17.01.2014

Mein elftes Video und ein Artikel zur „Nachahmung“

Gestern Abend habe ich noch, relativ spät, das elfte Video zum Kurs Plotstrukturen veröffentlicht. Es ist leider wirklich spät geworden, weil ich den ganzen Tag unterwegs gewesen bin.
Hier ist es auf youTube zu sehen und wer bisher dem Kurs noch nicht gefolgt ist und es gerne tun möchte, findet hier die Playlist dazu.
Auf Qindie ist ein Artikel von mir veröffentlicht worden: Warum haben Schriftsteller eigentlich Angst vor dem Nachahmen? — Hier verarbeitete ich Ideen, die ich während des Lesens von Gabriel Tarde gesammelt habe. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, angewendet auf die moderne Unterhaltungsliteratur, aber eben doch ganz interessant, vor allem, wenn man sich die historischen Wandlungen des Vampirs und des Zombies ansieht.

Immerhin bin ich heute Abend dazu gekommen, mal wieder etwas gründlicher zu lesen. Natürlich (wie so häufig zur Zeit) Hannah Arendt. Ich hatte ein wenig Einstiegsprobleme mit der politischen Philosophie. Das lag vielleicht auch an meinen Lebensumständen. Aber jetzt interessiert mich dieses Feld sehr. In den letzten 20 Jahren habe ich mich doch wesentlich mehr mit der Sprachphilosophie beschäftigt und auch wenn es hier zahlreiche Berührungspunkte gibt, habe ich den Sprung über den „Teich“ nie wirklich geschafft. Offensichtlich ändert sich das zurzeit.

13.01.2014

Letzte Nachrichten; geschlossene ideologische Systeme

Es ist immer wieder beruhigend, wenn man nach einem meilenweiten Weg feststellt, dass man an eine vertraute Stelle kommt: dem Ausgangspunkt der Wanderung.

So geschehen heute: mit einem Bild, das ich bearbeiten wollte.

Videos

Ich solle, so eine nette Stimme, meine Videos nicht so schnell veröffentlichen. Sie käme mit den Aufgaben gar nicht nach.

Nun, ich habe heute auch an einem Jingle für ein regelmäßiges Video zu allen möglichen Themen rund ums Coaching, Literatur und Rhetorik/Logik gearbeitet. Zum sechsten Mal; denn neben der Musik für das Intro machen mir die Design-Entwürfe arge Probleme. Zwischendurch bin ich dann für zwei Stunden zu meinem guten Gabriel Tarde gehüpft.

Geschlossene ideologische Systeme

Meine Aufzeichnungen zu Tarde wuchern weiter vor sich hin. Sie passen sehr gut zu Hannah Arendt. Heute habe ich auch einiges zu Lotman geschrieben, zu dem sich von Tarde aus ein rascher Übergang entwickelt hat. Außerdem einige Passagen aus Csikzentmihalyis Buch Kreativität und Hermann Brochs Soziologie der Massen.
Tarde ist tatsächlich sehr aufschlussreich. Seine Verbindung von Begehren und Überzeugung stellt eine frühe Form der Motivation dar, wie sie dann von Heckhausen, Oerter und einigen anderen ausgearbeitet wurde. Das Problem der Psychologen: die Motivation bekommt fast sofort einen introvertierten Touch, während Tarde diese eher expansiv darstellt, auch wenn sie nur private Ziele verfolgt (und man höre, dass expansiv und privat keine Gegensätze darstellen).

Tarde jedenfalls schreibt:
„Daher rühren die endlosen Meinungsverschiedenheiten, Rivalitäten und Verstimmungen zwischen Menschen, die mit sich selbst letztlich in Einklang sind. Jeder hat für sich ein in sich logisches Ideensystem übernommen und verhält sich konsequent dazu. Daher rührt auch die scheinbar fast vollständige Unmöglichkeit, den Krieg und jene allgemeinen Leidensprozesse, unter denen alle leiden, auszurotten, obwohl der innere Kampf zwischen verschiedenen Begehren oder Meinungen, den einige in sich tragen, meistens mit einem endgültigen Friedensvertrag endet.“
Tarde, Gabriel: Die Gesetze der Nachahmung. Frankfurt am Main 2009, Seite 55
Daher kommt wahrscheinlich auch die Polarität zwischen Lernbereitschaft und Durchsetzungskraft. Menschen, die es rasch schaffen, mit sich selbst wieder in Einklang zu kommen (aber eben nicht zur Wahrheit), verhalten sich so, als müsse ihr logisches Ideensystem für alle anderen Menschen auch gelten. Sie geraten demnach sehr viel schneller in dieses Freund-Feind-Denken hinein, als Menschen, die lernbereit oder unsicher sind. Besonders schwierig wird das dann, wenn solche Ideensysteme auf eine Gruppe stoßen, die nur halb oder einseitig interessiert ist.
In diesem Sinne heißt „etabliert“ eigentlich nur, dass eine bestehende Meinung einer individuellen Person durch andere Personen gestützt wird und dass dieser sich darauf verlassen kann, dass diese Unterstützung weiterhin besteht. Zum Teil haben diese Unterstützer allerdings deutlich andere Interessen, wie dies zum Beispiel im Milieu der selfpublisher zu sehen ist, dass erfolgreiche Autoren gelobt werden, weil sich die Lobenden daraus einen Vorteil erhoffen. Darin ist nicht unbedingt eingeschlossen, dass die Bücher der erfolgreichen Autoren geschätzt werden.

09.01.2014

Virales Marketing, Twitter und Hitzlsperger

„Immer beginnen diese Kräfte mit einem Menschen und gehen von einem Zentrum aus (freilich lange bevor sie zum Durchbruch kommen und historische Bedeutung gewinnen). Ein leidenschaftlicher Mensch wird von einem machtlosen Begehren nach Eroberung, nach Unsterblichkeit und menschlicher Wiedergeburt zermürbt. Er trifft auf eine Idee, die ihn unverhofft einen Ausweg daraus bietet, auf die Idee der Auferstehung, des Tausendjährigen Reichs oder das Dogma von der Souveränität des Volkes und andere Formulierungen aus dem contrat social. Er wird sich ihrer bemächtigen, sie wird ihn begeistern, und schon wird er zu deren Verfechter. Auf diese Weise ansteckend, breitet sich Religiöses oder Politisches aus. Und auf diese Weise vollzieht sich die Bekehrung eines ganzen Volkes zum Christentum und zum Islam und morgen vielleicht zum Sozialismus.“
Tarde, Gabriel: Die Gesetze der Nachahmung, Frankfurt am Main 2009, Seite 52 f.
Tarde hat dies geschrieben, lange bevor Massenbewegungen zum Alltagsgeschäft der Kultur wurden. Und selbst, wer nicht Soziologie studiert hat, dürfte von der Weitsichtigkeit dieses Abschnitts erstaunt sein. Immerhin wurde dieses Buch bereits 1890 veröffentlicht, auch wenn es erst seit 2009 in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Erstaunlicherweise könnte man mit Tardes Soziologie auch erklären, warum er so wenig beachtet wurde. Tarde war, nach einer Karriere als Jurist, Professor an der Sorbonne. Dort hatte er den Lehrstuhl inne, den Henri Bergson nach seinem Tod bestieg. Die damals aufkommenden Lehre von Durkheim, die eine Art Konkurrenztheorie zu der von Tarde darstellte, wurde rasch sehr populär. Sie passte besser in das Bild des 19. Jahrhunderts, weil sie insgesamt mechanischer klingt (auch wenn man bezweifeln darf, dass sie mechanisch gemeint war). Tarde dagegen nimmt in vielem, was er schreibt, modernere Theorien vorweg, zum Beispiel die Relativitätstheorie oder auch moderne Evolutionstheorien. Er kannte zwar Darwin, aber eben noch nicht andere Formen der Evolution (so weit ich das bei ihm lesen kann): aber man findet bei ihm zum Beispiel die Idee von sprunghaften Einflüssen bestimmter Viren auf eine Population vorgeprägt. Diese Theorie, dass Evolution auch viral stattfinden kann, entstand vor etwa 50 Jahren, also gut 70 Jahre nach der Niederschrift dieses Buches.

Ein sehr junges Phänomen, das hier gut passt, ist Twitter. Bei Twitter breiten sich manche Nachrichten wie Wellen im Wasser aus. Es sind Netzwerke, die über Knotenpunkte und Verteiler Informationen weiterleiten. Und hier kommt es darauf an, strategische Positionen einzunehmen, damit eine bestimmte Information vervielfältigt wird.

Nun wird die Wirkung von Twitter stark diskutiert. Es kämen zum Beispiel nicht immer alle relevanten Informationen an. Die Auswahl solcher Informationen sei beliebig. Das sind zwei Einwände gegen Twitter. Allerdings muss man an der Medienkritik der letzten 200 Jahre feststellen, dass dieser Einwand überhaupt nicht neu ist und deshalb Twitter nur als Beispiel betrifft. Tatsächlich sind auch schon Zeitungen solche Filter gewesen. Sie haben sich in früheren Zeiten, zum Beispiel in der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland, als ein ebensolches Filtersystem erwiesen. Damals haben sie aber wesentlich stärker auf den Ruf eines Journalisten vertrauen können. Journalisten waren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Dies hat sich zwar nicht komplett gewandelt, es gibt ja immer noch Menschen wie Ulrich Wickert oder im Lokalbereich immer wieder bekannte und beliebte Journalisten und Kommentatoren, aber die Verschiebung ist schon sehr deutlich. Der Journalismus geht weg von der Wahrheit hin zur Interessantheit. Und wie die Wahrheit ewig ist, zumindest, wie man dies früher glaubte, so ist die Interessantheit flüchtig und launenhaft.

Aktuelles Beispiel: Thomas Hitzlsperger. Interessant ist übrigens, dass er damit den Unfall von Schumacher aus den Medien verdrängt. Im Moment stürzen sich alle auf das erste Coming-out eines Profifußballers.

Anderes Phänomen: das virale Marketing. Auch dieses gründet sich auf Prozessen, die Tarde bereits geschrieben hat. Und man kann Tarde tatsächlich als einen besonders wichtigen Theoretiker der social Media bezeichnen. Auch das ist erstaunlich, denn das virale Marketing ist ja noch jünger als die Evolutionstheorien.

Mir jedenfalls geht es gerade so, dass ich, statt dass ich meine Kommentare zu Tarde vor über einem Jahr in meinem Zettelkasten einordne, diese weiter kommentieren und ergänze. Die Gesetze der Nachahmung ist ein überaus fruchtbares Buch und nur zu empfehlen. Zudem ist es recht einfach geschrieben und durchgängig lesbar. Mein Lesefluss gerät eigentlich immer nur dadurch ins Stocken, weil mir sofort Anschlüsse an die Wirklichkeit einfallen.

Ich werde wohl in nächster Zeit wieder eine längere Phase einlegen, in der ich Gilles Deleuze lesen werde. Deleuze hat sich ja explizit auf Tarde bezogen und seine Theorie weiter entwickelt.

05.01.2014

O Gott - als Kategorie!

Manchmal überlege ich mir, ob ich nicht auch noch die Kategorie "O Gott!" einführen soll.

Gerade lese ich folgenden Satz:
Für jeden, der ungestörte Ruhe sucht, ist störende Unruhe von Übel.
Breier, Karl-Heinz: Hannah Arendt zur Einführung, Hamburg 2001, Seite 60
Demnächst wird mir noch jemand erzählen, dass für jeden, der gesüßtes Tandoori Masala sucht, gesalzenes Eis nicht den Geschmacksnerv treffen könnte.

Ich lese die Junius-Einführungen eigentlich sehr gerne. Meist sind diese recht dicht an nützlichen Kernthemen eines Philosophen entlanggeschrieben, so dass man einen guten Einstieg erhält. Der Autor dieses Büchleins - also zu Hannah Arendt - ist mir allerdings zu eigensinnig. Und zu monoton.
Eigensinnig ist er deshalb, weil er weniger die Philosophie von Arendt darstellt, als sie zu beweisen versucht. Ich habe nichts dagegen, Arendt toll zu finden. Im Gegenteil! Ich finde sie toll. Aber man kann das Ganze doch auch mit einer kritischen Distanz und einer breiteren Sicht über die Bühne bringen.
Breier dagegen bringt die politische Freiheit und die despotische Herrschaft in ein geradezu paranoides Verhältnis. Zwischen dem animal laborans und dem zoon politikon gibt es keinerlei Abstufungen, weder, was die Philosophie angeht, noch was das Tätigsein betrifft.
Die Tätigkeit des Künstlers, zu der Arendt einiges zu sagen hat, wird überhaupt nicht beachtet; Johnson, Broch, Heidegger, selbst Jaspers tauchen nur am Rande auf, ebenso Benjamin. Persönliche Auseinandersetzungen, etwa während des Eichmann-Prozesses mit den Anhängern Ben Gurions, bleiben ebenso auf der Strecke. Man muss diese ja nicht in ihrer Dramatik schildern; doch immerhin macht Arendt selbst sehr plausibel, warum sie sich auf diese Art und Weise in den Konflikt eingemischt hat und ihn in dieser Art und Weise an die Öffentlichkeit getragen hat. Und diesen philosophischen Pol an der politischen Tätigkeit vermisse ich sehr.

So bleibt der Autor schließlich in einer Abstraktion hängen, die der Idee des Tätigseins widerspricht. Tätigsein, das heißt, sich mit konkreten Bezügen des menschlichen Schaffens in der Welt auseinanderzusetzen. Und genau das hat Arendt immer wieder getan. Breier allerdings schildert Arendt als jemanden, der das nur am Rande macht, auch wenn sie dies vom Rand aus fordert; und das wieder gibt ihr den Beigeschmack, vom Rande der Welt aus alles besser zu wissen und alles besser wissen zu wollen. Gerade das aber wird Arendt dann sehr ungerecht.
Das Buch ist also nicht schlecht. Aber es ist einseitig, monoton. Wie bereits gesagt.
Und manches gleitet dann in die Belanglosigkeit, ja in den Unsinn ab. Wie jener oben zitierte Satz.

04.01.2014

Krimisachen - Erzählperspektiven

In dieser Woche habe ich eine ganze Menge gemacht. Zum Schreiben bin ich allerdings nicht gekommen. Jedenfalls nicht dazu, etwas fertigzustellen.

Selbstverständlich bastle ich gerade weiter an den Möglichkeiten herum, Videos herzustellen. Ich bin insgesamt ganz beruhigt: die Videos wirken noch etwas hölzern und könnten mehr Abwechslung vertragen. Teilweise sind sie auch sehr kompakt, so dass man sie sich je nach Vorwissen wohl zweimal ansehen muss, vielleicht auch dreimal. Das ist ja immer problematisch, wenn man Sachen vorstellt, mit denen man sich seit langer Zeit beschäftigt hat. Man vergisst darüber die Schwierigkeit, sich in ein solches Gebiet einzuarbeiten.
Derzeit probiere ich meine WebCam aus und natürlich auch, wie ich diese für die Videos nutzen. Es wird aber wohl insgesamt darauf hinauslaufen, dass ich mir möglichst rasch eine ordentliche Videokamera besorge.

Krimis.
Derzeit lese ich wieder ganz viele „Thriller“ von selfpublishern. Meist lese ich sie nur an. Selten interessiert mich der Schreibstil. Vieles, was hier veröffentlicht wird, ist recht unsinnlich geschrieben. Ich habe gerade einen solchen weggelegt, der auf den ersten zehn Seiten mehr doziert, als dass er erzählt. Ich möchte, wenn ich lese, allerdings keine Belehrungen erhalten, sondern etwas nachvollziehen können. Und dazu gehört eben auch, dass ich mir bestimmte Handlungen aus einer Perspektive vorstellen kann.
Ich bin natürlich völlig einverstanden, dass es sehr schwierig ist, einen Serienkiller so zu schildern, dass diese Perspektive glaubhaft wirkt. Bei diesem letzten Thriller hat die Autorin zunächst eine „verkappte“ Ich-Perspektive gewählt (das erkläre ich gleich), die dann aber rasch von einer Art auktorialen Erzählsituation abgelöst wird. Dies geschieht an all den Stellen, an denen der Serienkiller psychologisch erklärt werden muss. Der Erzähler distanziert sich hier von der Innenperspektive und führt stattdessen eine Figur ein, die scheinbar objektiv und von außen ein psychologisches Märchen spinnt, nämlich eines, was erklären soll, wie der Serienkiller zum Serienkiller wurde.

Das verlangt einige weitere Erklärungen.

Bleiben wir zunächst bei diesem Begriff „verkappte Ich-Perspektive“.
Dazu muss man wissen, dass diese drei „berühmten“ Perspektiven, zwischen denen ein Autor angeblich wählen kann (Ich, personal, auktorial), überhaupt nicht so gemeint waren, wie dies heute viele (deutsche) Schriftsteller zu verfolgen meinen. Damit sind lediglich bestimmte Pole gemeint, von denen aus Erzählen möglich ist. Zwischen diesen Polen gibt es zahlreiche Zwischenstufen.
Die Ich-Perspektive erzählt eine Handlung nun so, dass die Erzählfigur im Kopf einer Romanfigur drinnen sitzt. Dabei ist die grammatische Markierung völlig nebensächlich. Grammatisch gesehen kann man hier das Ich oder das Er verwenden. Diese wird zwar heute gerne als personale Perspektive bezeichnet (oder als personaler Erzähler), doch ist dieser personale Erzähler jemand, der von außerhalb seiner Figuren erzählt und deshalb zum Beispiel keine Gedanken erfasst.
Völlig abstrus wird das ganze Schema allerdings dann, wenn man den auktorialen Erzähler vergisst. Der auktoriale Erzähler wird gerne als allwissender Erzähler bezeichnet, was wiederum eine sehr missverständliche Bezeichnung ist. Der auktoriale Erzähler steht außerhalb der Welt, von der er erzählt. Ein typisches Beispiel dafür, dass sich Welt an der Lebenswelt der Figuren orientiert und nicht an der Welt als ein quasi-religiöser Begriff, ist der Fall, wenn der Erzähler ein Manuskript findet, in dem die Geschichte einer Figur geschildert wird, wie dies ist zum Beispiel in Ecos Roman ›Das foucaultsche Pendel‹ der Fall ist.

Man muss diesen letzten Gedanken gründlich denken. Die Figur, die auktorial erzählt, muss nicht in einer komplett anderen Welt leben (im physikalischen Sinne), sondern nur in völlig anderen Lebensumständen. Ein typisches Beispiel dafür, dass sich der auktoriale Erzähler und der Ich-Erzähler in der selben Person „aufhalten“, ist der Doktor Faustus von Thomas Mann. Hier wird der Bruch der Lebenswelt durch die Machtergreifung Hitlers und der Kriegssituation bewirkt, die mit der Geschichte des Protagonisten nur noch wenig Berührungspunkte besitzt.
Ein weiteres Beispiel, dass zwischen diesen beiden Perspektiven nur ein fließender Übergang besteht, kann an den Jahrestagen von Uwe Johnson illustriert werden. Hier übernimmt die Sprache manchmal eine so dominante Funktion gegenüber der Erzählung selbst, dass hier eine sehr starke Ebene des Sinns entsteht, die sich deutlich von den handelnden Personen distanziert. Diese distanzierte zweite Ebene wird als ironisch empfunden. Und sie ist auch nicht für die Figuren gemacht. Diesen ist eine Reaktion auf den „zweiten Sinn“ überhaupt nicht möglich. Dem Leser allerdings schon. Wenn es eine gute und überraschende Ironie ist, lacht der Leser eben.

Kehren wir zu diesem Thriller zurück, so wirkt es peinlich, wenn man das Gefühl hat, dass die Autorin sich in diese auktoriale Erzählsituation flüchtet, weil sie ihre Figur nicht nachempfinden kann.
Solche Brüche lassen sich allerdings leicht umgehen. Ein typisches Rüstzeug dafür ist tatsächlich dieser Spruch »Show, don't tell«. Ich habe in den letzten Jahren relativ viele Möglichkeiten ausprobiert, wie man diesen Spruch interpretieren könnte. Schreibt man aus der Ich-Perspektive, dann bedeutet dieser Spruch nicht, dass man möglichst detailreich schildert, was passiert, sondern vor allem das, was sich der Person, aus deren Perspektive man erzählt, nachvollziehbar zeigt. Ich hatte letztes Jahr zum Beispiel eine Passage aus Sebastian Fitzeks Thriller Der Seelenbrecher angesprochen, die zunächst aus der Perspektive eines Folteropfers geschildert wird und die spätestens an der Stelle bricht, als ein Sanitäter hereinstürzt (ins Folterzimmer) und der Erzähler notiert, dass dieser Sanitäter einen ungewöhnlichen Ohrring am Ohr trage. Wer auf die übelste Art und Weise gefoltert ist, der nimmt solche Sachen wahrscheinlich nicht wahr. Ich bin auf jeden Fall an dieser Stelle schon komplett aus dem Erzählfluss ausgestiegen.

Bei der auktorialen Erzählsituation gibt es dann auch noch Feinheiten. So ist manchmal der auktoriale Erzähler als eine vom Autor getrennte Person benannt, manchmal nicht. Wenn zum Beispiel Walter Moers in seinen Büchern Lexikoneinträge über die Tier- und Pflanzenwelt aus seiner fiktiven Welt Zamonien zitiert, dann existiert hier kein wirklicher Erzähler. Es sind eben Lexikoneinträge, die als „objektiv“ gelten.
Und etwas Ähnliches passiert in Thrillern, wenn psychologische Abhandlungen in die Erzählung hineinrutschen. Diese stehen meist ohne eine bestimmbare Erzählfigur im Text, sind also insgesamt recht unpersönlich. Das wäre in Ordnung, wenn der Roman insgesamt eine unpersönliche Erzählsituation zu nutzen weiß. Doch genau das wollen ja die Thriller-Autoren nicht. Spannungsromane wollen, dass sich der Leser mit einer bestimmten, nämlich der erzählenden Figur identifiziert. Und dazu ist dieser unpersönliche Erzähler einfach ungeeignet. Natürlich gibt es hier auch wieder Romane, in denen das hervorragend klappt, zum Beispiel in Der Mann ohne Eigenschaften.

Ich habe den Kreis der Erzähltypen vor fast 20 Jahren kennen gelernt. Damals war das für mich ein Modell, mit dem ich relativ wenig anfangen konnte. Man musste das halt wissen, wenn man Literaturwissenschaft studiert. In den letzten vier Jahren ist mir dieses Modell allerdings immer wichtiger geworden und ein persönliches Arbeitsmittel. Ganz ausschlaggebend dabei war, dass ich mich mit Christa Wolf und Uwe Johnson auseinandergesetzt habe.

Diesem Modell werde ich in Zukunft wohl auch etwas häufiger nachgehen.

Heute wollte ich eigentlich etwas zu Logik in Krimis schreiben. Ich bin nun nicht dazu gekommen, weil mich eben die Erzählperspektive so abgelenkt hat. Die Logik in Krimis, die ich in den letzten Jahren ebenfalls sehr intensiv untersucht habe, hängt nun mit dieser Erzählperspektive wesentlich enger zusammen, als ich gedacht habe. Ich würde nun nicht behaupten, dass man die beiden Sachen nicht getrennt behandeln kann, aber zusammen ergeben sie doch wesentlich mehr Sinn. Auch das wird vielleicht zu einigen Artikeln auf meinem Blog führen.

30.12.2013

Jahrestage V

Ihr gefällt es, wie er gastweise am Tisch zwischen den beiden Fenstern sitzt und sich nach ihrer Schule erkundigt, weil er davon wissen will, nicht aus Vormundspflicht. Sie hat mit ihm reichlich verabredet, ob es nun um ungläubige Blicke schräg von unten geht oder um Lügeversuche bei steifem Gesicht oder darum, dass sie oder er an manchen Stellen sagen müssen: was ich lediglich tat, um New York reinzuhalten; was immer an der Reihe ist.
Johnson, Uwe: Jahrestage II, 31. Dezember 1967, Seite 534

Es war mir ein inneres Blumenpflücken - LeFloid trifft Wickert

YouTube sorgt, neben den selfpublishern und einigen wichtigen Blogs für eine enorme Bewegung in der Medienszene.

Ein recht harmonisch laufendes Interview zwischen Ulrich Wickert, dem Urgestein der Abendnachricht, und LeFloid, dem Protagonisten der YouTube-Bewegung, findet ihr hier: Mehr YouTube würde der ARD gut tun.

LeFloid sagt übrigens sehr richtig, dass er Kommentare verfasst, keine Nachrichten. Dass er gute Kommentare verfasst, das ist das eine; dass darüber die Nachrichten selbst bei vielen Menschen verschwinden, das andere. Man kann LeFloid nun nicht vorwerfen, dass er aus den Nachrichten ethische Erkenntnisse herauszieht. Dazu sind Nachrichten letzten Endes da. Problematisch wird nur, wenn dieses Sich-moralisch-Verhalten die einzige Anteilnahme am Mediengeschehen wird.

Ein guter Geschmack an der Information: das ist die Grundlage für ein gutes moralisches Bewerten.

Neulich hatte ich eine Anfrage für ein Skript zur Situation der modernen Familie in Deutschland. Genauer gesagt ging es um Nachbesserungen an einem Text. Gestutzt habe ich bereits in der Einleitung. Hier wurde die uralte Tradition der Familie beschworen. Ich habe da nachgefragt, von welcher uralten Tradition er hier genauer reden würde (da ja schon nicht klar war, wie er Familie definiert hat). Und er meinte dann zu mir, so wie es immer gewesen sei: Vater - Mutter - Kind.
Diese Form der Familie, die kleinbürgerliche, ist aber eindeutig eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Ich fände das Ganze nun nebensächlich, wenn das irgendjemand auf der Straße sagen würde. Schlimmer finde ich, wenn dieser Mensch in einem Beruf arbeitet, der sich mit der „guten Struktur“ der Familie beschäftigt. Mit Familien ist es so ähnlich wie mit der Medienszene. Es gibt dieses klassische Erscheinungsbild nicht mehr oder nur noch selten. Aber unsere Gesetze und die öffentliche Moral schützen hier eine Form, die nach und nach verschwindet. Das ist die eine Seite des Problems. Die andere Seite ist, dass die neuen Formen, die sich finden lassen, zum Beispiel die Position des fürsorglichen Stiefvaters, nicht geschützt werden und es hier keine Rechtssicherheit für solche Menschen gibt, es sei denn, sie wird privat geregelt, im Falle des Stiefvaters zum Beispiel von der Mutter aus.

Auf dem Weg zum Nerd

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal sage: aber ich befinde mich auf dem Weg, ein Computer-Nerd zu werden.

Das ganze Wochenende habe ich an der Verbesserung der Videos herumgearbeitet und zumindest einige Fortschritte gemacht.
Solche Fortschritte sind immer genau dann sehr unangenehm, wenn man merkt, dass man vorher unglaublich viel Zeit auf Sachen verschwendet hat, die man viel schneller und besser hätte hinkriegen können. Wenn man sie denn vorher entdeckt hätte.

Nun: dafür werde ich mir in Zukunft noch einiges an Gedanken machen.

Ich habe das ganze Wochenende nicht gelesen. O.k., ein bisschen doch.
Ein paar Seiten bei Hannah Arendt; und mein lieber Onkel hat mir tatsächlich die Safranski-Biografie über Goethe geschenkt, sogar mit einer Original-Unterschrift, natürlich von Safranski, nicht von Goethe. Und darin habe ich auch herumgeschmökert.

Obligatorisch: die Tagespolitik.
Bisher hatte ich das Ganze eher von der Rhetorik aus betrachtet. Seit etwa einem Jahr gärt und rotiert bei mir das Interesse an der Ethik und der politischen Philosophie. Viel Zeit, mich damit zu beschäftigen, habe ich nicht gehabt. Das ist eigentlich sehr schade.
Und als einen guten Vorsatz für das neue Jahr wage ich es gerade nicht zu nehmen. Es kommt einiges auf mich zu.

26.12.2013

Und die sechste Folge meines Video-Kurses

Die ersten Videos stehen im Netz. Die Resonanz ist 100%ig positiv. Klar: waren ja bisher auch nur sechs Stimmen. Und da ich erst seit etwa zwei Wochen ernsthaft online stehe und erst seit letzten Samstag auch Werbung mache, ist noch nicht viel passiert. Wer aber wollte das den Menschen über die Feiertage verübeln? Ich nicht.

Heute habe ich das sechste Video veröffentlicht. Dabei sind wir dann beim zweiten Video zu dem Planungsmodell, mit dem ich am liebsten arbeite. Vor allem verstehen das die Menschen auch am besten.

Hier der Link zu der Playlist.

24.12.2013

Konsumterror und der innere Schweinehund

Es ist Weihnachten! — Und an dieser Stelle erstmal allen Lesern und Leserinnen eine schöne und ruhige Zeit.

Ich bin in den letzten Tagen nicht zur Ruhe gekommen. Nachdem ich ein bisschen Luft hatte und von meinen Videos auch etwas Abstand nehmen konnte, habe ich mich intensiver mit dem System von YouTube beschäftigt. Das ist im Hintergrund ganz schön umfangreich und komfortabel. Die meisten Menschen wissen das gar nicht, da sie es selbst nicht nutzen. Verwunderlicher ist, dass es auch häufig nicht von den Video-Anbietern genutzt wird. Ich habe mir jetzt eine erste Übersicht verschafft und muss das ganze ein wenig ruhen lassen, um zu schauen, wie ich das genauer gebrauchen werde.

Ob ich in Weihnachtsstimmung bin? Überhaupt nicht.
Seit Mai oder Juni beschäftige ich mich mit einigen Klassikern der Kulturkritik. Hannah Arendt hat hier den Ausschlag gegeben, wobei zuvor schon Christa Wolf und Max Frisch mich in diese Richtung getrieben haben. Es gibt sowohl bei Wolf, als auch bei Frisch Stellungnahmen zu aktuellen politischen Situation, die man aus den sechziger Jahren ohne Probleme auf die heutige Zeit übertragen kann.
Dazu habe ich bisher noch fast gar nichts geschrieben. Mich verwundert nur, dass dieses Problem von Konsum und dem Zurechtstutzen von Menschen heute so resignativ beantwortet wird. Vor zwei Jahren hatte ich zum Beispiel noch in die Szene der selfpublisher große Hoffnungen gesetzt, dass hier mehr ausprobiert wird und experimentellere Literatur entsteht und dadurch eine größere Sensibilität für das, was Kultur eigentlich ist: die subjektive Auseinandersetzung mit der Politik und der politischen Tradition um uns herum. Stattdessen findet man vor allem dieses Verkaufsargument. Ein Buch, das sich gut verkauft, ist deshalb auch schon bedeutsam; so der Trugschluss.

Und ein häufiges Argument für die Qualität eines Buches ist die Spannung. Spannung allerdings ist nur ein Teil und wahrscheinlich sogar nur ein geringer Teil von dem, was ein Buch wertvoll macht. Indem man sich auf die Spannung konzentriert, bleiben viele andere Sachen auf der Strecke. Es ist doch wunderbar, über ein Buch lange nachzudenken, auch über einen Roman. Das aber lassen Bücher, die sich nur zum konsumieren eignen, kaum zu. Man muss sie schon sehr gegen den Strich bürsten, wenn man ihnen etwas anderes abgewinnen will.

Ganz frei davon bin ich auch nicht. Ich gebe es zu. Ich bin froh, dass ich jetzt wieder ein adSense-Konto besitze. Dazu habe ich in den letzten Tagen für eine andere Adresse Artikel geschrieben. Und natürlich sollen diese Anzeigen, die ich schalten möchte, rund um meine Videos auftauchen.

JaelleKatz, alias Sylvia Hubele, hat gestern auf ihrem eigenen Blog einen Artikel veröffentlicht, der so gar zu gut zu einem meiner Artikel passt. Er heißt: Mit dem inneren Schweinehund in die Hundeschule. Mein dazu entsprechender Artikel lautet: Das innere Team beim Schreiben.
Das innere Team ist ein ganz wundervolles Konzept, wenn man zu seiner eigenen Stimme finden möchte. Ich hatte nun lauter eher positive innere Stimmen vorgeschlagen. Der innere Schweinehund, den Sylvia hier vorstellt, ist mit Sicherheit auch eine sehr taugliche Stimme, um Texte zu schreiben. Es werden nicht unbedingt Texte sein, die man veröffentlichen sollte.

23.12.2013

Plotstrukturen III — ein einfacheres Modell, angelehnt an Aristoteles

"Normalerweise hätte ich schon längst im Bett sein müssen. Man muss sich ja irgendwie selbst bemuttern.", so schrieb ich vor zwei Tagen, konnte dann aber das Video nicht auf meinem Blog einfügen. - Jetzt klappt's.

Aber ich musste dann unbedingt noch das dritte Video anfangen und fertig stellen. Nachdem ich in den letzten beiden Videos das Kompositionsmodell von Gustav Freytag behandelt habe, gehe ich in diesem Video auf ein Modell ein, das eigentlich schon zwei Jahrtausende alt ist und ebenfalls vom Theater herrührt. Ursprünglich wurde etwas ähnliches von Aristoteles formuliert. Der amerikanische Schriftsteller James Scott Bell hat dies ein wenig modernisiert, wenn auch nicht viel.
Hier also stelle ich euch dieses Modell vor. Mir persönlich ist es für längere Geschichten zu einfach und zu undifferenziert. Aber für einen ersten Entwurf, für die Strukturierung von irgendwelchen Ideen, einfach um auszuprobieren, wie die in etwa in eine Geschichte hineinpassen, ist dieses Modell ganz hervorragend, weil es sich so einfach handhaben lässt.

Hier also das Video:

Letzte Nachricht vom Tage

Das war mal ein ganz gewöhnlicher und recht entspannter Sonntag.
Viel geschlafen habe ich allerdings nicht. Ich bin schon recht früh aufgestanden. Und es war einer jener Morgen, an denen ich gemerkt habe, dass ich intensiv geträumt haben musste. Insgesamt schwächle ich gerade. Der doch eher hektische Dezember und die vielen inhaltlich sehr verschiedenen Aufträge kommen jetzt langsam hoch. Ich habe seit zwei Tagen eine beständige Müdigkeit. Und auf der anderen Seite ist es so eine Phase, wo ich merke, dass sich im Hintergrund, hinter meinen offiziellen Gedanken, ganz viel verschiebt. Hier werden sich wohl Spannungen, die sich in den letzten Wochen aufgebaut haben, ausreifen und dann wahrscheinlich wieder in eine Phase von intensivem Arbeiten münden.
Um solche Zustände bin ich nicht böse. Und im Moment fühle ich mich sogar sehr einverstanden damit. Früher habe ich solche Phasen sehr viel eher als Denkkrisen erlebt. Das ist jetzt offensichtlich vorbei.

Bis zum Mittag habe ich dann Zettel in meinem Zettelkasten verfrachtet. Heute waren es vor allem Notizen zu Christa Wolf. Ab Mittag habe ich dann, nach einem Spaziergang, an den Videos weiter gebastelt. Konkreter gesagt habe ich hier einige Sachen ausprobiert, die noch reifen müssen und derzeit nicht auftauchen werden. Und vermutlich sind es auch die Videos, die gerade im Hintergrund so herumpoltern und mir die vielen Träume bescheren. Auch das ist ein gutes Zeichen. Es ist mir ernst.

Aber ich habe nicht nur Notizen zu Christa Wolf in meinem Zettelkasten gebracht, sondern parallel dazu ›Hannah Arendt zur Einführung‹ von Karl-Heinz Breier weiter kommentiert. Dieses Buch ist eigentlich sehr schön. Der Autor entfaltet allerdings immer wieder sehr eigene Gedanken und weicht weit von einer Darstellung des Denkens von Hannah Arendt ab. Insofern ist es als Einführung mit ein wenig Vorsicht zu genießen. Soweit ich mich in Arendt bereits eingearbeitet habe, ist es gut und stimmig. Aber es hätte dichter an der Autorin dranbleiben dürfen.

20.12.2013

Max Frisch, Uwe Johnson, Hannah Arendt und einiges anderes

Hatte ja doch eine ganze Menge zu tun und heute dringt so langsam in mein Bewusstsein, dass nächste Woche Weihnachten ist. Es ist mir kaum aufgefallen.

Seit Mitte November haben sich die Arbeiten massiv gehäuft. Gestern Mittag habe ich alle wichtigen Sachen für dieses Jahr abgeschlossen. Und seitdem auch mal wieder etwas Freizeit. Die ich dann leider mit Verwaltungskram auffüllen musste. Also doch keine Freizeit. Besonders hübsch werde ich finden, am Montag dann Rechnungen zu schreiben. Ich glaube, damit kann ich meinen Kunden wirklich eine Freude machen. Aber die meisten werden das ihn nicht lesen, weil die erst nach Silvester wieder in ihr E-Mail-Fach schauen.

Sofern ich nichts anderes zu tun habe, werde ich mich an mein nächstes Video machen. Vielleicht kann ich das sogar heute Abend noch fertig stellen. Mein zweiter Monitor ist vor zwei Tagen kaputtgegangen. Ich werde mir einen neuen kaufen müssen. Ich bin mittlerweile zu sehr daran gewöhnt. Es geht aber auch so.

Ich habe aber auch ein bisschen inhaltlich arbeiten können. Zunächst wäre dort die kulturhistorische Schule. Meine Notizen zu Vygotskij habe ich durchgelesen und weiter kommentiert. Das habe ich schon lange nicht mehr getan. Zwischendrin sind viele weitere Zitate und Kommentare Lotman, Bachtin, aber auch Schopenhauer entstanden. Schopenhauer finde ich in Bezug auf Vygotskij deshalb so interessant, weil ein zentraler Begriff bei beiden der Wille ist. Und schon ein erster Vergleich zeigt, dass die Auseinandersetzung mit beiden im Vergleich sehr fruchtbar werden wird. Mal sehen, ob ich in den nächsten Wochen Zeit dafür finde, das zu tun. Ich befürchte nicht.

Eine ganz andere Sache sind meine Schriftsteller der Nachkriegszeit. Max Frisch, den ich wegen Christa Wolf, dann wegen Uwe Johnson, ein wenig beiseite geschoben habe, wandert jetzt so langsam in meinen Zettelkasten. Danach folgen Christa Wolf selbst, Uwe Johnson und natürlich Hannah Arendt.
Arendt ist im Bezug auf alle drei Autoren sehr spannend. Für sie taucht eine Tatsache in der menschlichen Welt nur auf, wenn sie mit anderen Menschen geteilt wird. Dieses Teilen geschieht aber nicht durch eine wissenschaftliche Untersuchung, sondern (in einem weiten Sinne gemeint) durch das Erzählen. Man könnte hier (wenn auch nur sehr überspitzt) sagen, dass eine mit anderen Menschen geteilte Welt nur durch eine vielfältig erzählte Welt existiert. Dann aber wäre die grundlegende Funktion zwischenmenschlicher Kommunikation nicht das Aushandeln, sondern dass Teilen in Mitteilen und Aufteilen. Man kann sich das ganze dann tatsächlich so vorstellen, dass die Aufteilung durch die verschiedenen Perspektiven von verschiedenen Menschen die Mitteilung ist, nicht die eigentliche Aussage. Und das eine Mitteilung in der Kommunikation nur geschieht, insofern die Aussagen verschieden sind. Mitteilung entsteht also durch einen Leerraum, der nicht usurpiert werden muss.
Etwas Ähnliches schreibt Frisch in seinen Tagebüchern zur Liebe.