02.05.2011

performatives Oxymoron

"Den Zugriff der Macht auf das Gewöhnliche des Lebens hatte das Christentum zu einem großen Teil um die Beichte herum organisiert: die Pflicht, die winzige Welt aller Tage, die banalen Verfehlungen, die der unscheinbaren, bis hin zum trüben Spiel von Gedanken, Absichten und Begierden reichenden Schwächen regelmäßig am Faden der Sprache entlang vorüberziehen zu lassen; Ritual eines Geständnisses, bei dem derjenige, der spricht, zugleich derjenige ist, über den gesprochen wird; Auslöschung der gesagten Sache eben durch ihre Aussage, doch damit gleichfalls eine Vergrößerung des Geständnisses, das geheim bleiben muss und hinter sich keine andere Spur zurücklassen darf als die Reue und die Werke der Buße. Das christliche Abendland hat diesen erstaunlichen Zwang erfunden, den es jedem auferlegte, alles zu sagen, um alles auszulöschen, noch die kleinsten Vergehen auszuformulieren, in einem ununterbrochenen, verbissenen, erschöpfenden Gemurmel, dem nichts entgegen durfte, das aber nicht einen Augenblick sich selbst überleben durfte."
Foucault, Michel: Das Leben der infamen Menschen. in ders.: Schriften zur Literatur, Frankfurt am Main 2003, Seite 324 f.

In diesem Zitat wird deutlich, wie ein Oxymoron performativ wird. In der Beichte überkreuzen sich das Sprechen und das Schweigen, das Nicht-Denken-dürfen und das Sagen-müssen.



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