03.01.2018

Politisierte Fehllektüre

Eigentlich ist es ein ganz trauriges, geradezu ein dekadentes Zeichen, dass eine so alberne und unsinnige Fehllektüre ein Politikum darstellt. Dass Beatrix von Storch sich aus den zahlreichen, in anderen Sprachen geschriebenen Neujahrswünschen gerade die arabische heraussucht; dass sie dann davon faselt, dass die Polizei die Amtssprache bereits aufgeben würde, – all das sollte eigentlich keines müden Lächelns wert sein. Und doch ist es nun viel mehr als das.
Aber Empörung ist eben noch keine Politik. Und wer durch Empörung den öffentlichen Raum besetzt, möchte vielleicht auch von den dringlichen Problemen der Politik ablenken. Zumindest aber eine Sache kann man hier fest behaupten: schlechte Rhetorik, üble Logik, das ist kein Zeichen von Patriotismus sondern von Ideologie und Idiotie. Dass die von Storch, die Weidel, all die anderen AfDler-Politiker sich wieder einmal so aufblähen, ist dekadent. Es ist ein Zeichen des Niedergangs und Verfalls und nichts anderes.
Wer patriotisch ist, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen. Wer vor Werten wie Wissenschaftlichkeit und Sachlichkeit, Nächstenliebe und gemeinschaftlicher Verantwortung noch Respekt hat, wer also konservativ denkt, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen. Wer Deutschland modernisieren und erhalten möchte, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen. Wer eine echte, gestaltende Politik statt einer schreckhaft-aktionistischen Hysterie möchte, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen.
Treten wir der AfD entgegen. Ganz entschieden.

02.01.2018

Intelligenz ist die beste Zensur

Erfreulich ist doch immer wieder, wie lächerlich die neuen Rechten daherkommen; vermutlich so lächerlich, wie die alten Rechten, würde man deren Folgen nicht kennen. Unbestritten und unvergessen bleibt Hannah Arendts Wort von Eichmanns „empörender Dummheit“. Man kann es sehen, wie man will. Ich glaube nicht daran, dass Storch ihren letzten tweet unwissend abgesetzt hat. Der ganze Sermon, der diesem tweet und der Sperrung des Twitter-Accounts gefolgt ist, gleicht einer wohlüberlegten Inszenierung, einer Art Ballettübung auf dem Meinungsmarkt.

Ein arabischer tweet

Die Storch hat sich darüber empört, dass die Kölner Polizei Neujahrsgrüße auf Arabisch getwittert hat. Nein, empört ist hier das falsche Wort. Sie hat sich darüber lustig gemacht, wie man sich über einen Trottel lustig macht. Aber was zur Hölle ist in dieser Frau los? Denn es war nur ein tweet, einer von vielen übrigens, die auch auf Italienisch, Dänisch, Koreanisch in die Welt gesetzt wurden. Eine Höflichkeit, nichts weiter. So wie ich gelegentlich meinen arabischen Schülern das eine oder andere Wort auf Arabisch daneben schreibe. Ich kann kein Arabisch, aber ich besitze ein arabisches Wörterbuch. Die Schüler freuen sich darüber und lernen ein wenig eifriger die Malfolgen oder die Benennung der Satzteile (in deutschen Sätzen).

Polizeipräsenz

Wie die Besänftigung dann tatsächlich ausgesehen hat, kann man übrigens auch in den „linken“ Zeitungen nachlesen: eine massive Polizeipräsenz in der Silvesternacht.
Das Absurde an der ganzen Situation ist aber, dass die AfD auf der einen Seite so etwas wie einen Polizeistaat fordert, auf der anderen Seite aber die Polizei beständig denunziert und sie in einen schlechten Ruf zu bringen versucht.

Störchliche Logik

Und ebenso absurd ist, dass die Storch ganz bewusst (so scheints) die Meinungsfreiheit (für sich) auf übelste Beleidigungen ausdehnt. Und nein: ich schätze nicht alles, was aus den etablierten Parteien so getönt wird, allen voran, und als Beispiel, die Nahles. Nein, das schätze ich gar nicht. Aber diese Bigotterie, dieses offene Sich-Erlauben, was man anderen schon in Ansätzen verbieten möchte, lässt auf ein völliges Versagen höherer kognitiver Fähigkeiten schließen oder auf eine bewusste Misshandlung jeglichen logischen Zusammenhangs.

La Luna, le lune - Geschlechtsversicherung mit David Berger

Dann kommt auch noch der Berger. David Berger lässt mittlerweile kein Taschentuch mehr aus, in das er hineinflennen könnte, und sei dieses noch so braun. Er erblickt die Storch als Opfer, in seiner philosophia perennis. Sie habe „schlicht auf die von der Kölner Polizei auf Arabisch getwitterten Neujahrsgrüße … geantwortet“. Von der höflichen Geste zu der Unterstellung, es gäbe einen weitreichenden Bedarf, „gruppenvergewaltigende Männerhorden“ zu besänftigen (auf Arabisch natürlich), das ist für die Menschheit ein großer Schritt; für den Mann im Mond nur ein kleiner.
Und nein: ich leugne nicht, dass da nichts gewesen sei. Ob dies allerdings ein arabischer Charakterzug ist, das wage ich zu bezweifeln. Gruppenvergewaltigungen hat es auch in anderen Kulturen immer wieder gegeben. Und im groben kann man als gemeinsamen Zug einen fragilen gesellschaftlichen Status (wie er Flüchtlingen, aber auch Arbeitslosen oder kulturell verunsicherten Menschen eigen ist) und einen Zusammenhalt durch substantielle und nicht-substantielle Drogen finden.
Beides ist weniger von einer nationalen als von einer bestimmten gender-Ideologie (nämlich, wie man so sagt, einer patriarchalen) geprägt. Auch der spielt die AfD in die Hände. Die Rückkehr zu offen patriarchalem Gedankengut ist in dieser Partei so greifbar, wie schon lange nicht mehr. Auch das wundert mich nicht. Die Rückkehr war schon um die Jahrtausendwende massiv zu spüren. Einmal sprach Jutta Ditfurth von einem Rollback des Feminismus. Nachdenklich geworden darüber scheint niemand zu sein. Zu sehr hat sich eine Gruppe etablierter Feministinnen in ihrem Erfolg eingeigelt (und Insider wissen, dass ich hier keineswegs von allen Frauen spreche, sondern einige ganz bestimmte im Blick habe).

Richtig zensieren

Nun, das Fazit von Berger spricht Bände: der erste Zensurfall unter dem NetzDG diene zur Zensur und Einschüchterung. Keinesfalls ginge es um die Richtigstellung. Keinesfalls darum, wie der geradezu banale rhetorische Kniff, die arabische Sprache mit den gruppenvergewaltigenden Männerhorden zusammenzubringen, auf so schlichte Gemüter wie den Herrn Berger wirken könnte. Hier blickt jemand mit von Weinerlichkeit verquollenen Augen doch nur ins eigene Boudoir; und geschärft ist der Blick der philosophia perennis keineswegs, sondern nur die Anmaßung.
Die Höflichkeit hat die Storch nicht zum Schweigen gebracht. Wie auch? Weiß sie doch nichts von ihr. Die Intelligenz, wahrlich die schärfste aller Zensuren, konnte es auch nicht. Und so stolpert die neue Rechte durch ständige Wiederholungen und durch immer weniger Reflexion in jenen Kulturverfall hinein, den sie angeblich abwenden will.
Bleibt zum Schluss zu sagen, dass dieser Kulturverfall so alt ist wie die Kultur selbst. Man findet diese Kultur nicht auf den Bühnen des politischen Theaters, schon gar nicht auf denen, auf denen solch ein rauer Ton und solch eine abwertende und missachtende Meinung vorherrschend ist. So wenig ist die französische Kultur auf der Guillotine verteidigt worden. Und wer nach der deutschen Kultur sucht, der tut gut daran, abseitige Wege und schmale und verschlungene Pfade aufzusuchen. Der darf sich auch nicht zu fein sein, mit langem Atem und noch längerem Magen jenen verborgenen Früchte nachzustellen, die den Kanzelrednern so unbekannt, so fremdartig, so ausländisch vorkommen.

29.12.2017

Farbskalen

Elgin weist darauf hin, dass das Denken aktiv an der Wahrnehmung beteiligt ist, so wie umgekehrt (Goodman/Elgin: Revisionen. Frankfurt am Main 1993, S. 19). Aus diesem Grund bestimmen Erfahrungen die Art und Weise der Wahrnehmung mit. Sie sind kulturspezifisch – wobei kulturspezifisch hier nur heißt, dass sie von der Kultur beeinflusst werden, nicht dass sie sich einer bestimmten Kultur, etwa der deutschen, zuordnen lassen.

Farbtöne

Nun lassen sich Sinnesdaten nicht direkt vergleichen und daher auch nicht direkt aufeinander abstimmen. Bei Farben zum Beispiel nutzt man Muster und verschiedene Bezeichnungen, um verschiedene Farbtöne gegeneinander abzugrenzen, wie etwa grasgrün und französischgrün. Ohne solche Muster aber ist der Vergleich schwer. Und die Erfahrung zeigt, dass ein bestimmtes Grün von dem einen noch zur Farbe Grün, von einem anderen bereits zur Farbe Blau zugeordnet wird.

Projezieren

Wittgenstein schreibt (Bd. IV, Abschnitt 49), dass eine geometrische Figur durch eine Projektionsmethode kopiert werden kann, also durch eine Abmachung, wie diese Figur zu verändern sei. Genau dann kann ich aber die umgekehrte Projektion mit sehen oder eben die Projektion, anders gesagt, im Geiste rückgängig machen. Das ermöglicht mir die Sichtweise auf die Ähnlichkeit oder eben Gleichheit.

Geometrisieren

Davon zu unterscheiden ist die regelhafte Verschiebung auf einer Farbskala. Denn eine Farbe ist wohl evident. Wir sehen sie. Eine geometrische Figur dagegen ist nur mittelbar evident, denn zunächst sehen wir nur Linien und Punkte. Erst daraus erzeuge ich eine geometrische Figur. Wollte man also Farben für eine ähnliche Weise der Betrachtung gebrauchen, dürfte man nicht die Projektion von Farben auf eine andere Farbe ins Auge nehmen, sondern deren Position auf einer Farbskala.

Die Farbskala

Erst die Farbskala ermöglicht eine gewisse Möglichkeit, mit Farben zu operieren und diese in einen komplexeren Bezug zueinander zu setzen. Denn die Farbskala besteht eben nicht nur aus Farben, sondern auch aus einem Raum, bzw. einer Strecke (oder, im Falle des Farbkreises, aus einem Kreis und einem zyklischen Übergang). Eine Farbskala wird demnach nicht nur durch die Farben, sondern durch ihre räumliche und damit bedingt messbare Anordnung zu einer Farbskala. Und vergleiche ich dann die Farben oder vergleiche ich die Anordnung auf der Skala?

Farben vergleichen

Wie aber vergleiche ich Farben?
Ich kann zum Beispiel sagen: »Dieses Blau ist heller als jenes.« Dann aber vergleiche ich die beiden Blaus in Bezug auf die Farbe Weiß. Ich nutze eine „eindeutige“ Referenzfarbe. Weiß und schwarz sind eben auf der Skala der Helligkeit die äußersten Pole. Ein Blau, das weiß ist, kann nicht noch „hellblauer“ werden.
Oder ich kann sagen: »Dieses Blaugrün ist grüner als jenes Blaugrün.« Dann nutze ich aber ein gedachtes Grün als Referenzfarbe. Und der andere mag mir zustimmen, egal welches Grün für ihn nun die Referenzfarbe ist, solange er zum Vergleich die Referenzfarbe Blau mit hinzunehmen kann und dazwischen die beiden Arten des Blaugrüns platzieren kann.
Problematisch wird nur, die genaue Referenzfarbe zu bestimmen. Man könnte also fragen: »Liegt dieses Grün eher auf der gelben oder eher auf der blauen Seite deiner Referenzfarbe Grün?« und würde bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Antworten bekommen. Und in dem einen Fall vergleiche ich auf der Grundlage einer Evidenz, und in dem anderen Fall auf der Grundlage einer (vermutlich erlernten) Skala.

Mischen: Farben oder physikalische Größen

Bei den Skalen handelt es sich um erlernte Verhältnisse. Auch wenn ich Farben durch Mischen immer auf dieselbe Art und Weise verändern kann, muss ich in einem Blau doch die Möglichkeit sehen, es zu einem Grün zu mischen, wenn ich Gelb hinzufüge. Das Grün-werden des Blaus ist nicht sinnlich gegeben. Es ist nicht evident.
Die Skala von Blau nach Gelb über Grün entsteht durch ein Mehr oder Weniger des Hinzumischens, also wiederum nicht durch die Farbe selbst, sondern durch eine Quantität. Die Quantität spielt für die farbliche Evidenz zwar keine Rolle, dafür aber für die Konstruktion einer Skala. Das projektive Verhältnis stützt sich, wie bei der projizierten geometrischen Figur, auf eine abstrakte Quantität (denn dem gelben Farbklecks, den ich dem Blau hinzufügen möchte, ist seine Quantität – in Bezug auf die Farbe – nicht eigen).

Fazit

An den Beispiel zeigt sich sehr schön, wie unabhängig die Farbskala von der konkreten sinnlichen Wahrnehmung der Farbe ist und sich auf ein Projektionsverhältnis von Mengen auf eine Fläche stützt.

17.12.2017

Geometriedidaktik

Der letzte freie Sonntagnachmittag vor den Ferien. Und ich: lese zur Geometriedidaktik, bzw. schreibe dazu; und um das Ganze dann (kreativ) auszuprobieren, liegen das Geodreieck, der Cutter, Klebestift, drei Scheren verschiedener Größe, buntes Papier, Filzer und ein Falzbein griffbereit.
Entstanden sind ein Turm, der beim Auffalten schief und bauchig aus dem Papier herausragt, ein Schnappmaul mit "glühenden" Augen und einer gerollten Zunge, eine Winkehand vor einem dreidimensional aufragenden "Weihnachtsgeschenk". So macht Geometrieunterricht Spaß (naja, hin und wieder ist es dann doch mühsam und "fisselig"), und man müllt seinen Schreibtisch mit mehr oder weniger nützlichen Modellen voll. Weniger nützlich ist dabei tatsächlich, dass ich alle Modelle mit Notizzetteln aus Notizzettelblöcken erstellt habe. Für den Unterricht sind diese ungeeignet, weil viel zu klein.
Lustig ist es aber allemal, und nebenher entstehen Ideen zu Lernhilfen, die man zusammenklappen und in den Schrank stellen kann, die aber für den Unterricht aufgeklappt auf dem Tisch stehen können. Mal sehen, ob sich damit was Attraktives bauen lässt (dazu gibt es wohl die Weihnachtsferien).
Weil ich auch mit dem Gedanken herumspiele, wie sich die erahnte Verbindung zwischen geometrischem Denken und Programmierlogik verbinden lässt, entstehen auch kleine Computerprogramme. Gut; erstens ist die Verbindung längst nicht so vage, dass man sie erahnt nennen darf: alleine fehlt mir das System, mit dem sich ein sinnvoller Überblick dafür geben ließe und genau dies ist bei mir in Arbeit (seit über einem Jahr übrigens, da mir auch oft die Zeit oder die Muße fehlt); zweitens macht das Programmieren auch wegen meines so fixen neuen Computers wieder ausgesprochen viel Spaß, und ich probiere nebenher neue Python-Bibliotheken aus (pyglet und cocos2d).
Fazit des Ganzen: ich bräuchte weniger Schule, um mehr Schule machen zu können.

11.12.2017

Plotmuster

Und noch einmal für alle: ich habe mir einen neuen, ziemlich üppigen Computer gekauft. Das Einrichten hat mich fast die ganze Woche gekostet, aber eben auch nur diese ganze Woche, und nicht, wie bei meinem letzten, noch funktionierenden Computer zahlreiche Tage. Zudem ist mein Spracherkennungsprogramm fast wieder auf dem alten Stand. Und das Diktieren macht echt viel mehr Spaß, weil es doch einen Tick schneller geht.
Schülerinnen und Schüler sind deshalb so spannend, weil sie einen vom einem Thema zum anderen treiben. Aus recht aktuellen Gründen habe ich mir fest vorgenommen, in den Weihnachtsferien von Leon Wurmser Die Maske der Scham wieder einmal gründlich zu lesen. Das letzte Mal habe ich mich vor fast 26 Jahren mit diesem Buch beschäftigt. Damals hat es mich sehr geprägt, vor allem in meiner Art und Weise, mein eigenes Lesen zu hinterfragen, etwa ähnlich stark wie Die Strukturen der Lebenswelt von Schütz und Luckmann. Letzteres Buch allerdings war für mich eher ein objektives, das von Wurmser ein sehr subjektives Erfahrungsfeld.
Außerdem arbeite ich an einer kleinen Hobbit-Geschichte. Eigentlich ist ja die Mathedidaktik ein hauptsächliches Anliegen. Das schon mehrmals erwähnte Buch von Sybille Krämer allerdings stellt ein so weites Gebiet unter theoretische Beobachtung, dass auch die Schreibprozesse mit ihren vielen kleinen Modellen in meinen Blick geraten. Grundlegend ist das auch gut. Schließlich war es über Jahre hinweg mein Hauptarbeitsgebiet.
So habe ich nach langer Zeit auch wieder die Masterplots von Ronald B. Tobias hervorgeholt. Ich habe das bereits erwähnt. Drei Fragmente dazu verorten noch mal, welche Position ich diesen im Schreibprozess „zugestehe“:

Plotmuster

Der ewige Streit um Plotmuster (oder nicht) bei selfpublishern ist aus vielerlei Gründen witzlos. Plotmuster reduzieren nichts (denn aus diesen sollte ja erst die Geschichte entstehen). Aber die Aufzeichnung sorgt dafür, dass man begründeter annehmen oder ablehnen kann; weit wichtiger scheint mir allerdings zu sein, dass man mehrere Plotmuster miteinander vermischen kann: Sie sind also Keime, die miteinander interagieren.
Man kann solche weiteren Plotmuster entweder zur Differenzierung des großen Plots, für Sequenzen oder für Parallelhandlungen nutzen.

Plotmuster: normalisierte (und nivellierte) Strukturen

Plotmuster sind nicht Ausdruck von Vorschriften, sondern Muster der Normalisierung: da ein Plotmuster zugleich weit entfernt vom Endergebnis ist, ist es eher eine Strukturierungshilfe, die weder die Qualität einer Erzählung ermöglicht, noch die Kreativität einschränkt.
Es gibt auch keine Vorschriften, was mit dem Plotmuster zu tun ist (man könnte die Erzählung infolge auch ganz gegen den Strich bürsten).
Das Problem scheint also zu sein, wie man Plotmuster versteht. Sie dienen zunächst der Bewusstwerdung, der bewusst gestalteten Erzählung. Sie sind keine Vorschriften, können aber als solche aufgefasst werden.

Plotmuster: Erzählung und Überarbeitung

Geht man davon aus, dass Erzählungen aus einer Folge von Überarbeitungen entstehen, dann sind Plotmuster sehr frühe „Operatoren“, die eine Idee in eine erste Struktur gießen.
Freilich: die Folgen der Überarbeitung sind nicht formalisiert, auch wenn es bestimmte notwendige Schritte gibt. Aber diese Schritte sind insgesamt auch untereinander nicht formell angeordnet. Es gibt natürlich günstige Vorgehensweisen, vor allem zeitsparende.

04.12.2017

Plotmuster

Vor vielen Jahren - 2005 um genau zu sein - habe ich die Masterplots von Tobias meinen Bedürfnissen angepasst. Darin sind diese auf der einen Seite etwas formalisierter, auf der anderen aber auch differenzierter. Sie bestehen aus Tabellen mit zentralen Strukturelementen; aber eine ganze Reihe dieser Strukturelemente können weggelassen werden. Mit Hilfe solcher Plotmuster lassen sich innerhalb kürzester Zeit zwanzig Geschichten entwerfen, also etwa eines Nachmittags.
Nun gab es immer wieder Kunden und andere kritische Stimmen, die dieses Vorgehen als Tod der Kreativität, als Tod der kulturellen Relevanz, als Ursache für hölzerne Geschichten gezeiht haben.
Das mag alles richtig sein, wenn denn die Masterplots mehr als nur ein kleiner Baustein in der großen Praxis des Schreibens wären.
Aber sie sind nur ein kleiner Baustein. Man kann mit ihnen beginnen, wenn man eine Erzählung plant. Aber das Ende der Planung, bevor es um die Schönheit von Wörtern, den ersten Satz, die ganze rhetorische und poetische Konstitution der Geschichte geht, sollte sich ein Schriftsteller schon so weit von der grundlegenden Struktur entfernt haben, dass der Masterplot so erweitert wurde, dass er ganz und gar überwuchert von der eigentlichen Geschichte erscheint.
Nun, wie auch immer. Dies war nicht unbedingt das, was ich erzählen wollte. Wichtiger ist mir doch, dass ich mit meinen Schülern eine neue Form des Geschichten-Schreibens ausprobiere. Statt dass die Schüler schreiben und ich das dann lektoriere, werde ich schreiben und meine Schüler lektorieren. Thema der ersten Geschichte: die Reise eines Hobbits in Mittelerde.
Jedenfalls habe ich mich mal investiert und zahlreiche mögliche Plots entworfen. Alles grobe, zum Teil so nicht ausführbare Ideen. Die meisten, wenn nicht alle, werden konventionellen Strukturen von Geschichten gehorchen, also jenen Masterplots. So etwas braucht man in Zeiten eines redundanten Überangebots wohl nicht zu veröffentlichen. Aber das ist ja auch nicht meine Intention.

Ich habe auch fleißig über die diagrammatischen Funktionen der Plotmuster nachgedacht, weiterhin mit dem schönen Buch von Sybille Krämer. Mittlerweile ergänzen zwei Kapitel aus Goodman/Elgin Revisionen meine Diskussion. Wie auch meine "Erforschungen" der Mathedidaktik. - (Es ändert sich wohl nie was.)
(Und ich habe tatsächlich mal wieder ein bisschen was programmiert.)

23.11.2017

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Ich weiß nicht, wann ich für die Zeiten, in denen ich eigentlich nichts veröffentliche, die Überschrift Nachrichten aus der Zwischenwelt erfunden habe. Nun, es ist wohl, nach zwei Wochen Funkstille auch angebracht.
Es ist ja auch nicht so, dass ich nicht schreibe. Ich kommentiere sehr viel, aber erstens derzeit querbeet, nach den täglichen Anforderungen und Erinnerungsresten, und zweitens vieles zu Schülern und persönlichen Dingen, also nichts, was ich ungefiltert an die Öffentlichkeit geben würde.
Insbesondere meine Auseinandersetzung mit der Mathedidaktik schreitet nur langsam voran. Oder schnell, je nachdem. Denn ich habe ziemlich rasch mehr als nur einige fachliche Lücken in meinem Verständnis entdeckt; und soweit ich dies in einem solchen frühen Stadium sagen kann, auch fachliche Lücken in der Literatur. Sich mit seinen eigenen Lücken auseinanderzusetzen ist sinnvoll; inwiefern die Lücken in der Fachliteratur sich als Täuschungen herausstellen, bleibt abzuwarten.
Doch ich habe auch nicht wirklich Zeit. Die Arbeit an der Didaktik ist doch noch deutlich etwas anderes als die Unterrichtsplanung. Und die steht nun mal im Mittelpunkt.

06.11.2017

Diagrammatik

Über was ich mir heute Gedanken gemacht habe!
Neben all den kleinen, berufsbedingten Texten entwickelt sich die Arbeit an der Diagrammatik zu einem Thema, das so ziemlich alles, was ich bisher in meinem Leben geschrieben habe, umfasst.

Was ist Diagrammatik?

Dazu möchte ich nicht allzu ausführlich werden. Als Diagramme kann man alle Erzeugnisse bezeichnen, die einen Erkenntnisgewinn beabsichtigen und auf eine Fläche aufgetragen werden. Das ist nur eine grobe Definition. Aber sie zeigt, auch wenn dann noch ein paar Einschränkungen dazu kommen, auf ein weites Feld.
Daran kann man nun aber so ziemlich alles, was in Büchern vorkommt, festmachen. Denn nicht das Material, sondern der Blickwinkel auf das Material ist letztendlich entscheidend, ob ich etwas als Diagramm verstehe oder nicht. Selbst Bilder sind Diagramme, so das berühmte Bild Las Meninas von Velazquez. Dieses hat der französische Philosoph Michel Foucault seinem Buch Die Ordnung der Dinge in einer mittlerweile ebenso berühmten Interpretation vorangestellt.

Vielfalt der Diagramme

Was gehört noch dazu (und was habe ich heute in meinen Notizen erwähnt)? Bilder vom Zirkel und der Gebrauch des Zirkels selbst, Bilder von Wetterströmungen, die Kinderszenen von Schumann, den seltsamen dreidimensionalen Kupferstichen von Escher, eine Website von einem ökologischen Landwirtschaftsbetrieb und eine von einer Ferienanlage für Klassenfahrten, Mindmaps und Cluster, ein Interview mit Reichsbürgern (gerade im Tagesspiegel erschienen), Schreibpläne von Nietzsche in der Zeit vor der Veröffentlichung des Zarathustra, ...
Interessiert bin ich daran auch deshalb, weil ich ganz zu meiner Anfangszeit als Schreibcoach den Begriff "verorten" als einen meiner zentralen Arbeitsbegriffe neu definiert habe. Damit meinte ich, dass Figuren einer Erzählung immer in einem Raumbezug auftauchen müssen, damit sich dem Leser die Szene erschließt und vorstellbar wird. Auch das ist eine Art von Diagrammatik. Deshalb ist mir der Gedanke sehr vertraut.

Bis in die Unendlichkeit ... (haha!)

Nun, auch bei meiner Arbeit mit den Schulbüchern führt mich die Auseinandersetzung nicht nur zu einer genaueren Betrachtung der Schulbücher selbst - denn jede Schulbuchseite kann als Diagramm gelesen werden -, sondern auch darüber hinaus: wenn man die Möglichkeiten abschätzen möchte, wie Diagramme verstanden werden, spielen psychologische Theorien eine wichtige Rolle. Und diese kommen dann mit weiteren Diagrammen.
So öffnet sich hinter Verknüpfung ein weiterer Knotenpunkt. Und das hat mich, nachdem ich den Morgen etwas schläfrig herumgelümmelt habe, den Nachmittag umso fruchtbarer gemacht.

Weiterhin ist mein zentraler Referenztext Figuration, Erkenntnis, Anschauung von Sybille Krämer. Ein großartiges Buch, ich sagte es bereits.

04.11.2017

Aktionismus im Schulfach Programmieren

Der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Achim Berg, hat für die Schulen das Fach Programmieren gewünscht. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen. Ich hätte dieses Fach auch lieber heute als morgen regelhaft auf der Stundentafel stehen. Es gibt allerdings zwei gravierende Einwände, hier auf die üblichen Verfahrensweisen in der Schule zurückzugreifen.

Interdisziplinarität

Wie viele moderne Wissenschaften ist auch das Programmieren eine interdisziplinäre. Dies findet man eigentlich bei allen Wissenschaften mit einem praktischen Anwendungsbereich; historisch gesehen also zum Beispiel auch bei der Medizin und der Juristik. Die Pädagogik ist ebenfalls ein interdisziplinärer Fachbereich, und das nicht nur deshalb, weil Pädagogen immer auch unterschiedliche Fächer studieren, die später den Lernstoff für den Unterricht bilden.
Tatsächlich ist die Idee der Interdisziplinarität sogar ein recht altes Phänomen. Von den sogenannten Universalgelehrten über immerhin noch sehr weit tragende Philosophen (zum Beispiel Leibniz) bis zu den Neukantianern (Ernst Mach zum Beispiel war zugleich Physiker, Psychologe und Philosoph) sind die klassischen Disziplinen zwar in den Fakultäten getrennt, aber durch die persönlichen Interessen immer wieder auch aufgeweicht und mit fruchtbaren Gedanken versorgt worden.
Programmieren nun automatisiert Arbeitsprozesse; und diese Arbeitsprozesse liegen gerade außerhalb des Programmierens, jenseits des eigentlichen Fachs. Die Frage ist also, ob sich nicht im Zuge moderner Unterrichtsgestaltung weniger das Fach Programmieren mit zusätzlichen Unterrichtsstunden anbietet, als vielmehr dieses integrativ in den Unterricht hineinzunehmen.

Voraussetzungen des Programmierens

Ich habe es heute Morgen schon geschrieben: ein wichtiger Aspekt meiner derzeitigen Arbeit ist die didaktisch-methodische Aufbereitung des Programmierens. Dazu gehören auch Lernvoraussetzungen und begleitendes Lernen darzustellen. Das begleitende Lernen behandelt parallel zu einem Lernstoff weitere Lernstoffe, die sich gegenseitig stützen und zu „synergetischen“ Effekten führt. Bei den Lernvoraussetzungen hat man, je nach Stand des Wissens notwendige Kompetenzen für weitere Lernschritte herauszuarbeiten.
So ist zum Beispiel bei grafischen Spielen eine grundlegende Kenntnis des Koordinatensystems unerlässlich, sofern diese nicht allzu dilettantisch ausfallen sollen. Und wenn wir bei den grafischen Spielen bleiben, dann sind auch die Möglichkeiten der künstlerischen Gestaltung wichtig, um zu ansprechenden Grafiken zu kommen.
Sofern ich die Literatur der Zeit überblicke, sind diese Voraussetzungen für das Programmieren nur wenig analysiert worden. Das allerdings wäre nun kein Problem, nein, es ist tatsächlich kein Problem. Dazu sind keine umfangreichen Studien notwendig, sondern nur einigermaßen erfahrene Pädagogen, die das Lernmaterial ordentlich analysieren und Querverbindungen zu anderen Lernstoffen ziehen.
Das einzige Hindernis dabei ist, dass man dafür Zeit braucht. Mir ist zwar relativ klar, dass Geometrie und Grammatik stark in das Programmieren hinein spielen; aber die feineren Verbindungslinien zwischen diesen Gebieten und zu anderen Voraussetzungen habe ich bisher nur in Einzelfällen skizzieren können. Es wäre ja schon großartig, wenn es überhaupt ein paar Artikel mit Hintergrundinformationen dazu gäbe, statt hier immer wieder den reinen Pragmatismus zu pflegen. Der ist zwar für den raschen Gebrauch im Unterricht ganz nett, aber für eine tiefere Auseinandersetzung mit den Bildungsinhalten des Stoffes zu oberflächlich.

Logik der Arbeit

Mit der Logik allerdings hat der gute Herr Berg es dann doch nicht so richtig. Wenn in den nächsten 20 Jahren die Hälfte der Aufgaben von Maschinen und Computern erledigt werden, könnte man doch meinen, dass die Menschen dann auch nur noch die Hälfte der Zeit arbeiten müssten. Wir leben sowieso in einer Zeit der Überproduktion, und das nicht erst, seitdem das Computerzeitalter angebrochen ist.
Aber nein. Es wird nicht umverteilt. Das bedingungslose Grundeinkommen wird nicht ausgedehnt. Stattdessen setzt man auf den digitalisierten Arbeitsmarkt. Zwar ist das nicht falsch, aber eben nur ein Teil der Wahrheit. Der Arbeitsmarkt muss sich eben ändern; und auch das Leben der Menschen muss neu überdacht werden. Gerade das darf nicht nationalen Animositäten und einem weltweit gefräßigen Kapitalismus scheitern.

Zählen

Die Arbeit der letzten Tage kann ich nicht so ganz einschätzen. Auf der einen Seite habe ich nicht einmal einen Bruchteil der Strecke zurückgelegt, den ich bewältigen wollte, bzw. will. Mir war schon von Anfang an klar, dass dies eher die Arbeit von zwei Jahren wird. Und auf der anderen Seite habe ich doch recht viele Entdeckungen gemacht, die mich zwar auf Umwege gebracht haben, die ich aber als durchaus sehr sinnvoll empfinde.

Modellieren, Mathematisieren

Worum geht es also? Ganz zu Beginn: um eine Didaktik des Programmierens. Derzeit: um das Modellieren und Mathematisieren, und hier fast noch im „Urschleim“, um das Zählen und die ersten Strukturen im Zahlenraum. Eine wichtige, wenn auch immer noch recht unvollständige Zwischenstation habe ich gestern Morgen mit dem Artikel zum Zahlenstrahl veröffentlicht.

Raum-Zeit-Verknüpfungen

Immer wieder wichtig dabei ist die Verknüpfung zwischen Raum und Zeit, die ich mal formal, mal semiotisch und mal phänomenologisch betrachte. Das sehr bewundernswerte Werk von Sybille Krämer, Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie leitet mich weiterhin dazu an, auch wenn sich jetzt erste Brüche ergeben; was aber immer so ist: je länger man sich mit einem beschäftigt, umso mehr schreibt man es nicht nur um, sondern auf seine Art und Weise auch neu.

Raumgreifendes Zählen

Zum Zählen schreibt Krämer:
Zu zählen ist eine Handlung in der Zeit. Was »Zeitlichkeit« bedeutet, kann kaum eindringlicher erfahren werden als durch die sukzessive, getaktete Erzeugung von Zahlen im Aufzählen. Doch am Zahlenstrahl wird die Zähloperation zu einer raumgreifenden Bewegung, bei der die Linie mit Auge oder Finger »abgeschritten« werden kann. Der geistige Umgang mit Zahlen wird als räumliche Mobilität entlang des Zahlenstrahls vollzogen.
Krämer, Sybille: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie. Berlin 2016, S. 31

Zählen als raumzeitlicher Kompromiss

Ich setze den Akzent anders. Das Zählen entstammt einer Räumlichkeit, an der sich die Zeitlichkeit der Handlung probiert. Tatsächlich wird die Zeitlichkeit des Zählens nicht verräumlicht, sondern man könnte das Zählen eher als einer der möglichen Kompromissbildungen zwischen räumlicher Umwelt und zeitlicher Umwelterfahrung, zwischen der Abfolge der Tätigkeiten und der Lokalisierung der Tätigkeitsmittel ansehen. Dass dies nur eine der Kompromissbildungen ist, lässt darauf schließen, dass noch weitere Bedingungen beim Zählen migriert werden, etwa zum Beispiel kognitive Bedürfnisse (Problemlösen) oder emotionale (Angstabwehr und Ordnung).

Grenze und Tausch

Ich setze also eher auf die transformierende und psychologischen Aspekte des Zählens, während Krämer durch ihren diskursanalytischen Ansatz strukturelle Aspekte in den Blick nimmt. Dass diese sich gelegentlich, so wie hier, in einer Art und Weise treffen, dass man sie nicht mehr deutlich voneinander zu unterscheiden vermag, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Trennung zwischen beiden besteht, und bestehen bleiben muss, um darüber einen weiteren Austausch zu ermöglichen. Man könnte auch sagen, dass ich mich darum bemühe, die Gedankengänge Krämers zu repsychologisieren, zumindest aber zu didaktisieren.

03.11.2017

De Bonos neue Denkschule

Der amerikanische Denktrainer Edward de Bono ist seit vielen Jahren für seine erfolgreichen Methoden bekannt, Denken kreativer und erfolgreicher zu machen.
Denken kann man lernen. Die Frage ist nur: wie?

Denkmuster trainieren

Ganz zentral stehen in de Bonos Programm eine Reihe von Denkmustern, die er Werkzeuge nennt. Diese Werkzeuge kann man wie kleine Computerprogramme sehen, die etwas in etwas anderes übersetzen. Und das ist eigentlich schon der ganze Zauber.

Gibt es Denkfehler?

Man sollte annehmen, dass de Bono jetzt eine Reihe von Denkfehlern benennt, die man mit seinem Buch vermeiden kann.
Der überraschende Antwort des Autors ist, dass es gar keine Denkfehler gibt, sondern nur Wahrnehmungsfehler. Dabei beruft er sich auf den amerikanischen Psychologen David Perkins. Dieser nennt vier Wege, wie man sich am Wahrnehmen hindert.
Das erste Problem ist, dass man glaubt, alle Möglichkeiten bereits zu sehen.
Das nächste Problem ist, dass man glaubt, alle Hinweise (Informationen) für mögliche Lösungen zu sehen.
Ein weiteres Problem sind beschränkende Gedanken, die wir nicht wahrnehmen.
Als letztes Problem sieht Perkins darin, dass wir zu frühe Lösungen oder Sackgassen des Denkens nicht als Durchgangsstationen begreifen.
Man kann sich jetzt darüber streiten, ob dies wirklich Wahrnehmungsfehler sind. Viel wichtiger sind die Schlussfolgerungen, die Perkins daraus zieht.
Man solle nämlich (1) viele Lösungen erarbeiten, (2) versteckte Informationen aufsuchen, (3) beschränkende Gedanken enttarnen und (4) frühe oder erste Lösungen als Durchgangsstationen begreifen.
Nun sind diese Vorschläge ziemlich abstrakt. Die Methoden, die de Bono entwickelt hat, sind dagegen sofort nachvollziehbar.

PMI

Die erste Methode, die de Bono in seinem Buch vorstellt, ist so einfach, wie wirkungsvoll.
Die Buchstaben PMI stehen für plus, minus und interessant.
Dieses Werkzeug kann man auf Meinungen und Lösungen anwenden. Dazu schreibt man unter Plus alle positiven Aspekte auf, unter Minus alle negativen Aspekte und unter Interessant alle interessanten Aspekte.
Sinn und Zweck dieses Werkzeuges ist es, eine breitere Sichtweise auf eine Meinung oder eine Lösung zu finden, so dass man diese relativieren kann.
De Bono schreibt, dass viel zu viele Menschen glauben, ihre Meinung sei richtig und ihre ganze Kraft darauf verschwenden, ihren Standpunkt zu verteidigen. Sie nehmen sich dadurch die Chance, bessere Lernwege oder Handlungen zu finden. Mit diesem kleinen Denkmuster trainiert man sich an, immer zuerst einen differenzierteren Standpunkt zu entwickeln.

AMA

Der Name dieses Werkzeugs steht für Alternativen, Möglichkeiten und Auswahl. Es geht darum, Alternativen zu entwickeln.
Indem man AMA bewusst anwendet, findet man neue Erklärungen und ordnet diese nach ihrer Wichtigkeit. Auch dieses Werkzeug ist denkbar einfach. Man kann es beim Überprüfen, Planen und Entscheiden einsetzen.

Wichtig ist das Üben!

Immer wieder kann man Menschen treffen, die von de Bono enttäuscht sind. Fragt man etwas genauer nach, dann findet man bei all diesen Enttäuschten ein und denselben Fehler. Sie haben ein oder mehrere Bücher von de Bono gelesen, sich gedacht, dass dies alles ja unglaublich einfach ist und dass sie es in der entsprechenden Situation sofort einsetzen können.
So einfach ist das aber nicht. Zunächst sind Trockenübungen wichtig. De Bono betont immer wieder, dass seine Werkzeuge für Denkmuster stehen. Denkmuster müssen eingeübt werden. Dazu braucht man Zeit, vor allem aber regelmäßige Wiederholung.
Der amerikanische Psychologe John Anderson schreibt, dass Menschen zunächst Faktenwissen wahrnehmen. Dieses kann nur oberflächlich angewendet werden. Erst durch Herumprobieren und Einüben automatisiert man dieses Wissen und erzeugt ein sogenanntes prozedurales Muster. Der Vorteil solcher prozeduralen Muster besteht darin, dass sie im Hintergrund unseres Denkens automatisch ablaufen und man sich nicht mehr anstrengen muss, wenn man mit einem solchen Muster denken will.
Nehmen Sie sich also für jedes Werkzeug mindestens eine Woche, um dieses täglich zu trainieren. Danach wiederholen Sie in regelmäßigen Abständen die Übung. Erst wenn Sie merken, dass sich eine Übung oder ein Werkzeug von alleine aufdrängt, können sie das bewusste Trainieren unterlassen.

Fazit

Auch wenn man vollmundigen Ankündigungen im Klappentext nicht glauben sollte, so ist dieses Buch trotzdem recht praktisch. Es ist sehr verständlich geschrieben. Der Leser sollte für die Umsetzung allerdings eine gewisse Hartnäckigkeit und Ernsthaftigkeit mitbringen. Anderenfalls lohnt sich de Bonos Denkschule tatsächlich nicht.

Die Emotionstheorie von Plutchik

Emotionen spielen in unserem Alltag eine wichtige Rolle. Auch der Begriff der emotionalen Intelligenz ist in aller Munde. Neben den durchaus wichtigen Alltagstheorien über Emotionen gibt es viele wissenschaftliche Ansätze. Einer davon soll hier vorgestellt werden.

Acht grundlegende Emotionen

Der amerikanische Psychologe Robert Plutchik hat zwei grundlegende Bewegungsrichtungen bei den Emotionen unterschieden: eine verbindende und eine trennende. Über diese erste Unterscheidung kommt er zu acht Basisemotionen.
Die vier verbindenden Basisemotionen sind Freude, Vertrauen, Überraschung und Erwartung.
Die vier trennenden Basisemotionen sind Furcht, Trauer, Ekel und Ärger.

Intensität und Kombination der Emotionen

Diese acht Formen der Emotion existieren in unterschiedlicher Intensität und können sich miteinander kombinieren. Für die unterschiedliche Intensität der verschiedenen Emotionen seien hier zwei Beispiele genannt. Nehmen wir zum Beispiel Freude. Bei einer hohen Intensität nennen wir den Ausdruck von Freude Ekstase. Bei einer niedrigen Intensität nennen wir dies Freudigkeit, Gelassenheit oder Fröhlichkeit.
Ähnlich ist es zum Beispiel beim Ärger. In einer hohen Intensität erscheint dieser als Zorn oder Wut, bei einer niedrigen Intensität als Feindseligkeit oder Verärgerung.
Kombinieren sich zwei Emotionen, entstehen neue, abgeleitete Gefühle. So nennt Plutchik die Verbindung von Freude und Vertrauen Liebe. Kombinieren sich zum Beispiel Vertrauen und Überraschung, entsteht Neugier. Zynismus wiederum sei, so Plutchik, eine Mischung aus Ekel und Erwartung.

Kann man Emotionen lernen?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse in der Emotionstheorie allerdings ist, dass es zwar elementare Gefühle gibt, dass man aber lernt, wann man sie hat. Das heißt, man kann durchaus ein Gefühl verlernen oder erlernen. Dabei allerdings sollte man vorsichtig sein, denn zunächst denkt man, dass es sinnvoll ist, negative Emotionen aus seinem Leben zu verbannen. Es gibt aber äußerst sinnvolle Ableitungen von schlechten Gefühlen.
So ist eine "verfeinerte" Version der Angst die Fähigkeit, sich von etwas zu distanzieren, zum Beispiel von anderen Meinungen. Plutchik sieht den Ursprung der Angst in der Funktion, sich in Sicherheit zu bringen. Dies geschieht durch eine Flucht. Dieses Moment der Flucht steckt auch hinter der Distanzierung von fremden Meinungen. Solchen sehr erwachsenen Verhaltensweisen basieren natürlich auf der ganzen persönlichen Geschichte der Gefühle.
In der Distanzierung spielen noch andere Gefühlserfahrungen eine Rolle. Häufig "zerstört" man auch diese anderen Meinung, sei es durch offene Kritik, sei es durch verächtlichem Gedanken. Dies kann man wiederum auf die Grundemotion des Ärgers zurückführen.
Von dem Standpunkt der Gefühle aus leisten Gedanken und Handlungen mehrererlei. Zunächst einmal sind es die Elemente, an die sich Gefühle binden können. Zudem mischen sich die Grundgefühle in den Gedanken und Handlungen und können in unterschiedlicher Intensität ausgedrückt werden. Schließlich verfeinert eine reiche Gedankenwelt die Emotionen, bis zu dem Moment, in dem sie gar nicht mehr für uns wahrnehmbar sind.
So kann man abschließend sagen, dass die Grundemotionen zwar angeboren sind, deren Intensität, Mischung und Verfeinerung aber erlernt werden. Zudem erlernen Menschen auch, in welchen Situationen sie welche Gefühle bevorzugen.

Überlebensstrategien

Plutchik hat die Emotionen in der Evolution verankert. Er postuliert fünf wichtige Elemente, die jede Grundemotion ausmachen.
Das erste Element ist das Reizereignis. Damit ist ein Reiz gemeint, der aktuell vorliegt und mit dem besonderen Gefühl einhergeht. Das zweite Element ist die kognitive Einschätzung. Diese repräsentiert den aktuell wahrgenommenen Zustand. Als drittes Element kommt die subjektive Reaktion dazu, die aus dem Grundgefühl besteht. Schließlich gibt es noch ein Verhalten, das durch die Emotion ausgelöst wird und eine evolutionäre Funktion. Mit dieser wird die Anpassungsleistung an die Umwelt bezeichnet.
Ärger zum Beispiel wird durch ein Hindernis ausgelöst. In Gedanken wird dieses Hindernis als Feind bewertet (kognitive Einschätzung). Das dazugehörige Verhalten ist der Angriff und evolutionäre Funktion besteht in der Zerstörung eines Hindernisses.
Die Trauer begleitet den Verlust eines wertvollen Objekts. In diesem Fall stehen sich allerdings die kognitive Einschätzung und das Verhalten entgegen. Die kognitive Einschätzung ist, dass man das Objekt aufgeben sollte, während das Verhalten jemanden ruft. Dieser jemand ist entweder das verlorene Objekt selbst, oder jemand, der einem dabei hilft, dieses verlorene Objekt wiederzuerlangen.

Wie geht man mit Emotionen um?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass man möglichst viele Handlungen kennen sollte. Zudem ist eine umfassende Bildung wichtig, um viele verschiedene Gedanken entwickeln zu können. Das klassische Lernen ist also ebenso notwendig für eine reiche Gefühlswelt, wie die praktischen Tätigkeiten.
Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Gefühle in jedem Gedanken und jeder Handlung enthalten sind, aber nicht offen daliegen. Man kann sie jedoch aus dem Bewegungsimpuls erschließen. Um dies gut zu können, ist eine hohe Bewusstheit des eigenen Denkens und eine sensible Reflexion des eigenen Handelns nötig.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, auf eine emotional besetzte Situation andere Gefühle auszuprobieren. So kann man zum Beispiel einen Menschen, auf den man ärgerlich ist, mit einem Gefühl der Überraschung "besetzen".
Gelingt dies, ersetzt man nämlich den Impuls zur Zerstörung durch einen Impuls, sich neu zu orientieren. Dadurch können aus einer Situation neue Einsichten entstehen. Bei dieser dritten Möglichkeit geht es allerdings nicht darum, sich emotional umzupolen, sondern ausschließlich darum, durch andere Gefühle eine andere Sichtweise auf eine bestimmte Situation zu erproben.

Emotionale Kompetenz

Folgt man den Gedankengängen von Plutchik, dann gibt es keine emotionale Intelligenz. Diese müsste nämlich angeboren sein. Stattdessen kann man von einer emotionalen Kompetenz reden. Diese kann erlernt werden, wenn auch nur auf dem indirekten Weg der wissenschaftlichen, kulturellen und praktischen Bildung.

Zählen, Zusammenfassen, Abstrahieren

Wenn das Zählen durch das Rechnen zusammengefasst wird, dann ist das Diagramm insgesamt vielleicht keine Synopsis, sondern eine Verkürzung von Handlungen durch Automatisierung.
So kann eine Menge in die Vorstellung eines strukturierten Materials übersetzt werden (zum Beispiel in Einer, Zehner und Hunderter in Form von Klötzchen, Stäben und Flächen). Die Vorstellung selbst aber muss gelernt werden, und von der verkürzenden Vorstellung der ursprüngliche Handlungszusammenhang verfügbar sein.
Dann könnte man auch, umgekehrt, sagen, dass man ein Diagramm erst dann verstanden hat, wenn es nicht nur als Bild, sondern als eine Sammlung automatisierter Handlungen begriffen wird.
(Wir müssten also jedes Diagramm wieder auf sinnlich-praktische, individual-menschliche Zusammenhänge zurückführen.)