„Nachher, wenn sie sich die stramme Kappe vom Kopf zieht, wird sie inmitten ihrer langen winterblonden Haare älter aussehen als ihre zehneinhalb Jahre.“Johnson, Uwe: Jahrestage II, Frankfurt am Main 1993, Seite 488
20.12.2013
Jahrestage IV
16.12.2013
Und noch einmal: Videos
Ihr ahnt es wahrscheinlich schon: meine leicht zugejammerten Posts über allerlei technische Wehwehchen beim Video-Gestalten werden wohl so etwas wie ein running gag.
Worum geht es? Nun, ich habe in den letzten zwei Wochen recht viel entdeckt, viele neue Möglichkeiten, aus dem vorhandenen Material schöne Sachen zu gestalten. Und das hört sich zunächst ja sehr gut an. Dann allerdings musste ich auch wieder feststellen, dass all diese vielen schönen kleinen Entdeckungen gar nicht zu meinem Kurs passen. Bzw. kann ich mir derzeit noch nicht vorstellen, was ich mit denen anfangen werde. Und insofern haben mir die letzten beiden Wochen wieder relativ wenig genützt.
Trotzdem: vermutlich wird diese Erfahrung jetzt erstmal bei mir eine Weile gähren müssen. Und eventuell muss ich von Anfang an die Planung stärker auf die grafischen Elemente auslegen und auch auf die Eigenständigkeit des filmischen Erzählens. Das war ja das zweite Problem, was ich dann gesehen habe: im Prinzip sind diese Videos noch viel zu sehr verbal ausgestaltet. Die grafischen Elemente sind vorwiegend Hilfsmittel, so wie man das fast immer im klassischen Unterricht sieht. Das ist jetzt nicht unbedingt eine Kritik, aber richtig innovativ kann so etwas auch nicht werden. Und auch wenn ich mich da überhaupt nicht unter Druck setze: ich möchte schon eine stärker auf die Grafik oder auf den Film angelegte Struktur der einzelnen Videos erreichen. Nicht in diesem Kurs. Wahrscheinlich auch nicht in den nächsten beiden. Aber in den nächsten zwei Jahren.
Hier also das erste Video, in neuer Gestalt. Das zweite steht auch schon online. Ebenso werdet ihr ein drittes finden, in dem ihr noch die alte Grafik seht. Das ist nicht schlecht, aber eben durchaus wenig aufregend.
Worum geht es? Nun, ich habe in den letzten zwei Wochen recht viel entdeckt, viele neue Möglichkeiten, aus dem vorhandenen Material schöne Sachen zu gestalten. Und das hört sich zunächst ja sehr gut an. Dann allerdings musste ich auch wieder feststellen, dass all diese vielen schönen kleinen Entdeckungen gar nicht zu meinem Kurs passen. Bzw. kann ich mir derzeit noch nicht vorstellen, was ich mit denen anfangen werde. Und insofern haben mir die letzten beiden Wochen wieder relativ wenig genützt.
Trotzdem: vermutlich wird diese Erfahrung jetzt erstmal bei mir eine Weile gähren müssen. Und eventuell muss ich von Anfang an die Planung stärker auf die grafischen Elemente auslegen und auch auf die Eigenständigkeit des filmischen Erzählens. Das war ja das zweite Problem, was ich dann gesehen habe: im Prinzip sind diese Videos noch viel zu sehr verbal ausgestaltet. Die grafischen Elemente sind vorwiegend Hilfsmittel, so wie man das fast immer im klassischen Unterricht sieht. Das ist jetzt nicht unbedingt eine Kritik, aber richtig innovativ kann so etwas auch nicht werden. Und auch wenn ich mich da überhaupt nicht unter Druck setze: ich möchte schon eine stärker auf die Grafik oder auf den Film angelegte Struktur der einzelnen Videos erreichen. Nicht in diesem Kurs. Wahrscheinlich auch nicht in den nächsten beiden. Aber in den nächsten zwei Jahren.
Hier also das erste Video, in neuer Gestalt. Das zweite steht auch schon online. Ebenso werdet ihr ein drittes finden, in dem ihr noch die alte Grafik seht. Das ist nicht schlecht, aber eben durchaus wenig aufregend.
07.12.2013
Feine Kunden - diesmal: die queer-Theorie und die Pädagogik
In meinem letzten Post hatte ich von einer Kundin berichtet, die mich angerufen hatte, weil sie über die Darstellung von "hegemonialer Männlichkeit" verunsichert war. Das hat zu einem weiteren kleinen Nachbeben geführt.
Die Kundin ist hier deutlich zwischen einer queer-freundlichen Auffassung und dem pädagogischen Anspruch, Kindern die Entwicklung einer gesunden Identität zu ermöglichen, aufgerieben. Da sich Identitäten entlang von Schablonen und Vorbildern entwickeln, manchmal durch Nachahmung und manchmal durch Widerstand, ist jene junge Frau in die Zwickmühle gekommen, wie sich eine sinnvolle pädagogische Intervention gestalten ließe, die zwischen "queeren" Ansprüchen und den sehr klischeehaften Rollenbildern, die manche ihrer (zukünftig) zu betreuenden/erziehenden Kinder mit sich bringen, vermittelt.
Identitätsverluste
Zunächst muss man sämtlichen Gegnern von Judith Butler den Zahn ziehen, sie wolle eine queere Gesellschaft. Lesen wir dazu zunächst sie selbst:
Sie [die Aufsätze im vorliegenden Band] konzentrieren sich auf die Frage, was es bedeuten könnte [!], restriktiv normative Konzeptionen des von Sexualität und Gender bestimmten Lebens aufzulösen ... Die Aufsätze behandeln diese Erfahrung des Aufgelöst-Werdens ... gleichermaßen in guter wie schlechter Hinsicht. Manchmal kann eine normative Konzeption von Gender die Personalität auflösen, indem sie die Fähigkeit untergräbt, sich in einem lebenswerten Leben zu behaupten. Dann wieder kann die Erfahrung, dass eine normative Beschränkung aufgelöst wird, eine frühere Vorstellung davon, wer man ist, auflösen, nur um eine relativ neue zu eröffnen, deren Ziel es ist, das Leben lebenswerter zu machen.Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2011, S. 9.
Hören wir also genau auf dieses "sowohl ... als auch ...", und dass sich die Frage nach einer unbeschädigten Identität nicht einfach durch die Verqueerung einer Gesellschaft lösen lässt. Dies wird aber auch weniger von Gender-Theoretikern vertreten, als von Menschen, die Butler nie gelesen haben. Doch natürlich findet man auch die abstruse Forderung, Kindern eine heterosexuelle Identität abzuerziehen.
Heterosexualität aberziehen?
Philosophie, insbesondere politische Philosophie, neigt dazu, Fragen der Erziehung nur am Rande zu erwähnen, auch wenn es sich explizit um Fragen der Ethik und der Politik handelt. Bekannt und berühmt ist die Behandlung in Platons Gesetzen (7. Buch, meist wird der entsprechende Abschnitt mit 3 beziffert). Es folgen idealistische Positionen wie die von Rousseau. Im Allgemeinen sucht man aber explizit pädagogische Erläuterungen vergeblich. Dewey bildet eine Ausnahme, mit "Demokratie und Erziehung". Ansonsten muss man sich auf philosophisch ambitionierte Pädagogen und Soziologen verlassen, auf Psychologen oder einfach auf nachdenkliche Menschen des Alltags.
Judith Butler kann in diese Erziehungs"blindheit" bedingt ebenfalls eingereiht werden. Trotzdem gibt sie deutliche Hinweise, die eben nicht in Richtung einer zwanghaften Aberziehung von Heterosexualität gehen:
Daraus folgt allerdings nicht, dass die Queer-Theory jedwede Geschlechtszuordnung bekämpfen würde oder die Wünsche derer fragwürdig machen wollte, die zum Beispiel bei Intersex-Kindern solche Zuordnungen sicherstellen möchten, weil Kinder sie durchaus brauchen können, um sozial zu funktionieren, selbst wenn sie später im Leben - um die Risiken wissend - zu dem Entschluss gelangen, ihre Geschlechtszugehörigkeit zu ändern. Dahinter steht die vollkommen berechtigte Annahme, dass Kinder nicht die Last auf sich nehmen müssen, Helden einer Bewegung zu sein, ohne zu einer solchen Rolle ihre Zustimmung als Mündige geben zu können. In diesem Sinne ist die Kategorisierung angebracht und kann nicht auf Formen eines anatomischen Essentialismus reduziert werden."Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2011, S. 19.
Man könnte aus dieser Passage also folgern, dass die Erziehung zur Heterosexualität 1.) nicht falsch ist und 2.) als Übergangslösung begriffen werden kann, insofern Kinder keine eindeutigen Signale aussenden, bzw. Erwachsene Zweifel hegen.
Weder aber wird gesagt, dass Kinder Erzieher brauchen, die Zweifel an der eigenen Identität haben, auch wenn dies manchmal vorkommen soll und nicht immer zu einer Schädigung der kindlichen Identität führt, noch heißt das, dass in den Kindern Zweifel gesät werden sollen.
(Sexuelle) Identität und Erziehung
Folgt man Butler weiter, ist Identität ein heterogenes Konzept. Auf diesem Hintergrund wird es für den Erzieher manchmal schwierig, die verschiedenen Anforderungen an die Identität des Kindes in widerspruchsloses erzieherisches Verhalten umzusetzen.
Auf diesem Hintergrund hat dann die Kundin etwas desillusioniert gesagt: Also läuft alles darauf hinaus, Kindern gegenüber sensibel zu sein und ihnen einen Schutzraum zu bieten?
Ja, so scheint es wohl.
Dieser Rückzugsort muss gewährleistet sein, anscheinend von der Entscheidung an, ein Kind zu bekommen bis zu dem Moment, da das Kind eigenständig und selbstverantwortlich ist. Die Kundin berichtete, dass es unklar ist, inwieweit Väter für eine gesunde Identitätsentwicklung notwendig sind und dass mit der zunehmenden Zahl an alleinerziehenden Vätern immer fraglicher wird, ob Mütter dafür notwendig sind. Was Kinder allerdings nicht gebrauchen können, ist ein Rückzugsort, der von massiven Konflikten durchzogen ist.
Mündigkeit und queer-Sein
Unterstreichen wir also im letzten Zitat, was Butler scheinbar nur am Rande erwähnt: die Mündigkeit. Und damit kann man, bei aller scheinbar radikalen Zuschreibung der Butlerschen Konzepte, im guten wie im bösen Sinn, einen sehr klassisch-humanistischen Kern ausmachen: die sittliche Autonomie auch als Kern einer queer/gender-Ethik. (Ich erinnere an dieser Stelle auch daran, dass Foucault, auf den Butler sich sehr häufig bezieht, sehr starke Verbindungen zu Kant pflegte und diesen immer wieder kommentiert hat. Es wäre durchaus sinnvoll, dies einmal genauer zu untersuchen.)
Auf diese sittliche Autonomie dürfen sich dann auch wir Heterosexuelle berufen und zu dieser müssen wir uns auch verpflichten.
02.12.2013
Radikale Instabilitäten — die Kategorie der Frau und Männlichkeit
Zumindest heute Nachmittag konnte ich mich mal wieder meiner eigenen Literatur zuwenden, jenseits von der Notwendigkeit, etwas ökonomisch sinnvolles zu tun.
Intertextualität
Zwischendrin, auch um mich immer wieder daran zu erinnern, lese ich natürlich Judith Butler. Die leitende Idee dahinter ist die der Intertextualität. Julia Kristeva schreibt dazu:
"Écrivain autant que "savant", Bakthine [Bachtin, FW] est l'un des premiers à remplacer le découpage statique des textes par un modèle où la structure littéraire n'est pas, mais où elle s'élabore par rapport à une autre structure. Cette dynamisation du structuralisme n'est possible qu'à partir d'une conception selon laquelle le "mot littéraire" n'est pas un point (un sens fixe), mais un croisement de surfaces textuelles, un dialogue de plusieurs écritures: de l'écrivain, du destinataire (ou du personnage), du contexte culturel actuel ou antérieur."Kristeva, Julia: Le mot, le dialogue et le roman. in: dies.: Semeiotike. Recherches pour une sémanalyse, Édition du Seuil 1969, p. 83.
Feministische Elite
Das fantasmatische Wir des Feminismus
Ich spinne also den Faden von Judith Butler in andere Bücher hinein und wieder zurück. Dabei geht es weniger um die eigentliche Bedeutung, sondern um das Spiel der Doubles.
So fand ich es neulich fast schicksalhaft ironisch, als ich durch Hannah Arendt wieder einmal zu Nietzsches Schrift Schopenhauer als Erzieher kam und von dort aus zu den Aphorismen zur Lebensweisheit von Schopenhauer selbst. Wo ich dann über recht ähnliche Formulierungen zur Sexualehre des Weibes in Bezug auf das fantasmatische Wir des Feminismus bei Judith Butler stieß. Ich berichtete davon: Vom Schreiben und Erzählen.
So fand ich es neulich fast schicksalhaft ironisch, als ich durch Hannah Arendt wieder einmal zu Nietzsches Schrift Schopenhauer als Erzieher kam und von dort aus zu den Aphorismen zur Lebensweisheit von Schopenhauer selbst. Wo ich dann über recht ähnliche Formulierungen zur Sexualehre des Weibes in Bezug auf das fantasmatische Wir des Feminismus bei Judith Butler stieß. Ich berichtete davon: Vom Schreiben und Erzählen.
Radikale Instabilität des feministischen Wirs
Nun: am Freitag schreckte mich kurz nach dem Mittagessen ein Anruf aus meiner Versunkenheit, ich weiß gar nicht mehr in was. Jemand war über meinen Blog gestolpert und die erste Frage war, ob ich denn auch Ahnung von hegemonialer Männlichkeit habe. Was er denn wissen wolle, fragte ich zurück. Nun, er habe Probleme mit der Aussage, hegemoniale Männlichkeit sei stets prekär, instabil und sozial offen. Das nun war der Moment, in dem ich endgültig wach wurde. Ich fühlte mich sofort an eine Aussage von Judith Butler erinnert. Diese schreibt in Das Unbehagen der Geschlechter:
Das feministische »Wir« ist stets nur eine fantasmatische Konstruktion, die zwar bestimmten Zwecken dient, aber zugleich die innere Vielschichtigkeit und Unbestimmtheit dieses »Wir« verleugnet und sich nur durch die Ausschließung eines Teils der Wählerschaft konstituiert, die sie zugleich zu repräsentieren sucht. Freilich ist der schwache oder fantasmatische Status dieses »Wir« kein Grund zur Verzweiflung — oder besser gesagt: nur ein Grund zur Verzweiflung. Die radikale Instabilität dieser Kategorie stellt die grundlegende Einschränkungen der feministischen politischen Theorie in Frage und eröffnet damit andere Konfigurationen, nicht nur für die Geschlechtsidentitäten und für die Körper, sondern auch für die Politik selbst. (209)
Männliche Kontingenz
Ich habe also pflichtbewusst erstmal darauf gepocht, dass ich jetzt natürlich eine Dienstleistung anbiete, bzw. anbieten kann. Und dass ich natürlich begründete Interessen daran habe, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Da es für mich ein Selbstgänger war, konnte ich sogar einen sehr humanen Preis anbieten. Ich habe dann das entsprechende Zitat von Judith Butler zugeschickt und in einem weiteren Telefonat auseinander gepflückt und mit dem Zitat, das der Kunde vorliegen hatte, parallelisiert.
Sein Zitat lautete dann vollständig folgendermaßen:
Sein Zitat lautete dann vollständig folgendermaßen:
»Das Soziale wie auch das Diskursive werden als radikal kontingente Räume begriffen, die allerdings zeitweise über Diskurse und hegemoniale Machtbeziehungen strukturiert werden« … Obwohl Kontingenz das Soziale kennzeichnet, wird dennoch für die Konstitution von Hegemonien ein letzter gemeinsamer Grund behauptet. Auf Männlichkeit übertragen bedeutet dies nicht selten einen Rekurs auf eine vermeintlich ähnliche Natur aller Männer. So wird die universelle Geltung von Normen legitimiert und damit das Einverständnis der Beherrschten gesichert. Hegemoniale Herrschaft — und so Heilmann weiterführend auch hegemoniale Männlichkeit — beruhen auf einem unauflösbaren (logischen) Widerspruch zwischen der Postulierung einer universalen Bezugsebene und einer faktischen Kontingenz von Machtverhältnissen, in denen sich partikulare Interessen aktuell als dominant durchsetzen. Hegemoniale Herrschaft und hegemoniale Männlichkeit sind somit »stets prekär, instabil und sozial offen« …Scholz, Sylka: Männlichkeitssoziologie, Münster 2012, 24
Extrapolation
Die Kritik, die die Autorin an dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit übt, basiert also auf dem Unterschied zwischen einer idealtypisch gedachten Herrschaft der Männer und einer im Einzelfall realen Machtstellung des Mannes. Genauer gesagt kommt hier, wie die Autorin ausdrücklich sagt, eben jener Paralogismus zum Vorschein, um den ich mich in den letzten Jahren so intensiv gekümmert habe: die Extrapolation.
Gerade in den letzten Jahren wurde deutlich, dass der Mann, aber auch der Vater in Bezug auf das Kind, eine zunehmend schwierigere gesellschaftliche Stellung zugewiesen bekommt, je mehr er sich um das Kind zu kümmern wünscht, dies aber gesellschaftlich unterbunden wird. Der Kunde nannte dann den Titel eines Buches, der Entsorgte Väter lautete und, seinen Angaben nach, recht wissenschaftlich gehalten sei (was man ja manchmal in dieser Väterdebatte vergeblich sucht).
Gerade in den letzten Jahren wurde deutlich, dass der Mann, aber auch der Vater in Bezug auf das Kind, eine zunehmend schwierigere gesellschaftliche Stellung zugewiesen bekommt, je mehr er sich um das Kind zu kümmern wünscht, dies aber gesellschaftlich unterbunden wird. Der Kunde nannte dann den Titel eines Buches, der Entsorgte Väter lautete und, seinen Angaben nach, recht wissenschaftlich gehalten sei (was man ja manchmal in dieser Väterdebatte vergeblich sucht).
Soziale Evolution, Restabilisierung und Elitebildung
Jedenfalls war die verblüffte Aussage des Kunden dann: dann würde sich der Feminismus gar nicht von der hegemonialen Männlichkeit unterscheiden!
Nun, nicht ganz. Der Feminismus ist natürlich nicht automatisch schon eine Hegemonie. Genauso wenig ist Männlichkeit automatisch hegemonial. Deshalb gibt es ja diese Zusammensetzung, schon auf der verbalen Ebene. Hegemonie ist eben, und das ist das Problem, nicht von Subjekten initiiert, sondern entsteht aus der sozialen Evolution heraus und stabilisiert sich dann über (versuchte) Elitenbildung. Das einzelne Subjekt gerät also in eine Elite hinein und stabilisiert diese dann aus Eigeninteresse, wodurch sich Eliten dann gerne auch mal „nach unten“ abschotten.
Das lässt sich meiner Ansicht nach auch beim Feminismus beobachten. Auch hier haben sich mittlerweile Formen von elitären Bündnissen gebildet, die sich gegenüber anderen Frauen verschließen und zwar mit der gleichen Geste, die von denselben Frauen den Männern vorgeworfen wird. Und auf der anderen Seite lassen sich diese subkulturellen Eliten wieder sehr gerne von Eliten absorbieren, die man, so war neulich ein „verrückter“ Einfall von mir, Super-Eliten nennen könnte: dazu gehört das Bündnissystem innerhalb der Wissenschaft, insbesondere der Sozialwissenschaft, aber auch Wirtschafts-Eliten oder politische Eliten.
Nun, nicht ganz. Der Feminismus ist natürlich nicht automatisch schon eine Hegemonie. Genauso wenig ist Männlichkeit automatisch hegemonial. Deshalb gibt es ja diese Zusammensetzung, schon auf der verbalen Ebene. Hegemonie ist eben, und das ist das Problem, nicht von Subjekten initiiert, sondern entsteht aus der sozialen Evolution heraus und stabilisiert sich dann über (versuchte) Elitenbildung. Das einzelne Subjekt gerät also in eine Elite hinein und stabilisiert diese dann aus Eigeninteresse, wodurch sich Eliten dann gerne auch mal „nach unten“ abschotten.
Das lässt sich meiner Ansicht nach auch beim Feminismus beobachten. Auch hier haben sich mittlerweile Formen von elitären Bündnissen gebildet, die sich gegenüber anderen Frauen verschließen und zwar mit der gleichen Geste, die von denselben Frauen den Männern vorgeworfen wird. Und auf der anderen Seite lassen sich diese subkulturellen Eliten wieder sehr gerne von Eliten absorbieren, die man, so war neulich ein „verrückter“ Einfall von mir, Super-Eliten nennen könnte: dazu gehört das Bündnissystem innerhalb der Wissenschaft, insbesondere der Sozialwissenschaft, aber auch Wirtschafts-Eliten oder politische Eliten.
Relative Stabilitäten, Exklusion am Rand
So stellt sich die Frage, ob der derzeitige Umbau der Gesellschaft entlang des gender-Diskurses tatsächlich Ungerechtigkeiten abbaut oder nur anders verteilt. Derzeit beobachte ich die ganze Situation eher mit einem gewissen Stirnrunzeln. Vielleicht spielt dabei der Feminismus nur eine sehr geringe Rolle, aber auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft sind wir weißgott nicht. Und wo sich der Feminismus nicht nach unten marginalisiert, so marginalisiert er sich dann nach oben.
Man kann hier, ganz im Sinne von Gabriel Tarde, von »Plateaus« sprechen, die »instabile Gleichgewichtszustände« seien. Und man kann hier eine doppelte Instabilität postulieren. Auf der einen Seite sind solche Plateaus in sich instabil. Und auf der anderen Seite erlangen sie eine relative Stabilität, indem an ihren Rändern beständig instabile Elemente ausgesondert werden. Dies würde die konflikthaften Erscheinungen innerhalb der Gesellschaft erklären, wie man sie ja auch beim Feminismus kennt. Und dies würde auch erklären, warum es trotz der inhaltlichen Unterschiede durchaus Ähnlichkeiten mit dem Kampf um die „christliche“ Familie gibt: Dynamisch, also der schwankenden (De-)Stabilisierung nach, sind sich diese beiden gesellschaftlichen Strömungen durchaus ähnlich.
Man kann hier, ganz im Sinne von Gabriel Tarde, von »Plateaus« sprechen, die »instabile Gleichgewichtszustände« seien. Und man kann hier eine doppelte Instabilität postulieren. Auf der einen Seite sind solche Plateaus in sich instabil. Und auf der anderen Seite erlangen sie eine relative Stabilität, indem an ihren Rändern beständig instabile Elemente ausgesondert werden. Dies würde die konflikthaften Erscheinungen innerhalb der Gesellschaft erklären, wie man sie ja auch beim Feminismus kennt. Und dies würde auch erklären, warum es trotz der inhaltlichen Unterschiede durchaus Ähnlichkeiten mit dem Kampf um die „christliche“ Familie gibt: Dynamisch, also der schwankenden (De-)Stabilisierung nach, sind sich diese beiden gesellschaftlichen Strömungen durchaus ähnlich.
Feind = Freund; eine Ununterscheidbarkeit
Genauso parallelisiert sich dann auch die mal latente, mal manifeste Frauenfeindlichkeit Schopenhauers zu der angeblichen Frauenfreundlichkeit des Feminismus. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn egal ob es sich um ein Ideal oder ein Anti-Ideal handelt: in Bezug auf die empirische Aussage gerät man schnell in Paralogismen hinein, und derzeit ist es mir noch gar nicht klar, ob es tatsächlich eine solche umsichtige Argumentation gibt, die solche Paralogismen vermeiden kann. Ich habe meine Zweifel.
Wilde Strukturen
Damit kommen wir zu dem Zitat von Julia Kristeva zurück. Auch hier bin ich mir nicht wirklich sicher. Aber man könnte doch die Beziehung zwischen verschiedenen Strukturen in einen produktiven und bedingt auch wilden Prozess setzen. Wie sähe ein solcher Prozess aus? Vom Standpunkt des subjektiven Bewusstseins aus? Derzeit spiele ich wieder, angeregt durch Hannah Arendt, mit der Idee, dass sich anhand von (bestimmten) Tatsachen zahlreiche Erzählfäden kreuzen dürfen und müssen. Dann ist die Tatsache, die so lange in den Vordergrund gerückt wurde, tatsächlich nur noch der Knotenpunkt, an dem sich die Differenz der Erzählungen am deutlichsten zeigt und am ehesten verhandeln lässt.
01.12.2013
Heute fühle ich mich nach …
Selbstbeweihräucherung.
Warum eigentlich?
Ganz nahe liegend: ich habe einen recht langen Tag hinter mir, mit zahlreichen Arbeiten rund um meinen Beruf. Und jetzt, am frühen Morgen des Folgetages auch zwei Gläser Wein intus. Erschwerend kommt hinzu, dass ich seit drei Wochen keinen Alkohol getrunken habe. Man könnte also sagen, dass ich völlig aus der Übung bin.
Etwas objektiver sind allerdings meine Besucherzahlen. Über die ich jetzt eigentlich schreiben wollte: während ich ganz zu Beginn mal den einen oder anderen Besucher im Monat hatte, konnte ich letzten Monat, im November, sogar mal die 5000-Marke an einem Tag sprengen.
Vermutlich sind es diese vielen kleinen Nischenthemen, die ich über die Jahre hinweg angeschnitten habe, die mir diese enorme Aufmerksamkeit ermöglichen. Es ist übrigens eine zwiespältige Aufmerksamkeit.
Fast täglich erreichen mich E-Mails mit Schmähungen. So hat sich eine gewisse Bevölkerungsgruppe darauf festgelegt, ich sei ein Frauenversteher und deshalb natürlich schwul. Deshalb sind auch alle meine Artikel schwul und deshalb schreibe ich auch nur zu schwulen Themen. So jedenfalls der Tenor.
Andere wiederum meinen, es sei intelligent, mir Unkenntnis in der Logik fortzuwerfen. Das ist in doppeltem Sinne ärgerlich: ich bin durchaus bereit, sofern es sich um einen vernünftigen Gesprächspartner handelt, meine Kenntnisse in der Logik als begrenzt zu bezeichnen. Das liegt vor allem daran, dass die Logik sich im 20. Jahrhundert immer stärker an bestimmten ethischen Verpflichtungen orientiert hat und so in einem weiten Bereich die Logik ohne die Ethik gar nicht zu denken ist. Umso ärgerlicher ist es, wenn hier gewisse Menschen mit einer simplem Schlusslehre meinen, mir eine Unkenntnis vorwerfen zu können. Die Schlussregeln von eindeutig wahren und falschen Aussagen sind aber, wie man sich leicht überzeugen kann, nur formale Definitionen, also Definitionen, die sich auf Tatsachen der Form und nicht auf Tatsachen des Inhalts beziehen, die also a priori richtig, aber a posteriori deutlich reduzierend sind.
Insofern schadet mir diese kleine Selbstbeweihräucherung überhaupt nicht. Sie erinnert mich daran, worauf uns Immanuel Kant einmal festgelegt hat: dass wir uns in einem Zeitalter der Aufklärung befinden, aber noch nicht in einem aufgeklärten Zeitalter. Und das man dazu seinen Beitrag leisten sollte, möglichst durch eine und geduldige Prüfung sämtlicher Argumente.
Warum eigentlich?
Ganz nahe liegend: ich habe einen recht langen Tag hinter mir, mit zahlreichen Arbeiten rund um meinen Beruf. Und jetzt, am frühen Morgen des Folgetages auch zwei Gläser Wein intus. Erschwerend kommt hinzu, dass ich seit drei Wochen keinen Alkohol getrunken habe. Man könnte also sagen, dass ich völlig aus der Übung bin.
Etwas objektiver sind allerdings meine Besucherzahlen. Über die ich jetzt eigentlich schreiben wollte: während ich ganz zu Beginn mal den einen oder anderen Besucher im Monat hatte, konnte ich letzten Monat, im November, sogar mal die 5000-Marke an einem Tag sprengen.
Vermutlich sind es diese vielen kleinen Nischenthemen, die ich über die Jahre hinweg angeschnitten habe, die mir diese enorme Aufmerksamkeit ermöglichen. Es ist übrigens eine zwiespältige Aufmerksamkeit.
Fast täglich erreichen mich E-Mails mit Schmähungen. So hat sich eine gewisse Bevölkerungsgruppe darauf festgelegt, ich sei ein Frauenversteher und deshalb natürlich schwul. Deshalb sind auch alle meine Artikel schwul und deshalb schreibe ich auch nur zu schwulen Themen. So jedenfalls der Tenor.
Andere wiederum meinen, es sei intelligent, mir Unkenntnis in der Logik fortzuwerfen. Das ist in doppeltem Sinne ärgerlich: ich bin durchaus bereit, sofern es sich um einen vernünftigen Gesprächspartner handelt, meine Kenntnisse in der Logik als begrenzt zu bezeichnen. Das liegt vor allem daran, dass die Logik sich im 20. Jahrhundert immer stärker an bestimmten ethischen Verpflichtungen orientiert hat und so in einem weiten Bereich die Logik ohne die Ethik gar nicht zu denken ist. Umso ärgerlicher ist es, wenn hier gewisse Menschen mit einer simplem Schlusslehre meinen, mir eine Unkenntnis vorwerfen zu können. Die Schlussregeln von eindeutig wahren und falschen Aussagen sind aber, wie man sich leicht überzeugen kann, nur formale Definitionen, also Definitionen, die sich auf Tatsachen der Form und nicht auf Tatsachen des Inhalts beziehen, die also a priori richtig, aber a posteriori deutlich reduzierend sind.
Insofern schadet mir diese kleine Selbstbeweihräucherung überhaupt nicht. Sie erinnert mich daran, worauf uns Immanuel Kant einmal festgelegt hat: dass wir uns in einem Zeitalter der Aufklärung befinden, aber noch nicht in einem aufgeklärten Zeitalter. Und das man dazu seinen Beitrag leisten sollte, möglichst durch eine und geduldige Prüfung sämtlicher Argumente.
Adventure Game Design
Eine der schöneren Sitzungen aus The future of storytelling war diejenige über Adventure Game Design. Und zumindest ist hier jemand aufgetaucht, den die langjährigen Leser meines Blogs kennen, ich hoffe nicht nur von mir: Roland Barthes.
Nicht ganz so glücklich empfand ich allerdings die Darstellung, die dann geliefert wurde. Sie betraf die integrativen und distributiven Elemente des Erzählens. Diese hatte Roland Barthes in seinem Aufsatz Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen dargelegt. Etwas ausführlicher, allerdings zu einem anderen Zeichenbereich, findet sich diese auch in Die Sprache der Mode.
Integrative Elemente tauchen in der einen Codierung auf, verweisen aber auf eine andere Codierung. Das sind zum Beispiel in Erzählungen ganz typisch Gesten. Diese verweisen auf die Codierung von Personenkonstellationen. Barthes gibt dazu ein treffendes Beispiel: James Bond telefoniert. Aber er telefoniert nicht einfach nur, sondern um dieses eine Telefon, das er benutzt, stehen weitere Telefone. Diese Telefone sind integrative Elemente. Sie verweisen auf James Bond als Stellvertreter einer machtvollen Organisation und damit weiter auf die moralische Codierung dieser Erzählung, die letztendlich auf der Opposition von Gut und Böse beruht.
Distributive Elemente dagegen verweisen auf Elemente der gleichen Codierung. So gehört es zu der grundsätzlichen Logik von Erzählungen, dass Gegenstände, die vorher in einer Erzählung auftauchen, später nochmal eine weitere Bedeutung bekommen. Der Kauf eines Revolvers zu Beginn einer Erzählung, so das Beispiel von Barthes, korreliert mit dem späteren Zeitpunkt, zu dem er benutzt wird.
Besonders häufig fällt einem das in den Büchern von Harry Potter auf. In jedem Buch dieser Reihe streut Rowling zu Beginn Hinweise auf Gegenstände ein, die später wichtig werden. Dies ist im ersten Band zum Beispiel das geheimnisvolle Päckchen, welches Hagrid aus den Verliesen von Gringotts holt. Und wenn man es genau nimmt, zieht dieses Päckchen geradezu korrelative Elemente an, zum Beispiel den Einbruch bei Gringotts am selben Tag, was Harry Potter später in der Zaubererzeitung liest.
Dasselbe geschieht aber auch über ganz weite Distanzen hinweg, zum Beispiel mit dem Motorrad, mit dem Hagrid gleich zu Beginn des Romans den kleinen Harry Potter zu den Dursleys bringt; oder mit den Zauberern, die sich willentlich in ein bestimmtes Tier verwandeln können, wie gleich zu Beginn die Katze, die eigentlich Professor McGonagall ist.
Insofern finde ich die Darstellung in dem Video zu den Adventure Games missverständlich, da sie das dahinterliegende linguistische Prinzip nicht erklärt. Integrative und distributive Elemente tauchen nicht nur in Erzählungen auf. So sind die grammatischen Markierungen innerhalb eines Satzes die integrativen Elemente für die Sätze, während die anaphorischen Elemente innerhalb von Sätzen integrative Elemente für den erzählten Raum und die erzählte Zeit sind. Distributive Elemente wiederum sind zum Beispiel alle Familienverhältnisse, die auf eine bestimmte Codierung der Familie verweisen. Diese Verweise müssen übrigens nicht realisiert werden. So erweist sich die simple Erwähnung eines Mannes in einer Erzählung als korrelativ zu anderen Männern, Frauen und Kindern oder auch Eltern. Dabei ist das Wort Korrelation sehr unspezifisch. Es wird durch eine Erzählung immer konkretisiert.
Werbung arbeitet ebenfalls mit solchen distributiven Elementen. Eine Nudelpackung, zu deren Füßen reife Tomaten, Zwiebeln und Oliven liegen, und im Slogan Sommer, Sonne, Sinnlichkeit verspricht, garniert mit einer italienischen Fahne, verweist auf die Codierung Italien. Und es macht überhaupt nichts, dass diese Codierung höchst mythisch ist. Sie funktioniert in einem gewissen kulturellen Kontext (nämlich in Deutschland) ganz hervorragend. Der Kitt dieser Codierung ist mit Sicherheit nicht auf langjährige Erfahrungen gegründet, sondern auf kurzfristige Urlaubsreisen.
Wenn man sich das Video anschaut, könnte man allerdings meinen, dass es Gegenstände sind, die auf Handlungen in anderen Szenen eines Abenteuer-Spiels verweisen. So findet der Avatar an einem Ort einen Apfel und an einem anderen Ort benutzt er ihn, zum Beispiel, um ein wildes Pferd zu zähmen, was für den weiteren Verlauf des Spiels wichtig ist. Korrelieren tut hier allerdings nicht der Apfel mit dem Zähmen, sondern der Apfel mit dem Pferd und das Finden mit dem Zähmen.
Und hier stoßen wir auf eine Schwierigkeit, zu der ich weder in der Literatur eine Lösung gefunden habe, noch selbst auf eine gekommen bin. Denn offensichtlich nutzt die Geschichte hier zwei Korrelationen aus zwei unterschiedlichen Codes, um diese zu integrieren. Etwas schlichter gesprochen: Sie stellt eine Analogie her, nämlich die Analogie zwischen Apfel-Pferd und finden-zähmen.
Nun wäre dieses Beispiel leicht hinzunehmen, wenn es sich nur auf solche Codierungen beschränkt, die alltäglich nachvollziehbar sind. Viel schwieriger wird es bei Codierungen, die sich auf deutliche Systemwechsel beziehen, wie zum Beispiel die Handlungsfolgen eines Romans und der Eindruck von Spannung bei dem Leser. Nicht nur, dass es äußerst gewaltsam erscheint, wenn solche Spannungselemente herausgefiltert werden (und zwar als die psychologische Seite der Spannung, nicht die Elemente einer bestimmten Schreibtechnik); es ist schon gar nicht klar, welche Codierung hier integriert und welche integriert wird. Und dann wird es schon fast dekonstruktivistisch: offensichtlich besteht hier am Ursprung der Spannungserzeugung ein anthropologisches Paradox.
Anthropologisches Paradox? Das verlangt nach einer Erklärung. Nun, ein anthropologisches Paradox ist zum Beispiel, dass die Souveränität des Menschen seiner Gemeinschaftlichkeit entgegensteht. Das ist eine Sache, die man an Hannah Arendt wirklich kritisieren muss. Nämlich, dass sie diese grundlegenden Paradoxien nicht gut herausgearbeitet. Und insofern ist der Ansatz, den Judith Butler vertritt, und der tatsächlich eine gewisse Nähe zu Hannah Arendt aufweist, deutlich interessanter, weil er deutlich ehrlicher ist. Politik ist, so mag man das schlagwortartig sagen, in einer Gesellschaft von Einzelwesen schwierig.
Es gibt auch andere anthropologische Paradoxien. Wer hier meisterhaft darauf hinweist, ist Niklas Luhmann. Der andere Mensch muss mir mit seinen Gedanken unzugänglich sein, damit er mir zugänglich wird. Zugänglich worüber? Über Kommunikation. Dass diese Zugänglichkeit über Kommunikation wieder neue Paradoxien schafft, liegt wohl in der Natur von dynamischen und autopoietischen Systemen. So jedenfalls kann man Luhmann lesen.
Auch die Paradoxie zwischen Handlungsstruktur und Spannungsempfinden scheint eine Paradoxie aufzuheben, nämlich die zwischen der Leere des Signifikanten und dem Lesen des vollen Sinns.
Vielleicht versteht der eine oder andere Leser, warum mir diese Ausformulierung so viel Mühe macht. Schließlich geht es darum, zwei Paradoxien zu würdigen (wenn es denn diese überhaupt sind) und sie zugleich in ein sich gegenseitig reduzierendes Verhältnis zu setzen.
Nicht ganz so glücklich empfand ich allerdings die Darstellung, die dann geliefert wurde. Sie betraf die integrativen und distributiven Elemente des Erzählens. Diese hatte Roland Barthes in seinem Aufsatz Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen dargelegt. Etwas ausführlicher, allerdings zu einem anderen Zeichenbereich, findet sich diese auch in Die Sprache der Mode.
Integrative Elemente tauchen in der einen Codierung auf, verweisen aber auf eine andere Codierung. Das sind zum Beispiel in Erzählungen ganz typisch Gesten. Diese verweisen auf die Codierung von Personenkonstellationen. Barthes gibt dazu ein treffendes Beispiel: James Bond telefoniert. Aber er telefoniert nicht einfach nur, sondern um dieses eine Telefon, das er benutzt, stehen weitere Telefone. Diese Telefone sind integrative Elemente. Sie verweisen auf James Bond als Stellvertreter einer machtvollen Organisation und damit weiter auf die moralische Codierung dieser Erzählung, die letztendlich auf der Opposition von Gut und Böse beruht.
Distributive Elemente dagegen verweisen auf Elemente der gleichen Codierung. So gehört es zu der grundsätzlichen Logik von Erzählungen, dass Gegenstände, die vorher in einer Erzählung auftauchen, später nochmal eine weitere Bedeutung bekommen. Der Kauf eines Revolvers zu Beginn einer Erzählung, so das Beispiel von Barthes, korreliert mit dem späteren Zeitpunkt, zu dem er benutzt wird.
Besonders häufig fällt einem das in den Büchern von Harry Potter auf. In jedem Buch dieser Reihe streut Rowling zu Beginn Hinweise auf Gegenstände ein, die später wichtig werden. Dies ist im ersten Band zum Beispiel das geheimnisvolle Päckchen, welches Hagrid aus den Verliesen von Gringotts holt. Und wenn man es genau nimmt, zieht dieses Päckchen geradezu korrelative Elemente an, zum Beispiel den Einbruch bei Gringotts am selben Tag, was Harry Potter später in der Zaubererzeitung liest.
Dasselbe geschieht aber auch über ganz weite Distanzen hinweg, zum Beispiel mit dem Motorrad, mit dem Hagrid gleich zu Beginn des Romans den kleinen Harry Potter zu den Dursleys bringt; oder mit den Zauberern, die sich willentlich in ein bestimmtes Tier verwandeln können, wie gleich zu Beginn die Katze, die eigentlich Professor McGonagall ist.
Insofern finde ich die Darstellung in dem Video zu den Adventure Games missverständlich, da sie das dahinterliegende linguistische Prinzip nicht erklärt. Integrative und distributive Elemente tauchen nicht nur in Erzählungen auf. So sind die grammatischen Markierungen innerhalb eines Satzes die integrativen Elemente für die Sätze, während die anaphorischen Elemente innerhalb von Sätzen integrative Elemente für den erzählten Raum und die erzählte Zeit sind. Distributive Elemente wiederum sind zum Beispiel alle Familienverhältnisse, die auf eine bestimmte Codierung der Familie verweisen. Diese Verweise müssen übrigens nicht realisiert werden. So erweist sich die simple Erwähnung eines Mannes in einer Erzählung als korrelativ zu anderen Männern, Frauen und Kindern oder auch Eltern. Dabei ist das Wort Korrelation sehr unspezifisch. Es wird durch eine Erzählung immer konkretisiert.
Werbung arbeitet ebenfalls mit solchen distributiven Elementen. Eine Nudelpackung, zu deren Füßen reife Tomaten, Zwiebeln und Oliven liegen, und im Slogan Sommer, Sonne, Sinnlichkeit verspricht, garniert mit einer italienischen Fahne, verweist auf die Codierung Italien. Und es macht überhaupt nichts, dass diese Codierung höchst mythisch ist. Sie funktioniert in einem gewissen kulturellen Kontext (nämlich in Deutschland) ganz hervorragend. Der Kitt dieser Codierung ist mit Sicherheit nicht auf langjährige Erfahrungen gegründet, sondern auf kurzfristige Urlaubsreisen.
Wenn man sich das Video anschaut, könnte man allerdings meinen, dass es Gegenstände sind, die auf Handlungen in anderen Szenen eines Abenteuer-Spiels verweisen. So findet der Avatar an einem Ort einen Apfel und an einem anderen Ort benutzt er ihn, zum Beispiel, um ein wildes Pferd zu zähmen, was für den weiteren Verlauf des Spiels wichtig ist. Korrelieren tut hier allerdings nicht der Apfel mit dem Zähmen, sondern der Apfel mit dem Pferd und das Finden mit dem Zähmen.
Und hier stoßen wir auf eine Schwierigkeit, zu der ich weder in der Literatur eine Lösung gefunden habe, noch selbst auf eine gekommen bin. Denn offensichtlich nutzt die Geschichte hier zwei Korrelationen aus zwei unterschiedlichen Codes, um diese zu integrieren. Etwas schlichter gesprochen: Sie stellt eine Analogie her, nämlich die Analogie zwischen Apfel-Pferd und finden-zähmen.
Nun wäre dieses Beispiel leicht hinzunehmen, wenn es sich nur auf solche Codierungen beschränkt, die alltäglich nachvollziehbar sind. Viel schwieriger wird es bei Codierungen, die sich auf deutliche Systemwechsel beziehen, wie zum Beispiel die Handlungsfolgen eines Romans und der Eindruck von Spannung bei dem Leser. Nicht nur, dass es äußerst gewaltsam erscheint, wenn solche Spannungselemente herausgefiltert werden (und zwar als die psychologische Seite der Spannung, nicht die Elemente einer bestimmten Schreibtechnik); es ist schon gar nicht klar, welche Codierung hier integriert und welche integriert wird. Und dann wird es schon fast dekonstruktivistisch: offensichtlich besteht hier am Ursprung der Spannungserzeugung ein anthropologisches Paradox.
Anthropologisches Paradox? Das verlangt nach einer Erklärung. Nun, ein anthropologisches Paradox ist zum Beispiel, dass die Souveränität des Menschen seiner Gemeinschaftlichkeit entgegensteht. Das ist eine Sache, die man an Hannah Arendt wirklich kritisieren muss. Nämlich, dass sie diese grundlegenden Paradoxien nicht gut herausgearbeitet. Und insofern ist der Ansatz, den Judith Butler vertritt, und der tatsächlich eine gewisse Nähe zu Hannah Arendt aufweist, deutlich interessanter, weil er deutlich ehrlicher ist. Politik ist, so mag man das schlagwortartig sagen, in einer Gesellschaft von Einzelwesen schwierig.
Es gibt auch andere anthropologische Paradoxien. Wer hier meisterhaft darauf hinweist, ist Niklas Luhmann. Der andere Mensch muss mir mit seinen Gedanken unzugänglich sein, damit er mir zugänglich wird. Zugänglich worüber? Über Kommunikation. Dass diese Zugänglichkeit über Kommunikation wieder neue Paradoxien schafft, liegt wohl in der Natur von dynamischen und autopoietischen Systemen. So jedenfalls kann man Luhmann lesen.
Auch die Paradoxie zwischen Handlungsstruktur und Spannungsempfinden scheint eine Paradoxie aufzuheben, nämlich die zwischen der Leere des Signifikanten und dem Lesen des vollen Sinns.
Vielleicht versteht der eine oder andere Leser, warum mir diese Ausformulierung so viel Mühe macht. Schließlich geht es darum, zwei Paradoxien zu würdigen (wenn es denn diese überhaupt sind) und sie zugleich in ein sich gegenseitig reduzierendes Verhältnis zu setzen.
30.11.2013
Workflow, so lautet das Zauberwort
Seit Tagen wollte ich mal wieder in meinen so beliebten japanischen Restaurant essen. Ich schaffe es zeitlich überhaupt nicht. Tatsächlich bin ich vor etwa einer Dreiviertelstunde etwas überhastet von meinem Schreibtisch aufgestanden, um mich zumindest für morgen noch mit Lebensmitteln einzudecken.
Manchmal bin ich daran aber auch selbst schuld.
So habe ich gestern vom frühen Nachmittag an bis spät in die Nacht für die Lehrvideos neue workflows ausprobiert, zudem neue Techniken der Gestaltung.
Ich hatte ja schon mal gestanden, dass diese Videos aus einer Laune heraus entstanden sind, einer Laune, die mich hinterher einige Nerven gekostet hat. Seit über zwei Monaten bin ich mit dem Skript fertig. Und ich hatte gedacht, ich könnte aus den Lehrprogrammen, die ich im September und Oktober erstellt habe, mit der gleichen Technik rasch auch Videos erstellen. Es war eindeutig falsch gedacht. Das Skript ist gut. Die Videos selbst gefallen mir überhaupt nicht.
Zumindest heute Morgen konnte ich aber das erste Video soweit neu gestalten, dass ich mich sogar wieder mal ein wenig stolz gefühlt habe. Von der Qualität her ist es trotzdem weit von den größeren YouTube-Video-Produzenten entfernt. Auch das habe ich in den letzten Tagen ein wenig gepflegt: mir solche Videos gründlicher anzuschauen.
Und zumindest eines habe ich festgestellt: diese sind von der visuellen Erzähltechnik ganz anders als meine Videos. Ich bin immer noch sehr stark am sprachlichen Erzählen orientiert. Nun: das ist eine reizvolle Aufgabe. Und eine, die ich bisher nur am Rande bearbeitet habe.
Doch seien wir mal ehrlich: jammere ich nicht schon das ganze Jahr über herum, dass ich zu wenig Zeit habe? Für Hannah Arendt, für Immanuel Kant, für Christa Wolf? Und jetzt noch ein neues Projekt? Vielleicht sollte man für solche Fälle einen gefühlten Jammerpegel einführen.
Nun, ich darf nicht zu viel erwarten (ihr auch nicht): diese YouTube-Produktionen werden von einem ganzen professionellen Team begleitet. Das kann ich zurzeit natürlich nicht aufbieten. Und manche von ihnen werden ja sogar fast ausschließlich von staatlicher Seite aus finanziert. Dazu gehören einige recht seltsame Lehrvideos, die vor allem grafisch schick sind, inhaltlich aber durchaus zwiespältig sind.
Workflow also. Was mich mal interessieren würde, ist, wie andere Video-Produzenten die ganzen Elemente organisieren. Über den Daumen gepeilt habe ich pro Video etwa 200 Elemente einzubinden. Und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich für mich eine gute Ordnung gefunden habe, die sowohl Unterordner als auch Dateibezeichnungen betrifft.
Solange ich aber all die Möglichkeiten nicht ausprobiert und abgeschätzt habe, wird das wohl auch noch im Fluss sein. Es ist also eine ganze Menge zu tun.
Manchmal bin ich daran aber auch selbst schuld.
So habe ich gestern vom frühen Nachmittag an bis spät in die Nacht für die Lehrvideos neue workflows ausprobiert, zudem neue Techniken der Gestaltung.
Ich hatte ja schon mal gestanden, dass diese Videos aus einer Laune heraus entstanden sind, einer Laune, die mich hinterher einige Nerven gekostet hat. Seit über zwei Monaten bin ich mit dem Skript fertig. Und ich hatte gedacht, ich könnte aus den Lehrprogrammen, die ich im September und Oktober erstellt habe, mit der gleichen Technik rasch auch Videos erstellen. Es war eindeutig falsch gedacht. Das Skript ist gut. Die Videos selbst gefallen mir überhaupt nicht.
Zumindest heute Morgen konnte ich aber das erste Video soweit neu gestalten, dass ich mich sogar wieder mal ein wenig stolz gefühlt habe. Von der Qualität her ist es trotzdem weit von den größeren YouTube-Video-Produzenten entfernt. Auch das habe ich in den letzten Tagen ein wenig gepflegt: mir solche Videos gründlicher anzuschauen.
Und zumindest eines habe ich festgestellt: diese sind von der visuellen Erzähltechnik ganz anders als meine Videos. Ich bin immer noch sehr stark am sprachlichen Erzählen orientiert. Nun: das ist eine reizvolle Aufgabe. Und eine, die ich bisher nur am Rande bearbeitet habe.
Doch seien wir mal ehrlich: jammere ich nicht schon das ganze Jahr über herum, dass ich zu wenig Zeit habe? Für Hannah Arendt, für Immanuel Kant, für Christa Wolf? Und jetzt noch ein neues Projekt? Vielleicht sollte man für solche Fälle einen gefühlten Jammerpegel einführen.
Nun, ich darf nicht zu viel erwarten (ihr auch nicht): diese YouTube-Produktionen werden von einem ganzen professionellen Team begleitet. Das kann ich zurzeit natürlich nicht aufbieten. Und manche von ihnen werden ja sogar fast ausschließlich von staatlicher Seite aus finanziert. Dazu gehören einige recht seltsame Lehrvideos, die vor allem grafisch schick sind, inhaltlich aber durchaus zwiespältig sind.
Workflow also. Was mich mal interessieren würde, ist, wie andere Video-Produzenten die ganzen Elemente organisieren. Über den Daumen gepeilt habe ich pro Video etwa 200 Elemente einzubinden. Und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich für mich eine gute Ordnung gefunden habe, die sowohl Unterordner als auch Dateibezeichnungen betrifft.
Solange ich aber all die Möglichkeiten nicht ausprobiert und abgeschätzt habe, wird das wohl auch noch im Fluss sein. Es ist also eine ganze Menge zu tun.
28.11.2013
Lärmende Rabauken
Im Sommer hatte ich die Idee, kleine Notizen aus dem Alltag leicht sprachlich ausgefeilt und unter einer eigenen Rubrik auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie sollte "ins Panorama aufsteigen" heißen, nach einer Phrase aus Benjamins Passagen.
Ich habe es nicht gemacht. Manchmal bedauere ich es.
Die Idee kam mir durch diese drei kleinen Ereignisse:
Es war ein schöner, sonniger Morgen im Julei, in aller Herrgottsfrühe. Ich war bereits wach und hatte die Balkontür offen, als mich von draußen ein sehr deutliches Klopfen neugierig machte. Als ich ins Freie ging, erblickte ich auf der Kiefer vor meiner Wohnung einen Kleinspecht. Dieser war eifrig dabei, aus der Rinde irgendwelche Insekten herauszuholen.
Kleinspechte unterscheiden sich in der Färbung des Gefieders nicht von Buntspechten, sind aber eben, wie der Name das schon sagt, deutlich kleiner, etwas größer als die Blaumeise. Zudem sind sie äußerst selten.
Drei Stunden später stand ich zufälligerweise wiederum auf dem Balkon, als sich auf einem Zweig derselben Kiefer eine Schwanzmeise niederließ. Auch Schwanzmeisen sind selten, obwohl im nordischen Raum wesentlich häufiger, als in Hessen, wo ich aufgewachsen bin.
Sie treten in größeren Scharen auf, als die Rabauken unter den Singvögeln. Sie sind nämlich nicht, wie man dies öfter in der Literatur findet, scheu, sondern ganz schön zudringlich. Und so war es auch diesmal. Ich lehnte auf der Brüstung meines Balkons, die Schwanzmeise tschilpte und schon kamen weitere Schwanzmeisen herbei, ein ganzer Schwarm. Es müssen um die 50 gewesen sein. Sie ließen sich ganz ungeniert auch auf meinem Balkon nieder und kamen recht nahe. Einige schienen sich sogar für meine Hände zu interessieren, was selbst die Spatzen aus der Umgegend sich nicht trauen.
Trotzdem sind sie dann relativ rasch weitergezogen und seitdem habe ich sie auch nicht mehr gesehen.
Das waren die beiden Vogel-Ereignisse an diesem Morgen. Dazwischen ließ sich der Nachbar von gegenüber mit dem grandiosen Satz hören: „Jesus ist aus Plastik.“
Jener besagte Nachbar hat letzte Woche zum letzten Mal für Lärm gesorgt. Da war nämlich die Feuerwehr da und hat seine Jalousien hochgestemmt. Später erzählte mir ein etwas neugierigerer Nachbar, man habe ihn, der seit Jahren durch sein Geschrei die Nachbarschaft nervt, tot aufgefunden und auch schon — das war natürlich besonders „interessant“ — halb verwest.
Besonders schlimm waren immer die Fußball-Endspiele. Dann hat er mit einer dermaßen lauten Stimme und meist stockbesoffen bis weit nach Mitternacht herumgeschrien.
Einmal hat er irgendwelche Jungs, die gegenüber der Straße auf einem Balkon gefeiert haben, als asoziale Schwuchteln und Ausländer beschimpft, worauf hin diese Jungs runtergekommen sind und ihn wohl in die Mangel genommen haben. Die Beschimpfung habe ich gesehen (sie war auch nicht zu überhören), das darauf folgende wurde durch ein dazwischenliegendes Haus verborgen.
Ganz so toll fand ich die Aktion nicht. Denn auch wenn dieser Mensch extrem rassistisch war, so doch insgesamt viel zu harmlos, um auch nur irgendwie in einer organisierten Gruppe mitwirken zu können. Er hat einfach das weitergegeben, was sein kaputter Verstand ihm noch erlaubt hat zu denken. Unangenehm, aber harmlos. Auch seine Homophobie war ja aus seiner ganzen Fremdheit gegenüber dem umliegenden Leben erklärbar. Das war mehr bloßes Geschrei als eine tatsächliche Bedrohung.
Andere Menschen sind da wesentlich gefährlicher.
Ich habe es nicht gemacht. Manchmal bedauere ich es.
Die Idee kam mir durch diese drei kleinen Ereignisse:
Es war ein schöner, sonniger Morgen im Julei, in aller Herrgottsfrühe. Ich war bereits wach und hatte die Balkontür offen, als mich von draußen ein sehr deutliches Klopfen neugierig machte. Als ich ins Freie ging, erblickte ich auf der Kiefer vor meiner Wohnung einen Kleinspecht. Dieser war eifrig dabei, aus der Rinde irgendwelche Insekten herauszuholen.
Kleinspechte unterscheiden sich in der Färbung des Gefieders nicht von Buntspechten, sind aber eben, wie der Name das schon sagt, deutlich kleiner, etwas größer als die Blaumeise. Zudem sind sie äußerst selten.
Drei Stunden später stand ich zufälligerweise wiederum auf dem Balkon, als sich auf einem Zweig derselben Kiefer eine Schwanzmeise niederließ. Auch Schwanzmeisen sind selten, obwohl im nordischen Raum wesentlich häufiger, als in Hessen, wo ich aufgewachsen bin.
Sie treten in größeren Scharen auf, als die Rabauken unter den Singvögeln. Sie sind nämlich nicht, wie man dies öfter in der Literatur findet, scheu, sondern ganz schön zudringlich. Und so war es auch diesmal. Ich lehnte auf der Brüstung meines Balkons, die Schwanzmeise tschilpte und schon kamen weitere Schwanzmeisen herbei, ein ganzer Schwarm. Es müssen um die 50 gewesen sein. Sie ließen sich ganz ungeniert auch auf meinem Balkon nieder und kamen recht nahe. Einige schienen sich sogar für meine Hände zu interessieren, was selbst die Spatzen aus der Umgegend sich nicht trauen.
Trotzdem sind sie dann relativ rasch weitergezogen und seitdem habe ich sie auch nicht mehr gesehen.
Das waren die beiden Vogel-Ereignisse an diesem Morgen. Dazwischen ließ sich der Nachbar von gegenüber mit dem grandiosen Satz hören: „Jesus ist aus Plastik.“
Jener besagte Nachbar hat letzte Woche zum letzten Mal für Lärm gesorgt. Da war nämlich die Feuerwehr da und hat seine Jalousien hochgestemmt. Später erzählte mir ein etwas neugierigerer Nachbar, man habe ihn, der seit Jahren durch sein Geschrei die Nachbarschaft nervt, tot aufgefunden und auch schon — das war natürlich besonders „interessant“ — halb verwest.
Besonders schlimm waren immer die Fußball-Endspiele. Dann hat er mit einer dermaßen lauten Stimme und meist stockbesoffen bis weit nach Mitternacht herumgeschrien.
Einmal hat er irgendwelche Jungs, die gegenüber der Straße auf einem Balkon gefeiert haben, als asoziale Schwuchteln und Ausländer beschimpft, worauf hin diese Jungs runtergekommen sind und ihn wohl in die Mangel genommen haben. Die Beschimpfung habe ich gesehen (sie war auch nicht zu überhören), das darauf folgende wurde durch ein dazwischenliegendes Haus verborgen.
Ganz so toll fand ich die Aktion nicht. Denn auch wenn dieser Mensch extrem rassistisch war, so doch insgesamt viel zu harmlos, um auch nur irgendwie in einer organisierten Gruppe mitwirken zu können. Er hat einfach das weitergegeben, was sein kaputter Verstand ihm noch erlaubt hat zu denken. Unangenehm, aber harmlos. Auch seine Homophobie war ja aus seiner ganzen Fremdheit gegenüber dem umliegenden Leben erklärbar. Das war mehr bloßes Geschrei als eine tatsächliche Bedrohung.
Andere Menschen sind da wesentlich gefährlicher.
Nachrichten aus der Zwischenwelt
Ein wütender Rezensent schreibt bei Amazon zum neusten Buch von Boris Becker: ein weiterer unfruchtbarer Erguss eines ehemaligen deutschen Helden.
Mario Barth, dessen Humor nicht unserer ist, fordert die Deutschen dazu auf Weltrekordler zu werden. Ich bin auf dem besten Weg. Ich halte den Weltrekord im Mario-Barth-Ignorieren für erreichbar. 43 Jahre habe ich es bereits ausgehalten.
Mario Barth, dessen Humor nicht unserer ist, fordert die Deutschen dazu auf Weltrekordler zu werden. Ich bin auf dem besten Weg. Ich halte den Weltrekord im Mario-Barth-Ignorieren für erreichbar. 43 Jahre habe ich es bereits ausgehalten.
Jahrestage III
„Sie [die New York Times] zitiert einen hohen Beamten der Verkehrsbehörde, der sich darüber freut dass in manchen Zügen nun nur noch 105 bis 110 Leute je Wagen zur Arbeit fahren, statt wie früher 180 bis 212. Deswegen zitiert sie ihn nicht allein. Er hat auch den Begriff eines »Komfortpegels bei 180« Fahrgästen eingeführt. Was mag das sein? Ein »Komfortpegel« in der U-Bahn ist gegeben, »wenn ein Mann im Stehen die New York Times lesen kann«: berichtet die New York Times.“Johnson, Uwe: Jahrestage I, Frankfurt am Main 1993, Seite 379 f.
17.11.2013
Vom Schreiben und Erzählen (Nachrichten aus der Zwischenwelt)
Ich sitze an meinem Video-Kurs. Und was ich so eben nebenher noch an Zeit habe, wird durch diesen aufgefressen.
Den online-Kurs The future of Storytelling finde ich insgesamt recht fade. Bisher war nichts dabei, was man nicht in den ersten zwei Semestern eines Germanistik-Studiums gelernt haben könnte. Gut, ich habe mir über andere Medien als Film und schriftliche Erzählung bisher nicht allzu viel Gedanken gemacht und insofern empfinde ich die Anregung, sich mit anderen Erzählweisen auseinander zusetzen, schon ganz fruchtbar. Insbesondere Computerspiele und Mini-Serien hatte ich bisher noch gar nicht betrachtet.
Da ich aber gerade selbst einen ähnlichen Kurs entwerfe, wenn auch wesentlich spezifischer für die schriftliche Erzählung, kann mich der Kursaufbau insgesamt nicht wirklich überzeugen. Wenn es einen großen Fehler an diesem ganzen Kurs gibt, zumindest so, wie er bisher veröffentlicht worden ist, dann ist das der didaktische Aufbau. Mir sind die Lernziele zu oberflächlich. Häufig geht es lediglich um ein ›Identifizieren‹, nicht um eine wirkliche Auseinandersetzung damit. Es fehlen zum Beispiel Aufgaben. Es gab jetzt zwar zweimal eine Aufgabe am Ende einer Einheit, aber beide waren sehr unpräzise. Und teilweise sieht man das an den Ergebnissen. Die Aufgabe vom letzten Freitag hat vor allem dazu geführt, dass sich Professionelle mit Werbefilmen vorgestellt haben und nicht, wie das wohl eigentlich intendiert war, mit weiteren Vorschlägen für Anregungen zum Storytelling. —
Schade!
Für meinen Kurs habe ich mir einen wesentlich durchgängigeren didaktischen Aufbau überlegt. Das birgt natürlich die Gefahr, dass man zu Gunsten des roten Fadens viele Sachen auf die Seite schieben muss.
Das habe ich gerade heute erfahren müssen. Die ersten zehn Videos liegen jetzt fertig auf meiner Festplatte und müssen nur noch hochgeladen werden. Die nächsten zehn Videos warten auf ihre Fertigstellung. Von dreien habe ich jetzt die Tonspur vollständig. Die letzte Handlung ist die Synchronisation von Filmen und Tonspur, was aber kein großer Aufwand mehr ist. Und weitere sieben werde ich wohl noch heute Abend und Morgen soweit fertig haben, dass ich die Synchronisation ebenfalls vornehmen kann.
Trotzdem: mein Video 23 hat mich recht lange beschäftigt. Ich bin damit unzufrieden, gerade weil ich hier ein Thema anschneide, dass ich nicht weiter behandeln konnte. Ich hatte mir zwar im Vorfeld schon überlegt, dass ich dazu dann noch mal einen weiteren Kurs plane. Aber so ganz ohne dieses Thema komme ich auch nicht aus. Es handelt sich um eines jener Themen, zu denen ich auf meinem Blog in den letzten Jahren immer mal wieder kleine zwischen Betrachtungen veröffentlicht habe: die Verrätselung. Im letzten Jahr habe ich dazu zwar deutlich mehr Klarheit gewonnen, aber zu einer guten Vermittlung, die sozusagen alle Formen des narrativen Rätsels, also des Rätsels in Geschichten, darstellen könnte und dann auch beibringt, bin ich noch nicht gekommen. Und leider ist es mit diesem Thema so, dass ich immer, wenn ich das Gefühl habe, jetzt das Ganze gut begrifflich erfasst zu haben, so dass ich mich an eine endgültige Didaktisierung machen könnte, ich doch wieder ein ganzes Stück weit die Sachen umschmeißen muss. Zumindest was die Herstellung von solchen Rätsel angeht.
Andererseits habe ich auch einige ganz großartige Einheiten. Zumindest unter den ersten zehn sogar eine, mit der ich restlos zufrieden bin, was mir eigentlich nie passiert. Und zumindest bei vier anderen bin ich mir sehr sicher, dass diese ebenfalls wirklich gut werden.
Da ich mich eigentlich noch mit dieser Art der Darstellung in den Kinderschuhen befinde, sowohl was die Technik, als auch die Planung anbelangt, kann ich sogar ganz stolz auf mich sein.
Zwei Seiten habe ich gefunden, die ich eigentlich ganz wunderbar finde. Auch hier fehlt wieder die Didaktik. Beide sind auf Englisch und ich überlege mir gerade, ob ich die eine Seite nicht ins Deutsche übersetzte und als eine Art "give-away" verteile.
Die eine Seite nennt sich ›Periodic Table of Storytelling‹. Die finde ich ja klasse; man muss bloß wissen, wie man sich dazu Aufgaben stellt.
Die andere Seite heißt ›tv-tropes‹. Sie behandelt typische Erzählmuster in Fernsehserien; wobei hier sehr deutlich auch andere Verbreitungsmedien mit angesprochen werden.
Zum Lesen komme ich fast gar nicht. Vor einigen Tagen habe ich mir mal wieder Nietzsches Schopenhauer als Erzieher vorgenommen, von Schopenhauer selbst aus den Aphorismen zur Lebensweisheit den Abschnitt über die Sexualehre und von Judith Butler das letzte Kapitel aus Das Unbehagen der Geschlechter, sowie das Foucault-Kapitel aus Psyche der Macht. Zentraler Anlass war die Resonanz zwischen dem phantasmatischen Wir des Feminismus und der von Schopenhauer postulierten Sexualehre der Weiber. Zum einen ist es witzig, dass eine der Protagonistinnen des modernen Feminismus Parallelen zu einem als Frauenfeind verschrieenen Philosophen aufweist, zum anderen aber ging es mir um Strategien, wie dieses fantasmatische Wir „produziert“ wird. Ich bin noch zu keinem (Zwischen-)Ergebnis gekommen.
Dabei habe ich gerade rund um den Wahlkampf zur Bundestagswahl recht viele Notizen zu diesem fantasmatischen Wir verfasst; klar, bei Sprüchen wie ›Das Wir entscheidet‹ und ›Wir sind Deutschland‹.
07.11.2013
Gratwanderungen: Kunst, Recht und Pornographie
Wenn ich nicht gerade für andere Menschen schreibe, schreibe ich natürlich für mich. Lang gepflegtes Projekt: Judith Butler. Und nebenher sammeln sich Fundstücke, wie zum Beispiel das Urteil der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zu dem Comic ›Bullenklöten‹ von Ralf König. Nachzulesen ist das ganze auf der Website von Männerschwarm.
Ich möchte zwei Zitate aus dieser Schrift hervorheben:
Ich möchte zwei Zitate aus dieser Schrift hervorheben:
(1) „Die Pornographie gilt nach dem Willen des Gesetzgebers als offensichtlich schwer jugendgefährdend.“
(2) „Ein Tatbestandsmerkmal der Pornographie ist, dass das Medium unter Hintansetzen aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher Weise in den Vordergrund rückt und seine objektive Gesamttendenz ausschließlich, oder überwiegend auf Aufreizung des Sexualtriebe abzielt.“
Zu (1):
Dies erstaunt mich immer wieder, welche Vorstellung die Menschen vom Recht haben. Natürlich nicht alle, aber doch auffällig viele. Recht wird gerne mal mit der Wahrheit verwechselt, dabei hat beides nur relativ wenig miteinander zu tun. In der Rechtsprechung sind natürlich wissenschaftliche Ergebnisse enthalten, wie zum Beispiel das Wissen, dass Pornographie die Entwicklung einer Identität bei Jugendlichen empfindlich stören kann bis hin zu schweren Traumatisierungen. Das Recht allerdings zielt nicht auf Wahrheit ab, sondern auf die Strukturierung von Konflikten, die nicht mehr in der Interaktion gelöst werden können.
Das Recht ist positivistisch, muss sogar positivistisch sein, da es Fakten schafft und über diese Fakten an der Gesamtordnung einer Gesellschaft teil hat. So zielt Recht letzten Endes auf Interaktion und die Ordnung der Interaktion. Man ermutigt es dazu, den Rechtsweg zu beschreiten und mal entmutigt es zu diesem Weg.
Als jugendgefährdend können deshalb solche Schriften gelten, die die Entwicklung einer Identität behindern, deutlich abgrenzen oder sogar verhindern. Und offensichtlich sieht der Gesetzgeber einen Zusammenhang zwischen der monotonen und eindimensionalen Darstellung von Identitäten in pornographischen Schriften und Filmen und deren Auswirkung auf eine reduzierte oder verkrüppelte Identitätsbildung bei Jugendlichen.
In den entsprechenden Gesetzen sind die wissenschaftlichen Ergebnisse aufgehoben. Allerdings ist dieses Verhältnis kein einfaches, da die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse aus diesem Gebiet eine statistische Streubreite aufweisen, also keinen scharfen Schnitt vorsehen, bis wohin es noch erlaubt und ab wann es gefährdend ist. Insofern haben die reinen Gesetze ein deutliches Spannungsverhältnis zum empirischen Einzelfall.
(Dazu sind einige Artikel aus Luhmann, Niklas: Ausdifferenzierung des Rechts, Frankfurt am Main, 1999, sehr aufschlussreich: es handelt sich um Kapitel 3: Kommunikation über Recht in Interaktionssystemen, Kapitel 4: Die Funktion des Rechts: Erwartungssicherung oder Verhaltenssteuerung?, Kapitel 5: Konflikt und Recht und Kapitel 11: Funktionale Methode und juristische Entscheidung.)
Von der Rhetorik gesehen ist das Wörtchen ›offensichtlich‹ zumindest befremdlich: denn so offensichtlich ist die Gefährdung von Jugendlichen durch Pornographie keineswegs. Kinder und Jugendliche können aus allen möglichen Gründen situativ verstört sein, auch über längere Zeiten hinweg. Typischerweise gehören dazu die Trennung der Eltern; diese verbietet der Gesetzgeber nicht.
Das Gremium unterstreicht hier die Grundlage des Gesetzes, ein empirisches und statistisches Ergebnis, als eines, das in der Wirklichkeit wahrgenommen werden soll. Hier schleicht sich eine typische positivistische Flause ein: dass eine Norm sich immer auf einen sichtbaren Tatbestand bezieht (und nicht auf eine Struktur).
Zu (2):
Was mich an dieser Stelle persönlich berührt, ist die Gleichsetzung der Pornographie mit allen anderen Methoden, eine Identität zu reduzieren und auszumerzen. Dadurch ergeben sich Bezüge zum Mobbing oder auch zur Arroganz. Mit diesen beiden Aspekten hatte ich in den letzten 15 Jahren leider recht viel zu tun: das kommt davon, wenn man Menschen in sein Leben lässt, die eigentlich schon von ihren Voraussetzungen nicht für eine differenzierte Wahrnehmung geeignet sind.
Als ich vor einigen Tagen zu dem Ursprungsort kriminologischer Untersuchungen geschrieben habe, hatte ich ungefähr folgendes im Blick: dass sich die Differenz zwischen Handlungen und Erleben, zwischen Aktion und Passion, nicht wegerklären lässt. Sie kann erklärt werden, sie muss sogar erklärt werden. Die Frage ist nur: von wem? Ich hatte weiter vorgeschlagen, hier den Ursprungsort von einer Kriminalisierung anzusetzen: nämlich Bezugssysteme zu suchen, die sich durch ihre Interpretationsmacht dieser Differenz bemächtigen und sie dingfest machen. Dingfest heißt vor allem: sie jeder anderen Deutung zu entziehen. Das lässt sich zum Beispiel durch Überdramatisierung erreichen, eine bestimmte Form der Hyperbel, also der Übertreibung.
Das Befremdliche an dieser ganzen Geschichte ist nun, dass Judith Butler in einer sehr aufschlussreichen Passage Pornographie und Hyperbel zusammengebracht hat und als eine mögliche Auflösung dieses Spannungsverhältnisses die Resignifikation vorgeschlagen hat. Resignifikation, das bedeutet, vereinfacht gesagt, Umdeutung.
Hier ergeben sich wichtige Verbindungslinien zu dem Spätwerk von Hannah Arendt, aber auch zu ihren wesentlich früheren Schriften zur Tradition und zum Traditionsbruch.
Ein anderes Problem stellen die formalen Logiken dar. Eine formale Logik reduziert die Objekte, mit denen sie umgeht, auf wenige Merkmale. Dadurch ergibt sich automatisch eine Art Übertreibung der noch übrig gebliebenen Merkmale. Dies alles gehört zum Tatbestand der Extrapolation. Extrapolation: die ungebührliche Hervorhebung von Merkmalen. Wenn man sich die Debatte um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab erinnert, dann lässt sich die Struktur dieser Debatte weitestgehend auf die Feststellung reduzieren, dass hier ein Kampf um die „richtige“ Übertreibung stattgefunden hat, nicht aber um die Bedingungen dieser Übertreibung.
Wenn man nun die Pornographie als ein rein vom Subjekt getragenes Merkmal ansieht, geraten einem diese gesellschaftlichen Strukturen aus dem Blick, unter denen Pornographie entsteht, unter denen allerdings auch die Rechtsverletzung durch Pornographie entsteht. Hier ist es fast zynisch, dass derselbe Gesetzgeber, der die Deformation von Identitäten durch Pornographie unter Strafe stellt, ähnliche Deformationen der Identität durch Lohnarbeit nicht nur begünstigt, sondern zum Teil sogar gewaltsam durchsetzt. Diese Unsicherheit, die hier vom positivistischen Recht anscheinend aus der Welt geschafft wird, ist natürlich eine Unsicherheit, die sich immer dann einfindet, wenn die Frage nach der Zukunft gestellt wird. Beispielhaft ist dafür der Begriff des Kindeswohls. Das Kindeswohl bedeutet ja nicht nur einen momentanen Zustand, sondern auch die Zukunft einer unbeschädigten Identität. Im Kind wird also nicht nur das Kind in seinem derzeitigen Verhalten gesehen, sondern auch schon der Erwachsene. Dieser Vorgriff in die Zukunft wird allerdings im Einzelfall durch keine Statistik getragen.
Der Vorgriff auf die Zukunft ist eine ganz andere paralogischer Figur: die der bijektiven Applikation. Damit werden alle Argumentationen bezeichnet, bei denen vorher schon fest steht, was hinterher herauskommt. Das Rechtssystem muss natürlich mit solchen paralogischen Figuren arbeiten, um Sicherheit bieten zu können. Was im Einzelfall tatsächlich nicht mehr Recht ist, muss im Allgemeinen genügend Spielraum bieten, um Freiheiten in der Planung zu gewährleisten, gleichzeitig aber eben auch Sicherheiten in der Planung. Nichtsdestotrotz sind solche Begriffe wie Pornographie oder Kindeswohl keine logischen Begriffe und schon gar keine formal-logischen.
Wie aber könnte man den Status solcher Begriffe fassen? Ich denke, dass man dies zumindest auf folgendem Weg besser in den Griff kriegt. Es sind zunächst ins Allgemeine übertragene Erfahrungen, d.h. Generalisierungen. Dann sind es durch wissenschaftliche Ergebnisse gestützte Erfahrungen. Und schließlich sind es Erfahrungen, die danach begrenzt werden, was einem Subjekt noch zumutbar ist und was nicht mehr. Dass dadurch manchmal (oder, wie man durchaus befürchten darf, häufig) nicht nur die Freiheit eingeschränkt wird oder Bedingungen der Freiheit (zum Beispiel Solidarität) ungleichmäßig verteilt werden, sondern auch die ausgeschlossene Seite, die Seite des Unrechts stärker und machtvoller dargestellt wird, als sie in Wirklichkeit ist, das sind wohl die Probleme, die ein positivistisches Recht mit sich bringt. Zu erinnern ist zum Beispiel an die Angst vor der Unabhängigkeit der Frau oder an die Angst vor homosexuellen Menschen, die lange Zeit dazu geführt hat, dass diese an sich im Menschenrecht verankerten Freiheiten gesetzlich ausgeschlossen wurden. Frauen durften, soweit ich mich erinnere, ohne die Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten; aufgehoben wurde dieses Recht 1953. Und die Abschaffung des § 175 erfolgte sukzessive 1973 bis zur vollständigen rechtlichen Gleichstellung heterosexueller und homosexueller Taten und Straftaten im Jahr 1994.
Hören wir zum Schluss noch einmal Judith Butler zu, zu dem Verhältnis zwischen Pornographie, Macht und Subjekt und der Interpretation dieser Konstellation:
Dies erstaunt mich immer wieder, welche Vorstellung die Menschen vom Recht haben. Natürlich nicht alle, aber doch auffällig viele. Recht wird gerne mal mit der Wahrheit verwechselt, dabei hat beides nur relativ wenig miteinander zu tun. In der Rechtsprechung sind natürlich wissenschaftliche Ergebnisse enthalten, wie zum Beispiel das Wissen, dass Pornographie die Entwicklung einer Identität bei Jugendlichen empfindlich stören kann bis hin zu schweren Traumatisierungen. Das Recht allerdings zielt nicht auf Wahrheit ab, sondern auf die Strukturierung von Konflikten, die nicht mehr in der Interaktion gelöst werden können.
Das Recht ist positivistisch, muss sogar positivistisch sein, da es Fakten schafft und über diese Fakten an der Gesamtordnung einer Gesellschaft teil hat. So zielt Recht letzten Endes auf Interaktion und die Ordnung der Interaktion. Man ermutigt es dazu, den Rechtsweg zu beschreiten und mal entmutigt es zu diesem Weg.
Als jugendgefährdend können deshalb solche Schriften gelten, die die Entwicklung einer Identität behindern, deutlich abgrenzen oder sogar verhindern. Und offensichtlich sieht der Gesetzgeber einen Zusammenhang zwischen der monotonen und eindimensionalen Darstellung von Identitäten in pornographischen Schriften und Filmen und deren Auswirkung auf eine reduzierte oder verkrüppelte Identitätsbildung bei Jugendlichen.
In den entsprechenden Gesetzen sind die wissenschaftlichen Ergebnisse aufgehoben. Allerdings ist dieses Verhältnis kein einfaches, da die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse aus diesem Gebiet eine statistische Streubreite aufweisen, also keinen scharfen Schnitt vorsehen, bis wohin es noch erlaubt und ab wann es gefährdend ist. Insofern haben die reinen Gesetze ein deutliches Spannungsverhältnis zum empirischen Einzelfall.
(Dazu sind einige Artikel aus Luhmann, Niklas: Ausdifferenzierung des Rechts, Frankfurt am Main, 1999, sehr aufschlussreich: es handelt sich um Kapitel 3: Kommunikation über Recht in Interaktionssystemen, Kapitel 4: Die Funktion des Rechts: Erwartungssicherung oder Verhaltenssteuerung?, Kapitel 5: Konflikt und Recht und Kapitel 11: Funktionale Methode und juristische Entscheidung.)
Von der Rhetorik gesehen ist das Wörtchen ›offensichtlich‹ zumindest befremdlich: denn so offensichtlich ist die Gefährdung von Jugendlichen durch Pornographie keineswegs. Kinder und Jugendliche können aus allen möglichen Gründen situativ verstört sein, auch über längere Zeiten hinweg. Typischerweise gehören dazu die Trennung der Eltern; diese verbietet der Gesetzgeber nicht.
Das Gremium unterstreicht hier die Grundlage des Gesetzes, ein empirisches und statistisches Ergebnis, als eines, das in der Wirklichkeit wahrgenommen werden soll. Hier schleicht sich eine typische positivistische Flause ein: dass eine Norm sich immer auf einen sichtbaren Tatbestand bezieht (und nicht auf eine Struktur).
Zu (2):
Was mich an dieser Stelle persönlich berührt, ist die Gleichsetzung der Pornographie mit allen anderen Methoden, eine Identität zu reduzieren und auszumerzen. Dadurch ergeben sich Bezüge zum Mobbing oder auch zur Arroganz. Mit diesen beiden Aspekten hatte ich in den letzten 15 Jahren leider recht viel zu tun: das kommt davon, wenn man Menschen in sein Leben lässt, die eigentlich schon von ihren Voraussetzungen nicht für eine differenzierte Wahrnehmung geeignet sind.
Als ich vor einigen Tagen zu dem Ursprungsort kriminologischer Untersuchungen geschrieben habe, hatte ich ungefähr folgendes im Blick: dass sich die Differenz zwischen Handlungen und Erleben, zwischen Aktion und Passion, nicht wegerklären lässt. Sie kann erklärt werden, sie muss sogar erklärt werden. Die Frage ist nur: von wem? Ich hatte weiter vorgeschlagen, hier den Ursprungsort von einer Kriminalisierung anzusetzen: nämlich Bezugssysteme zu suchen, die sich durch ihre Interpretationsmacht dieser Differenz bemächtigen und sie dingfest machen. Dingfest heißt vor allem: sie jeder anderen Deutung zu entziehen. Das lässt sich zum Beispiel durch Überdramatisierung erreichen, eine bestimmte Form der Hyperbel, also der Übertreibung.
Das Befremdliche an dieser ganzen Geschichte ist nun, dass Judith Butler in einer sehr aufschlussreichen Passage Pornographie und Hyperbel zusammengebracht hat und als eine mögliche Auflösung dieses Spannungsverhältnisses die Resignifikation vorgeschlagen hat. Resignifikation, das bedeutet, vereinfacht gesagt, Umdeutung.
Hier ergeben sich wichtige Verbindungslinien zu dem Spätwerk von Hannah Arendt, aber auch zu ihren wesentlich früheren Schriften zur Tradition und zum Traditionsbruch.
Ein anderes Problem stellen die formalen Logiken dar. Eine formale Logik reduziert die Objekte, mit denen sie umgeht, auf wenige Merkmale. Dadurch ergibt sich automatisch eine Art Übertreibung der noch übrig gebliebenen Merkmale. Dies alles gehört zum Tatbestand der Extrapolation. Extrapolation: die ungebührliche Hervorhebung von Merkmalen. Wenn man sich die Debatte um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab erinnert, dann lässt sich die Struktur dieser Debatte weitestgehend auf die Feststellung reduzieren, dass hier ein Kampf um die „richtige“ Übertreibung stattgefunden hat, nicht aber um die Bedingungen dieser Übertreibung.
Wenn man nun die Pornographie als ein rein vom Subjekt getragenes Merkmal ansieht, geraten einem diese gesellschaftlichen Strukturen aus dem Blick, unter denen Pornographie entsteht, unter denen allerdings auch die Rechtsverletzung durch Pornographie entsteht. Hier ist es fast zynisch, dass derselbe Gesetzgeber, der die Deformation von Identitäten durch Pornographie unter Strafe stellt, ähnliche Deformationen der Identität durch Lohnarbeit nicht nur begünstigt, sondern zum Teil sogar gewaltsam durchsetzt. Diese Unsicherheit, die hier vom positivistischen Recht anscheinend aus der Welt geschafft wird, ist natürlich eine Unsicherheit, die sich immer dann einfindet, wenn die Frage nach der Zukunft gestellt wird. Beispielhaft ist dafür der Begriff des Kindeswohls. Das Kindeswohl bedeutet ja nicht nur einen momentanen Zustand, sondern auch die Zukunft einer unbeschädigten Identität. Im Kind wird also nicht nur das Kind in seinem derzeitigen Verhalten gesehen, sondern auch schon der Erwachsene. Dieser Vorgriff in die Zukunft wird allerdings im Einzelfall durch keine Statistik getragen.
Der Vorgriff auf die Zukunft ist eine ganz andere paralogischer Figur: die der bijektiven Applikation. Damit werden alle Argumentationen bezeichnet, bei denen vorher schon fest steht, was hinterher herauskommt. Das Rechtssystem muss natürlich mit solchen paralogischen Figuren arbeiten, um Sicherheit bieten zu können. Was im Einzelfall tatsächlich nicht mehr Recht ist, muss im Allgemeinen genügend Spielraum bieten, um Freiheiten in der Planung zu gewährleisten, gleichzeitig aber eben auch Sicherheiten in der Planung. Nichtsdestotrotz sind solche Begriffe wie Pornographie oder Kindeswohl keine logischen Begriffe und schon gar keine formal-logischen.
Wie aber könnte man den Status solcher Begriffe fassen? Ich denke, dass man dies zumindest auf folgendem Weg besser in den Griff kriegt. Es sind zunächst ins Allgemeine übertragene Erfahrungen, d.h. Generalisierungen. Dann sind es durch wissenschaftliche Ergebnisse gestützte Erfahrungen. Und schließlich sind es Erfahrungen, die danach begrenzt werden, was einem Subjekt noch zumutbar ist und was nicht mehr. Dass dadurch manchmal (oder, wie man durchaus befürchten darf, häufig) nicht nur die Freiheit eingeschränkt wird oder Bedingungen der Freiheit (zum Beispiel Solidarität) ungleichmäßig verteilt werden, sondern auch die ausgeschlossene Seite, die Seite des Unrechts stärker und machtvoller dargestellt wird, als sie in Wirklichkeit ist, das sind wohl die Probleme, die ein positivistisches Recht mit sich bringt. Zu erinnern ist zum Beispiel an die Angst vor der Unabhängigkeit der Frau oder an die Angst vor homosexuellen Menschen, die lange Zeit dazu geführt hat, dass diese an sich im Menschenrecht verankerten Freiheiten gesetzlich ausgeschlossen wurden. Frauen durften, soweit ich mich erinnere, ohne die Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten; aufgehoben wurde dieses Recht 1953. Und die Abschaffung des § 175 erfolgte sukzessive 1973 bis zur vollständigen rechtlichen Gleichstellung heterosexueller und homosexueller Taten und Straftaten im Jahr 1994.
Hören wir zum Schluss noch einmal Judith Butler zu, zu dem Verhältnis zwischen Pornographie, Macht und Subjekt und der Interpretation dieser Konstellation:
Es hat daher wenig Sinn, sich das Visuelle Feld der Pornographie als Subjekt vorzustellen, das spricht und durch sein Sprechen hervorbringt, was es benennt. Seine Autorität ist deutlich weniger göttlich; seine Macht weniger wirksam. Es hat nur dann Sinn, sich den pornographischen Text als rechtsverletzendes Handeln eines Subjekts vorzustellen, wenn man ein Subjekt sucht, dem die Handlung zugeschrieben und das rechtlich verfolgt werden kann. Andernfalls ist unsere Aufgabe schwieriger, denn was Pornographie liefert, ist, was sie aus dem Fundus kompensatorische Geschlechternormen rezitiert und übertreibt, ein Text aus ebenso beharrlichen wie falschen imaginären Beziehungen, die nicht dadurch verschwinden, dass dieser Text abgeschafft wird, ein Text, der einer unnachgiebigen feministischen Kritik noch zu lesen bleibt.
Wichtig ist vor allen Dingen, welche Schlussfolgerungen für die Praxis Butler bereithält. Sie schreibt gleich im Anschluss an das letzte Zitat:
Wenn man solche Texte gegen den Strich liest, räumt man damit ein, dass die Performativität des Textes keiner souveränen Kontrolle untersteht. Im Gegenteil, wenn ein Text einmal handelt, kann er wieder handeln und das vielleicht genau gegen die frühere Handlung. Resignifizierung wird so zu einer Möglichkeit, Performativität und Politik neu zu lesen.Butler, Judith: Flammende Taten, verletzendes Sprechen. in: Butler, Judith: Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt am Main 2006, Seite 112 f.
Kunst fungiert an dieser Stelle (dem Urteil zu Ralf Königs Comic ›Bullenklöten‹) als Scheide, die der Pornographie die Wirkung ihrer Übertreibung nimmt, auch sofern denn sexuelle Handlungen vulgär oder sogar drastisch dargestellt werden (wie das Gremium zu diesem Werk konstatiert).
Ein Problem bleibt an dieser Stelle offen: das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen und rechtlichen Begriffen, mitsamt der Rolle(n), die die Statistik dabei spielt, also eine zum Teil auf formale Logik aufbauende Berechnung (=Erzeugung?) von Tatsachen.
Ein Problem bleibt an dieser Stelle offen: das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen und rechtlichen Begriffen, mitsamt der Rolle(n), die die Statistik dabei spielt, also eine zum Teil auf formale Logik aufbauende Berechnung (=Erzeugung?) von Tatsachen.
04.11.2013
Mein Videokurs
Vor acht Wochen hatte ich einen recht großen Auftrag und dazu ein Programm bekommen, um ein Skript in einen interaktiven Lernkurs umzuwandeln. Hier kam mir dann die Idee, einen eigenen Kurs zu programmieren, eine Idee, die ich schon mal vor zwei Jahren angedacht hatte.
Mittlerweile bin ich vier Wochen in Verzug damit. Zum einen hatte ich recht viel zu tun. Zum anderen fehlt mir die entsprechende Plattform, um interaktive Videos plus Material aufzuspielen. Was ich aber ganz interessant finde, ist die Möglichkeit, all das auf YouTube zu veröffentlichen. Ich muss zugeben, dass ich damit dann aber Probleme hatte, vor allem Probleme, mein Thema in winzige Häppchen einzuteilen. Mehr als 15 Minuten sind bei YouTube erstmal nicht erlaubt.
Trotzdem bin ich jetzt fast fertig mit der Planung und der Vorbereitung des Materials. Eigentlich fehlt jetzt nur noch die Arbeitsphase, in der ich all diese einzelnen Teile zusammensetze, so dass jeweils ein eigenes Video entsteht.
Thema des Kurses ist ›Plotstrukturen‹. Das Thema bildet das Fundament für handlungsorientierte Romane, also im Großen und Ganzen das, was man als Spannungsliteratur bezeichnet, wenn man arrogant ist auch als triviale Literatur.
Andererseits macht es auch Spaß, trotz einiger Mühen. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viele Plots entworfen, wie in den letzten acht Wochen. Ich habe ganz viele Personenkonfigurationen skizziert, mir Szenen ausgedacht, Ereignisse und Handlungsabfolgen ineinander verschränkt und nochmal so alles überprüft, was ich mir in den letzten 15 Jahren erarbeitet habe.
Besonders viel Spaß hat mir dabei eine Kurssitzung gemacht, die sich um so genannte screwball-Komödien dreht. Das sind Komödien mit recht verrückten Personen als Protagonisten. Meist spielen Verwechslungen und Täuschungen eine wichtige Rolle darin. Ganz wunderbar ist zum Beispiel die Komödie ›Is' was, Doc?‹ mit Barbra Streisand; herrlich aber auch ›Zwei mal zwei‹ mit Bette Midler.
Nebenher mache ich einen Kurs an der Universität Potsdam, der sich ›The future of storytelling‹ nennt, ein durchaus zweideutiger Titel. Wenn die Vermittlung von Erzähltechniken so weiterläuft wie bisher, wird mir dieser Kurs wenig nützen. Inhaltlich dürfte er sogar unter dem Niveau der Vorlesung für Erstsemester in Erzähltheorien bleiben.
Wenn das also the future ist, dann ist die Zukunft sehr einfach gestrickt.
Zudem ist der Kurs pädagogisch nicht wirklich gut aufbereitet. Für meinen Kurs habe ich ein sehr enges Raster zwischen Beispielen aus der Spannungsliteratur oder selbsterfundenen Plots, Begriffsvermittlung und Aufgaben entworfen. Was ich nicht leisten kann, ist diese technisch perfekte Aufmachung, dafür aber eine Kursstruktur, die den meisten Menschen mehr Hilfe bieten kann.
Mittlerweile bin ich vier Wochen in Verzug damit. Zum einen hatte ich recht viel zu tun. Zum anderen fehlt mir die entsprechende Plattform, um interaktive Videos plus Material aufzuspielen. Was ich aber ganz interessant finde, ist die Möglichkeit, all das auf YouTube zu veröffentlichen. Ich muss zugeben, dass ich damit dann aber Probleme hatte, vor allem Probleme, mein Thema in winzige Häppchen einzuteilen. Mehr als 15 Minuten sind bei YouTube erstmal nicht erlaubt.
Trotzdem bin ich jetzt fast fertig mit der Planung und der Vorbereitung des Materials. Eigentlich fehlt jetzt nur noch die Arbeitsphase, in der ich all diese einzelnen Teile zusammensetze, so dass jeweils ein eigenes Video entsteht.
Thema des Kurses ist ›Plotstrukturen‹. Das Thema bildet das Fundament für handlungsorientierte Romane, also im Großen und Ganzen das, was man als Spannungsliteratur bezeichnet, wenn man arrogant ist auch als triviale Literatur.
Andererseits macht es auch Spaß, trotz einiger Mühen. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viele Plots entworfen, wie in den letzten acht Wochen. Ich habe ganz viele Personenkonfigurationen skizziert, mir Szenen ausgedacht, Ereignisse und Handlungsabfolgen ineinander verschränkt und nochmal so alles überprüft, was ich mir in den letzten 15 Jahren erarbeitet habe.
Besonders viel Spaß hat mir dabei eine Kurssitzung gemacht, die sich um so genannte screwball-Komödien dreht. Das sind Komödien mit recht verrückten Personen als Protagonisten. Meist spielen Verwechslungen und Täuschungen eine wichtige Rolle darin. Ganz wunderbar ist zum Beispiel die Komödie ›Is' was, Doc?‹ mit Barbra Streisand; herrlich aber auch ›Zwei mal zwei‹ mit Bette Midler.
Nebenher mache ich einen Kurs an der Universität Potsdam, der sich ›The future of storytelling‹ nennt, ein durchaus zweideutiger Titel. Wenn die Vermittlung von Erzähltechniken so weiterläuft wie bisher, wird mir dieser Kurs wenig nützen. Inhaltlich dürfte er sogar unter dem Niveau der Vorlesung für Erstsemester in Erzähltheorien bleiben.
Wenn das also the future ist, dann ist die Zukunft sehr einfach gestrickt.
Zudem ist der Kurs pädagogisch nicht wirklich gut aufbereitet. Für meinen Kurs habe ich ein sehr enges Raster zwischen Beispielen aus der Spannungsliteratur oder selbsterfundenen Plots, Begriffsvermittlung und Aufgaben entworfen. Was ich nicht leisten kann, ist diese technisch perfekte Aufmachung, dafür aber eine Kursstruktur, die den meisten Menschen mehr Hilfe bieten kann.
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