06.03.2014

Kinderpornografie, oder: Wie man erfolgreich (?) rumeiert

Da hätten wir sie also, die zweite Kinderporno-Affäre: Und diesmal mit der befremdlichen Anmerkung, warum er, der "Betroffene" lange herumeiern solle. Genau damit ist er nämlich wohl in den letzten Tagen an die Öffentlichkeit getreten. Gestern hat er seine Ämter niedergelegt. Wer? Georg Hupfauer, Bundesvorsitzender der katholischen Arbeitnehmer-Bewegung.

Befremdlich an diesem Bekenntnis ist allerdings, dass die Staatsanwaltschaft seit über einem Jahr gegen ihn ermittelt. Und ebenso befremdlich ist, dass er offen zugegeben hat, dass er seit Jahren auf pornographischen Seiten im Internet surft.

Internet-Sperren?

Hier ergibt sich tatsächlich ein großes Problem mit den Beweisen. Denn solange man auch zufällig auf Material stoßen kann, welches kinderpornografisch ist, könnte es eben immer noch zufällig sein. Die Zugänglichkeit ist also genauso leicht zu haben wie bei allen anderen Waren, die im Internet angeboten werden.
Erinnern wir uns noch einmal an die Internet-Sperren. Diese sind, ebenfalls mit gutem Grund, blockiert worden, weil ein solcher Gesetzesentwurf als Einfalltor für weitere und umfassendere Sperren gesehen wurde. Und das ist ja auch richtig so.
In diesem Fall allerdings wäre es schon ganz sinnvoll gewesen, wenn eine solche Sperre existieren würde. Denn dann könnte man nicht mehr zufällig auf solche Seiten geraten. Jemand der eine Sperre umgeht, umgeht sie wissentlich.
In diesem Fall wird es wohl darauf hinauslaufen, dass die Unschuld-Vermutung zu Recht greift. (Neue Kinderporno-Affäre)

Wohl gemerkt: ich bin weiterhin gegen Internet-Sperren. Die Debatte damals ist auf sehr schwachem Boden geführt worden, zumindest von Seiten der Initiatoren des Gesetzes. Und man kann nicht einen grundlegenden Wert unserer Demokratie für einen anderen, nur zweifelhaft schützbaren Wert aufgeben. Meinungsfreiheit und freie Zugänglichkeit von Informationen gehört mit Sicherheit zu einer der grundlegendsten Fundamente einer kritischen Gesellschaft. Und natürlich weiß ich, dass man sich damit auch in die schwierige Position begibt, unseren Kindern diesen guten Zugang in die Mündigkeit zu verbauen. Zur Mündigkeit gehört auch die sexuellen Mündigkeit.
Mündigkeit ist nun von der Entwicklungspsychologie her gesehen ein schwieriger Begriff. Es gibt keine feste Grenze, ab wann ein Mensch mündig ist. Die Altersstufen, die der Gesetzgeber festgelegt hat, sind eindeutig Notbehelfe.

Wir brauchen keine Internet-Sperren. Nicht, solange sich hier nicht eine eindeutige Grenze zu weitergehenden Verboten ziehen lässt.
Wir brauchen allerdings auch nicht eine Pathologisierung oder Kustodialisierung von Pornografie-Konsumenten. Diese Kopf-ab-Mentalität ist nicht nur in diesem Bereich gerne als erster Schritt in die Ent-Demokratisierung genutzt worden. Man erinnere sich an die letzten Jahre der Weimarer Republik vor der Machtergreifung. Prominent ist dabei zum Beispiel jener Jubel, die die Nationalsozialisten bei dem Film „M — Eine Stadt sucht einen Mörder“ geäußert haben. Und wie Himmler (oder Göring?) damals dann auch den Film gelobt haben, weil er für die Todesstrafe sei (und nicht: weil er gegen den Kindesmissbrauch ist), so müssen wir heute vorsichtig sein, welche Strafen wir legitimieren und welche Eingriffe in das Rechtssystem nicht auf der Rückseite eine Beschränkung des Rechtssystems mit sich führen.

Sexuelle Mündigkeit

Was ich bei Menschen, die wissentlich Kinderpornografie konsumieren, nicht verstehe, ist, wie man sexuelle Handlungen an und durch Menschen, die nicht einen ähnlich gearteten Status besitzen wie man selbst, attraktiv finden kann. Bei deutlichen Altersunterschieden, ebenso wie bei deutlichen Machtunterschieden, spricht für mich alleine die Fürsorge-Pflicht dagegen.
In meiner Hamburger Zeit hatte ich mal einen ziemlichen Streit, als ein erwachsener Mann versuchte, sein mögliches Verhältnis mit einem Dreizehnjährigen dadurch zu begründen, dass dieser das wolle. Mag ja sein, aber ein Dreizehnjährige, der ein sexuelles Verhältnis zu einem erwachsenen Mann pflegen möchte, sucht meiner Ansicht nach deutlich etwas anderes. Er ist weder geistig noch materiell in der Lage, die Machtgefälle innerhalb einer Beziehung zu trennen und auszudiskutieren. Wer auf solche Art und Weise abhängig ist, dem dürfen seine Wünsche zwar zugestanden, aber nicht erfüllt werden. Die erste Pflicht in einem solchen Fall ist es, dem Jugendlichen zu helfen, einen größeren unabhängigen Status zu erreichen - Mündigkeit eben. Und wenn dieser erwachsene Mann diesem Jungen tatsächlich hätte helfen wollen, dann hätte er ihn allerhöchstens als eine Art Ziehsohn geduldet. Ohne sexuelle Handlung. Sogar ohne sexuelle Interessen.
Soweit ich gehört habe (der Mann hat mich in Zukunft gemieden, weil ich ihm mit einer Strafanzeige gedroht habe) ist das dann aber auch nicht geschehen. Ich hoffe also, dass dieser Kontakt im Sande verlaufen ist.

Homosexuell aufwachsen dürfen

Ebenso unsinnig ist allerdings, wie die Debatte um die Geschlechter-Vielfalt und deren Vermittlung an Schulen geführt wird. Hier werden fast systematisch geschätzte 5 % der Jugendlichen an einer unbefangenen Entdeckung ihrer Sexualität gehindert. Es ist mir in diesem Fall scheißegal, und dieses Scheißegal meine ich auch wirklich so, ob Homosexualität genetisch verursacht oder anerzogenen wurde. Homosexualität ist in diesem Fall eine Auseinandersetzung mit seinen aktuellen Bedürfnissen. Und es ist diese Auseinandersetzung mit den aktuellen Bedürfnissen in einer mündigen Gesellschaft, die den Menschen selbst mündig macht. Es ist kein genetisches Problem, es ist auch kein Problem der Eltern, und erst recht ist es kein Problem einer wie auch immer gearteten Verwirrung zwischen christlichem Eheverständnis und dem Rückgang der Geburtenzahlen. Es ist ein Problem der Mündigkeit und nichts anderes.

Sittliche Autonomie

(Ich habe mich gerade eine ziemliche Wut hineingeschrieben. Mal wieder!)
Mündigkeit ist der vernünftige Gebrauch der sittlichen Autonomie. Sittliche Autonomie heißt, dass ich mir für mein Leben jene Handlungsleitfäden zurechtlege, nach denen ich mein Leben leben möchte. Die Rücksicht auf andere Menschen gehört dazu, ohne Zweifel. Sittliche Autonomie, von der Seite der Gesellschaft aus betrachtet, heißt auch Würde des Menschen. Und weil diese Würde nur existiert, wenn sie anerkannt wird, kann ein einzelner Mensch nur aus sich heraus in Würde leben. Er braucht die Gesellschaft, die ihm diese Würde zuspricht und gewährleistet. Der Staat hat diese Würde grundsätzlich zu garantieren. Sie ist, glücklicherweise, in unserem Grundgesetz an erster Stelle festgelegt.

Politisch gesehen das Gegenteil: Kinderpornografie und Homosexualität

An diesem Punkt widersprechen sich dann auch die Aufklärung über die Geschlechtervielfalt und die Kinderpornografie so deutlich, wie es nur geht. Kinderpornografie, auch nur das Ansehen von kinderpornografischen Material, lässt einen gewissen Zweifel daran aufkommen, ob der betreffende Mensch in der Lage ist, eine Aufklärung in vollem Umfange mitzutragen, also auch den „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ bei anderen Menschen. Er müsste dies ja zunächst bei sich selbst tun. Indem er Kinder nicht als sexuelle Objekte behandelt, indem er/sie sich mündige Sexualpartner sucht.
Kinder sind nun unmündig. Sie müssen diesen Weg für sich erst noch finden. Und die Grenze, wo die Unmündigkeit in die Möglichkeit der Mündigkeit kippt, ist eben jene Frage nach der Grenze, wo das Selbstverschulden anfängt. Zumindest nach Kant.
Wird allerdings einem Menschen die Auseinandersetzung mit seinen Bedürfnissen verweigert, zum Beispiel durch Sanktionierung solcher Bedürfnisse in der öffentlichen Meinung, dann liegt hier eindeutig eine fremdverschuldete Unmündigkeit vor. Im Falle junger Homosexueller dürfte das sogar sehr weit verbreitet sein. Und die Frage ist dann, ob diese Unterdrückung einer gesunden Entwicklung der Homosexualität und damit auch der Erfahrung, dass Mündigkeit durchaus nicht zählt, bei solchen Menschen zu einer ebensolchen Missachtung der Mündigkeit anderer Menschen führt.
Empirisch gesehen mag es sein, dass bei Homosexuellen eine höhere Neigung dazu besteht, Kinderpornografie zu konsumieren. Ob dies auf eine allgemeine Perversion zurückzuführen ist, darf man deutlich bezweifeln. Eine geschädigte Mündigkeit dagegen kann man ziemlich eindeutig feststellen bei allen Menschen, die gemobbt und denunziert wurden. Burnout, Neurosen, Suizidgefahr sind häufige Folgen davon. Und genau hier ist dann auch der Gesetzgeber gefordert, diesen wechselseitigen Effekt zu trennen, denn politisch gesehen ist der Konsum von Kinderpornografie der (auch) homosexuellen Lebensweise entgegengesetzt. Sie scheiden sich an der Mündigkeit und der Würde des einzelnen Bürgers.

It's YOUrope - Jedenfalls brauchen wir Europa nicht so, wie es heute ist

Nein, ich bin kein Freund des gegenwärtigen Europas. Aber würde mir ein Lanz mit der Frage kommen, ob ich Deutschland lieber aus der EU austreten sähe, würde ich ihn für bekloppt erklären. Die Frage ist auch bekloppt.

Terry Reintke erklärt die Misere der europäischen Regierung:
  • Es gibt keine Möglichkeiten, Entscheidungen ohne die nationalen Regierungen zu treffen. Dies sei besonders schmerzlich bei Ungarn, die sich offen für einen Entdemokratisierungsprozess entschieden haben.
  • Es gibt keine Möglichkeiten für Gesetzesinitiativen von den Abgeordneten oder gar vom Volk aus. Eine Teilnahme an einer europäischen Kritik ist dem normalen Menschen kaum möglich.
  • Die deutsche (?) Presse informiert zu wenig über Europa und macht dadurch eine informierte, öffentliche Debatte zusätzlich schwierig. Eigentlich alle Zeitungen unterscheiden bei der Politik zwischen Deutschland und Ausland. Eine dazwischen eingepflegte Unterscheidung Europa gibt es nicht.

Natürlich verursachen Staaten Intransparenz gegenüber dem Volk. Manchmal müssen sie es. Manchmal ist es für eine Regierung bequemer. Manchmal interessiert es niemanden, obwohl es jeden interessieren müsste und die Fakten vorliegen.
So ist es in Deutschland. Mit Europa ist es schlimmer.

Europa existiert nicht (mehr) als Idee. Deutschland schon. Obwohl da auch niemand so recht weiß, was es ist.
Aber wir hatten, gerade in Deutschland, einmal eine starke Idee von dem, was Europa sein könnte. Wir hatten die Romantiker, die sich um diese Idee bemüht haben und die hofften, diese Vielstaaterei und Kleinfürsterei mit all ihrer Selbstherrlichkeit überwinden zu können.
Wo sind all diese Debatten hin?
Was nützt uns ein Matussek, der heuchlerisch auf seinen wunderschönen Heine-Aufsatz hinweist, wenn er dies benutzt, um ein wirres und antiaufklärerisches Gefasel von Homsexualität als Defizit zu legitimieren? Was nutzt uns das Lippenbekenntnis eines Jörges, wenn er die Streitkultur so ersichtlich misshandelt? Wenn er dann in völliger Verwirrung (oder perfider Bosheit?) die Vorwürfe der Linken gegen den Start der Bundesregierung (Fehlstart, langweilige Debatten durch Koalitionszwang) sich aneignet, als habe er sie gerade taufrisch im Grase entdeckt? Was ist ein Europa, das sich nicht zu Werten bekennt, die europäisch sind? Und deren Fürsprecher (zu denen Sarah Wagenknecht hätte gehören können, wenn Lanz und Jörges sie nicht unterbrochen hätten) sich auf ein albernes Blabla zurückziehen, auf ein Ja/Nein. Ein Ja/Nein ist keine Aufklärung. Es ist kein öffentliches Räsonnieren.

Europa könnte besser sein, könnte vielleicht sogar großartig sein, wenn es sich mal den Beipackzettel durchlesen würde und die dort empfohlene Verschreibung befolgen würde. So aber jammert jeder über die Nebenwirkungen, schimpft auf den Arzt und sieht nicht, wann und wie die Heilung möglich wäre.

Was in diesem Beipackzettel steht: mit Sicherheit Kant. Gyorgy Konrad. Jan Patocka. Heinrich Heine. Dolf Sternberger. Ludwig Hohl. Und so viele andere, vergessene, manchmal herbeigeheuchelte Größen.
Selbst Octavio Paz oder Judith Butler. Obwohl Mexikaner und Amerikanerin. Die mehr vom europäischen Gedanken verstehen als mancher deutsche Hochglanz-Journalist.

Terry Reintke: Ein Parlament für Europa!

05.03.2014

Glaube, diesmal ganz hart, oder: Orthokrafie mit Käthe Kollwitz

Kennen Sie eigentlich Gustav Seitz? Falls ja, können Sie sich jetzt mal eben auf die Schulter klopfen. Falls nein, gehören Sie mit zu den Gründen, die den Bezirk nun veranlassen, eine Info-Tafel am Sockel des Käthe-Kollwitz-Denkmals anzubringen. Diese soll sicherstellen, dass in Zukunft niemand mehr klaubt, Kollwitz selbst hätte die Plastik angefertigt. Außerdem soll endlich der Missstand beseitigt werden, dass „noch weniger Menschen (...) Kenntnis davon (haben), dass ein weiterer identischer Nachguss dieser Plastik heute im Skulpturenpark Magdeburg zu finden ist.“
Kommentarlos. Oder? HIER

Überwache den Überwacher der Überwacher

Rekursive Schleifen sind etwas Wunderbares. Die CIA hat das Gremium, das sie kontrollieren soll, ebenfalls heimlich überwacht. Das ist eine fantastische Nachricht, weil damit wieder einmal bewiesen ist, dass autopoetische Systeme nur dann funktionieren, wenn sie einen blinden Fleck ausbilden. Sie müssen sich für sich selbst intransparent machen und schaffen dies, indem sie sich beobachten.

Nach Untersuchung illegaler Verhörmethoden: CIA soll CIA-Kontrollgremium überwacht haben
so lautet der Artikel auf Spiegel online.

Man könnte auch sagen: Nach der Untersuchung ist vor der Untersuchung.

Ich glaube, ich werde Niklas Luhmann heute Abend mal wieder in mein Gebet einschließen.

Beschreibung des Menschen - Blumenbergs Anthropologie

Herumgestöbert habe ich auch in diesem Buch. Ich glaube, dass man zu Hans Blumenberg nur wenig sagen muss. Er schreibt äußerst vergnügliche, äußerst kluge und unglaublich belesene Bücher. Dieses hier ist posthum erschienen. Blumenberg entwickelt daran eine Anthropologie. Sehr deutlich knüpft Blumenberg an Husserl an, sehr viel deutlicher, als in den zu seiner Lebzeit erschienenen Büchern. Und anders als in diesen Büchern bietet er hier keine „historische“ Untersuchung über die Erkenntnisbilder der europäischen Geschichte, sondern fragt nach dem, was die Anthropologie eben so fragt: was der Mensch ist.
Sehr viel kann ich zu diesem Buch noch nicht sagen. Es behandelt aber auf jeden Fall ein zentrales Thema der Anthropologie im 20. Jahrhundert:
Ob und auf welche Weise zum Menschsein das zwischenmenschliche Verhältnis gehört. Schärfer gefragt: ob der Mensch überhaupt ein Mensch ist, wenn er nicht mit anderen Menschen zusammen ist.
Außerdem habe ich eine ganz wunderbare Passage über die Langeweile gefunden. Die Langeweile ist seit ein paar Jahren ein Thema, das bei mir immer wiederkehrt und zu dem ich immer weiter sammle. Irgendwann schreibe ich vielleicht mal ein Buch darüber.

04.03.2014

Ein Geschäft der Verzweiflung

»In unserem Jahrhundert ist die Politik fast ein Geschäft der Verzweiflung, und ich war immer versucht, vor ihr davonzulaufen. Ich möchte Ihnen sagen, dass mich Ihr Beispiel am Weglaufen gehindert hat und das auch noch für viele Jahre tun wird.« (Hannah Arendt in einem Brief an Judah Magnes …, 33)
Und genauso ergeht es mir gerade mit Hannah Arendt. Ich halte mich an ihren Schriften fest und ignoriere nicht, was ein Matussek, ein Joffe oder ein Martenstein an dümmlichem Mist in die Welt hinaus bläst. Als dürfe man im Namen der Meinungsfreiheit die demokratischen Fundamente mit Füßen treten und das eigene egomanische Geplärre als Wissenschaftlichkeit verkaufen.
1000 Dank an meine Leser: ohne euch wäre ich längst depressiv geworden.
Die Biografie zu Hannah Arendt von Thomas Wild ist auch jetzt noch, nachdem ich einiges von ihr gelesen habe, ein sehr schönes, empfehlenswertes Buch. Bedrückend manchmal, aber auch ermutigend.

03.03.2014

Das Gehirn, die gender-Theorie und die sozio-kulturelle Evolution

Jetzt habe ich mir doch ein wenig Entspannung gegönnt. Nachdem ich vor vier Tagen meine Lektüre von Thomas Metzinger das Der Ego-Tunnel unterbrechen musste, habe ich heute Abend wieder angefangen. Es ist freilich etwas „seltsam“. Aber irgendwie lese ich zurzeit einfach viel zu gerne und, wie ihr wahrscheinlich mitbekommen habt, auch wild durcheinander.
So recht komme ich auch heute nicht vom Fleck. Ich befinde mich ja in meinem zweiten Durchgang dieses Buches, dem, bei dem ich immer frei kommentiere und meine Gedanken laufen lasse. Das sind die Kommentare, die später in meinen Zettelkasten kommen und dort der weiteren Ausarbeitung harren. Mich begeistert dieses Buch weiterhin. Es ist gar nicht so, dass dieses Buch überraschende Neuheiten bietet. Aber es ist sehr angenehm geschrieben und dabei sehr dicht. Das macht fast jeden Satz überdenkenswert.
Es ist also „irgendwie“ diese perfekte Mischung aus Ferienlektüre (weil es sehr verständlich geschrieben ist) und Langzeit-Lektüre (wegen der hohen Informationsdichte).

Vorgestern hatte ich von der so sozio-kulturellen Evolution geschrieben. Dankenswerterweise kamen diesmal keine blöden Kommentare, die ich hätte löschen müssen.
Metzinger nun führt dieses Thema auch explizit als ein Forschungsgebiet der Neurophysiologie ein, zumindest eins, an dem die Neurophysiologie Anteil hat.
„Theorien verändern die soziale Praxis, und die Praxis verändert irgendwann die Gehirne selbst, die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.“ (35)
Drei Seiten später betont er erneut:
„Wir haben auf vielen neuen Ebenen verstanden, das Bewusstsein — wie auch die Wissenschaft selbst — ein kulturell eingebettetes Phänomen ist.“ (38)
Ich hatte in der Vergangenheit immer wieder gegen diesen biologischen Determinismus der Geschlechter angeschrieben. Mein Argument war die Neuroplastizität. Da das Gehirn äußerst lernfähig ist, kann es biologische Vorgaben überformen. Damit verschwinden diese nicht aus dem biologischen Programm, erscheinen aber nicht mehr auf der Ebene des Verhaltens und Denkens. Selbst so notwendige Reflexe wie der Saugreflex werden relativ rasch vom Säugling aufgegeben und nur noch an spezifischen Gegenständen ausgeübt.
Die Neuroplastizität betrifft die Ontogenese, also die individuelle Entwicklung des menschlichen Bewusstseins im Laufe des Lebens (zugegebenermaßen ist Ontogenese ein etwas unglücklicher Begriff; allerdings wird er üblicherweise so gebraucht im Gegensatz zur Phylogenese, der die Evolution des Menschen betrifft).
Hier spielt Metzinger allerdings auf eine dritte Art der zeitlichen Veränderung an. Indem die Menschheit nach und nach eine Bewusstheit von ihrem Bewusstsein entwickelte, hat sie rückwirkend das Bewusstsein nachhaltig verändert. Dies war weder eine Leistung der biologischen Evolution. Diese hat nur die Möglichkeit dieser Entwicklung bereitgestellt, ist aber nicht die Entwicklung selbst. Noch hätte die individuelle Entwicklung eines einzelnen Menschen es zu diesem Punkt gebracht, an dem sich das Bewusstsein noch einmal in sich selbst rekonstruiert. Dazu waren, und das dürfte jedem klar sein, viele Generationen notwendig.

Für die gender-Theorie spielen solche Erkenntnisse ebenfalls eine wichtige Rolle. Man kann hier zunächst noch einmal den Unsinn zurückweisen, die gender-Theorie hätte behauptet, eine Frau könne alles werden, was sie will und zwar von heute auf morgen. Erstens hat das die gender-Theorie nie behauptet. Zumindest finde ich in meinen Büchern keine Aussage, die auch nur annähernd in diese Richtung geht. Zweitens lässt die schlichte Erfahrung solche Aussagen nicht zu.
Umso wichtiger ist es, dass auch Metzinger von der Seite der Neurophysiologie jene dritte Art der Evolution, die sozio-kulturelle, anspricht. Denn diese erklärt zugleich, warum Geschlechterstereotype so natürlich erscheinen und sich trotzdem über die Jahrhunderte so massiv verändert haben (sofern man bereit ist, das wahrzunehmen: es gibt ja immer noch Menschen, die glauben, die christliche Ehe sei aus der Urhorde als natürliche Lebensweise zu uns gekommen).

Warum wir immer noch solchen Geschlechterstereotypen als unvergänglich aufsitzen, hängt auch mit der Funktionsweise des Gehirns zusammen. Das Gehirn ist nämlich darauf angelegt, eine Bewusstseinskontinuität zu imaginieren. Dies zeigt Metzinger sehr schön in den vorhergehenden Abschnitten (bis Seite 38).
Das heißt mehrererlei. Zunächst ist diese Unterschiedlichkeit zwischen den Geschlechtern keine empirische Realität, sondern gehört mit in die Konstruktion eines kontinuierlichen Selbstbildes der Menschen. Diese Konstruktion muss nicht notwendig inhaltlich so verlaufen, aber sie muss eines sein: eine Kontinuität darstellen. Und d.h. vor allen Dingen, dass Menschen sich nicht so schnell von ihren Rollenbildern lösen können. Sie können es nicht für sich selbst und auch nicht bei anderen.
Auf der anderen Seite hindert uns aber auch nichts daran, uns die Geschlechter neu zu erfinden und uns mehr Geschlechter zu imaginieren als wir heute kennen. Es sind, ganz böse gesagt, doch sowieso nur Projektionen, die unser Gehirn ohne Zugang zur harten Realität herstellt. Phantasmatisch ist diese seltsame Mischung aus Evolutionstheorie und Christentum, die manche „Konservative“ so wütend verteidigen, genauso wie die gender-Theorie. Und das ist vielleicht die befremdlichste Erkenntnis, die von Metzinger ausgeht: weder kann sich das Rollenverständnis aus der Evolution ableiten, noch aus dem Christentum, noch aus einer wie auch immer gearteten Politik der Gleichberechtigung. Mir fiel dazu beim ersten Lesen dieses Buches der Begriff „phantasmatische Sinnlichkeit“ ein.

Diese Neuauflage von Der Ego-Tunnel enthält einige Erweiterungen. Eine dieser Erweiterungen ist für die ganze Frage der Kreativität äußerst interessant. Metzinger hat ganz zum Schluss ein Kapitel eingefügt, welches sich „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit“ nennt und das im weitesten Sinne eine Fortführung von Kants Aufsatz Was heißt: sich im Denken orientieren? ist.
Dieses letzte Kapitel war übrigens, wenn mir diese persönliche Bemerkung noch gestattet ist, ein Kapitel, das ich wie im Fieber durchgelesen habe und das gleichzeitig bei einer ganz großen Klarheit. Man kann sich vielleicht über den Inhalt streiten (ich weiß es im übrigen gar nicht, denn ich habe es inhaltlich als ganz großartig erlebt); für mich ist diese Erfahrung, einen Gedankensturm in sich zu erleben und sich dabei trotzdem mit einer gewissen Gelassenheit wahrnehmen zu können, eine sehr glückliche. Es ist wohl das, was Csikszentmihalyi als Flow bezeichnet.

Rückzug

Es ist ja ganz schön, seine Messer in aller Öffentlichkeit zu wetzen. Aber zumindest mir geht es so, dass ich rasch die Lust verliere, weil außer einer rhetorischen Analyse kaum ein Erkenntnisgewinn stattfindet. Es werden keine Inhalte besprochen, keine schärferen und besseren Betrachtungen erarbeitet, und in dieser ganzen Situation ist es dann auch überhaupt nicht mehr sinnvoll, auf der inhaltlichen Ebene zu argumentieren. So auch bei Matussek.

Matussek beschimpft und beleidigt Stefan Niggemeier, zum Beispiel so:
„Ich war nicht nur „eine Weile Kulturchef des Spiegel“, das war lange bevor Sie als geduckter Eigenbrötler an Bord kamen und schon nach zwei Jahren zur großen Erleichterung ihrer Kollegen das Weite suchten.“ (HIER)
Nicht ein Jahr zuvor schreibt er allerdings:
„Man sollte ein paar Regeln einhalten. Beleidigung ist ein Straftatbestand, von welchem Clown auch immer, und „Arschloch“ oder „Puffgänger“ geht nicht, erst recht nicht in der öffentlichen Arena, und es kostet, und es sollte kosten.“ (HIER)
Mittlerweile liegt eine Antwort des ZDF zur Lanz-Petition vor. Es werden Fehler eingeräumt.
Und es scheint nach wie vor die Politik des ZDF zu sein, dass ihr Niveau ansonsten sehr hoch sei und dieses eine Mal eine Sendung einen Ausreißer verursacht hat.

Ich habe viel gelesen. Dummerweise habe ich zum Beispiel einen Aufsatz gelesen, der hieß: „Verwahrlosung und Delinquenz von Schülern als Zeichen des Unglaubens“. Von dem selben Autor stammt ein Text, der sich „Existenzielles Christsein und antiautoritäre Konzeption“ nennt. Das habe ich erst hinterher entdeckt.
Der Autor beschäftigt sich mit der Frage, warum Jugendliche delinquent werden und punktet mit solchen Sätzen wie folgenden:
„Die Zeichen bzw. die Symptome von Verhaltensstörungen und Delinquenz haben eindeutige Ursachen; …“
oder:
„Wir werden noch sehen, dass die Trennung von Gott, das Misstrauen gegenüber seiner Heiligkeit und seinem Wort, auch die Trennung von Menschen impliziert, weil der Mensch, der von Gott getrennt ist, die Angst nicht zu überwinden mag.“
Aber es gibt auch schöne Sachen, die ich heute gemacht habe. So habe ich zum Beispiel, nach etwas längerer Pause, wieder viele Kommentare in meinem Zettelkasten geschoben. Ich hänge mittlerweile bei einigen meiner Kommentare Jahre hinterher. Gestern habe ich beschlossen, dass ich meine Notizen zu einigen linguistischen Werken übertrage, obwohl ich keines dieser Bücher fertig gelesen habe. Ich habe aber genug Material zusammen, hier zu systematisieren und bestimmte Aspekte demnächst zu einer kürzeren Liste zusammenzudampfen. Mit Hilfe dieser Liste werde ich mir dann hoffentlich ein wenig mehr Klarheit verschaffen können.
Ich hatte neulich nämlich den Fall, dass ich eine neue Notiz zu einem Buch geschrieben habe und mir einfiel, dass ich dazu schon eine ältere Notiz hatte. Diese hatte ich nun gesucht und tatsächlich auch gefunden (eine Seltenheit bei mir). Und siehe da, dort hatte ich einen ganz anderen Begriff gebraucht. In diesem Fall war das nicht sonderlich ärgerlich, da ich bereits wusste, dass diese Begriffe manchmal unterschiedlich und manchmal gleich verwendet werden. Da muss ich meine Aufregung aus früheren Jahren nicht wiederholen. Aber es gibt andere Begriffe, die ebenfalls sehr uneinheitlich gebraucht werden und ich weiß, wie sehr ich mich an das Vokabular eines bestimmten Buches halte. Das wäre ja auch nicht weiter schlimm. Aber wenn man dann verschiedene Bücher vergleichen will, muss man immer schauen, aus welchem Buch man welchen Begriff heraus sucht. Und dann kommt man schon schnell durcheinander.

Ein Video wollte ich auch noch machen und ins Netz stellen. Das war am Samstag. Da hatte ich noch eine ganze Menge Arbeit vor mir und als ich dann, zum ersten Mal nach anderthalb Tagen, wieder über Nachrichten aus der Ukraine gestolpert bin, war ich ziemlich entsetzt. Und das hat mir die ganze Lust genommen, mich auch noch an die Produktion zu wagen.

Ich habe mich also zurückgezogen. Wie ihr das von mir zeitweilig kennt. Es tut ja manchmal auch ganz gut, sich seiner Basis zu versichern, wie zum Beispiel der Semiologie. Durch die Rückbesinnung auf das Handwerk verpflichtet man sich zugleich auch der Begründbarkeit und der Bescheidenheit. Es mag ja sein, dass Menschen wie Jörges oder Matussek auch Gutes geschrieben haben, aber was sie sich in letzten Wochen geleistet haben, ist alles andere als hinnehmbar.

02.03.2014

Denken als Hobby (Jelinek)

Jetzt hätte eigentlich das Denken mit seinem zarten Stimmchen einsetzen können. Ist doch auch ein hübsches Hobby, das nur ein bisschen Erstaunen voraussetzt.
Jelinek, Elfriede: Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen), S. 18

Das Glück (des Spannungsromans)

Folgt man Sartre, dann besteht das Glück (Genets) aus zwei Komponenten: zum einen wird man besessen (durch die Eltern) und zum anderen angeschaut (der Blick). Dieses Angeschaut-Werden definiert Sartre allerdings als das "unermüdliche Zählen ihre[r] Güter":
"Diese Unschuld geschieht ihm durch andere: alles geschieht uns durch andere, selbst die Unschuld. Die Erwachsenen zählen unermüdlich ihre Güter: das nennt man anschauen. Das Kind gehört zwischen zwei Hockern oder unter dem Tisch zum Anteil; es erfährt sich durch ihren Blick, und sein Glück besteht darin, dass es zum Inventar gehört. Sein heißt jemandem gehören."
Sartre, Jean Paul: Saint Genet, S. 17
Etwas weiter unten (18) schreibt Sartre, dass diese Überzeugung (Genets) "die Prioritäten des Objekts vor dem Subjekt, dessen, was man für die anderen ist, vor dem, was man für sich ist" besiegele.
Glück also ist, besessen und gemessen zu werden, Objekt und Besitz zu sein.

Sartre zieht eine Verbindungslinie zur Unschuld, zur Unschuld des Kindes.
Die Idylle, die (fast) jeder Spannungsroman am Ende erfährt, ist eine eben solche Unschuld, ein ebensolches Glück: man besitzt sich gegenseitig, man zählt sich, man schaut sich an, aber nichts passiert. Objekte können nicht handeln: Sie können nur sein.

01.03.2014

Belangloses wird ja nicht dadurch provokativ, dass man es im Quengelton vorträgt

Weil es so schön ist und damit ihr nicht lange suchen müsst, hier ein Urteil über Matusseks Literaturvermögen (Hervorhebungen von mir):

Der Theologie-Professor Rainer Kampling schrieb 2011 im Deutschlandradio Kultur über “Das katholische Abenteuer”:
“Matussek denkt und schreibt in einem theologischen Vakuum, das er als seinen Kinderglauben ausgibt – selbstverliebt, arrogant und glaubensignorant. Über den Katholizismus, seine theologische Tiefe, seinen Reichtum an intellektueller Leistung, über seine strenge Schule des Denkens und Glaubens oder die Kirchengeschichte erfährt man auf den 358 Seiten des Buches erschreckend wenig – über den Autor und seine Ansichten mehr, als einem lieb sein kann. (…) Dieses Buch ist peinlich – in der Wortwahl, im Stolz des Autors auf seine theologische Unbildung, in seiner Schludrigkeit. Und peinlich ist die Vorstellung, jemand könne glauben, das sei nun katholisch. (…) Lange lässt übrigens der Untertitel rätseln, warum dieses Buch eine Provokation sein soll. Belangloses wird ja nicht dadurch provokativ, dass man es im Quengelton vorträgt. Doch spätestens wenn man auf ständige Wiederholungen, groteske inhaltliche Fehler und stilistische Mängel stößt, wird klar, worin die Provokation besteht. Vielleicht sind zehn Prozent des Buches aktuell verfasst. Der Rest besteht aus alten Beiträgen des Autors, etwa aus dem “Spiegel”, aus seinem Blog, oder, wie man befürchten muss, aus seiner Schublade.“
Sorry für dieses Vollzitat, Deutschlandradio, aber so etwas kann man nicht oft genug hören.

aus: Der neue leidenschaftliche Katholik.

Die Evolution der Deppen

Evolution

Entwicklungen der Evolutionstheorie

Aber vielleicht noch einmal, bezüglich Matussek, nur so zum Mitschreiben und Mitlesen.
Es war Niklas Luhmann, der 1998 in seinem Buch Die Gesellschaft der Gesellschaft schreibt:
»Gesellschaft ist das Resultat von Evolution.« (S. 413)
Er kann dies so schreiben, weil er sich auf eine über 100 Jahre alte Tradition stützt, die Evolutionstheorie von Darwin für die Soziologie fruchtbar zu machen. Herbert Spencer hat dies getan. Karl Marx wollte sich mit Darwin treffen, stieß aber bei diesem auf wenig Gegenliebe. Die Soziologie fand in Darwin eine mögliche Lösung für ein Problem, das die Betrachtung sozialer Prozesse seit dem 18. Jahrhundert heimgesucht und gepeinigt hat, nämlich die der Entwicklung der Gesellschaft in aufsteigenden Stufen. Wir finden diese Stufenlehre bei Auguste Comte ebenso wie bei Karl Marx. Und man muss kein besonders feines Ohr haben, um bei Marx von Anfang an ein gewisses Unbehagen an dieser Lehre herauszulesen. Doch so innovativ Marx dann auch manchmal gewesen ist, so wenig hat er an dieser Tradition rütteln können. Wie Hannah Arendt einmal schrieb, war Marx in seinem Denken immer noch und wie viele seiner Vorgänger der Unterscheidung der weltflüchtenden Vita contemplativa und der weltzugewandten Vita activa verfallen.

Naturgesetze der Evolution

Was kam, wenn auch nur nach und nach: die Evolutionstheorie. Sie hatte den entscheidenden Vorteil, dass sie nicht von Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung sprach und schon gar nicht von einem Fortschritt, sondern von zwei Mechanismen, nämlich der Variation und der Selektion. Variation bedeutet, dass eine Art oder eine Population eine gewisse Streubreite in ihrem genetischen Material aufweist und dadurch eine gewisse Streubreite in ihrem Erscheinungsbild. Selektion bedeutet, dass unter gewissen Bedingungen im Milieu bestimmte Variationen dieser Art begünstigt werden zu überleben.
Man kann diese Feststellung kaum Gesetze nennen, sondern wie man etwa die Anziehung der Massen als Naturgesetz bezeichnet. Es war Schopenhauer, der darauf nochmal explizit hingewiesen hat, dass der Apfel nicht vom Baum fällt, weil es die Schwerkraft gibt. Sondern in dem Fall des Apfels drückt sich die Schwerkraft aus. Schwerkraft ist also nicht die Ursache, sondern die Notwendigkeit des Fallens. Und ebenso sind Varianz und Selektion nicht durch die Evolution verursacht, sondern die Evolution drückt sich notwendig in diesen aus.

Giraffen bei Lamarck und bei Darwin

Vielleicht das ganze nochmal an einem Beispiel, meinem klassischen Beispiel.
Es gibt eine Population von Urzeit-Giraffen mit kurzem Hals. In dieser Population gibt es eine gewisse Streubreite in der Halslänge. Eine deutliche Unterscheidung ist das allerdings nicht. Aber das genetische Material bietet eben eine gewisse Varianz an und diese drückt sich dann in der Erscheinung der einzelnen Tiere aus.
Nun gerät dieses Milieu samt der Population in eine Dürreperiode. Die Pflanzenkost wird spärlich. Die Tiere, die einen etwas längeren Hals haben, kommen leichter an Blätter heran und haben so eine wie auch immer geringe Chance, eher zu überleben. Dadurch vergrößert sich die Chance in der Nachkommenschaft, dass sich die genetische Variation mit diesem minimal längeren Hals häufiger vererbt. Das geschieht dann auch und bei der nächsten Dürreperiode hat nun eine größere Anzahl dieser Urzeit-Giraffe einen längeren Hals, was den früheren Selektionsvorteil bedingt außer Kraft setzt und nun wiederum diejenigen Giraffen mit dem noch etwas längeren Hals begünstigt. Und so wird über dieses Spiel von Variation im Genmaterial und Selektion durch Umweltbedingungen eine Art verändert.
Zu beachten ist an dieser ganzen Geschichte noch, dass ich hier einmal von Population und einmal von Art gesprochen habe. Es mag sein, dass eine Population der Urzeit-Giraffe so erfolgreich gewesen ist, dass sie weite Gebiete bevölkert hat. Und dann sind bestimmte Gebiete von sehr unterschiedlichen Wetterbedingungen heimgesucht worden und dadurch sind die Populationen in diesen Gebieten sehr unterschiedlichen Selektionsmechanismen ausgesetzt worden. In solchen Fällen kann man vermuten, dass sich aus derselben Art zwei unterschiedliche Arten entwickelt haben.

Evolution und Logik

Das vielleicht Bemerkenswerteste an der Evolutionstheorie ist, dass sie einen zentralen Begriff der klassischen Logik komplett umkehrt. In der klassischen Logik führte man die zentralen Begriffe und Ideen auf die Substanz zurück. Dies geschah dann unter sehr unterschiedlichen Bezeichnungen, mal als Idee, mal als Geist, mal als Gott; wesentlich aber blieb, dass ein substantielles Merkmal notwendig zu einem Phänomen gehört.
In der Evolution ist es nun genau umgekehrt. Plötzlich ist der Zufall notwendig, und man höre dies mit der ganzen paradoxen Kraft, mit der diese Zusammenstellung in unser logisches Denken einbricht. Der notwendige Zufall.
Betrachtet man die beiden Mechanismen der Evolution, die Variation und die Selektion, so handelt es sich um zwei verschiedene Formen des Zufalls. Das Genmaterial variiert im je einzelnen Individuum. Das Milieu gerät zufällig unter Druck. Und zufällig soll hier heißen: relativ gesehen zur Notwendigkeit, die ein Individuum verspürt.

Kultur und Evolution

Der Blick durch die evolutionäre Brille

Von Darwin aus hat es noch ein wenig gedauert, bis die Evolutionstheorie in der Soziologie angekommen ist. Interesse hat von Anfang an bestanden. Aber die Erfahrung war noch zu frisch, um sofort sinnvolle Umbauten vorzunehmen. Die wissenschaftliche Soziologie war ja selbst noch nicht sonderlich alt.
Im 20. Jahrhundert dagegen gibt es sehr vielfältige Anwendungen. So hat in Genf der Schweizer Psychologe und Philosoph Jean Piaget eine Evolution des menschlichen Bewusstseins postuliert und dann auch hinreichend bewiesen. Seine Entwicklungspsychologie gilt als eine der einflussreichsten Theorien des 20. Jahrhunderts.
Etwas früher hatte sich, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, Sigmund Freud mit einer Entwicklungslehre der natürlichen Triebe zu Wort gemeldet. Und so finden wir zahlreiche weitere Autoren, die immer wieder unter neuen Rahmenbedingungen auf die Evolutionstheorie Darwins verweisen.
Schon bei Freud wird deutlich, dass die Kultur die natürlichen Anlagen überformen kann und dass dies mal günstig, mal weniger günstig geschieht. Manche Menschen werden zu glücklichen Neurotiker, andere zu unglücklichen.

Variation und Selektion: Subkulturen

Über verschiedene Stadien hinweg wurden nun die Blickwinkel auf menschliche Bedingungen umgearbeitet. Heute gilt weitestgehend unbestritten, dass Variation und Selektion auch auf die Gesellschaft angewendet werden kann, mithin also Evolution. Das ist leicht nachzuvollziehen. Auch in einem bestimmten Milieu, in einer bestimmten Kultur unterscheiden sich die Menschen voneinander und ohne dass man es genau angeben kann, haben gewisse Menschen in diesem Milieu Erfolg und andere nicht. Es stellt sich noch die Frage, worin dieser Erfolg besteht. Hier spielen natürlich historische Bedingungen mit hinein. Mal sind es eher die friedfertigen, mal eher die kriegerischen Menschen, mal diejenigen, die handwerklich geschickt sind und mal diejenigen, die ihre Ideen und Gedanken besonders gut vermitteln können. Und dadurch verändern sich mal nur kleine Subkulturen, mal breitere Bevölkerungsschichten. Die Frage ist dann noch, was genau in der Gesellschaft evoluiert.

Werkzeuge und Sprachen

Denn der Körper ist viel zu langsam, wenn es um Veränderungen geht. Die Soziologie musste auf andere Elemente zurückgreifen und fand diese dann zum Beispiel in den Werkzeugen und der Sprache. Der Mensch sei ein werkzeugschaffendes Wesen. Das Werkzeug ermöglicht ihm eine spezifischere Tätigkeit. Er kann nun den Pfeil nehmen, um Wild zu jagen und das Messer, um es zu zerlegen. Es muss nicht immer Faustkeil sein.
Man muss sich auch nicht mehr aufgeregt angrunzen, weil der Säbelzahntiger kommt, sondern kann sich gepflegt über 1000 belanglose Dinge unterhalten. Zum Beispiel, dass Gaby einen Pullover trägt, der nicht mindestens 200 € gekostet hat. Und das klingt dann nur noch dem böswilligen Ohr wie aufgeregtes Gegrunze.

Reproduktion und externe Baupläne

Besonders wichtig aber an dieser ganzen kulturellen Evolution war, dass sie Gegenstände betraf, die sich nicht mehr selbst reproduzierten, sondern von außen weiterentwickelt wurden. Und die eigentliche Evolution geschah auch nicht mehr auf der Basis der Gene, sondern der Neuroplastizität des menschlichen Gehirns. Damit griff die Evolution nicht mehr auf die Abfolge von Generationen zurück, sondern auf die Erfahrung des Menschen und sein individuelles Gedächtnis innerhalb weniger Tage und Wochen.

Für die Evolutionstheorie hatte dies weitreichende Folgen. Die moderne Giraffe ist nicht in der Lage, das genetische Material der Urzeit-Giraffe zu reproduzieren. Sehr wohl aber kann der moderne Mensch einen Faustkeil herstellen. Das Gedächtnis, wie man einen Faustkeil herstellt, sein Bauplan, liegt nicht im Faustkeil selbst, sondern anderswo.
Wo eine Art nicht in der Evolution zurückgehen kann, um einfach noch einmal von vorne anzufangen, kann der Mensch dies mit seinen Werkzeugen schon. Und es gibt auch genügend Versuche, dies mit der Sprache zu tun. Man denke nur an die Übernahme der lateinischen Sprache in die Fachwissenschaften, um sich mehr und mehr gegen die Alltagssprache abzugrenzen und eine Fachsprache von hoher Definitionsschärfe zu pflegen.

Planungsfähigkeit

Wie auch immer: Werkzeuge hatten einen großen Vorteil gegenüber dem menschlichen Körper. Sie ließen sich sehr viel schneller abwandeln als der Körper selbst. Vor allem aber ließen sie sich schließlich auch planend abwandeln und erzeugten so gleichsam auf der geistigen Seite eine Evolution der Planungsfähigkeit. Und um diese Fähigkeit zu planen mit anderen Menschen zu teilen, brauchte es nur noch die entsprechende Sprache, die sich dann gleich mit entwickelte. Auch dies geschah weiterhin nach den evolutionären Mechanismen.
Bisherige Werkzeuge wurden variiert. Schließlich stellte sich ein bestimmter Werkzeugtypus als besonders nützlich heraus. Und dieser wurde dann massenweise verbreitet. Der erste Faustkeil ersetzte den zufälligen Fund einer scharfen Kante an einem Stein. Die aus Knochen gefertigte Speerspitze war viel haltbarer als die aus Holz. Und in der Frühgeschichte der Menschheit war das erste gebohrte Loch eine ebenso revolutionäre Tat wie die Erfindung des Buchdrucks am Ende des Mittelalters. Systematisch hergestellte Löcher ermöglichten bessere Zäune und damit eine konsequentere Viehhaltung, bessere Waffen und damit einen größeren Jagderfolg und bessere Kleidung (haltbare) und damit ein Stück weit eine weitere Abkopplung des menschlichen Organismus von den Umweltbedingungen.

Sprache und Geschlecht

Es sind diese Errungenschaften, die uns heute die Fernsehstudios und die Feuilletons ermöglichen.
Und wir versichern uns noch einmal: all dies geschah nicht, weil die Evolution das gewollt hat, sondern weil Evolution funktioniert. Halten wir weiterhin fest, dass die kulturelle Evolution ähnlich wie die Zweigeschlechtlichkeit gegenüber anderen Formen einen Geschwindigkeitsvorteil bedeutete, also mehr Variation und mehr Selektion in derselben Zeit.

Loslösung von der Zweigeschlechtlichkeit

Halten wir weiterhin fest, dass die Evolution von Werkzeugen und Sprache nicht auf die Zweigeschlechtlichkeit zurückgreift. Sie greift auf Gegenstände zurück, die zunächst aus der Natur gewonnen wurden, um dann etwas in der Natur zu verändern und so das Verhältnis des Menschen zur Natur nachhaltig zu beeinflussen. Und sie greift auf ein Medium zurück, das zwischen den Menschen liegt, die Sprache, und ermöglicht so den großen Experimentierkasten menschlicher Beziehungen und gegenseitiger Befriedigung von Bedürfnissen.
Rechnet man dies zurück, dann hat sich die Menschheit sehr früh von der schlichten, sexuellen Reproduktion abgelöst, durch die Reproduktion von Werkzeugen und Sprachen ergänzt und diese dann mehr und mehr in je spezifische sexuelle Reproduktionen und äquivalente Befriedigungsverhältnisse überführt.

Die Evolution aufgeben?

Wollten wir wieder jene natürliche, unschuldige Sexualität erreichen, die der Steinzeitmensch gepflegt hat, so müssten wir die Sprache aufgeben, die wir heute sprechen. Wir müssten die letzten 10.000 Jahre der Menschheitsgeschichte leugnen.
Schon in diesem Punkt wird Matussek dann auf einer hintergründigen Ebene komplett inkonsequent. Man kann nicht die Kultur so in den Himmel heben und gleichzeitig auf eine Natürlichkeit pochen, die sich gegenüber den defizitären Formen abgrenzt. Der Mensch macht sich seine Bedürfnisbefriedigungen selbst und damit auch jene Bedürfnisse, die es in der Gesellschaft eben gibt. Ob dies defizitär ist, lässt sich überhaupt nicht sagen. Man kann letzten Endes nur beobachten, dass kulturelle Evolution funktioniert und dass sie eine große Bandbreite an Formen entwickelt hat.

Differenzierte Heterosexualität

Ich bezweifle, dass die so genannte Heterosexualität ein einheitliches Phänomen ist. Manche Pärchen gehen in Swinger-Clubs, andere nicht. Die einen bevorzugen es auf die eine Weise, die anderen auf die andere. Und dass dies möglich ist, liegt nicht daran, dass beides der Reproduktion der Arten dient, sondern weil es Spaß macht. Dass Sex Spaß macht, das verdanken wir nun tatsächlich noch dem biologischen Teil der Evolution. Und wenn es eben zwei Männern Spaß macht, miteinander ins Bett zu gehen, dann werden hier durchaus Vorgaben der biologischen Evolution erfüllt. Sie handeln immer noch der Natur gemäß.
Was sollten wir auch mit dem Bettgefährten machen, wenn er anfängt, beim Geschlechtsverkehr zu quieken? Ihm die Bibel auf den Kopf hauen oder alternativ ein Buch, nein, einen Bestseller von Matussek? Damit Geschlechtsverkehr dann wirklich keinen Spaß mehr macht?
Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Es ist eine Möglichkeit, die die kulturelle Evolution eben auch zur Verfügung stellt.

Literatur

Wer sich für die Übernahme der Evolutionstheorie in die Soziologie interessiert, dem sei von Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft wärmstens ans Herz gelegt. Der dritte Abschnitt behandelt in 13 Kapiteln die Evolution.
Wer sich für die Entwicklung der Kultur an der Richtschnur der Evolutionslehre interessiert, der lese von André Leroi-Gourhan Hand und Wort.
Und wer sich für die Abtrennung von genetischen Prozessen der Evolution und Organismus-Umwelt-Zusammenhängen auf der vorwiegend biologischen Ebene interessiert, dem sei von Jakob von Uexküll Theoretische Biologie empfohlen.
Eine gute und sehr frühe Übernahme der Evolutionstheorie in die Soziologie findet sich bei Gabriel Tarde in seinem Buch Die Gesetze der Nachahmung. Diese Theorie ist in den letzten Jahren in der Soziologie und der Kulturwissenschaft wieder recht populär geworden. Meine aufmerksamen Leser wissen, dass ich selbst mit einer gewissen Begeisterung von diesem Buch spreche.

Der dumpfe Mief eines Revoluzzers

In irgend einem Buch über Mobbing habe ich mal vor Jahren gelesen, dass auch der Vorwurf des Mobbing schon ein Teil einer Mobbing-Strategie sein kann, nämlich genau in dem Fall, in dem dieses vorgeworfene Mobbing nicht stattfindet.

Matthias Matussek behauptet, dass er als „nur“ nicht Schwulen-Begeisterter gleich als Schwulenhasser an den Pranger gestellt wird und sieht sich damit den fundamentalen Islamisten und den Neonazis gleichgestellt, obwohl er doch so schön Thomas Mann lesen kann.

Ich wollte mich eigentlich gar nicht mehr einmischen. Diese bescheuerten Argumente, diese völlige Unkenntnis von der Entwicklung der menschlichen Kultur, von der Evolution, von den Zielen der gender-Theorie, und dann dieses weinerliche Auf-sich-selbst-verweisen als ein Ausgestoßener aus dieser Kultur, gerade weil man die Kultur doch so besonders liebt und so gebildet ist. Ich kann es nicht mehr hören.

Trotzdem werde ich wohl einige Repliken schreiben müssen. Einfach, um über bestimmte Dinge zu sprechen, die Matussek sträflich missachtet, Dinge, wie die Evolutionslehre, die moderne Anthropologie, der Sprachwissenschaften, die Entwicklungspsychologie.

Zur neusten Entgleisung hat die taz einen wundervollen kleinen Artikel zusammengestellt, mit den peinlichsten Stellen aus Matusseks Homophobie-Bekenntnis: Schmähkritik (563)