15.10.2012

Katachresen: Mannigfaltigkeiten, ideologische Prozesse

Und weiter? Gestern habe ich zum ersten Mal meinen Dragon NaturallySpeaking keine Wörter mehr eintrainiert, sondern nach Lust und Laune kommentiert. Allerdings bin ich gerade auf einem Umweg, und so war es nicht Kant, zu dem ich mir meine Gedanken gemacht habe, sondern Quine und seinem Buch Die Wurzeln der Referenz.

Wahrnehmungsstörungen
Dieses Buch hatte ich bereits einmal gründlich durchkommentiert, damals noch per Hand und in mein Arbeitsbuch. Mein Thema waren damals Wahrnehmungsstörungen. Bzw. wollte ich wissen, ob man Hypothesen darüber aufstellen kann, wie sich Wahrnehmungsstörungen in anderen mentalen Prozessen niederschlagen. Reden zum Beispiel, so war eine meiner Fragen, Menschen mit einem schlechten räumlichen Gedächtnis anders über ihre (räumliche) Umwelt als Menschen mit einem normalen oder sogar hervorragenden Gedächtnis? Ich konnte diese Arbeit nie zu einem fruchtbaren Zustand weitertragen, weil mir empirische Quellen gefehlt haben.

Kants Kategorie der Einheit
Heute interessiert mich zum Beispiel, wie Menschen sich ihre grundlegenden semantischen Einheiten konstruieren. Kant hat hier in seiner berühmten Kategorientafel (Kritik der reinen Vernunft, Seite 118 f.) unter anderem die Kategorie der Einheit postuliert. Erinnern wir uns noch einmal daran, was diese Kategorientafel überhaupt besagt: es sind spontane Formen, mit der die Vernunft das Sinnesmaterial ordnet. Machen wir uns das anschaulich: ich sehe ein Buch und dass ich dieses Buch als Buch erkenne, erreiche ich durch den Begriff des Buches, den ich mir durch Erfahrung erarbeitet habe und der auf die vorliegenden Sinnesdaten passt. Das hat allerdings noch nichts mit den Kategorien zu tun. Hier reicht der Verstand, der Begriffe bildet und anwendet. Dass ich allerdings EIN Buch sehe, ist eine Form, die nicht im Sinnesmaterial selbst zu finden ist, sondern eine Leistung der Vernunft. Dies meint Kant mit der Kategorie der Einheit.
Kant selbst verstand diese Kategorien als Formen, die sich immer wieder auf die Anschaulichkeit zurückbeziehen lassen. Sie gelten zwar a priori, also auch dann, wenn der Mensch bisher keinerlei Erfahrungen gesammelt hat; sie treten aber erst an den Erfahrungen in Erscheinung.

Gestaltgesetze
Nun ist Kants Darstellung heute aus vielerlei Gründen überholt. Trotzdem findet man viele Ideen seiner Philosophie auch in recht strengen empirischen Untersuchungen bestätigt. Als ein Beispiel mögen dafür die Gestaltgesetze gelten. Diese kann man als Formen a priori bezeichnen; man wird sie allerdings vergeblich in der Kategorientafel von Kant suchen. Sie waren Kant noch nicht bekannt. Schon Schopenhauer hat Kants abstrakten Begriff der Vernunft verleiblicht und damit an seiner Auflösung und Verteilung im ganzen Körper gearbeitet.

Mannigfaltigkeit und Anschauung
Ein anderer Kritikpunkt betrifft die Mannigfaltigkeit. Diese ist bei Kant sinnlich. Ich sehe zum Beispiel gerade auf ein Foto von meinem Sohn. Er sitzt auf meinem Schoß, hat Jeans und einen dunklen Pullover an, und einiges anderes. Ich erkenne ihn als eine Einheit, obwohl die Sinnesdaten, die das Foto liefert, mannigfaltig sind. Heute kann man nicht mehr so einfach sagen, dass die Mannigfaltigkeit auf reiner Anschauung beruht. Spätestens seit Wittgenstein ist die Idee, dass die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch liegt, üblich. Damit schwindet der Einfluss der Sinnesdaten als Fundament und dafür wird die Praxis der Kommunikation umso bedeutender. Und jedenfalls muss die Mannigfaltigkeit mannigfaltiger gedacht werden, als dies bei Kant zu lesen ist. Wir dürfen Urteile, Begriffe, fiktionale Vorstellungen und anderes nicht mehr ausschließen.

Die Katachrese
Dies ist deshalb so wichtig, weil es in der Rhetorik solche explizit vermischenden Formen gibt, ja, sie sogar teilweise schwerpunktmäßig die Figuren eines Textes liefern. Ein typisches Beispiel für eine solche Figur ist die Katachrese. 
Die Katachrese ist ein zusammengesetztes Wort, meist ein Nomen, bei dem der eine Teil referentiell ist, also auf einen wirklichen Tatbestand oder ein wirkliches Objekt verweist, während der andere Teil metaphorisch ist. 
Beispielhaft: „Trauerlicht“; damit bezeichnete eine Kundin das Licht des Mondes in einer Atmosphäre der Trauer, bzw. des Verlustes. Der referentielle Teil der Katachrese ist das „Licht“, der metaphorische Teil das Wort „Trauer“. Und es ist klar, „Trauer“ muss der metaphorische Teil sein, weil ein physikalisches Phänomen keine Gefühle hat. Die Katachrese missachtet die wissenschaftliche Trennung über einen metaphorischen Prozess und erzeugt damit eine bestimmte Stimmung. Gute Katachresen können in erzählenden Texten wichtige Werkzeuge der Leserführung sein.

Unerkannte Katachresen
Ausgeführt habe ich das dann (gestern und für mich) vor allem an einigen wüsten Beleidigungen aus Artikeln von kreuz.net. Dort steht zum Beispiel (relativ häufig sogar) das Wort „homokrank“. Diese Katachrese ist deshalb so perfide, weil der metaphorische Teil nur relativ schlecht zu erläutern ist. Die Beziehung zwischen Trauer und Licht lässt sich relativ rasch darlegen und damit ist auch der metaphorische Effekt relativ rasch erfasst. Genau dies lässt sich zwischen den beiden Wortteilen von „homokrank“ nur umständlich finden.
Behaupten wir also, dass „homo“ die Kurzform von homosexuell ist und damit der referentielle Teil der Katachrese. Dann müssen wir in „krank“ den metaphorischen Teil sehen. Und hier müssen wir deutlich aufpassen. Denn im Alltag definieren wir die Homosexualität ebensowenig wie die Krankheit. Homosexualität ist, das ist meine Definition, der willentliche und freiwillige intime Kontakt zweier Menschen gleichen Geschlechtes. Diese etwas fantasielose Definition beinhaltet nichts von einem Kranksein (hoffe ich). Aber wir können jetzt in die Welt hinaus gehen, und ganz gut diesen Begriff anwenden.
Das Wort Krankheit ist wesentlich schwieriger zu definieren. Wir wenden es in verschiedenen Bedeutungen an, die nur mit großer Vorsicht als ähnlich gesetzt werden dürfen. Sehr beispielhaft dafür ist die Unterscheidung zwischen physischen und psychischen Krankheiten. Gerade auch heute, da uns die Wissenschaft immer mehr die Zusammenhänge zwischen körperlichen Zustand und mentalen Strukturen aufzeigen kann. Trotzdem ist natürlich eine körperliche Krankheit etwas anderes als eine psychische. Eine Entzündung in einem Fingergelenk wird man wohl kaum mit einem zwanghaften Tick gleichsetzen und kein Arzt wird sie auf gleiche Weise behandeln.
Diese Unschärfe im Begriff der Krankheit wird bei dieser Katachrese, dies ist meine Behauptung, aber tüchtig ausgenutzt. So dass hier körperlicher Zustand, geistige Verfassung und sexuelle Orientierung fleißig durcheinander gemischt werden. Präzise war hier der Kontext der Tod von Dirk Bach, dessen Homosexualität, seine (zugegeben recht unglückliche) Fettleibigkeit und seine vermeintliche Gestörtheit suggestiv in ein einzelnes Wort zusammengepackt werden.
Dies erscheint mir übrigens eine der Hauptleistungen der Katachrese zu sein: auf der Ebene der  Lautgestalt (dem Signifikanten) wird eine Einheit erzeugt (das EINE Wort), die auf der Ebene der Vorstellung (dem Signifikat) zu einer Zusammenschweißung der Bedeutungen führt. Dadurch wird die Unterscheidung zwischen dem referentiellen und dem metaphorischen Teil der Bedeutung mehr oder weniger ausgelöscht. Und wer hier nicht kritisch liest, für den ist ein solches Wort wie „homokrank“ ein Baustein dafür, Homosexualität und Krankheit ineins zu setzen.

Die neue Metaphorik und der neue Nominalismus
Metaphern sind indirekte Figuren. Der Nominalismus dagegen bezeichnet die Überzeugung von der „Fähigkeit“ von Wörtern, direkt zu benennen. Der Metaphoriker sagt: dieses Pferd ist ein wahrer Sturm; damit drückt er indirekt aus, dass das Pferd besonders schnell, besonders lebendig oder besonders kraftvoll ist. Der Nominalist dagegen sagt: ein Pferd ist ein Pferd — Schluss aus!
Nun gibt es in unserer Kultur eine wachsende Tendenz, metaphorische Wörter unter den Bann des Nominalismus zu stellen. Dann ist nämlich "Die Märkte riechen, wenn es frisches Geld gibt!" (danke an Alexander, der mir diese ntv-Poesie gestern zugeschickt hat) ein scheinbar sinnvoller Satz, der suggeriert, jemand habe gerade eben aus Mutter Natur eine Schubkarre voller „neuem Gemüse“ herbeigekarrt. Dies verdeckt die ganze Tatsache, wie tatsächlich frei verfügbares Geld zu neuen Märkten führen kann.
Die Gefahr besteht natürlich darin, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr in die Alltagskultur eingearbeitet, sondern bewusst verdreht werden. Dies findet sich sowohl auf politischen Gebieten, zum Beispiel bei den gender-Gegnern oder bei den faschistisch-religiösen online-Kackern von kreuz.net, als auch im wirtschaftlichen Bereich, aber auch in der journalistischen Darstellung der Kultur. Das Feuilleton wurde hier ja schon immer als etwas anrüchig betrachtet, siehe Karl Kraus, siehe Heinrich Heine.
Typischerweise und üblerweise wird dies heute sogar noch propagiert, zum Beispiel im NLP. Bildhaft zu sprechen gilt als die einzige Möglichkeit, wie man noch elaboriert sprechen könne. Damit wird der ganze Bereich der Logik und der Argumentation komplett ausgeklammert. Deshalb erscheint mir NLP auch als anti-aufklärerisch. (Und man kann sagen was man will, aber NLPler erfreuen sich nicht gerade einer großen Intelligenz, oder?)

Metapher und Argument
Dagegen behaupte ich, dass das metaphorische Sprechen nur dort legitim ist, wo es aus didaktischen, humoristischen oder ästhetischen Gründen geschieht. Die Metapher in der Didaktik dient dazu, dem Laien eine erste Ahnung von einem fachlichen Zusammenhang zu geben, muss aber bei der Argumentation enden. Die Metapher im Humor oder in der satirischen Polemik sollte das Publikum dazu reizen, eine Sache nun auch begrifflich und argumentativ anders zu fassen, als es bisher geschehen ist. Auch hier gibt es also eine Art didaktischen Effekt, der nicht bei der Metapher stehen bleibt. Der ästhetische Gebrauch der Metapher, nämlich zu Illustrierung einer Idee, die sich anders nicht darstellen lässt, ist der einzig legitime Gebrauch, in der die Metapher nicht auf eine argumentative Darstellung hinzielen muss.
Es ist also wichtig, Metapher und Referenz gut trennen zu können. Und wer dies nicht kann, ist vermutlich alles mögliche, nur kein Mensch, der an aufklärerischen Prozessen beteiligt ist. Im Gegenteil: solche Redeweisen und Schreibweisen sind eng mit ideologischen Prozessen verknüpft.

Kant, Kino, Kursverlust

Bereits am Samstag war ich fleißig und zwar in Sachen suite101. Ich habe sage und schreibe vier Artikel veröffentlicht. Einer ist direkt zu Kant (Was sind analytische und synthetische Urteile?), einer lehnt sich an Kant an, gehört allerdings eher zur politischen Rhetorik im Allgemeinen (Oppositionen und zwei Formen der „logischen“ Zensur). Und zwei Artikel sind zu aktuellen Kinofilmen.
Den ersten habe ich zu Abraham Lincoln Vampirjäger verfasst, den ich blödsinnigerweise am Freitag gesehen habe. Schon dieser Artikel zeigt deutlich, dass ich den Film nicht ganz ernst nehmen kann, obwohl ich mich erstmal um eine „meinungsfreie“ Darstellung bemüht habe. Ein Freund hat mir am Samstag den neuen Film Piranha 2 ausgeliehen, der direkt für DVD produziert worden ist, also nicht im Kino läuft. Auch dazu habe ich einen Artikel, vielmehr eine Glosse verfasst (Fish and Chicks: Monstertitten und Fische. Der Film Piranha 2).

Und sonst? Am Samstag wollte ich auf die Einweihungsparty von Freunden. Da ich Lust auf einen Spaziergang hatte, vor allem auf einen ausgedehnten, habe ich mich zu Fuß auf den Weg gemacht und natürlich meine Wegbeschreibung vergessen. Ich habe ganz neue Seiten von Berlin kennen gelernt, bin dann aber irgendwann umgedreht und habe mich in eine U-Bahn gesetzt und habe mich nachhause kutschieren lassen. Auf der Party war ich dann nicht. Schade! Dafür war ich aber 4 Stunden unterwegs. Und hinterher sogar etwas durchgefroren. Es ist doch deutlich kalt in Berlin.

13.10.2012

Immanuel Kant: ›Kritik der Urteilskraft‹ (Dieter Teichert)

Manchmal ist es äußerst bedauerlich, wie Bücher verschwinden. Gestern habe ich mir von Dieter Teichert den Kommentar zu Kants Kritik der Urteilskraft vorgenommen. Das ist ein ganz bezaubernd schönes Büchlein. Und leider vergriffen. Auf Amazon gibt es auch keine gebrauchten Exemplare.
Aber ich habe ja schon mal beklagt, dass auch das Buch Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe von Jürgen Link nicht mehr zu haben ist, ebenso wie die Einführung in die Literaturwissenschaft von Schulte-Sasse/Werner. Die beiden letzten Bücher sind methodische Bücher. 
Was ich zur Zeit an der Uni sehe: die Methodik spielt entweder überhaupt keine Rolle mehr, oder sie nähert sich komplett der Statistik an. Mir hätte zu Beginn meines Studiums eine Einführung in die Logik sehr geholfen, ebenso wie mir geholfen hätte, wenn meine Professoren logisch argumentiert hätten. Gute wissenschaftliche Methoden, aber auch gute praktische Methoden basieren auf der Logik. (Übrigens war das ganze nicht so schlimm: immerhin hatte ich doch einige Professoren, die eine gute, fundierte Logik besessen haben, allen voran Frau Prof. Dr. Marianne Schuller vom germanistischen Fachbereich in Hamburg.)

11.10.2012

Warum die Erfahrung so wichtig ist

Jener E-Mail-Autor, den ich eben zitiert habe, suggerierte in einem Halbsatz, dass man doch auch manches zusammenfassen müsse und nicht selber lesen könne. Selbstverständlich ist das richtig. Trotzdem sollte man sich immer klar darüber sein, was man konkret macht. Wer eine Monographie zu Kant liest, liest nicht Kant selbst. Es ist durchaus in Ordnung, eine Monographie zu lesen und nur diese zu lesen. Nicht in Ordnung ist allerdings, jetzt zu behaupten, man habe das „Wesentliche“ von Kant verstanden.
Das liegt allerdings nicht nur daran, dass eine Monographie immer zusammenfassend ist, sondern auch daran, dass ein so komplexes Werk wie das von dem alten Königsberger nie zu Ende gelesen werden kann. Man versteht immer nur horizonthaft.

Was mich allerdings wirklich stört, ist diese Erfahrungsvergessenheit, die für die schwachsinnigsten und ideologischsten Behauptungen unserer Zeit verantwortlich zeichnet. Ein typisches Beispiel (und zugegebenermaßen auch ein offensichtlich sehr idiotisches) sind hierbei die Aussagen von gender-Gegnern, die nicht aufhören können auf Judith Butler herumzuhacken. Die wenigsten von ihnen allerdings haben Butler gelesen, geschweige denn, sich intensiver mit ihr auseinandergesetzt. Ihre Argumente holen sie aus dem Internet und meist von anderen gender-Gegnern.
Das aber heißt, dass diese Menschen keine Erfahrung mit Butler gemacht haben, sondern nur Erfahrungen mit Aussagen über Butler. Und dieser Unterschied wird dann gar nicht kritisch reflektiert.
Ich verweise hier noch einmal auf eins der grundlegenden Prinzipien der Phänomenologie Husserls, „dass »alles, was sich uns in der ›Intuition‹ originär, (sozusagen in seiner leibhaftigen Gegenwart) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es sich gibt«.“ (zitiert nach Waldenfels, Bernhard: Grenzen der Normalisierung. Frankfurt am Main 1998, Seite 21)
Damit spricht Husserl von einer doppelten Naivität der Erfahrung: zunächst einmal von einer Naivität der Anschauung, die Dinge genau so zu nehmen, wie sie sich sinnlich geben; und zum zweiten von einer Naivität von Fundraum und Fundzeit, also wann und wo wir diese Anschauung und diese Erfahrung gemacht haben (und unter welchen Umständen).

Der Empirismus verwischt nun diese Grenzen. Er praktiziert zwar, wie Husserl das wollte, eine gewisse Art der anschaulichen Naivität, aber keinesfalls mehr die Naivität von Fundraum und Fundzeit. Und solche Leute glauben dann, dass sie, wenn sie etwas über Judith Butler gelesen haben, schon Aussagen von Judith Butler verstanden hätten.
Oder, um diesmal Waldenfels selbst zu zitieren:
"Empirismus bedeutet in unserem Zusammenhang eine Theorieform, die den Unterschied zwischen Was und Wie der Erfahrung einebnet, indem sie die Gesichtspunkte, nach denen Erfahrung sich organisiert, mit dem erfahrenen Was auf eine Stufe stellt. Solche Versuche misslingen schon auf der so genannten elementaren Ebene der Erfahrung. Bereits die Ähnlichkeit, die Hume zum eisernen Vorrat der Erfahrungsgesetze zählt, enthält Gesichtspunkte, unter denen etwas als ähnlich betrachtet oder behandelt wird. Diese Gesichtspunkte sind kein Merkmal des Betrachteten; denn unter bestimmten Umständen ist jedes jedem ähnlich oder unähnlich, und der Gegenstand würde unter der Last gegensätzlicher Relationsbestimmungen zusammenbrechen." (ebenda, Seite 24f.)
Man darf Husserls Versuch, zu einer wissenschaftlichen Methode zu kommen, durchaus kritisch sehen. Falsch allerdings wäre es, diese zu unterlaufen. Und insgesamt hat es auch etwas sehr beruhigendes. So bringe ich meinen Kunden immer wieder bei, dass eine Begriffsdiskussion damit beginnt, die Erfahrungen mit einem Begriff aufzuschreiben. Dies sollte (in einer Diplomarbeit) natürlich systematisch und abgekürzt geschehen und selbstverständlich entsprechend belegt (durch Zitate). Aber letzten Endes ist es nichts anderes, als eben eine solche Erfahrung.
Meine Kunden sind dann oftmals erstaunt, dass das (die Begriffsbildung) schon alles sei, was man zum Beginn einer wissenschaftlichen Arbeit zu tun habe (ok, es gibt auch andere Möglichkeiten, eine solche Arbeit zu beginnen, aber eine sichere ist eben diese). Aber ja: hierin zeigt sich eben auch die grundlegende phänomenologische Methode, der eben jene "Naivität" eigen ist, die ich oben beschrieben habe.

Nein, ich bin nicht unfreundlich

Ich habe heute Morgen eine ganz nette E-Mail bekommen, die allerdings auch ein gewisses Missverständnis beinhaltete. In dieser E-Mail fragte mich der Schreiber, was eine Disjunktion sei. Er entschuldigte sich für diese Frage. Er habe den Wikipedia-Artikel zwar verstanden, aber irgendwie ginge der doch an meiner Argumentation vorbei. Das ist richtig. Der Wikipedia-Artikel behandelt die Disjunktion als Element, gehört also zum analytischen Teil der Logik, aber nicht als pragmatischen Aspekt, der zum dialektischen Teil der Logik gehört. Es ist allerdings nicht nur wichtig, zu wissen, was eine Disjunktion ist, sondern sie auch richtig anwenden zu können.
Nun hat sich jener Schreiber der E-Mail damit herum gequält, ob er mich überhaupt fragen sollte. Denn als ich die Disjunktion angesprochen habe, war ich recht ruppig (ich finde gerade die Stelle nicht mehr). Ich bin aber eigentlich immer nur dann unfreundlich, wenn jemand dogmatisiert. Fragen nehme ich gerne entgegen und beantworte diese, auch wenn sie (die Fragen) dumm erscheinen.
Richtig allerdings ist, dass ich manchen Menschen arrogant erscheinen. Das bitte ich zu entschuldigen.

Und was die Disjunktion angeht, so werde ich dazu etwas schreiben, nur nicht gerade im Moment.

10.10.2012

Das Gehirn als Geschlechtsorgan

Wäre das Ganze nicht irgendwie völlig albern, hätte ich euch diesen Kommentar erspart. Allerdings mag ich den Kommentar auch nicht direkt veröffentlichen, da der Autor ungeniert und zum zweiten Mal Werbung für ein Buch macht, in dem die gender-Theorie (im Titel steht allerdings gender-Ideologie) mit dem hübschen Wort Vergewaltigung zusammengebracht wird.
Was also schreibt uns der Autor? Folgendes:
Die Forderung nach Trennung zwischen Theorie und Praxis muss voll unterstützt werden, denn oft wird gedankenlos die erstaunliche Ergänzungsmöglichkeit der Geschlechter nicht beachtet.
Während der erste Halbsatz noch in Ordnung ist, schlussfolgert der zweite komplett an meiner Argumentation vorbei. Ich hatte mich in dem Artikel Bedürfnisse II: gender mainstreaming für eine stärkere Trennung zwischen der Theorie und der Praxis ausgesprochen. Wie von hier aus die „erstaunlichen Ergänzungsmöglichkeiten der Geschlechter“ (huch, mein Penis passt in deine Vagina) ins Spiel kommt, ist mir ein Rätsel. Rhetorisch besonders trickreich ist natürlich das Wörtchen „gedankenlos“, das suggeriert, dass man nur dann denkt, wenn man die Ergänzungsmöglichkeit akzeptiert. 
Der Kommentar fährt fort:
Das Gehirn ist das größte „Geschlechtsorgan“.
Dies, lieber Kommentator, unterschreibe ich bei Ihnen sofort. Allerdings möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Neurophysiologie neuerdings festgestellt hat, dass das Gehirn auch noch zu etwas anderem zu gebrauchen ist, zum Beispiel dem Denken (das buchstabiert man so: D-E-N-K-E-N). Vielleicht erweitern Sie bei Gelegenheit mal Ihre organischen Grundlagen in diese Richtung.
Es folgen noch einige Anmerkungen, die den Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen (den es tatsächlich gibt) überbewertet.

Dazu passt als Thema auch noch jenes „wie doof muss man sein?“, das Martenstein in der Zeit veröffentlichen durfte. Er schreibt dort wortwörtlich (!):
Die Gender-Theorie besagt, dass naturbedingte Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen oder Jungen und Mädchen in Wirklichkeit nicht existieren. Das wird alles von der Gesellschaft gemacht. Wenn Jungen und Mädchen gleich erzogen und gleich behandelt werden, kommt am Ende das Gleiche heraus.
Genau das passiert nämlich, wenn man die gender-Theorie nicht kennt, lieber Herr Martenstein: man redet nur noch Scheiße. (Entschuldigung für das etwas grobe Wort! Aber von einem angeblich intelligenten Menschen hätte ich mehr erwartet.)

Jener unbekannte Kommentator erweist sich, wie viele gender-Gegner, nicht nur als erstaunlich inkompetent, was die gender-Theorie angeht, sondern auch gegenüber von seiner Meinung abweichenden Argumentationsgängen als beratungsresistent.

Bedürfnisse II: gender mainstreaming

Bedürfnisse spielen selbstverständlich auch im realen Leben eine wichtige Rolle. Wenn ich von der psychologischen Konsistenz der erzählten Figuren spreche, handelt es sich vor allem um eine Übertragung realer Erfahrungen in eine Erzählung.
Die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen und Motiven ist auch deshalb so brisant, weil sie die „Gleichberechtigung“ in gewisser Weise torpediert, zumindest aber recht komplex macht. Auch daran habe ich gestern immer wieder herum gearbeitet.

Ganz kurz und knapp gesagt sehe ich folgende Probleme beim so genannten gender mainstreaming:
(1) Eines der größten Probleme ist die Zurückkürzung des gender-Begriffes auf das Mann/Frau-Ding. Das kulturelle Geschlecht ist aber eben nicht das biologische Geschlecht. Und wenn man das kulturelle Geschlecht präzise nimmt, muss man eigentlich jedem Menschen seine eigene, individuelle Geschlechtsidentität zusprechen. Der Peter Müller, der seine Gabi Müller vor 20 Jahren geheiratet hat, mit ihr zwei Kinder hat und der gar nicht daran denkt, noch jemals mit einer anderen Frau intim zu werden, hat eine dermaßen individualisierte Geschlechtsidentität, dass diese sich gar nicht mehr unter Begriffe wie Männlichkeit subsumieren lässt. (Wie sagten Deleuze und Guattari so schön: jedem sein eigenes Geschlecht.)
Wir müssen also zwischen einem wissenschaftlichen gender-Konzept und einem politischen unterscheiden. Das wissenschaftliche gender-Konzept muss zunächst feststellen, welche Formen es hier gibt und wie sich diese dann gruppieren lassen. Und hier könnte man rasch feststellen, dass gelebte Geschlechtsidentitäten schon immer eine größere Streubreite aufweisen, als dies heute in manchen Ausführungen des gender mainstreaming suggeriert wird.
(2) Die analytische Ausrichtung des gender-Begriffs muss zunächst auf eine Zerstreuung und Trennung zielen. Damit widerspricht sie in gewisser Weise der politischen Ausrichtung des gender-Begriffs, die ökonomische und institutionelle Ressourcen bündeln und zusammenfassen muss, zum Teil aus rein pragmatischen Gründen.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis, bzw. Wissenschaft und Politik wird mir zu wenig beachtet und führt zu der zum Teil zurecht bemängelte Gleichschalterei der Frauen in der Politik, bzw. im politischen Diskurs.
(3) Schließlich, und hier komme ich auf die Bedürfnisse zurück, ist immer noch die Frage, wie Menschen in unserer Gesellschaft ihre Bedürfnisse konkret befriedigen können. Fehlende Bedürfnisbefriedigung ist nicht einfach nur ein Problem von überkommenen Geschlechterbildern. Hier müsste man die Verquickung konkreter Machtverhältnisse an Einzelfällen aufzeigen. Wo die Theorie eine analytische Trennung vornehmen darf und sich rein auf Mechanismen, wie Geschlechtsidentitäten hergestellt werden, fokussieren darf, geht dies in der Analyse realer Situationen nicht mehr. Das Problem ist also, dass hier eine analytische Schärfe suggeriert wird (zwischen sexuellen Machtverhältnissen und anderen), die sich empirisch gar nicht durchhalten lässt.
Die Abstraktion ist wissenschaftlich gesehen ein wichtiges Instrument. Sie wird aber genau dann problematisch, wenn sie einer realen Situation „aufgedrückt“ wird oder wenn sie zum Beispiel zu einseitigen politischen Entscheidungen führt.

Sollte ich ein vorläufiges Fazit geben, dann dieses: in der gender-Theorie muss schärfer auf Trennungen geachtet werden, insbesondere auf die sehr unterschiedlichen Untersuchungsgegenstände einer reinen Theorie und einer empirischen Untersuchung. Vor allem aber muss der Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis schärfer getrennt werden. Schlägt eine Theorie gedankenlos in die Praxis durch, handelt es sich nämlich nur um ein despotisches System (vergleiche auch: Terroristisches und dogmatisches Sprechen).
Und auch wenn ich den Feminismus als sehr wichtig erachte, gibt es durchaus „Feministinnen“, die es nicht zu einer kritischen Theorie schaffen, sondern nur zum Despotismus.

Bedürfnisse I: Konflikte in Erzählungen

Es ist passiert: nachdem ich gestern Nachmittag meinen offiziellen Bürotag beendet habe, habe ich  mich daran gemacht, alle Zettel zu Bedürfnissen in meinem Zettelkasten durchzukommentieren. Von dieser Arbeit konnte ich mich dann gar nicht lösen und bin erst nach Mitternacht ins Bett; und jetzt kann ich nicht schlafen, weil die Gedanken weiterhin in meinem Kopf herum rumoren.

Bedürfnis und Erzählung

Warum diese Verbindung Bedürfnisse und Erzählung?

Psychologische Kosistenz

Mir ist, schon zu Beginn meiner Selbstständigkeit, aufgefallen, wie wenig und wie schlecht Autoren mit den Motiven ihrer Protagonisten umgehen. Im schlimmsten Fall sind es völlig welt- und geschichtslose Figuren, die einfach in eine Handlung hineingeraten; im nicht ganz so schlimmen Fall haben diese Figuren eine Geschichte, die aber zu den folgenden Handlungen überhaupt nicht passt. Es geht also um psychologische Konsistenz.

Die Bedürfnispyramide

Was die Bedürfnisse angeht, so gibt es im Prinzip nur ein umfassenderes Modell, die Maslowsche Bedürfnispyramide. Wie ich schon öfter angemerkt habe, bin ich mit dieser unzufrieden. Deshalb habe ich in den letzten Jahren mit anderen Modellen herumexperimentiert, bzw. mit anderen Büchern. Sehr wichtig ist mir hier die Willensphilosophie geworden. Hier bietet mein Bücherregal vor allem Schopenhauer und Sartre an. Ein weiterer Philosoph wäre Ernst Bloch, dessen Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung man durchaus als eine Philosophie der Bedürfnisse bezeichnen kann. Ich habe mit Ernst Bloch zwar teilweise arge Probleme, aber befruchtend ist er auf jeden Fall.

Konflikte

Und die Konflikte in Erzählungen?

1 Konflikt = 2+ Bedürfnisse

Ein Konflikt basiert immer darauf, dass zwei Bedürfnisse sich gegenseitig ausschließen oder zumindest behindern. Ist nur noch ein Joghurt im Kühlschrank, und sowohl Peter als auch Manfred möchten ihn essen, dann entsteht ein Konflikt. Hätte einer der beiden dieses Bedürfnis nicht, gäbe es auch keinen Konflikt.
Nun sind Erzählungen fast immer Erzählungen von Konflikten (Ausnahmen sind manche Idyllen und Pastoralen). Und so ist es grundlegend, dass der Autor Figuren mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenbringt. Hier allerdings gibt es ein deutliches Problem. Was bedeutet: unterschiedliche Bedürfnisse? Nehmen wir zum Beispiel den klassischen Fall, den Liebeskomödien dramatisieren: Zwei Männer verlieben sich in dieselbe Frau. Hier könnte man sagen, dass die Bedürfnisse selbstverständlich gleich sind, aber deren Realisierung sich ebenso selbstverständlich ausschließt.
Was in der Praxis selbstverständlich ist, zeigt in der Theorie auf ein deutliches Problem. Das Bedürfnis für sich reicht nicht aus, den Konflikt zu beschreiben.

Bedürfnis und Motiv

Schon psychologisch gesehen müssen wir zwischen Bedürfnis und Motiv unterscheiden. Das Bedürfnis steht auf der einen Seite, die man quasi-biologisch nennen könnte. Doch dieses Bedürfnis bindet sich dann an ein Motiv (eine Vorstellung), wie man dieses befriedigen könnte. Und solche Motive sind eher kulturell. Wenn man von Maslow ausgeht, gehört die Familie auf der einen Seite zu den Sicherheitsbedürfnissen und auf der anderen Seite zu den Zugehörigkeitsbedürfnisse (zweite und dritte Stufe der Bedürfnispyramide). Doch wie diese Familie dann konkret aussehen soll, damit sie die Bedürfnisse befriedigt, ist kulturell sehr unterschiedlich. Ebenso werden niedrigere Bedürfnisse durch höhere überformt. Das Bedürfnis nach Nahrung wird in unserer Kultur nicht einfach so befriedigt, sondern in mehr oder weniger ritualisierten kulturellen Formen.

Motive in Erzählungen

Und dasselbe passiert in (guten) Erzählungen. Es ist ein Unterschied, ob eine Frau einfach nur neugierig ist, oder ob sie neugierig auf das Verhalten lebender Dinosaurier ist. Wäre die Frau nur neugierig, dann wären wahrscheinlich ihre ganzen Handlungen in Lost World recht unmotiviert gewesen. Doch nur, weil ihr Bedürfnis mit einem spezifischen Motiv zusammenhängt, kann sie sich mit anderen Menschen mit ähnlichen Motiven (aber durchaus unterschiedlichen Bedürfnissen) verbünden und gerät mit wieder anderen Menschen mit zum Teil gegensätzlichen Motiven in Konflikt.

Ich hatte vor zwei Jahren schon einmal diesen Zusammenhang intensiver an einem Krimi von Martha Grimes (Inspektor Jury schläft außer Haus) und dem ersten Buch der Wellenläufer-Trilogie von Kai Meyer diskutiert; ein drittes Buch war von Eileen Wilks (Verlockende Gefahr). Eine Systematisierung habe ich allerdings nicht hinbekommen und es ist vielleicht eines der großen Probleme, dann den Umgang mit Konflikten in Erzählungen zu unterrichten.

Trotzdem seien hier einige Tipps gegeben:
(1) Die Maslowsche Bedürfnispyramide eignet sich als Analyseinstrument trotz all ihrer Probleme. Wenn ich eine Erzählung nach ihren Konflikten analysiere, stütze ich mich in loser Weise auf Maslow. Lose heißt in diesem Fall, dass ich die Bedürfnisse nicht penibel an Maslow abarbeite, sondern ihn als Strukturierungshilfe benutze. Da das Modell wenig analytische Schärfe besitzt, geht es hier auch weniger um eine exakte Darstellung, als sich für den Zusammenhang von Konflikten in einem Text zu sensibilisieren. Dies ist auch das Ziel, das Autoren haben sollten: die Analyse dient der Sensibilisierung (aber die Analyse ist selbstverständlich noch nicht die Sensibilität).

Ist übrigens auch ganz sinnvoll, zumindest stellenweise die Analyse der Bedürfnisse, Motive und Konflikte systematisch auszuführen, das heißt so vollständig wie möglich. Um hier ein Beispiel zu geben, wie ich eine solche Analyse gestalte, zitiere ich hier einige meiner Kommentare zu dem Buch Dark Lover von E. L. Ward:
Darius hat eine Tochter, die Halbvampirin ist. Sie ist noch nicht verwandelt (das gehört wohl dazu). Für diese Verwandlung möchte er Wrath fragen, den letzten reinblütigen Vampir auf der Erde. Darius befürchtet, dass er seine Tochter genauso verlieren wird, wie seine anderen Kinder. Sein Bedürfnis ist also die Familie (vom Typ der dritten Stufe: Zugehörigkeit). Sein Motiv ist die Rettung der Tochter. Der Weg dorthin besteht darin, Wrath zu bitten, ihre Verwandlung zu begleiten.
(Position 227)

Ein wichtiges Motiv (und eins, das Maslow überhaupt nicht beachtet) ist der Hass. »„She's a half-breed, D. And you know how he feels about humans.“ Tohrment shook his head. „My great-great-grandmother was one, and you don't see me yakking that up around him.“«
(Position 239)

Die Stelle ist insgesamt ganz geschickt gemacht. Es wird nicht direkt gesagt, dass Wrath Menschen hasst.

Es gibt ritualisierte Bedürfnisse, zum Beispiel das Auffüllen der Gläser, die kaum noch als Bedürfnisse zu bezeichnen sind, da sie so selbstverständlich befriedigt werden.
(Position 239)

Solche ritualisierten Bedürfnisse gibt es auch in Bezug auf Personen, zum Beispiel wenn jemand den Ehepartner als seinen Besitz betrachtet und als eine nette, brauchbare Maschine. Von der Gesellschaft werden solche Rituale massenhaft nahe gelegt. Man erwartet sie eben nicht so sehr im Bereich der Intimität.

Die Argumentation zwischen den beiden Vampiren wägt die Wichtigkeit der Bedürfnisse ab.

(2) In der Praxis ist es ganz günstig, wenn man sich darüber klar wird, welche Bedürfnisse die Protagonisten hauptsächlich befriedigen. Sollten Sie zum Beispiel einen Zombieroman schreiben, dann ist es wichtig, sich darüber bewusst zu werden, welches hauptsächlich Bedürfnis die Zombies haben. Dies ist selbstverständlich eine physiologisches Bedürfnis: wie alle guten Monster sind auch Zombies eigentlich reine Fressmaschinen. Das macht sie auch so einfach zu handhaben.

Komplizierter wird es bei Figuren, denen wir ein reales Leben einhauchen wollen. Diese haben nämlich eine ganze Bandbreite an Bedürfnissen und hier ist es ganz sinnvoll, wenn wir all diese Bedürfnisse auflisten und dazu schreiben, welche Motive sich an die Bedürfnisse dranhängen.
Nehmen wir zum Beispiel an, wir hätten eine junge Frau, die gerade eine recht unangenehme Beziehung abgeschlossen hat. Sie hat weiterhin das Bedürfnis nach Intimität (dritte Stufe der Bedürfnispyramide), aber durch die unangenehme Erfahrung ist das Bedürfnis nach Verlässlichkeit (zweite Stufe) wichtiger geworden. Die Frau wird also weniger nach dem Motiv des Verliebtseins vorgehen, als der Sicherheit.

Hier ist es weiterhin sinnvoll, nicht nur die zunächst für die Geschichte relevanten Bedürfnisse und Motive aufzulisten, sondern möglichst vollständig. Es gibt zwar einige physiologische Bedürfnisse, die so grundlegend sind, dass man sie eigentlich nicht aufzulisten braucht, wie zum Beispiel das Atmen. Aber grundsätzlich hilft einem diese Auflistung, die Konflikte zu dramatisieren. Ein Konflikt wird nämlich dann „dramatischer“, wenn er von einem höheren Bedürfnis zu einem niedereren Bedürfnis rutscht. Nehmen wir den typischen Fall des engagierten Kommissars. Dieser trifft auf einen Serienmörder, der selbstverständlich gegen die Moralität des Kommissars (fünfte Stufe) verstößt. Nun ist dieser Serienmörder allerdings recht trickreich. Der Fall lässt sich nicht so leicht und wie sonst gewohnt lösen und kratzt damit an der Selbstachtung des Kommissars (vierte Stufe). Unter dem Arbeitsdruck leidet das Privatleben des Kommissars (dritte Stufe) und schließlich stellt der Kommissar fest, dass seine eigene Familie in das Visier des Serienmörders gekommen ist (zweite Stufe); es kommt zum großen Show-down, in dem es um Leben und Tod geht (erste Stufe).

So vollständig werden allerdings die Stufen nicht immer durchlaufen, sogar meistens nicht. (Und Sie merken, wie kompliziert sich plötzlich die ganze Geschichte gestaltet, wenn man auf einer theoretischen Ebene erklären möchte, was man mit einer gewissen schriftstellerischen Sensibilität in wenigen Minuten abhaken kann.)

(3) Die Verbindung zwischen Bedürfnissen und Motiven ist kein Selbstzweck. Zumindest nicht in Erzählungen. Wenn Sie Figuren entwerfen, denken Sie an die möglichen Konflikte, die aus Motiven entstehen. Für Konflikte braucht man zwar nicht immer andere Personen, aber zumindest in der Unterhaltungsliteratur ist das wichtig.
Überlegen Sie sich also möglichst viele Personen, die mit diesem einen Bedürfnis und diesem einen Motiv des Protagonisten (oder einer anderen Figur) in Konflikt geraten könnten. Nehmen wir an, eine Frau hat das Bedürfnis nach Intimität und ist auf der Suche nach dem seufz-Mann. Ein möglicher Konflikt entsteht durch eine Mutter, die vor allem auf einen Mann pocht, der finanzielle Sicherheit bieten kann. Ein anderer möglicher Konflikt entsteht dann, wenn die Protagonistin diesen seufz-Mann im Ehepartner ihrer besten Freundin findet.
Falls Ihnen die Entwicklung möglicher Konflikte schwer fällt: dazu brauchen Sie die Analyse. Diese macht nicht nur sensibel, sondern liefert auch konkrete Beispiele, wie sich Bedürfnis, Motiv und Konflikt in Erzählungen vermischen.

Eine Art Fazit:

Konflikte sind der Motor einer Geschichte. Es scheint aber keine Formel dafür zu geben, wie man als Autor Konflikte zu gestalten hat, damit automatisch ein spannendes Buch entsteht. Hier muss man eher auf Maximen (Handlungsempfehlungen) zurückgreifen und auf Übungen, um sich zu sensibilisieren.
Für die Sensibilisierung halte ich den Kommentar für extrem wichtig. Kommentare bilden so etwas wie eine undisziplinierte Analyse. Schon allein der Begriff der Analyse schreckt viele meiner Kunden ab, wenn ich ihnen dieses Vorgehen vorschlage. Analyse, das hört sich nach Wissenschaft an. Und Wissenschaft sei ja nicht Praxis. Aber genau deshalb spreche ich hier ja auch von der Sensibilität (diesen Begriff habe ich in meiner Examensarbeit am Thema der Lernprozessdiagnostik ausgearbeitet). Die Sensibilität koppelt sich meiner Ansicht nach eng an analytische und systematische Arbeitsweisen. Deshalb ist der Effekt dieser Arbeitsweisen für die Praxis nicht direkt im Ergebnis abzulesen, sondern nur indirekt.

Vergleicht auch folgende Blogeinträge:

07.10.2012

Mathematische Technik und mathematische Bildung

Seit einigen Tagen verbringe ich meine Zeit nicht mehr damit (oder nur noch sehr wenig), mein Spracherkennungsprogramm mit neuen Wörtern zu füttern. Stattdessen schiebe ich meine ganzen Kommentare in den Zettelkasten. Insgeheim fürchte ich mich schon davor, zu meinen Kommentaren zu Kant zukommen. Zur Anthropologie habe ich rein zahlenmäßig fast 300.000 Wörter geschrieben, zur Kritik der Urteilskraft dürften es zwar wesentlich weniger, aber immer noch sehr viele sein. Und zur Kritik der reinen Vernunft, die ich eigentlich noch gar nicht angefangen habe, gründlich zu lesen, sind es auch schon 40.000 Wörter.

Gerade aber stolpere ich über einige Anmerkungen zu Walter Breidenbach, der 1963 ein ganz bezaubernd schönes Buch im Hermann Schroedel Verlag veröffentlicht hat: Rechnen in der Volksschule. Eine Methodik.
Hier eine kleine Auswahl meiner Kommentare, bzw. Zitate. Direkte Zitate stehen in Anführungsstrichen und mit Angabe der Seitenzahl dahinter, Zusammenfassungen nur mit der Seitenzahl und freie Kommentare (also Assoziationen) mit einem „zu“ vor der Seitenzahl.
"Mathematik ist die Lehre von den denkmöglichen Strukturen."
(Seite 15)  

Breidenbach unterscheidet zwischen der mathematischen Technik und der mathematischen Bildung. Die Technik besteht im richtigen Umgang mit Sätzen und Verfahren. Sie wird durch Üben gelernt. Mathematische Bildung verknüpft er mit der Fantasie, dem planmäßigen Denken und also insgesamt mit schöpferischen Kräften (Fantasie + Problemlösen = schöpferische Kraft).
(Seite 13) 

"Was in der Unterweisung zeitlich den größeren Raum einnimmt, so glaubt man, müsse das für die Mathematik Charakteristische sein. Dabei gehören die eingeübt in Formeln und Rechenverfahren nur zu dem Handwerkszeug, dessen sich der Geist beim Studium eines mathematischen Gegenstandes oder der Lösung eines mathematischen Problems bedient. Welches Werkzeug aber in einem besonderen Falle einzusetzen ist, darüber sagt das Werkzeug selbst wenig oder nichts aus. Schon eine richtige Auswahl erfordert eine freie Entscheidung des Geistes. Bei bisher ungelösten Problemen muss sich der Geist das brauchbare Werkzeug oft sogar das selber schaffen." 
(Seite 13) 

Die Unterscheidung zwischen schöpferischer Mathematik und den Techniken ist unklar. Dies liegt daran, dass Mathematik, wenn sie über Strukturen läuft, immer eingeübt, immer automatisiert werden kann. D.h., dass die schöpferische Kraft durch wiederholte Tätigkeit in eine Technik übergeht. 
(Zu Seite 13) 

"Als selbst ein einfacher mathematischer Satz erstmalig gefunden wurde, da war das für den Finder eine sehr aufregende Angelegenheit. Er hat, vielleicht nach langem Nachdenken, plötzlich eine Vermutung; er prüft in Einzelfällen nach, ob sie stimmt; bejahendenfalls versucht er, die Vermutung allgemein zu beweisen; ein Beweisgedanken will sich nicht einstellen; er zweifelt, ob die Vermutung überhaupt allgemein stimmt; er prüft noch einmal einige weitere Einzelfälle; er versucht den Beweis für einen Einzelfall; wenn er gelingt, versucht den Beweisgedanken für den allgemeinen Fall auszunutzen; während der ganzen Zeit ist er in einer ermattenden Spannung, zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und hergerissen; bis er im günstigen Fall den Lohn für seine Bemühungen erhält, indem er den Beweis findet." 
(Seite 13) 

Dies ins Psychologische übersetzt: Erfindung, Schöpfung: Problemlösen (als selbst ein einfacher mathematischer Satz erstmalig gefunden wurde); Emotion, wobei sich nicht deutlich sagen lässt, um welche Emotion es sich handelt (aufregende Angelegenheit = Verwirrung der Emotionen, Unentschiedenheit, die Bewertung ist noch offen); Rubikonmodell: abwägen, planen, die Vermutung punktiert den Zustand des Geistes: es gibt eine Idee, die man überprüfen kann (abwägen: zum Denkbaren kommen; planen: zum gedachten Handeln kommen); das Schöpferische hängt immer mit einer Akkomodation, ein Anpassung der Denkstrukturen zusammen, während im zweiten Schritt eine Assimilation stattfindet, ein Überprüfen in Einzelfällen, ob etwas in dieser Art und Weise stimmt; die Generalisierung schätzt auch die Reichweite einer Lösungsmöglichkeit ab (für welche Fälle gilt dies? Wo funktioniert eine Lösung und wo nicht?) … 
(zu Seite 13) 

Im Kompetenzmodell kürzt sich das Rubikonmodell nach und nach ab: während im ersten Moment noch überhaupt keine Idee der Handlung vorhanden sein dürfte, erzeugt sich über das mehrmalige Tun eine Sicherheit, durch die ein gedankliches Hin und Her im konkreten Ablauf möglich wird. Gleichzeitig verschwindet aber das ursprüngliche Motiv, das den Handelnden motiviert hat. 
(zu Seite 13)

Shades of kreuz

Liebes kreuz.net!
Shades of grey bezeichnet ihr als gewaltverherrlichendes Schundwerk. Nichts gegen das Wort Schundwerk. Sehe ich genauso. Allerdings nicht, weil das Werk gewaltverherrlichend ist, sondern weil die vier Seiten, die ich davon gelesen habe, einen Stil präsentiert haben, der ungefähr so ausgefeilt ist wie eure Argumentationen. Nämlich garnicht!
Aber es ist natürlich klar, dass ihr euch jetzt bedroht fühlt, denn dieses billige Machwerk könnte euch ernsthaft Konkurrenz machen. Missbraucht ihr doch den christlichen Glauben, um eure eigenen Gewaltphantasien zu transportieren. Und das in einer Sprache, die, naja, eben Schund ist. Sieht man ja schon an eurer Lust zu Fäkalwörtern!
Freundliche Grüße

PS: 
Kleiner Tipp!
Die Bibel, insbesondere die Luther-Bibel, ist ein großartiges Werk, schon sprachlich gesehen. Vielleicht lest ihr mal ab und zu darin und lernt etwas.

06.10.2012

Feynsinn, böses Kind

Kant schreibt von der geputzten Seichtigkeit mancher Menschen. Ich nenne diese, rüder, Plärrer und Schreihälse. Feynsinn "ergänzt": "zerebral entkernte Propagandisten".
Grins!

Lachen oder weinen? - Anni Mursula, die zweite

Erinnert ihr euch noch an Anni Mursula? Nein? Ach, wie schade!
Dabei verdanke ich dieser blonden Vorzeige-Antiintellektuellen meinen erfolgreichsten Blog-Beitrag im September: Frauen sind zu doof zum Schreiben. Jetzt habe ich den Artikel noch einmal überflogen und festgestellt, dass ich vergessen hatte, den Artikel von Frau Mursula zu verlinken.
Ich google also und was finde ich? Folgenden Artikel: Heten hui. Homos pfui! auf dem Blog Gay West. (Übrigens ein schöner Blog.)

Konservative sind zu doof zum Argumentieren

Darüber (über Gay West) habe ich dann den Blog Politically Incorrect entdeckt. Man fragt sich mittlerweile, ob "konservativ" nicht das Synonym ist für "wir sind einfach zu doof, eine ordentliche, nach logischen Regeln geführte Argumentation aufzubauen".
Wie Anni Mursula schon alleine deshalb schlechten Journalismus betreibt, weil sie kaum Informationen in ihre Darstellungen einflicht, also eigentlich nur behauptet und nicht informiert, so ist Politically Incorrect dümmlichstes Geschwafel, weil hier statt Argumentation nur Suggestion stattfindet. Man lese den Artikel Entschuldigung, Entschuldigung, liebe Schwule durch und frage sich, ob dieser Autor etwas anderes kann als eine Art frühkindlichen Artifizialismus zu reproduzieren. Das sind keine Argumentationen, sondern magische Denkweisen.
Und genau solche Leute wollen sich nun als deutsche Elite aufspielen? Kant, Schopenhauer, Hegel, Popper, etc., all diese großen deutschen Denker werden vom Tisch gewischt, als hätten sie nie das Denken angeregt und vertieft? Von Menschen, die zu dumm sind, um grundlegende Prinzipien wie die Disjunktion zu verstehen?

Ich will keineswegs "schwule Tendenzen" in der Gesellschaft per Dekret moralisch legitimieren. Das Verhältnis zwischen "Heterosexuellen" und "Homosexuellen" muss streitbar und dadurch demokratisch bleiben.
Aber es ist doch ein Unterschied, ob ich in dieses Verhältnis durch möglichst präzise Argumente eingreife oder ob ich einfach nur denunziere. Bevor ich mich überhaupt über Sinn und Unsinn von der Legitimität von Homosexualität auseinandersetze, muss ich mir doch erstmal über das gute Denken und die Legitimität von Schlussweisen klar werden.

Volksverhetzung

Fundamentalismus und die daraus folgende Volksverhetzung, wie sie zum Beispiel auch kreuz.net (etwa: Jetzt brennt er in der ewigen Homo-Hölle) veröffentlicht, basieren auf fehlenden Abwägungen in der Argumentation. Und summa summarum ist Volksverhetzung immer die Vorherrschaft frühkindlicher (animistischer) Textfiguren gegenüber Begriffsbildungen und erwachseneren Argumentationsmustern (Induktion, Deduktion, Analogiebildung). Ich weiß nicht, ob die "katholischen Nachrichten" von kreuz.net wirklich katholisch sind. Aber sie sind zum größten Teil entschieden nicht über das präoperatorische Denken (vorherrschend im 1.-5. Lebensjahr) hinausgekommen, d.h. man fragt sich doch, was dieser Kindergarten soll.
(Übrigens mag ich Dirk Bach überhaupt nicht. Ich fand ihn nie witzig und wenn ich deutsche Komiker hätte aufzählen sollen, wäre er mir nun bestimmt nicht eingefallen. Die Anthropologie von Kant, die finde ich witzig geschrieben und über manche darin enthaltene Bosheit kann ich immer wieder von Herzen lachen.)

Bei so abstrusen Argumentationen und solch völlig irrsinnigen Verdrehungen der Logik weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll.
Wer liest eigentlich diesen ganzen Mist? Außer Psychiater, die sich für Denkstörungen interessieren?

Schade, der Artikel ist verschwunden. Der von Frau Mursula.

Mimikry (noch einmal: Lamarckismus)

Schon gestern bekam ich eine Mail, aus der ich kurz zitieren möchte:
Das kennt man doch aus der Biologie. Eine Stabheuschrecke ahmt einen Ast nach, um sich besser verstecken zu können. Damit ist Ihre Behauptung, die Natur kennen keine Zwecke, widerlegt.
Keineswegs, lieber Herr Schmidt!
Es zeigt nur, dass Sie meine Argumentation nicht verstanden haben. Als allererstes: Mimikry ist nicht Nachahmung. Die Mimikry bezeichnet eine Ähnlichkeit in der Natur, die sich für das Überleben aus irgend einem Grund als günstig erweist.

Günstige ökologische Zusammenhänge

Nun hat sich für die Stabheuschrecke aus irgendeinem Grund als günstig erwiesen, wie ein Ast auszusehen. Dabei war keine Planung im Spiel, sondern man kann dies mit den simplen evolutionären Mechanismen der Variation, Selektion und Restabilisierung erklären.
Oder nehmen wir die Ameisenspringspinne (Myrmarachne formicaria). Diese sieht Ameisen ähnlich, wie schon der Name sagt. Der Vorteil dieser Ähnlichkeit besteht darin, dass sie damit aus dem Beuteschema zahlreicher Spinnen fressender Tiere herausfällt. Der zweite Vorteil ist etwas komplexer. Diese Spinnenart lebt häufig mit Ameisen zusammen. Da sich diese Spinne nicht so stark vermehrt wie andere Spinnenarten (sie legt nur 2-3 Eier im Jahr), bieten Ameisennester einen guten Schutz für die Jungtiere und die Eier.
Es wäre aber falsch zu sagen, dass die Ameisenspringspinne das so geplant hätte und ebenso falsch ist es, eine Art großen Organisator (Gott) anzunehmen, der all dies geplant hat. Das ist Lamarckismus. Und den können wir mit der Darwinschen Theorie ablehnen.

Ökologische und evolutionäre Gesetze

Der entscheidende Fehler in Ihrer Argumentation ist allerdings, dass es natürlich funktionelle Ketten in der Natur gibt. Diese dürfen aber nicht mit der Evolution solcher Funktionen verwechselt werden. Was ist eine funktionelle Kette? Nun, ganz einfach: die Stabheuschrecken spürt eine entsprechende Erschütterung, „verwandelt“ sich in einen Ast und wird deshalb übersehen, bzw. nicht gefressen. Dies kann man tatsächlich ganz kausal, also zweckhaft, erklären.
Aus diesem Grund habe ich allerdings auch das Beispiel mit den Naturgesetzen gegeben. Noch einmal: wenn ein Apfel vom Baum fällt, dann ist das nicht durch das Gesetz von der Anziehung der Massen bewirkt, sondern dieses Gesetz drückt sich in dem fallenden Apfel aus.
Dasselbe passiert mit solchen Operationsketten in der Natur. Natürlich kann man diesen eine Absicht unterstellen. Aber es sind eben Absichten, die momentan in ein ökologisches System hineinpassen und einer Art das Überleben sichern, indem mehr einzelne Individuen überleben und sich fortpflanzen können. Solche Operationsketten oder Kausalitäten, ich sage es nochmal, sind nicht geplant worden, sondern haben sich als günstig erwiesen. In ihnen drücken sich die Gesetze der Evolution aus; deshalb müssen wir zwischen evolutionären und ökologischen Gesetzen unterscheiden. Ökologische Gesetze sind zwar nicht kausal in einem technischen Sinne, aber durchaus zweckmäßig. Evolutionäre Gesetze dagegen kann man nicht als zweckmäßig bezeichnen. Anders gesagt: ökologische Gesetze führen zu praktischen Sätzen und evolutionäre Gesetze zu theoretischen Sätzen (siehe: Praktische und theoretische Sätze - Kant und die gender-Theorie).

Die christliche Ehe und die Fortpflanzung

Wir müssen also zwischen Operationsketten und Naturgesetzen scharf unterscheiden. Ebenso, wie das Gesetz von der Anziehung der Massen nicht existiert, damit Äpfel von Bäumen fallen, existieren evolutionären Mechanismen nicht, damit sich Heuschrecken durch Mimikry Ästen anpassen. Und, das war die ärgerlichste Behauptung Ihrer E-Mail, ist die Fortpflanzung nicht dazu da, damit heute Mann und Frau die christliche Ehe realisieren. Die christliche Ehe ist eine Möglichkeit des Zusammenlebens von Mann und Frau. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber sie ist weder die einzige Möglichkeit, noch drückt sich darin das Gesetz der Fortpflanzung aus, wie Sie das suggerieren.