28.06.2015

Spannungsaufbau

Das ist eine schicke Geschichte: man schreibt etwas nicht ganz so Angenehmes (zum Beispiel Zeugnisse) und denkt an ganz andere Sachen (zum Beispiel Spannungsaufbau).

Hintergrund

Alte Blogeinträge

Vor vier Wochen habe ich endlich begonnen, was ich vor anderthalb Jahren schon einmal vorhatte: ich wollte meine ganzen Blogeinträge in meinen Zettelkasten eintragen. Oftmals habe ich doch wieder neu geschrieben, was ich schon einmal formuliert hatte, teilweise meine Blogeinträge auch verändert und erweitert, und gelegentlich, so merke ich, finden sich dabei ganz glückliche Formulierungen. Jedenfalls bin ich mittlerweile im Winter 2007 angekommen.
Dies war die Zeit, in der ich mich sehr viel mit Spannungsaufbau beschäftigt habe; später habe ich dieses Thema beiseite gelegt, weil eine linguistische Beschreibung immer wieder an die Grenzen stößt, dass jeder Mensch Spannung ganz anders empfindet und so eine linguistische in eine psychologische Beschreibung übergeht. Mich selber als Protagonisten der Spannungsliteratur zu nehmen ist allerdings etwas gewagt, da ich doch einen recht kühlen Blick auf Unterhaltungsliteratur gewonnen habe.
(Trotzdem werde ich weiter unten einige Sachen dazu schreiben.)

City of Bones

Vor etwa zwei Monaten habe ich auf einem Wühltisch die Trilogie Chroniken der Unterwelt gefunden und gekauft. In den letzten Tagen habe ich es geschafft, die ersten 90 Seiten zu lesen. Die Spannung ist mäßig. Dabei ist die Geschichte eigentlich gut. Was mich an dem Roman stört, sind die vielen statischen Sätze, vor allem all die Beschreibungen, die einem Raum, einer Person oder einem Gegenstand einfach nur Eigenschaften zuschreiben.
Aktive Verben, darum geht es. Aber nicht nur: es geht auch darum, die Beschreibungen durch Verbalmetaphern zu dramatisieren (siehe dazu Metaphorik: Strategien der Verbildlichung).

Skulduggery Pleasant

Diese Bücher sind gerade bei uns in der Schule der Hit (neben Gregs Tagebuch und Warrior Cats). Das erste Buch habe ich mittlerweile ebenfalls bis auf Seite 90 gelesen. Dazu sind auch zahlreiche Notizen entstanden, die ich wohl in der ersten Ferienwoche mal systematisieren und dann veröffentlichen werde. Was mich an diesem Buch stört, sind die zahlreichen Wortwiederholungen; nun sind Wortwiederholungen nicht an sich schlecht, wie dies häufig behauptet wird: gelegentlich sind sie sogar notwendig, um bestimmte Effekte zu erzeugen. Sie betonen bestimmte Zusammenhänge, rhythmisieren den Text, verlangsamen den Lesefluss und gehen gelegentlich mit dem Wechsel in eine auktoriale Erzählerperspektive einher, erzeugen also zugleich eine Distanz auf der Erzählebene und der Sprachebene (da die Wiederholung die Sprache, bzw. den Akt des Erzählens in den Vordergrund rückt).
Nun weiß ich nicht, ob dieses Buch einfach nur schlampig übersetzt worden ist, oder ob schon im Original mit den Wörtern zu einfallslos umgegangen worden ist. Für eine Analyse ist das allerdings nicht wichtig. Sie soll nur zeigen, was gut und was nicht so gut funktioniert, also Material dafür bieten, über das eigene Schreiben nachzudenken.

Empathie-Forschung

Überhaupt ist im Moment bei mir vieles im Fluss. Die Empathie-Forschung, die durch die Entdeckung der Spiegelneuronen in den Mittelpunkt zahlreicher Arbeiten gerückt ist, bewegt auch im Bereich der Narration und der narrativen Kompetenz eine ganze Menge. So sieht zum Beispiel Fritz Breithaupt die Empathie als eine Kompetenz an, die drei Personen (und nicht, wie man annehmen sollte, zwei) miteinander verbindet, wobei zwischen zwei Personen eine empathische Situation entsteht, während die dritte Person ausgewiesen wird: dazu gehört auch, dass zwischen zwei Personen, der einen Person, für die man empathisch ist, und der anderen Person, die man zurückweist, eine Art Konflikt herrscht. Die Lösung des Konflikts und der Beweis der Empathie wird dann über Mikroerzählungen geregelt.
Empathie ist, so könnte man sagen, eine Mischung aus Nachahmung, Problemlösen und symbolischer Repräsentation. Streng genommen ist Empathie damit eine völlig fiktive Angelegenheit. Pragmatisch gesehen existiert sie aber trotzdem, obwohl sie unwahrscheinlich, ja sogar eigentlich unmöglich ist.
Auch dies müsste ich ausführlicher darstellen: das ist nicht nur für die Autoren interessant, sondern überhaupt für die ganze Gestaltung des Zusammenlebens.
Die Narration als Effekt grundlegender (also biologischer) Bedingungen des Menschseins ist die eine Sache. Eine ganz andere Herangehensweise bietet Tomasello in seinem Buch Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Dort liefert der Autor im fünften Kapitel (Sprachkonstruktionen und die Kognition von Ereignissen) eine schön lesbare, ganz wissenschaftliche Begründung dafür, warum wir Leser aktive Verben so gerne mögen.

Spannungsaufbau

Metonymien

Was Metonymien sind, habe ich mehrfach in meinem Blog erklärt. Wenn man zahlreiche Metonymien benutzt, entstehen Umschreibungen. Etwas wird nicht direkt benannt, sondern die Benennung dem Leser überlassen.
Man könnte also zum Beispiel einen Gegenstand, nehmen wir einen Blumenstrauß, durch seine Farben, durch die Formen, die einzelnen darin befindlichen Blumen, usw., umschreiben. Dies ist tatsächlich eine schöne Möglichkeit, um einen Gegenstand (meist einen zentralen, zum Beispiel in einem Konflikt wichtige Rolle spielt) in den Mittelpunkt zu rücken.

Off

Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit, Metonymien einzusetzen. Und die ist zunächst nicht ganz so einsichtig. Man kann nämlich jede Beschreibung, jede Szene, jede Handlung ebenfalls als Metonymie verstehen. Jede gute, sinnliche Erzählung versteht den zentralen Konflikt als eine Komposition aus zahlreichen einzelnen Szenen. Diese Szenen sind gleichsam Metonymien des Konfliktes. Und ebenso werden die Charaktere einer Erzählung nicht direkt, also psychologisch beschrieben, sondern metonymisch durch ihre Handlungen und den Gegenständen, mit denen sie sich umgeben.
Dies nenne ich, angelehnt an einen Ausdruck aus der Kinotheorie, das Off. Das Off ist gerade nicht alles andere, was außerhalb eines Bildes liegt, sondern etwas Bestimmtes, was jederzeit in den Blick (der Kamera) rücken könnte, aber in den konkreten Bildern (noch) ausgespart wird.

Sinnliches Erzählen

Und hierin liegt ein weiterer Vorteil des sinnlichen Erzählens, oder, wie dies gerne auch genannt wird, im Show, don't tell! Indem sich die Szene auf konkrete Handlungen und konkrete Gegenstände konzentriert, hält sie den eigentlichen Konflikt, das große Ganze im Off, gleichsam am Rande der Aufmerksamkeit.
Die Kunst besteht nun darin, trotzdem solche Konflikte oder Bedrohungen zu schreiben, da sie ja nicht irgendwo anders, sondern jenseits des Randes der aktuellen Szene, aber eben doch dicht dabei, stattfinden müssen.

Zentrale Konflikte

Skulduggery Pleasant ebenso wie City of Bones schaffen gerade dies nicht. Teilweise verliert sich der Konflikt. Cassandra Clare bietet zu viele gleichberechtigte, aber ungelöste Konflikte an, so dass man extrem aufmerksam sein muss, welcher Konflikt nun angesprochen wird. Gegen eine solche Vorgehensweise ist nichts zu sagen; man braucht aber erfahrene und gute Leser, oder solche, die generell gerne dieses Genre lesen und so schlampig sind, dass ihnen eine leicht verworrene Erzählweise nichts ausmacht.
Derek Landy wiederum kann den zentralen Konflikt ebenfalls nicht deutlich herausarbeiten. Ganz anders als Rowling, bei der nach dem ersten Kapitel von Harry Potter der zentrale Konflikt benannt ist (Harry-Voldemort), ebenso wie ein zweiter wichtiger Konflikt (Harry-Dursleys), ist bei Skulduggery Pleasant auch nach 90 Seiten noch nicht deutlich, welcher zentrale Konflikt diesen Roman strukturieren wird. Nun ist die Geschichte schlicht genug, durch ihre skurrilen Einfälle und so insgesamt ganz angenehm zu lesen, wodurch die Leselust nicht sonderlich leidet. Aber hat man das Buch erst mal aus der Hand gelegt, fühlt man sich keineswegs dazu gedrängt, es weiterzulesen.

Erste Zusammenfassung

Für einen Spannungsaufbau ist es also wichtig, dass es einen zentralen Konflikt gibt, der gleich zu Beginn fest im Bewusstsein des Lesers verankert wird. Trotzdem darf dieser Konflikt nicht direkt benannt werden (und man lese dazu noch mal das erste Kapitel aus Harry Potter und der Stein der Weisen), sondern muss stark verdeutlicht werden, zum Beispiel, weil der Protagonist durch denselben Konflikt einen schweren Verlust (zum Beispiel die Eltern) erlitten hat.
Der Konflikt muss also im Off „anwesend“ sein; und für den Spannungsaufbau ist es günstig, wenn dies von Anfang an geschieht, zum Beispiel durch die Technik der dramatischen Ironie (vergleiche dazu: Simon Beckett: Leichenblässe. Perspektivwechsel). Durch diese kann man den Konflikt, in dem der Protagonist geraten wird, erzählen, dem Leser also einen Informationsvorsprung bieten, und trotzdem den Protagonisten zunächst von diesem Konflikt fernhalten.

Attributionen

Wenn man sich mit guten Erzählsätzen befasst, landet man ganz schnell bei Problemen der Grammatik und der Logik.
Kurz gefasst bieten gute Erzählsätze vor allem (aber nicht nur) akzidentelle Merkmale. Dazu muss man wissen, dass jeder Satz als eine Zuweisung von Merkmalen gelesen werden kann. Wissenschaftliche Sätze werden meist mit substantiellen Merkmalen und der Copula ›sein‹ gebildet: „Ein Wolf ist ein vierbeiniges Raubtier aus der Gattung der Hundeartigen, usw.“.
Erzählende Sätze dagegen kann man oftmals als veränderliche Kompositionen betrachten, wobei veränderlich heißt, dass man aus dem Satz schließen kann, dass es jetzt so ist, aber in Zukunft nicht so bleiben muss. Typischerweise gehören dazu auch solche Sätze: „Sie trug einen grünen Hut.“ Der grüne Hut gehört jetzt, aber nicht immer zu dieser Person. Er ist ein Merkmal der Umstände halber, also ein akzidentelles. Der Umstände halber betreten die Protagonisten bestimmte Räume, fahren bestimmte Autos, essen bestimmte Lebensmittel, und was auch immer. Der Umstände halber heißt also nicht, dass die Erzählung unkonkret werden müsste. Sie zeigt nur Satz für Satz, dass der Protagonist bestimmte Sachen dauerhaft bevorzugt und andere Sachen gerne rasch ändern möchte. Die bevorzugten Sachen können verloren gehen, und die ungewünschten Sachen können abgeschafft werden. Und dies kann natürlich nur möglich sein, wenn die Merkmale nicht zum Wesen einer Person, eines Gegenstandes oder eines Raumes gehören.

Aktive Verben

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Protagonist (manchmal auch mehrere). Eine der wichtigsten akzidentellen Merkmale eines Protagonisten sind seine Handlungen. Was auch immer der Protagonist und macht, es bleibt flüchtig, weil er später etwas anderes zu tun hat und weil er vorher etwas anderes getan hat. Trotzdem charakterisiert jede Handlung den Protagonisten und auch seinen Umgang mit dem Konflikt. Und vermutlich ist deshalb das aktive Verb, welches solche Handlungen ausdrückt, auch ein so starkes Mittel, um eine Geschichte spannend zu machen.

Nebenfiguren und Verbalmetaphern

Viele Erzählungen leiden daran, dass es nur einen zentralen Konflikt gibt und nur zwei Personen, die diesen austragen. Insbesondere bei unerfahrenen und schlechten Schriftstellern (wie zum Beispiel bei der frühen Nora Roberts oder dem späten Konsalik) gibt es so wenig Nebenfiguren, dass die Handlung automatisch auf den großen Konflikt zugespitzt werden muss. Das führt den Autoren allerdings vor ein riesiges Problem: die Figuren müssen handeln, ohne irgendetwas zu tun (zumindest, wenn das Buch 250 Seiten und mehr lang werden muss). Und sofern man nicht völlig einen an der Klatsche hat, wird man sich bei solchen Büchern doch eher veralbert fühlen.
Nun hatte ich zu den Nebenfiguren auch schon mehrfach etwas gesagt, was ich hier nicht wiederholen muss. Ganz interessant allerdings ist, dass in Erzählungen ein Phänomen auftaucht, welches durch metaphorisch genutzte Verben erzeugt wird. Viele metaphorisch genutzte Verben übertragen eine Handlung auf ein unbelebtes Ding, wird dieses Ding selbst wie ein Akteur, wie eine handelnde Person.
Ein Beispiel dafür ist:
Die Sonnenstrahlen durchfluteten das klare Wasser und färbten es azurblau.
Dieser Satz klingt beweglicher, aktiver, als folgender:
Das Wasser war azurblau.
Im ersten Satz werden die Sonnenstrahlen aktiv behandelt.
Dieser Effekt mag im Einzelnen minimal erscheinen. Im Ganzen aber dramatisiert er die Erzählung. Wer das nicht glaubt, der nehme sich wiederum eine Stelle aus den Harry Potter-Büchern oder von Stephen King vor, und ersetze alle Verbalmetaphern und damit alle erzählenden Sätze durch wissenschaftliche Sätze. Der Effekt wird rasch deutlich: das Erzählte wirkt hölzern und unlebendig.

Identifikation

Folgt man den jüngeren wissenschaftlichen Ergebnissen, dann besteht ein wichtiger Bestandteil des empathischen Verhaltens darin, dass Menschen die Möglichkeit sehen, genauso zu handeln wie ihr Gegenüber. Das bedeutet nicht, dass sie so handeln müssen, nur, dass sie sich vorstellen können, dasselbe zu tun. Dabei scheint es auch nicht ganz so genau zugehen zu müssen, ob dies physikalisch möglich ist. Wichtiger scheint dabei zu sein, dass eine Aktivität als Aktivität wahrgenommen oder nahegelegt wird.
Identifikationen sind also über nachvollziehbare Aktivitäten zu erreichen.
Verbalmetaphern scheinen hier, so seltsam dies klingen mag, solche Identifikationen zu stützen. Und natürlich wird man, wenn man gefragt wird, nie sagen, dass man sich mit einer Landschaft oder einem Gegenstand identifiziert (außer vielleicht in ganz seltenen Fällen). Und trotzdem ermöglicht die Sprache, dass wir auch Unbelebtes personifizieren, und dass wir darüber die Möglichkeit minimaler Identifikationen bieten.

Zusammenfassung

Genauso wie ich betont auch mein Kollege Johannes Flörsch in seinem Blog wortport.de die Wichtigkeit aktiver Verben. Und natürlich sind wir nicht die ersten. Diese Empfehlung lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zu Lessing zurückverfolgen. Im Gegensatz zu Johannes, der sich auf sein gutes Gespür verlässt, mag ich es gerne gründlicher, wissenschaftlicher, anthropologischer. Gelegentlich macht dies meinen Blog mühsam zu lesen; obwohl ich gerade hier, in diesem Artikel, recht oberflächlich argumentiert habe, betrachtet man die eigentliche wissenschaftliche Literatur. Trotzdem sollte deutlich geworden sein, dass das aktive Verb nicht nur einem Zeitgeist angehört, der alles besonders dramatisch und handlungsorientiert haben möchte, sondern zu einer Grundausstattung des Menschen gehört, die wirksam ist, bevor er überhaupt sprechen kann. Und das es bis in die feineren und komplexeren Techniken von Schriftstellern hineinwirkt.
Wer das ganze besser ausgearbeitet haben möchte, muss wohl bis zu den Sommerferien warten, wo ich hoffentlich mehr Zeit finden werde, um dazu zu schreiben.
Oder er greife selbst zu folgenden Büchern:

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