22.01.2019

Jenseits der Kreativität

Die Blüten der Kreativität

Die seltsamen Blüten, die Begriffsbildungen treiben, sobald sie über eine gewisse Popularität verfügen, sind immer wieder von spöttischen Zeitgenossen hervorgehoben worden. Die Kreativität bildet da keine Ausnahme. Ulrich Bröckling hat in seinem Buch Gute Hirten führen sanft höflich aber bestimmt auf die Widersprüche der Kreativität in der modernen Berufswelt hingewiesen.
Dieser vergnügliche, kurze Aufsatz am Ende eines recht schwarzhumorigen, brillant analytischen Buches sei hier aber nur erwähnt. Er ist in gewisser Weise auch etwas launisch.
Von der Hand zu weisen ist aber nicht, dass sich das Reden über Kreativität in Aporien verstrickt. Statt einer Übersicht, wie sie Bröckling gegeben hat, und wie ich sie einmal auf ganz andere Art und Weise versucht habe, möchte ich hier an einem einzelnen Artikel auf einige Widersprüchlichkeiten hinweisen.

Ein beispielhafter Artikel

Der Artikel zur Kreativität findet sich auf der Plattform lernen.net der Firma 4pub GmbH, die laut eigenen Aussagen ein „Content Netzwerk im Themenfeld Digitales Lesen & Lernen, online Marketing sowie Sport & Fitness“ betreibt. Der Ursprung des Artikels ist allerdings unerheblich, da sich die beobachteten Phänomene nicht nur in Bezug auf Kreativität und nicht nur an diesem Text beobachten lassen.

Benennung und Begriff

Strukturelle Ähnlichkeit

Der erste Kritikpunkt betrifft die Unterscheidung zwischen Benennung und Begriff. Der Begriff muss ein Phänomen in gewisser Weise strukturell abbilden. Diese Struktur sollte sich dann auch in der Wirklichkeit wiederfinden lassen – obwohl es natürlich auch Begriffe gibt, die die Wirklichkeit ausdehnen, wie etwa viele Erfindungen aus der Fantastik. Die Benennung ist allerdings willkürlich und beruht nicht auf Ähnlichkeit. Das sieht man schon daran, dass in unterschiedlichen Sprachen ein und dieselbe Sache unterschiedlich benannt wird. Wenn es hier eine Notwendigkeit gibt, dann eine historische.

Modisch und beliebt

In dem Artikel wird diese Zweideutigkeit gleich in den ersten beiden Sätzen deutlich benannt:
Kreativität ist das neue In-Wort. Wohin man auch schaut, Kreativität kommt gut an.
Es ist modisch, und es ist beliebt. Und natürlich kann man hier auch vermuten, dass damit der halbwegs naive Leser eingefangen werden soll: denn jeder will ›in‹ sein und gut ankommen. Doch während der erste Satz noch auf die Benennung verweist, lässt der zweite Satz offen, ob nur das Wort oder auch der Begriff gemeint ist. Die Abfolge deutet an, dass es beim Wort bleibt. Wie aber füllt der weitere Text den Begriff aus - explizit als Definition oder implizit durch Gebrauch?

Tautologien

Zu der begrifflichen Unklarheit gehört auch, dass sich die Definition häufig in kaum verhüllten Tautologien ergeht: kreativ ist, was kreativ ist, oder, wie der Autor des Artikels schreibt:
Ein kreativer Schöpfergeist wird immer mehr gefragt – und unkonventionell sollen neue Ideen und Problemlösungen auch noch sein.
Tatsächlich scheint die Kreativität so schwierig zu erfassen, dass die tautologischen Aussagen sich mehr oder weniger über den ganzen Text erstrecken.

Paradoxie der Routine

Es ist dann aber auch kein Geheimnis, dass die Tautologie, wie eigentlich in jeder ideologischen Aussage, in Verbund mit Paradoxien steht.
So ist die Kreativität zugleich Nicht-Muster, kann aber beständig verbessert werden: sie ist die routinisierte Nicht-Routine:
Und die Routine führt dazu, dass die Kreativität auf der Strecke bleibt. Um deine Kreativität zu trainieren, kannst du im Alltag damit beginnen.

Der kreative Imperativ

Bröckling nennt dies den kreativen Imperativ, von dem auch dieser Artikel seine Version kennt:
Breche aus deinen gewohnten Denkmuster aus und sei offen für neue Ideen.
Das Paradox dabei ist aber, dass das, was in unserem Denken erscheint, von den Mustern bestimmt wird, und man so zuallererst diese Muster erschließen muss, um aus ihnen dann ausbrechen zu können. Gerade diese Form der Selbstanalyse aber bringen einem die Kreativitätstrainings nicht bei, obwohl sie - als vager Begriff - angesprochen wird:
Hilfreich ist auch eine genaue Selbstreflexion.

Argumentation und Zeit

Deskriptiv und präskriptiv

Betrachtet man die Widersprüche, die sich so im Reden über Kreativität abzeichnen, kann man diese auf zwei verschiedene Formen des Aussagens reduzieren, die sich im selben Konzept vermischen: deskriptive (beschreibende) und präskriptive (vorschreibende) Aussagen. Etwas ist kreativ, weil es kreativ sein soll.

Ambiguitätstoleranz

Tatsächlich zeichnet sich so im Text selbst die Widersprüchlichkeit ab, aus der - laut Text - die Kreativität erst entsteht:
Ambiguitätstolerenz ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehen, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche akzeptieren zu können.
Dahinter steht auch eine Verwirrung der Zeiten, die sich zugleich als Paradoxie an der Oberfläche und als unausgegorenes Gemisch in der Tiefe finden lässt, von wo aus sie den Text in die Verwirrung treibt.

Verwirrung der Zeiten

Die Kreativität ist modisch, der Kreative ist „den anderen immer einen Schritt voraus“ und sieht „den Avantgardisten in sich“. Es muss aber auch gelernt werden, durch Reflexion und Kritikfähigkeit kanalisiert werden, und „sprudelt dabei ungefiltert und unsortiert aus einem heraus“. Diese zeitliche Verwirrung ergreift auch deutlich manche Kreativtechniken. Sie sind mit einem »telos« versehen, partizipieren aber zugleich an einer mythischen Zeit der ewigen Wiederkehr: die Mindmap „ist immer beliebig erweiterbar und lässt der Kreativität keine Grenzen“.
Dies führt schließlich dazu, dass das Avantgardistische gegen die Stagnation, den Rückfall, das Festbeißen ausgespielt wird, zugleich aber auch empfohlen wird, sich nicht unter Druck setzen zu lassen und sich Zeit zu nehmen: „Innovative Ideen brauchen Zeit. Oft sind sie kein Geistesblitz [obwohl vorher genau das Gegenteil behauptet wird], sondern entwickeln sich langsam in unserem Unterbewusstsein.“

Drei grundlegende Unsicherheiten

Diese Aufzählung der Widersprüchlichkeiten ließe sich noch vermehren. Mir scheinen aber doch drei grundlegende Unsicherheiten eine genaue Begriffsbestimmung zu erschweren, die alle mit der Wahrnehmung der Zeit, bzw. ihrer Konstruktion zusammenhängen:

Kreativität und kreativer Akt

1) Zunächst wird zwischen der Fähigkeit – also der Kreativität – und dem Akt – der kreativen Handlung – wenig unterschieden. Man kann dies zwar entlang der Kompetenz/Performanz-Unterscheidung doch trennen, doch hat diese Unterscheidung schon immer das Problem gehabt, dass sie die Kompetenz gleichsam punkthaft und vollständig in die Performanz eingebunden wissen musste. Man kann zwar zugeben, dass die konkrete Ausprägung der Kreativität aus vielfältigen Einflüssen gespeist wird, sie ist aber nicht im eigentlichen Sinne heteronom. Wäre sie dieses, dann hätte der kreative Akt mit der Fähigkeit, kreativ zu sein, recht wenig zu tun.

Ursprung und Verantwortung

Man kann dahinter eine weitergehende Notwendigkeit entdecken: die kreative Handlung ist immer gerichtet. In Diagrammen erscheint sie gelegentlich als „Pfeil“. Eine solche Vorstellung aber wäre nicht möglich, wenn man den Pfeil nicht mit einem Ausgangspunkt versehen würde. So undeutlich diese Diagnose auch sein mag, so sehr wird diese auch wieder dadurch gestützt, dass die Texte über Kreativität zahlreiche unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Bedingungen der Kreativität ins Spiel bringen. Und schärfer gesagt: die Entstehung des kreativen Aktes wird in vielfältige Bedingungen ausgelagert, um so umso sicherer eine Person für die Kreativität verantworten zu können.

Struktur und Prozess

2) Die ständige Beschwörung, dass man sich darauf vorbereiten müsse, kreativ zu sein, und hier solche Sachen wie die gute Allgemeinbildung, die Beherrschung zahlreicher (Kreativ-) Techniken und Ähnliches anführt, dann aber wieder von der Spontanität und Flexibilität redet, zeigt auf ein eigentümliches Verhältnis zwischen der Struktur des Wissens und dem Prozess seiner Anwendung.

Automatisierung

Sehr deutlich findet man dann immer wieder in den Techniken das Umkippen eines Produkts in seine eigene Voraussetzung. Dies aber ist genau die Leistung der Automatisierung: aus einem interpretierten Muster wird schließlich ein interpretierendes; was man zunächst lernen musste, hilft einem dann schließlich beim Lernen. Das beherrschte Muster und die zunehmende Freiheit seiner Anwendung gehen Hand in Hand.

Starrheit / Flexibilität

Die Starrheit des Musters und seine flexible Anwendung steigern sich gegenseitig. Da es aber immer nur Muster sind, einzelne Elemente unseres Denkens, ist die Kreativität – sofern man sie hier verorten möchte – immer auch selbst erweiterbar.
Neu ist diese Erkenntnis übrigens nicht; nur ist diese in den Wissenschaften nicht so esoterisch besetzt. Sie findet sich dort in den scharf definierten Begriffen.

Die interpretierte Kreativität

3) Kreativität ist immer wahrgenommene Kreativität. Sie existiert nur als bereits gewertete, interpretierte, konstruierte. Es gibt keine Kreativität an sich. Und wenn es sie gäbe, würde niemand von ihr wissen. Wenn aber etwas wahrnehmbar ist, muss es bereits in ein gewisses Muster passen. So ist jede Kreativität bereits begrenzt und in gewisser Weise gewöhnlich. Viel wichtiger aber ist, dass die Wahrnehmung immer zu spät kommt; und schärfer gesagt: indem man behauptet, etwas sei kreativ, behauptet die interpretierende Aussage ihr eigenes Zu-spät-kommen.