28.11.2013

Lärmende Rabauken

Im Sommer hatte ich die Idee, kleine Notizen aus dem Alltag leicht sprachlich ausgefeilt und unter einer eigenen Rubrik auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie sollte "ins Panorama aufsteigen" heißen, nach einer Phrase aus Benjamins Passagen.

Ich habe es nicht gemacht. Manchmal bedauere ich es.

Die Idee kam mir durch diese drei kleinen Ereignisse:
Es war ein schöner, sonniger Morgen im Julei, in aller Herrgottsfrühe. Ich war bereits wach und hatte die Balkontür offen, als mich von draußen ein sehr deutliches Klopfen neugierig machte. Als ich ins Freie ging, erblickte ich auf der Kiefer vor meiner Wohnung einen Kleinspecht. Dieser war eifrig dabei, aus der Rinde irgendwelche Insekten herauszuholen.
Kleinspechte unterscheiden sich in der Färbung des Gefieders nicht von Buntspechten, sind aber eben, wie der Name das schon sagt, deutlich kleiner, etwas größer als die Blaumeise. Zudem sind sie äußerst selten.
Drei Stunden später stand ich zufälligerweise wiederum auf dem Balkon, als sich auf einem Zweig derselben Kiefer eine Schwanzmeise niederließ. Auch Schwanzmeisen sind selten, obwohl im nordischen Raum wesentlich häufiger, als in Hessen, wo ich aufgewachsen bin.
Sie treten in größeren Scharen auf, als die Rabauken unter den Singvögeln. Sie sind nämlich nicht, wie man dies öfter in der Literatur findet, scheu, sondern ganz schön zudringlich. Und so war es auch diesmal. Ich lehnte auf der Brüstung meines Balkons, die Schwanzmeise tschilpte und schon kamen weitere Schwanzmeisen herbei, ein ganzer Schwarm. Es müssen um die 50 gewesen sein. Sie ließen sich ganz ungeniert auch auf meinem Balkon nieder und kamen recht nahe. Einige schienen sich sogar für meine Hände zu interessieren, was selbst die Spatzen aus der Umgegend sich nicht trauen.
Trotzdem sind sie dann relativ rasch weitergezogen und seitdem habe ich sie auch nicht mehr gesehen.

Das waren die beiden Vogel-Ereignisse an diesem Morgen. Dazwischen ließ sich der Nachbar von gegenüber mit dem grandiosen Satz hören: „Jesus ist aus Plastik.“

Jener besagte Nachbar hat letzte Woche zum letzten Mal für Lärm gesorgt. Da war nämlich die Feuerwehr da und hat seine Jalousien hochgestemmt. Später erzählte mir ein etwas neugierigerer Nachbar, man habe ihn, der seit Jahren durch sein Geschrei die Nachbarschaft nervt, tot aufgefunden und auch schon — das war natürlich besonders „interessant“ — halb verwest.

Besonders schlimm waren immer die Fußball-Endspiele. Dann hat er mit einer dermaßen lauten Stimme und meist stockbesoffen bis weit nach Mitternacht herumgeschrien.
Einmal hat er irgendwelche Jungs, die gegenüber der Straße auf einem Balkon gefeiert haben, als asoziale Schwuchteln und Ausländer beschimpft, worauf hin diese Jungs runtergekommen sind und ihn wohl in die Mangel genommen haben. Die Beschimpfung habe ich gesehen (sie war auch nicht zu überhören), das darauf folgende wurde durch ein dazwischenliegendes Haus verborgen.
Ganz so toll fand ich die Aktion nicht. Denn auch wenn dieser Mensch extrem rassistisch war, so doch insgesamt viel zu harmlos, um auch nur irgendwie in einer organisierten Gruppe mitwirken zu können. Er hat einfach das weitergegeben, was sein kaputter Verstand ihm noch erlaubt hat zu denken. Unangenehm, aber harmlos. Auch seine Homophobie war ja aus seiner ganzen Fremdheit gegenüber dem umliegenden Leben erklärbar. Das war mehr bloßes Geschrei als eine tatsächliche Bedrohung. 
Andere Menschen sind da wesentlich gefährlicher.
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