02.12.2016

Lesemodelle, semantische Rollen und Ideologie

Lesenlernen ist ein Prozess, der kein Ende findet. Zwar glaubt man allgemein, dass mit dem mechanischen Lesen der größte Teil dieses Prozesses bewältigt sei; doch das mechanische Lesen betrifft nur die äußere, materielle Form, und wer auf dieser Ebene stehen bleibt, transformiert Geschriebenes nur in Gesprochenes, nicht in Anschauliches und Zweckmäßiges und gehört damit zu den funktionellen Analphabeten. Der funktionelle Analphabet spricht das geschriebene Wort aber versteht nicht den Sinn. - Und genau hier greifen alle anderen Lesemodelle ein, die eben nicht auf wenige grundlegende Elemente zu reduzieren sind, sondern die ganze Vielfalt der Kultur mit sich bringen.
Man kann die Semantik in gewisser Weise als eine Lehre solcher Lesarten bezeichnen. Ursprünglich ist die Semantik die Lehre von der Bedeutung. Wenn man aber, wie dies die Entwicklungspsychologie nahelegt, den Sprachgebrauch grundständig als operativ und damit als pragmatisch ansieht, ist sie eine vom Nützlichen, Schönen, Zweckmäßigen, Spannenden, Lehrreichen der Texte. Zu dieser Lehre gehört, wie der Name schon sagt, die Satzsemantik, und zu dieser wieder die der semantischen Rollen.
Diese werde ich im Folgenden in Teilen vorstellen. Damit kehre ich auch zu einem Artikel zurück, den ich in den ersten Wochen meines Blogger-Daseins geschrieben habe: Begriffsbildungen bei Aebli.

Vorteil von Lesemodellen

Implizite Propositionen

Man kann bei der Bedeutung zunächst davon ausgehen, dass diese aus und mit Handlungen entsteht. Eine Handlung nutzt immer bestimmte Gegenstände und Phänomene aus der Umwelt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit anderen Worten konstelliert die Handlung Gegenstände und Phänomene zielorientiert. Aus dieser Konstellation heraus entstehen die ersten Sätze. In der Kognitionspsychologie nennt man Sätze Propositionen.
Werden solche Propositionen aufgeschrieben und in einen größeren Zusammenhang gebracht, entsteht ein Text. Jeder Satz in einem Text ist eine Proposition, und da diese Proposition offensichtlich ist, kann man diese auch explizite Proposition nennen.
Nun besteht eine solche explizite Proposition allerdings aus Elementen, die man auch in ganz anderen Konstellationen verwenden könnte. Man kann z.B. ein Ei in eine Pfanne schlagen, aber man kann es auch ausblasen und dann anmalen. Das Verb ›ausblasen‹ lässt sich wiederum in einem anderen Kontext verwenden, z.B. bei Kerzen. Darüber bilden sich unterhalb der expliziten Propositionen Netzwerke, die nicht ausgesprochen sind, aber ausgesprochen werden können. Solche Möglichkeiten heißen implizite Propositionen.
Implizite Propositionen in explizite umzuwandeln gehört zur Tätigkeit des Interpreten und macht einen wichtigen Teil der Interpretation aus.

Lesemodelle

Wie man sich sicherlich vorstellen kann, kann man mit einiger Erfindungsgabe selbst in kürzesten Texten eine relativ große Zahl solcher impliziter Propositionen finden. Nun könnte man sich damit begnügen, solche impliziten Propositionen einfach aufzuzählen, doch dies würde nur zu einer recht chaotischen Situation führen, abgesehen vom fehlenden Nutzen einer solchen Tätigkeit.
Hier greifen Lesemodelle: diese schränken die Zahl der Propositionen ein und sorgen für ein mehr oder weniger geordnetes Verhältnis dieser Propositionen zueinander. Sie machen systematisches Lesen möglich. Mit dem systematischen Lesen erkauft man sich Blindheit gegenüber allen anderen möglichen Lesarten. Allerdings ist das unsystematische Lesen meist spontan und weder der Reflexion noch der Mitteilbarkeit zugänglich: es bleibt dann – zumindest methodisch – ein „asoziales“ Ereignis. Zudem ist die Blindheit, die man sich mit einem bestimmten Lesemodell aneignet, nur eine zeitweilige; man kann dieses durch ein anderes ersetzen und damit neue Sichtweisen mit anderen Blindheiten gewinnen.

Wissenschaftlichkeit

In diesem Licht wird jede Eindeutigkeit des Sinns fraglich. Nur ein schlechter Leser versteht einen Text auf eindeutige Weise; das wissenschaftliche Lesen dagegen ist von Unsicherheiten durchzogen, zumindest von der Unsicherheit der Vollständigkeit, wenn auch nicht unbedingt von der Unsicherheit des Lesemodells.
Es ist wohl eines der ungünstigsten Zeichen unserer Zeit, dass dieses eindeutige Lesen im Internet - und nicht nur dort! - so massenhaft und scheinbar erfolgreich vorgeführt wird. Es ist aber ein Lesen, welches die eigene Methode nicht angeben kann und für die eigenen Voraussetzungen unempfindlich bleibt. Deshalb besteht wohl aus historischen Gründen in der Wissenschaft die Gepflogenheit, sich sowohl um die Inhalte wie um die Methoden zu kümmern. Den Wissenschaftler bringt es sogar in höchste Verlegenheit, eine bestimmte Lesart zu kritisieren, ohne sie komplett abzuweisen. Der dogmatische Leser argumentiert mit der Sicherheit des Inhalts, der wissenschaftliche Leser dagegen mit der Sicherheit der Methode. Gerade deshalb scheinen dogmatische Leser wissenschaftliche Leser nicht verstehen zu können, denn der wissenschaftliche Leser hat wohl die Inhalte erfahren, aber der dogmatische Leser nicht die Methoden.

Sprachkraft und harmonische Anregung

Tatsächlich ist dieser Gedanke nicht neu, und dass er wie neu erscheint, ist wohl dem Niedergang von Reflexion und Kritik in der vulgären Psychologie geschuldet. Humboldt schrieb vor über zweihundert Jahren:
Mit dem Verstehen verhält es sich nicht anders. Es kann in der Seele nichts, als durch eigene Tätigkeit vorhanden sein, und Verstehen und Sprechen sind nur verschiedenartige Wirkungen der nämlichen Sprachkraft. Die gemeinsame Rede ist nie mit dem Übergeben eines Stoffes vergleichbar. In dem Verstehenden, wie im Sprechenden, muss derselbe aus der eignen, innren Kraft entwickelt werden; und was der erstere empfängt, ist nur die harmonisch stimmende Anregung.
Wilhelm von Humboldt, zitiert bei von Polenz: Deutsche Satzsemantik. Berlin 1988, S. 23 (die Anpassung der Rechtschreibung stammt von mir)
Die Sprachkraft ist darin zuallererst nicht ein Vermögen des Sprechens und Verstehens als eines, das die Seele erweitert. Die moderne Psychologie hat eine andere Theorie, wie sich die Seele erweitert, und spricht hier von Kompetenzaufbau. Danach wird explizites Wissen (Sachwissen) durch Gewohnheit und Automatisierung zu implizitem Wissen. Dieses implizite Wissen wird beim Erwerb von neuem, explizitem Wissen verwendet. Man kann auch sagen, dass interpretiertes Wissen durch Gewohnheitsbildung zu interpretierendem Wissen wird.

Lesen/Denken, schnell und langsam

Methodisches Lesen ist zunächst ein langsames Lesen. Wer Satz für Satz, Muster für Muster liest, mag penetrant wirken; und es wundert nicht, wenn der dogmatische Leser dies als weltfremd bezeichnet, da sich ein Text ja auch so verstehen lässt, beim ersten Anblick.
Erinnern wir uns aber daran, wie wir selbst lesen gelernt haben: dies war zunächst mühsam; auch Kindern muss man das Satzverständnis nach und nach beibringen, selbst wenn es sich hier um explizite Propositionen handelt und die Kinder in ihrem Leben bereits tausende Male solche Sätze geäußert haben.
Lesenlernen ist allgemeiner einfach nur Gewohnheitsbildung. Wenn man sich neue Muster aneignet, fängt man in gewisser Weise wie ein Leseanfänger an; und tatsächlich lernt man ja auf eine gewisse Art und Weise eine neue Art des Lesens. Der Leseanfänger lernt eine bestimmte Art, Buchstaben zu Wörtern zusammenzubinden, und wenn er dies lange genug geübt hat, fällt ihm das leicht und bereitet ihm darüber hinaus Vergnügen. Dann wiederholt sich das Ganze auf der Satzebene, schließlich bei zunächst kurzen, dann immer längeren Texten. Schließlich sollten Schule und Elternhaus auch verschiedene Formen des systematischen Lesens vermitteln, also eines Lesens anhand von Modellen. Und auf jeder Stufe wird das Lesen neu entdeckt und erweitert, das bisherige Lesen aber als eingeschränkt empfunden und kritisiert.

Grenzen der Methode

Ich arbeite mit dem Modell der semantischen Rollen nun schon seit über 20 Jahren. Bisher habe ich allerdings noch nie so ausführlich die Vorteile und Probleme dieses Modells diskutiert. Vermutlich deshalb habe ich nur sporadisch darauf zurückgegriffen, und vor allem dann, wenn es von der Lektüre nahegelegt wurde, also dann, wenn es sich sowieso um kognitive Psychologie handelte.
Der Nachteil dabei ist klar: solange man ein Modell nur in dem Kontext anwendet, in dem es gebräuchlich ist, kann man dessen Grenzen nur vage erfahren. Für die Reflexion und die Kritik sind Grenzerfahrungen aber wichtig. Es ist also immer sinnvoll, die Reichweite eines Modells auszutesten, indem man es vielfältig anwendet, wie auch Feyerabend dies schrieb:
… dass alle Methodologien, auch die offenkundigsten, ihre Grenzen haben. Das zeigt man am besten durch Aufweisung der Grenzen und selbst der Irrationalität von Regeln.
Feyerabend, Paul: Der wissenschaftstheoretische Realismus und die Autorität der Wissenschaften. Braunschweig 1978, S. 343
In diesem Sinne war auch Feyerabends »anything goes« gemeint: nicht als prinzipielle Beliebigkeit der Methoden, sondern noch einmal, ganz unvoreingenommen, alle Methoden auf den sinnvollen Bereich und ihre Grenzen auszutesten, und sich nicht von vornherein durch fachwissenschaftliche oder allgemeingesellschaftliche Dogmen einzuschränken.
Jedenfalls hat sich bei mir in den letzten Tagen das Lesenlernen (mal wieder) gewandelt. Es ist noch zu früh, dies aus einer subjektiven Sicht zu berichten; objektiv profilieren sich die Texte, die ich lese, stärker nach ihrem „weltlichen“ Gehalt, nicht nach ihrem semiotischen oder rhetorischen, wie dies bisher meist der Fall war. Dies zu erklären gehört aber an das Ende der Diskussion.
Wer sich jetzt noch auf das Folgende einlassen möchte, muss mit zwei „Gefahren“ rechnen: die eine betrifft den Beginn der Arbeit, hier braucht man ein gewisses Durchhaltevermögen, bis sich erste Gewohnheiten eingeschliffen haben; die zweite betrifft das Ende, wenn die Gewohnheiten so automatisiert worden sind, dass man sich blindlings auf sie verlässt. Mühe bereitet es also, seinen bisherigen Dogmen zu entkommen, und Mühe bereitet es, nicht in neue zu verfallen.
Zwar vergnügt man sich damit nur im Stillen, doch erfährt man bekannte Texte noch einmal und trotzdem ganz anders, also auf wundervolle Weise.

Semantische Rollen

Fillmore

Die Theorie semantischer Rollen geht auf Charles Fillmore zurück. Dieser hatte zunächst nur eine genauere Beschreibung der Fälle (Kasus) im Satz vorgeschlagen, also eine Verfeinerung der grammatischen Theorie. Die grammatische Theorie ist jedoch eng mit der Semantik verbunden; von Humboldt hatte den Nutzen der Grammatik damit bestimmt, dass sich Vorstellungen genauer ausdrücken lassen, wenn diese durch analoge Verhältnisse in der Sprache ausgedrückt werden. Das sprachliche Ideal wäre, dass die grammatischen Verhältnisse die weltlichen Verhältnisse exakt abbilden und die Sprache damit weder illusionär noch verfälschend noch vereinfachend ist.
Was die verschiedenen Kasi angeht, so ist (im Deutschen) zum Beispiel der Dativ längst nicht mehr der ›Kasus des Gebens‹, der Nominativ nicht der ›Kasus des Nennens‹ oder der Genitiv der ›Kasus des Erzeugens‹. Der Genitiv hat sich schon seit langer Zeit in einen genitivus obiectivus und einen genitivus subiectivus (und weiteren mehr) gespalten, sodass damit zwei semantische Rollen für dasselbe grammatische Phänomen existierten.
Zunächst hatte Fillmore also eine genauere Kasustheorie im Sinn. Die dabei geschaffenen Rollen nannte er Tiefenkasus, später Kasusrollen. Wie wir sehen werden, sind diese Rollen allerdings grundsätzlich etwas anderes als der Kasus, auch wenn sich die beiden verschiedenen Bezeichnungen auf denselben Ort im Satz beziehen. Dadurch hat sich die Bezeichnung semantische Rolle oder einfach nur Rolle eingebürgert. Mit einer gewissen Berechtigung bezeichnet Hans Aebli diese auch als Entsprechung zur menschlichen Handlung (Aebli 1993, S. 62 f.).

Der einfache Satz

Von Polenz zählt nun in seinem Buch Deutsche Satzsemantik eine Reihe von semantischen Rollen auf. Am besten lässt sich dies jedoch erklären, wenn man ein Beispiel nimmt, welches unkompliziert verdeutlicht, wie man solche semantischen Rollen identifiziert und verwenden kann.
Im Winter sind die Rehe aus dem Wald in den Garten gekommen, und im Sommer sind die Kinder aus dem Herrenhaus über die Wiesen gelaufen, soweit sie nur konnten.
Kaschnitz, Marie Luise: Der alte Garten. Frankfurt am Main 1999, S. 9
Wenn wir diesen Satz umwandeln, ist es üblich, die entsprechenden Satzteile zu unterstreichen und die semantischen Rollen in Form von Abkürzungen der Unterstreichung beizufügen. Das lässt sich hier, am Computer, nicht machen; deshalb werde ich die Bezeichnung in Klammern hinter dem dafür wichtigsten Wort, meist ein Substantiv, einfügen.
Im Winter (TE) sind die Rehe (AG) aus dem Wald (OR) in den Garten (DIR) gekommen, und im Sommer (TE) sind die Kinder (AG) aus dem Herrenhaus (OR) über die Wiesen (LOC) gelaufen, soweit (DIR) sie nur konnten.
Insgesamt habe ich neun semantische Rollen in dem Satz identifiziert. Diese gehören fünf verschiedenen Typen an:
AG:
Eine der wichtigsten Rollen ist der Agens, also der Handelnde. Hier sind dies die Rehe und die Kinder; der Agens ist an ein aktives Verb gebunden, aber nicht an die Position des Subjekts im Satz und auch nicht an den Kasus des Nominativs.
TE:
Der Temporativ bezeichnet einen Zeitraum oder einen Zeitpunkt. Diese Verschmelzung von Zeitpunkt und Zeitraum ist philosophisch nicht zu rechtfertigen. Auch in der Alltagssprache unterscheidet man zwischen Ereignis und Dauer, aber nur fallweise und dann, wenn es notwendig erscheint. Zunächst soll uns hier eine undifferenzierte alltagssprachliche Auffassung genügen.
OR:
Der Origativ ist die erste von drei Raumbestimmungen. Mit ihr wird das Woher bezeichnet, also der räumliche Ursprung einer Handlung oder eines Vorgangs.
DIR:
Dem entspricht der Direktiv, also das Wohin einer Handlung oder eines Vorgangs.
LOC:
Schließlich wird mit dem Locativ ein Ort, bzw. Raum benannt. Bei diesem Satz ist der Raum ein Durchgangsort. Gelegentlich ist es wichtig, solche Durchgangsorte von Orten des Verweilens zu unterscheiden. Die Erkenntnis aus diesem Beispiel ist zunächst bescheiden. Sie formt ein Textmuster, welches man als ›belebte Landschaft‹ bezeichnen könnte. Zumindest eine Erkenntnis, und nicht die unwichtigste, lässt sich aber daraus ziehen (zumindest, wenn man dies an einer größeren Menge von Beispielen ausprobiert hat): Textmuster werden nicht durch eine Art von Grenze konstituiert, sondern durch eine relative Häufigkeit bestimmter semantischer Rollen.
Eine zweite Sache muss man hier anmerken: die semantische Analyse, die von Polenz vorschlägt, ist wesentlich komplexer. Zu den semantischen Rollen gehört mindestens noch die Funktion des Verbs im Satz, die sogenannte Prädikatsklasse. Diese lasse ich zunächst noch implizit mitlaufen und erläutere sie zu einem späteren Zeitpunkt.

Die Verschränkung der semantischen Rollen

Betrachten wir ein zweites Beispiel, und eines, in dem die Verhältnisse etwas verwickelter werden. Zugleich werde ich hier in einem wichtigen Punkt von der Theorie von Polenz' abweichen.
Das Zitat sollte bekannt sein:
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Ich werde nur den zweiten Satz formal untersuchen:
Sie (BEN) zu achten und zu schützen ist Verpflichtung (?) aller staatlichen Gewalt (AG/PAT).
Das Pronomen ›Sie‹ zu Beginn des Satzes verweist auf die Würde; die semantische Rolle wird als Benefaktiv, als Nutznießer, bezeichnet, als Abkürzung: BEN. AG ist der Agens, Handelnde, und PAT der Patiens, der Betroffene.
Zunächst sollte rein optisch auffallen, dass ich eine semantische Rolle nicht benannt habe, eine andere doppelt.
Das Wort ›Verpflichtung‹ korrespondiert mit dem Wort ›Gewalt‹. Die Gewalt ermächtigt zur Handlung, und insofern ist die staatliche Gewalt ein Agens (AG), ein Handelnder; zugleich erfährt sie aber auch die Verpflichtung und muss auf diese Rücksicht nehmen, ist also ein Patiens (PAT), ein Betroffener. In gewisser Weise sind Verpflichtung und Gewalt gegenläufig; und man könnte in metaphorischem Sinne sagen, dass sie dort, wo sie sich treffen, eine Grenze bilden.
Das Problem ist allerdings, schon semantisch, etwas komplizierter. Denn im Prinzip werden hier zwei Arten von Grenzen behandelt, nämlich einmal die, in der der Staat eingreifen muss, weil die Würde des Menschen von anderen bedroht ist: dann ist die staatliche Gewalt aufgefordert, von der Gewalt Gebrauch zu machen. Und auf der anderen Seite darf der Staat nicht die Grenze überschreiten, in der er selbst die Würde des Menschen bedrohen oder verletzen könnte. Diese Grenze wird durch Unterlassung von Handlungen gewahrt.
Hier zeigt sich, dass die Theorie semantischer Rollen einige Erweiterungen erfordert.

Syntaktische Einebnung

Werden Handlungen zusammengeschoben und verdichtet, wie wir dies hier in den Wörtern Verpflichtung und Gewalt finden, kann man von einem Handlungsschwund sprechen. Dass dieser Handlungsschwund massiv ist, kann man durch einen Vergleich feststellen. Entfalte ich nämlich das Wort Verpflichtung zu einer Handlung, komme ich zu folgendem Satz:
Die staatliche Gewalt verpflichtet sich zum Schutz und zur Achtung der menschlichen Würde.
Dies ist aber ein ganz anderer Satz als folgender:
Peter verpflichtet sich seine Mutter zu besuchen.
Im ersten Satz wird ein Handlungsrahmen gesetzt, im zweiten Satz dagegen eine (relativ) konkrete Handlung benannt. Grund dafür ist, dass bestimmte Handlungen auf das Wohlwollen oder die Mitwirkung anderer Menschen angewiesen sind; ein einzelner Satz ist nicht in der Lage, diese Kooperation auszudrücken, und zudem muss sich ein Staat mit demokratischer Grundverfassung auf eine gewisse Offenheit einlassen, kann also gar nicht spezifisch werden.
In diesem Sinne werden Handlungen, aber auch Subjekte syntaktisch verdichtet. Man nennt dies syntaktische Einebnung: in ihr schwinden zugleich Subjekt(e) und Handlung(en).

Subjektivierung

Die Kombination von Handelndem und Betroffenem findet sich in politischen Texten relativ häufig. Sie entspricht in etwa gewissen modernen Theorien des politischen Subjekts, in denen das Subjekt erst dadurch entsteht, dass es sich (in gewisser Weise) dem herrschenden Diskurs unterwirft. Politisches Subjekt und politisches Objekt sind untrennbar miteinander verschränkt: es erleidet seine Handlungsfähigkeit – und dies ist in seiner ganzen Paradoxie zu lesen. Insofern ist das politische Subjekt, indem sich Agens und Patiens vermengen, ein Oxymoron, ein scharfer Widerspruch.

Semantische Rollen und implizite Propositionen

Kehren wir zu den impliziten Propositionen zurück, dann stecken in einem Satz und zwischen Sätzen eine beliebige Menge weiterer Sätze, die expliziert werden können. Damit bestehen neben der manifesten semantischen Rolle auch latente semantische Rollen. Ebenso verschränken sich verschiedene semantische Rollen in zweideutigen, verdichteten oder komplexen Kontexten.
Zwar geht eine solche Behandlung weit über den isolierten Satz hinaus, doch von Polenz weist genau darauf gleich im ersten Satz des Buches hin:
Die Beispieltexte gehören an den Anfang dieses Buches; seine Leser und Benutzer sollten sich mit dem Inhalt und dem Situationskontext der Texte vertraut machen, bevor sie mit der Lektüre dieser Einführung in die Satzsemantik beginnen. Die in diesem Buch herangezogenen und erklärten Beispielsätze sind meist nur mit dieser Kontextkenntnis richtig zu verstehen.
von Polenz, Peter: Deutsche Satzsemantik. Berlin 1988, S. 9

Politische Pläne und politische Handlungen

Ein Satz aus Politische Emotionen

Eine weitere typische Vermischung zweier semantischer Rollen zeigt jene Passage aus Martha Nussbaums Politische Emotionen, die ich neulich zitiert habe und der ich bereits eine längere, aber anders geprägte Analyse gewidmet habe. Der von mir ausgewählte zentrale Satz lautet:
Fürsprecher der Armen, die sich an dem Plan zunehmend störten, dachten gemeinsam darüber nach, wie die Ausstellung Vorstellungen von Chancengleichheit und Opfern miteinbeziehen könne.
Nussbaum, Martha: Politische Emotionen. Berlin 2016, S. 311
Mit semantischen Rollen versehen sieht der Satz so aus:
Fürsprecher (AG) der Armen (CAG/BEN), die (AG/EXP) sich an dem Plan (CAU/IN) zunehmend störten, dachten gemeinsam (AG/COM) darüber (AOB) nach, wie die Ausstellung (AOB) Vorstellungen (ADD/PAR) von Chancengleichheit (PER) und Opfern (PER) miteinbeziehen könne.
Die semantischen Rollen, die ich oben noch nicht erklärt habe, sind:
CAG:
Der Contraagens bezeichnet die Person, auf die eine Handlung hin gerichtet ist. Typisch taucht diese Rolle beim Schenken auf; man schenkt jemandem etwas, das Schenken ist auf einen Contraagens gerichtet. Auch der Fürsprecher richtet seine Handlungen auf jemanden aus. In unserem Fall sind das die Armen, die zugleich Nutznießer sein sollen; deshalb steht hier auch noch der Benefaktiv.
EXP:
Der Experiens oder Erfahrende ist jemand, der einen bestimmten psychischen Zustand an sich erfährt, sei es eine Emotion, sei es ein neuer Gedanke oder eine wiederkehrende Vorstellung.
CAU:
Mit dem Causativ wird ein Ereignis oder Phänomen bezeichnet, das etwas bewirkt, also eine Ursache.
IN:
Als Instrument gelten Gegenstände, Situationen oder Personen, die zum Erreichen eines Ziels genutzt werden.
COM:
Der Comitativ oder Begleitende führt mit dem Agens zusammen eine Handlung aus.
AOB:
Das affizierte Objekt ist von einer Handlung, einem Vorgang oder Geschehen betroffen.
ADD:
Mit dem Additiv werden alle Gegenstände oder Lebewesen bezeichnet, die zu etwas hinzugefügt werden dann im Besitz oder der Verfügungsgewalt eines Menschen oder zum Teil eines Gegenstandes werden. Der Additiv spielt bei allen Vorgängen, bei denen sich etwas verändert oder entwickelt, eine wichtige Rolle, so z.B. in: Der Käse setzte Schimmel an. Schimmel ist hier ein Additiv. Es findet sich aber auch in folgenden Sätzen: Sie bekam große Augen. Er bekam eine Glatze.
PAR:
Der Partitiv ist ein Teil von etwas. Gelegentlich überschneidet sich diese Rolle mit dem Additiv oder ist die Folge von dem Additiv. Die Grenze zwischen Partitiv und Additiv ist oft kulturabhängig. So wird Kleidung in unserer Kultur als Teil einer Person betrachtet; bestimmte schamanistische Völker sehen eine psychische Störung nicht als Teil der Person an, sondern als eine Form der Besessenheit, usw.
PER:
Schließlich schlägt von Polenz außerhalb der offiziellen Liste ein Perspektiv als semantische Rolle vor. Damit kann man alle Rollen im Satz bezeichnen, die etwas perspektivieren oder auf eine Idee hin relativieren, die etwas unter einem bestimmten Aspekt betrachten oder eine bestimmte besondere Betrachtungsweise thematisieren. Gerade in der politischen Philosophie scheint diese semantische Rolle von besonderer Wichtigkeit zu sein, da in dieser oftmals verschiedene Betrachtungsweisen verschiedener Gruppen oder Personen gegeneinander abgewogen werden. Wo die Erzählung davon berichtet, dass ein Mensch verletzt wird, spricht die politische Philosophie von der Vernetzbarkeit des Menschen, und wo die Erzählung die Liebe an einem konkreten Beispiel schildert, wird sie in der politischen Philosophie zu einer Perspektive des politischen Handelns.

Handelnder und Behandelter

Regelmäßig finden sich in erzählenden und politischen Texten Überschneidungen von Rollen, zum Teil auch Unsicherheiten oder bewusste Vermischungen. So ist der Benefaktiv oftmals gleichzeitig ein Contraagens. Das liegt in der Natur der Sache: wer das Ziel einer Handlung ist, zieht aus dieser meist einen Nutzen oder einen Schaden. Allerdings ist das nicht immer so. Gelegentlich ist eine Handlung so gewöhnlich, dass sie als neutral eingestuft werden kann. Dies ist z.B. in dem Satz ›Sie schickte ihm eine Mail.‹ der Fall. Und ebenso kann der Nutznießer vom Ziel der Handlung unterschieden sein, wie dies z.B. in dem Sprichwort ›Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte‹ ausgedrückt wird.
Eine andere, sehr typische Konstellation ist die von Handelndem und Erfahrendem. Zahlreiche Erzählungen bauen auf Figuren, die zugleich handeln und erleben; dort findet man dann einen raschen Wechsel von AG und EXP an derselben Person und immer wieder auch ihre Vermischung zu AG/EXP in einem Satzteil und als Bestandteil eines Satzes.
Bei unserem Beispiel ist nicht deutlich, ob dieses ›sich stören‹ als aktive Handlung oder als Erfahrung zu verstehen ist. Deshalb ist hier die Zusammenstellung der beiden semantischen Rollen auch nicht eine Vermischung, sondern ein Zeichen semantischer Vagheit.
Schließlich habe ich eine dritte Überschneidung in dem Satz bezeichnet, die von AG/COM. Auch dies ist in politischen Gruppen immer eine Sache der Einschätzung: wird eine solche Gruppe streng geführt und auf eine bestimmte Meinung verpflichtet, hat man es im Prinzip mit einer einzigen politischen Person zu tun und damit nur mit einem einzigen Handelnden. Gibt es ein solches vereinheitlichendes Prinzip nicht, begleiten sich die Personen gegenseitig und bilden nur zeitweise ein Kollektivindividuum.

Aktion und Reaktion

Eine weitere typische Verschränkung ist die von Causativ und Instrument, wie hier der Plan für die Weltausstellung. Für diejenigen, die für die Weltausstellung verantwortlich sind, ist der Plan ein Instrument; für die Fürsprecher der Armen ist sie eine Ursache, die sie zum Handeln und zu eigenen Forderungen bewegt. Dass sich diese beiden Rollen verschränken, ist natürlich. Diese Verschränkung findet sich regelmäßig dann wieder, wenn zwei Gruppen oder Personen aufeinander reagieren.

Ideologische Bestimmungen

Gerade in politischen Texten fällt auf, dass die Verwendung bestimmter Personen, Gegenstände oder Ideen in Form spezifischer semantischer Rollen oder Konstellationen von Rollen geschieht und dadurch ein bestimmter Eindruck erzielt wird. In der Passage von Martha Nussbaum ist bemerkenswert, dass die Armen nie in der Rolle des Agens auftauchen. Immer werden sie von jemandem repräsentiert, so auch in diesem Satz. Doch auch die wesentlichen Nutznießer der Weltausstellung handeln nicht, sie sind sogar, mehr noch als die Armen, durch zahlreiche Passivierungen verschwunden.
Im Allgemeinen sollte man vorsichtig sein, die semantische Rolle Benefaktor als rein positiv oder rein negativ zu sehen. In dem Fall, den Martha Nussbaum schildert, wird zwar behauptet, dass die Armen die Nutznießer seien (und das nicht nur in diesem Satz), aber zugleich werden sie mit ihrem persönlichen Willen und der Chance der Willensbildung ausgeschlossen; sie sind immer nur das Ziel politischer Handlungen, nie deren Träger. Wenn Martha Nussbaum schreibt:
Wie es oft bei patriotischen Gefühlen der Fall ist, erwies sich das Gelöbnis bald als eine Formel sowohl der Inklusion als auch der Exklusion.
Nussbaum, Martha: Politische Emotionen. Berlin 2016, S. 312
so zeigt sie doch nicht, dass diese Spaltung von Anfang an vorhanden ist. Denn nicht die Armen sind daran interessiert, dass in der Weltausstellung allgemeine Werte der Chancengleichheit dargestellt werden. Offensichtlich genügt ihnen auch, dass es außerhalb der Weltausstellung einen Jahrmarkt gibt, auf dem auch sie sich vergnügen können.
Ich hatte bisher gezeigt, wie man Sätze analysiert; und wer mit der semantischen Analyse beginnt, sollte auch zunächst die Sätze vollständig betrachten. Man kann aber auch bestimmte Gegenstände oder Personen über eine längere Textpassage hinweg betrachten, ohne jeden einzelnen Satz vollständig zu bestimmen. Meist reicht das, um von einem ersten Augenschein zu einer genaueren Darstellung zu kommen.

Schluss

Die semantische Analyse kann nicht alleine auf die semantischen Rollen beschränkt werden; dieser Artikel ist als Einführung gedacht, eine Einführung in die Methode, und ich hoffe, ich konnte zeigen, dass diese Methode einen gewissen Nutzen hat. Ein weiterführender Beweis der Fruchtbarkeit steht allerdings noch aus. Dieser soll in weiteren Artikeln gezeigt werden.
Wir werden den Bereich in mehrere Richtungen ausdehnen. Zum einen habe ich nur einige Ausschnitte aus dem Modell semantischer Rollen vorgestellt, und hier muss ich natürlich den Rest noch nachliefern. Dann müssen wir diese auf weitere Textsorten anwenden. Schließlich sind weitere Versatzstücke wie die semantischen Prädikatsklassen, der Prädikatsrahmen, der Handlungsgehalt von Sätzen und die semantischen Klassen mit zu betrachten.
All dies muss aber in dem noch weiteren Rahmen des präzisen Lesens verortet werden. Lesen heißt dann, die Konfigurationen des Sinns zu erfassen und zu bedenken; dies darf man auch Kritik nennen.

25.11.2016

Postfaktisch

Jens Berger macht sich über den Begriff ›postfaktisch‹ Gedanken; zurecht kritisiert er, dass dieser als Kampfbegriff gebraucht wird, zudem noch von jenen, für die Fakten (auch) nichts gelten.
Nun macht man sich, wenn man dem täglichen Schlachtenlärm lauscht, so seine Gedanken. Meine sind, seit zwei Wochen, der Meinungsfreiheit zugewandt. Ich folge Kant durch seine Werke hindurch, wie sich dort Fakten und Meinungen zueinander stellen.

Tatsachen

Begriffe sind keine Tatsachen. Tatsächlich gibt es bei Kant zwei sehr verschiedene Arten von Begriffen, einmal die Verstandesbegriffe und einmal die Vernunftsbegriffe. Eine Tatsache ist formal durch eine konkrete Zeit und einen konkreten Raum bestimmt, inhaltlich ist sie sinnlich, bzw. anschaulich. Sie ist mit Sinnen wahrnehmbar und verweist auf eine sinnliche Wahrnehmung, wenn diese mitgeteilt wird; zugleich liegt in ihrer formellen Definition, dass ein Fundort und eine Fundzeit angegeben werden muss. Sofern eine Tatsache oder eine Folge von Tatsachen auch nicht-sinnliche Bestandteile enthalten, müssen diese geschieden werden.

Verstandesbegriffe

Tatsachen sind aus einer Mehrzahl sinnlicher Einzeldaten zusammengesetzt. Von diesen Merkmalen kann man so abstrahieren, dass etwas Allgemeines entsteht, was auf eine Vielzahl von Tatsachen zutrifft. So lassen sich bei allen weiblichen Säugetieren Milchdrüsen finden; weiterhin lässt sich gesetzmäßig beobachten, dass diese zur Nährung der Jungen bezweckt sind, so dass sich, egal ob es sich um einen Elefanten, eine Maus oder eine Ginsterkatze handelt, das Wort Säugetier rechtfertigt. Ein solches von Besonderheiten bereinigtes Wort heißt Verstandesbegriff, der Prozess zu diesem ist die Abstraktion: diese scheidet das Allgemeine vom Besonderen.

Vernunftsbegriffe

Werden dagegen ideale Verhältnisse vorgestellt, die (zumeist) konkrete Phänomene zueinander in ein Verhältnis bringen, handelt es sich um einen Vernunftsbegriff oder Idee. Die Idee stellt so eine Struktur dar, die verwirklicht werden muss. Man kann also sagen, dass die Wirklichkeit die Idee illustriert.
Nehmen wir zum Beispiel die Idee vom Pädagogen als Gärtner; dort sät der Lehrer in die leeren Felder die passenden Samen, umsorgt und umhegt sie und lässt den einzelnen Pflanzen ihrer Art nach das Benötigte zukommen; zu gegebener Zeit werden die Früchte reif und dienen der Gemeinschaft als Nahrung.
Diese Idee wird in der Wirklichkeit unterschiedlich gut verwirklicht. Betrachtet man den Gedanken genau, so beginnt sie mit einer tabula rasa (den leeren Beeten); dies kann aber mit der Evolutionstheorie widerlegt werden. Ebenso widerlegt die Entwicklungspsychologie, dass im ausgestreuten Samen (dem vermittelten kulturellen Gut) schon die Frucht angelegt sei (der gelebten Kultur).
Ohne hier weiter Einzelheiten aufzuzählen lässt sich sagen, dass eine Idee gelegentlich recht wirklichkeitsfremd sein kann und dass das Scheitern einer Idee nicht daran liegen muss, dass man bei der Verwirklichung schlampig gewesen ist.
Trotzdem muss man eben an dem Realitätsgehalt festhalten, denn der Pädagoge gibt etwas in die Klasse hinein und beim einzelnen Schüler entwickelt sich etwas.

Kontrafaktisch also

Eher selten geschieht, dass in der Politik Fakten zur Sprache kommen. Oft sind es Statistiken, die als Beweis herhalten müssen. Günstigstenfalls sind diese reine Abstraktionen, so dass sich aus der Datenerhebung ein Verstandesbegriff ergibt. Oftmals liegt aber schon der Datenerhebung einer Statistik eine Reihe von Vernunftsbegriffen zugrunde, weshalb diese dann auch keine Allgemeinheit, sondern "nur" eine Verhältnisgleichheit/-verschiedenheit ausdrücken.
Auch der Bezug auf Meinungen ist nur bedingt faktisch; dies ist wohl in der Politik eine der häufigsten Bezugnahmen auf die Wirklichkeit - und natürlich eine grundsätzlich notwendige. Aber dass eine Meinung faktisch geäußert wurde, macht ihren Inhalt nicht faktisch.
Eine der großen Herausforderungen politischer Kritik war und wird wohl immer bleiben, den Anspruch der Wirklichkeit gegen den Anspruch auf ein Zusammenleben geltend zu machen. Und umgekehrt.
Derzeit herrscht aber eine solche Verwirrung der Begriffe und der Zuordnungen, ebenso wie der Umgang mit diesen in ein babylonisches Durcheinander sich aufgelöst hat, dass eine gute Beschäftigung mit der grundlegenden Logik sehr hilfreich wäre. Und insofern könnte man dem Postfaktischen das Postkonzeptionelle (concept = Begriff) beiseite stellen.

11.11.2016

Ein Mann, der in keinster Weise auffällig war

So, müsste man sagen, fangen gute Kurzgeschichten an:
Between the silver ribbon of morning and the green glittering ribbon of sea, the boat touched Harwich and let loose a swarm of folk like flies, among whom the man we must follow was by no means conspicuous - nor wished to be.
Chesterton, Gilbert Keith: The blue cross

The blue cross

Der Satz ist nicht so einfach, wie man schon beim ersten Lesen erfasst.
1. Als erstes fällt auf, dass das Band zuerst mit einer Tageszeit zusammenhängt, dann mit einem räumlichen Phänomen. Beide sind aber räumlich und beide dürften in etwa denselben Ort bezeichnen, nämlich den Übergang vom Meer zum Himmel. Bedenkt man, dass Erzählen bedeutet, einem Geschehen Raum und Zeit zu geben, dabei aber den Horizont - die weitergehende Bedeutung - mitzuschreiben, zeigt dieser erste Satz bereits die wesentlichen Elemente der Erzählung an.
2. the boat touched - to touch wird hier als Verbalmetapher gebraucht.
3. to let lose - Das aktive Verb verweist auf eine Person, und, da es sich um einen unbelebten Gegenstand handelt, um eine Personifikation.
4. like flies - Dies ist ein (wenn auch recht gewöhnlicher) Vergleich.
5. we must follow - Hier wird die Erzählsituation direkt angesprochen. Allerdings bleibt die Notwendigkeit ein Rätsel: es ist nicht klar, warum wir diesem Mann folgen müssen.
6. was by no means conspicuous - nor wished to be - Tatsächlich wird der Erzählzwang und die Willkür des Erzählers in dicht gedrängter Weise ironisiert. Wendet sich 5. an den Leser in direkter Art und Weise, zeigt 6. dies auf indirekte Art und Weise: indem der Autor sich als allwissend gibt (er sieht den Protagonisten von außen und von innen), zeigt er dem Leser, dass er auch verborgende Hinweise aufdecken kann. Der verborgende Hinweis führt zusammen mit 5. den Protagonisten als ungewöhnlich ein, auch wenn zunächst das Gegenteil behauptet wird. Doch erstens wäre eine Kurzgeschichte ohne einen ungewöhnlichen Protagonisten (oder zumindest einem Protagonisten, der Ungewöhnliches erlebt hat) nicht erzählenswert, und zweitens ist in Geschichten die exponierte Verneinung meist ein Zeichen dafür, dass das Gegenteil gilt.
Und tatsächlich: der erste Absatz führt einen Mann ein, der zunächst durch Gegensätze gekennzeichnet ist: the holiday gaiety of his clothes / the official gravity of his face; lean face / seriousness of an idler. Schließlich werden drei verborgende Details angesprochen: a loaded revolver, a police card, one of the most powerful intellects in Europe.
Am Ende des Absatzes kennen wir dann auch die Absicht, mit der der Protagonist nach London gekommen ist: to make the greatest arrest of the century.

Die rhetorische Schicht

Wenn man die Aktantenrollen in Sätzen analysiert, ist eine der größeren Probleme, den Text von seinen rhetorischen Besonderheiten zu isolieren, einmal, um zu einer "eigentlichen" Satzbedeutung zu kommen, einmal, um das Verhältnis zwischen rhetorischen Figuren und semantischen Rollen deutlich erfassbar machen zu können.
Würde man zum Beispiel was by no means conspicuous - nor wished to be wörtlich lesen, dann würde dieser Satz auf nichts vorausdeuten, was dann in der Geschichte passiert. Doch wir begreifen die Behauptung der Gewöhnlichkeit als ironisches Signal und damit als uneigentlich.
Der Anfang der Geschichte Chestertons ist zwar nicht hochpoetisch, aber doch raffiniert und zeigt eine wundervolle Weise, wie man mit wenigen, unaufgeregten Sätzen zugleich die Exposition bestreitet und Spannung aufbaut. - Ein Computerprogramm weiß von solchen Zwischentönen wenig (und ich befürchte sogar: gar nichts); genau das aber ist mein Problem: schon in recht einfachen und für die Menge geschriebenen Erzählungen (zu denen man Chesterton durchaus zählen kann) greift die rhetorische Schicht in alle Ebenen des Erzählens ein und verkompliziert diese. Das ist gut für den Leser, doch schlecht für den Programmierer.

10.11.2016

Archetypen

Auf dem Weg zu einer Analyse der semantischen Bedeutung von Texten ist die Analyse von kontextuellen Figuren zugleich eine der wichtigsten als auch eine der schwierigsten. Wie ich im letzten Artikel geschrieben habe, ist die Satzbedeutung natürlich grundlegend, und hier existiert (neben einigen anderen) mit der Analyse der semantischen Rollen von Satzteilen ein wunderbares, und recht einfaches Schema.

Sinnmuster jenseits des Satzes

Sobald man aber über den Satz hinaus geht, sieht man sich mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Das eine oder andere Mal habe ich das schon angedeutet. So wird jeder erzählende Text von bestimmten Konventionen gestaltet; einige dieser Konventionen betreffen in sich abgegrenzte, aufeinanderfolgende Textmuster, so z.B. die Beschreibung, die Schilderung und der Dialog, auch wenn diese drei Textmuster in ihrer Reinform nicht existieren und fließende Übergänge und vermischte Typen nicht nur zulassen, sondern sogar fördern. Gleichzeitig wird ein erzählender Text aber auch von anderen Konventionen konstituiert: diese betreffen die Personen, die Orte, die Art und Weise der Handlung, oder sie betreffen z.B. die Wortwahl (ein amerikanischer hard-boiled nutzt andere Worte als ein französischer gentleman crime).
Nun ließe sich das hinnehmen, wenn sich diese Konventionen nach Schichten aufteilen ließen, wie dies für eine Menge rhetorischer Figuren möglich ist (dort gibt es rhetorische Figuren, die die phonologische Ebene betreffen, andere, die die syntaktische Ebene gestalten, und wieder andere, die auf der intertextuellen Ebene zu finden sind, und so weiter). Aber so einfach lässt sich die Erzählung nicht formalisieren.

Archetypen

Meine ersten Gehversuche

Ein Problem, was mich in den letzten Tagen beschäftigt hat, ist das des Archetyps. Das Interesse daran ist recht alt. Es fällt mit meinen ersten Gehversuchen als bewusst schreibender Mensch zusammen, dürfte also zwanzig Jahre her sein. Damals war es Carl Gustav Jung, den ich gelesen habe. Obwohl ich seine Bücher sehr mochte (und immer noch mag, wie ich gerade festgestellt habe), fand ich die Idee der Archetypen recht seltsam. Allerdings, so muss ich jetzt feststellen, ist meine Vorstellung davon sehr stark durch die esoterische Aneignung geprägt worden, die Jugendliche so an sich haben, wenn sie intellektualisieren.

Das Mandala als Struktur

Carl Gustav Jung geht davon aus, dass es eine begrenzte Menge an Archetypen gibt, die sozusagen Schablonen für unsere Vorstellungsstrukturen bilden. Es sind in gewisser Weise Muster, in die sich die konkreten Vorstellungen dann einfügen; ein typisches Beispiel dafür ist das Mandala, welches sich von einem Zentrum zu einem Rand fortentwickelt, und dabei den Übergang zwischen entgegengesetzten Wertungen gestaltet: so steht im Mittelpunkt des Mandalas, in seinem Zentrum, z.B. häufig ein Garten oder ein Paradies, am Rand die Wildnis oder die Hölle; und damit wird der Übergang von Kultur und Natur, von Zähmung und Wildheit, von Gut und Böse zwar nicht erklärt, aber doch darstellbar.

Astronautenhelme

Meine Zweifel an diesen angeborenen Bildern wurden mir zum ersten Mal besonders durch Erich von Däniken bewusst; und dann noch durch eine etwas verrückte Religionslehrerin, die an meinem Gymnasium unterrichtete. Erich von Däniken hatte irgendwann, Ende der achtziger Jahre, noch einen seiner legendären Auftritte, in denen er anhand einer Figurine, deren Kopf einem Motorradhelm glich, „bewies“, dass dies eigentlich ein Astronautenhelm sei, und damit die Landung außerirdischer Intelligenz während der prähistorischen Zeit plausibilisieren wollte. Ich erinnere mich dann noch undeutlich daran, dass irgend ein Ethnologe die eigentliche Bedeutung dieser Figurine erklärte: dass dies eigentlich ein Penis sei, und dass das Männchen, welches einen Motorradhelm trage, ein Symbol für die Kraft sei, die dem Penis zugesprochen werde. Der Motorradhelm sei eigentlich die Eichel, und dass diese mit einem Fenster versehen sei, durch die man ein Gesicht sehen könne, sei der Rücksicht auf Darstellbarkeit geschuldet.

Fliegende Geschlechtsorgane

Die etwas verrückte Religionslehrerin könnte man heute vielleicht als ein Urbild für all die Personen darstellen, die vor den Anti-Genderisten als Beweis herhalten müssen, dass die gender-Theorie unwissenschaftlich sei. Diese Frau geriet während des Unterrichts des Öfteren in Rage und verglich unter anderem Straßenlaternen und Verkehrspoller mit Penissen und als Beweis für die Vorherrschaft einer völlig auf den Schwanz fixierten männlichen Kultur. Einmal hat sie eine Schülerin (jawohl!) aus dem Unterricht geschmissen; in einer ihrer Tiraden kritisierte sie scharf, dass Raketen penisförmig seien, worauf die Schülerin sie unterbrach und meinte, etwas Vulvaförmiges sei nicht stromlinienförmig genug, um abheben zu können. Offenbar kannten aber beide, sowohl Lehrerin als auch Schülerin, nicht den Film Alien und das obszöne, von Giger gestaltete Raumschiff, dessen Form an gespreizte Beine und dessen Eingänge an Vulven erinnern.

Strukturen der Welterfahrung

Jedenfalls waren das zwei Anekdoten, die mich immer wieder gedanklich beschäftigt haben. Und auch wenn ich Carl Gustav Jung danach kaum noch gelesen habe, haben mich die Archetypen nicht losgelassen. Tatsächlich habe ich dann irgendwann meine eigene Idee aufgeschrieben, warum das Mandala einen so zentralen Bestandteil unserer Erfahrung darstellt; das ist im Grunde ganz naheliegend: das Mandala spiegelt die körperliche Erfahrung von nah und fern wieder, und der Archetypus ist vielleicht nicht in dem Sinne angeboren, dass er sich irgendwo in unser Unbewusstes oder unser Stammhirn eingeschrieben hätte, sondern dadurch, dass wir alle körperliche Wesen sind, denen sich die Umwelt durch Nähe und Ferne strukturiert. So drängt sich die Struktur des Mandalas eventuell durch unsere Erfahrung der Welt auf, und dadurch, dass wir körperlich in ihr existieren.
Auch andere Archetypen lassen sich auf Erfahrungen zurückführen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens (zumeist der ersten drei Jahre) machen muss, und die keineswegs genetisch vererbt sein müssten.
In der Praxis dürfte dieser feine Unterschied allerdings kaum eine Rolle spielen.

Archetypen und Textstrukturen

Nun sollte klar sein, warum mich Archetypen interessieren: Sie sind eine andere Form, Strukturen im Text aufzufinden; und ginge man von dem Wort selbst aus, dann müssten sich diese in einer wichtigen Art und Weise in die Textgestalt einmischen. Archetyp, bzw. Archetypus, meint Urbild.
Allerdings gibt es gewichtige Gründe, warum solche Urbilder keineswegs vererbt werden, auch nicht auf dem Weg der Ontogenese, d. h. als natürliche und notwendige Struktur individueller Erfahrung. So scheint die Struktur des Mandalas im Bewusstsein der Großstadtmenschen nicht mehr vorhanden zu sein: es ist wohl eher die Erfahrung agrarischer Zivilisationen, bei denen die Bedeutung von Nähe und Ferne noch eine wichtige Rolle spielt.
Dementsprechend nennt Roland Barthes solche „Patterns“
Wiederholungen und keine Fundierungen; Zitat und keine Ausdrücke; Stereotypen und keine Archetypen.
Barthes, Roland: Der Stil und sein Bild. in ders.: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main 2005, S. 145
Das wiederum verweist auf ein Problem, das für meine Analysen tiefsitzender ist: solche Patterns sind in Bewegung; sie sind historisch; sie mögen für weite Teile der Bevölkerung ein Raster dafür bieten, in welcher Weise sich die Ideen ihrer Texte bewegen, aber sie scheitern dort, wo die Texte individuell werden, wo sie ungekonnt geschrieben worden sind, wo sie pathologischen Idiosynkrasien gehorchen.

Agamben und das Paradigma

Am Hof des Despoten

Eine der interessantesten Variationen des Themas Stereotyp/Archetyp habe ich allerdings bei Agamben gefunden (bzw. ich habe mich an meine Lektüre aus dem September erinnert): Agamben zitiert Goethe; dieser, also Goethe, kritisiert zunächst den Aufbau von Systemen aus zu wenig Daten:
Man wird bemerken können, dass ein guter Kopf nur desto mehr Kunst anwendet, je weniger Data vor ihm liegen; dass er, gleichsam seine Herrschaft zu zeigen, selbst aus den vorliegenden Datis nur wenige Günstlinge herauswählt, die ihm schmeicheln, dass er die übrigen so zu ordnen weiß, dass sie ihm nicht geradezu widersprechen, und dass er die feindseligen zuletzt so zu verwickeln, zu umspielen und beiseitezubringen weiß, dass wirklich nunmehr das Ganze nicht mehr einer frei wirkenden Republik, sondern einem despotischen Hofe ähnlich wird.
Goethe, Johann Wolfgang von: Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt. in GW XIII, München 1998, S. 16

Allseitigkeit

Agamben interessiert allerdings an diesem kurzen Aufsatz von Goethe etwas anderes. Goethe argumentiert nämlich weiter, dass Phänomene nicht isoliert existieren, und dass, wer ein Phänomen untersucht, dessen Nachbarschaften zu betrachten habe:
Dagegen werden wir finden, dass diejenigen am meisten geleistet haben, welche nicht ablassen alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung, eines einzigen Versuches nach aller Möglichkeit durchzuforschen und durchzuarbeiten.
Ebenda, S. 17
Schließlich führt dies Goethe zu einem Satz, der paradigmatisch für das ganze reifere Werk (also abgesehen der Jugendschriften) stehen könnte:
Da alles in der Natur, besonders aber die gemeinern Kräfte und Elemente in einer ewigen Wirkung und Gegenwirkung sind, so kann man von einem jeden Phänomene sagen, dass es mit unzähligen andern in Verbindung stehe, wie wir von einem freischwebenden leuchtenden Punkte sagen, dass er seine Strahlen auf allen Seiten aussendet.
Ebenda, S. 17 f.

Phänomen und Analogie

Daraus folgert Agamben, dass das Urphänomen, wie Goethe es nennt, der Ort sei,
an dem die Analogie in perfektem Gleichgewicht lebt, jenseits der Opposition zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen.
Agamben, Giorgio: Signatura rerum. Frankfurt am Main 2009, S. 36
So gibt es auch kein besonderes Element oder Phänomen in einem Paradigma, welches dieses Paradigma besonders gut erfüllt. Das Paradigma drückt sich durch ein paradigmatisches Ensemble aus und das paradigmatische Ensemble ist dem Paradigma immanent.
Im Bereich des Paradigmas gibt es keinen Ursprung und keine Arche. Jedes Phänomen ist Ursprung, jedes Bild archaisch.
Ebenda, S. 37

Familienähnlichkeit

Wittgenstein scheint etwas ähnliches zu meinen, wenn er von Familienähnlichkeit spricht. Tatsächlich ist dieser Begriff erst durch die Rezeption Wittgensteins zu einem Leitbegriff seines philosophischen Denkens geworden. Die Argumentation Wittgensteins verläuft in dem Abschnitt, in dem er den Begriff der Familienähnlichkeit einführt, ähnlich der Argumentation Goethes: auch Wittgenstein warnt davor, den Begriff über die Anschauung zu setzen. Und so lautet ein zweites, berühmtes Zitat aus jenem Abschnitt: Denk nicht, sondern schau!
Wittgenstein schreibt also:
Sag nicht: »Es muss ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ›Spiele‹« – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau!
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. in ders.: GW I, § 66/S. 277
Er fährt im folgenden Abschnitt (§ 67) fort:
Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort »Familienähnlichkeiten«; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Mitgliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc. – Und ich werde sagen: die ›Spiele‹ bilden eine Familie.

Politisches Schlusswort

Man sieht immer häufiger die politischen Diskussionen von Begriffen beherrscht, denen jeglicher sinnlicher Gehalt fehlt. Man bekommt den Eindruck, als würden diese Menschen, die so argumentieren, den Dingen durch die Benennung ein Wesen zuschreiben können, das jenseits der Beschreibung und der Erfahrung liegt: rechts und links, konservativ, deutsch, völkisch – all das sind Begriffe, die sich im wissenschaftlichen Sinne gar nicht mehr als Begriffe bezeichnen lassen; Roland Barthes hat sie Mana-Wörter genannt und zu Recht mit dem Mythos verbunden (in: Mythen des Alltags).
Seltsamerweise ist genau dies ein Phänomen, das sich vor allem in der „konservativen“ und „rechtspopulistischen“ Sprechweise wiederfinden lässt. Neuerdings wird Sahra Wagenknecht gerne als Befürwortern der AfD und Vertreterin von AfD-nahen Gedanken beschrieben; betrachtet man allerdings die Begriffsbildung (und im Zuge dessen auch die Argumentationsweise), findet man einen eklatanten Unterschied: Wagenknecht vermeidet solche Mana-Wörter; stattdessen beschreibt sie (oft) konkrete Wechselwirkungen.
Der politischen Rede fehlt die Anschaulichkeit; Anschaulichkeit wird gerne verwechselt mit Schlichtheit; aber genau das Gegenteil kann der Fall sein, nämlich genau dann, wenn man, wie Wittgenstein (und Agamben und Goethe) von einer ganz anderen Logik ausgeht, einer Logik der Phänomene, nicht der pseudo-apriorischen Begriffe.

Persönliches Schlusswort

Und ich? Ich bin weiterhin auf der Suche nach Algorithmen, die die Aktantenrollen eines Satzes über den Satz hinaus fruchtbar machen; und eigentlich suche ich diese schon gar nicht mehr, denn ich befürchte, dass ich noch viele Jahre Programmiererfahrung sammeln muss, bevor ich das umsetzen kann, was ich zur Zeit mehr durch Intuition als durch Handwerk erfasse.

19.10.2016

Nach innen und nach außen gerichteter Patriotismus

Patriotismus bleibt ein seltsames Wort. Ich wollte mich eigentlich nicht so sehr damit beschäftigen, zumindest nicht derzeit, jedoch hat mich eine ganz andere Arbeit zu einem Satz zurückgeführt, der in sich selbst so komplex ist, dass er als gutes Beispiel dafür dienen kann, dass für eine Satzbedeutung der Kontext eine geradezu tragende Rolle spielt.

Visualizing Big Data

Um die Relevanz dieses einen Satzes verstehen zu können, also seine Relevanz für mich, muss ich zunächst erklären, wie ich auf diesen Satz gestoßen bin, und welche Rolle er (zusammen mit einer ganzen Menge anderer Sätze) bei meiner aktuellen Arbeit spielt.
Weiterhin arbeite ich an einer semantischen Analyse mittels eines Programmes. Dazu habe ich mir einige grundlegende Techniken ausgesucht, die mir günstig erschienen. Und zunächst sollte es ja nur eine Bewertung der semantischen Rollen von Satzteilen werden. Diese kann man in gewisser Weise recht schematisch anwenden, und was schematisch anwendbar ist, lässt sich auch relativ leicht programmieren. Also relativ leicht, denn ich hatte einige Probleme, meinem Programm beizubringen, Kasus und Genus der Objekte zu erkennen.
Tatsächlich ist das Ergebnis aber gar nicht so interessant, wenn man aus diesen einzelnen Satzanalysen nicht größere Zusammenhänge bildet. D. h., ich bin, nachdem ich die grundlegende Programmierung fertiggestellt hatte, auf das nächste Problem gestoßen, wie man nämlich zu halbwegs tauglichen Mustern findet, die auf der einen Seite der Semantik zugehören, auf einer anderen Seite relativ stabile Einheiten bilden, und die schließlich darstellbar sind.
Was die relativ stabilen Einheiten angeht, so handelt es sich hier ein altes Problem, nämlich das der Textmuster. Ich habe in der Vergangenheit, wenn auch nicht allzu oft, darüber geklagt, dass Textmuster äußerst unsichere Ganzheiten sind; vermutlich liegt das daran, dass Textmuster nicht auf festen Grundlagen aufgebaut sind, wie dies bei Satzmustern der Fall ist; und dass sie ihre Bedeutung durch eine innere Struktur und eine äußere Abgrenzung bekommen, die auf den gleichen Unterschieden beruht, sodass es zwischen den innerlich strukturierenden und den äußerlich unterscheidenden Unterscheidungen keinen Unterschied gibt. Zu welcher Verwirrung das führen kann, zeigt der eben von mir geschriebene Satz, der zwar richtig, aber keinesfalls logisch ist. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Textmustern.
Wie auch immer, von einer Analyse der Daten bin ich dann auf eine Darstellung der Daten weitergewandert. Ich mache mir nicht sonderlich viel Hoffnung, dass meine ersten Versuche mehr als Stümpereien sein werden; auf der anderen Seite war aber meine bisherige Arbeit zu diesem Thema außerordentlich fruchtbar, und solange dies auch in den nächsten Arbeitsschritten so sein wird, halte ich das Scheitern an einem Endprodukt für erträglich. Ich muss also, um auf die Absatzüberschrift zurückzukommen, große Datenmengen visualisieren.

Probleme mit dem Patriotismus

Dieser eine Satz

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels zurück, zumindest zu einer ersten Analyse. Ich habe mir aus verschiedenen Büchern Abschnitte vorgenommen, und diese Abschnitte mithilfe der semantischen Analyse, wie sie bei Peter von Polenz in dessen Buch Deutsche Satzsemantik dargestellt wird, zu analysieren versucht. Einfach sind dabei Erzählungen, die dicht an der weltlichen Materie entlang geschrieben worden sind. Tolkien, Karl May und Simon Beckett lassen sich recht problemlos zergliedern; Alice Munro und Judith Hermann sind schon schwieriger; am problematischsten allerdings sind politische Artikel und Bücher. Nun ist mir ein solcher Satz bei Martha Nussbaum, Politische Emotionen, untergekommen. Dieser lautet wie folgt:
Fürsprecher der Armen, die sich an dem Plan zunehmend störten, dachten gemeinsam darüber nach, wie die Ausstellung Vorstellungen von Chancengleichheit und Opfern miteinbeziehen könnte.
S. 311 f.
Nun ist dieser Satz nicht schwierig zu verstehen, selbst wenn man den Kontext nicht wirklich kennt. Zumindest scheint sein Verständnis einfach, aber ich werde zeigen, dass dieser Satz keineswegs unschuldig oder leichtgängig ist. – Im folgenden aber möchte ich zunächst den Kontext vorstellen und einige Ideen und Probleme zum Begriff des Patriotismus'.

Die Stellung im Buch

Dieser eine Satz findet sich relativ am Anfang des dritten großen Abschnitts aus dem Buch von Nussbaum. Dieses Buch ist in drei Abschnitte, einem Vorspiel (in der das Thema des Buches problematisiert wird) und einem Anhang gegliedert; der erste Abschnitt ist der Geschichte der politischen Emotionen gewidmet, bzw. des Denkens politischer Emotionen, der zweite stellt die Ziele einer liberalen Gesellschaft in Bezug auf Emotionen vor, ebenso die Mittel für „gute“ politische Emotionen, und schließlich die „radikal bösen“ politischen Emotionen. Der dritte Abschnitt nun soll die bisherigen Analysen auf „reale Gesellschaften“ (S. 305) anwenden. Nussbaum bezeichnet diesen dritten Abschnitt als zum Teil semi-theoretisch, zum Teil als Überzeugungsarbeit (S. 308).
Konkreter findet sich der Satz im achten Kapitel, der dem Patriotismus gewidmet ist. Diesen Patriotismus, einem liberalen, fügt Nussbaum zwei Werte bei (bzw. eigentlich drei): Liebe und kritische Freiheit; ob man „kritische Freiheit“ so eng verbunden sehen darf, bleibt dahingestellt. Kritik ist, wie ich in einigen früheren Artikeln geschrieben habe, eine äußerst seltsame Praxis, die sich der Politik nicht leicht eingemeinden lässt, obwohl beides auch in gewisser Weise notwendig zusammengehört.
Werden wir noch konkreter, dann finden wir den Satz zum Beginn des achten Kapitels, inmitten einer Anekdote, die den „janusköpfigen Charakter des Patriotismus“ (S. 310) illustrieren soll.

Von vergoldeten Frauenstatuen und ...

Die Anekdote, die Nussbaum erzählt, ist nicht irgend eine Anekdote. Sie erzählt, mit einem deutlich anderen Schwerpunkt als der dazugehörige Wikipedia-Eintrag, das Schicksal vom öffentlichen Gelöbnis zur amerikanischen Fahne im öffentlichen Raum und in den Schulen. Dieses ist wiederum eng verbunden mit der Weltausstellung, die 1892 in Chicago stattgefunden hat; sie ist unter dem Namen Columbian Exposition bekannt, und gilt, wie man aus dem Wikipedia-Eintrag ersehen kann, als eines der großen Zeichen für die Modernität, Weltoffenheit, aber auch die Führungsrolle in der Welt, die sich die USA damit zuschreibt.
Die ganze Geschichte ist, so Nussbaum, in drei Akte einteilbar.
Der erste Akt ist die Weltausstellung selbst. Im Gegensatz zu der offiziellen Darstellung bezeichnet Nussbaum sie als „Fest der ungezügelten Gier und des hemmungslosen Egoismus“ (S. 310 f.). Schon der einleitende Satz ironisiert die Rolle, die diese Weltausstellung in der Geschichte der USA spielt, indem sie von ihr spricht, als sei es eine unter vielen, und als würde sie in Vergessenheit geraten, wenn man nicht von ihr gelegentlich spräche und daran erinnerte, dass es sie gegeben habe. In diesem ersten Akt spricht Nussbaum auch von der Verschleierung der Ungleichverteilung der Lebenschancen und der Verbannung allen Lustigen, Chaotischen und Lauten auf einen Grasstreifen außerhalb der offiziellen Ausstellung.
Besonders ironisch wird sie aber gegen Schluss dieses Abschnitts, als sie von der vergoldeten Frauenstatue spricht, die eigens für diese Ausstellung erschaffen wurde: diese »Statue of the Republic« ersetzt nicht nur die „realen Menschen, die in ihrer Heterogenität und Gebrechlichkeit störend wirken“, sondern trägt auch eine Art von parodierten Insignien der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches: einen Stab (Nussbaum nennt ihn Zepter) und eine Kugel, wobei die Kugel hier als Welt (und nicht als Reichsapfel) dargestellt wird, während das Zepter eher ein länglicher Stab ist, der weder als Wanderstab taugt, noch als Fahne für den lieu tenant, also als Markierung innerhalb einer Schlacht.

… über ein öffentliches patriotisches Ritual …

Nun sind die Ausstellungsmacher nicht nur von Nussbaum kritisiert worden, sondern auch von Zeitgenossen. Der oben von mir zitierte Satz leitet den zweiten Akt dieses Lehrstücks über den Patriotismus ein. Das Treuegelöbnis zur Fahne wurde keineswegs von „konservativen“ Kräften initiiert, sondern von einer „Gruppe christlicher Sozialisten“, die die „moralischen Werte“ in den Mittelpunkt rücken wollten. Mit diesem Gelöbnis sollten „alle Amerikaner als gleichwertig und gleichberechtigt“ bestimmt sein und „das Land auf mehr als auf individuelles Unternehmertum verpflichtet“ werden. Wie man aus der Geschichte weiß, ist dieser Treueeid so günstig aufgenommen worden, dass er heute ein feststehendes Ritual im öffentlichen amerikanischen Leben spielt.

… und Jehovas Zeugen

Erst viele Jahre später, annähernd fünfzig Jahre, zeigte sich der Pferdefuß dieses Gelöbnisses sehr deutlich. Nussbaum schreibt dazu:
Wie es oft bei patriotischen Gefühlen der Fall ist, erwies sich das Gelöbnis bald als eine Formel sowohl der Inklusion als auch der Exklusion.
(S. 312)
Inmitten des zweiten Weltkrieges bekam das Gelöbnis den Charakter eines Schibboleth für den »guten Amerikaners«; es musste täglich aufgesagt werden. Wer dies nicht tat, geriet in Verdacht, mit den Nazis und den Feinden der USA zu sympathisieren. So erging es z.B. den Zeugen Jehovas, die den Fahneneid als eine Art Götzenanbetung ansahen und ihn deshalb aus religiösen Gründen ablehnten. Obwohl die Zeugen Jehovas auch im Dritten Reich verfolgt und kaserniert wurden, kam es in den USA zu tätlichen Angriffen und Lynchmorden gegen sie.
So wurde aus dem Versuch, über eine gemeinsame Verpflichtung auf gemeinsame Werte zu einer moralisch vorbildlichen Gemeinschaft zu werden, eine Legitimation zur Verfolgung und Ermordung religiös Andersdenkender.

Oppositionen im Patriotismus

Nach innen und nach außen gerichteter Patriotismus

Am Ende dieser Anekdote überrascht uns Martha Nussbaum mit einer Unterscheidung, die in nicht nur einer Weise als äußerst schwierig und, sofern man darin eine liberale Aussage sehen möchte, auch als sehr blauäugig gelten darf:
Jede Theorie öffentlich wirksamer Emotionen muss sich mit den komplexen Aspekten von Patriotismus auseinandersetzen. Er ist nach außen gerichtet und weist das Ich mitunter auf die Pflichten gegenüber anderen Menschen und auf die Notwendigkeit hin, für das Gemeinwohl Opfer zu bringen. Aber ebenso eindeutig ist er nach innen gerichtet und fordert diejenigen, die sich als »gute« oder »echte« Amerikaner betrachten, auf, sich von Außenseitern und Umstürzler zu unterscheiden, was zur Ausgrenzung ebendieser Außenseite führt.
(S. 313)
Bei genauem Hinsehen ist die leitende Unterscheidung, die zwischen innen/außen, eine nicht vertretbare. Denn was hier als nach außen gewendet erscheint, wird sofort wieder an eine Hineinwendung ins Innere gekoppelt (das Ich verpflichtet sich), während das nach innen Gerichtete nur unter der Bedingung funktioniert, dass es zugleich nach außen eine Grenze zieht, was also nicht nur heißt, dass der nach innen gerichtete Patriotismus dazu führt, sich selbst als »echter« Amerikaner zu sehen, sondern auch mitbedenkt, dass alles andere als »nicht-echter« Amerikaner oder »echter« Nicht-Amerikaner wahrgenommen werden sollte.
Am letzten Teilsatz sieht man bereits, was das Zitat insgesamt erahnen lässt: Nussbaum hantiert mit Begriffen, die eine mehrfache, und zum Teil recht unterschiedliche Verneinung benötigen, um an Kontur zu gewinnen. Nun kann ich die ganze Konsequenz dieser ersten Unterscheidung nicht in einem kurzen Artikel diskutieren, weise aber darauf hin, dass mit der scheinbar neutralen und selbstverständlichen innen/außen-Differenz ein zentrales Problem von Nussbaums Argumentation gelegt worden ist. Sie selbst versucht dies durch die beständige Thematisierung, wie zwiespältig der Patriotismus doch ist, zugleich aufzuzeigen und auszuschließen. Es wird ihr nicht wirklich gelingen. Aber das ist nun ein anderes Feld.

Politische Begriffe

Unter den Begriffen finden sich verschiedene Arten, die sich vor allem dadurch unterscheiden, dass sie auf verschiedene Art und Weise „hergestellt“ werden. So gibt es solche Begriffe, die sich durch Abstraktion bilden; abstrahieren bezeichnet das Weglassen und Zusammenfassen von Merkmalen, und als Merkmale gelten hier nur die rein sinnlichen.
Politische Begriffe dagegen gehören zu den Ideen. Ausgangspunkt einer Idee ist eine Verhältnisgleichheit, die sich oftmals über eine symbolische Opposition bildet. Man kann dies sehr gut an grundlegenden politischen Begriffen sehen, wie z.B. an dem Begriff des Leibes. Die symbolische Opposition dazu ist jenes innen/außen. Und wenn man der Psychoanalyse Glauben schenkt, dann ist die erste Tätigkeit, die zunächst zur Konstitution der symbolischen Opposition führt, dann aber auch zur Konstitution des Leibes, die Lust/Unlust-Opposition.
Laut der Psychoanalyse nimmt der Säugling zunächst keine Objekte wahr. An seinem Hungerbedürfnis und an dessen Befriedigung bildet sich dann aber ein erstes, rudimentäres Objekt heraus, welches die Psychoanalyse (recht unglücklich übrigens) als Mutterbrust bezeichnet. In den Fantasien des Säuglings beherrscht dieser die Mutterbrust und meint, sie herbeirufen zu können, wann immer es die Befriedigung eines Bedürfnisses braucht.
Erst in der Folge nimmt es dann auch wahr, dass dieses Objekt sich nicht beherrschen lässt und dass es gelegentlich fehlt. Dadurch wandelt sich das Objekt in ein gutes und ein schlechtes, eines, das befriedigt, und eines, das die Befriedigung vorenthält. An dieser Differenz zwischen einem guten und einem schlechten Objekt konstruiert sich über die Handlung des Herbeirufens und des Wegstoßens eine erste Differenz zwischen Leib und Welt; aber erst mit zunehmender Körperbeherrschung und der Möglichkeit, Objekte dauerhaft im Gedächtnis zu behalten (auch wenn diese der Wahrnehmung entzogen sind), bildet sich Idee des Leibes entlang der innen/außen-Differenz. Diese Art des Denkens bleibt dann auch beherrschend für spätere und feinere Denkvorgänge. Auch wenn schließlich der Leib gut gegen die Umwelt abgegrenzt wird, überträgt sich die Schablone, die dazu geführt hat, in die Denkvorgänge, mit der die Umwelt gesehen wird.
Es liegt also nahe, Ideen aus grundlegenden Denkmethoden abzuleiten. Sollten diese sich tatsächlich dann immer auf semantische Oppositionen stützen, die durch Analogieschluss übertragen werden, müssen wir davon ausgehen, dass politische Begriffe nicht nur der Umstände halber, etwa durch eine schlechte Argumentation, vage bleiben, sondern dass sie wesentlich daraus gebildet werden und dass jede Materialisierung die Idee verfehlen muss.

Aufgaben der politischen Philosophie

Daraus ergeben sich einige Aufgaben der politischen Philosophie: Herausarbeiten der grundlegenden semantischen Oppositionen, Genealogie der analogisierenden Ableitungen, Genealogie der Materialisierungen samt ihrer (akzidentellen) Ursachen und Wirkungen.
Dabei muss das Wort akzidentell eigentlich im Mittelpunkt stehen: Analogien werden nicht durch Kausalitäten gebildet; und sie gehorchen auch nicht einer arithmetischen Argumentation. Stattdessen entstehen sie durch Wechselwirkungen; im Mittelpunkt muss die geometrische Argumentation stehen, also eine solche, die durch Ränder, Zonen, Nachbarschaften, durch Strategien des Tausches und der Abgrenzung ihre logische Wirkung entfaltet. Letzten Endes sind dies biologische oder quasi-biologische Argumentationsweisen, die sich auf die Evolution und Ökologie berufen.

Schluss

Kehren wir zu Nussbaum zurück, so müssen wir an diesem einen Satz, auf den ich mich bezogen habe, all jene semantischen Oppositionen herausarbeiten, die diesen Satz als politische Aussage ermöglichen.
Dies werde ich im folgenden Artikel machen.
An dieser Stelle möchte ich auf die Schwierigkeit zurückkommen, mithilfe eines Computerprogramms politische Begriffe zu untersuchen. Die Analogiebildung kann zwar vom Computer geleistet werden, insofern man ihm den Vergleich von Mustern beibringt; aber es dürfte recht schwierig werden, solche Muster zu wesentlichen Aussagen zusammenzufassen.

15.10.2016

Motivanalysen

Bei Iser findet sich die Unterscheidung zwischen digitalen und analogen Unterschieden (Das Fiktive und das Imaginäre, S. 472f.). Offensichtlich sieht er einen Unterschied (!) zwischen jenen Unterschieden, die durch eine Markierung deutlich voneinander getrennt sind, während analoge Differenzen aufgefüllt und expliziert werden können.
Nun, wozu erzähle ich das? Ich bin seit gestern abend auf der Suche nach einigen Begriffsklärungen, das fading steht im Mittelpunkt. - Zunächst ist das fading mit der strukturalen Psychoanalyse verknüpft. Bei Lacan bezeichnet es das unaufhörliche Zurückweichen des Subjekts in den Riss, den der Signifikant durch und nach seiner Aktualisierung hinterlässt. Der aktuelle Signifikant ist exzentrisch, der vergangene verlischt und erzeugt in diesem Verlöschen eine Ahnung vom Subjekt.
Auf das fading bin ich über die Figuration gestoßen. Bei Iser ist der Wechsel zwischen digitalem und analogem Unterschied der zwischen einer scharfen, aber leeren Markierung und einer Figuration. Ihm zufolge ist dieses beständige Kippen erst die Bedingung, das Imagination wie Symbolisierung möglich ist; soll wohl heißen: indem sich "Bild" und "Sprache" gegeneinander ausdifferenzieren, kommt das Spiel von Phantasie und Realität erst in Gang.
In diesem Sinne ist auch das Zerstückeln von Romanen keineswegs unnütz, sondern eine Möglichkeit, seine schriftstellerische Phantasie zu erhöhen. Ich sage das hier, weil ich in letzter Zeit wieder gelegentlich Motivanalysen mache, solche, die dem Alltag (meinen Alltag) betreffen, und solche, die sich auf Literatur beziehen. Mit Literatur ist alles Geschriebene gemeint. Motivanalysen (die keine echten Analysen sind, sondern eher Bemerkungen, weil ihnen das Systematische fehlt) sind entstanden zu: Politische Emotionen, einigen Zeitungsartikeln, zu einer Kurzgeschichte von Alice Munro.
Warum aber Motivanalysen? Nun, ich bin eigentlich immer noch an der Programmierung einer Applikation, die mir Texte semantisch untersucht, d.h. in diesem Fall eine Aktantenanalyse macht. Dabei bin ich auf das Problem gestoßen, dass sich zahlreiche Aktanten nicht aus dem Satzkontext bestimmen lassen. Man muss über den Satz hinaus in den Text hinein schauen. Freilich macht man das wohl als Leser automatisch; und hierbei könnte man es belassen, wenn es nicht im große Datenmengen und um regelhafte Musterbildung ginge. Denn während ich derzeit für einen kurzen Absatz mit der Aktantenanalyse immerhin 3-5 Minuten brauche, bestimmt der Computer diese mir (wenn auch noch mit Fehlern) in einem ganzen Kapitel innerhalb eines Sekundenbruchteils.
Nun scheint mir gerade die Motivanalyse, wenn sie etwas systematisiert wird, als eine gute Möglichkeit, eine Aktantenanalyse quer zu den einzelnen Sätzen und damit über diese hinaus zu programmieren. Da die in den Satzteilen aber noch fehlerhaft und unvollständig ist, werde ich wohl weiter nach guten Algorithmen suchen müssen. Und gelegentlich vom Kurs abweichen und etwas ganz anderes machen, wie eben seit gestern abend.

13.10.2016

Wie sprechen?

Manchmal ist es (eigentlich) ganz einfach: mit Unbehagen sehe ich einer Ausweitung des Volksentscheids entgegen; Volksentscheide garantieren noch nicht eine Demokratisierung. Unbestritten dürfte sein, dass sich wissenschaftliche Ergebnisse (selbst, wenn diese sich später doch wieder als falsch erweisen) nicht durch Mehrheitsentscheide widerlegen lassen, weder der Klimawandel, noch die gender-Theorie oder die Verbrechen im Dritten Reich. Über Meinungen lässt sich natürlich streiten, aber über Tatsachen nicht.
Wichtiger als der Volksentscheid ist doch, dass die Begriffe diskutiert werden, dass ihr Für und Wider abgewogen, ihre praktische Relevanz erschlossen wird: vor der "demokratischen" Wahl kommt die Aufklärung; und mehr als die Wahl ist die Aufklärung das Wichtige an der Demokratisierung.

Julia Schramm und Hagen Grell

Mir ist eigentlich schleierhaft, warum Hagen Grell Julia Schramm so unsympathisch findet. Sie sind sich eigentlich ziemlich ähnlich. Gut, die Analysen von Grell sind schlechter als die von Schramm, dafür ist der Vernichtungswahn, der sich in manchen Aussagen von Schramm findet, greller als bei Grell. Dass die beiden inhaltlich zufälligerweise auf verschiedenen Seiten gelandet ist, machen sie durch eine ähnliche Struktur ihres teils pöbelhaften, teils sich elitär gebärdenden Redens wieder wett. Beide jedenfalls meinen etwas über das Deutsche und das (der/die) gender zu sagen zu haben.

Guter und schlechter Patriotismus

Mich treibt, ich hatte es ja schon geschrieben, seit etwa zwei Wochen das Buch Politische Emotionen von Martha Nussbaum um. Dazu mag ich noch gar nichts sagen, da ich viele Sachen von ihr noch nicht gelesen habe. Ich hatte auch schon geschrieben, dass ich ihr Buch „irgendwie“ wunderbar, aber unrealistisch finde. Es ist zu blauäugig (oder ich selbst bin bereits zu resigniert). Jedenfalls sieht Nussbaum im Patriotismus ein zwiespältiges Phänomen. Weder ist er von sich aus gut, noch von sich aus schlecht: er ist eben unter bestimmten Bedingungen gut, unter anderen schlecht.
Als eine erste Gefahr sieht sie die falscher Werte.

Verzerrte Männlichkeitsnormen

Das Attribut verzerrt

Man muss genau lesen. Etwas, was vielen Deutschen leider fehlt, Pisa lässt grüßen. So, wie Judith Butler nicht das biologische Geschlecht leugnet (was ihr aber oft vorgeworfen wird), findet sich bei Nussbaum keineswegs eine Ablehnung von Männlichkeitsnormen. Als falsche Werte listet sie nicht die Männlichkeit an sich auf, sondern „verzerrte Männlichkeitsnormen“, wobei unklar bleibt, was hier verzerrt und was nicht (was zum Teil aber auch daran liegt, dass ich dieses Buch noch sehr unvollständig gelesen habe, und, wie bereits oben gesagt, auch andere Werke von ihr noch nicht).

Werte und Normen

Ich weiß nur nicht, was solche Männlichkeitsnormen sein könnten. In den letzten Jahren bin ich einen anderen Weg gegangen: entlang der Unterscheidung von Werten und Normen bin ich zu Aristoteles zurückgekehrt. Niklas Luhmann bezeichnet Werte als Konstruktionen, die ein bestimmtes Verhalten als „gut“ hervorheben, Normen dagegen als Grenzen, ab denen bestimmte Sanktionen stattfinden.

Probleme mit Werten: Begründung und Konkretisierung

Beide Begriffe haben ihre Schwierigkeiten. So sind Werte nicht einfach nur „gut“, sondern werden mit verschiedenen Attributen belegt, die als gute gelten, z.B. schön, nützlich, human, patriotisch, usw. Und natürlich sind solche Werte nicht aus sich heraus gut: Sie brauchen eine gewisse Legitimation, also einen Begründungsvorgang; und auf der anderen Seite würden sie nicht so überzeugen, wenn es nicht eine gewisse Konkretisierung gäbe, die sie vermutlich zugleich ungebührlich einschränkt (man denke nur an die Schönheit, die von unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich beurteilt wird).

Probleme mit Normen: Egoistische Wurzeln

Genauso kritisch sind Normen zu sehen: diese bilden nicht nur absolute Grenzen, sondern finden sich häufig abgestuft: und je nachdem gibt es schwächere und stärkere Sanktionen. Zudem bilden viele dieser Normschwellen keinen juridischen, noch nicht einmal einen ansatzweise gerechten Tatbestand, sondern sind schlichtweg egoistisch. Nur bei Normen mit starken Sanktionen greift zunehmend der Staat ein und entzieht seinen Bürgern die Macht, Sanktionen auszuüben. Aber jemanden nicht zu beachten: das geht häufig.

Männliche Werte: biologisch und nicht-biologisch

Ich weiß, dass das nur ein Streit um Begriffe ist, aber ich möchte hier bei meinen Begriffen bleiben: es geht um Werte, bzw. um Tugenden (und nicht um Normen), mithin um praktische Werte, auch für so etwas wie die Männlichkeit. Nur kann ich mich an dieser Stelle nicht mit dem Begriff der Männlichkeit anfreunden. Entweder meint man die biologische Männlichkeit; die kann aber nicht tugendhaft sein, weil sie vor dem Bewusstsein und damit auch in gewisser Weise jenseits des Bewusstseins liegt.
Männlichkeit dagegen als Tugend zu bezeichnen, wird immer in gewisser Weise darauf hinauslaufen, dem bestimmte Tugenden zuzuschreiben, die eben nicht unbedingt männlich sind, sondern nur in einem losen Zusammenhang damit stehen (auch wenn man behaupten würde, diese seien bei Männern statistisch wahrscheinlicher). Damit wird aber die Berufung auf eine nicht-biologische Männlichkeit bei Tugenden genauso obsolet wie sie es für die biologische Männlichkeit sein muss. Es reicht hier schlichtweg, bestimmte Tugenden zu vertreten und zu leben.
Dasselbe gilt übrigens auch für „deutsche Tugenden“ – das Attribut deutsch ist dabei überflüssig.

Fehlgeleiteter Patriotismus

Nussbaum geht davon aus, dass der Patriotismus fehlgeleitet sein kann. Sie zählt dazu, wie eben gesagt, die falschen Werte, den Gewissenszwang und die unkritische Homogenität; etwas später fügt sie dem noch die verwässerte Motivation hinzu. Bilden die ersten drei Gefahren das, was ich gleich aus einer semiotischen Sicht mit Roland Barthes erläutern möchte, so ist die letzte Gefahr die eines Laissez-Faire, oder, wenn man so will, einer Politikverdrossenheit; jedenfalls ist dies die Dummheit oder Faulheit, sich nicht in aktuelle Diskurse einzumischen, oder sich in einer solchen Art und Weise einzumischen, dass die Dummheit und Faulheit einen starken Tenor dazu geben.

Dogmatisches und terroristisches Sprechen

Häufig hat mich an der offiziellen (und oftmals „feministischen“) Rede über Männer in Bezug auf Frauen die Undifferenziertheit gestört: wie ich oben dargelegt habe, spielt das Geschlecht in Bezug auf gelebte Tugenden nur eine locker assoziierte Rolle; nichts spricht dagegen, diese noch weiter aufzulösen. Der umgedrehte Fall erscheint dann, wenn bestimmte Tugenden nur mit einem aus den Hinterbühnen hervorgezauberten Geschlechtsmerkmal funktionieren. Roland Barthes hat hier zwei verschiedene Arten des ideologischen Sprechens unterschieden: den dogmatischen und den terroristischen Diskurs.

Dogmatisches Sprechen

Der dogmatische Diskurs besteht, grob gesagt, darin, dass jegliches Sprechen auf eine bestimmte Vorstellung (ein Signifikat, um es semiotisch zu sagen) bezogen wird, sei es in der positiven Aneignung des eigenen Sprechens, oder in der negativen Abwehr fremden Sprechens. Dies kann man im Moment sehr gut an den Neokonservativen und den Rechtspopulisten (wobei ich mich frage, was Linkspopulismus sein soll) studieren: deren Rede ist keinesfalls einheitlich, zum Teil sogar zutiefst gebrochen und widersprüchlich, manchmal geschmacklos wirr und manchmal einfältig monoton, aber das scheint alles keine Rolle zu spielen, solange man sich nur genügend zu einer gewissen, nicht näher definierten Idee, der des Deutschtums, bekennt. Es gibt dabei kein einheitliches Signifikat, obwohl dieses immer wieder behauptet wird.

Terroristisches Sprechen

Fast komplementär tritt dann der terroristische Diskurs auf: dieser entsteht dann, wenn es nur um die Wiederholung von Signifikanten geht, mit der Inklusion/Exklusion legitimiert wird. Der Signifikant ist ein materieller Zeichenträger, eine Fahne, ein Symbol, ein bestimmtes Wort oder ein Idiom. Glücklicherweise kenne ich das noch nicht vom Deutschsein, soweit sind wir noch nicht, und es besteht doch Hoffnung, dass wir nie so weit kommen werden. Aber ich fühle mich gelegentlich schon zu einem anderen Signifikanten hingedrängt, den zu wiederholen ich mich gezwungen sehe, gerade dann, wenn ich ihm den Status eines Begriffes zugestehen möchte, und das ist nun leider das Wort „gender“.

gender-Terror?

Ich hoffe schon, dass ich genügend deutlich gemacht habe, dass ich an diesem Begriff und an seinen theoretischen Bezügen generell nichts auszusetzen habe; dass ich ihn legitim finde. Und dass ich mich im Moment noch nicht dazu gedrängt fühle, gegenüber Rechtspopulisten damit vorsichtig umzugehen. Aber ich äußere doch gelegentlich schon recht deutliche Kritik daran, was darunter so alles verstanden wird, und jedes Mal sehe ich mich wieder dabei, dass ich zuerst – gebetsmühlenartig – ein Bekenntnis dazu schreibe, bevor ich Kritik äußere. Man muss die Feinheiten dabei hören: weder mag ich mich dem dogmatischen Diskurs einer naturalisierten Geschlechterdifferenz hingeben, noch möchte ich mich von dem terroristischen Diskurs einer rein signifikanten gender-Rede disziplinieren lassen.

Symbolische und ikonische Ressentiments

Sowohl der dogmatische als auch der terroristische Diskurs sind von Ressentiments durchzogen, die man symbolische Ressentiments (bestimmte Sachen dürfe man nicht sagen) und ikonische Ressentiments (bestimmte Sachen müsse man zeigen) nennen könnte. Beide sind vor allem an Normen gebunden und an die Abwehr „fremder“ Werte. So ist es in gewisser Weise nicht richtig, wenn Martha Nussbaum von ausgrenzenden Werten spricht; es handelt sich vielmehr um eingrenzende Unwerte, über die sich rachsüchtige und destruktive Werte (das Re-Sentiment) bilden und bei manchen Menschen nur auf diese Art und Weise bilden zu können scheinen (Hagen Grell und Julia Schramm sind dafür nur zwei Beispiele).

Das schöpferische Sprechen

Was bleibt?
Wie jede Sprache, so ist auch das, was man unter der „deutschen Sprache“ und der „deutschen Kultur“ versteht, ein heterogenes, unabgeschlossenes, zerfranstes Projekt. Will man dies nur in die Vergangenheit hinein verlängern, sich also auf Tradition und Bewahrung von Beständen stützen, müsste man mit dem Wahnsinn der Zerstückelung umzugehen lernen; ein, wie ich befürchte, recht mühsames, geistloses und unbefriedigendes Geschäft. Dies verlängert sich hinein in die Abwehrkämpfe, die im Namen der deutschen Kultur gegen fremde Kulturen und deren Einmischung ausgeführt werden.
Angstvoller, als dies die AfD in ihrem Parteiprogramm ausdrückt, kann man es wohl nicht sagen: „Die Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert, betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit.“ (S. 47) – Geschichtsblind allerdings ist, dass die modernen Werte, wie sie in den letzten 30 Jahren gelebt wurden, auf vielerlei Weise aus der europäischen Tradition entstanden sind, und trotzdem zu einer Heterogenität geführt haben, die weder einen Anschluss an das 18. Jahrhundert und damit z. B. an Kant und Mendelssohn einfach möglich machen, noch an Epochen, die noch weiter zurückliegen. Geradezu diffus widersprüchlich wird das Programm dort, wo es von einem „stets veränder[t], aber dennoch ... einzigartig[...]“ spricht, als gäbe es ein geheimnisvolles großes deutsches Wesen.
Was bleibt also? Der schöpferische Rest: man müsste und sollte, ungeachtet des biologischen Geschlechts und ungeachtet einer Rücksicht auf zumeist doch nur mythische Traditionen dem Vorgefundenen jene Lust abgewinnen, die zu eigenen Werken und einer eigenen Kultiviertheit führt. Kant oder Goethe sind dabei relativ egal; oder wer sich sonst noch so als bevorzugter Stern am deutschen Kulturhimmel tummelt. Zumindest daran sollte man sich ein gewisses Beispiel an den Neonazis nehmen: die sind mit Sicherheit nicht in der Lage, ein solches Werk wie die Kritik der reinen Vernunft auch nur ansatzweise zu verstehen. Und es muss ja auch nicht verstanden werden. Aber wenn es eine Tradition geben sollte, dann vielleicht genau diese. Warum soll man die Latte niedrig hängen, wenn sie schon einmal so hoch gehangen hat?
Für alle anderen sei noch einmal jene Empfehlung gegeben: schafft entlang den Tugenden, und nicht entlang der Ressentiments.
  • Barthes, Roland: Lust/Schrift/Lektüre. in ders.: Die Körnung der Stimme. Frankfurt am Main 2002
  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1986
  • Nussbaum, Martha: Politische Emotionen. Frankfurt am Main 2016

03.10.2016

Heute schon ein bisschen Weltkrieg gehabt?

Da haben wir es also wieder, wer nicht liest, ist gezwungen, die allergrößten Dummheiten zu wiederholen. Fräulein Franziska, derzeit amtierende Päpstin, hält die gender-Theorie für gefährlich. Diese sei ein Feind der Ehe; sie führe einen Weltkrieg, um die Ehe zu zerstören. Nun wissen wir (oder auch nicht), wie das mit Judith Butler und der Pornographie ist: eine Übertreibung kann in beide Richtungen weisen, sie kann eine Norm zersetzen oder eine Norm stabilisieren, je nachdem, wie man sie liest. Und so scheint es auch derzeit dem guten Franziskus zu gehen. Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen machen sich über ihn lustig.
Ich jedenfalls bin mal wieder erstaunt, was so alles in die gender-Theorie hineininterpretiert wird. Dort ist die Ehe nur gelegentlich und am Rande ein Thema, nämlich genau dann, wenn innerhalb der Ehe Ausbeutungsverhältnisse bestehen, wenn also die Ehe nicht individuelle Freiheiten ermöglicht, sondern beschränkt. Aber das ist wohl eher ein Thema des Feminismus, den man von der gender-Theorie deutlich abgrenzen muss.
Es fällt mir also schwer, Franziskus ernstzunehmen. Und es zeigt wieder einmal, dass die gender-Theorie, so wie sie bekämpft wird, ein selbst erschaffnes Feindbild ist, bei dem sich die katholische Kirche, der Rechtspopulismus und „reaktionäre Kräfte“ in ihrer Leichtgläubigkeit einig sind. Man bekämpft den Mythos, den man sich selbst erschaffen hat.
Aber natürlich ist das auch ein Trick, um sofort in diese subjektlose Projektion all diejenigen einzugemeinden, von denen man glaubt, sie würden diese Theorie vertreten; und damit glaubt man, nun auch die Menschen bekämpfen zu dürfen. Man könnte das Verzweiflung nennen, wenn man von den Folgen absehen könnte, die ein solches Freund/Feind-Denken verursacht.

Das mit Judith Butler und der Pornographie könnt ihr natürlich deshalb nicht wissen, weil der entsprechende Artikel zusammen mit der Plattform, auf der ich diesen veröffentlicht habe, verschwunden ist. Vielleicht sollte ich alle meine Artikel von dort für meinen Blog neu schreiben.

Inhaltsanalysen und anderes mehr

Lange Zeit habe ich hier nicht mehr geschrieben; sogar ein Mensch, der mir eigentlich nicht sonderlich nahe steht, hat nachgefragt. Was unter anderem aber auch daran liegt, dass eine gewisse Person vor einigen Jahren behauptet hat, ich sei gestorben. Und seitdem hält sich das Gerücht meines kurzfristigen Ablebens doch hartnäckig.
Was habe ich gemacht?

Bücher, Bücher, Bücher

Žižek und Scrum

Natürlich habe ich gelesen. Gelesen habe ich z.B. Žižek. Das ist nichts Neues. Allerdings habe ich mich etwas ausführlicher mit seinen Büchern Die Metastasen des Genießens und Parallaxe beschäftigt. Nebenher lese ich Bücher über Lacan, den Widmer (Subversion des Begehrens) und Borch-Jacobsen (Lacan - Herr und Meister) und Bowie (Lacan). Sehr fasziniert war ich auch von dem Buch Soziologie der Praktiken von Robert Schmidt, insbesondere von dem Kapitel über Scrum. Dazu muss man wissen, dass Scrum eine Organisationsform des Programmierens ist, die mit der früher üblichen Organisationsform deutlich bricht und eine „flache Hierarchie“ und metakognitive Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt. Die metakognitiven Kompetenzen, daran erinnert ihr euch vielleicht, haben mich über einige Jahre hinweg ziemlich beschäftigt, und da ich mich im Moment hauptsächlich mit dem Programmieren beschäftige, habe ich hier einen schönen Anknüpfungspunkt gefunden.

Politische Emotionen

Manchmal trifft man aber auch auf Bücher, denen man kein Wort glaubt, die einem aber in der Seele so gut tun, weil sie alles, worüber man resigniert, trotzdem behaupten. Ein solches Buch habe ich mit Politische Emotionen von Martha Nussbaum gefunden. Das erste, was mir an dieser Frau imponiert, ist, dass sie unglaublich belesen ist. Außerdem kann sie über weite Strecken dermaßen scharf argumentieren, dass ich mich kaum dieser blendenden Faszination entziehen konnte; ich war gefesselt, ich konnte mich nicht satt lesen. Und trotzdem. Ähnlich wie bei Hannah Arendt taucht auch bei Nussbaum in mir sofort Widerspruchsgeist auf, und ich würde mich jetzt gründlichst danach fragen, ob dies nicht daran liegt, dass ich es hier mit einer Autorin zu tun habe, also mit einer Frau, die Philosophie treibt, und dann auch noch politische Philosophie. Mich beruhigt, dass meine Reaktion auf Judith Butler und Luce Irigaray ganz anders gewesen sind.
Was beunruhigt mich nun an diesem Buch? Mich beunruhigt, dass die Emotionen hier ausschließlich politisch gelesen werden. Meine Auffassung von Emotionen ist deutlich durch die Evolutionsbiologie geleitet und dann vor allem auch durch die Aussage, dass man seinen Emotionen Widerstand leisten müsse, um zu einer gewissen Freiheit zu gelangen. Dieses letzte Argument stütze ich, wenn auch noch recht dürftig, zum einen auf Vygotsky, bzw. eigentlich noch auf Pawlow, der eine „Freiheitsreaktion“ in Bezug auf das eigene instinktive Handeln behauptet hat; und zum anderen auf die (ethische) Forderung der Psychoanalyse, sich der Gegenübertragung zu widersetzen, also sich nicht zum Spielball ansteckender Emotionen zu machen.
Das ist aber nur der eine Vektor, der mich gegenüber Nussbaum misstrauisch macht. Ein anderer Aspekt ist, dass sie deutlich all jene Emotionen bevorzugt, die Guilford als synthetische Emotionen beschreibt. Guilford hat die Emotionen in zwei große Kategorien eingeteilt, die synthetischen und die analytischen. Letzten Endes, so möchte ich behaupten, sind die analytischen Emotionen grundlegend für ein wissenschaftliches Neugierverhalten; und insofern kann ich den Ausführungen von Nussbaum nur bedingt folgen, da für mich die Wissenschaftlichkeit höher steht als demokratische Prozesse (die Nussbaum im Sinn hat).

Programmieren

Im Auftrag der Inhaltsanalyse

Habe ich noch mehr gelesen? Auf jeden Fall. In den letzten Wochen habe ich, wie ich schon einmal geschrieben habe, an einem Programm zur Analyse von semantischen Rollen gearbeitet. Eine semantische Rolle ist zunächst eine Kategorie, die man auf Satzteile anwendet. Es geht also um die Analyse eines Satzes, allerdings nicht in einem rein grammatischen Sinne, sondern in Bezug auf die Bedeutung des Satzes, wobei die Grammatik allerdings eine wichtige Rolle spielt. Ich hatte mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Und am Anfang hat es so ausgesehen, als würden sich diese Probleme einfach nur vervielfachen, und keines davon lösen lassen. Doch jetzt, einige Wochen später, konnte ich zumindest ein paar Annäherungen programmieren, die mich nicht vollständig verzweifeln lassen.
Befriedigend sind meine Lösungen allerdings noch nicht. Erstens stöbere ich (wie ein Wahnsinniger) in meinen linguistischen Büchern herum, immer auf der Suche nach Anregungen, wie ich meine Probleme noch lösen könnte. Zweitens habe ich mittlerweile ein Programm geschrieben, das wahrscheinlich dermaßen viele Wiederholungen und ähnliche Programmteile enthält, dass ein erfahrener Programmierer die Hände über den Kopf zusammen schlagen würde. Ich habe, in Bezug auf das Programmieren, noch keine vernünftige Ordnung gefunden, auch wenn das Programm mittlerweile hinreichend gut funktioniert.

Wozu programmiere ich das überhaupt?

Ziel ist so etwas wie eine Inhaltsanalyse, wobei es hier, bei mir, um ganz spezifische Techniken der Datenerfassung geht. Meine Idee ist, dass das Programm die semantischen Rollen von Satzteilen erfasst, und darauf eine Analyse ähnlicher und unterschiedlicher Muster aufbaut. Ich möchte also das, was ich an einzelnen Textabschnitten gezeigt habe, durch ein Programm systematisieren. Die Interpretation wird natürlich weiterhin den Menschen überlassen bleiben; die Auswahl der Muster sollte allerdings, soweit es möglich ist, von einem Computerprogramm geliefert werden.
Die nächste Herausforderung dabei ist allerdings, solche Muster überhaupt festzustellen, d. h. einen Algorithmus zu definieren, der bestimmte Muster herausarbeitet und auf andere Situationen überträgt. Damit bewege ich mich aber deutlich im Bereich der Künstlichen Intelligenz, einem Bereich, der für mich (noch) unerreichbar scheint.
Irgendwann soll dieses Programm folgendermaßen funktionieren: ich gebe eine Menge an Daten ein (Textdateien oder Internet-Adressen), die dann auf Muster hin durchsucht werden; schließlich werden diese Muster in verschiedenen Weisen grafisch dargestellt, sodass der Benutzer direkt auf diese zugreifen kann, und seine Interpretation darauf aufbauen kann.

Alice Munro

Schon lange wollte ich Kurzgeschichten von Alice Munro lesen, die den Nobelpreis für Literatur 2013 zugesprochen bekommen hat. Bisher hatte ich dazu keine Zeit. Jetzt habe ich es geschafft. Und aus den beiden Büchern – Tricks und Liebes Leben – immerhin eine Kurzgeschichte gelesen. Ganz bezaubernd. Wenn es von mir abhängen würde, aufgrund meiner doch sehr reduzierten Leseerfahrung, würde ich Munro tatsächlich den Nobelpreis der Literatur zusprechen. Andere waren schneller und klüger. C'est la vie, c'est la merde.

16.09.2016

Minecraft

Ich hänge mit meinem Programm gnadenlos hinterher. In den Sommerferien, so hatte ich groß getönt, würde ich die Videos zum Programmieren für Minecraft veröffentlichen. Vorher wollte ich noch: Python, HTML, CSS, Javascript und Unity 5. Javascript, dabei bin ich gerade, aber weiter noch nicht. Jetzt hat es mich doch genervt, und zumindest habe ich jetzt schon mal angefangen, selber für Minecraft zu programmieren.
Das ist übrigens ganz einfach. Eigentlich braucht man nur Grundkenntnisse in Python. Das Schwierigste daran scheint mir derzeit die Installation zu sein (die aber auch nicht so kompliziert ist). Das schöne beim Programmieren für Minecraft ist allerdings, dass man eigentlich schon eine fertige Umgebung hat, für die man nur noch kleine und kleinste Plugins schreiben muss. Man kann mit weniger als 20 Zeilen bereits das Spiel so abändern, dass neue, zum Teil ganz andere Spielverläufe möglich werden.
Schicke Sache, kann ich da nur sagen. Ich werde daran jetzt noch ein wenig weiter herum programmieren, und dann mal gucken, ob ich dafür einen Video-Kurs entwerfe.