09.03.2017

Autsch, die Analogie

Das Deutsche und der Deutsche verhalten sich wie Lamm und Metzger.
Soll Deniz Yücel gesagt haben. Oder, frei nach Lichtenberg (und damit von mir):
Viele Deutsche besitzen ihre Kultur wie der Eunuch seinen Harem.
Das ganze gehört dann wohl in die Rubrik Analogie. Diese hatte ich mal, in einer fremden Zeitung, als einen zentralen Mechanismus des Humors herausgestellt. Mittlerweile ist diese Zeitung verschwunden und ich sollte das dann mal hier neuveröffentlichen.

08.03.2017

Lesen und Schreiben (zu Sartre)

Eine der Spannungslinien, denen ich zur Zeit folge, ist die Verbindung zwischen Sartre und Wittgenstein. Die beiden Philosophen sind nun so unterschiedlich, dass sich zuerst nur flüchtige Berührungspunkte gebildet haben.
Allerdings ist Sartre für sich alleine schon recht faszinierend. Im Folgenden umreiße ich kurz seine Idee vom Lesen und Schreiben. Darauf soll dann eine Darstellung des Begriffes "engagierte Literatur" geben (in einem späteren Artikel). Engagierte Literatur ist oftmals sehr missverstanden worden. Um diesen zu verstehen, muss man zunächst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bei Sartre begreifen und welche gesonderte Stellung der Umgang mit dem prosaischen Wort darin einnimmt. Dieses erscheint in den Tätigkeiten des Lesens und Schreibens.

Sekundärer Modus des Handelns

Sartre stützt sich zunächst auf das phänomenologische Bewusstsein bei Husserl und Heidegger, nimmt jedoch eine entscheidende Änderung vor. Kern des phänomenologischen Bewusstseins ist die Einheit einer Dualität: die von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt. Beides geschieht zusammen, stellt aber zwei unterschiedliche Phänomene dar. Banal formuliert: wenn ich diesen Hund sehe, dann ist der Hund der Erkenntnisinhalt, während in meinem Blick der Erkenntnisakt zu suchen ist.
Die Formulierung Erkenntnisakt weist bereits darauf hin, dass hier eine Aktivität vorliegt. Konform mit der Neurophysiologie begreift Sartre das Wahrnehmen nicht als Passivität, sondern als Handlung.
Indem der Mensch nun handelt, überschreitet er seine momentane Wirklichkeit, enthüllt ein Stück anderer, neuer Wirklichkeit und verändert sie damit insgesamt. Dies ist der primäre Modus des Handelns, den Sartre auch "objektivieren" nennt.
Zugleich damit findet aber auch ein "Subjektivieren" statt: die Handlung wirkt auf das Bewusstsein zurück und verändert es. Dies ist der sekundäre Modus des Handelns. Sekundär ist dies deshalb, weil unser Bewusstsein sich im Erkennen zunächst auf den Erkenntnisinhalt richtet, und im Handeln auf das Objektivieren. Erst nachträglich kann dagegen der sekundäre Modus selbst wieder zum Inhalt der Erkenntnis gemacht werden. Dies nennt Sartre (wie die meisten anderen Menschen auch) Reflexion.
Wie man leicht feststellen kann, entkommt die Reflexion nicht der ursprünglichen Zweiteilung von Inhalt und Akt. Dies führt dazu, dass die Reflexion gerade nicht besonders rational sein muss, weil sie diese Zweiteilung zusammendenkt, sondern im Gegenteil besonders mythisch, weil sie selten ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.

Prosaisches Wort

Das prosaische Wort wiederholt in gewisser Weise die Zweiteilung der Erkenntnis. Zwar hat jedes Wort auch eine materielle Seite, doch ist diese bei Sartre dem poetischen Wort vorbehalten.
Prosa dagegen beharrt bei Sartre darauf, wirklich etwas zu benennen und etwas Wirkliches darzustellen. Dafür muss das Wort in seiner Materialität transparent werden und auf die Vorstellung dahinter verweisen.
Nun kehrt Sartre damit aber nicht zu einem Nominalismus zurück: zwar bezeichne ich mit dem Wort etwas Wirkliches, aber nicht die blanke und feste Wirklichkeit einer unabhängigen Welt, sondern die Vorstellung und ihre Wirklichkeit. Nur so kann das prosaische Wort dann wirken und zugleich transparent sein: ich blicke, beim Lesen und Schreiben, durch die materielle Seite hindurch auf die ideelle Seite, von dem Schwarz/Weiß des sinnlich anschaulichen Wortes hin auf das sinnlich Vorgestellte in meiner geistigen Tätigkeit.
Im Prinzip formuliert Sartre damit Coleridges Wort von der "willing suspension of disbelief" in anderen Worten.

Lesen und Schreiben

Nun gilt es diesen Skandal zu verstehen, der dem Wort seinen besonderen Platz innerhalb der Welt der Phänomene zuweist. Nehme ich das Wort materiell wahr, verschwindet meine Vorstellung jenseits des Wortes; und lese ich das Wort auf die Vorstellung hin, die es in mir aufruft, schwindet seine materielle Seite. Das Wort bildet in sich selbst einen Riss, der vom lesenden und schreibenden Menschen zwar beständig übersprungen, aber nicht geheilt werden kann.
Der zweite Skandal des Wortes ist, dass es dadurch, dass ich es als reines, materielles Objekt überschreite, nicht zu einem weiteren Objekt gelangt, sondern nur zu einer Vorstellung, die, wenn ich lese, nicht die des Autors, sondern meine eigene ist. Ich komme, indem ich auf eine Objektivität hinziele, nur bei mir selbst an.
Schreiben nun bezeichnet Sartre als objektivierte Subjektivität, Lesen als subjektivierte Objektivität.
Schreiben objektiviert die Subjektivität deshalb, weil sie die Vorstellung im Wort materialisiert, auch wenn gerade die materielle Seite nicht gemeint ist. In gewisser Weise verfehlt Schreiben also sein eigentliches Ziel und ist auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, das prosaische Wort selbst aufzufüllen und die Wirkungen des Lesens nicht dem Autoren anzulasten.
Im Lesen finden wir eine ähnliche Unmöglichkeit; dieses subjektiviert die Objektivität deshalb, weil sie die materielle Seite des Wortes missachtet und missachten muss, um die Absicht des Autors zu erfüllen, eine Wirklichkeit zu schildern. Aber diese Wirklichkeit, die ich jenseits der Schrift vorstelle, ist eben nicht die des Autors, sondern meine eigene.
Insofern ist das Band zwischen Leser und Autor ein mystisches, welches nur dann wirksam wird, wenn es die besondere Struktur der Sprache verkennt und sich, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, auf den Mythos von der Wahrheit der Zeichen einlässt.
  • Meine Ausführungen sind weitgehend dem 1. Kapitel des Buches Was ist Literatur? von Jean-Paul Sartre entnommen.

07.03.2017

Gleiches wird mit Gleichem geheilt

James' Zustand verschlechtert sich, tiefe Depressionen führen ihn bis zu Selbstmordabsichten. In dieser Zeit wendet er sich der Philosophie zu, liest Hegel und andere deutsche Klassiker.
Diaz-Bone, Rainer/Schubert, Klaus: William James zur Einführung. Hamburg 1996, S. 21

05.03.2017

Politische Demarkationslinien, und was sonst noch so los ist

Dass Yücel festgenommen wurde, ist schlimm; aber anderes war eigentlich auch nicht zu erwarten. Man muss Yücel nicht leiden können. Allzuoft scheint er sich auf seine patriarchalen Gesten zu verlassen. Nur kann ein Unrecht nicht durch ein anderes Unrecht aufgewogen werden. Erdogans Behauptungen sind, gerade vor dem Verdacht, deutsch-türkische Imame hätten muslimische Deutsche ausspioniert, mehr als nur steil. Dass er, Erdogan, die fehlende deutsche Meinungsfreiheit beklagt, macht ihn vollends zum Kasper.
Volksverhetzung ist ein Straftatbestand in Deutschland. Welches Volk dort nicht verhetzt werden soll, steht nicht im Gesetzbuch. Wir müssen jedenfalls nicht hinnehmen, dass ein ganzes Volk in Zensur genommen wird, auch wenn dies bei vielen freiwillig geschehen sein mag, und auch, wenn dies nicht das deutsche Volk ist. Die neue Form des türkischen Präsidialamtes hebelt viele demokratische Selbstverständlichkeiten aus. Dem darf auf deutschem Boden nicht stattgegeben werden.

Alexander Grau hingegen fragt, ob man genauso empört reagiert hätte, wenn ein Akif Pirinçci in Untersuchungshaft gekommen wäre. Keine Ahnung, möchte ich sagen. Akif Pirinçci sitzt nicht in Untersuchungshaft. Das eben ist der Unterschied. Warum ins Blaue und Graue spekulieren?

Ich benutze das Wort Meinungsfreiheit nicht mehr, oder nur noch ganz selten. Ich frage, woher eine Tatsache stammt; ob der Redner die Quelle kennt, ob er zwischen Tatsache und Meinung trennen kann; oder ich frage ihn, was er will, warum er genau die Lage so beurteilt.
Meinungsfreiheit ist ein Rechtsgut an sich; aber philosophisch gesehen sind ihr weit engere Grenzen gesteckt. Sie ist voraussetzungsreich und funktional. Voraussetzungsreich ist sie, weil der Meinungshabende eine (Selbst-)Informationspflicht besitzt, die eben darin besteht, möglichst vielfältige verfügbare Tatsachen zu sammeln. Diese sollte er dann auch, mit Quellenangabe, ausweisen können. Funktional ist die Meinungsfreiheit, weil sie nicht in einer Art Selbstbehauptung (d. i. Rechthaberei) besteht, sondern in eine Diskussion von Begriffen münden muss. - All dies wird nicht beachtet. Die wahrlich feine Grenzlinie zwischen Beleidigung und Argumentation ist aber auch ein allzu akademisches Thema, nicht wahr?
Es mag sein, dass unsere Verfassung den weiteren Begriff der Meinungsfreiheit schützt. Jeder halbwegs gebildete Mensch sollte aber soviel Stolz besitzen, dass er dem philosophischen, engeren nach bestem Wissen und Gewissen folgt.
Meinungsfreiheit ist kein geschwätziger Aktionismus, sondern ein strenge, sittliche Haltung.

Was mache ich sonst?
Lesen, na klar: im Moment sind es vier Artikel über Wittgenstein, zwei zur Willensbildung, zwei zum Begriff der Seele. Alle vier sind so unterschiedlich, wie es nur sein kann. Zudem liegen die Bände 1 (Tractatus, PU, ...) und 8 (Gewissheit, Zettel, ...) beständig neben mir. Ich knüpfe bei meinen Kommentaren und Weiterentwicklungen immer wieder an andere Themen an (Leseunterricht, Geometrieunterricht, dialektische Hermeneutik (Sartre), Passagen-Werk (Benjamin)). Nichts davon ist vollendet; vieles im Umbau begriffen.
Veröffentlichen? Eher nicht, oder noch nicht. Im Moment suche ich nach einem neuen Zusammenhang. Der aber wird sich nicht direkt in einzelnen Betrachtungen ausdrücken. Fest steht nur, dass ich mich von den großen Begriffen - wie eben der Meinungsfreiheit - weiter distanzieren möchte. Präzision statt Pathos, so gut es eben geht.

Lest mehr Kant! Und mehr Wittgenstein!

Kitsch, zweite Lieferung

Alexander Grau ächtet den Kitsch; doch kassiert sich seine Polemik selbst, spätestens dort, wo er den moralischen Kitsch in der Geste der Empörung findet. Graus Kolumne im Cicero ist selbst auf Dauerempörung frisiert.
Vor allem bleibt Grau hinter dem hohen Niveau der Analysen zurück, die die ästhetische Theorie für den Kitsch erarbeitet hat. Die Ästhetik ist dabei nicht, wie der philosophisch unerfahrene Leser meint, die Lehre von dem Schönen und unabhängig vom gesellschaftlichen Zustand. Triftig, wenn auch nicht unangefochten, bleibt Wittgensteins Satz: Ästhetik und Ethik sind eins (Tractatus 6.421): und so mag der aktuelle Zustand der Ethik (die Moral) den aktuellen Zustand der Ästhetik (das Gefällige) mitbestimmen. So wenig man aber Wittgenstein in Gänze zustimmen kann, so befremdlich ist die vollständige Trennung bei Grau in einen ästhetischen und einen moralischen Kitsch. Kitsch war und bleibt Index einer Weltflucht und damit Politik eines unpolitischen Verhaltens.
Wo schließlich Grau die Objekte des Kitsches aufzählt: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Gleichheit, klingt er trotz seines zur Schau getragenen Konservatismus wie der marxistisch-revolutionäre Marcuse:
Das gängige … Vokabular der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit konnte auf diese Weise nur einen neuen Sinn, sondern auch eine neue Wirklichkeit erlangen …
Es ist ein bekanntes Phänomen, dass subkulturelle Gruppen ihre eigene Sprache entwickeln, indem sie die harmlosen Ausdrücke der Alltagskommunikation aus ihrem Kontext lösen und sie zur Bezeichnung von Objekten oder Tätigkeiten gebrauchen, die vom Establishment tabuiert sind. … Beispielsweise wurde »soul« (ihrem Wesen nach lilienweiß seit Platon) — der traditionelle Sitz all dessen, was im Menschen wirklich menschlich, fundamental, unsterblich ist — das Wort, das im etablierten sprachlichen Universum peinlich, kitschig und falsch geworden war, entsublimiert und ist in dieser Transsubstantiation in die Negerkultur eingegangen …
Marcuse, Herbert: Versuch über die Befreiung. in Schriften Bd. 8, S. 270-271
Grau hat jedoch selbst, jenseits seiner falschen Polemik und im Widerspruch zu Marcuse, ein Wort zitiert, welches im Kontext seiner Rubrik ›Grauzone‹ peinlich falsch klingt: den der Analyse.
Kaum zu übersehen ist, dass er sich die Partei der Grünen als politischen Feind erkoren hat; kaum zu übersehen ist allerdings auch, dass diese Feindschaft nie den Kern der Sache trifft. Würde sein Angriff so treffen, dass die Worte im Diskurs stecken bleiben, wie einst Excalibur im schottischen Basalt; nur ein König könnte noch den Stein von dieser Wunde heilen. Dazu aber müsste er mit Kinder-Ernst sein Objekt genauestens untersuchen, und mit Philosophen-Ernst die Fundstücke zusammenstellen. An Fundstücken allerdings findet Grau nur, was sowieso schon in den Bannkreis seiner Verachtung geraten ist: die unerträgliche Musikshow kann gar nichts anderes mehr sein als eben unerträglich. So trifft die Polemik alles und nichts in postmoderner Beliebigkeit und ist so stumpf wie das Holzschwert, das man dem Tölpel und dem Narren zum Ritter-Spielen überreicht.
Darum auch kann sich Grau in seinem eingeschränkten Sichtfeld und seinem kaum analytischen Angriff weder gegen die marxistische Kritik eines Marcuse behaupten noch gegen die subtile (Selbst-) Ironie eines Barthes:
Die sogenannten Humanwissenschaften unterhalten so gut wie keine wahre Beziehung mehr zur gesellschaftlichen Praxis - es sei denn, sie verschmelzen mit ihr und gehen in ihr unter (wie die Soziologie); und die Kultur, die nicht mehr von der humanistischen Ideologie gestützt wird (oder immer mehr davor zurückscheut, sie zu stützen), kehrt in unserem Leben insgesamt nur als Komödie wieder: Sie lässt sich gewissermaßen nur mehr gebrochen rezipieren, nicht mehr als gerader Wert, sondern als umgedrehter Wert: Kitsch, Plagiat, Spiel, Vergnügen, Gefunkel einer Farcesprache, an die wir glauben und nicht glauben (das ist das Wesen der Farce), als ein Stück Pastiche; wir sind zur Anthologie verurteilt, es sei denn, wir wiederholten eine Moralphilosophie der Totalität.
Barthes, Roland: An das Seminar. in ders.: Das Rauschen der Sprache, S. 372 f.
Für Grau gilt, was Walter Benjamin in seinem Fragment Traumkitsch geschrieben hat:
Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. … Die Träume sind nun Richtweg ins Banale.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620
Benjamin nun versucht am Kitsch zu retten, was am Kitsch zu retten ist: wenn schon nicht den Prozess seiner Herstellung, von dem sich das kitschige Objekt vollständig abgelöst hat, indem es sich nur selbst bezeichnet; so doch den Prozess seines Gebrauchs: trägt doch der Kitsch, und sei es als Staub, die Spuren seiner Verwendung.
Wie wenig Grau das verstanden hat, beweist das Foto, das emblematisch über dem Artikel steht: es zeigt Claudia Roth und eine Art Tunte auf dem CSD. Jener verkleidete Mensch zitiert in seiner Verkleidung den Ort, wo diese Verkleidung entstanden ist: den Schminktisch mit all seinen Utensilien. Ironisch sagt das Kostüm noch einmal, was man in den Sozialwissenschaften seit langer Zeit weiß: Geschichte ist aus Geschichte gemacht, und die Wissenschaft von der Geschichte ist selbst nur eine Geschichte.
Wer das nicht erkennen will, für den hält Benjamin folgende Warnung bereit:
Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muss verschlafen haben.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620

12.02.2017

Deutschland mies machen

Irgendwie habe ich mich noch immer nicht beruhigt: Höckes Worte von der „Geistesverfassung und Gemütszustand … eines total besiegten Volkes“ ärgern mich mittlerweile nicht nur komplett, sondern entsetzen mich geradezu. Diese Behauptung erscheint mir so absurd, dass ich sie zunächst gar nicht so deutlich wahrgenommen habe. Ich frage mich, wo dieser Mensch lebt, und wie viel er überhaupt von Deutschland mitbekommt: doch eigentlich so gut wie gar nichts; oder er ist einfach nicht in der Lage, all die kulturellen Leistungen, die in den letzten Jahren den Deutschen zugesprochen wurden, zu verstehen und zu würdigen.
Wer also macht Deutschland mies? Das sind doch vor allem Björn Höcke und seine Kumpanen. Wie übrigens die erinnerungspolitische Wende um 180° bei den Rechtspopulisten und Rechtsradikalen aussieht, hat letztes Jahr der Stern zum Gedenktag der deutschen Einheit auf bitterste Weise festgehalten: Von diesem Tag der Deutschen Einheit wird sich Dresden lange nicht erholen.
Wie verwirrt AfD-Anhänger sind, merkt man auch an den Schildern, die auf dem Foto in diesem Artikel hochgehalten werden: „Bürger haben Urteilsvermögen und sind mündig“; damit ist der Begriff der Mündigkeit, so wie unser Grundgesetz ihn von Immanuel Kant übernommen hat, schon weitestgehend ausgehöhlt. Die Mündigkeit zeigt sich, und da darf jeder gerne noch einmal in Kants Aufsatz Was ist Aufklärung? nachlesen, in der Diskussion von Begriffen. Für diese Diskussion stellt Kant eine Logik bereit; die Logik beschreibe nicht, „wie wir denken“ (dafür ist die Psychologie zuständig), sondern „wie wir denken sollen“, mithin beschreibt sie Normen des guten Denkens. Zentral an dieser Logik ist die Gewichtung der Argumente, also welchen Platz einem Argument eingeräumt werden darf. Und ein Argument ist noch keine Verknüpfung, wie dies heute üblicherweise gebraucht wird, denn eine Verknüpfung der Argumente geschieht erst in den Schlüssen, die dann (was aber eben auch häufig verwechselt wird) zu Schlussfolgerungen führt.
Was ich hier in aller Kürze umrissen habe, zeigt vor allem eines: wie weit sich nicht nur das Fußvolk der AfD, sondern auch Höcke selbst von einer Idee der Mündigkeit entfernt hat.
Ich könnte das ganze jetzt auch noch einmal zum Urteilsvermögen durchbuchstabieren; das ist bei Kant nämlich keineswegs Garant für die Wahrheit oder Richtigkeit, sondern ebenfalls nur ein Ausgangspunkt.
Lest mehr Kant, schreibe ich so ungefähr einmal im Jahr in meinen Blog (wie übrigens auch Harald Lesch); und ich kann es nur wiederholen. Denn es ist doch klar, dass all diejenigen, die jetzt vor allem Deutschland, Deutschland schreien und vielleicht dahinter sogar so etwas wie Preußen, Preußen meinen, von unserem guten alten preußischen Philosophen allerhöchstens den Namen kennen: die schimpfen vielleicht nicht über Kant, wie sie dies zurzeit bei Merkel, Lammert oder Gauck machen, aber die Missachtung, diese deutliche Missachtung eines immer noch großen deutschen Denkers drückt sich hier in der Praxis des Protestierens mehr als randständig aus: sie ist der Kern dieses ganzen Protestes, gelebte Unmündigkeit von Pinseln.
Nietzsche hat einmal gesagt, dass die Deutschen ein „erstaunlich déraisonnables Volk“ seien; und es sieht so aus, als seien Pegida und AfD nur deshalb angetreten, um diesen polemischen Satz noch einmal wahr werden zu lassen.
Es sieht also so aus, als hätten wir den Osten Deutschlands ein zweites Mal und eigentlich ein drittes Mal, wenn man die Zeit vor der Gründung der Bundesrepublik mit einbezieht, an eine antiaufklärerische Diktatur verloren. Dass es sich dabei um eine Minderheit handelt, ist besonders bitter; ich halte Minderheitenschutz für ein wesentliches demokratisches Prinzip, doch hier beginne ich tatsächlich zu wanken. Man kann diese Leute ja nicht ausweisen. Wer will sie schon haben? Aber vielleicht könnte man ihnen eine Enklave schaffen, irgendwo, in einem still gelegten Salzstock. Dort soll die Luft ja besonders rein sein. - Und dann kämen auch wieder die Touristen in unser Elbflorenz, um die Schönheit des alten und die Freundlichkeit und Weltoffenheit des neuen Dresdens in der ganzen Welt zu verbreiten.

03.02.2017

Kleine Übersichten

So ohne meinen eingerichteten Computer habe ich mich zunächst recht verloren gefühlt: alles, was ich bisher notiert habe, alle meine Arbeitsergebnisse liegen zwar auf meiner externen Festplatte, sind mir mit dem alten Computer, auf dem ich gerade schreibe, nicht zugänglich.
Mittlerweile habe ich die ersten drei Kapitel von Sartres Was ist Literatur? so weit durchgearbeitet, dass ich mir ein Zentrum für zukünftige Arbeiten geschaffen habe; und eigentlich bin ich damit zu einer Arbeitsweise zurückgekehrt, die ich in der Zeit vor dem exzessiveren Computergebrauch gepflegt habe.
Sartre ist übrigens kein einfacher, fragloser Mittelpunkt: er inspiriert mich derzeit eher, als dass er mich fundiert.
Was habe ich also gemacht?
Ich habe Übersichten angelegt:
  • von den kleineren sujets in jedem Abschnitt, also keine Abschnittsüberschriften, sondern eher kleine Inventare, auch wenn diese manchmal nur ein Stichwort für einen Absatz umfassen,
  • Listen mit Schreib- und Weiterdenkaufgaben (es gibt zum Beispiel bestimmte Begriffe bei Sartre, die auch bei Dewey auftauchen, aber doch unterschiedliches bedeuten),
  • kleine Mindmaps,
  • kritische Kommentare (die ich zunächst nur auf Zetteln notiert habe),
  • schließlich: ein Glossar mit wichtigen Begriffen (dieses allerdings nur für das erste Kapitel).
Ob ich dieses Glossar allerdings veröffentliche, muss ich mir noch schwer überlegen. Es ist nicht nur sehr roh, d.h. eine recht flüchtige Aufnahme, die viele Fehler enthält, sondern auch bereits sehr lang. Zumindest müsste ich mir eine gute Ordnung überlegen, die dieses Glossar, wie rudimentär auch immer, handhabbar macht. - Vielleicht bekomme ich meinen neuen Computer morgen (er ist unterwegs); dann kann ich mir konkreter darüber Gedanken machen.
Trotzdem bin ich zufrieden: gutes Lesen bedeutet ja, auf verschiedene Arten und Weisen in das Geschriebene einzudringen; und genau dies habe ich getan (Steigerungen sind weiterhin möglich).

31.01.2017

Martenstein und die Temperaturdämonen

Was Maxwell als Gedankenexperiment einführte, bezeichnete Kelvin später als Maxwellschen Dämon. Dabei handelt es sich um einen Dämon, der am Schieber einer kleinen Türe zwischen zwei gleichgroßen Räumen sitzt. Immer, wenn ein schnelles (also warmes) Molekül sich der Tür von der einen Seite nähert, öffnet der Dämon die Tür und lässt es durch. Umgedreht lässt er von der anderen Seite nur die langsamen (also kalten) Moleküle durch. So sorgt der Dämon dafür, dass zwischen den beiden Räumen ein deutliches Temperaturgefälle entsteht.
Maxwell nun brauchte dieses Gedankenspiel dafür, den zweiten Satz der Thermodynamik infrage zu stellen. Und tatsächlich hat dieses bloße Gedankenspiel dazu geführt, dass der zweite Satz deutlich reformuliert und ausgeweitet wurde.
Martenstein versucht sich nun seinerseits am Maxwellschen Dämon, allerdings für die Berichterstattung:
Stellen Sie sich eine Zeitung vor, die jeden Übergriff meldet, der von einem Asylbewerber begangen wurde, jede Belästigung, jeden Diebstahl, einfach alles. Und nun stellen Sie sich eine andere Zeitung vor, die jede Beleidigung und jeden Angriff gegen Ausländer meldet, ausnahmslos, egal wie gewichtig. In beiden Fällen stimmen die Fakten, beides kommt ja nicht selten vor. Da entstehen zwei völlig verschiedene Gesellschaftsporträts, zweimal die Hölle, beides auf der Basis von Fakten, und beides falsch.
So weit, so richtig. Allerdings hat die Gesellschaft schon immer mit dem "Postfaktischen" zu tun gehabt. Man nimmt sich etwas vor, von dem man denkt, dass es klappen könnte, und dann klappt es doch nicht: das ist aber nicht postfaktisch. Man behauptet, der Mensch stamme aus dem Paradies, und stellt dann fest: es war eine Steppe, in der Affenhorden den aufrechten Gang erlernten. Das ist ebenfalls nicht postfaktisch. Helmut Kohl hat einst dem Osten blühende Landschaften versprochen. Geblüht haben diese Landschaften aber schon immer (bzw. die Blumen, die sich darauf und zwischen den Städten befanden) und gesellschaftlich blüht dort heute tatsächlich so einiges, aber die Landschaft so an und für sich tut es nicht.
Anders als beim Maxwellschen Dämon ist die Lüge nicht nach dem zweiten thermodynamischen Hauptsatz zu fassen: eine Lüge heizt die Stimmung weiter auf und führt zur nächsten, bis schließlich das ganze soziale System zu kippen droht. Gelegentlich führt dies in einen Bürgerkrieg, gelegentlich dazu, dass Herrschende die überflüssigen Energien durch einen Krieg kanalisieren.
Entropiesenke nennt man so etwas in der Physik. Man sieht diese erst, wenn man vom System zurücktritt, sich gleichsam von ihm distanziert, und jene Wechselwirkungen in Augenschein nimmt. Als solch eine Entropiesenke empfiehlt Martenstein dann Lob des Zweifels von Berthold Brecht. Hier sei es, gleichwohl gekürzt, wiedergegeben:
Lob des Zweifels
Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

...

Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln
Begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln.
...
Unter der Axt des Mörders
Fragen sie sich, ob er nicht auch ein Mensch ist.
...

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!

...

Du, der du ein Führer bist, vergiss nicht
Dass du es bist, weil du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!
Vollständig zu finden ist es in: Brecht, Berthold: Gesammelte Werke 9, S. 626-628.

29.01.2017

Deutschland zerfällt, oder?

Ich wollte nicht mehr, aber es hat dann doch ein nicht allzu geringes Suchtpotential: das facebook.
Es gibt da so lustige Menschen, die Zensur und Kritik verwechseln. Oder Kritik und Beleidigung. Oder Meinungsfreiheit mit ungehindertem Pöbeln, möglichst auf Intuition basierend und argumentationsfrei.
Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da hat man sich wenigstens noch die Mühe gegeben, größere Zusammenhänge zu stiften. Und an den Sachen dran zu bleiben. Wenn man derzeit weite Diskussionen ansieht, so geht es wie auf dem Schulhof zu, wenn dort zwei besonders zänkische Kinder aufeinandertreffen: Du bist Schuld! - Nein, du! - Nein, du! Besonders lustig dabei immer wieder die Rechtspopulisten, die Rassisten, die Ultranationalisten.
Nichts gegen den Nationalismus; ich bin eindeutig ein Kulturnationalist. Das habe ich mir schwer erarbeitet, auch wenn ich noch die vielen Lücken sehe, die dort klaffen (so fehlt mir immer noch in weiten Teilen der Hegel, und wenn ich auch schon einiges von Kant gelesen habe, so zerteilt sich die Frucht meiner Lektüren in tausenden kleinerer Anmerkungen, die noch nicht zu einem größeren Ganzen zusammenrücken wollen).
Entschieden habe ich aber etwas gegen Menschen, die sich auf die Staatsbürgerschaft berufen und dann so tun, als seien sie schon deshalb besonders gute Deutsche. Vielleicht erhält man damit so etwas wie den deutschen Staat, aber von Kultur fehlt dann immer noch jede Spur. Das ist ein bequemer, fauler, feiger Nationalismus. Das sind all die Menschen, die die deutsche Kultur innerlich so ausgehöhlt haben, dass sie beim kleinsten Stich in sich zusammenfallen. Das sind die, die Grimmelshausen nicht kennen, Heine nicht lesen wollen, sofort wissen, dass Wagner der bedeutendere Komponist als Schumann war und Mahler komplett ignorieren; und wenn man zu deutschen Malern fragt, dann kommt meist gar nichts mehr (oder Spitzweg! ausgerechnet Spitzweg!).
Deutschland ist in seiner Kultur so vielfältig, Deutschland hat so viele hervorragende Impulse auch aus dem Ausland aufgenommen (und dorthin zurückgegeben), dass man nicht einen gemeinsamen Nenner, eine Art durchgängiges Wesen finden wird. Wer das nicht sieht, der kennt eben seine deutsche Kultur nicht, und was immer er dann auch verteidigt: die deutsche Kultur oder unser "großartiges deutsches Volk" wird es nicht sein. So ist ein gewisser Nationalismus gerade nicht Nationalismus, sondern Anti-Nationalismus, kulturverachtend, kleingeistig, undeutsch, geradezu beschämend feige.
Es gibt Menschen, die von einem Goethe oder einem Wagner so löblich reden, nicht, weil sie die Erinnerung an diese lebendiger machen wollen, sondern die Erinnerung an eine Christa Wolf oder einen Uwe Johnson noch toter.

Wege in die ferne Vergangenheit

Was machst du? ist wohl eine geläufige Frage, deren Absicht aber äußerst vage ist. Viele Menschen stellen sie, um eine Art Schnappschuss, ein twitter-statement, zu bekommen. Das ist nicht so mein Fall. Was machst du? spiegelt bei mir immer auch Umgebungen wieder, Kontexte, in denen ich mich aufhalte. Aus verschiedenen Gründen eliminiere ich allzu Persönliches, aber für all diejenigen, die mir auf einer etwas allgemeineren Ebene folgen wollen, sei hier eine etwas längere Antwort gegeben. Zum Teil zeigt sie Kontinuität an, zum Teil neue Entwicklungen.

Algorithmen und Text(muster)semantik

Aus verschiedenen Gründen bin ich gerade bei Sartre gelandet. Zum einen liegt das daran, dass ich mich mit der Konstruktion von Textmustern beschäftige. Das wiederum ist ja ein altes Thema von mir. Im Moment ist es aber auch ein frisches, und eines, was bei mir sehr in Bewegung geraten ist, weil ich den Zusammenhang zwischen Satzsemantik und Textmustersemantik genauer diskutiere: ich bin auf der Suche nach Algorithmen, die ich in mein Programm einbauen kann; diese Algorithmen lösen - bestenfalls - das Problem, dass die Bedeutung eines einzelnen Satzes immer auch vom Kontext abhängig ist.
Mein Programm? Nun, ich schreibe an einem Zettelkasten, ähnlich jenem von Daniel Lüdecke. Nachdem ich mich Mitte letzten Jahres grundsätzlicher um die Abbildung von Daten in Datenbanken gekümmert habe, bzw. überhaupt um das Zusammenspiel von verschiedenen Datensätzen, konnte ich einige ganz gute Erfolge verzeichnen. Anfang Dezember bin ich dann aber massiv mit dem Problem konfrontiert worden, dass mein Programm zu umfangreich geworden ist, um ohne Planung und ohne grundlegende Struktur weiter geschrieben werden zu können. Das habe ich dann in den letzten zwei Monaten gemacht (sofern ich Zeit hatte), Stichwort dazu: design patterns (Entwurfsmuster), die ich vor allem an Heide Balzerts Lehrbuch der Objektmodellierung und an Matthias Geirhos Entwurfsmuster diskutiere. Zwar werde ich jetzt mit dem Programmieren noch einmal von vorne anfangen müssen, zumindest fast von vorne, insbesondere um eine bessere Trennung der Objekte zu erreichen, aber ich denke, der Aufwand hat sich gelohnt.

Sartre: Was ist Literatur?

Nun, davon wollte ich eigentlich nicht erzählen.
Sartre, insbesondere seine Schriften zur Literatur, haben schon etwas sehr Beeindruckendes an sich. Mir fehlt aber, bei einem neuerlichen Lesen vom Saint Genet (und auch seinem Baudelaire und dem Mallarmé) eine größere Klarheit in seinen Schriften. In allen diesen Texten fallen mir die Wiederholungen unangenehm ins Auge, und gerade im Moment, da ich mich intensiver mit Was ist Literatur? auseinandersetze, die unscharfe Begrifflichkeit.
Um hier Klarheit einzuführen, nutze ich die Technik eines gelassen gehandhabten Glossars. Gelassen gehandhabt heißt dabei, dass ich 1.) Begriffe aus einem gelesenen Text herausschreibe, 2.) diese dann anhand einiger Textstellen definiere, bzw. umschreibe und 3.) diese nach und nach revidiere.
Der erste Schritt ist recht intuitiv; häufig ergänze ich meine Liste später um weitere Begriffe.
Der zweite Schritt fasst nicht nur die explizite Definition zusammen, sondern auch den Gebrauch eines Wortes, wenn er mir wichtig erscheint. Zudem knüpfe ich in diesem Schritt Verbindungen zu anderen Begriffen. Schließlich formuliere ich hier erste Kritiken und schreibe weiterführende Fragen auf.
Schließlich lässt sich der dritte Schritt kaum noch zu gewissen Techniken zuordnen. Auch hier arbeite ich, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene, wieder sehr intuitiv, wenn auch immer mit dem Text vor mir, zu dem ich arbeite. Rekonstruktion und Weiterentwicklung gehen Hand in Hand.
Wenn es mir wichtig erscheint, dann schreibe ich zum Schluss erneut eine Liste mit allen Begriffen, aber so gekürzt, dass scharfe und prägnante Definitionen entstehen. Dies ist eine sehr reduzierende Arbeit, die dem Text selbst meist nicht gerecht wird, aber ein guter Ausgangspunkt für das eigene Denken.

Reise in die ferne (Bücher-)Vergangenheit

Das wilde Denken

Auch das war es nicht, was ich eigentlich erzählen wollte.
Ich habe mich, so schrieb ich, auf eine Reise in ferne Vergangenheiten begeben, in Folge meines kleinen, ausufernden Programmes. Roland Barthes liegt neben mir, zunächst einmal die wunderbare Einführung von Ottmar Ette: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie, die 1998 im suhrkamp-Verlag erschienen und mittlerweile leider vergriffen ist; seine Einführung aus dem Junius-Verlag ist ebenfalls gut, setzt aber ganz andere Akzente.
Nun, dieses Buch habe ich seit 15 Jahren nicht mehr (durch)gelesen. Im Moment bin ich dabei, langsam, kontemplativ. Ich verfasse zu jedem Abschnitt 1.) Absatzüberschriften, eine kleine, recht fruchtbare Technik, um sich über Kerngedanken und Argumentationsabfolgen Gedanken zu machen, und 2.) Listen mit wichtigen Begriffen, zum Teil schon mit kurzen, prägnanten Definitionen, die eher scharf als richtig sein sollen, aber für den weiteren Verlauf der Lektüre sehr wichtig sind. Zumal ich auf diese Definitionen immer dann zurückgreifen kann, wenn ich über einen solchen Begriff erneut stolpere.
Dann habe ich die ersten beiden Kapitel aus Lévi-Strauss' Das wilde Denken gründlich durchgearbeitet, aber noch nicht durchkommentiert. Diese beiden Kapitel haben mich schon immer fasziniert, und ihnen habe ich mich in den letzten zwanzig Jahren auch immer wieder gewidmet; meine Kommentare dazu sind vielfältig. Zu Beginn, also etwa 1995, hat mich vor allem der Begriff der Bastelei fasziniert; später wurde das Modell für mich ein Kernbegriff; und neulich, als ich die beiden Kapitel erneut las, habe ich mich am längsten bei den Abschnitten zu Kunst, Ritus und Spiel aufgehalten.

Umarbeiten, umdenken

Bisher habe ich aber immer sehr essayistisch mit diesem Buch gearbeitet. 1995 stand mal eine genauere Diskussion in irgendeinem meiner Arbeitsbücher (resp. meinem "Tagebuch"), aber die ist mir heute kaum noch etwas wert. Ich habe mich zu sehr verändert. Ich habe diese also wiederholt, mit fast denselben Techniken, aber eben von meinem heutigen Standpunkt aus (später, wenn ich mal gestorben bin, und irgendwer meine Texte als interessant entdecken sollte, wird der Vergleich zwischen den beiden Ergebnissen vielfältige Vermutungen zu meinem geistigen Werdegang anstoßen).
Von Lévi-Strauss habe ich dann auch noch Sehen, Hören, Lesen und Das Rohe und das Gekochte gelesen. Ersteres Buch ist neu, auch wenn ich es bereits einmal, vor zwei Jahren, aber nur sehr oberflächlich durchgearbeitet habe.
Zwischendrin lagen dann noch deCerteaus Kunst des Handelns, und Wilhelm Schmids Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst, beides Werke, die ich im vorigen Jahrhundert sehr geschätzt habe, und die ich wieder sehr schätze. Beides sind Werke, die ich gründlicher lesen sollte, insbesondere auch die Kapitel über das Schreiben und all die Anmerkungen zum Kategorisieren (die für das Erstellen von Algorithmen von großer Bedeutung sind).
Ich befinde mich also - gewissermaßen - auf dem Weg in meine eigene, ferne Vergangenheit, hin zu Büchern, die ich vor Jahren mit Begeisterung gelesen habe, deren Aura aber nach und nach verblasst und dünn geworden ist, und die ich jetzt wohl wiederbeleben muss.
(Von Habermas habe ich jetzt einiges gelesen. Dazu aber später wohl mehr.)

Kaputter Computer

Im Moment wird mir meine Arbeit dadurch erschwert, dass mein Computer kaputt gegangen ist. Wieder einmal rettet mich mein Computer, den ich vor zehn, zwölf Jahren in die Ecke gestellt habe, obwohl er noch funktioniert. Aber er ist langsam, manchmal nervtötend langsam. Wartezeiten von fünf Minuten, in denen er herumrechnet und sich keine Eingabe machen lässt, sind häufig. Zudem komme ich nicht an meine externen Festplatten heran, bin also ohne meine ganzen Daten und selbst ohne meinen Zettelkasten.
Mein neuer Computer wurde am Donnerstag geliefert, war aber kaputt: das Betriebssystem wollte sich nicht laden. Am Samstag, also gestern, wurde er wieder abgeholt. Nun warte ich auf den nächsten. Es ist das erste Mal, dass ich solch einen "Ärger" hatte, aber wie immer ist www.one.de da sehr unkompliziert. Nach zehn guten Computern ist das recht verschmerzbar, auch wenn mir die Wartezeit weh tut.

Dozenten, die kürzen

"Mein Dozent will, dass ich meine Literaturliste kürze", teilte mir am Freitag eine Studentin mit, die mitten in ihrer Bachelorarbeit steht. "Aber ich kann das nicht."
Nun, wie ihr wisst (oder auch nicht), betätige ich mich nicht mehr im Feld des Text-Coachings. Da diese Arbeit aber Jugendkriminalität als Thema hat, habe ich zugesagt, einen Blick darauf zu werfen.
Insgesamt war die Arbeit etwas roh, wie bei jungen und mit dem wissenschaftlichen Schreiben noch wenig vertrauten Menschen sehr üblich, aber auch eigenständig und gut lesbar. Ein paar scharfe Wendungen in der Argumentation deuteten darauf hin, dass die Autorin bereit war, die üblichen Wege zu verlassen und neue Standpunkte auf das Thema anzudenken. Da das eher unüblich ist, und da diese Wendungen mit einer sorgfältigen Argumentation unterlegt waren, war ich richtiggehend angetan.
Die Literaturliste wies 14 Seiten mit um die 120 Einträge auf; für eine Arbeit, die insgesamt 60 Seiten lang ist, ist das ein durchaus vernünftig Maß. Im Text selbst präsentierte sich die Literatur immer um einen Kern-Artikel herum geschrieben, der dann auch mehrfach zitiert wurde; darum herum versammelten sich Artikel und Bücher, die zum Vergleich und zur Begrifssdiskussion herangezogen wurden.
Meine einzige wirkliche Kritik waren dann auch die vielen Wortwiederholungen, also keine inhaltliche, sondern eine stilistische Kritik.
Was aber wollte nun der Dozent?
Er wollte, dass die Literaturliste auf 3 Seiten gekürzt wird. Drei!
Als wir dann eben ein Gespräch miteinander führten, also die Studentin und ich, und sie mich nochmal, mit einiger Fassungslosigkeit, fragte, ob ich ihr empfehlen könnte, was sie herauskürzen solle, konnte ich nur sagen: Ihren Dozenten.

Ich bin ja gerne etwas fauler, wenn es um die vorher geprüfte Literatur geht. Allerdings muss ich das auch nicht: solche umfassenden Begriffsdiskussionen führen. Mein Blog ist essayistisch angelegt, meine Leser würden ein solches Vorgehen wohl auch nicht schätzen. Aber ich kann das durchaus sehr bewundern, wenn jemand sich solche Arbeit macht und dabei solche Eigenständigkeit zeigt, zumal für ein Schriftstück, welches von allerhöchstens drei, vier Menschen gelesen wird (und manchmal hat man das Gefühl, dass die bewertenden Dozenten die Arbeit noch nicht einmal gelesen haben).

27.01.2017

Noch mehr Clowns

Eins muss man Höcke und der AfD Thüringen lassen: sie haben meine Stimmung heute gewaltig gehoben.
Höcke wurde von der Gedenkstätte Buchenwald ausgeladen. Darauf reagierte die AfD mit "Pauschale Ausladungen sind kein Mittel der Auseinandersetzung"; nun war die Ausladung erstens nicht pauschal, sondern sehr spezifisch (andere Mitglieder des Landtages aus der AfD-Fraktion hatten keine Ausladung bekommen), und was das Pauschalisieren angeht, so dürfte Höcke sich darüber nun so gar nicht beschweren.
Gut fand ich auch, dass die AfD Thüringen von einer "schäbigen Inszenierung" sprach. Höckes Dresdner Rede war ja keineswegs eine schäbige Inszenierung von Zweideutigkeiten, oder habe ich da jetzt was missverstanden?
Was die "nicht hinzunehmenden Grenzverletzung in der politischen Auseinandersetzung" angeht, so ist es vielleicht nicht Höcke selbst, der hier für die unfreiwillige Ironie sorgt, aber zumindest ein Teil seiner Wähler. Merkel, so hört man dort zum Beispiel, sei eine "Schwerverbrecherin, die das deutsche Volk an den Rand der Ausrottung getrieben habe" [sic!]; der Künast solle man "Ketten anlegen und sie in einem Kerker verrotten" lassen. Wunderbar, wie geradezu laissez-fairemäßig darauf die AfD reagiert. Wenn sich eine Partei solche Äußerungen ihrer eigenen Wähler nicht verbietet, was ist dann von ihr noch zu halten?
Ich halte Höcke und zu großen Teilen auch die AfD für eine ernsthafte Bedrohung der deutschen Kultur; sie greift fundamentale Werte unseres Selbstverständnisses an; in der bedenkenlosen Einfalt werden zahlreiche großartige Menschen und deren Einfluss schlichtweg ignoriert. Für mich ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht nur eine Erinnerung an die Verbrechen der Nazis, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Verantwortung eine historische ist: sie ist die conditio eines geschichtsbewussten Menschen. Und das Mahnmal erinnert mich auch daran, wie einflussreich einmal das jüdische Geistesleben für die deutsche Kultur gewesen ist, und wie patriotisch: man denke an Felix Mendelssohn-Bartholdys Elias.
In diesem Jahr kommen mindestens zwei Horrorfilme mit Clowns in die Kinos: die Neuverfilmung von Stephen Kings 'Es', und 'Clownterghost', der vor einigen Tagen angelaufen ist, aber wohl in Deutschland nicht die Lichtsäle erreichen wird. Vielleicht ist es das, was den Höcke gerade so wuschig macht, denn immerhin ist Clownterghost eine Mischung aus Clown und Dämon; und vielleicht will er uns ob dieses herben kulturellen Verlusts ja ein wenig entschädigen.

24.01.2017

"Deutsche Patrioten vereinigt euch"

Würde ich ja gerne, aber 1.) reicht dafür meine Potenz nicht und 2.) muss sich der Höcke dann bittscheen hinten anstellen; dem kotze ich doch dabei glatt auf den Rücken. (Sorry an meine - zumeist - sehr feinfühligen Leser.)
Was gibt es sonst noch von der AfD zu berichten? - Ach ja, der Greisverband Saale übt sich in neudeutscher Stilistik. Nach Kritik aus den eigenen Reihen heißt es dort nicht mehr "Darum rufen wir in Einigkeit und Patriotismus zum gemeinsamen Bundeswahlkampf auf, um die letzte Chance zu nutzen und das System zu stürzen", sondern "... um die letzte Chance, das linksversiffte System aufzubrechen". Mit der Anmut einer Nachtigall, einer Heineschen!
Höcke sei auch, so der reisverband Saale, "durch und durch Patriot". Sollte die Medizin irgendwann mal dieses medizinische Wunder aufschneiden, wird sie eine besonders hohe Konzentration in seiner Galle feststellen.
A propos Einigkeit und Konzentration: neuerdings ist Höcke ja dagegen: "Ich hoffe sehr, dass die AfD ... sich ihren Meinungspluralismus ..." - Kreischverband Saale: "Spalter der Nation" - "... bewahren kann." Also doch so'n Multi-Kulti-Terrorist. Wenigstens hätte er Meinungsvielfalt sagen können.
Die AfD Thüringen hat sich dann noch dahingehend geäußert, die Dresdner Rede habe "viele Menschen verunsichert ..." (mich nicht!). Und erklärt weiterhin: "Wir wenden uns gegen alle Versuche, das Gegenteil [nämlich die Verleugnung oder Relativierung des Massenmords an den Juden] in die Positionen der AfD und ihres Landesprechers Björn Höcke hineinzuinterpretieren." Nun, das so zu verstehen, kann man dann getrost dem Fußvolk der AfD überlassen. Geklatscht und gejohlt haben die dabei.
Höcke sagt auch: "Mit Sorge ...", na die hat er dann wenigstens noch, "... habe ich zur Kenntnis genommen ...", wir verfloskeln mal unsere schöne deutsche Sprache, "... wie die Diskussion über meine Dresdener Rede die sachliche Ebene verließ ...", als ob ich's geahnt hätte, "... und von einigen Parteifreunden ...", hört, hört!, "... für innerparteiliche Machtkämpfe ...", mir stockt der Atem, "... missbraucht ...", nein, wie damals in Köln, in der Sylvesternacht, als die ganze ... oder so was ähnliches, ich kann jetzt gar nicht weiter lesen.
LandkreisSaale schreibt auch: "In der Hand [tragen wir] die blaue Fahne." Trägt man die eigentlich nicht im Mund? - Aber obwohl, man kann ja auch von der Hand in den Mund leben, körperlich wie geistig.