09.06.2015

Swen - ein Held der operativen Logik (die natürlich sinnlos ist)

Ich liebe mich selbst, und das durchaus unpathetisch. Wie es sich für einen vernünftigen Menschen gehört. Grippe, Rückenschmerzen und zum Teil bohrende Kopfschmerzen (aber warum eigentlich? gerade im Moment klärt sich für mich so vieles: gelegentlich habe ich einen Hang zum Psychosomatischen, aber das kann es diesmal doch wohl nicht sein); diese elendigliche Dreifaltigkeit hat mich heute ans Bett gefesselt. Mein Arzt dagegen war zufrieden mit meinem Gesundheitszustand und hat mir gleich noch eine Tetanus-Impfung angedeihen lassen.
Die nette Krankenschwester, mit der ich sonst gerne herumflachse, hat mir jedenfalls gut getan. Danach bin ich recht fröhlich nach Hause marschiert.

Gehirngerechtes Lernen

Und weil ich am Donnerstag eine Fortbildung im gehirngerechten Lernen habe; und weil ich dieses Wort so scheußlich finde, weil es daher stolziert wie ein Mister Oberwichtig, wollte ich natürlich vorbereitet sein. Gelegentlich bringe ich Dozenten zum Weinen.
Gegen diese Vokabel, also gegen das gehirngerechte Lernen, habe ich nichts anderes einzuwenden, als dass diese völlig aufgebläht und damit natürlich ideologisch und deshalb falsch ist. Die Methoden jedoch sind teilweise hervorragend. Warum? Weil sie dem „Original“ das tun, was ich Transmedialisieren nenne: Sie übersetzen den Inhalt in ein anderes Medium. Damit erzeugen sie Abweichungen. Sinn, so werde ich nicht müde Niklas Luhmann zu zitieren, entsteht durch Abweichung. Sinn ist ein Differenzbegriff (so sagt der postmoderne Logiker).
In der Theorie also hapert es, in der Praxis keineswegs.

Mein Ruf

Widerspenstig sei ich, irgendwie aber auch genial. Um einen ehemaligen Kollegen zu zitieren. 2007 habe ich es mir geleistet, mich auf einem Trainertreffen blicken zu lassen. Change Management war der Titel (oder so ähnlich; man verdrängt ja so einiges in seinem Leben). Damals habe ich mich unter anderem mit Edward deBono intensiver beschäftigt. Dieser hat nette, kleine Methoden geschaffen, die es durchaus in sich haben. Es sind, so interpretiere ich das, verkürzte Modelle, die ohne jegliches wissenschaftliches Brimborium auskommen, die also „sinnlos“ operativ arbeiten.
Am bekanntesten ist das PMI: nachdem man ein Kapitel gelesen hat, eine Vorlesung angehört hat, eine Unterrichtsstunde absolviert hat, legt man sich eine Tabelle an, in der die Wörter ›plus‹, ›minus‹ und ›interessant‹ stehen. Dann trägt man in diese Tabelle alles ein, was einem zu dieser Stunde einfällt, jeweils in die Spalte, die einem am Sinnvollsten erscheint. Macht man dies öfter, übernimmt man dieses Muster in sein Denken und vollzieht es automatisch. Tatsächlich stellen wir beständig solche kleinen Denkmuster in unserem Leben selbst her. Es spricht also nichts dagegen, wenn wir dies methodisch und bewusst übernehmen.
Auf dem besagten Treffen jedenfalls habe ich mir den Spaß gemacht, innerhalb einer Dreiviertelstunde etwa 60 solcher Methoden, die ich mir selbst ausgedacht hatte, zu präsentieren. Selbstverständlich hat das die Zuhörer erschlagen. Das war ja auch meine Absicht. Aus (wahrscheinlich völlig) irrationalen Gründen machen mich Trainer aggressiv.

SWEN

Dies ist eine der Methoden. S steht für Situation, W für Werte, E für Emotionen und N für Normen. Diese Methode dient dazu, die positivierenden und ausschließenden Mechanismen in einer bestimmten Situation zu verdeutlichen. Dabei habe ich recht präzise Begriffe zu Werten und Normen. Ein Wert versprachlicht ein bestimmtes Verhalten als positiv, besonders förderlich, besonders wertvoll. Eine Norm dagegen setzt eine Grenze, deren Übertretung besonders geächtet wird, vor allem im Hinblick auf das förderliche Verhalten. Emotionen schließlich strukturieren Entscheidungen. In gewisser Weise vermitteln sie also zwischen Werten und Normen.
Damit ist dieses kleine Instrument für tagtägliche Erlebnisse im Berufs- und Familienleben nützlich.
Ich habe manchen Abend damit verbracht, das letzte halbe Jahr, gelegentlich auch zu ältere Erfahrungen, diese mit SWEN zu reflektieren.
Natürlich sollte man nicht immer bei der reinen Methode stehenbleiben. Oft hat sie mir erste Stichworte und Einteilungen geliefert, um von dort aus weiterzuschreiben.

Erfahrungswissenschaft

Gerhard Roth beklagt in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit, dass das gehirngerechte Lernen eine Modevokabel sei. Dem stimme ich zunächst zu. Weiterhin beobachtet er richtig, dass in der Coaching-Literatur so voneinander abgeschrieben wird, dass die wirklichen neurophysiologischen Forschungen aus dem Blick geraten. Allerdings weist dies darauf hin, dass der Anspruch der Coaching-Literatur in einem ganz anderen Bereich liegt. Roth beklagt die zirkuläre Argumentation; dies zeigt aber, dass das Coaching auf der Suche nach einer operativen Geschlossenheit ist, nicht nach einer wissenschaftlich relevanten Darstellung. Operative Geschlossenheit kann äußerst sinnvoll sein. Solange sich ein solches System noch nicht etabliert hat, sucht es sich häufig Dogmen aus, um darüber eine Einheit zu erzeugen, die es selbst noch nicht hat.
Solche Fixpunkte mag man als Dogmatismus tatsächlich beklagen. Sie dienen aber auch als Ausgangspunkte für weiteres Denken; da jegliches Denken sich auf solche Ausgangspunkte stützt, sind sie nur dann schlecht, wenn hier ein gewisser Dogmatismus ins Spiel kommt. Der Weg jedenfalls führt über die Erfahrung. Und wie Immanuel Kant sehr richtig gesagt hat, ist Erfahrung immer Erfahrung mit Begriffen. Die Neurophysiologie, so schlecht sie rezipiert sein mag, liefert genau solche Begriffe.
Und das scheint der Grund zu sein, warum die aktuelle Coaching-Literatur sich so sehr auf das Gehirn stürzt. Nicht das Gehirn ist ihr wichtig, sondern die Erfahrung. Aber um solche Erfahrungen machen zu können, braucht es ein „dogmatisches“ Ausgangssystem, will (freundlicher gesprochen) heißen: eine Art geistige Heimat, ein geistiges Elternhaus.
DeBonos Methoden, ebenso wie meine, verdecken nicht die Absurdität solcher Werkzeuge, sondern betonen gerade das Sinnvolle an ihnen. Deshalb habe ich mir zum Beispiel überhaupt keine Gedanken gemacht, ob meine Werkzeuge nützlich sind; sie sind es, weil sie abweichen oder Abweichungen produzieren. Mehr braucht es nicht!

Nachtrag

Ich liebe also mich selbst, weil es so absurd ist, sich selbst zu lieben. Unter allen Zirkelschlüssen ist dies der Unsinnigste. Wer Ohren hat, der höre!
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