17.01.2016

Die Verteidigung Akif Pirinçcis

David Berger, Journalist und bekennender Homosexueller, verteidigt Pirinçcis Buch Die große Verschwulung. Seine Thesen allerdings sind fragwürdig, gelegentlich steil. Also noch einmal: Was ist Radikalisierung? Was ist eine Kultur? Was ist Political correctness? Und natürlich: Warum David Berger keine Kritik an Pirinçcis Kritikern übt, aber mit ebensolchen Suggestionen arbeitet wie Pirinçci selbst.

Radikalisierung

Als Radikalisierung lassen sich gesellschaftliche Bewegungen bezeichnen, die von einer argumentativen Vermittlung der Phänomene absehen und stattdessen mit Suggestion arbeiten. Zu ihren wesentlichen rhetorischen Mechanismen gehören abwertende und aufwertende Übertreibungen, also das Pejorativ und der Euphemismus.
Die Suggestion besteht auch darin, Fakten zu erfinden, die sich so nicht nachprüfen lassen.
Schließlich findet man sie auch in impliziten, nicht offen gelegten Tautologien.

Kultur

Kulturen lassen sich durch fraglos gewordene Regeln des Schlussfolgerns definieren: was fraglos geworden ist, gilt als verlässlich; was verlässlich ist, gilt als natürlich. Natürlich an dieser Verlässlichkeit ist vor allem, dass die Verlässlichkeit angenehm ist. Insofern sind nicht die Inhalte einer Kultur natürlich, sondern die emotionalen Wirkungen.
Was man derzeit beobachten kann, ist eine Abwehr von Gegenmeinungen, die die Verlässlichkeit der eigenen Kultur anheizt und gegen Einflüsse von außen immunisiert. Biologisch entspräche dem, dass es Tiere gäbe, die unabhängig von einem bestimmten Milieu existieren könnten.
An diesem Begriff der Kultur darf vor allem mitverstanden werden, dass sie sich nicht mit einem Nationalstaat in Deckung bringen lässt: es gibt keine deutsche Kultur. Bestimmte Denkweisen, bestimmte Feste (wie zum Beispiel der Karneval oder auch die Kirmes) sind in unterschiedlichen Regionen Deutschlands ganz anders besetzt; es gibt eine gewisse Homogenität durch leichtgängige Urteile, die aber in anderen Ländern ebenso existieren, also eigentlich übernational sind. Leider gehört die Fremdenfeindlichkeit auch mit dazu. Menschen mit höherer Schulbildung sind wiederum durch diese (und durch das Elternhaus) auf eine bestimmte Art und Weise geprägt, die eine andere Form einer transnationalen Selbstverständlichkeit mit sich bringt, also wiederum eine recht eigene Kultur. Kultur ist demnach nichts, was national wäre; und natürlich gibt es verschiedene Schichten der Kultur. In kleineren Dörfern, in denen jeder jeden kennt, entwickelt sich ein eigenes Gedächtnis, an dem die Dorfbewohner teilhaben, und damit natürlich eine gewisse eigene Kultur.
Bevor man also vollmundig von einer bestimmten Kultur spricht, sollte man genauer hinschauen, was dort jenseits der Bezeichnung existiert.

Political correctness

Dieser Begriff ist deshalb so unschön, weil er wenig besagt: das Politische ist seit jeher ein schwierig zu definierender Begriff. Dadurch wird auch die Korrektheit selbst völlig unklar; der Begriff insgesamt bleibt suggestiv, er definiert nichts und kann deshalb auch nicht in Argumentationen verwendet werden.
So ist es auch kein Wunder, dass sich unterschiedliche Lager gegenseitig eine Überanpassung und eine tragende Rolle bei dem Erhalt etablierter Machtformen zusprechen.
Political correctness ist zu einer kompletten Worthülse geworden (wenn sie es nicht sowieso schon immer gewesen ist). Der Vorwurf dient nur noch der Abgrenzung; der Informationsgehalt geht gegen null. Vor allem aber muss das Thema, sobald dieser Vorwurf im Raum steht, nicht mehr ernsthaft diskutiert werden, oft mit dem damit einhergehenden Vorwurf, man könne mit dieser oder jener Partei die politischen Themen gar nicht diskutieren.

Fast argumentationslos

Berger schreibt:
Die schwule Realität, für die solche Magazine [Schwulenmagazine] eben nicht repräsentativ sprechen, sieht aber ganz anders aus: 98 % der Schwulen sind gerne Männer – gerade auch deshalb, weil sie Männer lieben. Ihre Devise ist: „Lasst uns Schwule einfach nur Männer sein!“
Abgesehen davon, dass unklar ist, woher Berger diese Prozentzahl nimmt, scheint sie mir auch deshalb komplett falsch zu sein, weil es in Berlin zahlreiche Orte gibt, die für ein rein schwules Publikum gedacht sind. Im Gegensatz zu heterosexuellen Männern werden hier ganz offensichtlich sexuelle Möglichkeiten mit bedacht. Die homosexuelle Kultur grenzt sich deutlich von der heterosexuellen ab. Berger verlässt sich bei seiner Argumentation auf den ebenso unklaren Begriff „Mann“. Eine solche Gleichheit gibt es aber weder unter heterosexuellen Männern, noch, so möchte ich behaupten, unter Homosexuellen. Hier wird von Berger zu deutlich die biologische Existenz mit einem kulturell geprägten Selbstbewusstsein vermischt.
Weiter unten kommt er dann sogar zu der schrägen These, dass in der „Genderideologie“ das Vorurteil stecke, Schwule seien „eigentlich gar keine richtigen Männer“. Das Bild vom „richtigen Mann“ jedoch ist nur ein kulturelles Stützkorsett: dem richtigen Mann (etwa einem David Beckham oder einem Jason Statham) entsprechen wohl die wenigsten Männer. Dieses Argument bleibt also tendenziös und auf geradezu lächerliche Art und Weise naiv.

Zuordnung der Geschlechter

Pirinçci kritisiert die künstliche Zuordnung der Geschlechter; Berger folgt dem und bringt das Wort „homonormativ“, um diese eingeschränkte Sichtweise auf das, was ein Homosexueller angeblich sei, zu kritisieren. Ich nenne so etwas RTL-Schwule, weil es mir passiert ist, dass ich die Schwulen in meiner Umgebung häufig gar nicht als Schwule erkannt habe, während sie sich bei RTL immer sofort „erkennen“ lassen; ich hatte aber auch schon mal den umgekehrten Fall, dass ich von jemandem gedacht habe, dass er eindeutig schwul sei: in Wirklichkeit war er verheiratet und hatte zwei Kinder.
Natürlich halten wir uns an einem Bild von bestimmten Menschen fest. Und hin und wieder müssen wir sehr deutlich umlernen. Das macht Mühe. Ich kann bestimmte Bevölkerungsgruppen durchaus verstehen, dass sie es leid sind, in ein bestimmtes Bild gepresst zu werden; ich kann verstehen, dass Frauen, die in klassischen Männerberufen arbeiten, nicht ertragen wollen, als randständige Personen behandelt zu werden (angeblich passiert so etwas Frauen, die Maschinenbau studieren, immer noch), oder sogar nur als Person mit einer bestimmten Sexualität wahrgenommen werden.
Soweit, so richtig. Dann aber schreibt Pirinçci (und Berger zitiert dies, trottelig, wie er eben ist):
„Nicht Angela Merkel ist zum Mann mutiert, sondern die Männer um sie herum und zu ihren Füßen sind zu verängstigten Eunuchen und Hofschranzen geworden.“
Ich hatte schon öfter darauf hingewiesen, dass all diese Artikel, die sich in einem solchen groben, zum Teil beleidigenden Tonfall äußern, immer ihr eigenes Feindbild herstellen, und meist mit den Mitteln, die sie ihren Gegnern vorwerfen. Auch hier bestätigt sich diese Wahrnehmung: Pirinçci schafft es, innerhalb von Sekunden der halben Bundesregierung und dem Mitarbeiterstab ein neues kulturelles Geschlecht zu verpassen. Soviel also zu der Behauptung, man könne sein Geschlecht nicht mal eben rasch wechseln. Man braucht bloß einen idiotischen Deutsch-Türken und einen verkrachten, schwulen Ex-Theologen.

Parallelwelt

Ganz besonders hübsch finde ich immer wieder das Wort Parallelwelt, als ob es eine Welt gäbe, die man direkt und realistisch beobachten könne. Der Vorwurf der Parallelwelt gilt als ganz schweres Kaliber und als besonders intelligibel. Ist er leider nicht. Der ist sowas von bescheuert. Im Prinzip lässt sich dieser Vorwurf folgend übersetzen: Ich kann nicht so denken wie die dort!
Muss ja auch niemand. Ich kann bestimmte Sachen auch nicht nachvollziehen. Mir ist es schleierhaft, wie sich ein Matussek oder ein Pirinçci oder eben jetzt ein Berger auf diese Art und Weise äußern kann, ohne sich in Grund und Boden zu schämen für seine Ungebildetheit. Ich fände es ja schön, wenn ein Pirinçci oder ein Berger in einer Parallelwelt leben würde. Dann müsste ich mich nicht um die kümmern und mich auch nicht über ihre Äußerungen aufregen. Sie leben aber leider mitten unter uns.

Agonistik

Vor 50 Jahren lautete das Schlagwort „für eine streitbare Demokratie“. Carlo Schmid brachte das Grundanliegen folgendermaßen auf den Punkt:
Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selbst die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. (…) Man muss auch den Mut zu Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.
Dem kann ich mich nur anschließen. Darauf basiert aber auch die Überzeugung, dass eine Demokratie davon lebt, sich zu streiten. Und bleiben wir beim Gender-Mainstreaming: so fand ich es radikal falsch, dass sich bestimmte Politiker darüber geäußert haben, man müsse die Sexualität auch von Homosexuellen schon im Kindergarten thematisieren. Und als gäbe es dazu nichts Strittiges zu sagen. Die Art und Weise, wie dann der Gegenwind politischer Meinungen aufgestürmt ist, war allerdings nicht besser; im Gegenteil: allerlei Gossenkinder sind hier ans Licht gespült worden, Menschen, denen man einen grundlegenden politischen Analphabetismus vorwerfen muss.
Der Streit ist richtig. Diesen Streit vorzuentscheiden, indem man die Themen in den Kindergarten oder in die Grundschule hineinträgt, allerdings falsch.
War die politische Streitbarkeit während der Gründung der Bundesrepublik Deutschland eher das Thema konservativer Denker wie Karl Löwenstein und Karl Mannheim, so entdeckt heute der Neomarxismus über den Umweg eines Antonio Gramsci und dem von ihm ausgearbeiteten Begriff der Hegemonie den Streit als Kernbestand des Politischen (zum Beispiel Chantal Mouffe: Agonistik. Frankfurt am Main 2014).
Dies scheint beiden Lagern nicht mehr klar zu sein: man kann durch das Gender-Mainstreaming nicht zu einer prästabilierten Harmonie unterschiedlicher sexueller Orientierungen gelangen; aber im Gegenzug so beleidigt und auch so unkultiviert zu reagieren, wie man dies in der Junge Freiheit doch regelmäßig zu lesen bekommt, das kann es doch auch nicht sein. Trotzig-schmollende Heteronormativität oder sogar kruder sozialdarwinistischer Familialismus sind keine adäquaten Antworten.

Kaufe ich mir das Buch oder kaufe ich es nicht?

Ich wollte mir das Buch von Pirinçci zulegen, einfach, um nicht nur auf das Internet angewiesen zu sein. Dann wollte ich es mir wieder nicht kaufen, weil ich sowieso viel zu lesen habe. Jetzt hat mich David Berger fast wieder dazu bekommen, es mir doch noch zu bestellen. Ich lasse es sein. Vielleicht ließe sich an dem ein oder anderen Abschnitt eine schöne rhetorische Analyse anbieten; für mein derzeitiges Interesse an der Politik (auch wenn dieses Buch dazu gehört) ist es irrelevant. Weiterhin bin ich der Meinung, dass ich erst mal grundsätzlichere Dinge zu klären habe.
Suggestion ist für mich deshalb eine so kritisierenswerte Strategie, weil sie sich ihre Selbstverständlichkeit durch Grobheiten und Ausschlüsse erzeugt: wie oft habe ich schon gehört, dieses oder jenes wisse man doch (ich müsse doch wissen, was deutsch sei, ich müsse doch wissen, wie man sich als Mann fühle); als ob die Teilhabe an Kultur schon zu einem gemeinsamen Wesen führe. In dieser Form trägt Kultur etwas höchst Unintelligibles in sich. Und das ist etwas, was mir unbehaglich wird. Es ist, um hier selbst ins Grobe zu reden, nicht meine Kultur.
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