27.11.2010

Aldi, du alte Milchnase!

Was muss ich neuerdings in deinen Regalen erblicken? Einen Joghurt aus biologisch hergestellter Milch! Sag an, Aldi, wie sollte das funktionieren? Hast du etwa unsere lila Milka-Kühe genmanipuliert? Sind diese neuerdings schwarz-weiß? Werden wir demnächst unter Schokoladenknappheit leiden? Und was sagt Frau Künast dazu?
Aber man muss ja mit dem Fortschritt gehen. Ich erwarte demnächst von dir, liebes Aldi, Kartoffeln aus bodennahem Anbau.


25.11.2010

Harry Potter und das Modellieren

Weiterhin erscheint mir Modellieren als eine der wichtigsten Fertigkeiten zu sein, die man sich antrainieren kann. Allerdings sehe ich auch hier nur nach und nach durch, wie die verschiedenen Aspekte der Modellierungskompetenz zusammenhängen. Trotzdem: vor allem die Arbeit mit kreativen/wilden Analogien gehört dazu.
Jetzt finde ich in der Morgenpost online ein Interview mit einem kreuzberger Informatiker, der in seiner Firma Teile von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes modelliert hat.
Mathematisches Modellieren, Simulieren und sinnliche Anschauung
Morgenpost Online: Was ist der Kick an Ihrer Arbeit?
Gellinger: Wir sind, neben Regisseur und Kameramann, die einzigen, die definieren, was auf der ganzen Leinwand zu sehen ist. Wir bemalen die Leinwand.
Morgenpost Online: Braucht dieses Berufsbild eher verhinderte Maler oder kreative Programmierer?
Gellinger: Wir brauchen Mitarbeiter mit unglaublichem technischem Wissen – aber es dürfen nicht die sprichwörtlichen Computernerds aus dem Keller sein. Sie müssen ein gutes Auge haben, gern in die Natur gehen, sich anschauen, was der Himmel in der Reflexion im Wasser macht und wie das Sonnenlicht von hinten durch das Laub eines Baumes fällt. Man muss beobachten, recherchieren können – und in der Lage sein, diese Gesetzmäßigkeiten der Natur in mathematische Formeln zu fassen, die sich in eine Software umsetzen lassen. Ein extrem komplexes Berufsbild.
Wir haben hier die ganze Bandbreite an Modellierungskompetenzen innerhalb eines kurzen Abschnitts. Und dies zeigt auch, wie anforderungsreich die moderne Technik geworden ist, die nicht nur verstanden werden muss, sondern auch die Bezüge zwischen Realität und Simulation eng knüpfen muss, damit die special effects wirklich sitzen.


15.11.2010

Schwule Fantasy

Liebe junge Autoren schwuler Fantasy!
Ein Roman besteht aus einer Geschichte. Das soll hier mal festgehalten werden. Eine lose Aneinanderkopplung von Fick-Szenen (zwischen zwei männlichen Elfen, respektive Orks) nennt sich lose Aneinanderkopplung von Fick-Szenen.
Vielen Dank!
PS 1: Kunst kommt von können, Wulst von wollen.
PS 2: Natürlich habe ich nichts gegen schwule Fantasy, solange die Betonung auf Fantasy liegt und man hier den Roman, also eine durchgeformte Geschichte, mit hört. Und was mich besonders nervt, ist eigentlich auch nicht, dass diese Prosatexte ohne Geschichte sind, sondern dass die leiseste Kritik zu Beleidigungen und Boshaftigkeiten führt. Wozu, ihr lieben jungen Autoren schwuler Fantasy, braucht ihr dann noch einen Text-Coach, wenn ihr sowieso schon absolut toll seid und von namhaften (aber stets ungenannten) Showgrößen in den Himmel gelobt werdet?

PS 3: Einmal, vor einem halben Jahr, hat sich eine lesbische Schriftstellerin zu mir verirrt. Auch diese musste ich ablehnen. Der feine Unterschied allerdings war, dass diese Frau so gut schreiben konnte, dass ich mich nicht im Stande sah, ihr nachzuhelfen. Aber nett war sie und wir hatten ein lustiges Telefonat.


Bildung (Vortrag ohne Namen)

Gerne hätte ich Ihnen anstelle dieses Vortrags etwas Handfestes an die Hand gegeben, etwas, das seiner Form entspricht, in seiner Form verspricht und vor allem etwas, das bildet. Etwas, das bildet, das einen Überblick verschafft, das zusammenfasst, Ihnen womöglich die Auseinandersetzung mit dem erspart, wovon ich zu Ihnen sprechen möchte. Dieses wovon ist nicht weniger als die Reform und die Bildung, vor allem aber die Reform, die man in der Reformpädagogik und der Bildungsreform so leichtfertig wiederfindet. Es war mir nicht möglich, und es wird mir nicht aufhören unmöglich zu sein, dieses Thema in Form zu bringen. Vorweg also die Sprachverwirrung.
Was aber ist nun die Reform, das Reformierende, das Wesen der Reform? Was, alles in allem, ist die Bildung einer Reform, die Bildungsreform? Und was überhaupt ist diese Form, die hier, in dem Wort, zurück oder erneut in eine Form übersetzt werden soll?
Das alles sind gebildete Fragen, Fragen, die sich gebildet haben, die sich zu jeder Zeit neu formieren, unaufhörlich und nicht enden wollend, um die Bildung zu befragen.
Bildung selbst ist, übersetzt ins Ursprüngliche, ins Lateinische, die Formation. Diese Gleichsetzung ist mehr als unglücklich, bezeichnet die Form im modernen Diskurs etwas, das vom Inhalt getrennt existiert, während die Bildung auf das Inhaltliche zielt.
Andererseits wurde diese Trennung auch hinterfragt, so dass der Unterschied zwischen Inhalt und Form doch wieder unentschieden bleibt. Erinnern wir hier vorsorglich schon mal an Babel, an die Sprachverwirrung, an den Moment, in dem die Form sich verliert, um die Vielfalt der Sprachen zu bilden, deren Studium, wie Humboldt bemerkt, bildend sei.
Hartmut von Hentig wiederum schreibt in seinem Buch »Bildung«, Bildung sei »selbst die Spannung oder Brücke zwischen … tradierten Idealen und aktuellem Kompetenzbedarf, zwischen philosophischer Selbstvergewisserung und praktischer Selbsterhaltung der Gesellschaft.« (S. 57)
Bildung sei also eine Spannung oder eine Brücke. Man höre zunächst diese doppelte Metapher, die aus den Ingenieurswissenschaften zu uns kommen, und doch so unvereinbar scheinen. Die Bildung sei, und das Bild bleibt hier unentschieden, ein »oder«, eine gebildete Disjunktion, die entweder selbst eine Disjunktion oder eine Konjunktion, eine Trennung oder eine Verbindung, eine Spannung oder eine Brücke beschreibt.
Dies wirft zugleich ein seltsames Licht, und es scheint nicht das Licht der Aufklärung zu sein, auf die Ufer, die diese Brücke der Bildung verbinden soll, oder auf die unvereinbaren Materialien, zwischen denen die Spannung der Bildung besteht. Hier haben wir die Ideale, dort den Kompetenzbedarf, hier die Selbstvergewisserung und dort die Selbsterhaltung. Schon in dieser Zusammenstellung klingt das Tohuwabohu heraus, mit dem Gott den Turm zu Babel einstürzen ließ. Tohuwabohu, dies ist das Gegenwort der Bildung, des gebildeten Menschen, die Vergeblichkeit der Bildung, die nie ins Göttliche aufgehen kann.
Schon jetzt, an dieser Stelle, am Anfang der Bildung mögen Sie sich fragen, was dies wohl sei, das hier so viel Verwirrung verursacht, was hier einen wohlgepflegten Begriff, ein geläutertes Gut der bürgerlichen Gesellschaft mit so viel Unruhe und auch so viel Unmut begleitet.
Halten wir also zunächst fest, dass die Unruhe, die den Bildungsbegriff ergreift, uns zurückschrecken lässt, uns hindert, ihn näher zu betrachten, als sei er eine Sonne, in deren grellem Licht man erblindet, so dass man lieber ein wenig an ihm vorbei schaut, und ihn gleichsam aus den Augenwinkeln erfasst. Du sollst dir kein Bildnis machen!
Beginnen wir also von vorn, gleichsam an der Schwelle, dort, wo Hartmut von Hentig die Mitte des Bildungsbegriffes sieht: »Bildung bezeichnet selbst die Spannung oder Brücke zwischen … tradierten Idealen und aktuellem Kompetenzbedarf, zwischen philosophischer Selbstvergewisserung und praktischer Selbsterhaltung der Gesellschaft. Ich hätte auch - mit Platons großem Gleichnis - sagen können: Bildung ist beides - Aufstieg ans Sonnenlicht und Abstieg in die Höhle. Das eine ist ohne das andere sinnlos und unbekömmlich.« (Seite 57)
Aufstieg und Abstieg, Spannung und Brücke, Selbstvergewisserung und Selbsterhaltung, Philosophie und Praxis, Tradition und Aktualität, Ideale und Kompetenzbedarf - eine Reihe von Polaritäten markieren diesen Bildungsbegriff, bringen ihn in Spannung, indem in der Schrift, im Buch die räumliche Nähe hergestellt wird. Auch dies ist eine weitere Polarität: die Schrift vermag zu verfugen, was unvereinbar ist.
Sehr deutlich sagt von Hentig auch, dass er hinter diese Polarität nicht zurückweichen will: »Nicht hinnehmbar aber ist: wenn Bildung das eine beansprucht (die Werte, die Kultur, die Verantwortung, die Mündigkeit, die Führung) und das andere betreibt (die Bedienung der Wirtschaft, die Regelung des Arbeitsmarktes, das Fitmachen für die Laufbahn, die Aufbewahrung der Kinder und die Disziplinierung der Jugendlichen).« (Seite 57)
Halten wir an dieser Stelle - ebenfalls provisorisch - fest, dass die Spannung für sich einen Wert bildet, die folgendem entgegensteht: das eine, die Ideale nämlich, zu beanspruchen, und das andere, die Regulierung des Kompetenzbedarfs, zu betreiben. Hier gilt es zu unterscheiden und zu entscheiden, in der Spannung des (noch) Unentschiedenen, womöglich auf einer Brücke, die sich gerade erst zu bilden begonnen hat.
Beginnen wir also von vorn, beginnen wir erneut zu fragen, wem oder was sich Hartmut von Hentig widmet, auf der Schwelle zwischen Aufstieg und Abstieg, zwischen Sonne und Schatten, zwischen dem Reich der Ideen und der Höhle der Phänomene. An dieser Schwelle, diesem Buch, das sich der Idee der Bildung widmet, findet sich eine Widmung, die dieser Idee eine seltsame Färbung verleiht, womöglich sogar aus dem Tohuwabohu heraus die Stimme einer anderen Vernunft hören lässt.
So lässt sich, innerhalb des Buches und doch nicht ganz zu ihm gehörig, also auch außerhalb, folgendes lesen:
»Dem Andenken an meine Mitarbeiterin Gisela Grunwald, die nicht aufhörte, sich durch Wissbegierde, Umsicht und Mitgefühl zu bilden.« (Seite 6)
Markieren wir zunächst einige wichtige Bezüge:
  1. Die Mitarbeiterin, der Hartmut von Hentig sein Buch widmet, hörte nicht auf, sich zu bilden. Sich bilden, diese auf sich selbst gerichtete Tätigkeit, die darum Sorge trägt, sich aus der Form in eine neue Form zu bringen, sich zu reformieren; so dass hier das Wort Reform einen reflexiven, einen um sich selbst besorgtem Zug annimmt.
  2. Die Mitarbeiterin hörte nicht auf. Der Prozess, den von Hentig hier markiert, ist kein beendbarer. Er wird von einer Unendlichkeit durchzogen, die die Bildung, die Reform und/oder die Reformation in ihren zentralen Wesenszügen berührt.
  3. Weiter markiert der Autor die drei Werkzeuge, durch die dieses Sich-bilden möglich wird: die Wissbegierde, die Umsicht, das Mitgefühl. Was sind das für drei Werkzeuge? Keines dieser drei Werkzeuge zielt direkt auf den reflexiven Moment des Sich-bildens, sondern geht, folgt man zunächst ihrer naiven Bedeutung, in die Umwelt hinaus. Was aber kann das für eine Art von Reflektion sein, deren Werkzeuge nicht direkt auf den Menschen selbst zielen, sondern höchst indirekt, wenn überhaupt, über die Umwelt, den Mitmenschen, die Situation? Erscheint hier das Selbst der Reflektion nicht wie aus dem Augenwinkel, gleichsam als könne man dieses ebenso wenig direkt erblicken, wie die Sonne oder die Bildung?
  4. Die Widmung beginnt mit einem höchst delikaten, einem anspielungsreichen Wort, dem Andenken. Es ist zunächst ein Wort ohne Verb, ohne Tätigkeit. Jenes »ich denke an« ist viel weniger religiös aufgeladen. Es fehlt zum Beispiel die Anspielung des Verlustes, den man in dem Wort Andenken zu hören vermag. Hier, an dieser Stelle, an der Hartmut von Hentig sein Buch über die Bildung durch eine Widmung markiert, die zugleich ein Andenken ist, schwingt ein Verlust mit, der sich zugleich um die Erkenntnis, um die richtige Erkenntnis sorgt.
  5. Die Widmung also ist dem Andenken an die Mitarbeiterin Gisela Grunwald gewidmet. Dieses Andenken markiert, aus dem Augenwinkel heraus, den Tod der Mitarbeiterin, den Grund des Verlustes, und das Ziel der Widmung. Die Widmung selbst ist aber nicht direkt der Mitarbeiterin gewidmet, sondern dem Andenken. Hier kreuzen sich vielfältige Figuren der Indirektheit, der Anspielung, die nicht genau das sagen, sondern zu verstehen geben, als trügen diese Indirektheiten die Gabe des Verstehens in sich, solange man sie nur aufmerksam genug liest.
  6. Ein weiterer Punkt verweist uns auf ein seltsames Paradox, auf eine Bedeutungskonstellation, die sicherlich nicht unschuldig gewählt wurde: das Selbst, jene Mitarbeiterin eben, die nicht aufhören konnte, sich zu bilden, hat längst aufgehört, wurde aus jenem unendlichen Prozess herausgerissen und verbannt. Das Ende der Bildung ist der Tod und der Tod markiert das Ende der Bildung, diesmal nicht in einer Polarität, sondern einer Gleichsetzung, die einer Tautologie gleichkommt. Es gibt also keinen anderen Bruch mit der Bildung als den Tod.
  7. Hartmut von Hentig spielt die Mitarbeiterin nicht direkt an: weder ist sie ein Objekt des Satzes (nur eine Spezifizierung des Andenkens), noch hat dieser Satz ein Subjekt, noch weist dieser Satz konkret darauf hin, was diesem Andenken direkt gewidmet ist. Es könnte etwas ganz anderes sein als dieses Buch. Tatsächlich könnte dieser Satz genauso unzusammenhängend am Beginn dieses Buches stehen, wie der Satz »ich habe meinen Regenschirm vergessen« in einem Notizbuch von Nietzsche zu finden ist, mitten zwischen "ordentlichen" Fragmenten. Lediglich das Gesetz des Genres gebietet die Verknüpfung. Die Widmung wird durch den Ort, an dem sie steht, zur Widmung; sie füllt, durch den Ort, an dem sie steht, den leeren Platz des Subjektes, und könnte doch ganz anders gemeint sein. Behalten wir zunächst unsere Vorbehalte gegen jegliche Eindeutigkeit. Bleiben wir indirekt! Du sollst dir kein Bildnis machen!
  8. Eine letzte Anmerkung sei dieser Widmung gewidmet. Was ist das für eine Mitarbeiterin, die sich Gisela Grunwald nennt, die der Autor der Widmung als »meine Mitarbeiterin« bezeichnet, die er sich, wenngleich konventionell, aneignet, als zu sich gehörig markiert, als jemanden, die »mit ihm arbeitet«, in einer Arbeitsteilung, die also ganz mit ihm verbunden ist? Es ist die gleiche Mitarbeiterin, die nicht aufhört, sich zu bilden, die ganz und gar, ohne Lücke und Unterlass ein Verhältnis zu sich selbst pflegt, in einem beständigen Übersetzen der eigenen Form, ein Wandel oder auch Entzug, dem das Andenken besonderen Platz einräumt. Es scheint gerade so, als sei dieses zuverlässige Sich-erneuern dasjenige, dem die Widmung besonders gilt. Und es scheint so, als sei es gerade dieser Zug des Entzugs, dieses Verhältnis zu sich selbst, das das »Mit« der »Mitarbeiterin« begründet.
Fassen wir zunächst zusammen, was diese Widmung strukturiert: der Selbstbezug des Bildens, die Unendlichkeit dieses Selbstbezugs, die Werkzeuge, die in einer paradoxen Drehung nicht auf sich selbst, sondern auf das Außen weisen, dem Andenken, das sowohl den Tod als auch die Mitarbeiterin anspielt, dem Tod als dem Ende des Bildens, dem Tod als dem einzigen, der die Unendlichkeit des Bildens zu beenden vermag, und schließlich jener seltsame Status des »mit«, dem ein »sich« zu Seite gestellt wird, als handele es sich bei der Selbstbezüglichkeit des Sich-bildens und der Kooperation oder Arbeitsteilung nicht um zwei sehr unterschiedliche Sphären, sondern um zwei Bedingungen füreinander.
Vielleicht aber müssen wir von hier aus tatsächlich weitergehen, sozusagen die Schwelle des Buches verlassen, und uns tiefer in es hinein wagen, den Abstieg wagen, um die schwankenden Gestalten, die sich uns am Eingang genähert haben, ein wenig besser zu fassen.
Erneut gibt es ein Hindernis. Bevor das Buch beginnt, schiebt sich ein weiterer Text vor, eine Art Vorspiel, das zugleich eine Art Metakommunikation über das Buch ist. Das Buch erklärt sich selbst, tritt zu sich selbst in eine Art Selbstbezug, die zugleich Vorspiel und Metakommunikation ist und, wie der Autor später (Seite 9) schreibt, an der Stelle des Schlusses steht. Der Schluss könnte auch am Anfang stehen, so der Autor, doch genau hier steht eben jener Text, der noch nicht der eigentliche Text ist, aber auch schon nicht mehr Widmung. Er bleibt ein namenloses Ding auf der Schwelle.
»Nicht ungerne«, so beginnt dieser namenlose Text, »nicht ungerne«, also in einer doppelten Verneinung, der rhetorischen Figur, die Litotes genannt wird und von der gesagt wird, sie betone durch Untertreibung. »Nicht ungerne hätte ich diesem Buch den Titel Über die Bildung. Eine Rede an die Gebildeten unter ihren Verächtern gegeben und so begonnen: …« (Seite 7)
Hier, an dieser Stelle, anstelle eines Schlusses (oder Vorworts), sagt von Hentig, dass er dieses Buch nicht so beginnt, wie er gleich, nach diesem ersten Satz, sein Buch beginnen wird, buchstäblich. In einer ironischen Wendung wendet er sich an den Leser, sagt, was er eigentlich nicht sagen wollte, untertreibt, um zu betonen, und nennt einen Titel, der ›über die Bildung‹ und ›unter ihren Verächtern‹, in einem drunter-drüber, in einem Tohuwabohu kombiniert. Passenderweise ist es Schleiermacher, den er hier mit einem Titel zitiert, Schleiermacher, den er gleichsam zunächst unter dem Schleier belässt, um ihn dann zu lüften.
Was von Hentig hier allerdings als möglichen Titel seines eigenen Buches zitiert, ist keine Rede von Schleiermacher über die Bildung, sondern über die Religion, auf die er zuvor, in seiner Widmung, mit dem Wort Andenken bereits angespielt hat, und die er hier durch sein eigenes Thema ersetzt. Auch diese Ersetzung ist nicht ohne: es sind nicht die Gebildeten, die sich um die Religion sorgen, sondern es sind die Gebildeten, die sich um die Bildung sorgen, und an die sich dieser Text wendet. Ein seltsamer, und doch zugleich altbekannter Kurzschluss: die Sorge des Gebildeten um sich selbst, um das, was sie gebildet macht, die Bildung.
Hören wir eine weitere Anspielung heraus, auf die ich bereits angespielt habe, und auf die dieses Buch in seiner Form im Ganzen anspielt: Goethes Faust. Die Parallelen sind unverkennbar. Die Widmung oder Zueignung findet sich ebenfalls im Faust, das Vorspiel auf dem Theater, welches die Wirtschaftlichkeit, das Vergnügen und die Bildung in ein Wechselspiel bringt, durchzieht von Hentigs Buch wie drei rote Fäden, die sich in der Unendlichkeit kreuzen werden, die fünf Kapitel als die fünf Teile des klassischen Dramas, und einige weitere Anspielungen, denen man genauer nachgehen müsste.
Besonders hervorzuheben ist jener Klassiker der Zitate »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen; / Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt mit klammernden Organen; / Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefilden hoher Ahnen.« (Z 1112-1117). Man höre die Spannung heraus, die auch ein Wesenszug der Bildung sei. Man höre heraus, dass Faust der Prototyp des gebildeten Menschens sei, ein Renaissance-Mensch, wie er im Buche steht.
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass Faust die Religion durch Bildung ersetzt, man könnte auch sagen: durch diese verloren hat, dass diese Bildung allerdings die universitäre Bildung ist, die ihm, dem Faust, nichts zu geben weiß. Unschwer sieht man darin das, was von Hentig später als Schulbildung bezeichnen wird, von der er sagt: »[Dieser] Bildung geht die Beugung voran.« (Seite 50)
Der Gegenstand sei in der Schulbildung direkt ins Auge zu fassen, sein (rein) sachlicher Gehalt sei Bildung, während die Beugung ein Zusatz sei, der für die Bildung notwendig, aber äußerlich sei - notwendig, aber äußerlich. Sie werden an dieser Stelle merken, dass sich in der Schulbildung das reflexive Moment des Sich-bildens nicht wieder findet, genauso wenig, wie der Faust in der universitären Bildung dasjenige findet, was »die Welt im Innersten zusammenhält«. Sie werden an dieser Stelle wahrscheinlich auch daran denken, dass dieser direkte Zugang, den die Schulbildung verspricht, wenig zu diesen indirekten Verdrehungen passt, diesen Windungen, diesem Mäandern, der den Text von Hartmut von Hentig kennzeichnet.
Folgt man dem Faust weiter, so spricht auch dieser von der Beugung, von einer anderen Art von Beugung, als sie sich in den Verdrehungen von Hentigs finden lässt: »Und ziehe schon an die zehen Jahr‘ / Herauf, herab und quer und krumm / Meine Schüler an der Nase herum - « (Z 361-363), so Faust, der hier auf die Bildungsmisere verweist, die den Schüler beugt, die den Lehrer zu einem Täuscher und Lügner werden lässt, zu einem Mephistopheles, einem Geist, der stets verneint. Das, was die Schulbildung im Innersten zusammen hält, ist die Beugung des Schülers, die Vortäuschung des Wissens, die Manipulation.
Ist das nicht seltsam? Ist das nicht ein wenig bizarr und unerhört? Die Windungen der Schulbildung in all ihrer Falschheit gegen das seltsame, schwierige, nicht leicht zu verstehende Mäandern dieses namenlosen Textes Hartmut von Hentigs? Ist das überhaupt eine richtige Opposition, ein Gegensatz, ja wenigstens ein Kontrast? Hören wir auch an dieser Stelle ein weiteres Mal den Faust heraus: »Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt.« (Z 317); »Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, / Umfass‘ euch mit der Liebe holden Schranken, / Und was in schwankender Erscheinung schwebt, / Befestiget mit dauernden Gedanken.« (Z 346-349)
Gerade im letzten Zitat findet man jenen seltsamen Chiasmus, die Figur der Überkreuzstellung, die auch in die Widmung bei Hartmut von Hentig anklingt. »Das Werdende, das ewig wirkt und lebt« korrespondiert mit der Aufforderung »befestiget mit dauernden Gedanken«, aus dem sich leicht jenes »die nicht aufhörte« heraushören lässt; während man - allerdings in einem sehr kühnen Subtext - aus »umfass‘ euch mit der Liebe holden Schranken, …« bis hin zu »befestiget« die drei Werkzeuge, Wissbegier, Umsicht und Mitgefühl, wieder finden könnte. Zu lesen ist es so nicht, und trotzdem ergeben sich hier Verbindungslinien.
Am prägnantesten aber ist, dass von den zwei Aufforderungen, die in diesen Zeilen stecken, die eine direkt an den "Zuhörer" gerichtet ist, die andere an die "Umwelt". Hartmut von Hentig schreibt:
»Das Grundgebot, an das ich erinnern möchte, ist, dass eine pädagogische Tätigkeit, […] in der Selbstständigkeit des Zöglings oder Schülers zu münden hat, d.h. sich selbst überflüssig zu machen, sich selbst zurückzunehmen gehalten ist. … Bildung ist … in seiner prägnanten Bedeutung immer Sichbilden, beginnt erst dort, wo man sie selber in die Hand nimmt. Davor liegen Bemühungen der anderen, die dies ermöglichen.« (Seite 151)
Es ist also nicht ohne Grund, dass von Hentig dieses Buch auf so indirekte Weise einer Mitarbeiterin gewidmet hat, die nicht aufhörte, sich zu bilden. Sie ist, wer auch immer sie war, gleichsam einer jener römischen Hausgeister, die an der Schwelle in Form von tönernen Abbilder aufgestellt wurden, und die das Unglück von der Hausgemeinschaft fernhalten sollten. Dem Wesen einer guten pädagogischen Tätigkeit ist es eigen, sich selbst zurückzunehmen, indirekt zu werden, nicht mehr zu züchten, nicht Wissen abzufragen, nicht Kompetenzauflagen zu erfüllen, sondern das Sichbilden zu ermöglichen.
Dort, wo Goethe noch, parallel zu Schleiermacher, die Religion gesehen hat (und sei es die geläuterte und an eine Naturphilosophie gewöhnte Religion), findet sich bei von Hentig die Bildung wieder, bei der der Pädagoge sich zurückzieht, sich indirekt macht, die Grammatiker würden hier von einem Subjektschwund reden, und gleichsam in diesen hinein, in dieses allmähliche Verschwinden der Erziehung beim Reden, entsteht jenes reflexive Verhältnis des Zöglings zu sich selbst, jenes »selber in die Hand« nehmen, welches Hartmut von Hentig als die Bildung in ihrer prägnanten Bedeutung kennzeichnet.
Und noch ein weiterer Zug aus der Widmung taucht wieder auf: jenes Sich-bilden bedeutet, »dass wir im und am Leben lernen können und sollten«, also wiederum jener seltsame Zug, der reflexiv zu sein scheint, und doch die Umwelt ins Blickfeld nimmt.
An dieser Stelle dreht von Hentig diesen seltsamen Bezug zwischen dem Einzelnen und seiner sozialen Umwelt noch ein Stück weiter. Im Schlussteil, der, wie von Hentig sagt, auch am Anfang hätte stehen können, hätte dort nicht etwas anderes gestanden, anstelle eines Vorwortes, im Schlussteil also steht: »Verantwortung für die Polis als Maßstab, Politik selbst als Anlass für Bildung … [Politik] als die große Erfindung des Abendlandes zur immer neuen, beweglichen Herstellung von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit - des Spielraums für Kultur und des Gegenbildes zu Herrschaft.« (Seite 207)
Was also, so sei am Ende wie am Anfang gefragt, ist die Bildungsreform? Können wir uns ein Bild von dieser Reform machen, von dieser Reformpädagogik, dieser (oft) im wesentlichen politischen Bildung? Hören wir sehr genau auf dieses letzte Zitat, in der von Hentig die Politik als eine Erfindung bezeichnet, eine Erfindung »zur immer neuen, beweglichen Herstellung«, und man höre dieses »nicht aufhörte«, das uns an der Schwelle zu diesem Buch begegnet ist und uns am Ende (oder Anfang) erneut begegnet. Man höre, wie diese Politik, die von Hentig meint, den Menschen nicht beherrscht (sie ist das Gegenbild zur Herrschaft), sondern mit dem Sich-bilden korrespondiert, mit diesem »nicht aufhörte, sich … zu bilden«, das auf so seltsame, so indirekte Art und Weise mit dem »mit« der Mitarbeiterin in Beziehung stand: indirekt, ein wenig verdreht, achtsam, aber auf seltsame, fragwürdige Weise, mit Sicherheit auch anders möglich.
Es gäbe also keine Bildungsreform, keine, die von der Politik aus organisiert wird, von der Politik für die Menschen, viel häufiger aber gegen sie, und doch gäbe es diese Bildungsreform, gleichsam unter der Hand, überall dort, wo Menschen sich von ihren Erziehern, ihren Lehrmeistern lösen, sich bilden, sich selbst bilden, sich re-formieren, für, mit, manchmal auch gegen die gesellschaftlichen Strömungen.
Babel mag zunächst eine Geschichte von der menschlichen Anmaßung sein, die durch Gott in ihre Schranken verwiesen wurde. Doch Babel lässt sich auch ganz anders, indirekter lesen. Es ist ebenso eine Geschichte von den Herrschenden, die ihrem eigenen Wissen ein Monument zu setzen gedachten, die sich selbst eine Widmung schrieben, direkt auf ihr Wissen hin, direkt auf ihre Herrschaft hin. Es ist, wenn man uns diese Voreiligkeit verzeiht, eine Geschichte von der Maßlosigkeit der Schulbildung als richtige Bildung, von der Einheit der Sprache als Voraussetzung dieser Maßlosigkeit, und von der Sprachverwirrung, die diese Bildung wieder frei gibt, die sie für ihre Rückbezüglichkeit, für ihre Sorge um sich selbst wieder öffnet.
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Ein kleines Produkt am Rande, auch, weil ich euch - liebe Blogleser! - so lange vernachlässigt habe.
Ich war in den letzten Tagen viel unterwegs, gezwungenermaßen (auch wenn mancher es nicht so sehen mag, aber glaubt mir, bestimmte Partys gehören einfach nicht zu meiner Lebensqualität). Nebenbei habe ich mir die Zeit mit einer ersten, noch groben Kommentierung von Hartmut von Hentig vertrieben. Man lese an dieser Stelle, wenn man meiner Kommentierung mit mehr Tiefe folgen will, Michel Foucaults Hermeneutik des Subjekts. Man lese auch seine Vorlesungen über die juridischen Formen, man lese Bernfelds Sisyphos, man lese Huisken, Negt/Kluge (Geschichte und Eigensinn), Tausend Plateaus. Nicht zuletzt interessiert mich im Moment (auch, weil ich seit längerer Zeit wieder am Durchkommentieren seines Werkes bin) Goethes Faust, dessen Gedanken und Bilder von Hentig recht eigenwillig (zum Glück!) aufnimmt.
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Für Kommentare und Ideen bin ich übrigens sehr dankbar. Von Hentigs Buch Bildung ist äußerst reich an Bezügen. Ich werde sie selbst kaum alle lesen können.


Erziehungstipp

"Unter zwanzig Jahren werden wir keinen dieser Jünglinge, womöglich keinen unter fünfundzwanzig Jahren, in die wirtschaftliche Realität eintreten lassen. Jeder soll ad libitum die Glücksmöglichkeiten des Besitzes kosten, sie sollen sich ihm mit der Lust der jungen Erotik, mit Freiheit und Trubel unlöslich verknüpfen, er soll in diesen gefährlichen Jahren, wo Querköpfe, und in der Pubertät wird man sehr leicht querköpfig, bereit sind, die Gesellschaft auf Gerechtigkeit und Recht zu prüfen, sie nicht kennen lernen in ihrem wirklichen Bestand. Und wenn er sie mal kennen lernt, soll er sie und ihre Vorteile, für sich und den Besitzenden überhaupt, nicht mehr entbehren können; sie sollen sehen, wie er sie gründlich auf Grund seiner erlernten Philosophie bejahen wird. Ich werde verbieten, dass man Studenten auf den Universitäten duldet, deren Väter sich nicht zu einem largen Taschengeld entschließen wollen und können. Solche Kerle sind in höchstem Maße staatsgefährlich."
Bernfeld, Siegfried: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, Frankfurt am Main 1973, S. 100
Dieser ganze Absatz ist natürlich eine Satire.
Bernfelds Text ist allerdings in höchstem Maße komplex, und auch wenn er mir hier sympathisch ist (ich liebe zynische Satiren), so muss sein Werk trotzdem auf Herz und Nieren geprüft werden, Herz und Nieren, das heißt hier auf Argumente und Metaphern.