02.04.2017

Kartographischer Impuls

Am Donnerstag sollte ich das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun anwenden. Das ist mir nicht so gut gelungen, wie man es aus meiner langjährigen Erfahrung damit annehmen sollte. "Schuld" daran war - unter anderem - das Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis von Sybille Krämer; dies hatte mich noch am Abend vorher zu einigen längeren Anmerkungen zum Kommunikationsquadrat veranlasst, von denen mindestens zwei meinen Blick auf dieses Modell deutlich verschieben dürften. Mit dieser vagen Ahnung im Hintergrund habe ich mit einigem Zögern diese kleine Kür (die Anwendung) über die Bühne gebracht.
Auch bei anderen Modellen schleicht sich jetzt, nach und nach, eine Deplatzierung ein, die ich als ungemein fruchtbar empfinde. Noch einmal ein Lob auf dieses Buch; ich befinde mich derzeit auf Seite 146, methodisch schreibe ich mir nur, Seite für Seite, Hauptbegriffe heraus, lese also noch nicht intensiv oder systematisch.
Einer der interessantesten Vorhaben dieses Buchs ist nun, die Erkenntniskraft der Linie herauszuarbeiten. Mithin geht es um so etwas wie eine Rhetorik der Linie, wobei mit Rhetorik hier nicht die "dunkle", sondern die "erhellende" Seite der Rhetorik gemeint ist. Darin spielt der Begriff »kartographischer Impuls« eine wichtige Rolle.
Krämer geht davon aus, wie das heute allgemein üblich ist, dass Wissen durch Handlungen angeeignet wird. Mithin versteckt sich unter der Formulierung ›Erkenntniskraft der Linie‹ die Frage, wie eine Linie eine Handlung strukturiert und leitet. Der kartographische Impuls wird von ihr dabei folgendermaßen definiert:
Die Projektion von Gegenständen des Erkennens auf quasi-räumliche Strukturen wird als eine Anordnung zur Orientierung der Erkenntnisbewegung selbst genutzt.
(Krämer, Sybille: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Berlin 2016, S. 146; Hervorhebung von mir)
Es ist klar, dass die Erkenntnisbewegung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Oftmals aber ist sie eine des Sammelns und Vergleichens, oder eine des Nachvollziehens/Nachkonstruierens oder Austestens. Bei der Aneignung eines Diagramms spielt die Beschreibung, das heißt die Übersetzung in ein anderes Medium, ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verkleinern (wie etwa die Karte eine Landschaft „verkleinert“). Dazu schreibt der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem berühmten Buch Das wilde Denken:
Welche Kraft verbindet sich also mit der Verkleinerung, mag sie nun den Maßstab oder die Eigenschaften betreffen? Sie resultiert, so scheint es, aus einer Art Umkehrung des Erkenntnisprozesses: wenn wir das wirkliche Objekt in seiner Totalität erkennen wollen, neigen wir immer dazu, von seinen Teilen auszugehen. Der Widerstand, den es uns entgegenstellt, wird überwunden, indem wir die Totalität teilen. Die Verkleinerung kehrt diese Situation um: in der Verkleinerung erscheint die Totalität des Objekts weniger furchterregend; aufgrund der Tatsache, dass sie quantitativ vermindert ist, erscheint sie uns qualitativ vereinfacht. Genauer gesagt, diese quantitative Umsetzung steigert und vervielfältigt unsere Macht über das Abbild des Gegenstandes; durch das Abbild kann die Sache erfasst, in der Hand gewogen, mit einem einzigen Blick festgehalten werden.
(Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973, S. 37; Hervorhebung von mir)

01.04.2017

Hof eines "Literaturskandals"

Ich fühle mich gelegentlich missverstanden, jawohl! Und warum?

Sachstand

Vor fünf Wochen hat Stefanie Sargnagel zusammen mit zwei anderen Autorinnen einen satirischen Text veröffentlicht. Das ist, wie vieles, erst mal an mir vorbeigegangen; genauer: ich kannte die Autorin bis dahin gar nicht. Kurz nach der Veröffentlichung des Textes hat eine österreichische Boulevard-Zeitung einen Schmäh-Artikel darüber veröffentlicht, aber nicht verstanden, dass dieser Text ein satirischer ist. Daraufhin folgte ein Shitstorm, während dem Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Sargnagel geäußert wurden.
All das ist aber bereits in zahlreichen Artikeln aufbereitet worden, zumeist mit deutlichem Unmut über jene Boulevard-Zeitung und den mehr oder weniger anonymen (und das heißt auch: sehr feigen), zumeist männlichen Hetzern und Rechtsverächtern.

Literaturskandal oder Fehllektüre?

Ich fand nun den Text, aus dem die ganze Debatte entstanden ist, eher mäßig, die Bezeichnung der Debatte selbst als Literaturskandal falsch: der Text ist alles andere als skandalös, skandalös ist nur die Fehllektüre. Gelegentlich finde ich mich recht konservativ; aber so recht ins konservative Lager passe ich dann doch nicht: ich hoffe, dass ich einer solch falsch-oberflächlichen Lektüre nicht fähig bin.
Jedenfalls hat ein Freund den Artikel herumgeschickt, in dem das Wort Literaturskandal auftaucht; ich habe dieses Wort kritisiert — und wurde beklatscht. Von wem? Ganz genau habe ich die politische Orientierung nicht herausbekommen, aber es waren wohl „Nationalisten“ oder diesen ähnliche Menschen.

Rechts oder links

Was ich mittlerweile in der öffentlichen Diskussion ganz erbärmlich finde, das ist diese Einteilung in rechts und links, in konservativ und sozialistisch, und was es dergleichen mehr gibt. Diese Kritik ist nicht neu; von mir erfunden wurde sie schon gar nicht. Trotzdem sei noch mal an die Prüfung erinnert, ob ein Begriff die nötige Tiefen- und Trennschärfe mit sich bringt, um mit ihm eine ordentliche Diskussion zu führen. Links und rechts besitzen diese Schärfe nicht. Konservativ bin ich auch, da ich von gewissen althergebrachten Werten nicht abweichen mag; Wissenschaftlichkeit, zumindest der Prozess der Verwissenschaftlichung gehört z.B. dazu, oder dass jeder Mensch, der schreibend tätig ist, ein gewisses Maß an philologischen Werkzeugen – Quellenangaben, Markierung von Zitaten, Begriffsbildung, oder die Trennung von Tatsache und Meinung – selbstverständlich verwendet. Im sogenannten konservativen Lager tummeln sich mir zu viele Menschen, die diese Präzisionsinstrumente nicht benutzen oder sie direkt missachten. (Aber das heißt natürlich nicht, dass nur diese Autoren kritisierenswert seien.)

Autorinnen in Marokko

Kaum einer der Artikel, sei es pro oder contra, setzt sich genauer mit dem tagebuchartigen Beitrag auseinander, den Stefanie Sargnagel und ihre beiden Mitstreiterinnen veröffentlicht haben. Dazu möchte ich, wenn auch nicht mit gebotener Gründlichkeit, einige literaturwissenschaftliche Anmerkungen bringen. Der Text ist eine Satire; als eine solche lebt er von der Übertreibung, von der Missachtung von Höflichkeiten, und vom Palimpsest.

Das Palimpsest

Das Palimpsest ist eine Textform, die den Stil eines Autoren oder einer Menschengruppe nachahmt, aber neue Themen benutzt. Sargnagel & Co. schreiben einen recht prolligen, angeberischen Text, der sich sehr bewusst auf dem Niveau von Menschen bewegt, die in ein fremdes Land reisen, um sich daneben zu benehmen. Dementsprechend ist der Text auch vollgestopft mit nichtssagenden Sätzen („Die haselnussbraunen Augen des Taxifahrers erinnern mich an Haselnüsse.“) und folkloristischen Klischees („Heute bin ich auf einem Kamel geritten, als wäre ich eine von ihnen [gemeint sind die Marokkaner].“).

Die Hyperbel

Die Hyperbel, oder auch Übertreibung, bildet die Grundlage für die meisten humoristischen Texte. Sie kann explizit oder implizit verwendet werden. Explizit ist eine Hyperbel dann, wenn sich die Übertreibung deutlich in einem Wort oder einer Wertung verdichtet („Schenkel so dick wie ein Walfischbaby“); implizit ist sie dann, wenn sie einen Text mit unstimmigen oder verfremdenden Wörtern und Metaphern anreichert, oder ein zutiefst banales, lächerliches, störendes oder unhöfliches Bild mehrfach wiederholt (der Running Gag). Explizite Hyperbeln gibt es im Text einige („Wenn ich groß bin, möchte ich wie André Heller sein, nur schlimmer.“), zum Teil ironische („Ich habe mein Handy im Taxi zum Flughafen liegen lassen und es tatsächlich in letzter Minute wiederbekommen. Das war nicht sehr authentisch.“). Implizit sind Hyperbeln dort, wo sie beständig in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden, hier z.B. das Kiffen und der Muezzin (dieser taucht ein letztes Mal in folgendem Satz auf: „Maria hat mit dem Muezzin geschmust.“).

Die Missachtung von Höflichkeiten

Einer der Aufreger in diesem Text war folgende Stelle: „… und wenn wir uns spätnachts willig zu ihnen an den Strand setzen, wollen sie eingraucht UNO spielen. Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zu viel versprochen.“ Das allerdings ist ziemlich grob, passt aber in den prolligen Tonfall der gesamten Satire.

Literarische Wertung

Wie ist dieser Text zu werten? Es ist kein großartiger Text; die Idee, eine patriarchale Sprachform zu usurpieren, ist nicht neu, verliert deshalb aber nicht an Charme. Die Nachahmung dieser Untiefen macht es natürlich schwierig, darin noch etwas Tiefes aufscheinen zu lassen. Trotzdem gibt es solche Texte; aber diese sind dann von größeren Autoren und Autorinnen, Heine etwa, oder Tucholsky, oder manche Briefe von Rosa Luxemburg.
Mir fehlt die dritte und vierte Bedeutungsebene unter der Oberfläche des Textes, also all jenes, was die launigen Albernheiten dann doch noch in etwas „Philosophisches“ verwandeln, oder zumindest in etwas „Lehrreiches“. Mit anderen Worten ist diese Satire ein Gebrauchstext, besser als viele Satiren, weil sie selbstironisch ist und mit einigen durchaus amüsanten Sinnbrüchen daher kommt. Es fehlt, wie gesagt, das Überalltägliche und Zeitlose. Der Text ist für einen kurzen Ausschnitt aus einer Epoche gedacht, nicht für die Epoche selbst (wie auch immer man diese nennen mag) oder über die Epoche hinaus. Schon die Skandalisierung durch die Kronen-Zeitung erweist ihm zu viel Ehre – oder zu wenig, wie man es nimmt.

Der Skandal der Skandalisierung

So ist die Satire keineswegs eine skandalöse. Sie wäre untergegangen in der alltäglichen Flut an Gebrauchstexten, wenn, ja wenn eben nicht die Kronen-Zeitung sich darüber ausgelassen hätte, bis hin zu dem Umstand, dass die Reise der Autorinnen mit einem Stipendium von 750 Euro gefördert worden wäre. Diesen Betrag muss man sich nun vorstellen! Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ein Staat gelegentlich Steuergelder verschwendet, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Misswillen. Ich muss die Beträge nicht nachgoogeln, um sagen zu können, dass darin 750 Euro den geringsten Teil des Übels ausmachen, wenn es denn ein Übel war.
Die Folgen des Kronen-Artikels sind bekannt: justiziable Drohungen, Veröffentlichung der Privatadresse der Autorin in einem nicht wohlgesonnenen Medium, Ermittlung der Staatsanwaltschaft und Polizei gegen die Straftäter wegen Aufruf und Bekundung zu schweren Rechtsverletzungen. Das ist dann tatsächlich skandalös. -
Der Autor jenes Artikels, der das Wort Literaturskandal ins Spiel gebracht hat, hat wohl das Richtige gemeint. Allein verstellt das Wort den Tatbestand: hier sind Teile der Bevölkerung dermaßen verroht und entkultiviert, dass sie ohne Zögern dem Terror dienen. Der islamische Terror, den viele befürchten, ist - zumindest als Terror, nicht als islamischer - längst in unserer Gesellschaft angekommen. Fragt sich da noch jemand, ob die Neonazis der IS vorzuziehen sei? Beide haben die Grenze des Zulässigen längst überschritten, beide sind Feinde der offenen Gesellschaft; und das Argument der islamischen Radikalisierung wirkt aus dem rechtsradikalen Mund so schal und verlogen wie deren Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, zum Patriotismus und zur deutschen Kultur. Was dagegen ist, moralisch gesehen, ein satirischer Text, der keine Zeitlosigkeit beanspruchen darf?

Jörg Rüdiger Meyer

Ich twitterte also; und ein Jörg Rüdiger Meyer antwortete: „Das Problem der zeitgenössischen Linken ist, dass sie für alles sind, wogegen die Rechten sind. Eine Intellektuelle Einbahnstraße.“ Auf diese Antwort habe ich zunächst allergisch reagiert. Das Attribut „links“ wird heute von den „Rechten“ für all diejenigen verwendet, die nicht die „rechte“ Meinung bedenkenlos nachplappern; was dann auch Kant-Leser, Wittgenstein-Exegeten oder Altliberale im Sinne Dahrendorfs oder Whiteheads, Simmels oder Arendts mit einbegreift. Dazu gehören Fehllektüren der gender-Theorie oder der Politik der Grünen. Der Reflex, dieses nicht ernst zu nehmen, ist bei mir stark, weil eine entsprechende Begründung fehlt, weil sich noch nicht einmal Äußerungen ausmachen lassen, die über das Pejorativ oder die argumentationslose Zustimmung hinausgehen.
Zwei Gründe machen mir solche Plärrer höchst unsympathisch: ihr undifferenziertes Menschenbild samt seiner Folgen, und die Langeweile, die mich beim Lesen solcher Texte ergreift.
Nun gehört Meyer gerade nicht zu solchen Gruppierungen. Zwar nennt er sich „nationalliberal“, was mich in Habacht-Stellung bringt. Doch seine Artikel sind zumindest nicht langweilig, auch nicht undifferenziert.
Bei ihnen passiert mir das, was mir derzeit bei vielen politischen und politisch-philosophischen Texten passiert: ich komme zu keiner eindeutigen, noch nicht einmal zu einer tendenziellen Wertung. Allein: ich spüre eine gewisse Distanz. Meyers Texte sind im Vogelflug geschrieben. Ich bezweifle eine solche überhöhte Position, und es mag dahingestellt sein, ob diese schlichtweg nicht möglich ist oder einfach für mich (noch) nicht vorstellbar.

29.03.2017

Figuration, Anschauung, Erkenntnis - Sybille Krämer

Dass ich mich mit Wittgenstein beschäftige, ist nichts Neues. So langsam dringe ich in die "tieferen" Regionen der Philosophischen Untersuchungen ein; ich lasse mir Zeit, erfinde mir Beispiele drumherum, sammle Beispiele, kommentiere diese - ich versuche nicht nur die Inhalte des Wittgensteinschen Philosophierens zu verstehen, sondern dessen Praxis. Eine Nachahmung des Schreibstils gehört dazu. Sie kommt mir entgegen, als ich das fragmentierte, kommentierende Schreiben seit dreißig Jahren pflege.
Weil es nun dazugehört, sich mit anderen Autoren auseinanderzusetzen, die zu gleichen oder ähnlichen Themen arbeiten oder über Wittgenstein schreiben, ist mir Sybille Krämer aufgefallen. Ihr Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie behandelt den Erkenntniswert von Diagrammen als auch, in einem Kapitel, dem neunten und letzten, Wittgenstein als wichtigen Autoren.
Mit dem Lesen komme ich langsam voran; ich befinde mich auf Seite 70, und das ist auch nur der Tatsache geschuldet, dass ich nicht aufhören kann zu lesen. Ob es ein kluges Buch ist, vermag ich nicht zu sagen. Dazu fehlt mir der Überblick, der mich in eine gewisse überlegene Position bringen würde. Anregungsreich ist es allemal. Ich bringe alles mit ein, was mich letztes und dieses Jahr beschäftigt hat: die Geometriedidaktik und UML, und die Jahre zuvor, vom Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun, über das Rubikonmodell Heckhausens und meine Abwandlung für die Erzählpraxis, das Intelligenz-Strukturmodell nach Guilford, und dann natürlich meine eigenen, kleinen und zahlreichen Skizzen, die ihren hypothetischen, nie zum Ende gelangenden Charakter nicht leugnen können.
Krämer nun beschreibt, welche Rolle Diagramme für die Entwicklung von Wissenspraktiken und Denkmöglichkeiten, für Beweiskraft und Erfindungshaltung, für kognitive Mobilität und kognitive Kreativität spielen. Beschreibung ist hier fast wörtlich zu nehmen, denn was die Autorin vorlegt, ist eine sich dicht an der Anschauung bewegende, sparsame Interpretation. Trotzdem, oder gerade deswegen, kann mich dieses Buch auch so begeistern: es liefert sich eben keinen Spekulationen aus, vor allem keinen unmarkierten. Unmarkierte Spekulationen sind heute gängige Praxis: man diskutiert sie als fake-news, als zugehörig zum postfaktischen Zeitalter. Spekulationen aber sind eben auch ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis, werden dort aber als z. B. Hypothesen ausgewiesen. Und auf der anderen Seite ist diese einfache, gelegentlich schlichte Beschreibung mit einer Sprengkraft versehen, die daraus entsteht, dass wir uns zu sehr an einen einseitigen Gebrauch von Diagrammen gewöhnt haben. Dass unser einseitiger Gebrauch überhaupt ein einseitiger ist, wird deutlich, wenn man geduldig die Merkmale und Bedingungen von Diagrammen herausarbeitet. Dies gelingt Sybille Krämer vorzüglich.
Natürlich kann ich noch nicht annähernd ein allgemeines Urteil zu diesem Buch abgeben. Es ist sehr klar geschrieben, aber mit Fachvokabular; ich kann mir vorstellen, dass es Menschen, denen die Kulturwissenschaft mit ihrem Begriffsapparat gar nicht geläufig ist, stellenweise Mühe haben werden, die Aussagen zu verstehen. Trotzdem ist es kein unverständliches, kompliziertes, mit Fachchinesisch verdunkeltes Buch: dazu ist es zu klar strukturiert; dazu ist auch der Anspruch, die Erkenntnisleistungen von Diagrammen in der Alltagskultur zu beschreiben, durch unsere Teilhabe an diesem Alltag zu vertraut: es gelingt rasch, die Beispiele mit eigenen Beispielen und damit mit (Weiter-)Denkmöglichkeiten zu ergänzen.
Meine Notizen, die ich gerade in meinem Arbeitsheft sammle, umfassen mittlerweile zahlreiche Seiten, genauer gesagt um die zwanzig. Insbesondere hat mir die Unterscheidung verschiedener Linien innerhalb von Diagrammen sehr imponiert. Linien, so Krämer, repräsentieren etwas, und dieses Etwas kann je verschieden sein. So einsichtig dieses Argument ist, so blind ist man dafür, dies beim Betrachten und Benutzen von Diagrammen deutlich und systematisch anzuwenden. Genau dies habe ich dann auch (zumindest ein Stück weit) in den letzten beiden Tagen nachgeholt. Und konnte einigen altbekannten Modellen (wie z. B. dem Kommunikationsquadrat) überraschende, neue Erkenntnisse abringen.
Mein bisheriges Fazit: ein wunderbares Buch. Selbst für diejenigen, die eher nicht mit Kulturwissenschaften zu tun haben, dürfte es sehr fruchtbar sein, denn natürlich befasst sich die Autorin auch mit mathematischen Diagrammen, geometrischen Beweisen, Zeichnungen von Maschinen, etc.; also kommt der Naturwissenschaftler nicht zu kurz, und findet hier, wenn ihm dies nicht naheliegt, doch einen Eingang in die Denk- und Argumentationsweisen einer kulturhistorischen und diskursanalytischen Betrachtung.

25.03.2017

Programmieren ist nicht gleich Programmieren

Ich liege in den letzten Zügen eines Kurses, der Python - From Beginner to Master heißt, und ich schlage mich sehr gut. Eher langweile ich mich sogar. Wenn ich ihn beendet habe, werde ich ein Zertifikat erhalten, dazu mir schon mal herzlichen Glückwunsch im Voraus.
Nützen allerdings tut das nicht viel, vorher nicht, nachher nicht. Beim Programmieren selbst sucht man doch wieder herum, verschiebt, erprobt, hat es mit den seltsamsten Fehlern zu tun. Nach einer durchwachten Nacht habe ich z.B. einen Fehler gefunden, auf den man so zuallererst wirklich nicht stößt, auf ein unsichtbares Zeichen, das sich in einer Zeichenkette versteckt, eben, weil es unsichtbar ist, von mir nicht gesehen wurde, aber vom Computer schon, und so hat er damit gerechnet und ich nicht - und deshalb war plötzlich alles falsch.
Jetzt funktioniert alles, wie ich es haben möchte. Also wie ich mir mein Zwischenziel gesetzt habe. Fertig bin ich noch lange nicht. Irgendwie sollte ich jetzt schlafen gehen, aber irgendwie lockt draußen auch gerade die Sonne.

24.03.2017

Datenbanken und XML

Ganz nebenbei: ich habe mich (noch einmal) Datenbanken und XML in Python beschäftigt, diesmal ziemlich intensiv. Eigentlich ist die Sache an sich unproblematisch; viel eher hat es bei mir in der Vergangenheit daran gehabt hat, dass ich kein Ziel vor Augen hatte, also ein Programm, bei dem es mich wirklich interessiert hat, es zu programmieren. Und so war auch jetzt der größere Erkenntniswert dass ich diese beiden Techniken in ein Programm zusammengeführt habe.

21.03.2017

Kollektive Identität

Seit anderthalb Wochen "bastle" ich an der Analogie herum. Hintergrund ist dreierlei: (1) Ich habe mich längere Zeit mit der Analogie beschäftigt, deren grundlegende Erklärung allerdings auf einem Portal veröffentlicht, welches seit zwei Jahren offline ist. Deshalb erschien es mir sinnvoll, diesen Artikel herüberzuholen. (2) In den letzten Jahren habe ich mich, wenn auch nicht zentral darauf bezogen, mit der Analogiebildung beschäftigt. Dazu gehören solche Gebiete wie: Didaktik der Arithmetik und Geometrie, Programmieren, Modellieren. Dabei hat sich meine Sichtweise deutlich verschoben. Dem müsste ich sowieso Rechnung tragen. (3) Über das Programmieren und Wittgenstein bin ich in den letzten Wochen wieder sehr intensiv mit der Analogiebildung beschäftigt gewesen.
Hier sind nun einige Notizen, die eher in den Bereich der Wissenschafts- und Ideologiekritik gehören, zumindest Vorstudien zu einer solchen sein könnten.

Kollektive Identität als durch Analogie gewonnener Begriff

Straub nennt den Begriff der ›kollektiven Identität‹ eine analogisierende Übertragung, die er „alles andere als unproblematisch“ (83) bezeichnet. Später (96) kritisiert er, dass der Begriff des ›Kollektivs‹ und der ›kollektiven Identität‹ ähnlich oder identisch gebraucht werden.
Als weitere Problematisierung macht Straub geltend, dass kulturelle Praktiken an der personalen Identität mitwirken (97). Damit kann zweierlei gesagt werden: dass personale und kulturelle Identität sowieso nicht voneinander abgrenzbar sind; oder dass hier eine Verwechslung vorliegt, die Merkmale der personalen Identität, oder auch dessen Genese, mit denen der kulturellen Identität ungebührlich vermischt und gerade durch die Analogie nicht zu einem besseren Verständnis von kulturellen Identitäten kommt.
  • Straub, Jürgen: Personal und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. in Assmann, Aleida/Friese, Heidrun (Hrsg.): Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität Bd. 3. Frankfurt am Main 1998, S. 73-104

Personale Identität

Aber die personale Identität kann aus vielerlei Aspekten bestehen; und der vielleicht schlechteste Aspekt ist der grammatische, also jenes ›Ich-Sagen‹.
Man kann die personale Identität auch darin suchen, wie sich die Kohärenz eines Weltbildes herausbildet, und dieser gegenüber dann auch die Kohärenz des Selbsts. (Aber eine solche Auffassung setzt natürlich voraus, dass das Selbst aus dem Weltbild abgeleitet wird.) — Und hier muss man dann auch verstehen, dass Kohärenz ebenfalls ein grammatisches Phänomen ist, allerdings ein ganz anderes, als an die Subjektstelle des Satzes ein ›Ich‹ zu setzen.

Nachahmung und Modell

Die Analogie ist eine Übertragung einer Struktur, nicht einer Ähnlichkeit.
Diese Behauptung kann man allerdings nicht ganz so einfach stehen lassen: wenn ich sage, dass sich die Beine eines Hundes zu dem Hund selbst wie die Räder eines Autos zu dem Auto verhalten, dann handelt es sich um eine Verbalmetapher, die durchaus eine gewisse „Ähnlichkeit“ impliziert. Es ist eben eine ähnliche Bewegung. Und ich kann die Ähnlichkeit dadurch deutlich machen, dass ich sage: Der Hund ist von Ort A zu Ort B mithilfe seiner Beine gelangt; und ebenso ist das Auto von Ort C zu Ort D mithilfe seiner Räder gefahren; beides war ein Ortswechsel, und wie die Qualität dieses Ortswechsels war, das ist an dieser Stelle nicht so interessant.
Und was ist daran anders, als wenn ich das Modell unseres Sonnensystems auf das Modell des Atoms übertrage, oder wenn ich den Uroboros auf den Benzolring anwende?
Denn offensichtlich sind sich die beiden Modelle jeweils immer ähnlich; und wie das Atom und der Benzolring aussehen, weiß ich immer noch nicht. Dazu fehlt mir die sinnliche Wahrnehmung des Originals.
Kann man dann überhaupt etwas aus dieser Analogie schließen? Nun, offensichtlich liegt ja ein Erklärungswert darin, und darauf kommt es wohl an.

Der Weg der Analogie

Was aber bedeutet nun ›übertragen‹? Denn dabei handelt es sich offenbar um eine Metapher, so als würde ich eine Wahrnehmung von einem Ort zu dem anderen transportieren (und meine Erinnerungen sind dabei das, was für den Hund die Beine sind).

Die Gleichheit fühlen

Kann man das vielleicht so sagen, dass man eine Gleichheit fühlt, z.B. zwischen einer Metapher und dem eigentlichen Wort? Und wer diese Metapher nicht versteht – und es gibt ja Menschen, die bestimmte Metapher nicht verstehen – ist in diesem Sinne eben gefühlsblind.
Aber was wäre das für eine Art von Fühlen? Und wäre dieses Fühlen eher rezeptiv, eine Gleichheit erkennend, oder produktiv, eine Gleichheit herstellend? Hier gibt es eine ganze Menge an Fragen! – Warum z.B. hat man eine Gleichheit vorher nicht erkannt, und erkennt sie jetzt (wenn die Gleichheit als rezeptiv angenommen wird)? Oder was ist das für eine Gleichheit (zwischen zwei Elementen), wenn ich diese erst herstellen muss? Hier scheinen mir ganz viele Probleme in einem winzigen Stück Welt zusammengeballt zu liegen (die Metapher ist das Symbol für allerlei Sprach- und Verständnisprobleme).

19.03.2017

Guter Ratschlag zur politischen Situation

Statt sich in Bereichen mit verfallender Überzeugungskraft kontrafaktisch-normierend zu bewegen, dürfte es den Vorzug verdienen, die Differenz zu formulieren. Dies kann nicht mit einer bloßen Kritik der alteuropäischen Begriffsbildungen oder Analogieschlüsse geschehen. Das führt nur zur Abstraktion von Residuen der Tradition, die ihrerseits dann >nonkonformistisch< vertreten werden müssen. So endet man schließlich in einer fragwürdigen Polemik gegen >Konformismus< - nur um Konformität mit >Nonkonformismus< zu erwarten. In dieser Situation bietet sich der Versuch an, von hoffnungslosen zu unwahrscheinlichen Konzeptualisierungen überzugehen.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1988, S. 288
Hervorhebung von mir
Ich habe vorhin eine Liste mit Begriffen angelegt, die sich derzeit als Streitbegriffe renommieren. ›Konformistisch‹ war einer davon, und deshalb hier der hübsche Fund (der auch gegen Habermas gerichtet ist).
Allerdings funktioniert Luhmann's Idee nur, wenn sich die funktionale Differenzierung breitflächig durchsetzt. Im Moment erleben wir nicht nur eine Rückkehr alteuropäischer Semantiken (gemeint sind Begriffsbildungen der Aufklärung und der Renaissance), sondern gelegentlich sogar eine von mittelalterlichen (Patristik und Scholastik); aber es mutet seltsam an, wie sich diese Phänomene zwischen den ganz modernen, dem Internet und der Virtualisierung, ausnehmen.
Zwischendurch habe ich fleißig weiterprogrammiert; derzeit in der Anwendung von UML, ich sagte es bereits. Zudem habe ich einige weitere Befehle ausprobiert, aus der Basisbibliothek von Python.

Wollen

1.
Beim Willen kommt es auch darauf an, WAS ich will. Ich will meinen Arm heben: aber ich kann ihn heben und eben das ist zugleich das Wollen. Aber wenn mein Arm in Gips ist, kann ich ihn nicht heben, obwohl ich es will, weil es mich z.B. unter dem Arm juckt.
2.
Kann ich das sagen: Ich will, dass es mich unter meinem Arm nicht mehr juckt; auch wenn ich weiß, dass ich nichts tun kann.
Und was mache ich, wenn ich etwas Unmögliches will?
3.
Aber ist es nicht Voraussetzung für den Willen, dass man nichts tun kann? Man kann auch sagen: ich kann mir mein Tun nicht vorstellen. Und eben das verändere ich durch meinen Willen.
4.
Ich habe etwas gewollt und habe es erreicht. Nun ist mein Wille zu Ende.
5.
Ich will etwas, aber ich weiß nicht was. - Ist das ein Anfang des Wollens?
6.
Betrachte andere Sätze des Wollens:
Ich will, dass du ehrlich bist.
Ich will ins Kino gehen.
Ich will Programmierer werden.
Ich will ein Mond aus grünem Käse werden.
Es macht schon einen Unterschied, ob man einen Zustand oder eine Handlung will. Weil es einen Unterschied macht, ob man einen Zustand oder die Herstellung eines Zustands in den Blick nimmt.
7.
Das transzendente Objekt ist nur deshalb ein Punkt, weil ich es nie fassen kann. Der Punkt ist das Unfassbare.
8.
Das Wollen unterscheidet sich aber auch danach, ob es einen Widerstand gibt.
Ich habe den Arm gehoben, weil ich es wollte. (Und ich sagte nicht: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es wollte; genauso wenig wie: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es nicht wollte.)
Ich wollte den Arm heben, konnte es aber nicht. (Der Gips hinderte mich daran.)
Beide Male drücke ich eine Kausalität aus.
9.
Ich will, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Warum ist eine solche Aussage lächerlich? Nun, es gibt keinen Widerstand gegen die Aussage. Oder wenn es einen Widerstand gibt, dann nicht durch die Erde oder die Sonne (Galilei und die Kirche).
(Eine unkomplizierte Möglichkeit und eine unkomplizierte Unmöglichkeit sind dem Willen gleich.)
10.
Ich will, dass sich die Erde nicht mehr um die Sonne dreht.
Auch diese Aussage ist lächerlich. Aber warum ist sie lächerlich? Vielleicht, weil es nichts zu tun gibt. - Aber man kann es sich ja trotzdem vorstellen. Und wenn man versucht, die Welt entsprechend zu ändern, wird man eben scheitern.
11.
Sieh den Willen als das Experiment an, wie ich eine Kausalität in der Welt ändern kann. (Aber die Kausalität ist ein Produkt meiner Vorstellung.)
12.
Ich möchte erfahren, wie sich die Welt ändern lässt, und manche dieser Erfahrungen sind billig, andere unmöglich.
13.
Ich will mir ein Brot schmieren. - Warum sagst du das und tust es nicht einfach? Es hindert dich doch niemand.
14.
Im Willen erfahre ich die Hindernisse der Welt. Ich erfahre auch ihre je eigene Qualität und Intensität. - Hier ist die Erfahrung aber eine Begleiterscheinung meines willentlichen Tuns.

18.03.2017

eine Praxis erklären

Eine Praxis zu erklären heißt, zu erklären, wie sie notwendig mit ihren Effekten und Wirkungen verbunden ist. (Jede "Praxis" ist eine einzelne Situation. Es widerspricht der Handlung, zusammengefasst zu werden.)

17.03.2017

Große deutsche Lyrik; und wofür sich Türken schämen sollten

Es gibt sie noch, die große deutsche Lyrik. Thomas Gsella hat ein Gedicht auf den Jahrestag eines Schmähgedichts geschrieben. Das ist herrlich, zeugt von der Beherrschung der deutschen Sprache und trifft scharf.
Erdogan dagegen ruft zum Kinderkriegen auf. Und macht sich mit seiner Aussage
„Die türkische Justiz ist zweifellos gerechter, unabhängiger und unparteiischer als die deutsche Justiz.“
mal wieder völlig lächerlich. Zu den neuesten Entgleisungen Erdogans siehe Erdogan ruft Türken in Europa zum Kinderkriegen auf.
Wenn ich Türke wäre, würde ich mich für Erdogan aber sowas von schämen. Ich schäme mich ja selbst ein wenig für so viel Unsinn, obwohl ich dem Fremdschämen abgeschworen habe.
Übrigens habe ich gerade wieder auf Facebook einen solchen Selbstgerechten an der Backe; Erdogan ist entschieden kein türkisches Problem, und wer sich nicht als Autokrat im großen Stil etablieren kann, tut es eben im kleinen.

Dem darf ich noch einen kurzen, persönlichen Lagebericht hinzufügen:
Wittgenstein weiterkommentiert, wie immer mit allerlei Nebenliteratur im Schlepptau
den Winter über habe ich mich in UML eingearbeitet und viel zu wenig programmiert: gerade sitze ich an einem umfangreicheren Grafikprogramm; und verstehe UML erst jetzt so richtig, bzw. lerne gerade die gute Anwendung (für Neulinge: UML ist eine Sammlung von Methoden, um sich das Programmieren komplexer Anwendungen übersichtlich zu machen)
Politik nervt; aber politische Philosophie ist klasse (lese, kommentiere recht viel Habermas: der ist mir weiterhin suspekt - ich hatte mich einst, vor mittlerweile 25 Jahren, für Niklas Luhmann entschieden; und so sehr ich auch Habermas' Kleine politische Schriften anregend finde, so sehr bleibt mir seine Art von Hintergrund unter Dogmatismusverdacht, will sagen, dass ich mit meinem Luhmann immer noch sehr glücklich bin)

15.03.2017

Die Stimme der Vernunft

Die Stimme der Vernunft zeichnet sich wohl vor allem durch eine Eigenschaft aus: sie ist zu langsam.
Ich lese weiter meinen Wittgenstein. Dazu entstehen, manchmal wie im Flug, manchmal wie im Fieber, Notizen. Schon lange hatte ich nicht mehr eine so produktive Phase; Cavell, dessen Buch Der Anspruch der Vernunft vielleicht nicht die originellste Auslegung der Spätphilosophie Wittgensteins ist, aber eine sehr schöne und anregungsreiche, hat daran seinen Anteil. Dass ich darin im Moment noch keine Ordnung sehe, kommt mir allerdings nicht ganz so schlimm vor. Weiterhin schreibe ich neben den Fragmenten und Kommentaren kurze, meist ebenfalls fragmentarische Artikel, mal zur Mimesis bei Benjamin, mal zur hate speech bei Butler, mal zur Geometriedidaktik und mal zum Umgang mit Schülerfehlern, mal zu den Äußerungen Höckes und mal zu denen eines Erdogan (bzw. der Journalisten, die darüber berichten). (Es geht also "quer durchs Gemüse".)
Cavell schreibt also z.B.:
Die innere Despotie der Konvention besteht darin, dass nur, wer ihr Diener ist, wissen kann, wie sie sich zum Besseren verändern lässt, oder weiß, warum sie abgeschafft werden soll. Allein die Meister eines Spiels, nur diejenigen, die dem Projekt vollkommen dienen, sind in der Position, Konventionen aufzustellen, die dessen Wesen mehr entgegenkommen. Aus diesem Grund können tiefe revolutionäre Veränderungen dem Versuch entspringen, ein Projekt zu bewahren, es auf seine Idee zurückzuführen, die Verbindung zu seiner Geschichte nicht zu kappen.
Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Berlin 2016, S. 218

09.03.2017

Autsch, die Analogie

Das Deutsche und der Deutsche verhalten sich wie Lamm und Metzger.
Soll Deniz Yücel gesagt haben. Oder, frei nach Lichtenberg (und damit von mir):
Viele Deutsche besitzen ihre Kultur wie der Eunuch seinen Harem.
Das ganze gehört dann wohl in die Rubrik Analogie. Diese hatte ich mal, in einer fremden Zeitung, als einen zentralen Mechanismus des Humors herausgestellt. Mittlerweile ist diese Zeitung verschwunden und ich sollte das dann mal hier neuveröffentlichen.

08.03.2017

Lesen und Schreiben (zu Sartre)

Eine der Spannungslinien, denen ich zur Zeit folge, ist die Verbindung zwischen Sartre und Wittgenstein. Die beiden Philosophen sind nun so unterschiedlich, dass sich zuerst nur flüchtige Berührungspunkte gebildet haben.
Allerdings ist Sartre für sich alleine schon recht faszinierend. Im Folgenden umreiße ich kurz seine Idee vom Lesen und Schreiben. Darauf soll dann eine Darstellung des Begriffes "engagierte Literatur" geben (in einem späteren Artikel). Engagierte Literatur ist oftmals sehr missverstanden worden. Um diesen zu verstehen, muss man zunächst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bei Sartre begreifen und welche gesonderte Stellung der Umgang mit dem prosaischen Wort darin einnimmt. Dieses erscheint in den Tätigkeiten des Lesens und Schreibens.

Sekundärer Modus des Handelns

Sartre stützt sich zunächst auf das phänomenologische Bewusstsein bei Husserl und Heidegger, nimmt jedoch eine entscheidende Änderung vor. Kern des phänomenologischen Bewusstseins ist die Einheit einer Dualität: die von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt. Beides geschieht zusammen, stellt aber zwei unterschiedliche Phänomene dar. Banal formuliert: wenn ich diesen Hund sehe, dann ist der Hund der Erkenntnisinhalt, während in meinem Blick der Erkenntnisakt zu suchen ist.
Die Formulierung Erkenntnisakt weist bereits darauf hin, dass hier eine Aktivität vorliegt. Konform mit der Neurophysiologie begreift Sartre das Wahrnehmen nicht als Passivität, sondern als Handlung.
Indem der Mensch nun handelt, überschreitet er seine momentane Wirklichkeit, enthüllt ein Stück anderer, neuer Wirklichkeit und verändert sie damit insgesamt. Dies ist der primäre Modus des Handelns, den Sartre auch "objektivieren" nennt.
Zugleich damit findet aber auch ein "Subjektivieren" statt: die Handlung wirkt auf das Bewusstsein zurück und verändert es. Dies ist der sekundäre Modus des Handelns. Sekundär ist dies deshalb, weil unser Bewusstsein sich im Erkennen zunächst auf den Erkenntnisinhalt richtet, und im Handeln auf das Objektivieren. Erst nachträglich kann dagegen der sekundäre Modus selbst wieder zum Inhalt der Erkenntnis gemacht werden. Dies nennt Sartre (wie die meisten anderen Menschen auch) Reflexion.
Wie man leicht feststellen kann, entkommt die Reflexion nicht der ursprünglichen Zweiteilung von Inhalt und Akt. Dies führt dazu, dass die Reflexion gerade nicht besonders rational sein muss, weil sie diese Zweiteilung zusammendenkt, sondern im Gegenteil besonders mythisch, weil sie selten ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.

Prosaisches Wort

Das prosaische Wort wiederholt in gewisser Weise die Zweiteilung der Erkenntnis. Zwar hat jedes Wort auch eine materielle Seite, doch ist diese bei Sartre dem poetischen Wort vorbehalten.
Prosa dagegen beharrt bei Sartre darauf, wirklich etwas zu benennen und etwas Wirkliches darzustellen. Dafür muss das Wort in seiner Materialität transparent werden und auf die Vorstellung dahinter verweisen.
Nun kehrt Sartre damit aber nicht zu einem Nominalismus zurück: zwar bezeichne ich mit dem Wort etwas Wirkliches, aber nicht die blanke und feste Wirklichkeit einer unabhängigen Welt, sondern die Vorstellung und ihre Wirklichkeit. Nur so kann das prosaische Wort dann wirken und zugleich transparent sein: ich blicke, beim Lesen und Schreiben, durch die materielle Seite hindurch auf die ideelle Seite, von dem Schwarz/Weiß des sinnlich anschaulichen Wortes hin auf das sinnlich Vorgestellte in meiner geistigen Tätigkeit.
Im Prinzip formuliert Sartre damit Coleridges Wort von der "willing suspension of disbelief" in anderen Worten.

Lesen und Schreiben

Nun gilt es diesen Skandal zu verstehen, der dem Wort seinen besonderen Platz innerhalb der Welt der Phänomene zuweist. Nehme ich das Wort materiell wahr, verschwindet meine Vorstellung jenseits des Wortes; und lese ich das Wort auf die Vorstellung hin, die es in mir aufruft, schwindet seine materielle Seite. Das Wort bildet in sich selbst einen Riss, der vom lesenden und schreibenden Menschen zwar beständig übersprungen, aber nicht geheilt werden kann.
Der zweite Skandal des Wortes ist, dass es dadurch, dass ich es als reines, materielles Objekt überschreite, nicht zu einem weiteren Objekt gelangt, sondern nur zu einer Vorstellung, die, wenn ich lese, nicht die des Autors, sondern meine eigene ist. Ich komme, indem ich auf eine Objektivität hinziele, nur bei mir selbst an.
Schreiben nun bezeichnet Sartre als objektivierte Subjektivität, Lesen als subjektivierte Objektivität.
Schreiben objektiviert die Subjektivität deshalb, weil sie die Vorstellung im Wort materialisiert, auch wenn gerade die materielle Seite nicht gemeint ist. In gewisser Weise verfehlt Schreiben also sein eigentliches Ziel und ist auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, das prosaische Wort selbst aufzufüllen und die Wirkungen des Lesens nicht dem Autoren anzulasten.
Im Lesen finden wir eine ähnliche Unmöglichkeit; dieses subjektiviert die Objektivität deshalb, weil sie die materielle Seite des Wortes missachtet und missachten muss, um die Absicht des Autors zu erfüllen, eine Wirklichkeit zu schildern. Aber diese Wirklichkeit, die ich jenseits der Schrift vorstelle, ist eben nicht die des Autors, sondern meine eigene.
Insofern ist das Band zwischen Leser und Autor ein mystisches, welches nur dann wirksam wird, wenn es die besondere Struktur der Sprache verkennt und sich, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, auf den Mythos von der Wahrheit der Zeichen einlässt.
  • Meine Ausführungen sind weitgehend dem 1. Kapitel des Buches Was ist Literatur? von Jean-Paul Sartre entnommen.