01.05.2010

Depression und Reise

Was einem manchmal auffällt!
Bisher habe ich immer als Hintergrundprinzip von Spannungsromanen den Kampf gegen das Böse postuliert. Tatsächlich scheint es aber ein viel grundlegenderes Prinzip zu geben. Diese Idee kam mir, als ich gestern Abend Peter Sloterdijks Sphären I durchgewühlt habe.
Sloterdijk schreibt:
... Was man als Schamanismus bezeichnet, ist unter anderem eine Technik, verloren gegangene freie Seelen aufzuspüren und zu ihren Gastgebern zurückzubringen - der historische Prototyp einer Depressionsbehandlungen.
Sloterdijk, Peter: Sphären I, F.a.M. 1998, S. 433
Und wer müsste da nicht an Harry Potter und die Suche nach den Horkruxen denken? Bei Harry Potter ist Voldemort nicht die böse Seite der Seele, sondern die depressive. Sehr häufig geht das Böse mit einer Entdifferenzierung einher, die der Entdifferenzierung der Welt des Depressiven gleicht. Die Reise des Helden ist eine Reise gegen dieses depressive Prinzip. Am Ende wird der Held nur dann gewinnen, wenn er klein wird, wenn es sich nicht an die Stelle des depressiven Prinzips setzt, und dadurch als einer unter anderen in einer vitalen Umwelt überleben kann.
Bei Prinzen, Thronfolgern und Auserwählten wird der Sieg durch eine Höllenfahrt vorbereitet. Diese Höllenfahrt umfasst zwei Teile: zum einen Entsagung der Macht, sei es durch Unwissenheit, sei es durch Einsicht, sei es, dass die auserwählten Fähigkeiten noch nicht entdeckt oder gelernt wurden; der andere Aspekt ist die Gruppe, die man zu schützen hat, die Freunde, die Familie, die Mitmenschen, was zunehmend schwieriger wird, je mehr man in die Hölle hinabsteigt.
Die Höllenfahrt als literarisches Motiv umfasst demnach zwei Lehren, eine personale, und eine soziale. In der personalen Lehre erfährt der Held, wie mächtig er ist. In der sozialen Lehre erfährt er, dass wirklich ganz ist, wenn er einer unter Anderen ist. Ganzheit und (wahre) Mächtigkeit verschränken sich häufig; besonders prägnant wird dies bei Harry Potter thematisiert.


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