09.02.2013

Ach ja, der Sexismus unter Brüderles und Schwesterchens

Sexismus ist (Achtung! ein mögliches Lippenbekenntnis) nicht gut. Was in letzter Zeit allerdings an Argumenten aufgetischt wurde, ist dämlich. Natürlich gibt es patriarchale Strukturen. Aber die Unterdrückung der Frauen in China, Kongo oder Indien basiert nicht auf den gleichen Bedingungen. Ich halte es für verlogen, wenn eine deutsche Akademikerin von "wir" spricht. Ich halte es schon für verlogen, wenn alle deutschen Frauen subsummiert werden. Es mag ja sein, dass auch deutsche Akademikerinnen unterdrückt werden, aber sie werden nicht auf die gleiche Weise unterdrückt, wie die Mitarbeiterinnen in Call-Centern. Das ist der große Fehler der Sexismus-/Feminismus-Debatte: Nicht, dass die „Männer“ alle Frauen über einen Kamm scheren, sondern dass sie es selbst tun.

Brüderle
Wenn der Herr Brüderle eine schlüpfrige Anmerkung gegenüber einer Journalistin macht, dann ist das vielleicht doof, aber hat er damit tatsächlich die Freiheit dieser Journalistin eingeschränkt, ihre Karriere geknickt, ihr psychischen Schaden zugefügt?
Sehr viel eher hat sich die Journalistin doch damit geschadet, dass sie so eine Lappalie so breit austritt. Hätte sie mal lieber in der Situation einen frechen Spruch gegenüber Brüderle gebracht (den er durchaus verdient hätte).

Ismen
Der Feminismus beruht darauf, die Lage der Frauen (aber auch der Männer) in der Gesellschaft zu bedenken. Prinzipiell ist er sehr gerechtfertigt, zunächst, weil es eine Forschungsrichtung ist. Viel schwieriger ist die Verknüpfung mit einer politischen Praxis. Es ist mir zu leicht, ich finde es sogar feige und anmaßend, wenn hier die Frauen sich empören, während in anderen Ländern, wie zum Beispiel in Indien, die Frauen einen echten Kampf ausführen müssen. Der unterstützt werden sollte, aber nicht auf eine solch narzisstische Weise vereinnahmt werden darf, wie es manche Menschen im Moment, zum Beispiel auf Twitter vorführen müssen.

Eigentlich wollte ich nicht mehr so generell sprechen. Der Einzelfall, das Exemplar, darum sollte es gehen. Aber bei der derzeitigen Debatte einmal um Brüderle und einmal um die vergewaltigten Frauen in Indien, um das Ineinandergequirle dieser beiden Debatten, muss man einfach auf das Maß den Finger legen und auf die Strategien, mit denen Frauen von Frauen vereinnahmt werden. Denn auch das ist eine Form des Sexismus.

Nachtrag:
Pauline Werner hat einen Artikel mit einer ähnlichen Kritik geschrieben: Die Macht der Medien. Vielen Dank für diese gute Richtigstellung.
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