16.08.2015

Einbildungskraft

Obwohl ich dieses Buch schon seit vielen Jahren besitze, und es auch einmal gründlich durchgearbeitet habe, war ich beim neuerlichen Lesen recht überrascht. Erste Aufgabe und wohl zunächst einzige Aufgabe der Deutschdidaktik die Förderung der Einbildungskraft; so zumindest meine ich Beisbart und Marenbach zu verstehen, was sie in Bausteine der Deutschdidaktik (Donauwörth 2003) geschrieben haben.

Die formale Seite der Sprache

Zunächst mag dieser Aussage befremden, verbinden wir doch den Deutschunterricht mit Übungen zur Grammatik und zur Rechtschreibung, und wenn man sich angelegentlich mit den selfpublishern unterhält, dann geht es doch eigentlich nie um Einbildungskraft (was man wohl heute ihr als Vorstellungsvermögen bezeichnen), sondern eben um jene Formalien.
Nun gibt es allerdings einen Brückenschlag von der Grammatik zur Einbildung. Dieser ist von Wilhelm von Humboldt getan worden. In der Grammatik, so erklärt er, werde die Vorstellung präzisiert. Und genau so kann man dann Grammatik auch verstehen: es kann präziser dargestellt werden, was man sich einbildet; und zum anderen können präzisere Einbildungen aus geschriebenen Texten gewonnen werden. Grammatik ist also nicht etwas Zusätzliches oder vielleicht sogar etwas die Einbildungskraft Opponierendes, sondern der (differenzierten) Einbildungskraft immanent. Förderung der Grammatik ist Förderung der Einbildungskraft.

Einbildungskraft

Dies ist allerdings ein Wort, das eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Im 19. Jahrhundert hat sich der Sinn der Einbildung in Richtung von der reinen Fantasie, sogar dem Truggebilde gewandelt.
Folgt man allerdings Kant, dann ist die Einbildungskraft zunächst ein Vermögen, welches zwischen der Sinnlichkeit und dem Verstand vermittelt. Der Verstand bildet die Begriffe, die Sinnlichkeit nimmt die Reize als rohes Material wahr; und die Einbildungskraft hat nun auf der einen Seite die Aufgabe, diese rohen Sinnesreize in erste Formen zu pressen, auf der anderen Seite den Begriffen jene Bilder zu liefern, die die Anwendung des Begriffs ermöglichen. (siehe auch Schauer / Erkenntnis)

Zur Archäologie des Bildes

Ganz so einfach ist es allerdings bei Kant nicht, dies möchte ich zwar nicht ausführlich, doch zumindest anmerken. Eliane Escoubas seziert in ihrem Aufsatz Zur Archäologie des Bildes. Ästhetisches Urteil und Einbildungskraft bei Kant die Rolle der Einbildungskraft im Spiel der Vermögen. Und hier zeigt sie, dass die Einbildungskraft sowohl den Vorrang des Verstandes, als auch den Wahrheitsbegriff Kants unterläuft, so dass sich die Definition, die ich eben gegeben habe, nicht halten lässt. Uns soll sie aber zunächst genügen. Eine ausführliche Diskussion von Kant kann ich hier nicht leisten, nicht nur aus Platzgründen, sondern auch, weil mir sein Werk immer noch recht verschlossen ist. (Der Aufsatz findet sich in dem von Volker Bohn herausgegebenen Sammelband Bildlichkeit, Frankfurt am Main 1990.)

Muster im Diskurs

Schaut man sich die neueren Entwicklungen an, zum Beispiel Foucault, zum Beispiel Bachtin, und beides sind ja „verkappte“ Kantianer, dann hat sich die Bildung der Formen von der Vernunft gelöst und ist, zumindest zum Teil, in die Kultur übergegangen. Wie dies genau geschieht, lässt sich dann wieder nicht so präzise angeben. Zumindest aber kann man sagen, dass wichtige Muster gerade nicht transzendental vorliegen, also der reinen Vernunft zugerechnet werden müssen, sondern der Kultur. Die Kultur prägt die Formen des Denkens; und so Unrecht hatte Marx nicht, wenn er in der fünften These über Feuerbach schreibt: »Feuerbach, mit dem abstrakten Denken nicht zufrieden, appelliert an die sinnliche Anschauung; aber er fasst die Sinnlichkeit nicht als praktische, menschlich-sinnliche Tätigkeit.«
Anders aber als Marx würde ich den Rhythmus als wichtige Bedingung der Erkenntnis herausheben. Dieser ist natürlich auch der praktischen Tätigkeit eigen; doch ist die Sinnlichkeit selbst auch durch Rhythmen geprägt, so dass die sinnliche Anschauung nicht direkt in eine praktische Tätigkeit aufgehen muss.

Rhythmen

Meine Idee geht nun von solchen Wiederholungen aus. Wenn wir die Einbildungskraft steigern wollen, brauchen wir spezifische Rhythmen des Wahrnehmens und des Tätigseins. Nun hängen solche Rhythmen immer mit einem Rahmen zusammen, in dem sie stattfinden. Und als einen solchen Rahmen sehe ich die Modelle. Modelle wiederum sind geordnete, also zusammenhängende Begriffe. Diese Definition ist deshalb noch sehr vage gehalten, weil Modelle sowohl aus einer Subsumption unter einen Oberbegriff gebildet werden können, wie dies zum Beispiel bei der Maslowschen Bedürfnispyramide oder den acht basalen Emotionen von Plutchik der Fall ist. Dann stehen die Begriffe nur als zusammengehörig nebeneinander. Andere Modelle wiederum bieten ganz spezifische Verkettungen von Ursachen und Wirkungen und damit ein sehr viel strengeres Gefüge, als dies mit einer Aufzählung möglich ist.
Gegen beide Formen und auch den ganzen Zwischenbereich ist natürlich nichts zu sagen. Wer ein Modell benutzt, muss wissen, dass dieses von begrenzter Reichweite ist und man mit anderen Modellen andere Erfahrungen machen kann.
Zunächst aber bietet ein Modell die Möglichkeit, sich mit einem Stoff auseinanderzusetzen, an diesem Stoff spezifische Rhythmen auszuprobieren, ihn also einzuteilen und zu skandieren.

Modelle in der Deutschdidaktik

Führt man diesen Gedankengang wieder auf die Deutschdidaktik zurück, so bleibt ein Recht mageres Ergebnis übrig:
Es gilt, im Deutschunterricht Modelle zu benutzen, den Schülern die Anwendung dieser Modelle beizubringen, und sie – eventuell – auch selbst Modelle entwerfen zu lassen, die sie dann anwenden.
Stellt man dem allerdings wieder gegenüber, was alles als Modell gelten kann, dann steht einem fast die ganze Welt offen. So sind zum Beispiel Comics mit ihrer typischen Bildgrammatik genauso zu den Modellen zu rechnen wie die Satzgrammatik; so ist die Arbeit mit freieren Geschichtsmustern Modell ebenso wie die reine Inhaltsangabe; die Mindmap trifft sich, auf diesem abstrakten Niveau, mit der dialektischen Argumentation.
Modellieren ist also die grundlegende Tätigkeit, die der Deutschunterricht den Schülern vermittelt. Er unterscheidet sich damit nicht vom Mathematikunterricht oder vom Kunstunterricht. (siehe auch Semantisches Gedächtnis.)

Reste der Vernunft

Laut Kant wirkt die Vernunft spontan, aufgrund ihrer transzendentalen Formen. Streicht man dieses Vermögen der Vernunft und ersetzt es durch gewohnheitsmäßig erworbene kulturelle Muster, dann gilt es, solche Muster spontan werden zu lassen; dies wiederum scheint John Anderson anzudeuten (Kognitive Psychologie, Berlin 2014). Bei ihm gehen die Muster des deklarativen Wissens durch Übung in Muster des prozessualen Wissens über, was man salopp folgendermaßen beschreiben könnte: ein interpretiertes Modell wird durch häufige Übung zu einem interpretierenden Modell, bzw. ein Stück Welt bildet sich um zu einem Stück Welterfassung.
Dies nenne ich Überautomatisieren. In einer ihrer berühmten, oft zitierten Anekdoten beschreibt Maria Montessori, wie ein Kind sich fortlaufend und immer wieder mit einem Material beschäftigt, trotz des Lärms, den Montessori zusammen mit anderen Kindern veranstaltet. Montessori sieht dies als Beweis für das, was sie die „große Arbeit“ nennt. Allerdings reichen mir ihre Erklärungen nicht weit genug; ich denke eher, dass bestimmte Modelle, sofern sie lange genug eingeübt werden, aus dem deklarativen Wissen umkippen und dann beginnen, die Strukturen der Weltwahrnehmung zu verändern. Typisch für solch eine Haltung ist, dass die Kinder (aber auch die Erwachsenen) nicht wirklich sagen können, was sie gelernt haben. Die Beschäftigung an sich scheint hier wichtig zu sein. Aber, um dies noch einmal deutlich zu sagen, ist dies wohl nicht der wichtige Anteil am Prozess; dieser geht im Stillen vor sich als ein (Sich-)Umstrukturieren.

07.08.2015

Zurückschauen, vereinfachen (Verrätselung)

Das mache ich gerade: ich sehe alle meine alten Notizen durch, zumindest alle, die im Zettelkasten stehen. Allerdings schreibe ich nicht, sondern ich zeichne, entwerfe Schaubilder und kleine Skizzen. Um mich herum stehen Behälter mit Stiften, Buntstifte, dicke und dünne Faserstifte und die ganz wunderbaren Pinselstifte mit Künstlertusche, zudem vier Kugelschreiber und mehrere Bleistifte.

Verrätselung

Alte Notizen

Anfang Juli habe ich begonnen, statt in den Computer in ein Schreibheft zu schreiben. Mittlerweile ist dieses fast voll. Ich habe es allerdings auf mehreren Seiten fast ausschließlich mit Schaubildern vollgefüllt.
Gerade arbeite ich zur Verrätselung. Und kehre zu ganz alten Notizen zurück, solchen, die ich 2007 gemacht habe, eventuell schon früher (ich kenne nur das Datum, zu dem ich meine Notizen in den Zettelkasten übertragen habe, nicht mehr das Datum, zu dem ich die Notiz tatsächlich gemacht habe). Die Verrätselung war mit ein Grund, warum ich mich dann in den letzten Jahren sehr intensiv und der Argumentationslehre auseinandergesetzt habe.

Rätsel, linguistisch gesehen

Alle meine Notizen, die zu Harry Potter, zu diversen Büchern von Stephen King, zu allen möglichen Krimis, liegen seit Jahren ohne System und ohne Ordnung auf meinem Computer. Da ich diese jetzt aber besser überblicken kann, stellt sich die Verrätselung als etwas recht Einfaches dar.
Ein Rätsel ist nichts anderes als eine zerstreute und entstellte Definition eines Willens. Jemand will etwas. Doch das, was er will, bleibt dem Leser (und dem Protagonisten) verborgen. Sichtbar wird nur ein Teil des Handlungsresultats (zum Beispiel ein Tatort). Die Rekonstruktion, die der Krimi leistet, zielt natürlich auf die Motivation des Täters ab. Zumindest im klassischen Krimi verläuft sie vom Tatort zum Tathergang zum Tatmotiv und schließlich zum Täter.

Der Widersacher

Im Mittelpunkt

Das bedeutet natürlich auch, dass nicht der Detektiv im Mittelpunkt der Planung steht, sondern sein Kontrahent. Das gleiche lässt sich aber auch von Fantasygeschichte sagen, die einen deutlichen Bezug zum Kriminalroman haben, wie zum Beispiel Harry Potter oder die Chroniken der Unterwelt. Bei Harry Potter ist dies natürlich Lord Voldemort; in Chroniken der Unterwelt heißt der Widersacher Valentin. Diese wollen etwas; dadurch wird die Welt des Protagonisten gründlich durcheinandergewirbelt (weil der Protagonist etwas anderes will).

Bruchstücke

Eine Verrätselung findet nun in dem Sinne statt, dass die Taten des Widersachers nur bruchstückhaft und unzusammenhängend in die Welt des Protagonisten hineingeraten. Die erste Aufgabe des Schriftstellers ist also, den Willen des Widersachers in dieser bruchstückhaften Weise vor dem Protagonisten und dem Leser auszubreiten.
Und da diese Bruchstücke nicht richtig zugeordnet werden können, stellt der Protagonist allerlei Vermutungen darüber an, was dieses oder jenes bedeuten könnte. Er interpretiert diese Bruchstücke, den Tatort oder die Zeitungsmeldung, die geheimnisvolle Stimme oder das abgehörte Telefon; und je nach Willen des Autors interpretiert er falsch oder richtig: er rekonstruiert oder entstellt jenes, was der Täter gewollt hat.

Metonymisieren

Hier nun kommen die Metonymien ins Spiel. Jedes Rätsel basiert auf diesen.
Wenn man als Autor von Kriminalromanen (oder diesen ähnlich stehenden Genres) also tatsächlich von dem Willen des Bösen (oder Täters oder Widersachers) ausgeht, und man nun gut daran, den ganzen Plan, den sich der Widersacher ausgeheckt hat, zu metonymisieren.
So will Lord Voldemort an den Stein der Weisen gelangen. Zunächst aber bekommt Harry Potter davon nur Bruchstücke mit. Wenn er mit Hagrid in die Verliese der Zaubererbank fährt und dort einen ersten Blick auf das geheimnisvolle Päckchen erhascht, dann kennt er weder den Inhalt des Päckchens noch die gesamte Bedeutung. Bei einer Metonymie weiß man, worauf sie zeigt, bzw., welche Vorstellung man sich dazu machen muss. Bei dem geheimnisvollen Päckchen allerdings ist genau dieser Platz leer; dies nenne ich eine leere Metonymie. Sie ist natürlich nicht leer. Gäbe es jenen anderen Ort, jene Vorstellung nicht, hätten wir keine Metonymie vorliegen, sondern nur ein ganz gewöhnliches Zeichen. Aber jede Metonymie verweist auf einen größeren Zusammenhang. Jede Leiche mit einem Messer in den Rücken zeigt auf ein größeres Ganzes, auf einen Tathergang, auf ein Tatmotiv.

Täuschung

Umgekehrt kann natürlich der Autor den Leser zunächst hinters Licht führen und behaupten, dass eine bestimmte Metonymie nur ein Zeichen ist. Der Turban von Professor Quirrell verbirgt Lord Voldemort. Doch zunächst lässt uns der Text glauben, und über lange Zeit glauben, dass der Turban nur ein Turban ist.
Damit einher geht oft eine falsche Erklärung. Als Harry Potter zum ersten Mal in der großen Halle des Schlosses Hogwarts sitzt, spürt er plötzlich ein Brennen seiner Narbe. Auch das ist eine leere Metonymie. Doch Harry erklärt sich dieses Ereignis sofort, indem er Professor Snape als Ursache vermutet. Er versteht also, dass das Brennen seiner Narbe eine Metonymie ist, aber er füllt diese Metonymie falsch auf. Dies ist, von der Zeichentheorie her gesehen, die Definition einer Täuschung: sie ist eine falsch aufgefüllte Metonymie. So kann in einem Koffer etwas vermutet werden, dass dann doch nicht in ihm ist; so kann der Detektiv glauben, der Mörder habe das Fenster zerbrochen, obwohl es die Ermordete war.

Die Welt der Zeichen

So reduzieren sich ganze umfangreiche Bücher auf wenige grundlegende Elemente.
Natürlich ist es dann doch nicht ganz so einfach. Nur von dem Blick des Rätsels aus gesehen kann man zu einer solch einfachen Definition kommen.
Zumindest eine Sache sollte dem Autor allerdings bewusst sein: was auf der Ebene der Zeichen einfach nur Definitionen und Metonymien sind, gilt nicht für die Welt des Protagonisten. Dort ist es eben ein konkreter Turban, eine konkrete Stimme aus der Wand, ein tatsächlich verwüstetes Zimmer, eine wirkliche Leiche. All das, was der Autor dann zu schildern hat, muss geschehen, als ob die Welt real wäre; Leser wollen sich etwas vorstellen, nicht Zeichengefüge untersuchen. Sich aber im Bewusstsein zu behalten, dass ein Krimi auch nur ein Zeichengefüge ist, mag dem Autor helfen, wenn er dabei ist, ein Rätsel zu konstruieren.

Ein früherer Aufsatz von mir ist dazu sehr hilfreich: Krimis plotten und schreiben. Dieser Artikel hat allerdings das Problem, dass er sich noch zu sehr auf die Tätigkeit des Detektivs konzentriert. Die erscheint mir heute, obwohl sie dann im Roman im Mittelpunkt steht, als recht unwichtig, wenn man beim Planen ist. Trotzdem zeige ich dort die enge Verknüpfung zwischen Argumentation und Krimiplot sehr gut.

02.08.2015

seltsame Bücher über Java

Ein Buch habe ich mir mit in den Urlaub genommen, das ich höchst eigentümlich fand (aber ich vermutete dessen Nutzen): Schrödinger programmiert Java.

Kulturen

Nachbauen

Ich beschäftige mich immer wieder mit der Programmierung, einer Sache, die mir nicht nur aus Nostalgie nahegelegt wird, sondern weil ich sowohl die Sprache der Programme selbst als auch die Sprache der Lehrbücher interessant finde. Es gibt für mich viele Gründe, das zu tun. Gelegentlich genieße ich es, einfach auch mal ein funktionierendes Programm zu schreiben. Und gerade ist es mir tatsächlich gelungen, ein Fenster zu programmieren, in dem man in einem Textfeld einen Text eingeben kann, daraus einen ausgewählten Ausschnitt (oder mehrere) fett markieren kann und die Markierung auch wieder aufheben kann. Was als absurd einfacher Texteditor gelten könnte, ist für mich ein größerer Erfolg: ich habe verstanden, wie so etwas funktioniert.

Pathos des Dazwischen-Gehens

Einen anderen Grund, warum ich Java interessant finde, ist die Möglichkeit, von dort aus Ereignisse anders zu beschreiben. Tatsächlich legt gerade Java ein sehr dicht an unserer Wahrnehmung und unseren Handlungskonzepten orientiertes System an. Es ermöglicht damit, wenn man es als Denkprinzip nimmt, eine sehr enge und handlungsorientierte Arbeit am Material.
Und noch aus einem anderen Grund finde ich die Arbeit mit Java interessant: sie verändert den Blickwinkel auf bestimmte kulturelle Phänomene. Dazu habe ich, unter dem Titel Pathos des Dazwischen-Gehens vor einigen Jahren zu Roland Barthes Buch Das Reich der Zeichen folgendes notiert:
Man müsste so, am Rande der Rituale und der kulturellen Verschiebungen, seine Texte schreiben. Dies wäre ein Schreiben, das sich zwischen den Zusammenstoß zweier Ereignisse setzt und weniger die Empirie notiert, als den Pathos des Dazwischen-Gehens.
In gewisser Weise ist Java sogar eine sehr affektive Sprache.

Notieren

Die Frage, warum mich Java so beschäftigt, ist also eine kulturelle Frage. Das geduldige Nachzeichnen von Funktionsweisen bleibt für die Beschreibung von kulturellen Phänomenen auf jeden Fall nützlich. Zudem bietet es eine Syntax an, die relativ kurz und dabei übersichtlich ist.
(Ein Problem, das ich gerade bei der Didaktik des Lesens habe: man kann Texte auf sehr verschiedene Arten und Weisen lesen: aber wenn man hier einfach vom Text ausgeht, bleibt man unbestimmt: ein Text besteht aus vielen Schichten und erst der Blickwinkel bringt die eine oder andere Schicht an die Oberfläche: eine präzise Notierung erzwingt das Nachdenken über die Schicht, die man beim Lesen fokussieren möchte.)

Grafische Aufbereitung

Was mich an Schrödinger programmiert Java noch interessiert hat, war die grafische Aufbereitung. Ich hatte vor einigen Monaten das Buch Denken mit dem Stift vorgestellt. Das finde ich immer noch sehr anregend. Wenn ich das nun mit dem Aufbau des Java-Buches vergleiche, so ist das Java-Buch zu unruhig gestaltet. Es gibt zu viele Schrifttypen, zu viele Blickfänger, eine zu vielseitige Leserichtung (nicht nur von oben nach unten und gelegentlich wieder zurück, sondern eigentlich kreuz und quer). Auf der anderen Seite sind die Texte aber recht klar geschrieben und vor allem beginnen sie dann doch mit dem Wesentlichen (im Gegensatz zu den beiden JavaCore-Büchern).

Schrödinger programmiert Java

In achtzehn Kapiteln und auf 695 Seiten bietet dieses Buch also eine peppig aufbereitete Einführung in die Sprache Java. Von den grundlegenden Daten, dem Kontrollfluss und der Arbeit mit Strings arbeitet sich das Buch dann durch die Vererbung und Kapselung, komplexe Datensammlungen, der Speicherung und den Threads bis zur Programmierung von Windows und die Anbindung ans Internet durch.
Inhaltlich finde ich es gut: die Kapitel beginnen mit grundsätzlichen Hinweisen, die dann mit tiefergehendem Wissen erweitert werden. Die Texte selbst sind verständlich; allerdings sollte man sich gerade als Anfänger tatsächlich von vorne nach hinten durcharbeiten, da Fachbegriffe später nicht mehr erklärt werden. Ein rascher Blick in den Umgang mit Dateien hat mir gezeigt, dass ich mich erstmal vorher, in den vorausgehenden Kapiteln, aufhalten sollte: später habe ich dann verstanden, wovon der gute Mensch dort schreibt.
Was die visuelle Aufbereitung angeht, bin ich durchaus zwiegespalten. Auf der einen Seite finde ich die Seiten teilweise viel zu unruhig. Auf der anderen Seite allerdings sehe ich mir die Seiten dadurch anders an, sortiere mein bisheriges Java-Wissen neu und versuche es, an dieses Buch anzupassen; und dadurch bewegt sich dann tatsächlich etwas. Wie ich es eben jetzt geschafft habe, ein ganz rudimentäres Textverarbeitungsprogramm zu schreiben.

01.08.2015

Cloud usw.

Es sind Ferien. Und eigentlich sollte ich viel zum Schreiben haben. Aber wie ihr seht, bin ich dieses Jahr wenig zum Schreiben von Blogeinträgen gekommen, obwohl ich mir viel notiert habe. Es war wohl zu viel.

Textkohärenz

Insbesondere beschäftigt mich gerade mal wieder das Thema Textkohärenz. Gut, dazu gab es in diesem Blog bisher noch nicht so viel zu lesen. Jasmin Merz-Grötsch bezieht sich bei der Bewertung von Schülertexten explizit auf Kohärenzmittel des Textes (in: Texte schreiben lernen. Seelze 2014).
Nun ist das so eine Sache mit der Kohärenz. Zunächst gibt es grammatische Markierungen, die auf Gewohnheiten beruhen. So sind Pronomen nicht nur in der Lage, Satzsubjekte und Satzobjekte auszudrücken; sie verweisen auch auf vorausliegende Sätze. Fehlt die konkrete Benennung eines solchen Subjekts, auf das ein Pronomen verweisen könnte, dann finden wir das ungewöhnlich:
Er ging die Straße hinunter. So, wie er es jeden Tag tat. Er stieg an der Ecke in den Bus. Von dort aus überquerte er zusammen mit anderen Angestellten den Hudson River. Der Tag versprach einen stählernen Himmel und flirrende Luft über den kochenden Straßen.
Trotzdem das Subjekt nicht eingeführt worden ist, empfinden wir den Text aber als zusammenhängend. Zum einen sorgen die Wiederholungen dafür: wir akzeptieren als Leser schließlich, dass das Subjekt nur durch ein "er" ausgedrückt wird. Zum anderen bewegt sich der ganze Text in einem einheitlichen semantischen Feld. Obwohl dieses nicht direkt genannt wird, erschließen wir es leicht: der morgendliche Weg zur Arbeit.

Cloud

Ich mag meine Cloud: man kann von überall auf der Welt auf seine Arbeiten zurückgreifen. Gelegentlich ist die Verbindung recht langsam. Aber im Vergleich zu früher ist es absolut komfortabel, sich mit den ganzen Büchern nicht mehr abschleppen zu müssen, egal, ob man nun in Berlin in einem Café sitzt oder irgendwo in Portugal in einem Bungalow (sofern dieser ein WLAN hat).

Zettelkasten

Vor drei Jahren hatte ich das Projekt, meinen Blog komplett in meinen Zettelkasten einzufüttern, begonnen. Auch dazu finde ich keine Zeit. Mittlerweile bin ich im Juli 2008 angekommen (erst!). Das war eine spannende Zeit, in der ich viel zum szenischen Schreiben gearbeitet habe; zudem hat sich hier mein Blick zunehmend von den Metaphern abgewandt und den Metonymien zugekehrt. Diese sind für das Schreiben dramatisch wichtig.

17.07.2015

Ausnahmen

Immer, wenn ich mich mal wieder mit der Entwicklung der menschlichen Kognition beschäftige, lese ich auch meine Bücher zum objektorientierten Programmieren. Dieses ist der menschlichen Kognition sehr ähnlich, zumindest der menschlichen Kognition, wie die Psychologen sie darstellen. Davon aber vielleicht ein andermal mehr.
Viele Informatikbücher halte ich für ungeschickt geschrieben. Manche sind auch so technisch, dass sie von vorneherein nur noch Eingeweihten zugänglich sind; andere wieder purzeln in solchen Gedankensprüngen durch die Materie, dass man den Texten eine fehlende Leserorientierung bescheinigen muss.
Ungut z. B. ist folgende Einführung in der Verwendung von Klassen:
Da man in Java nichts ohne Klassen tun kann, haben Sie bereits viele Klassen im praktischen Einsatz gesehen. Leider passen viele von ihnen nicht in das übliche Java-Schema. Ein Beispiel dafür liefert die Klasse Math.
Horstmann, Cay/Cornell, Gary: Core Java Band I, S. 141
Wie es nun wirklich mit den Klassen aussieht, normalerweise, erfährt der Leser nicht direkt. Es werden sofort Ausnahmen benannt, die gerade nicht das übliche Funktionieren von Java beschreiben.
So etwas verwirrt gelegentlich.
Nun ist gerade dieses Buch, Core Java, im Allgemeinen sehr verständlich geschrieben. Insofern habe ich mir hier eine faule Rosine herausgepickt. Und insofern man sich tatsächlich schon einmal intensiver mit Java beschäftigt hat, kennt man natürlich eine der wesentlichen Merkmal des objektorientierten Programmierens, den Umgang mit Klassen und die Erzeugung von Instanzen.

12.07.2015

Gewaltfreie Kommunikation

Gelegentlich muss ich mir große Fehler eingestehen. So hatte ich in den letzten Jahren gelegentlich das Vergnügen (also eigentlich das „Vergnügen“), es mit Vertretern der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg zu tun zu bekommen. Ich habe mich regelmäßig ziemlich gegraust, ein völlig esoterisches Völkchen, die die allergrößten Dummheiten durch die Gegend warfen, diese aber als besonders hilfreich empfanden, wohl weil diese mit einer möglichst sanften Sprechweise vorgetragen wurden.
Nun wurde mir diese Aufgabe erneut zugetragen; diesmal allerdings muss ich nicht Rücksicht auf irgendwelche seltsamen Zeitgenossen nehmen. Also habe ich mir gestern Bücher zu dem Thema gekauft, teils von Rosenberg selbst, teils von prominenten Vertretern seiner Methode. Und siehe da, es gibt doch wesentlich mehr Anknüpfungspunkte, als ich gedacht hätte.

Fehllektüre

Wie immer scheint diese recht lückenhafte Lektüre des Originals vor allem dadurch zustande gekommen zu sein, dass die Vertreter wenig Vergleichsmöglichkeiten mitgebracht haben. Etwas ähnliches bemängelte ich ja schon seit Jahren bei der Wiedergabe neurophysiologischen Erkenntnissen. Wenn hier nicht von außen weitere Fragenstellungen an ein Buch herangetragen werden, so hat es den Anschein, werden wichtige Aspekte einfach überlesen.
Früher hat man dies durch eine gute Allgemeinbildung verhindern können. Heute gibt es eine solche gute Allgemeinbildung nicht mehr; zumindest nicht mehr so häufig (oder unsere modernen Massenmedien geben den Menschen mit einer geringen Allgemeinbildung zu häufig die Gelegenheit, sich zu produzieren). Doch auch dann, wenn man eine solche Bildung wertschätzt, ist der Kanon des zu Erlernenden unsicher geworden, eine Entwicklung, die ich durchaus begrüße, auch wenn es mir bei bestimmten Themen (bei meinen Lieblingsthemen) schwer fällt, wenn andere Menschen sich gerade dafür nicht interessieren.
Bildung, so könnte man heute behaupten, ist durch eine flexiblere Vernetzung verschiedener Themenbereiche zu ersetzen. Die Erforschungen zum guten Lernen in den letzten Jahren zeigen sehr deutlich, dass das Wissen weniger in hierarchischen Bäumen, als in einem polyvoken Geflecht organisiert ist.

Gefühle und Bedürfnisse

Giraffen und Wölfe

Was habe ich mich über die Begriffe Giraffensprache und Wolfssprache lustig gemacht. Und tatsächlich sind es recht unglücklich gewählte Begriffe, zumindest, wenn man sich einigermaßen mit den Tieren auskennt. Zudem kommt noch hinzu, dass Deleuze und Guattari, zwei Philosophen, die mich seit 25 Jahren sehr interessieren, einen ebenso engen, aber ganz anderen Gebrauch dieser beiden Tiere zeigen.

Giraffensprache I

Allerdings kann ich mich mit der Giraffensprache aus ganz unterschiedlichen Gründen anfreunden. Und so, wie Rosenberg es schreibt, klagen wir sogar auf ähnliche Art und Weise.
Rosenberg kritisiert, dass unsere Sprache zu wenig Bedürfnisse und Gefühle thematisiert, dass immer von Forderungen, Pflichten und Normen gesprochen wird. Und genau dies hatte ich bereits vor vielen Jahren insbesondere an deutschen Schriftstellern kritisiert. Meine Intention war zwar eine völlig andere: ich fand die Erzählungen zu oft unlebendig, hölzern. Und wer liest schon gerne solche Erzählungen? Doch auf den zweiten Blick sind unsere Absichten gar nicht so verschieden. Bedenkt man nämlich, dass viele unserer Bedürfnisse und Gefühle ähnlich sind und dadurch eine Identifikation ermöglichen (zumindest, wenn man Fritz Breithaupt - Kulturen der Empathie - folgt), dann sind dies genau die Punkte, durch die man sowohl mit einer Hauptfigur mit fiebert, als auch gegenüber einer realen Person respektvoller und achtsamer handelt.
Im Prinzip bin ich also ebenfalls ein Vertreter der Giraffensprache. Nicht ganz so sicher bin ich mir, vor allem bei den von mir bevorzugten Erzählungen, ob es immer so gewaltfrei zugehen muss.

Noch ein alter Bekannter: Verbinseln und propositionale Relationen

Körperraum und Seelenwelt

Mehr aber noch scheint mir, dass die gewaltfreie Kommunikation eine solche ist, die ein Subjekt (also das jeweilige Selbst) in seiner Umwelt verortet. Ich hatte diese Techniken einmal sehr ausführlich in Bezug auf die Romane von Stephen King behandelt, hier unter den Begriffen Körperraum und Seelenwelt, behandelt. Körperraum und Seelenwelt trennen zugleich die physikalische von der sozialen Welt, die naturwissenschaftliche von der ethisch-politischen Argumentation. Die Verortung (die ich gelegentlich auch Trivialisierung nenne) geht mit einer Trennung zweier Sphären einher.

Verbinseln

Tomasello schreibt in seinem Buch Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens von der Ausbildung komplexerer grammatischer Strukturen. Zunächst zeigen Kleinkinder eine sogenannte Pivot- oder Angelgrammatik; damit ist ein Satzbau gemeint, der anhand eines feststehenden Wortes ein zweites, variables Wort zeigt: Mama alle (die Mutter ist nicht zu sehen), Milch alle (die Milch ist leer), Baby alle (das Kind hat sich versteckt). Dann rücken rasch Verben ins Zentrum des Sprechens: daraus entsteht die Verbinsel-Grammatik, bei der das jeweilige Verb mehr oder weniger feststehende Plätze ausbildet, die durch andere Wörter zu besetzen sind. Diese Plätze nennt man Aktanten.
Aktanten fügen einem Satz gleichsam das Material hinzu, während das Verb die Bewegung bezeichnet; ein Satz bildet so eine Art bewegter Komposition. Der Subjektaktant hat darin einen vorrangigen Platz, weil von ihm oft die Absicht zur Bewegung oder das Weitertragen der Bewegung ausgeht, je nachdem, ob es sich um ein lebendes Wesen oder einen physikalischen Körper handelt. (Ich weiß natürlich, dass diese Art der Beschreibung sehr naiv ist und keineswegs der komplexen Grammatik entspricht, die erwachsene Menschen sprechen.)

Piaget mit Bruner

Nach Piaget entwickelt sich das menschliche Denken in vier großen, prägnanten Phasen. Zwar hat die Entwicklungspsychologie hier vieles revidieren müssen und mittlerweile ist auch nicht mehr so sicher, ob Menschen im allgemeinen die vierte Phase erreichen können, aber zumindest ist dieses Schema im Groben immer noch hilfreich.
Die zweite Phase zeichnet sich dadurch aus, dass Vorstellungen und Wörter aneinandergeklebt werden. Piaget nennt diese die präoperationale Phase. Sie reicht von anderthalb Jahren bis zum sechsten Lebensjahr. Tatsächlich ist diese Einteilung aber schwierig. Tomasello zitiert Forschungsergebnisse, die deutlich zeigen, dass die konkret-operationale Phase, also die auf die präoperationale Phase folgende Stufe, in ganz spezifischen Fällen wohl schon biologisch angelegt ist. Eher kann man hier also von einer Dominanz eines bestimmten Denkens sprechen.
Während die präoperative Phase also die Gegenstände aneinanderkettet, organisiert die konkret-operative Phase diese um eine Tätigkeit, bzw. um eine Verbinsel herum. Der entscheidende Übergang findet sich zum Beispiel auch in der Entwicklung grammatischer Kompetenz, wenn die Pivotgrammatik durch die Verbinselgrammatik abgelöst wird (allerdings wesentlich früher als Piaget dies postulierte).
Jerome Bruner hatte diesen Übergang bereits Ende der sechziger Jahre in seiner starren Form aufgebrochen und behauptet, dass in zentralen Tätigkeitsgebieten die konkret-operative Phase wesentlich früher erscheine. Dazu trugen, nach Bruner, zum einen die flexiblere gedankliche Handhabung gut bekannter Gegenstände bei, zum anderen die raschere Fähigkeit, diese zu kategorisieren (also semantische Mengen zu bilden).

Selbstdifferenzierung

Bedürfnisse und Gefühle wiederum rücken dann in den Blick, wenn die kompakte Einheit, die Kinder sich selbst zuschreiben, durch verschiedene, nicht gleichzeitig erfüllbare Bedürfnisse und ähnlichem aufgebrochen wird. Das Kind lernt sich als geteilt, differenziert und entscheidungsfähig kennen. Die Sprache hilft dabei, weil durch sie weiter auseinanderliegende Ereignisse rasch und eng geführt werden können (in der Literaturwissenschaft wird dies mit den Begriffen Erzählzeit und erzählte Zeit ausgedrückt: die Erzählzeit ist die Zeit, die für den Vorgang des Erzählens notwendig ist, während die erzählte Zeit die inhaltlich markierte Zeit ausdrückt: je nach Verhältnis spricht man auch von einer Zeitraffung oder (was seltener ist) einer Zeitdehnung; springt die Erzählung von einem Zeitmoment zu einem anderen, nennt man dies gelegentlich Zeitsprung).
Diese Fähigkeit der Sprache scheint auf das Engste mit der Selbstdifferenzierung verbunden zu sein, weshalb zum Beispiel die Ausdifferenzierung sozialer Kompetenzen und eines komplexen Innenlebens nicht nur an die sprachlichen Inhalte, sondern auch an die sprachlichen Strukturen geknüpft erscheint.

Giraffensprache II

Die Giraffensprache, so wie Rosenberg sie darstellt, verwirklicht zuallererst diese Aspekte. Ihre Besonderheit besteht dann vor allem darin, dass sie das Augenmerk auf das Innenleben richtet und vor allem den Ausdruck von Bedürfnissen und Gefühlen betont.
Hier kann man übrigens eine Normierung finden, die die Gewaltlosigkeit der gewaltfreien Kommunikation von Anfang an unterläuft. Attributionen, selbst oder gerade auch solche, die die Innerlichkeit der Empfindungen in die Äußerlichkeit der Sprache umstülpen, generalisieren immer: sie haben den Hang wiederholt und damit statisch zu werden. (Aber man kann sich hier größere Einheiten vorstellen: solche, die typische Abfolgen benennen und erfahrbar machen.)

Macht und Gewalt

Macht mit ... und Gewalt über ...

Gar nicht so entfernt liegt Rosenbergs Unterscheidung von Macht mit ... und Gewalt über ... von der Unterscheidung Arendts zwischen Gewalt und Macht. Arendt schreibt, dass Macht zwischen Menschen entsteht, die miteinander kooperieren. Dagegen übt die Gewalt sich aufgrund eines einseitig imaginierten Verhältnisses aus; einseitig imaginiert ist dieses Verhältnis deshalb, weil natürlich auch hier Menschen gemeinsam Macht ausüben, allerdings aufgrund von oftmals althergebrachten Verhältnissen der Angst, Gewohnheit oder Blindheit. Die irrealen Imaginationen schieben sich über das Aushandeln und Aushandeln-Können und blockieren diese. (Ich folge hier Arendts Argumentation nur bedingt, der Einfachheit halber; zwar habe ich sie noch nicht gründlich gelesen, aber schon bei einer ersten Lektüre ist mir die Schwäche ihrer Position in Hinsicht auf die Einbildungskraft und strukturelle Gewalt (isolierende Bedingungen) aufgefallen: hier bevorzuge ich Foucault, Butler oder Zizek. Wobei ich alle drei ebenfalls nicht wirklich gut kenne.)

Politik: Zwischen den Menschen

Allerdings ist dieses Zwischen von Rosenberg nicht weittragend genug. Er hat nicht verstanden, inwieweit dieses Zwischen gerade keine anthropologische Konstante ist (und, liebe Leser meines Blogs, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, Arendt durchzukommentieren, hätte ich euch dazu bereits mehr wissen lassen). Hannah Arendt dagegen bringt hier ihren zunächst recht schlichten, doch dann sehr kühnen Vorschlag, was der ursprüngliche Ort der Politik sei:
Die Philosophie hat zwei gute Gründe, niemals auch nur den Ort zu finden, an dem Politik entsteht. Der erste ist: 1) ζϖον πολιτικόν: als ob es im Menschen etwas Politisches gäbe, das zu seiner Essenz gehöre. Dies gerade stimmt nicht; der Mensch ist a-politisch. Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen. Es gibt keine eigentliche politische Substanz. Politik entsteht im Zwischen und etabliert sich als Bezug.
Arendt: Was ist Politik?, S. 11
Hier bleibt anzumerken, dass Hans Blumenberg ebenfalls auf der Trennung von Anthropologie und Intersubjektivität beharrt (Beschreibung des Menschen, S. 55), während die Intersubjektivität als eine Art Anerkennung durch ordnende Gewohnheit (S. 466) in die Verweltlichung und Verleiblichung des Ichs eingeht.
Macht, so müsste man Arendt mit Blumenberg paraphrasieren, ist intersubjektive Verlässlichkeit der Selbstwirksamkeit in der Lebenswelt. Gewalt, so darf ich hier weiterspinnen, beschneidet die Selbstwirksamkeit und damit die intersubjektive Verlässlichkeit, mithin die Lebenswelt als solche. Gewalt ist, um ein Zitat Blumenbergs umzudrehen, Daseinsgewinn durch Existenzverlust.

Rückkehr zur politischen Substanz

Rosenberg denkt die Intersubjektivität nicht weit genug. Letztlich kehrt er doch zum Subjekt als metaphysischer Substanz zurück. Natürlich muss er vereinfachen; doch zumindest sollte man im Auge behalten, dass hinter der schönen Oberfläche der gewaltfreien Kommunikation der Rückfall in alteuropäische Traditionen hervorschaut. Genauer gesagt setzt diese das Subjekt als irgendwie fertig konstituiert voraus: die Gesellschaft entfaltet das Subjekt nur oder hindert es an seiner Entfaltung (z. B. durch Entfremdung). Dagegen ist die Argumentation Arendts zirkulär: indem sich die Intersubjektivität von Anfang an ausbildet, bildet sich das Subjekt; und je mehr, je differenzierter diese Intersubjektivität, desto differenzierter und reicher das Subjekt. (Aber natürlich ist auch das nicht so einfach: wenn die Macht nicht rein repressiv, sondern auch produktiv ist, nützt einem ein solcher Zirkelschluss wenig, um die Bedingungen der Intersubjektivität zu bestimmen: auch dann ersetzt man die produktive Seite der Macht, wenn auch wesentlich direkter, durch die Transzendenz eines Regelkreises. Eine schöne Analyse dazu findet sich bei Judith Butler: Psyche der Macht, S. 98-100)

Analyse und Sättigung

Natürlich wäre eine genauere Analyse wünschenswert. Rosenberg argumentiert klug. Vor allem argumentiert er zum Teil recht komplex, auch wenn seine Sprache zunächst einfach erscheint. Es ist leicht, über bestimmte Dinge hinwegzulesen, etwa die völlig andersartige Konzeption seines Machtbegriffs, der sich nur noch wenig mit dem Alltagsbegriff überschneidet. Dadurch verschieben sich aber auch alle anderen Begriffe, etwa das Urteil, der Dank, die Strafe. Oder auch der Begriff der Verlässlichkeit (oder Konsequenz): keineswegs aber ist dieser (um nur eine der vielen Fehllektüren zu nennen) der der Duldung (als einer Art des laissez faire). Eine genauere Analyse müsste also tiefer graben, um die Blindheiten der Gewaltfreien Kommunikation zutage zu bringen und die Texte Rosenbergs in einer Weise zu sättigen, dass diese nicht mehr funktionieren können.

05.07.2015

Zwischenbericht

Es ist glühend heiß. Ich kann mich kaum bewegen. Mittlerweile allerdings bezieht sich der Himmel, so dass es hoffentlich über Nacht nicht ganz so strapaziös wird wie letzte Nacht.

Morgen ist Klassenfahrt. Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Bis Mittwoch werde ich wahrscheinlich mit einem Krisenblick herumlaufen.
Jedenfalls habe ich einige spannende Sachen geplant.

In den letzten Tagen habe ich noch weiter von Tomasello Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens gelesen. Das Buch ist ganz großartig. Ich werde es mir im Sommer gründlicher anschauen.
Ebenso bin ich (immer noch) am Lesen: Eberhard Stahl Dynamik in Gruppen. Mittlerweile lese ich allerdings nicht mehr richtig, sondern reflektiere das vergangene halbe Jahr anhand einiger weniger Vokabeln. Zentral sind mir gerade die Begriffe Arbeitsfähigkeit, symbolische Läsion und Praxis der Normalisierung. Mit der Arbeitsfähigkeit bin ich mittlerweile in einer umfassenden Diskussion angelangt, da ich Arbeit nicht mit dem Herstellen eines verwertbaren Produktes gleichsetze.

Ansonsten passiert gerade nicht viel. Ich arbeite viel, komme aber nur mäßig voran. Ich brauche viel Zeit, um all diese kleinen Arbeitsschritte gründlich zu durchdenken. Vorgestern habe ich über eine Arbeitsanweisung nachgedacht, die ich mal Mitte Mai gestellt habe. Es gibt doch mehr zu beachten, wenn man solche Sätze formuliert, als man zuallererst denkt.

29.06.2015

Schon wieder Göttingen

Ich soll ja nicht über meine Schüler schreiben. Aber mancher Schreibfehler ist einfach zu niedlich:
Aphrodite war eine der Göttingen, die den Trojanischen Krieg ausgelöst hat.
Das andere Göttingen findet ihr hier: Bad Nauheim.

28.06.2015

Verspäteter Schreibtipp

Es sollen ja, meinte ein Freund vorhin zu mir, keine sprachlichen Kunstwerke werden, als ich ihm mein Leid wegen der Zeugnisse klagte: ich bin mittlerweile beim dritten oder vierten Durchlesen und Überarbeiten.

Insgesamt bin ich ganz schön urlaubsreif.
Heute Nachmittag, als ich die warme Luft auf meinem Balkon genoss, erwischte ich mich dabei, wie ich mehrere Seiten aus Skulduggery Pleasant gelesen habe, ohne zu wissen, was ich überhaupt gelesen habe. Ich habe stattdessen über meine Schüler nachgedacht und den Text als Hintergrundrauschen genutzt.
Nicht ganz so gut.

Spannungsaufbau

Das ist eine schicke Geschichte: man schreibt etwas nicht ganz so Angenehmes (zum Beispiel Zeugnisse) und denkt an ganz andere Sachen (zum Beispiel Spannungsaufbau).

Hintergrund

Alte Blogeinträge

Vor vier Wochen habe ich endlich begonnen, was ich vor anderthalb Jahren schon einmal vorhatte: ich wollte meine ganzen Blogeinträge in meinen Zettelkasten eintragen. Oftmals habe ich doch wieder neu geschrieben, was ich schon einmal formuliert hatte, teilweise meine Blogeinträge auch verändert und erweitert, und gelegentlich, so merke ich, finden sich dabei ganz glückliche Formulierungen. Jedenfalls bin ich mittlerweile im Winter 2007 angekommen.
Dies war die Zeit, in der ich mich sehr viel mit Spannungsaufbau beschäftigt habe; später habe ich dieses Thema beiseite gelegt, weil eine linguistische Beschreibung immer wieder an die Grenzen stößt, dass jeder Mensch Spannung ganz anders empfindet und so eine linguistische in eine psychologische Beschreibung übergeht. Mich selber als Protagonisten der Spannungsliteratur zu nehmen ist allerdings etwas gewagt, da ich doch einen recht kühlen Blick auf Unterhaltungsliteratur gewonnen habe.
(Trotzdem werde ich weiter unten einige Sachen dazu schreiben.)

City of Bones

Vor etwa zwei Monaten habe ich auf einem Wühltisch die Trilogie Chroniken der Unterwelt gefunden und gekauft. In den letzten Tagen habe ich es geschafft, die ersten 90 Seiten zu lesen. Die Spannung ist mäßig. Dabei ist die Geschichte eigentlich gut. Was mich an dem Roman stört, sind die vielen statischen Sätze, vor allem all die Beschreibungen, die einem Raum, einer Person oder einem Gegenstand einfach nur Eigenschaften zuschreiben.
Aktive Verben, darum geht es. Aber nicht nur: es geht auch darum, die Beschreibungen durch Verbalmetaphern zu dramatisieren (siehe dazu Metaphorik: Strategien der Verbildlichung).

Skulduggery Pleasant

Diese Bücher sind gerade bei uns in der Schule der Hit (neben Gregs Tagebuch und Warrior Cats). Das erste Buch habe ich mittlerweile ebenfalls bis auf Seite 90 gelesen. Dazu sind auch zahlreiche Notizen entstanden, die ich wohl in der ersten Ferienwoche mal systematisieren und dann veröffentlichen werde. Was mich an diesem Buch stört, sind die zahlreichen Wortwiederholungen; nun sind Wortwiederholungen nicht an sich schlecht, wie dies häufig behauptet wird: gelegentlich sind sie sogar notwendig, um bestimmte Effekte zu erzeugen. Sie betonen bestimmte Zusammenhänge, rhythmisieren den Text, verlangsamen den Lesefluss und gehen gelegentlich mit dem Wechsel in eine auktoriale Erzählerperspektive einher, erzeugen also zugleich eine Distanz auf der Erzählebene und der Sprachebene (da die Wiederholung die Sprache, bzw. den Akt des Erzählens in den Vordergrund rückt).
Nun weiß ich nicht, ob dieses Buch einfach nur schlampig übersetzt worden ist, oder ob schon im Original mit den Wörtern zu einfallslos umgegangen worden ist. Für eine Analyse ist das allerdings nicht wichtig. Sie soll nur zeigen, was gut und was nicht so gut funktioniert, also Material dafür bieten, über das eigene Schreiben nachzudenken.

Empathie-Forschung

Überhaupt ist im Moment bei mir vieles im Fluss. Die Empathie-Forschung, die durch die Entdeckung der Spiegelneuronen in den Mittelpunkt zahlreicher Arbeiten gerückt ist, bewegt auch im Bereich der Narration und der narrativen Kompetenz eine ganze Menge. So sieht zum Beispiel Fritz Breithaupt die Empathie als eine Kompetenz an, die drei Personen (und nicht, wie man annehmen sollte, zwei) miteinander verbindet, wobei zwischen zwei Personen eine empathische Situation entsteht, während die dritte Person ausgewiesen wird: dazu gehört auch, dass zwischen zwei Personen, der einen Person, für die man empathisch ist, und der anderen Person, die man zurückweist, eine Art Konflikt herrscht. Die Lösung des Konflikts und der Beweis der Empathie wird dann über Mikroerzählungen geregelt.
Empathie ist, so könnte man sagen, eine Mischung aus Nachahmung, Problemlösen und symbolischer Repräsentation. Streng genommen ist Empathie damit eine völlig fiktive Angelegenheit. Pragmatisch gesehen existiert sie aber trotzdem, obwohl sie unwahrscheinlich, ja sogar eigentlich unmöglich ist.
Auch dies müsste ich ausführlicher darstellen: das ist nicht nur für die Autoren interessant, sondern überhaupt für die ganze Gestaltung des Zusammenlebens.
Die Narration als Effekt grundlegender (also biologischer) Bedingungen des Menschseins ist die eine Sache. Eine ganz andere Herangehensweise bietet Tomasello in seinem Buch Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Dort liefert der Autor im fünften Kapitel (Sprachkonstruktionen und die Kognition von Ereignissen) eine schön lesbare, ganz wissenschaftliche Begründung dafür, warum wir Leser aktive Verben so gerne mögen.

Spannungsaufbau

Metonymien

Was Metonymien sind, habe ich mehrfach in meinem Blog erklärt. Wenn man zahlreiche Metonymien benutzt, entstehen Umschreibungen. Etwas wird nicht direkt benannt, sondern die Benennung dem Leser überlassen.
Man könnte also zum Beispiel einen Gegenstand, nehmen wir einen Blumenstrauß, durch seine Farben, durch die Formen, die einzelnen darin befindlichen Blumen, usw., umschreiben. Dies ist tatsächlich eine schöne Möglichkeit, um einen Gegenstand (meist einen zentralen, zum Beispiel in einem Konflikt wichtige Rolle spielt) in den Mittelpunkt zu rücken.

Off

Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit, Metonymien einzusetzen. Und die ist zunächst nicht ganz so einsichtig. Man kann nämlich jede Beschreibung, jede Szene, jede Handlung ebenfalls als Metonymie verstehen. Jede gute, sinnliche Erzählung versteht den zentralen Konflikt als eine Komposition aus zahlreichen einzelnen Szenen. Diese Szenen sind gleichsam Metonymien des Konfliktes. Und ebenso werden die Charaktere einer Erzählung nicht direkt, also psychologisch beschrieben, sondern metonymisch durch ihre Handlungen und den Gegenständen, mit denen sie sich umgeben.
Dies nenne ich, angelehnt an einen Ausdruck aus der Kinotheorie, das Off. Das Off ist gerade nicht alles andere, was außerhalb eines Bildes liegt, sondern etwas Bestimmtes, was jederzeit in den Blick (der Kamera) rücken könnte, aber in den konkreten Bildern (noch) ausgespart wird.

Sinnliches Erzählen

Und hierin liegt ein weiterer Vorteil des sinnlichen Erzählens, oder, wie dies gerne auch genannt wird, im Show, don't tell! Indem sich die Szene auf konkrete Handlungen und konkrete Gegenstände konzentriert, hält sie den eigentlichen Konflikt, das große Ganze im Off, gleichsam am Rande der Aufmerksamkeit.
Die Kunst besteht nun darin, trotzdem solche Konflikte oder Bedrohungen zu schreiben, da sie ja nicht irgendwo anders, sondern jenseits des Randes der aktuellen Szene, aber eben doch dicht dabei, stattfinden müssen.

Zentrale Konflikte

Skulduggery Pleasant ebenso wie City of Bones schaffen gerade dies nicht. Teilweise verliert sich der Konflikt. Cassandra Clare bietet zu viele gleichberechtigte, aber ungelöste Konflikte an, so dass man extrem aufmerksam sein muss, welcher Konflikt nun angesprochen wird. Gegen eine solche Vorgehensweise ist nichts zu sagen; man braucht aber erfahrene und gute Leser, oder solche, die generell gerne dieses Genre lesen und so schlampig sind, dass ihnen eine leicht verworrene Erzählweise nichts ausmacht.
Derek Landy wiederum kann den zentralen Konflikt ebenfalls nicht deutlich herausarbeiten. Ganz anders als Rowling, bei der nach dem ersten Kapitel von Harry Potter der zentrale Konflikt benannt ist (Harry-Voldemort), ebenso wie ein zweiter wichtiger Konflikt (Harry-Dursleys), ist bei Skulduggery Pleasant auch nach 90 Seiten noch nicht deutlich, welcher zentrale Konflikt diesen Roman strukturieren wird. Nun ist die Geschichte schlicht genug, durch ihre skurrilen Einfälle und so insgesamt ganz angenehm zu lesen, wodurch die Leselust nicht sonderlich leidet. Aber hat man das Buch erst mal aus der Hand gelegt, fühlt man sich keineswegs dazu gedrängt, es weiterzulesen.

Erste Zusammenfassung

Für einen Spannungsaufbau ist es also wichtig, dass es einen zentralen Konflikt gibt, der gleich zu Beginn fest im Bewusstsein des Lesers verankert wird. Trotzdem darf dieser Konflikt nicht direkt benannt werden (und man lese dazu noch mal das erste Kapitel aus Harry Potter und der Stein der Weisen), sondern muss stark verdeutlicht werden, zum Beispiel, weil der Protagonist durch denselben Konflikt einen schweren Verlust (zum Beispiel die Eltern) erlitten hat.
Der Konflikt muss also im Off „anwesend“ sein; und für den Spannungsaufbau ist es günstig, wenn dies von Anfang an geschieht, zum Beispiel durch die Technik der dramatischen Ironie (vergleiche dazu: Simon Beckett: Leichenblässe. Perspektivwechsel). Durch diese kann man den Konflikt, in dem der Protagonist geraten wird, erzählen, dem Leser also einen Informationsvorsprung bieten, und trotzdem den Protagonisten zunächst von diesem Konflikt fernhalten.

Attributionen

Wenn man sich mit guten Erzählsätzen befasst, landet man ganz schnell bei Problemen der Grammatik und der Logik.
Kurz gefasst bieten gute Erzählsätze vor allem (aber nicht nur) akzidentelle Merkmale. Dazu muss man wissen, dass jeder Satz als eine Zuweisung von Merkmalen gelesen werden kann. Wissenschaftliche Sätze werden meist mit substantiellen Merkmalen und der Copula ›sein‹ gebildet: „Ein Wolf ist ein vierbeiniges Raubtier aus der Gattung der Hundeartigen, usw.“.
Erzählende Sätze dagegen kann man oftmals als veränderliche Kompositionen betrachten, wobei veränderlich heißt, dass man aus dem Satz schließen kann, dass es jetzt so ist, aber in Zukunft nicht so bleiben muss. Typischerweise gehören dazu auch solche Sätze: „Sie trug einen grünen Hut.“ Der grüne Hut gehört jetzt, aber nicht immer zu dieser Person. Er ist ein Merkmal der Umstände halber, also ein akzidentelles. Der Umstände halber betreten die Protagonisten bestimmte Räume, fahren bestimmte Autos, essen bestimmte Lebensmittel, und was auch immer. Der Umstände halber heißt also nicht, dass die Erzählung unkonkret werden müsste. Sie zeigt nur Satz für Satz, dass der Protagonist bestimmte Sachen dauerhaft bevorzugt und andere Sachen gerne rasch ändern möchte. Die bevorzugten Sachen können verloren gehen, und die ungewünschten Sachen können abgeschafft werden. Und dies kann natürlich nur möglich sein, wenn die Merkmale nicht zum Wesen einer Person, eines Gegenstandes oder eines Raumes gehören.

Aktive Verben

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Protagonist (manchmal auch mehrere). Eine der wichtigsten akzidentellen Merkmale eines Protagonisten sind seine Handlungen. Was auch immer der Protagonist und macht, es bleibt flüchtig, weil er später etwas anderes zu tun hat und weil er vorher etwas anderes getan hat. Trotzdem charakterisiert jede Handlung den Protagonisten und auch seinen Umgang mit dem Konflikt. Und vermutlich ist deshalb das aktive Verb, welches solche Handlungen ausdrückt, auch ein so starkes Mittel, um eine Geschichte spannend zu machen.

Nebenfiguren und Verbalmetaphern

Viele Erzählungen leiden daran, dass es nur einen zentralen Konflikt gibt und nur zwei Personen, die diesen austragen. Insbesondere bei unerfahrenen und schlechten Schriftstellern (wie zum Beispiel bei der frühen Nora Roberts oder dem späten Konsalik) gibt es so wenig Nebenfiguren, dass die Handlung automatisch auf den großen Konflikt zugespitzt werden muss. Das führt den Autoren allerdings vor ein riesiges Problem: die Figuren müssen handeln, ohne irgendetwas zu tun (zumindest, wenn das Buch 250 Seiten und mehr lang werden muss). Und sofern man nicht völlig einen an der Klatsche hat, wird man sich bei solchen Büchern doch eher veralbert fühlen.
Nun hatte ich zu den Nebenfiguren auch schon mehrfach etwas gesagt, was ich hier nicht wiederholen muss. Ganz interessant allerdings ist, dass in Erzählungen ein Phänomen auftaucht, welches durch metaphorisch genutzte Verben erzeugt wird. Viele metaphorisch genutzte Verben übertragen eine Handlung auf ein unbelebtes Ding, wird dieses Ding selbst wie ein Akteur, wie eine handelnde Person.
Ein Beispiel dafür ist:
Die Sonnenstrahlen durchfluteten das klare Wasser und färbten es azurblau.
Dieser Satz klingt beweglicher, aktiver, als folgender:
Das Wasser war azurblau.
Im ersten Satz werden die Sonnenstrahlen aktiv behandelt.
Dieser Effekt mag im Einzelnen minimal erscheinen. Im Ganzen aber dramatisiert er die Erzählung. Wer das nicht glaubt, der nehme sich wiederum eine Stelle aus den Harry Potter-Büchern oder von Stephen King vor, und ersetze alle Verbalmetaphern und damit alle erzählenden Sätze durch wissenschaftliche Sätze. Der Effekt wird rasch deutlich: das Erzählte wirkt hölzern und unlebendig.

Identifikation

Folgt man den jüngeren wissenschaftlichen Ergebnissen, dann besteht ein wichtiger Bestandteil des empathischen Verhaltens darin, dass Menschen die Möglichkeit sehen, genauso zu handeln wie ihr Gegenüber. Das bedeutet nicht, dass sie so handeln müssen, nur, dass sie sich vorstellen können, dasselbe zu tun. Dabei scheint es auch nicht ganz so genau zugehen zu müssen, ob dies physikalisch möglich ist. Wichtiger scheint dabei zu sein, dass eine Aktivität als Aktivität wahrgenommen oder nahegelegt wird.
Identifikationen sind also über nachvollziehbare Aktivitäten zu erreichen.
Verbalmetaphern scheinen hier, so seltsam dies klingen mag, solche Identifikationen zu stützen. Und natürlich wird man, wenn man gefragt wird, nie sagen, dass man sich mit einer Landschaft oder einem Gegenstand identifiziert (außer vielleicht in ganz seltenen Fällen). Und trotzdem ermöglicht die Sprache, dass wir auch Unbelebtes personifizieren, und dass wir darüber die Möglichkeit minimaler Identifikationen bieten.

Zusammenfassung

Genauso wie ich betont auch mein Kollege Johannes Flörsch in seinem Blog wortport.de die Wichtigkeit aktiver Verben. Und natürlich sind wir nicht die ersten. Diese Empfehlung lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zu Lessing zurückverfolgen. Im Gegensatz zu Johannes, der sich auf sein gutes Gespür verlässt, mag ich es gerne gründlicher, wissenschaftlicher, anthropologischer. Gelegentlich macht dies meinen Blog mühsam zu lesen; obwohl ich gerade hier, in diesem Artikel, recht oberflächlich argumentiert habe, betrachtet man die eigentliche wissenschaftliche Literatur. Trotzdem sollte deutlich geworden sein, dass das aktive Verb nicht nur einem Zeitgeist angehört, der alles besonders dramatisch und handlungsorientiert haben möchte, sondern zu einer Grundausstattung des Menschen gehört, die wirksam ist, bevor er überhaupt sprechen kann. Und das es bis in die feineren und komplexeren Techniken von Schriftstellern hineinwirkt.
Wer das ganze besser ausgearbeitet haben möchte, muss wohl bis zu den Sommerferien warten, wo ich hoffentlich mehr Zeit finden werde, um dazu zu schreiben.
Oder er greife selbst zu folgenden Büchern:

09.06.2015

Was der Zettelkasten noch erzählt

Angeblich hat Niklas Luhmann seine Bücher gar nicht selbst geschrieben, sondern sein Zettelkasten. Er habe diesen nur hinreichend gefüttert, so dass dieser so komplex geworden ist, dass er scheinbar einen eigenen Geist entwickelt habe.
So weit bin ich mit meinem Zettelkasten noch nicht. Trotzdem kann er einiges über mich erzählen.

Literatur

Das Buch, welches ich am häufigsten zitiert und kommentiert habe, ist Soziale Systeme von Niklas Luhmann. Das ist insofern verwunderlich, als ich seit über fünf Jahren nicht mehr hineingeschaut habe. Freilich bleibt Luhmann für mich ein wichtiger Horizont.
Ein zweites Buch, welches ich mit zahllosen Kommentaren bedacht habe, ist die Einführung in Wittgenstein von Joachim Schulte. Diese habe ich bis in den letzten Herbst hinein gelesen, wobei ich ungefähr Anfang des Jahres begonnen habe. Dass dieses doch sehr schmale Werk für mich so wichtig geworden ist, lag wohl an meinen Lebensumständen: über längere Zeit kriselte es schon in meiner Gedankenwelt. Schuld daran hatte wohl vor allem Immanuel Kant und meine recht umfangreiche Kommentierung der Kritik der Urteilskraft. Insbesondere hat mich dort die Trennung von Begriffen und Ideen, bzw. Verstandesbegriffen und Vernunftbegriffen, recht ratlos zurückgelassen. Seitdem habe ich, vor allem auch bei Hannah Arendt, dieser Trennung zu folgen versucht.
Erst das dritte Buch bezieht sich dann vor allem auf meinen Beruf: es ist das Lehrwerk Psychologie von Gerrig und Zimbardo. Danach folgt eine Einführung in das Werk von Hannah Arendt, geschrieben von Thomas Wild. Dieses Buch habe ich eigentlich nicht ausführlich kommentiert; aber zahlreiche Passagen, die ich bei Hannah Arendt selbst dann durchgearbeitet habe, sind hier versammelt. Hätte ich diese getrennt, wäre Zahl der Kommentare wesentlich geringer gewesen.
Erst auf der neunten Stelle kommt ein fiktives Werk: Homo Faber von Max Frisch. Knapp dahinter folgt dann Harry Potter und der Stein der Weisen. Und noch etwas weiter unten Es von Stephen King.

Verfälschend allerdings ist, dass ich zahlreiche Werke noch gar nicht in meinem Zettelkasten habe, sondern noch auf OneNote. Vieles von Kant gehört dazu, aber auch Kassandra von Christa Wolf, Haruki Murakami, Annette von Droste Hülshoff und Ernest Hemingway.
Fasst man die dicht beieinander liegenden Gedichte von Goethe, Brecht und Ausländer zusammen, ergeben diese mit Sicherheit auch eine recht ordentliche Summe.
Andererseits gibt es auch Werke, die ich bisher noch kaum mit schriftlichen Anmerkungen versehen habe. So finden sich gleich zu Beginn zahlreiche Aufsätze von Adorno, Barthes und Benjamin, aber auch zum Beispiel Sartre und die Philosophische Grammatik von Ludwig Wittgenstein. Letzteres wundert mich tatsächlich, da ich dieses Buch recht ausführlich gelesen habe; allerdings habe ich mir nicht so viele Notizen dazu gemacht, und, wie ich gerade feststelle, stehen diese Notizen weitestgehend auch noch OneNote selbst.

Schlagwörter

Fast alle häufig benutzten Wörter für die Verschlagwortung entstammen der Literaturwissenschaft, der Rhetorik oder dem Bereich des kreativen Schreibens. Die ersten zehn lauten:
Metapher, narratives Rätsel, Konnotation, Kreativität, Begriffsbildung, Aufmerksamkeit, Metakognition, Sprachspiel, semantische Opposition, Wortgebrauch.
Das erste Wort, welches deutlich nicht mit Sprach- oder Literaturwissenschaft zusammenhängt, ist das Wort Winnenden. Doch auch das scheint nur so, denn damals habe ich zahlreiche Artikel, die sich zu diesem Ereignis geäußert haben, zudem auch viele Leserbriefe und Internetforen, durchgearbeitet. Es ist also nicht verwunderlich, dass dieses Wort eine so prominente Stelle bekommt; und da ich hier tatsächlich die ganze Rhetorik aufgerollt habe, ist es dann doch kein aus einem ganz anderen Bereich stammendes Wort. Schätzungsweise ist tatsächlich das allererste Wort, welches wirklich nicht mehr auf ein sprachliches Phänomen hinweist, das Wort ADHS.
Jedenfalls habe ich jetzt vor, zumindest all die Bücher, die ich selbst besitze und die bisher nur mit einem Stichwort bedacht worden sind, „anzureichern“: ich werde sie weiter kommentieren und dann in den Zettelkasten übertragen, so dass hier auf den unteren Rängen nur die Bücher übrig bleiben, für meine Kunden gelesen habe, mir selbst aber wenig bedeutet haben.

Swen - ein Held der operativen Logik (die natürlich sinnlos ist)

Ich liebe mich selbst, und das durchaus unpathetisch. Wie es sich für einen vernünftigen Menschen gehört. Grippe, Rückenschmerzen und zum Teil bohrende Kopfschmerzen (aber warum eigentlich? gerade im Moment klärt sich für mich so vieles: gelegentlich habe ich einen Hang zum Psychosomatischen, aber das kann es diesmal doch wohl nicht sein); diese elendigliche Dreifaltigkeit hat mich heute ans Bett gefesselt. Mein Arzt dagegen war zufrieden mit meinem Gesundheitszustand und hat mir gleich noch eine Tetanus-Impfung angedeihen lassen.
Die nette Krankenschwester, mit der ich sonst gerne herumflachse, hat mir jedenfalls gut getan. Danach bin ich recht fröhlich nach Hause marschiert.

Gehirngerechtes Lernen

Und weil ich am Donnerstag eine Fortbildung im gehirngerechten Lernen habe; und weil ich dieses Wort so scheußlich finde, weil es daher stolziert wie ein Mister Oberwichtig, wollte ich natürlich vorbereitet sein. Gelegentlich bringe ich Dozenten zum Weinen.
Gegen diese Vokabel, also gegen das gehirngerechte Lernen, habe ich nichts anderes einzuwenden, als dass diese völlig aufgebläht und damit natürlich ideologisch und deshalb falsch ist. Die Methoden jedoch sind teilweise hervorragend. Warum? Weil sie dem „Original“ das tun, was ich Transmedialisieren nenne: Sie übersetzen den Inhalt in ein anderes Medium. Damit erzeugen sie Abweichungen. Sinn, so werde ich nicht müde Niklas Luhmann zu zitieren, entsteht durch Abweichung. Sinn ist ein Differenzbegriff (so sagt der postmoderne Logiker).
In der Theorie also hapert es, in der Praxis keineswegs.

Mein Ruf

Widerspenstig sei ich, irgendwie aber auch genial. Um einen ehemaligen Kollegen zu zitieren. 2007 habe ich es mir geleistet, mich auf einem Trainertreffen blicken zu lassen. Change Management war der Titel (oder so ähnlich; man verdrängt ja so einiges in seinem Leben). Damals habe ich mich unter anderem mit Edward deBono intensiver beschäftigt. Dieser hat nette, kleine Methoden geschaffen, die es durchaus in sich haben. Es sind, so interpretiere ich das, verkürzte Modelle, die ohne jegliches wissenschaftliches Brimborium auskommen, die also „sinnlos“ operativ arbeiten.
Am bekanntesten ist das PMI: nachdem man ein Kapitel gelesen hat, eine Vorlesung angehört hat, eine Unterrichtsstunde absolviert hat, legt man sich eine Tabelle an, in der die Wörter ›plus‹, ›minus‹ und ›interessant‹ stehen. Dann trägt man in diese Tabelle alles ein, was einem zu dieser Stunde einfällt, jeweils in die Spalte, die einem am Sinnvollsten erscheint. Macht man dies öfter, übernimmt man dieses Muster in sein Denken und vollzieht es automatisch. Tatsächlich stellen wir beständig solche kleinen Denkmuster in unserem Leben selbst her. Es spricht also nichts dagegen, wenn wir dies methodisch und bewusst übernehmen.
Auf dem besagten Treffen jedenfalls habe ich mir den Spaß gemacht, innerhalb einer Dreiviertelstunde etwa 60 solcher Methoden, die ich mir selbst ausgedacht hatte, zu präsentieren. Selbstverständlich hat das die Zuhörer erschlagen. Das war ja auch meine Absicht. Aus (wahrscheinlich völlig) irrationalen Gründen machen mich Trainer aggressiv.

SWEN

Dies ist eine der Methoden. S steht für Situation, W für Werte, E für Emotionen und N für Normen. Diese Methode dient dazu, die positivierenden und ausschließenden Mechanismen in einer bestimmten Situation zu verdeutlichen. Dabei habe ich recht präzise Begriffe zu Werten und Normen. Ein Wert versprachlicht ein bestimmtes Verhalten als positiv, besonders förderlich, besonders wertvoll. Eine Norm dagegen setzt eine Grenze, deren Übertretung besonders geächtet wird, vor allem im Hinblick auf das förderliche Verhalten. Emotionen schließlich strukturieren Entscheidungen. In gewisser Weise vermitteln sie also zwischen Werten und Normen.
Damit ist dieses kleine Instrument für tagtägliche Erlebnisse im Berufs- und Familienleben nützlich.
Ich habe manchen Abend damit verbracht, das letzte halbe Jahr, gelegentlich auch zu älteren Erfahrungen, diese mit SWEN zu reflektieren.
Natürlich sollte man nicht immer bei der reinen Methode stehenbleiben. Oft hat sie mir erste Stichworte und Einteilungen geliefert, um von dort aus weiterzuschreiben.

Erfahrungswissenschaft

Gerhard Roth beklagt in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit, dass das gehirngerechte Lernen eine Modevokabel sei. Dem stimme ich zunächst zu. Weiterhin beobachtet er richtig, dass in der Coaching-Literatur so voneinander abgeschrieben wird, dass die wirklichen neurophysiologischen Forschungen aus dem Blick geraten. Allerdings weist dies darauf hin, dass der Anspruch der Coaching-Literatur in einem ganz anderen Bereich liegt. Roth beklagt die zirkuläre Argumentation; dies zeigt aber, dass das Coaching auf der Suche nach einer operativen Geschlossenheit ist, nicht nach einer wissenschaftlich relevanten Darstellung. Operative Geschlossenheit kann äußerst sinnvoll sein. Solange sich ein solches System noch nicht etabliert hat, sucht es sich häufig Dogmen aus, um darüber eine Einheit zu erzeugen, die es selbst noch nicht hat.
Solche Fixpunkte mag man als Dogmatismus tatsächlich beklagen. Sie dienen aber auch als Ausgangspunkte für weiteres Denken; da jegliches Denken sich auf solche Ausgangspunkte stützt, sind sie nur dann schlecht, wenn hier ein gewisser Dogmatismus ins Spiel kommt. Der Weg jedenfalls führt über die Erfahrung. Und wie Immanuel Kant sehr richtig gesagt hat, ist Erfahrung immer Erfahrung mit Begriffen. Die Neurophysiologie, so schlecht sie rezipiert sein mag, liefert genau solche Begriffe.
Und das scheint der Grund zu sein, warum die aktuelle Coaching-Literatur sich so sehr auf das Gehirn stürzt. Nicht das Gehirn ist ihr wichtig, sondern die Erfahrung. Aber um solche Erfahrungen machen zu können, braucht es ein „dogmatisches“ Ausgangssystem, will (freundlicher gesprochen) heißen: eine Art geistige Heimat, ein geistiges Elternhaus.
DeBonos Methoden, ebenso wie meine, verdecken nicht die Absurdität solcher Werkzeuge, sondern betonen gerade das Sinnvolle an ihnen. Deshalb habe ich mir zum Beispiel überhaupt keine Gedanken gemacht, ob meine Werkzeuge nützlich sind; sie sind es, weil sie abweichen oder Abweichungen produzieren. Mehr braucht es nicht!

Nachtrag

Ich liebe also mich selbst, weil es so absurd ist, sich selbst zu lieben. Unter allen Zirkelschlüssen ist dies der Unsinnigste. Wer Ohren hat, der höre!

07.06.2015

Das wird ein arbeitsreicher Sommer!

Meine Klagen darüber, dass ich nicht zum Schreiben komme, müsst ihr nicht allzu ernst nehmen. Auch wenn mein Blog dieses Jahr wohl mit recht wenigen Artikeln auskommen muss: ich schreibe ziemlich viel, wobei das meiste für meinen Zettelkasten ist.
Drei Gründe habe ich, warum ich so wenig veröffentliche: es unterliegt dem Datenschutz (ich schreibe viel über meine Schüler), es ist zu persönlich (nach vielen Jahren eines stark an die Darstellung von Theorien und Modellen gebundenen Schreibens kehre ich zum Tagebuchschreiben zurück), es ist zu unfertig. Zu unfertig? Ich habe nichts dagegen, Fragmente zu veröffentlichen. Derzeit allerdings probiere ich so viel aus, denke ich in so viele verschiedene Richtungen, dass ich tatsächlich kaum zu „guten“ Argumentationslinien komme.

Mein Zettelkasten

Ja, ich weiß: jener ominöse Zettelkasten. Auf dem Weg zur Klärung bestimmter Probleme, zum Beispiel dem Stundenbeginn, oder der Art und Weise der Benotung, arbeite ich mit dem, was ich in meinem Zettelkasten bereits niedergelegt habe. Ich kommentiere dazu alle Zettel, die ich zu einem bestimmten Thema finde, durch. Oftmals entstehen dazu mehrere Anmerkungen. Diese werde ich dann später als Folgezettel in den Zettelkasten einbringen.
Habe ich zum Beispiel einen Zettel zum Thema Symbole, und haben meine Schüler eine der beiden Wochenfragen zu Marc Chagall genommen, beides Aufgaben, bei denen die Symbole eine wichtige Rolle spielen, dann entstehen zu jedem Schüler Anmerkungen, meist nur eine, gelegentlich aber auch mehrere. Gerade zu diesem Thema habe ich sogar recht umfangreich geschrieben. Alle Schüler, die diese Aufgabe genommen haben, sind Schüler der vierten und fünften Klasse. Die meisten schreiben allerdings über die Anforderungen ihres Jahrgangs hinaus. Trotzdem habe ich den Begriff des Symbols nie eingeführt. Einige der Schüler kennen ihn allerdings aus dem Religionsunterricht.
Für mich stellt sich hier also die Frage, woher die teilweise sehr präzisen Aussagen kommen und wie ich mit diesen umzugehen habe.

Ergänzen

Gelegentlich versuche ich die losen Fäden in meinem Zettelkasten zu ergänzen. Zu vielen Texten Adornos, vor allem zu denen, die ich vor etwa vier Jahren gekauft habe (damals hatte ich eine längere Phase, in der ich wieder Adorno viel gelesen habe), existieren nur ganz wenige, manchmal nur ein einziger Eintrag. Diese Texte habe ich begonnen vollständiger durchzukommentieren. Weit bin ich noch nicht gediehen: gerade mal einen Aufsatz, und noch nicht mal einen langen, habe ich zur Hälfte fertig.
Spannend ist zumindest, dass sich von hier aus im Zettelkasten von Daniel Lüdecke Querverweise über die Stichwörter ergeben. Zu diesen gelangt man, wenn man ganz rechts im Zettelkasten auf den Reiter ›Verweise‹ klickt. Von dort aus kann man dann die korrespondierenden Zettel anwählen.
Ein solches Adorno-Zitat hat bei mir zum Beispiel die Schlagwörter ›Aufmerksamkeit‹, ›Denken, divergentes‹, ›Empfindung‹, ›Empfindungsvermögen‹, und einige andere mehr. Bei den Verweisen finde ich dann Zettel, die ebenfalls dieses Schlagwort beinhalten, so unter anderem meine zahlreichen Notizen zu dem Empfindungsvermögen bei Immanuel Kant, aber auch alle meine Kommentare zum divergenten Denken (also vieles zur Kreativität, zur Intention oder zu der von Edward deBono sogenannten Technik des lateralen Denkens) oder, was in diesem Fall sogar wirklich spannend ist, alle meine Anmerkungen zum Gebrauch des Rätsels im Krimi.
Wenn man also einen spannenden Zettel findet, dann kann man diesen sofort mit weiteren Gedanken anreichern, indem man über die Liste der Verweise korrespondierende Stellen aufsucht. Manche ergänzen, manche widersprechen.
Auch hier habe ich gerade erst begonnen, meine derzeitige Arbeit genauer zu betrachten. Meine Ziele sind eigentlich recht einfach: mir meine Arbeit gedanklich so aufzubereiten, dass ich sie leicht überschauen kann. Derzeit vieles noch aufschreiben und durchplanen, was sich eigentlich ohne großen Aufwand tun ließe. Vermutlich stelle ich mir hier mit meinem Zwang zur Perfektion selbst ein Bein; auf der anderen Seite habe ich überhaupt kein Problem damit, mit dieser hohen Erwartungen zu setzen: zwar bin ich immer etwas langsam, aber dann auch umso besser.

Gruppendynamik

Meine Klasse ist ein ganz schön wilder Haufen, mit vielen Individualisten. Das ist eine ziemliche Herausforderung, vor allem, wenn man diese als arbeitsfähige Gruppe braucht. Derzeit lese ich tatsächlich ein Buch wieder ganz gründlich. Dies ist ›Dynamik in Gruppen‹ von Eberhard Stahl, ein Buch, das ich vor über zehn Jahren schon einmal sehr genau durchgearbeitet habe.
Ich finde es äußerst anregend. Um Ideen zu produzieren, der sehr dicht an die Praxis gehalten sind, ist es hervorragend.

Weitere Sachen

Eine andere Sache habe ich in diesem Sommer allerdings auch noch vor: angeregt durch einige Schüler habe ich mich zunächst mit der Programmiersprache Scratch beschäftigt. Für jemanden, der bereits mit Turbo-Pascal und Java gearbeitet hat, ist sie in zehn Minuten zu verstehen. Sie ist tatsächlich für die Grundschule gut geeignet, auch, weil sie mit grafischen Blöcken arbeitet, die fast unmittelbar einsichtig sind. Die meisten meiner programmierenden Schüler sind aber mittlerweile bei Python oder Java Skript. Python hat es mir tatsächlich angetan, die eine zwar recht reduzierte, aber doch schon sehr leistungsstarke Sprache ist. Ich habe ohne großen Aufwand einige Programme schreiben können, zum Schluss auch solche, die die Ein- und Ausgabe über ein Fenster geregelt haben, mit komplexeren grafischen Elementen und einer kleinen, selbst programmierten Bibliothek.
Mit Java hatte ich irgendwann hinreichend viele Probleme. Das Programm ist einfach zu mächtig, um sich nicht zu verlieren: ich habe keinen roten Faden mehr gefunden, an dem ich mich entlanghangeln konnte, trotz einiger erster Erfolge. Komplett gescheitert bin ich an einem einfachen Texteditor. So werde ich zunächst mit Python programmieren: besonders wichtig dabei ist die Entwicklung von Algorithmen. Hier sehe ich derzeit mein größtes Problem.
Jedenfalls habe ich Lust, nachdem ich innerhalb einer halben Stunde ein laufendes Sprite, eine kleine Datenbank und eine Internet-Abfrage programmiert habe, es jetzt noch einmal mit einem Zettelkasten für mich selbst zu versuchen. Der soll es mir dann irgendwann ermöglichen, mich wieder ganz auf Java einzulassen. Meine Kritik an dem Zettelkasten von Daniel Lüdecke betrifft einige, wenige Punkte: insbesondere möchte ich eine bessere Kompatibilität mit dem Spracherkennungsprogramm erreichen. Dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man mit einfachen Methoden die Eingabe von Schlagwörtern erleichtern kann: dies hatte ich sogar schon einmal in Java ausprobiert. Schließlich fände ich es ganz sinnvoll, wenn man mehrere Zettel, bzw. mehrere Fenster gleichzeitig öffnen könnte: auch das habe ich schon einmal in Java erstellt. Schließlich ist der Zettelkasten von Lüdecke nur auf eine bestimmte Art und Weise des wissenschaftlichen Arbeitens ausgelegt. Die Schreibtisch-Funktion ist großartig, aber keinesfalls für Essais oder gar fiktionales Schreiben gedacht. Da beides bei mir ineinander übergeht, muss ich mir wohl mein eigenes Schreibprogramm erstellen.

Und all die pädagogischen Themen

Was ich mir hier mittlerweile alles für Themen aufgeschrieben habe, reicht wohl für ein halbes Leben. Ich werde mir viele Gedanken zur Klassenlektüre machen müssen: vor allem die Differenzierung des sinnentnehmenden Lesens wird ein Schwerpunktthema sein. Dann muss ich mich noch einmal an die Begriffsbildung machen, die ich zwar von der Theorie her gut beherrsche, die ich aber bei einer so breit gefächerten Schülerschaft dringend neu überdenken muss: nicht der einzelne Schüler ist dabei so wichtig, sondern die gesamte Organisation. Eine andere zentrale Sache ist die Vermittlung von Argumentationstechniken. Dazu gibt es zwar einiges in den Büchern der Mittelstufe; aber wenn ich zum Beispiel an den Schüler denke, der bereits so hervorragend Symbole in seine Argumentation eingebunden hat, taugen selbst Bücher der Oberstufe nicht. Offensichtlich spart man die Techniken, die es in der Literaturwissenschaft gibt, in der Schule aus. Aber sie so zu vermitteln, wie dies zum Beispiel Lotman macht, kann natürlich auch nicht funktionieren. Also werde ich mir hier gründliche Gedanken zu didaktischen Reduktion machen müssen. Und das sind nur einige der Beispiele, die auf meiner Aufgabenliste stehen.
Wie gesagt: das wird ein arbeitsreicher Sommer!