregungen des Subjekts und den „objektiven“ Anforderungen der Umgebung vermittelt, wenn die Anpassung schwierig oder gestört ist. Dies scheint mir auch eine ganz gute Darstellung der Leistungen zu sein, die Objekte bieten. Jedes Programm ist ein Werkzeug, welches dem Benutzer bestimmte Arbeiten vereinfachen soll. Anders beschrieben passt es die Bedürfnisse des Benutzers an eine sonst zu komplexe Realität an. Damit übernimmt das Programm die Funktionen eines Hilfs-Ichs und könnte demnach auch mit solchen Begriffen beschrieben werden.
Damit wäre es möglich, die gesamte Philosophie der objektorientierten Programmierung auf eine andere Basis zu stellen.
Damit wäre es möglich, die gesamte Philosophie der objektorientierten Programmierung auf eine andere Basis zu stellen.
04.07.2016
Freiheit des Willens
Dass der Wille ein hübsches, aber schwierig zu fassendes Ding sei, das hatte ich, glaube ich, schon einmal erwähnt. Erwähnt hatte ich irgendwo auch, dass mich der Begriff der Natalität, so, wie er bei Hannah Arendt vorkommt, sehr interessiert. Natalität, das bedeutet, wenn ich hier so ins Grobe sprechen darf, das Vermögen, etwas neu anzufangen.
Inhaltsverzeichnis
Uns ist ein Kind geboren
Jesus von Nazareth
Neben vielem anderen durchstreife ich in den letzten Monaten meine Aufzeichnungen zu Derridas Vorlesung über die Geste des Verzeihens. Im fünften Kapitel von Arendts Vita Activa, dem Kapitel über das Handeln, merkt Arendt an:
Im Unterschied zum Verzeihen, das im Politischen niemals ernst genommen worden ist, schon weil es in einem religiösen Zusammenhang entdeckt und von ›Liebe‹ abhängig gemacht wurde, hat das Vermögen, Versprechen zu geben und zu halten, und die ihm innewohnende Macht, das Zukünftige zu sichern, in der politischen Theorie und Praxis, wie sie uns aus der Überlieferung entgegentreten, eine außerordentliche Rolle gespielt. (S. 311)
Am Ende setzt Arendt dann das Schwergewicht des menschenwürdigen Daseins auf das Verzeihen, nicht auf das Versprechen.
Dass es in dieser Welt eine durchaus diesseitige Fähigkeit gibt, »Wunder« zu vollbringen, und dass diese wunderwirkende Fähigkeit nichts anderes ist als das Handeln, dies hat Jesus von Nazareth … nicht nur gewusst, sondern ausgesprochen, wenn er die Kraft zu verzeihen mit der Machtbefugnis dessen verglich, der Wunder vollbringt, wobei er beides auf die gleiche Stufe stellte und als Möglichkeiten verstand, die dem Menschen als einem diesseitigen Wesen zu kommen. (S. 316)
Natalität
Kurz darauf bezeichnet Arendt die Tatsache der Natalität als das Wunder, das den Gang der menschlichen Dinge „vor dem Verderben rettet“. Das »Wunder« bestehe darin,
dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins. (S. 317)
Wie sehr dieser Neuanfang den Geburtsstatistiken widerspricht, wird deutlich, wenn man den Neugeborenen nicht als animal laborans, sondern als zoon politikon begreift:
Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten, er ist immer das unendlich Unwahrscheinliche; er mutet uns daher, wo wir ihm in lebendiger Erfahrung begegnen –, d.h., in der Erfahrung des Lebens, die vorgeprägt ist von den Prozessabläufen, die ein Neuanfang unterbricht –, immer wie ein Wunder an. Die Tatsache, dass der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangens begabt ist, kann daher nur heißen, dass er sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht, dass in diesem einen Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und dass das, was »rational«, d.h. im Sinne des Berechenbaren, schlechterdings nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf. (S. 216 f.; siehe dazu auch Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, S. 81 f.)
Willensfreiheit
Die dritte Antinomie
In seiner transzendentalen Dialektik behandelt Immanuel Kant den Streit um den freien Willen, was er auch als spekulative Vernunft bezeichnet. Dies soll uns an dieser Stelle nicht allzu sehr interessieren. In seinem Beweis führt Kant kein moralisches, sondern ein mathematisches Argument ins Feld. Die Kausalität sei, wenn man dies recht bedenke, der Vollständigkeit verpflichtet. Nun würde man aber, wenn man den Zuständen rückwärts in die Vergangenheit folgen würde, nicht nur der Zustand selbst, sondern auch dessen Kausalität kausal verursacht sein müssen, sodass sich, je weiter man in die Vergangenheit reist, das kausale Prinzip stetig verkomplizieren würde, bis eben keine Vollständigkeit mehr möglich sei. Und damit widerspreche sich das kausale Prinzip selbst (vgl KdrV B 474).
Die Freiheit zu handeln
In den Anmerkungen zu dieser dritten Antinomie nennt Kant das Vermögen, eine Reihe in der Zeit anzufangen, als prinzipiell bewiesen, aber nicht als eingesehen. Man muss also davon ausgehen, dass es möglich ist, etwas Neues zu beginnen. Wie dies aber genau funktioniere, sei noch nicht begriffen.
Dann nimmt er einen Einwand vorweg, den ich für bemerkenswert halte:
Man lasse sich aber hierbei nicht durch einen Missverstand aufhalten: dass, da nämlich eine sukzessive Reihe in der Welt nur einen komparativ ersten Anfang haben kann, indem doch immer ein Zustand der Dinge in der Welt vorhergeht, etwa kein absolut erster Anfang der Reihen während dem Weltlaufe möglich sein. Denn wir reden hier nicht vom absolut ersten Anfang der Zeit nach, sondern der Kausalität nach. (KdrV B 478)
Was Hannah Arendt als unendlich Unwahrscheinliches bezeichnet, wird bei Kant bewiesen, indem es mathematisch notwendig, aber ästhetisch undurchdrungen dargestellt wird. Kant zeigt sich auch in der Darstellung selbst als abstrakter. Bei Arendt ist es der Mensch, der etwas Neues anfängt, und bei ihr wird dies an die politische Daseinsweise des Menschen zurückgebunden. Der alte Königsberger dagegen sieht hier nur eine Art Nullpunkt der Kausalität.
Unbedingte Kausalität
Kurz zuvor spricht Kant von der Freiheit des Willens, als einer absoluten Spontanität der Handlung, oder, wie wir heute wohl recht missverständlich lesen werden, einer unbedingten Kausalität. Wie ich oben erläutert habe, hat Kant die vollständige Bedingtheit der Natur (und damit auch des Menschen) durch einen negativen mathematischen Beweis außer Kraft gesetzt. Wäre dem nicht so, dann wäre alles in der Natur bedingt, aus einem vorhergehenden Zustand erzwungen. Wir können jenes ›unbedingt‹ also nicht als das verstehen, als was wir es heute verstehen, nämlich als genaues Gegenteil, als gnadenlos, notwendig, unerbittlich. Die unbedingte Kausalität ist eine, die von nichts verursacht wurde. Es ist geradezu die Paradoxie einer Kausalität, nämlich einer Wirkung ohne Ursache, die erst dann, im weiteren Verlauf, wie eine Kausalität aussieht. (Hier ist an die Stoiker zu denken, die die Ursachen als sich unter einander bedingend, und die Wirkungen als sich unter einander bewirkend darstellen, während die Ursachen und die Wirkungen gerade nicht kausal zusammenhängen. Dies ist eine Denkweise, die dem modernen Menschen komplett widerspricht.)
Verantwortbare Kausalität
Das Problem schildert Kant dann so:
Dasjenige also in der Frage über die Freiheit des Willens, was die spekulative Vernunft von jeher in so große Verlegenheit gesetzt hat, ist eigentlich nur transzendental, und gehet lediglich darauf, ob ein Vermögen angenommen werden müsse, eine Reihe von sukzessiven Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen. (KdrV B 476)
Hier ist anzumerken, dass Kant sich im Laufe seiner folgenden Werke immer wieder an diesem Vermögen abgearbeitet hat. Man müsste zum Beispiel die Kritik der teleologischen Urteilskraft, einem Teil der Kritik der Urteilskraft, zu nennen. Es ist klar, warum die Willensfreiheit dort eine so große Rolle spielt, setzt sich der Wille doch ein Ziel, ohne auf eine Kausalität zurückgreifen zu können. Pragmatisch gesehen argumentiert man immer mit einem vorher/nachher. Was die Willensfreiheit allerdings so schwierig macht, ist, dass sie auf ein solches vorher verzichten muss. Ihr lastet also die Gesamtheit der Verantwortung für den Ursprung einer Kausalität an.
Praktische Vernunft
Recht quer zur Bestimmung der Willensfreiheit steht bei Kant dann die Definition des Willens selbst. Diese Definition vollzieht er in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten in drei raschen, dogmatisch wirkenden Schritten. Zunächst bestimmt er die Wirkung des Naturdings nach Gesetzen. Das Naturding ist diesen Gesetzen unterworfen. Es kann sich nicht subjektiv zu ihm verhalten und es nicht objektiv erkennen. Erst das vernünftige Wesen bringe die Voraussetzung mit sich, Subjekt und Objekt zu trennen, und eine Handlung als subjektiv und objektiv notwendig zu erkennen. Dies sei aber nur gegeben, wenn die Vernunft den Willen bestimmt. Wie aber ist das dem vernünftigen Wesen (Kant redet nicht von Menschen) möglich? Nun, es besitzt ein Vermögen, nicht nach den Gesetzen selbst, sondern nach der Vorstellung der Gesetze zu handeln. Die Vorstellungen der Gesetze nennt Kant Prinzipien, und das Handeln nach diesen Prinzipien sei der Wille.
Die Stelle bei Kant – in Grundlegung zur Metaphysik der Sitten – lautet dann so:
Ein jedes Ding der Natur wirkt nach Gesetzen. Nur ein vernünftiges Wesen hat das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze, d. i. nach Prinzipien, zu handeln, oder einen Willen. Da zur Ableitung der Handlungen von Gesetzen Vernunft erfordert wird, so ist der Wille nichts anders, als praktische Vernunft. Wenn die Vernunft den Willen unausbleiblich bestimmt, so sind die Handlungen eines solchen Wesens, die als objektiv notwendig erkannt werden, auch subjektiv notwendig, d. i. der Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft, unabhängig von der Neigung, als praktisch notwendig, d. i. als gut erkennt. (GMS, BA 37)
Der heilige Wille
Ich möchte nicht jedem Gedankengang und jeder Klippe dieser Definition nachgehen. Kant selbst bestimmt die Ambivalenz seiner Definition sehr gut. Zunächst sagt er, dass die Vernunft dem Willen (oftmals) nicht genüge, sodass dieser objektiv notwendig, aber subjektiv zufällig sei. Demnach werde der Mensch zu seinem Willen genötigt.
Den guten Willen setzt er mit dem göttlichen, bzw. dem heiligen Willen gleich. Dieser stünde zugleich unter den objektiven Gesetzen des Guten, würde durch diese Gesetze aber nicht genötigt, weil zugleich die Prinzipien seines Handelns durch die Vorstellung des Guten bestimmt würden.
Ein solcher Wille sei nicht von Geboten, Kant nennt diese auch Imperative, abhängig, welche einen Willen erzwingen, sondern wolle von sich aus das Gesetz. Imperative dagegen würden darauf hinweisen, dass die objektiven Gesetze auf eine ›subjektive Unvollkommenheit des Willens …, zum Beispiel des menschlichen Willens‹ stoßen.
Zwei Anmerkungen
Vielleicht stößt sich der eine oder andere Leser an dem Begriff objektiv. Tatsächlich sind Subjekt und Objekt bei Kant deutlich anders besetzt, und auch objektiv und subjektiv stehen nicht für real, bzw. emotional und persönlich, wie man dies heute gerne versteht. Objektiv ist der Erkenntnisinhalt, der gerade dadurch, wenn man nur ihn ins Auge fasst, besonders trügerisch ist. Weshalb der Akt der Erkenntnis, das Subjektive, viel gewisser zu erkennen ist.
Auffällig an der eben zitierten, bzw. umschriebenen Passage ist, wie und an welcher Stelle der Mensch auftaucht. Zunächst bezieht Kant seine Ausarbeitung nur auf ein vernünftiges Wesen, welches eines guten oder eines nicht ganz so guten Willens fähig sei. Erst in dem Moment, wenn es darum geht, die Unvollkommenheit des Willens durch ein Beispiel zu illustrieren, nennt er den menschlichen Willen. Diesen hatte er kurz zuvor dem heiligen oder göttlichen Willen gegenübergestellt.
Glückseligkeit
Stellt man diese beiden Anmerkungen zusammen, dann ist der unvollkommene Wille zugleich der subjektiv zufällige. Ein solcher Wille „scheitert“ daran, dass er nicht gemäß seiner eigenen Prinzipien handeln kann. In gewisser Weise beerbt Kant hier noch Aristoteles, bei dem die Glückseligkeit darin bestand, so zu handeln, wie man spricht, und so zu sprechen, wie man handelt, in einer Art vollendetem psychophysischen Parallelismus. Glückseligkeit war das höchste zu erringende Gut des tugendhaften Menschen, und soweit ich Aristoteles verstanden habe, hat sich diese Glückseligkeit des Tugendhaften dadurch steigern lassen, indem er unter anderen Tugendhaften lebt. (Was natürlich auch bedingt, dass das höchste Gut gelegentlich nicht ganz so hoch ist, zumindest der Steigerung noch fähig sei.)
Die Aufhebung der Willensschwäche im Pragmatisch-Spekulativen
Dem möchte ich noch einen letzten, recht spekulativen Absatz zufügen. Er wäre nun das, weswegen ich diesen Artikel lieber doch nicht geschrieben hätte.
Tatsächlich könnte dies sogar verrucht sein, was ich hier versuche. Denn nach Kant ist der Wille genau dann ein guter, wenn er sich gemäß des objektiv und subjektiv Notwendigen verwirkliche, also kategorisch wird und nur aus sich heraus handelt. Der kategorische Imperativ ist einer, der keinen Zweck über sich selbst hinaus hat, und man lese dies parallel zum interesselosen Wohlgefallen, der großen Kunstwerken eigen ist. Man könnte von einer pflichtlosen Pflicht sprechen. Trotzdem scheint die pflichtlose Pflicht nicht ganz makellos zu sein.
Sie betrifft allerdings nicht den Ursprung eines solchen Willens, der gemäß Kant die Nichtkausalität in die Kausalität einführt, sondern die Beliebigkeit, wie diese Kausalität weitergeführt wird. Sie ist, und dies ist meine Spekulation, durch eine ganz andere mathematische Unvollkommenheit bedroht, nämlich der, nur einmal, und nur situativ, einen solchen Neuanfang neu anfangen zu können. Der kategorische Imperativ scheitere daran, dass er im Akt der Willensfreiheit auf die Zufälle der Weiterführung trifft. Plastischer gesagt scheitert er daran, dass er nicht zugleich mit allen Menschen diesen Neubeginn wird teilen können und dass er nicht von allen Menschen aufgenommen werden kann. Der kategorische Imperativ scheitert am sozial Erhabenen, an der schieren Menge von Menschen.
So bleibt die Willensfreiheit immer nur eine Willensfreiheit auf Probe, und der kategorische Imperativ, der für sich selbst subjektiv und objektiv notwendig ist, zeigt seine Notwendigkeit immer nur einer begrenzten Anzahl von Menschen. Der Imperativ muss, will er nicht solipsistisch den Prinzipien den Vorrang vor seiner Verwirklichung geben, pragmatisch bleiben, und d.h. in diesem Falle spekulativ, denn was mit dieser Verwirklichung anderswo geschehen wäre, entzieht sich der empirischen Wahrnehmung; die Kausalität, die der Nichtkausalität folgt, wird nur dort tatsächlich (d.i. empirisch), wo sie stattfindet.
Hier scheint sich die Willensschwäche, also die ›subjektive Unvollkommenheit des Willens‹, mit einer ›strukturellen Unvollkommenheit des Willens‹ zu verschmelzen. Zugleich werden sich das mathematisch Erhabene, welches die Forderung der Kausalität ins Absurde treibt, und das sozial Erhabene (von dem Kant nicht spricht) ähnlich genug, um sie verwechseln zu dürfen. Dann aber wäre die Willensschwäche zugleich auch die Chance, sich an der ganzen Menschheit zu vergesellschaften.
Sie würde dadurch auch erst behoben.
Befehlen und gehorchen
dokai moi
In ihrem letzten Werk greift Arendt auf die Werke des Schweizer Biologen Adolf Portmann zurück. Dieser hatte, durchaus im Gefolge der Gestalttheorie, die Funktionen nicht als den Organen komplett immanent, als Verursacher angesehen, sondern in Wechselwirkung über die Grenze der Organe oder des Organismus hinaus betrachtet. Arendt zitiert ihn folgendermaßen:
Allen Funktionen der Selbsterhaltung und Arterhaltung vorgeordnet … finden wir die einfache Tatsache des Erscheinens als Selbstdarstellung, wodurch diese Funktionen sinnvoll werden … (Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Das Denken, München 2015, S. 37)
Deutlich wird hier, dass Arendt, die bei den Phänomenologen in die Schule gegangen ist, dem Phänomen selbst eine große Bedeutung beimisst. Zugleich aber kann sie dadurch das Politische der gesamten Natur betonen, ist doch das Politische ebenfalls ein Erscheinen als Selbstdarstellung, als autonomes, aber auf Wechselwirkung bedachtes Individuum.
Dementsprechend taucht ein barocker Topos gleich zu Beginn des Buches auf:
Lebewesen haben ihren Auftritt wie Schauspieler auf einer für sie aufgebauten Bühne. (Ebenda, S. 31)
Das große Welttheater allerdings findet ohne göttliche Hilfe statt, und man darf hier spekulieren, dass es auch auf den heiligen oder göttlichen Willen verzichten muss. Jenes ›es scheint mir so‹, das dokai moi, ist zugleich die Anerkennung des Scheins und des Perspektivismus.
Das ewige Zurückweichen der Wahrheit findet sich zugleich darin, dass der Schein nur zugunsten eines anderen Scheins überwunden werden kann, die Perspektive nur verschoben, aber nicht aufgelöst werden kann.
Die Komplikation des Willens
Nietzsche hat das Konzept des Willens deutlich anders gefasst. Im Prinzip antwortet er damit auf das Problem Kants, die Willensfreiheit zwar ableiten, aber nicht begreifen zu können. Bei Nietzsche ist das
Wollen … vor Allem etwas Kompliziertes, Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist, – und eben im Einen Worte steckt das Volks-Vorurteil, das über die allzeit nur geringe Vorsicht der Philosophen Herr geworden ist. … in jedem Wollen ist erstens eine Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl des Zustandes, von dem weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das Gefühl von diesen „weg“ und „hin“ selbst, dann noch ein begleitendes Muskelgefühl, welches, auch ohne dass wir „Arme und Beine“ in Bewegung setzen, durch eine Art Gewohnheit, sobald wir „wollen“, sein Spiel beginnt.(Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. in ders.: KSA V, § 19, bzw. S. 31-34)
Sich-selbst-Befehlen
Nietzsche bereitet in diesem Aphorismus einigen Paralogismen des Willens den gedanklichen Nährboden. Zunächst hebt er pointiert hervor, dass der Wille eine Dreifaltigkeit aus Fühlen, Denken und Affekt sei. Der Affekt sei jener des Kommandos. Und dies präzisiert er dadurch, dass er der Willensfreiheit eine ganz andere Deutung gibt, als Kant:
Das, was „Freiheit des Willens“ genannt wird, ist wesentlich der Überlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den, der gehorchen muss: „ich bin frei, „er“ muss gehorchen“ – dies Bewusstsein steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit, jener gerade Blick, …
Allerdings hat Nietzsche hier keineswegs den Befehlshaber, sei es in der Armee, sei es in der Wirtschaft, im Auge. Es ist der Wollende, der sich selbst etwas befiehlt:
Ein Mensch, der will –, befiehlt einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es gehorcht. … insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und Gehorchenden sind …
So dass die Freiheit des Willens keineswegs in der äußeren Welt gesucht werden muss, sondern im Verhältnis zu sich selbst, also in der Tugendhaftigkeit (um hier noch einmal auf Aristoteles anzuspielen), die Nietzsche hier als Lust an der Selbstbeherrschung versteht (und damit gerade nicht in einem griechischen Sinne):
„Freiheit des Willens“ – das ist das Wort für jenen vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich mit dem Ausführenden als Eins setzt, – der als solcher den Triumph über Widerstände mit genießt, aber bei sich urteilt, sein Wille selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinden.
Sich-selbst-Gehorchen
Der letzte Ausschnitt aus dem gesamten Aphorismus verweist deutlich auf eine seltsame Logik. Derjenige, der sich befiehlt, gehorcht auch sich selbst. Das Wollen selbst scheint zunächst in sich selbst zu laufen, und etwas weiter unten auf der selben Seite redet Nietzsche dann auch von dem ›dienstbaren „Unterwillen“ oder Unter-Seelen‹. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn kurz zuvor hat Nietzsche diesem Seelenbau bereits eine ganz andere Menge hinzugefügt, jene Menge, die Widerstand leistet. Nun könnte man behaupten, dass dieses Sich-selbst-Befehlen und Sich-selbst-Gehorchen um weitere Unter-Seelen erweitert, die überwunden werden müssen. Jedoch fährt Nietzsche auf irritierende Art und Weise fort:
der [Wollende] als solcher den Triumph über Widerstände mit genießt, aber bei sich urteilt, sein Wille selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinde
Man frage sich hier, was das für ein Wille ist, der über die Widerstände triumphiert, ohne sie selbst überwunden zu haben. Nietzsche sagt uns nun nicht, ob es hier vielleicht eine dritte Partei gäbe, die an dieser Niederschlagung der Widerständigen beteiligt sei, was den Schluss nahelegt, dass der Widerstand eine Inszenierung ist, um dem Befehlenden seinen Triumph zu ermöglichen. Mithin sei im Widerstand schon die Niederlage mit angelegt, ja es sei wesentlicher Sinn und Zweck des Widerstands, zu unterliegen. Doch wem unterliegt der Wollende? Immer nur sich selbst.
Die Freiheit des Willens
Was uns Nietzsche hier deutlich macht, ist, dass die Freiheit des Willens auf einem großartig angelegten Selbstbetrug beruht. Der Wille überwindet nur sich selbst, wenn auch sich selbst als einem anderen.
Wir können an dieser Stelle verstehen, wie Nietzsche auf Kants Paradoxie der Nichtkausalität der Kausalität antwortet. In einem ersten Schritt nimmt er das Vermögen, welches Kant spekulativ einführt, und vervielfältigt es: der Wille ist eine Komplikation. In einem zweiten Schritt, den ich oben nicht erwähnt habe, weist er auf die Täuschung hin, die dem Wörtchen ›Ich‹ anhaftet, indem es über die Zweiheit von Befehlendem und Gehorchendem hinwegtäusche und sie als Einheit präsentiere. Und schließlich sei die Freiheit des Willens nur eine Selbstüberwindung, allerdings eine Selbstüberwindung, die wiederum inszeniert ist, um jenem befehlenden Seelenanteil den Triumph und die Lustgefühle zukommen zu lassen.
Und anders als bei Hannah Arendt ist nicht die Welt die Bühne, sondern die eigene Seele.
03.07.2016
Neues aus dem Hinterland
Kinnerchens, das war ein Wochenende.
Ich weiß mal wieder gar nicht, wo ich anfangen soll bei dem, was ich nicht geschafft habe.
Immerhin haben zwischendurch zwölf Bücher meinen Schreibtisch besucht und dann wieder verlassen, zwölf Nicht-Computer-Bücher.
Ich weiß mal wieder gar nicht, wo ich anfangen soll bei dem, was ich nicht geschafft habe.
Immerhin haben zwischendurch zwölf Bücher meinen Schreibtisch besucht und dann wieder verlassen, zwölf Nicht-Computer-Bücher.
Immanuel Kant
Immanuel Kant war dabei, die Grundlegung der Metaphysik der Sitten. Was ja auch noch so ein unvollendetes Projekt von mir ist. Irgendwann mal, vor ca. fünf Jahren, wollte ich mal sämtliche Stellen, die ich nicht verstanden habe, herausschreiben und mit Fragen versehen. Nach gefühlten 1000 Seiten habe ich diese Aufgabe abgebrochen. Empirisch gesehen waren es dann aber doch nur 70 Seiten. Komischerweise, denn ansonsten bin ich doch eigentlich ein recht hartnäckiger Leser. Ich glaube, dass ich aus lauter Ehrfurcht zum funktionellen Analphabeten mutiere.
Hannah Arendt
Sehr viel mehr Spaß dagegen macht mir Hannah Arendt. Nicht, dass ich dieses Projekt nicht auch immer wieder aufschieben würde. Sie beginnt ihr letztes großes Werk, Vom Leben des Geistes, mit einigen für mich sehr zentralen topoi, dem Drang zur Selbstdarstellung, dem Leben als Bühne, dem Schein, der Verdopplung des Denkers im Denken. Schließlich sind die beiden Teilwerke (der Band umfasst Das Denken, und Das Wollen, während der dritte Teil, Das Urteilen, leider nicht mehr fertig gestellt wurde) voller wunderbarer Metaphern des Lesens, was wir mal wieder beweist, dass das Lesen theatralisch ist.
Autobiografisches
Autobiografeme
So nennt Roland Barthes die Fragmente, die jemand aufschreibt, um sein Leben, ja was? Darzustellen? Zu rechtfertigen? Nun, jedenfalls ist die Autobiografie ein Mythos, solange sie der Einheit des Subjekts aufsitzt. Das Andersartige schreibt sich doch ein drückt sich aus.
Drang zur Selbstdarstellung
Dieses Thema ist schon viele Jahre alt, und eigentlich habe ich mich auch weniger mit dem Drang zur Selbstdarstellung beschäftigt, als mit deren Pathologien. Damals, ich muss 21 gewesen sein, war es Leon Wurmser, der mich sehr beschäftigt hat. Ich habe sein Buch Die Maske der Scham nicht nur durchkommentiert, sondern als Anregung genommen, alles mögliche aufzuschreiben und zu „durchleuchten“. Einmal in meinem Leben habe ich meine ganze Kindheit und Jugend zu Papier gebracht, nicht, um das zu veröffentlichen, sondern um zu klären, was überhaupt passiert ist.
Es war, möchte ich auch behaupten, mein erstes Buch, was ich nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell, grammatisch, nach übergeordneten Relationen gelesen habe, und auf der anderen Seite in einer sehr konnotativen Art und Weise kommentiert habe. Weshalb mir später Roland Barthes so rasch ans Herz gewachsen ist.
Es war, möchte ich auch behaupten, mein erstes Buch, was ich nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell, grammatisch, nach übergeordneten Relationen gelesen habe, und auf der anderen Seite in einer sehr konnotativen Art und Weise kommentiert habe. Weshalb mir später Roland Barthes so rasch ans Herz gewachsen ist.
Scham und Schuld
In diese Zeit fällt auch meine Auseinandersetzung zu Scham und Schuld. Ich erinnere mich gar nicht mehr genau, was ich damals alles dazu gedacht habe. Ich weiß nur, dass sich die Gedanken noch jahrelang weiter gesponnen habe, und dass sie heute immer noch mein Denken prägen.
Wurmser zergliedert verschiedene Formen von Scham und Schuld, und zeigt sowohl an Fallbeispielen aus seiner psychoanalytischen Praxis wie auch an der Literatur, dass hinter den Phänomenen von Scham und Schuld sehr unterschiedliche pathologische Prozesse stehen können. Er spricht über eine ganze Reihe von Phänomenen, die mit dem Sehen und Gesehen-werden tun haben, von gefräßigen Augen, von Verschleiern, Enthüllen und Überwachen. Immer wieder habe ich während meiner Unizeit diese Themen aufgesucht.
Wurmser zergliedert verschiedene Formen von Scham und Schuld, und zeigt sowohl an Fallbeispielen aus seiner psychoanalytischen Praxis wie auch an der Literatur, dass hinter den Phänomenen von Scham und Schuld sehr unterschiedliche pathologische Prozesse stehen können. Er spricht über eine ganze Reihe von Phänomenen, die mit dem Sehen und Gesehen-werden tun haben, von gefräßigen Augen, von Verschleiern, Enthüllen und Überwachen. Immer wieder habe ich während meiner Unizeit diese Themen aufgesucht.
Das Leben als Bühne
Dieser Topos gehört direkt zu Scham und Schuld dazu. Und natürlich ist es ein Thema der Literaturwissenschaft, Calderón etwa, aber auch die Bühnenstücke von Hofmannsthal und Horvath. Nicht zu vergessen Shakespeare und Cechov, den wunderbaren Sommernachtstraum, die Möwe.
Lesen
Recht spät ist dies dann für lange Zeit zentrales Thema geworden, fast bis ans Ende meiner Unizeit. Im Gegensatz zu den anderen Themen war dies aber kein inhaltliches Thema, sondern ein methodisches. Es ging um Strategien des Lesens, auch um die Produkte, die daraus entstehen. Ich habe alles ausprobiert, die Analyse, das Kreative, die lose und die strenge Konstruktion. Das war die Zeit meiner großen Textexperimente. Ich musste noch einmal alles zerstören und vom Grunde auf aufbauen, was sich bis dahin erfahren und erlebt habe. Das war eine gute Zeit.
Es war eine Zeit der zahlreichen Sprachen. Leider ist mir vieles abhanden gekommen. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht liegen ja einige meiner Uniordner noch bei meiner Exfrau, und vielleicht macht sie das, von dem ich vermute, dass sie das am besten kann: abschreiben und sich mit fremden Federn schmücken.
Na gut, ich soll nicht lästern.
Was habe ich heute gemacht? Also, was habe ich noch gemacht? Ich habe, wenn auch in aller Eile, Abschnitte von Kant, Nietzsche und Arendt miteinander verglichen. Dabei sind die Fragen nur so aus meinem Stift geflossen. Wenn man bei einem Text völlig auf dem Schlauch steht, ist es hilfreich, verwandte Texte zu lesen, die inhaltlich einfacher sind.
Das Programmieren ist zu kurz gekommen.
Es war eine Zeit der zahlreichen Sprachen. Leider ist mir vieles abhanden gekommen. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht liegen ja einige meiner Uniordner noch bei meiner Exfrau, und vielleicht macht sie das, von dem ich vermute, dass sie das am besten kann: abschreiben und sich mit fremden Federn schmücken.
Na gut, ich soll nicht lästern.
Was habe ich heute gemacht? Also, was habe ich noch gemacht? Ich habe, wenn auch in aller Eile, Abschnitte von Kant, Nietzsche und Arendt miteinander verglichen. Dabei sind die Fragen nur so aus meinem Stift geflossen. Wenn man bei einem Text völlig auf dem Schlauch steht, ist es hilfreich, verwandte Texte zu lesen, die inhaltlich einfacher sind.
Das Programmieren ist zu kurz gekommen.
30.06.2016
Manifeste schreiben
Weiterhin beglücke ich euch mit Nachrichten von meinem Fleiß, aber einem Fleiß, den ihr derzeit nicht zu sehen bekommt. Natürlich liegt das zum Teil auch daran, dass jetzt die ganzen Zeugnisse geschrieben werden müssen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch.
Ein Manifest
Ich schreibe ein Manifest. Manifest, so heißt das jedenfalls. Nachdem ich doch eine recht große Sicherheit mit Python, HTML, CSS und Javascript gewonnen habe, wollte ich mich endlich mal wieder an ein großes Projekt wagen. Und um ein solch großes Projekt zu strukturieren, schreiben Informatiker Manifeste. Darin sind alle relevanten Daten für ein Computerprogramm beschrieben, alle Funktionen und alle Algorithmen.
Das Schöne an einem Manifest ist, dass man eine Computersprache gar nicht beherrschen muss. Man kann dies in der Alltagssprache erledigen. Wenn man dann Ahnung vom Programmieren hat, kann man ein solches Manifest nehmen und es in ein zweites Manifest umwandeln, in welchem man eine stärkere Anbindung an die Programmiertätigkeit findet. Daraus wiederum entsteht ein Plan, der die einzelnen Stationen des Programmierens festlegt. Und schließlich entstehen eben die Programme.
Das Schöne an einem Manifest ist, dass man eine Computersprache gar nicht beherrschen muss. Man kann dies in der Alltagssprache erledigen. Wenn man dann Ahnung vom Programmieren hat, kann man ein solches Manifest nehmen und es in ein zweites Manifest umwandeln, in welchem man eine stärkere Anbindung an die Programmiertätigkeit findet. Daraus wiederum entsteht ein Plan, der die einzelnen Stationen des Programmierens festlegt. Und schließlich entstehen eben die Programme.
Zeit- und Projektmanagement für Autodidakten
Wofür ich ein solches Manifest schreibe? Lange Zeit hatte ich nicht so richtig eine Idee, was ich programmieren könnte. Jetzt habe ich eine. Ich werde für mich selbst Zeit- und Projektmanagement schreiben, in dem ich wichtige Termine und Zielvorstellungen eintrage. Darin soll es um die Verwaltung von Lernprojekten und Lernfortschritten gehen.
Angedacht ist, das ganze zunächst mit Python zu verwirklichen, dann mit Java. Java ist für mich deshalb auch so wichtig, weil ich damit Anwendungen schreiben kann, die ohne Hilfe auskommen.
Angedacht ist, das ganze zunächst mit Python zu verwirklichen, dann mit Java. Java ist für mich deshalb auch so wichtig, weil ich damit Anwendungen schreiben kann, die ohne Hilfe auskommen.
Javascript Tutorial
Das ist nicht mein einziges Projekt. Ich habe ein recht umfangreiches Tutorial für Javascript ausgearbeitet. Noch bin ich an der Vorarbeit, obwohl sich diese recht problemlos gestaltet. Zunächst hatte ich mir einen Fahrplan erstellt, welche Videos wann in meinem Kurs auftauchen werden. Bei der Ausarbeitung hatte ich mit wesentlich mehr Veränderungen gerechnet. Zur Zeit sieht es so aus, dass ich an der entworfenen Video-Folge nichts mehr verändern muss.
Trotzdem ist das Arbeit. Für jedes einzelne Video schreibe ich einen Fahrplan. Ich schreibe einen solchen Fahrplan, auch wenn ich weiß, was ich machen möchte. An dieser Arbeit disziplinierende ich mich. In meinem HTML/CSS-Kurs habe ich zwar in den einzelnen Videos eine gute Struktur, aber mir hat vorher der Überblick über den gesamten Kurs gefehlt, so dass dieser zu unstrukturiert daherkommt.
Das möchte ich diesmal durch die umfangreichen Vorarbeiten vermeiden. Der Kurs soll ausgearbeitet sein, bevor ich das erste Video drehe.
Trotzdem ist das Arbeit. Für jedes einzelne Video schreibe ich einen Fahrplan. Ich schreibe einen solchen Fahrplan, auch wenn ich weiß, was ich machen möchte. An dieser Arbeit disziplinierende ich mich. In meinem HTML/CSS-Kurs habe ich zwar in den einzelnen Videos eine gute Struktur, aber mir hat vorher der Überblick über den gesamten Kurs gefehlt, so dass dieser zu unstrukturiert daherkommt.
Das möchte ich diesmal durch die umfangreichen Vorarbeiten vermeiden. Der Kurs soll ausgearbeitet sein, bevor ich das erste Video drehe.
Umwege
Ich nutze diese Ausarbeitung auch, um Unklarheiten nachzugehen. So habe ich mich am Wochenende wesentlich intensiver mit der Datenstruktur einer Website auseinandergesetzt, als ich dies für mein Tutorial brauche.
Andere Umwege führen mich zu Tutorials, die ich in Zukunft drehen möchte, so zu Programmbibliotheken von Javascript und Python. Wann und wo immer es mir möglich ist, entwerfe ich weitere Tutorials. Es ist vielleicht ganz sinnvoll, zunächst an vielen Projekten gleichzeitig zu arbeiten, ohne sich dem Druck auszusetzen, sie verwirklichen zu müssen. So ist zum Beispiel in meinem Arbeitsheft ein Tutorial zu jQuery zu finden, das sich für ganz brauchbar halte, obwohl jQuery eindeutig erst dann erklärt werden kann, wenn man Javascript verstanden hat.
Andere Umwege führen mich zu Tutorials, die ich in Zukunft drehen möchte, so zu Programmbibliotheken von Javascript und Python. Wann und wo immer es mir möglich ist, entwerfe ich weitere Tutorials. Es ist vielleicht ganz sinnvoll, zunächst an vielen Projekten gleichzeitig zu arbeiten, ohne sich dem Druck auszusetzen, sie verwirklichen zu müssen. So ist zum Beispiel in meinem Arbeitsheft ein Tutorial zu jQuery zu finden, das sich für ganz brauchbar halte, obwohl jQuery eindeutig erst dann erklärt werden kann, wenn man Javascript verstanden hat.
Schluss
Das sind also die Sachen, mit denen ich mich im Moment beschäftige. Das Programm zum Zeitmanagement wird wohl das nächste sein, was ich schreiben werde. Ob ich dabei Zeit haben werde, nebenher auch noch das Tutorial für Javascript zu verwirklichen, bleibt fraglich. Irgendwie bleibt von der ganzen Woche dann nur noch recht wenig Zeit.
19.06.2016
Von einer 100-jährigen, die aus dem Fenster stieg, und vom negativen ästhetischen Horizont
Was für ein Wochenende! Aber das soll euch nicht bedrücken. Das nämlich, was ich alles gemacht habe, und dass ich jetzt vor meinem Computer sitze und das Gefühl habe, nichts geschafft zu haben, von dem, was auch noch wichtig gewesen wäre.
Von einer 100-jährigen, die aus dem Fenster stieg und verschwand
Da treffe ich doch eine sehr alte Frau, während ich unterwegs bin. Sie war auf dem Flohmarkt, hatte eine Tasche bei sich, und sich etwas gekauft, was ihr Mühe machte, es nach Hause zu bringen. Ich habe ihr angeboten, die Tasche zu tragen. Dann das Gespräch.
Nein, an den Ersten Weltkrieg erinnert sie sich nicht mehr, Gott sei Dank. Aber der zweite, von dem weiß sie noch. Gerne hätte sie davon nichts mehr gewusst. Und dass sie hoffentlich bald sterbe. Das sei nicht ihre Zeit. Einen dritten Weltkrieg wolle sie nicht erleben. Wovon sie spreche, fragte ich. Von all den Nazis im Internet. Sie benutze das Internet, fragte ich. Selbstverständlich, das sei ja nun billiger als Zeitungen, und auch schneller. Und außerdem könne sie so gelegentlich ihre Urenkel und Ururenkel sehen, dank Skype. Und die Kommentare lese sie natürlich auch, die unter den Zeitungsartikeln. Einmal sagt sie, dass die Deutschen sich auf einiges verstünden, aber von Gastfreundschaft hätten sie keine Ahnung. Oftmals seien ihnen andere Meinungen lästig. Alles müsse schnell gehen, auch die Meinung. Wie sie es mit den Meinungen handhabe, fragte ich. Für manche Meinungen, sagt sie, habe sie fünfzig Jahre gebraucht. Welche das seien? Nein, darauf wolle sie nicht antworten; manches müsse man mit ins Grab nehmen.
Sie also, 101, immer noch unterwegs, und bedrückend erdgebunden. Ihre Ängste: dass die verbale Gewalt in körperliche Gewalt umschlägt, dass die verbale Gewalt nicht nur darin umschlägt, sondern sie im großen Stil legitimiert. Zumindest habe ich das herausgehört.
Ich betrete ihre Wohnung nicht. Als ich mich verabschiede, fragt sie, was ich wählen würde. Zuvor, auf der Straße, schien sie meinen Fragen ausweichen zu wollen, und sie hat sie wahrscheinlich nur deshalb beantwortet, weil sie es als unhöflich empfunden hätte, darauf nicht zu antworten. Jetzt fragt sie selbst. Was ich wählen würde, und meine Antwort war: ich weiß es nicht, aber wohl demnächst wieder die Partei, die am wenigsten schlecht ist. Wie ich das entscheiden würde? Danach, was die Menschen auf der Straße brauchen, nicht nach dem, was sie nachplappern. Sie nickt und scheint einverstanden. Dann verschwindet sie, hinter ihrer Tür, nicht durch das Fenster.
Muss man erst so alt werden, um all die jüngeren zu beschämen? Oder brauchen wir erst einen dritten Weltkrieg, um in unserer Generation wieder auf vernünftige Gedanken zu kommen?
Deutschlands Zukunft
Troll
Neulich wurde ich als Troll bezeichnet. Warum? Ich habe draufgehauen, verbal. Behauptet hat jener Mensch, der mich dann so bezeichnete, dass die Juden Mischehen verachten würden, und dass der israelische Staat samt allen Menschen jüdischen Glaubens faschistisch seien. Darüber habe ich mich aufgeregt. Andere auch. Meine Widerworte erregten Unmut. Troll, das ist dann wohl eine Bezeichnung, die ich in diesem Fall mit einem gewissen Stolz tragen darf. Aber nein, mich erfüllt kein Stolz. Es ist eher Angst, die mich heimsucht, wenn ich mir diese ganzen „Gesichter“ ansehe, die versuchen, an Deutschlands Zukunft herumzuflicken.
Nein, so war es zu lesen, sie würde ihr Sachsen nicht verlassen, wo es doch jetzt so schlimm sei mit all den Ausländern und Homosexuellen woanders.
Und anderswo las ich, dass der Landser die einzige Lektüre sei, die ein echter Deutscher lesen solle.
Dazu konnte ich mich dann gar nicht mehr äußern.
Der aristokratische Staat
Bei all diesem Geplapper von Menschen mit einer offensichtlich recht beschränkten Auffassungsgabe träume ich schon davon, dass diese in der Versenkung verschwinden, in jener Versenkung, in der damals der dritte Stand verschwunden ist, als die Aristokraten herrschten. Oder zumindest so ähnlich. Ein Philosophenstaat vielleicht. Irgendetwas, was von oben, aus einem höheren und verfeinerten Blickwinkel die Diskussionen leiten könnte. Die Masse, sich selbst überlassen, wird doch allzu oft zur Bestie. Und angeleitet werden sie durch Menschen, die sich aus recht seltsamen Gründen plötzlich in einer gewissen politischen Verantwortung wiederfinden, Gauland zum Beispiel.
Wie der sich neulich bei Anne Will gewunden hat, wie er die Anklage versucht hat in eine Gegenanklage umzuwandeln, aber dies so ungeschickt, so geradezu lächerlich. Nein, das ist mit Sicherheit kein Mensch, dem man eine sublimierte Moral zusprechen kann. Der hat wohl einiges an Bildung genossen, aber die Freuden der Selbstreflexion und der Strenge mit sich selbst, die sind ihm wohl verwehrt geblieben.
Ob mich das an Hitler erinnert? Keineswegs. Hitler war kein Intellektueller. Gauland ist einer, im schlimmsten Sinne des Wortes. Wer mir dort einfällt? Stalin. Auch der war intellektuell, und auch dies ist zu hören im schlimmsten Sinne des Wortes.
Der aristokratische Staat würde dem ganzen letztendlich aber doch nicht abhelfen. Der Adel war manchmal für das beste, oft aber auch für das schlimmste zu haben. Und die Aristokratie hatte immer eine Neigung zur Faulheit, weil das Geburtsrecht hinter allem stand, was eine aristokratische Person auch tat und machte.
Der negative ästhetische Horizont
Also wird in Deutschland wieder eifrig geplärrt und gehetzt. Gauland findet die deutsche Nationalmannschaft überfremdet. Zu der Herkunft seiner Kleidungsstücke hat er nichts gesagt. Woher sein Gemüse kommt, die Ersatzteile seines Autos, die Software seines Handys, nein, dazu gibt es keine Äußerungen. Selig sind die Kinder, denn ihrer ist das Himmelreich.
Und dann gibt es noch eben diese Leute, die Deutschland so vehement verteidigen. Deutschland eben, unser Deutschland. Gegen die Ausländer, gegen die islamische Flut, gegen die Überfremdung. Ich habe schon lange aufgegeben, danach zu fragen, was das genau ist, was dort verteidigt wird. Unser Sozialsystem, wird dann gesagt. Deshalb wählt man dann auch die AfD, die genau dieses Sozialsystem noch stärker beschneiden will, als es derzeit schon üblich ist. Oder es wird all dies hier verteidigt, mit einer weiten, großzügigen Geste in die Runde hinein, sozusagen in die Landschaft. Aber die Landschaft hat sich das nicht ausgesucht, deutsch zu sein. Der ist das auch wohl ziemlich egal. Und wenn man sich mitten in einer Stadt befindet, dann kann man mit Sicherheit sagen, dass das, was da verteidigt wird, in 50 Jahren anders aussieht, so wie es vor 50 Jahren anders ausgesehen hat. Der Alexanderplatz hat nur noch im Grundriss etwas damit zu tun, wie er vor 100 Jahren als Alexanderplatz war.
Diese Menschen verteidigen ein Nichts. Sie reden von einer gewissen Ästhetik, von einer deutschen Ästhetik, aber sie können dies nur, indem sie einen negativen ästhetischen Horizont aufmachen, den Horizont der Überfremdung und der Umvolkung. Sicherlich sind sie fleißig, ihre Kommentare und Videos zu posten, doch der Urgrund dieser ganzen Aktivität scheint mir doch eine radikale Faulheit zu sein. Auch dieses Deutschsein von Geburt an ist ein Pillepalle vor dem Herrn. Wer sein Deutschsein sowieso schon besitzt, der kann sich darauf herumlümmeln, wie der Asoziale auf seinem Fernseh-Sofa. Tun muss man dafür nichts. Veränderung ist doof, im Zweifelsfall radikal islamistisch, oder weniger stark ausgedrückt rot-grün-versifft, auf jeden Fall aber links, oder dem Gutmenschentum verfallen.
Nein, einen positiven ästhetischen Horizont kennen diese Menschen anscheinend nicht. Sich selbst hinzustellen und schöpferisch tätig zu sein, das gelingt diesen Menschen nicht. Sie verteidigen nur und sehen sich als Opfer. Mittlerweile haben sie eine gewisse Schlauheit und Frechheit darin gewonnen, ein sekundärer Krankheitsgewinn, möchte man meinen. Sie wagen zu produzieren, aber auf der Grundlage einer Rachsucht. Es ist diese Rachsucht, die sie verteidigen, wenig mehr.
Die Lüge
Von einer Lügenpresse, davon haben wir alle schon gehört. Ich selbst kann es mittlerweile nicht mehr hören. Es ist ein grässliches, monströses Wort. Aus dem Mund eines Heinrich Heine oder eines Karl Kraus, da wäre es statthaft gewesen. Aber was sich dieser Pöbel dort auf der Straße leistet, das ist zutiefst erbärmlich. (Karl Kraus, den hätte ich als Fürst, wenn nicht als König akzeptiert. Wenn einer verdient hätte, im Journalismus Aristokrat zu sein, dann er.)
Logisch gesehen ist das Verhältnis zwischen Menschen, ihre Moral, ihr politisches Dasein, nicht auf Fakten gegründet, sondern auf Anerkennung. Die Wahrheit dagegen kann sich nur auf Fakten beziehen. Was dem im politischen Dasein entspricht, ist die Wahrhaftigkeit, Wahrhaftigkeit in dem Sinne, dass man gegenüber dem anderen das Miteinander und Ineinander erkennt und befürwortet. Der politische Mensch ist nicht allein. Immer ist er mindestens zu zweit.
Nein, man kann hier Nietzsche darin folgen, dass die Forderung nach der Wahrheit keineswegs die Forderung nach der Wahrheit ist, sondern der Aufruf, sich zu entblößen. Entblößen soll sich der andere; der Aufruf gilt nicht einem selbst. Und noch einmal schwimmt darin diese fundamentale Feigheit mit, auf die die Pegida und all diese deutschtümelnden Deutschen ihre Bewegung bauen. Man fordert die Sichtbarkeit des anderen, aber man verweigert das Gesehen-werden. Genau aber das ist das Fundament der politischen Lüge. Es ist diese Asymmetrie des Sehens, nicht die Verweigerung der Tatsache (das wäre nur eine Lüge im naturwissenschaftlichen Sinne oder eine historische Lüge).
Auschwitz als Lüge
Was ist eine historische Lüge?
Vielleicht lässt sich das am besten an Auschwitz darstellen. Auschwitz als Tatsache ist eine historische Wahrheit. Es hat existiert. Gelogen ist, dass Auschwitz eine bestimmte Daseinsweise erzwingt, ausgenommen der, die Fakten anzuerkennen.
Mittlerweile wird im Internet nicht mehr von Auschwitz gesprochen. Aber jedesmal, wenn von der Schuld der Deutschen die Rede ist, schwingt diese Monstrosität mit, so als wäre das Schuldbekenntnis ein Automatismus, dem jeder Deutsche folgen müsse, ginge es, nach der Meinung dieses rechtspopulistischen Elends, nach der Meinung des 'rot-grün-versifften' Politikertums.
Keineswegs ist das so. Sicherlich wird zu viel und zu häufig von Schuld geredet, und sicherlich haben nicht immer die besten Köpfe versucht, eine Verbindung des deutschen Staates zu Auschwitz zu ziehen, aber der grundlegende Begriff, der sich doch bei den besseren Denkern findet, ist der der Verantwortung. In der Schuld schwingt immer noch mit, das ungeschehen zu machen, was geschehen ist. Psychoanalytisch wird die Schuld deshalb auch aus einer sublimierten Verleugnung abgeleitet (siehe dazu Leon Wurmser: Die Flucht vor dem Gewissen).
Die eine historische Lüge ist, Auschwitz zu verleugnen. Die andere historische Lüge dagegen ist, zu wissen, was Auschwitz bedeutet. Und dies ist, man möge mir das verzeihen (aber nein, lieber nicht!), das Problem von einer ganzen Reihe von sogenannten "Linken". Auschwitz bedeutet, aber was es für die Opfer bedeuten solle, das könnten uns nur die Opfer anerkennen. Die Monstrosität von Auschwitz findet sich genau in diesem Zwiespalt: dass dort das politische Dasein auf die übelste Art und Weise vernichtet wurde, wie dies einem politischen Dasein geschehen kann: durch die körperliche Vernichtung. Nichts wird dieses politische Dasein wieder auferstehen lassen, keine Gedenktafel, keine Anklage, keine Reue. Die Tatsache Auschwitz ist die Nicht-Tatsache einer sehr großen Anzahl politischer Stimmen. Wer immer glaubt, für diese Menschen anders als auf der Ebene jenes Wir-sind-vernichtet-worden sprechen zu können, lügt.
Schlusswort
Viel gäbe es zu sagen. Aber das ist heute nicht meine Aufgabe. Andere, bessere Denker haben dies längst vor mir geleistet. Ich mag hinweisen auf Hannah Arendt Vom Leben des Geistes, oder auf jenes wunderbare Fragment aus Nietzsches Nachlass, welches sich in der KSA 1886/87, 7 [6] direkt zu Beginn findet, und mit einem Satz beginnt, den man über jede Protestbewegung stellen sollte, sei es die Antifa, sei es die Pegida, sei es der Feminismus oder der Maskulinismus:
Der Sieg eines moralischen Ideals wird durch dieselben „unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, Lüge, Verleumdung, Ungerechtigkeit
Weiters habe ich über die Noten für meine Schüler gebrütet, Arendt gelesen (eben jenes eben zitierte Werk), einen unveröffentlichten Roman begonnen durchzukommentieren, ein wenig programmiert, aber doch viel mehr über die Tätigkeit des Programmierers nachgedacht, Nietzsche gelesen, an meinem Zettelkasten herum programmiert, und wie ihr an dieser Aufzählung seht, alles irgendwie recht durcheinander.
Bin ich zufrieden? Ja und nein. Der Grund, auf dem ich im Moment ruhe, ist die Zufriedenheit. Darüber aber schwebt der Geist der Unruhe und der Unzufriedenheit. So viel gäbe es zu tun. So wenig Zeit habe ich.
05.06.2016
noch so ein Tag
Früher war Facebook schlimm. Heute ist es schlimmer. Irgendwelche Möchtegern-Deutsche beleidigen andere Deutsche (zusammen mit einigen 100.000 Ausländern und Migranten) in einem erstaunlich schlechten Deutsch. Da beschimpft jemand den Spiegel online, bzw. dessen Mitarbeiter, als Untermenschen. Die keilen zurück und sprechen von einem Nazi-Kanal. Daraufhin will der Typ Strafanzeige stellen wegen Beleidigung. Als ich daraufhin frage, wie doof denn das sei, wird mir auch mit einer Strafanzeige gedroht.
Von einer Rechtsbeugung faselt eine gewisse Andrea B., weil ein dreifacher Brandstifter aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht in Haft kommt, sondern in eine Tagesklinik eingewiesen wird. Sie spricht von einer unerhörten Begünstigung der Muslime. Wohl gemerkt hat jener entsprechende Mensch, selber Muslim, nicht irgendwelche Häuser angezündet, bzw. ja nur versucht anzuzünden, sondern Moscheen. Das könnte man nun so oder so auslegen.
Lesenlernen
Auch darum habe ich mich am Wochenende gekümmert, wenn auch mit großen Lücken dazwischen (man hat ja auch noch etwas anderes zu tun). Wohin mich die ganze Diskussion führt, weiß ich noch nicht. Wenn ich mir die Leute im Internet ansehe, haben dort einige keinen guten Deutschunterricht genossen. Noch mangelhafter als die Rechtschreibung ist die Fähigkeit des sinnentnehmenden Lesens. Bei einigen könnte man schon von einem funktionellen Analphabetismus sprechen.
Doch wie auch immer: auch das hat auf meinem Plan für das Wochenende gestanden.
Programmieren
Eigentlich wäre das für mich eine wichtige Freizeitbeschäftigung, zumindest derzeit. In den letzten zwei Wochen habe ich ganz grob angefangen, ein JavaScript-Tutorial zu skizzieren. In etwa stehen jetzt die Themen für etwa die Hälfte der Videos. Die Zeit, die dafür gebraucht habe, dürfte sich auf unter eine halbe Stunde beschränken. Einige Code-Schnipsel habe ich schon noch geschrieben. Aber auch da dürfte ich unter einer Stunde liegen.
Zettelkasten
Ich kann nicht sagen, dass dieser brach liegt. Doch derzeit denke ich mehr darüber nach, wie ich diesen selber programmieren könnte, und so programmieren, dass er mir in den Kram passt. Wie erfolgreich dieser Gedanke sein wird, könnt ihr wohl ahnen. Wieder mal werde ich das auf unbestimmte Zeit verschieben müssen.
Und sonst?
Sonst passiert einiges, aber da ich selbst im Moment recht viele halbe und ganze Drohungen bekomme, mag ich mich nicht weiter über Privates verbreiten. Ich lege mich gerne mit dumpfen Deutschtümlern an, weil es mir ekelt, solchen Menschen die großartige deutsche Kultur zu überlassen. Davon möchte ich aber die Menschen, die ich liebe, nicht belästigt wissen.
Obwohl ich befürchte, dass solche Menschen, die so ungebremst intelligenzlos gegen Ausländer und Politiker hetzen, irgendwann ganz Deutschland in Brand setzen werden. Und dem würden wohl die wenigsten entkommen.
Nationalstolz
Die hier geschilderte Torheit unserer Natur treibt hauptsächlich drei Sprösslinge: Ehrgeiz, Eitelkeit und Stolz. Zwischen diesen zwei letzteren beruht der Unterschied darauf, dass der Stolz die bereits feststehende Überzeugung vom eigenen überwiegenden Werte in irgendeiner Hinsicht ist; Eitelkeit hingegen der Wunsch, in andern eine solche Überzeugung zu erwecken, meistens begleitet von der stillen Hoffnung, sie infolge davon auch selbst zu der seinigen machen zu können. Demnach ist Stolz die von innen ausgehende, folglich direkte Hochschätzung seiner selbst; hingegen Eitelkeit das Streben, solche von außen her, also indirekt zu erlangen. Dementsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam. [...] Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. [...] Dem Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise nachzurühmen sein. Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer andern Form und diese nennt man den Nationalcharakter.Schopenhauer, Arthur: Aphorismen zur Lebensweisheit. in: GW IV, S. 428-430
Nun, man sollte doch meinen, dass diese plärrenden und lärmenden Gut-Deutschen (zum Glück) noch keinen Nationalstolz haben, sondern "nur" eine Nationaleitelkeit. Dass sie an der fremden Meinung hängen, wie der Gehängte am Strick.
Und ist es nicht seltsam, dass man zwar vieles darüber hört, was das Deutsche nicht ist, aber wenig darüber, was das Deutsche ist? Kann es sein, dass das Deutsche vielleicht gar nichts ist? Dass es so hohl und leer ist wie die Trommel, die einst zu den Tänzen Atta Trolls geschlagen wurde?
04.06.2016
Finger weg von unseren Frauen
Also eigentlich: "Finger weg von unseren Frauen!", denn mein Spruch ist das nicht.
Nun könnte man sich ja das Gegenteil denken, also "Finger dran, an unsere Frauen!" - Dies wird wohl auch fleißig gepostet, und dazu ge-uzt, man verschachere jetzt "seine (also 'unsere') Frauen" an die Ausländer.
Verneinungen
Aber diese kleine Szene, die wir dem FPÖ-Menschen Armin Sippel verdanken, zeigt auf ein generelles Problem.
Der deutsche Satz lässt nicht nur eine explizite, sondern auch eine implizite Verneinung zu. Explizit verneint wird meist über das Verb, bzw. das Prädikat des Satzes. Dies wäre "Finger weg", in seiner elliptischen Form. Was an dem Video von Sippel (unter anderen Dingen) so lächerlich ist, was schon an der ganzen Diskussion um die "Sylvester-Vorfälle" so lächerlich war, war ein ganz anderes Wörtchen, was sich in die Debatte eingeschlichen hat, jenes "unsere", ein Wort, das einen Zugehörigkeits-, aber auch einen Besitzanspruch markiert.
Keine Frage: das Bedrängen und Nötigen von Frauen, und natürlich erst recht das, was darüber hinaus geht, ist schlimm, um nicht zu sagen, widerlich. Hier Frauen zu schützen ist Pflicht, aber es ist eben ganz allgemein, nicht wählerisch die Pflicht. Als ich mich neulich zu der Kopftuchfrage geäußert habe, da war meine leitende Idee dabei nicht, ob Kopftuch oder nicht, sondern ob der Individualwille einer Frau akzeptiert wird. Sittliche Autonomie, die zugleich der umfassende Begriff von Meinungs- und Religionsfreiheit ist, ist nun mal der zentrale Wert unserer Kultur, zugleich deren politischer Gegenbegriff von der Würde des Menschen. Unsere Kultur hat eben sittliche Autonomie, damit Meinungs- und Religionsfreiheit zu gewährleisten. Und was mir sehr viel mehr Sorge macht, ist nicht, dass der Islam patriarchal ist; - obwohl er das zweifellos ist, sondern dass sich über den Vorwurf und unter dem sehr zweifelhaften Schirm des Wörtchens "Schutz" das sowieso Patriarchale unserer Kultur wieder breite Bahn bricht.
- Zur deleuzianischen Logik
- Gehirngerechtes Lernen
- Disjunktion: ausschließende und alternative Urteile
Das Patriarchat
Was das Patriarchat angeht, so darf ich mich hier als Pessimisten vorstellen. Wir werden, solange wir Kultur wollen, nicht um hegemoniale Effekte herum kommen. Hegemonie entsteht. Da kein Mensch alles machen kann, da auch kein Mensch alles denken kann, da zudem jeder Mensch sich durch seine Umgebung beeindrucken lässt, entstehen wohl oder übel bestimmte Formen der Logik, bestimmte Formen der logischen Kürzel (Enthymeme), die dann keineswegs logisch sein müssen; und schließlich gibt es auch bestimmte, automatisierte Konnotationen, die die alltägliche Interpretation von Ereignissen leiten.
Das Patriarchat, bzw. die hegemoniale Männlichkeit als dessen kulturelles Pendant, ist keine Wahl, sondern eine Struktur, die sich den Menschen aufdrängt. Sie drängt sich, klassischerweise, den Männern und Frauen in Form von an Äußerlichkeiten gewonnenen Rollen auf. Werden solche Äußerlichkeiten zurückgedrängt (ich spreche nicht von: beseitigt), dann verschwindet die Struktur nicht. Sie macht bloß dafür Platz, dass nun auch mal Frauen den Patriarchen mimen können. Die patriarchale Feministin, das ist nur oberflächlich ein Widerspruch.
Aber ich will das nicht so stehen lassen. Die Verwirrung der Codierungen ermöglicht am Rande auch die Entdeckung und Erschaffung neuer Rollenbilder, neuer Klischees. Sie braucht mehr Geist, mehr Feinfühligkeit, mehr Offenheit, auf beiden Seiten. Oder: weil hier die Vielfalt mitschwingt, auf allerlei Seiten.
So sehe ich zwar seit Jahren, fast schon Jahrzehnten, dass sich der Kern der Kultur nicht sonderlich geändert hat. Es sind dieselben Mechanismen, nur dass Frauen diese jetzt auch nutzen; wir sind den patriarchalen Enthymemen nicht entkommen. Aber die gelegentliche Verwirrung hat den Rändern unserer Kultur mehr Freiheiten ermöglicht. Homosexualität ist selbstverständlicher geworden, alleinerziehende Mütter werden respektiert und bedingt gut geschützt, zumindest, was den europäischen Vergleich angeht. "Seltsame" Lebensformen sind nicht mehr nur dem Adel zugänglich.
Der Kampf gegen die patriarchalen Strukturen hat zwar nicht im Kern, aber doch an den Rändern Effekte hinterlassen.
- Kneipengespräch sein oder Kneipengespräch haben
- Gender-Macht
- Die Abschaffung der nicht-qualifizierten Frauen
- Kleiner Lacher am Rande (Hilflose Tautologien und ein wenig Paranoia)
- Frauen sind zu doof zum Schreiben
- Kutschera und das Krebsgeschwür
Kultur als Filter
Kultur und das Erschaffen von Kulturen wird mithin durch bestimmte, meist "irgendwie" dogmatische Filter bestimmt. Grenzüberschreitungen von der einen Seite des Filters auf die andere werden an Merkmalen festgehalten, die konnotativ bestimmt, aber meist denotativ behauptet werden. Denotativ, damit ist die direkte Benennung gemeint: ein Merkmal weist kausal auf eine bestimmte Wesensart hin, auf eine im Kern eindeutig fassbare Existenz; so geschehen mit (wahlweise) Juden, Frauen, Bolschewiken, Faschisten, Moslems, Männern. Semiotisch gesehen handelt es sich allerdings um Konnotationen: also um mehr oder weniger diffuse Ideen, die sich im Zuge der Denotierung an einer Zeichenkette vereindeutigen und zu verwirklichen scheinen.
Kulturen filtern und kanalisieren die beständige Verwechslung von Konnotationen als Denotationen.
Wohlgemerkt: eine Kultur existiert nicht ohne Filter, und es ist keineswegs so, dass man dieser Filter Herr werden könne, dass man sie wahlweise austauschen könne gegen bessere Filter. Der Feminismus, so positiv er in vielem war und ist, hat mit seinem Weg in die Etablissements auch mehr und mehr einen dogmatischen Kern entwickelt, der in den wütenden Protesten schon angelegt war. Ich will damit weder etwas gegen die Proteste sagen, die in den meisten Fällen berechtigt waren, noch etwas gegen den Weg in die Institutionen. Was ich bezweifle, ist, dass dieser Wandel ein tatsächlicher Wandel ist, und dass seine Effekte deutlich positiv sind. Womit ich auch sagen möchte, dass eine Rückkehr zu einem Zustand vor dem Feminismus ebenfalls keine Option sein kann.
- Metonymien : Konnotationen
- Vorstellungsmassen
- Infodumping, Suggestion und semantische Nähe
- Ein zweideutiges Plakat der NPD: Konnotation und Kontext; die Aufgabe der Literaturwissenschaft
Der imaginierte Moslem
Filter erzeugen Kultur. Da zwischen solchen Filtern (bestimmten Codierungen, bestimmten Strategien der Codierung, bestimmten Enthymemen) und der Kultur eine beständige Wechselwirkung besteht, da kulturelle Codes nie naturwissenschaftlich fest stehen, gibt es immer undeutliche, fließende Bereiche innerhalb einer Gesellschaft.
In einer Kultur entstehen aber auch und immer wieder, es lässt sich wohl nicht verhindern, Maschinerien der Vereindeutigung, kulturelle Zentren, die den Übergang von Konnotationen zu Denotationen zu einem zentralen Mechanismus machen. In einer solchen Position sehe ich die Pegida, die AfD, aber auch den "Konservatismus" im Allgemeinen. Er ergreift Kulturen, kulturelle Gruppierungen, Einzelpersonen. Man findet diese Zentren links und rechts (sofern man von einer solchen schnöden Einteilung noch ausgehen mag), FeministInnen und MaskulinistInnen, Gender-Mainstreamer und Anti-Gender-Mainstreamer.
Mit solchen Strategien wird die Kultur übersichtlich, dogmatisch. Sie reduziert sich, erzeugt sich ihre Gegner selbst, und gelegentlich rutscht sie in das Gebiet der Unkultur ab, dort, wo der zerstörerische Charakter einer solchen Reduktion offenbar wird. Davon sind muslimische Kulturkreise ebenso betroffen wie deutsche (oder westliche).
Was derzeit passiert, ist, dass sich diese kulturelle Reduktion in einem solchen Maße in die Institutionen einbringt, und das auf eine denkbar gefährliche, unkultivierte Art und Weise. Die Reduktion wird damit institutionalisiert und damit das Feindbild, die andere Seite der Kultur, ebenfalls, und zwar genau dadurch, dass sie de-institutionalisiert wird (der Moslem wird zum Vagabunden, Terroristen, Barbaren).
Diese andere Seite der Kultur, ihr Ausgeschlossenes, das kann man zum Beispiel bei Bernhard Waldenfels nachlesen, ist zutiefst mythisch. Es gibt nichts mehr in der Kultur, was diese andere Seite begreift, weil die Übersetzungsprozesse verloren gegangen sind. Indem wir die Übersetzungen zwischen "muslimischen" und "deutschen" Kulturen ausdünnen, machen wir aus dem Muslim einen Mythos. Und, wenn ich mir bestimmte Internet-Seiten ansehe, bestimmte Aussagen auf twitter und facebook, dann ist dieser Schritt schon längst geschehen.
Es ist wohl wahr, wenn die AfD sagt, der Islam gehöre nicht zu deren Kultur. Wahr insofern, als es oberflächliche Merkmale gibt, die diesen Ausschluss scheinbar notwendig machen. Doch natürlich ist auch das Gegenteil richtig: strukturell und funktional gesehen ist dieser Weg in den Anti-Islamismus auf genau dieselben Mechanismen zurückzuführen wie dies bei der Radikalisierung von Islamisten beobachtet werden kann. Es mag zwar sein, dass der Islam hier kürzere und leichtere Wege in die kulturelle Reduktion anbietet und insofern tatsächlich die westliche Kultur eine offenere und eventuell bessere ist. Aber es ist absurd, diese "Überlegenheit" dadurch zu verwirklichen, dass man sie abschafft.
01.06.2016
Killerstrategien fürs Schreiben
Man mag es drehen und wenden wie man will, das Oxymoron ist für die schriftstellerische Praxis ein wichtiger Bestandteil. Was ist ein Oxymoron? – Ein scharfer Widerspruch! Etwas, was eigentlich nicht zusammenpasst und den Leser oder Hörer stutzig machen sollen. Argumentativ ausgeführt handelt es sich dann um ein Paradox.
Die acht Killerstrategien des Stephen King
So vollmundig, so pompös. Und was liest man dort? Zunächst einmal, dass man einfach so schreiben soll, wie man sich das denkt; dann aber, kurz darauf, dass jedes Wort zählt (und wohl mit Bedacht gesetzt werden sollte).
Wie ihr wisst, liebe ich King. Ich halte ihn für einen äußerst intelligenten Menschen. Ich möchte also an diese acht Strategien eine neunte dranhängen: Falls ihr noch nicht intelligent seit (was ja ein wenig an den Genen liegt), wartet mit dem Schreiben bitte auf eure Wiedergeburt. Schreibt keinesfalls einen Thriller mit einem Serienkiller, auch keine heiße Romanze zwischen einer jungen Hexe und einem von moralischen Selbstzweifeln geplagten, aber doch äußerst männlichen Werwolf, bleibt den gay romances mit ihren lähmenden Wiederholungen fern, und glaubt ja nicht, ihr müsstet jetzt einen humorvollen Roman schreiben, weil gelegentlich die Leute in eurer Umgebung lachen (in Wirklichkeit lachen sie über euch, und sie werden noch mehr lachen, wenn sie euren Roman zu lesen bekommen).
Wozu braucht der Schriftsteller Fantasie? Und was ist das überhaupt?
Ersetzen wir mal das Wort Fantasie, Imagination, Vorstellungskraft durch das Wort Einbildungskraft, und suchen wir einen recht alten Herren auf, der dazu einiges zu sagen wusste, den Herrn Immanuel Kant. Bei ihm vermittelt die Einbildungskraft zwischen der Empfindung (bzw. der Sinnlichkeit) und dem Verstand (der die Begriffe bildet und ordnet). Kant hatte zwar mehr und mehr Probleme, diese Einbildungskraft in seinem Gedankengebäude unter Kontrolle zu halten, und gelegentlich bekommt man beim Lesen der Kritik der praktischen Vernunft den Eindruck, dass sie ihm vollständig entgleitet, aber als ein besserer Schritt erscheint sie mir doch sinnvoll, zumindest eine Weile.
Dies als Vorgeplänkel.
Die Einbildungskraft, so kann man Kant in gewisser Weise lesen, ist der Kitt zwischen einem sinnlichen Schreiben und einem intelligiblen (was man hier als ein verständliches, spannendes, den Leser führendes Schreiben verstehen darf). Demnach ist die Einbildungskraft (oder, wie sie früher in Französischen übersetzt wurde, die fantasie) keineswegs bunt und wild, sondern hat ganz praktische Auswirkungen.
Brauchen wir Schreibtipps?
Diese Frage kann man sich leicht übersetzen: brauchen wir noch einen Schreibratgeber, der zum 100.000. Mal wiederholt, was schon tausend Leute vorhergesagt haben, der das als besonders wichtig und besonders elitär verkauft, was in Wirklichkeit eine Banalität ist? Brauchen wir also Schreibratgeber? Brauchen wir Bücher, wie man einen verdammt guten Roman schreibt?
Nicht wirklich. Die eigene Stimme wird man dabei nicht finden. Auch nicht die eigene Intelligenz. Manche Menschen können sich besser vermarkten als andere, die werden vielleicht Erfolg haben. Und manchmal gibt es auch jemanden, der tatsächlich eine eigene Art zu schreiben gefunden hat, obwohl solche Menschen selten sind. Nein, wie man die eigene Stimme findet, das sagen einem all diese Schreibtipps nicht. Und wenn man sie fleißig befolgt, bekommt man vor allem eines: eine hölzerne Sprache. Und dann wäre doch eine gute, lang anhaltende, hartnäckig wiederkehrende Schreibblockade viel menschenfreundlicher, als Twitter und Facebook und Instagram damit zuzuposten, dass man gerade einen Roman geschrieben hat, der sich ›Begehren der Nacht‹ nennt und einem die entblößte Schulter einer jungen Frau zeigt, auf dem cover natürlich. Dann würden wir auch die Schulter zeigen, und zwar die kalte.
Schriftstellerischer Erfolg
Wenn man aber wirklich jenen Artikel liest, der diese acht Killerstrategien „offenbart“, dann geht es vor allem um eins: um den mordsmäßigen Verkauf von Büchern, um das viele Geld, um die internationale Berühmtheit. Geht es also um das Schreiben oder um das eigene Ego?
Aber ich möchte nicht meckern. Meinetwegen dürfen die Menschen massenhaft diesen Schreibtipps nacheifern. Sie werden damit keinen Blumentopf gewinnen. Und sie werden auch keine einzigartigen Romane schreiben. Darin steckt viel Arbeit, viel mehr Arbeit, als eine einfache, ungepflegte Intuition.
Und vermutlich werden darüber so viele schreibende Menschen frustriert, dass sie einfach aufhören zu schreiben, statt sich lange und intensiv und vielfältig mit diesem eigentlich wunderschönen Beruf (und natürlich seinen Produkten) auseinanderzusetzen.
Ich habe mal die selfpublisher-Szene verteidigt. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt noch Idealisten (wie zum Beispiel die Leute von Qindie), aber allzu oft eben auch Selbstdarsteller und kleine Erdogans. Die viel wollen und wenig können.
Schreiben wie Stephen King
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