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17.03.2019

Die Polemik

Man möchte den Satz Ludwig Hohls, die Polemik sei eine literarische Gattung, für eine Plattheit halten. Angesichts der desolaten Lage, in der unnützes Geplärr als eine solche ausgegeben wird, wird die Definition zu einer Forderung; wir müssen uns zurückbesinnen. Ohne das Raster, welches die Gattung bietet, verliert sich die Gattung und damit ihre Bedeutung.
Im Mittelpunkt der Polemik steht die Erkenntnis. Dies bedeutet für den Schreibenden zunächst die Selbstdisziplin: Habe ich etwas zu sagen? Denn hätte er es nicht, sollte er lieber schweigen. Kern dabei bleibt die Tatsache: das sinnlich Wahrnehmbare, das Rohe, noch Unbewertete; und so sehr die Polemik Interpretation und auch Vision ist, kann sie ohne einen solchen festen Boden keine Wurzeln schlagen. Sie bliebe im Objektiven unscharf, im Subjektiven ichschwach. Ichschwäche, so scheint es, ist die Kontur zahlreicher zeitgenössischer Polemiken; Ichschwäche bis zu dem Moment, wo der Selbsthass als übersteigerter Narzissmus zutage tritt.

So verfährt die gute Polemik: Sie geht vom Äußeren, Greifbaren aus und zeichnet Schritt für Schritt das Bild des Inneren nach, jenes, was sich eben nur aus den Konturen heraus erschließen, aber nicht plakativ zeigen lässt. Dies hat die Polemik mit allen literarischen Gattungen gemeinsam, die sich um die gute oder die schlechte Idee bemühen: selbst die beste Idee möchte in der Welt vorgefunden sein; und wo sich die schlechte Idee nicht als Materie in der Welt niederschlägt, gerät ihre Kritik ins Esoterische, Überspannte, Manipulierende.

Henryk M. Broder schreibt, so sagt er, polemisch. Ich lese ihn seit einigen Jahren nicht mehr, zumindest nur sehr selten. Seine sogenannten Polemiken sind langweilig. Ihnen fehlt der Erkenntnisgewinn. Er klappert Signalwörter ab, immer häufiger aber nicht einmal mehr das. Bewusst geworden ist mir dies an Claudia Roth. Diese tauchte in einem Text Broders so unvermittelt auf, dass aber auch kein Nachdenken, keine noch so fadenscheinige Kausalität dieses Auftauchen gerechtfertigt hätte.
Einen Grund für ihre Erwähnung gab es trotzdem. Dieser hat sich dann in den Kommentaren gezeigt: denn die eifrigen Leser Broders haben sich keineswegs auf den Text und seinen Inhalt bezogen, geschweige ihn angereichert, sondern sich in vielfachen Schmähungen der Grünen-Politikerin ergangen und so vermutlich dem Broder-Text zu einem guten Ranking verholfen.
In Wahrheit gibt es gar keine Kritik an Roth, sondern nur diesen Reflex von Erwähnung und Gemeckere, ein eifriges Geplappere von Menschen, die ihre drohende Überflüssigkeit durch Überflüssiges zu bannen suchen; ein Zeichen dafür, dass die Gewohnheit den Menschen aus der Kultur ins Tierische, Bewusstlose zurücktreiben kann.

Dies zeigt aber auch, dass die Signalwörter, deren sich Broder bedient, der literarischen Gattung der Polemik nicht mehr gehorchen. Man gibt sich im Unverständnis Signale des Einverständnisses. So ist auch Broders „AfD“-Rede. Er erwähnt zweimal Greta Thunberg, er streut ein, dass er eine Kreuzfahrt gemacht habe und diese ihm gut gefallen hätte. Inhaltlich kann er zu Thunberg aber nichts sagen. Er sagt es nur nebenbei, greift am sachlichen Gehalt vorbei und ergeht sich im Schmäh. Ob er eine Kreuzfahrt gemacht hat, ist fraglich. Aber die Kreuzfahrt, die scheinbar in der AfD als naturgegebenes Recht jedes aufrechten Deutschen gesehen wird, ist ebenfalls nur ein Signal. Hinterrücks wird das Kreuzfahrtschiff ein Symbol für Broder: als ein tonnenschwerer, manövrierunfähiger Stinker.

Der Polemiker führe, so wusste Karl Kraus, sein Metzgerhandwerk vor, nicht das Schwein, das er sich vornimmt. Dass am Ende das Objekt bis auf die Knochen zerlegt ist, sichtbar, greifbar, in seiner ganzen inneren Nacktheit, versteht sich. Das Handwerk ist subjektive Tätigkeit, aber immer dicht am Objekt. Dass aber das Handwerk vorgeführt wird, bedeutet auch, dass der Polemiker etwas Neues zu sagen hat: unter der kämpferischen Resignation ist das Konstruktive erkennbar; und so scheint unter der Filetierung gesellschaftlicher Missstände der Friede einer besseren Welt hervor.
Das aber hat Broder vergessen. Und, was deutlich schlimmer ist, vergessen hat er auch, was jedem noch so tölpelhaften Schreiberling in Mark und Bein eingraviert sein müsste: Du sollst nicht langweilen. Wer nichts anderes mehr kann, sollte aufhören zu schreiben. Die Polemik ist eine literarische Gattung. Sie bedarf der Literatin, nicht des Schmierfinks.

27.01.2019

Meinen - und Meinungsfreiheit

Das Meinen oder das Fürwahrhalten aus einem Erkenntnisgrunde, der weder subjektiv noch objektiv hinreichend ist, kann als ein vorläufiges Urteilen … angesehen werden, dessen man nicht leicht entbehren kann. Man muss erst meinen, ehe man annimmt und behauptet, sich dabei aber auch hüten, eine Meinung für etwas mehr als bloße Meinung zu halten. – Vom Meinen fangen wir größtenteils bei allem unserm Erkennen an. Zuweilen haben wir ein dunkles Vorgefühl von der Wahrheit; eine Sache scheint uns Merkmale der Wahrheit zu enthalten; – wir ahnen ihre Wahrheit schon, noch ehe wir sie mit bestimmter Gewissheit erkennen.
Kant, Immanuel: Logik. in Werkausgabe VI, S. 495
Die Meinung ist ein Vorurteil, oder, wie Kant sagt, ein vorläufiges Urteilen. Wissen dagegen, so schreibt Kant später (S. 499), sei entweder empirisch oder rational. Empirisch ist ein Wissen, wenn es einen sinnlichen Kern besitzt. Rationales Wissen ist ein notwendiges; es lässt sich nicht leicht anders denken und hält Anfechtungen und Überprüfungen aus sich heraus stand.
In gewisser Weise kann man sagen, dass die empirische Gewissheit zu einer historischen Gewissheit wird; wir können sagen, dass Napoleon an der Schlacht in Austerlitz als Feldherr teilgenommen hat, und können diesem in gewisser Weise eine sinnliche Komponente zumuten, obwohl wir sie sinnlich nicht wiederholen können – anders etwa als bei einem Apfel, von dem schon Goethe wusste, dass er eine Rotfärbung besitzt, und wir leicht einen ebensolchen auch heute wieder auffinden können.
Dagegen ist die rationale Gewissheit eine, die sich (so lese ich Kant) von ihrer historischen Komponente reinigt: Ihr Fluchtpunkt sind all jene Wissensbestände, die keinerlei historische Bedingungen besitzen. Dazu gehören die Naturgesetze und mathematische Aussagen.
Warum aber nun die Meinungsfreiheit? Nicht, weil jeder nun eine Meinung haben dürfte, und sei es noch die bekloppteste – und so wird ja von manchen Menschen derzeit die Meinungsfreiheit ausgelegt –, sondern um Einspruch zu erheben, wo die Meinung als Wissen ausgegeben wird.
Meinungsfreiheit dient als Bedingung dafür, gegen fälschlich behauptetes Wissen anzustreiten.
Der Meinungsfreiheit will, muss Streit und Überprüfung und Anfechtung aushalten können.

26.12.2018

Die acht elementaren Gefühle nach Plutchik

Plutchik ist einer der international renommiertesten Emotionspsychologen. Er hat acht elementare Gefühle und deren Funktionen postuliert. Eine Übersicht.

Robert Plutchiks Konzept in Verbindung zu kognitiven Inhalten und zur emotionalen Kompetenz wird in dem Artikel Emotionale Kompetenz: Die Gefühle und ihre Verbindung zum Denken ausführlich erläutert.
An dieser Stelle geht es ausschließlich um eine Übersicht über die acht Emotionen und ihre verschiedenen Funktionen.

Die acht elementaren Emotionen

Plutchik unterscheidet nicht zwischen "guten" und "schlechten" Emotionen, sondern zwischen "Hin-zu-Emotionen" und "Weg-von-Emotionen", die man manchmal auch als synthetische (Hin-zu) und analytische (Weg-von) Emotionen bezeichnet findet.
Die vier Hin-zu-Emotionen sind:
  • Erwartung
  • Freude
  • Vertrauen
  • Ärger
Die vier Weg-von-Emotionen sind:
  • Furcht
  • Überraschung
  • Trauer
  • Ekel

Allgemeine Funktionen der Gefühle

Jedes Gefühl ist, laut Plutchik, eine subjektive Reaktion. Unter diesem Stichpunkt finden Sie weiter unten jedes elementare Gefühl auch aufgeführt.
Zu jedem dieser Gefühle gehört ein Reiz, der die Reaktion auslöst und eine kognitive Einschätzung, was man mit diesem Reiz anfangen soll.
Schließlich spielt natürlich das Verhalten, das durch Reiz, kognitiver Einschätzung und subjektiver Reaktion ausgelöst wird, eine wichtige Rolle.
Um zu erläutern, warum ein Gefühl in der Evolution zweckmäßig ist, gibt Plutchik noch eine evolutionäre Funktion an. Diese evolutionäre Funktion kann im weitesten Sinne als ein 'Besitzen-von-etwas' bezeichnet werden, wenn es um synthetische Gefühle geht, um ein 'Nicht-Da-Sein', wenn es sich um Weg-von-Gefühle handelt. Dabei sind die Übergänge allerdings fließend. Ärger bezieht sich nur punktuell auf eine Synthese (zum Beispiel im Kampf), langfristig auf eine Zerstörung. Ärger dient also der Bereinigung der Umwelt von Hindernissen.
Umgekehrt ist die Trauer zwar mit einem momentanen 'Loslassen' verbunden, trachtet aber längerfristig auf ein Wiedererlangen des verlorenen Objekts.

Die Gefühle im einzelnen

Freude
  • Reizereignis: Gewinn eines wertvollen Objekts
  • kognitive Einschätzung: besitzen
  • subjektive Reaktion: Freude
  • Verhalten: behalten, wiederholen
  • evolutionäre Funktion: Ressourcen gewinnen
Vertrauen
  • Reizereignis: Mitglied einer Gruppe
  • kognitive Einschätzung: Freund
  • subjektive Reaktion: Vertrauen
  • Verhalten: pflegen
  • evolutionäre Funktion: gegenseitige Unterstützung
Angst
  • Reizereignis: Bedrohung
  • kognitive Einschätzung: Gefahr
  • subjektive Reaktion: Angst
  • Verhalten: fliehen
  • evolutionäre Funktion: Sicherheit
Überraschung
  • Reizereignis: unerwartetes Ereignis
  • kognitive Einschätzung: untersuchen
  • subjektive Reaktion: Überraschung
  • Verhalten: anhalten
  • evolutionäre Funktion: Zeit zur Orientierung gewinnen
Trauer
  • Reizereignis: Verlust eines wertvollen Objekts
  • kognitive Einschätzung: aufgeben
  • subjektive Reaktion: Trauer
  • Verhalten: rufen
  • evolutionäre Funktion: wiedererlangen
Ekel
  • Reizereignis: ungenießbares Objekt
  • kognitive Einschätzung: Gift
  • subjektive Reaktion: Ekel
  • Verhalten: ausspucken
  • evolutionäre Funktion: Gift loswerden
Ärger
  • Reizereignis: Hindernis
  • kognitive Einschätzung: Feind
  • subjektive Reaktion: Wut
  • Verhalten: angreifen
  • evolutionäre Funktion: Hindernis zerstören
Erwartung
  • Reizereignis: neues Gebiet
  • kognitive Einschätzung: erkunden
  • subjektive Reaktion: Erwartung
  • Verhalten: Karte anlegen
  • evolutionäre Funktion: Kenntnis des Gebietes

Umgang mit den elementaren Emotionen

Keine der basalen Gefühle liegt in Reinform vor.
Zum einen 'beseelt' ein Gefühl immer einen kognitiven Inhalt und ein Verhalten. Das heißt, dass man Emotionen gleichsam als Motor für beides sehen muss, der sich aber nur indirekt erschließen lässt.
Zum anderen vermischen sich die elementaren Emotionen umso mehr, je differenzierter ein Mensch denkt, so dass man sagen kann, dass jeder Gedanke, jedes Verhalten immer aus mindestens zwei verschiedenen Emotionen besteht. Nur Grenzsituationen wie ein lang anhaltender Ärger oder der Verlust eines nahestehenden Menschen geben 'reinen' Gefühlsausdrücken die Möglichkeit zum Ausdruck.
Beobachtet man also das Verhalten eines Menschen, kann man immer Gefühle dahinter vermuten. Welche dies sind, bleibt Spekulation. Trotzdem kann man durch viel Menschenkenntnis zu einem Gespür kommen, das einem eine gute Richtung weist.
Deshalb ist die wichtigste Arbeit mit diesem Modell folgende: Man setzt sich in aller Ruhe hin und überlegt, welche Gefühle für ein bestimmtes Verhalten eine Rolle gespielt haben. Macht man dies regelmäßig als Trockenübung, übernimmt man das Nachdenken darüber allmählich in den Alltag. So baut man eine gewisse Sensibilität auf.

Emotionale Kompetenz: Die Gefühle und ihre Verbindung zum Denken

Emotionale Intelligenz war einige Zeit das Modewort. Dabei haben wissenschaftliche Theorien seit vielen Jahren ganz anderer Einsichten.

Robert Plutchik und Stanley Schachter sind international renommierte Psychologen. Die psychoevolutionäre Theorie der Gefühle von Plutchik und die Verbindung zwischen Kognition und Emotionen, wie Schachter sie vorschlägt, beleuchten wichtige Bedingungen des menschlichen Daseins.

Die acht elementare Gefühle

Plutchik postuliert acht elementare Gefühle, die sich in Gegensatzpaaren anordnen: Furcht-Ärger, Überraschung-Erwartung, Trauer-Freude und Ekel-Vertrauen.
Jedes dieser Gefühle wird durch ein Reizereignis ausgelöst und von einer kognitiven Einschätzung begleitet. Ebenso führt jedes Gefühl zu einem idealtypischen Verhalten.
So wird das Gefühl der Überraschung durch ein unerwartetes Ereignis (dem spezifischen Reizereignis) ausgelöst, durch die kognitive Einschätzung "untersuchen" begleitet und führt zu dem Verhalten des Stehen-bleibens und Betrachtens.

Evolutionäre Entwicklung

Emotionen, so Plutchik, haben sich während der Evolution entwickelt. Sie zeigen bei verschiedenen Tierarten und beim Menschen unterschiedliche Ausprägungen.
Dabei spielen sie bei der Anpassung von Organismen an die Anforderungen ihrer Umwelt eine zentrale Rolle.

Die Konstruktion elementarer Emotionen

Elementare Emotionen sind idealisierte Zustände. Das heißt, dass es wissenschaftliche Konstrukte sind, die bei Erklärungen hilfreich sind, aber so nicht existieren.
Ihrer Eigenschaften und Merkmale können nur aus einem Spektrum von Ausdrucksweisen erschlossen werden. Dieser Prozess der Interpretation muss allerdings kritisch gesehen werden.

Kombination und Ableitung

Plutchik postuliert weiter, dass alle anderen Gefühle aus diesen acht Grundgefühlen abgeleitet sind. Er bildet so genannte Dyaden. dies sind Emotionen, die immer zwei Basis Emotionen kombinieren. So bildete sich das Gefühl der Enttäuschung durch die Kombination von Überraschung und Trauer. Ebenso ließe sich das Gefühl der Verachtung durch die Verbindung von Ekel und Ärger erklären.

Gegensätze, Ähnlichkeiten

Alle Basisemotionen besitzen eine gegenteilige andere Basisemotion. Treten diese beiden zusammen auf, ergibt sich ein emotionaler Konflikt. Dies kann man zum Beispiel in Situationen erleben, die zugleich Freude und Trauer auslösen. Nicht wenige Menschen ist es zum Beispiel so beim Ansehen von Roberto Benignis Film Das Leben ist schön ergangen.
Alle anderen Emotionen besitzen einen mehr oder weniger großen Grad an Ähnlichkeit. So ist die Überraschung der Furcht verwandter, als dem Ärger.

Intensitäten

Jede Emotion kann sich in einem unterschiedlichen Grad an Intensität ausdrücken. So wird Vertrauen in einem intensiven Grad als Bewunderung bezeichnet, in einem schwachen Grad als Akzeptanz.

Kognitionen und Handlungen

Jede Emotion bindet sich in einer Kognition und/oder Handlung. erst durch Handlungen und Kognitionen vermischen sich die basale Emotionen.
Die Grundemotionen sind zwar angeboren, aber ihre Intensität, Mischung und Verfeinerung werden erlernt. Gerade durch die zunehmende Entwicklung des Denkens werden den Emotionen immer feinere "Behälter" angeboten, so dass sich mit dem Fortschritt des Denkens die Impulsivität der Handlungen zurückbildet.
Außerdem erlernen Menschen auch, in welchen Situationen sie welche Gefühle bevorzugen.

Bildung: Selbstmanagement emotionaler Kompetenz?

Folgt man dieser Theorie, kann man weit reichende Schlüsse für die Entwicklung emotionaler Kompetenz ziehen.
Je mehr und je feinere "Behälter" man seinen Emotionen anbietet, umso feinere und sensiblere emotionale Kombinationen entwickelt man. Das heißt, dass eine gute und vielfältige Bildung für eine hohe emotionale Kompetenz notwendig ist.

Laterales Denken: Training mit den emotionalen Brillen

Ähnlich wie bei den sechs Denkhüten von deBono kann man mit den Basisemotionen laterales Denken üben. Man kann nämlich auf eine Situation alle acht Emotionen probeweise anwenden und dazu Gedanken entwickeln.
Nehmen wir an, wir haben eine Situation, die bei uns massive Angst auslöst. Beispiel: ein drohender Verlust des Arbeitsplatzes.
Mit der Technik des lateralen Denkens wird diese Situation nun durch die Brille aller anderen Basisemotionen begutachtet. Man könnte also erproben, wo und wie das Gefühl der Überraschung, des Ekels oder der Erwartung auf diese Situation passt.
Dabei geht es nicht darum, den Verlust des Arbeitsplatzes zu verniedlichen. Sinn und Zweck dieser Übung ist, sich nicht von seinen Gefühlen gefangen nehmen zu lassen und in ein automatisches Handeln zu verfallen.

Marketing und Kreativität: Emotionalität in barer Münze

Wie auch de Bonos ursprüngliche Methode, kann und wird diese Methode der emotionalen Brillen bei der Entwicklung von Marketingstrategien angewendet. Gerade wenn es um die Wirkung eines Produkts im anvisierten Kundensegment geht, können hier frühzeitig Fehldeutungen und unerwünschte Nebeneffekte erkannt werden. Dadurch kann man das Produkt effektiver platzieren und seinen Markterfolg erhöhen.

Menschenkenntnis: die Intelligenz der Spekulation

Eine dritte Anwendung dieses Modells dient der Menschenkenntnis. Man kann sich überlegen, welche Emotionen in den Handlungen von Menschen "drin stecken", beziehungsweise, in welchen Situationen ein Mensch wohl diese oder jene Emotion zeigen würde.
Allerdings sollte man seine Spekulationen über andere Menschen als Spekulationen begreifen. Ein direkter Zugang zu den Gefühlen anderer Menschen ist, laut Plutchik und Schachter, nicht möglich. Schärfer formuliert: jede Behauptung eines "Ich weiß, was/wie du denkst!" ist pures Machtgehabe.

Fazit

Die Emotionspsychologie ist insgesamt eine hochkomplexer Angelegenheit. Man kann sich sein ganzes Leben mit ihr beschäftigen. Das Modell von Plutchik bietet jedoch einen guten Anhaltspunkt, sich mit den eigenen und fremden Gefühlen im Alltag zu beschäftigen.

Literatur
  • Plutchik, Robert: The Emotions. Madison Books. 228 Seiten. 43,99€
  • Schachter, Stanley: Emotion, Obesity and Crime. Geniza. 195 Seiten. vergriffen

Laterales Denken

Kaum ein Begriff kann in der Psychologie der Kreativität eine solche Bedeutsamkeit und Vernachlässigung vorweisen, wie der Begriff des lateralen Denkens.

Das laterale Denken wurde als Begriff von Edward de Bono eingeführt. Der Begriff war neu, dass was dahinter stand, allerdings nicht.

Definition des lateralen Denkens

"Beim lateralen Denken geht es… darum, die Wahrnehmung zu ändern und an der neuen Wahrnehmung festzuhalten." (de Bono 2010, Seite 84)
Laterales denken sei "Musterwechsel innerhalb eines Muster bildenden Systems" (ebenda, Seite 85).

Vorläufer I: Friedrich Nietzsche

Kaum ein Philosoph ist heißer geliebt und kälter verachtet worden als Nietzsche. Dabei sind seine Schriften komplex. Selbst der Krieg, dessen positive Wirkung er so häufig beschwört, ist sowohl als Übertreibung, als auch als Metapher und als Provokation zu lesen. Worum geht es dir? Was willst Du? Hast Du eine Meinung und traust du dich, diese zu vertreten, mit der Gefahr, dass jemand besser als du argumentiert?
Nietzsche fragt nach dem flexiblen Denken. In der Sprache de Bonos: nach dem Musterwechsel.

Vorläufer II: Jean Piaget

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Piaget hat sich fast ausschließlich in seinem wissenschaftlichen Werk mit der Entwicklung des Denkens beschäftigt. Der zentrale Begriff, den Piaget geprägt hat, ist der des Schemas. Dieses bezeichnet er auch (in seinem Spätwerk) als Transformationsstruktur. Ein Schema macht aus etwas etwas anderes. In ihm liegt eine "geistig gewordene Bewegung".
Eine der wichtigsten Begriffe für das adoleszente Denken ist die fluiden Klasseninklusion. Damit ist gemeint, dass ein Erwachsener ein Phänomen oder eine Idee aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und diese verschiedenen Perspektiven untereinander verknüpfen kann. Dies ist nichts anderes als laterales Denken. De Bono hat die fluiden Klasseninklusion in eine Technik umgewandelt, die der sechs Denkhüte.

Spielerisches und kreatives Denken

Ein solches Denken gilt als spielerisch. Es hat aber mit den ebenfalls spielerischen Denken eines Kleinkindes wenig zu tun.
Kleinkinder sind nur in geringem Maße in der Lage, zwei Größen miteinander zu kombinieren. Sie können zum Beispiel nicht den Wasserstand und die Breite eines Glases in ein Verhältnis bringen. Schüttet man Wasser aus einem hohen Glasrohr in einem breiten Glasbehälter und fragt ein kleines Kind, ob in dem breiten Glasbehälter gleich viel, weniger oder mehr Wasser sei, so wird das Kind verschiedene Antworten geben. Es sagt zum Beispiel, dass in dem breiten Glasbehälter mehr Wasser sei als in dem hohen Glasrohr, weil der Glasbehälter breiter ist. Aus dem selben Grund könnte es aber auch sagen, dass es nun weniger Wasser sei, weil der Glasbehälter niedriger ist. Das Kind ist noch auf eigene Größe fixiert (Piaget nennt dies Zentralismus).
Ein wesentlicher Unterschied ist also, dass ein erwachsener Denker die Verhältnisse zwischen den Größen durchdenken und Perspektiven bewusst auswählen kann, während ein kleines Kind frei assoziiert und seiner Wahl nicht durchdenken kann.

Vielfältiges und hartnäckiges Denken

Laterales Denken bedeutet, wie es bei de Bono es oben schon anklingt, auf der einen Seite die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Musterwechsel, auf der anderen Seite, nicht zu rasch von Muster zu Muster zu hüpfen. Das Denken muss hartnäckig bleiben und hartnäckig an einer Sache arbeiten. Der französische Lyriker Charles Baudelaire schrieb: je härter das Material, desto feinsinniger die Gedanken.

Psychologische Modelle

Spielen Sie dies einmal mit psychologischen Modellen durch. Ein psychologisches Modell ist eine Art Raster, das man über einen Menschen wirft, um ihn abschätzen zu können. Es gibt zahlreiche dieser Raster und deshalb auch zahlreiche Möglichkeiten, einen Menschen zu beurteilen.
Ein Muster bietet uns eine einzelne Perspektive. Für den betreffenden Menschen wird sie zu grob sein und er wird sich über unser Urteil beschweren. Mehrere Muster haben viel mehr Aussicht auf Erfolg. Springt man aber willkürlich zwischen den einzelnen Mustern hin und her und bedenkt nicht deren Zusammenhang, wird uns der Mensch als unzuverlässig oder sogar wirr empfinden.
Erst wenn wir uns bewusst von Muster zu Muster bewegen können und unsere Bewegungen verdeutlichen können, erscheinen wir als differenziert. Mit Wahrheit hat weder das undifferenzierte Muster noch das bewusste Anwenden vieler Muster zu tun. Das letztere ist nur differenzierter und viele Menschen sind höflich genug, sich mit einer gewissen differenzierten Beurteilung ihrer selbst zufrieden zu geben.

Fazit

Laterales Denken bedeutet das bewusste und hartnäckige Anwenden vielfältiger Muster auf ein Thema, einen Sachverhalt, ein Problem oder einen Menschen.

Literatur
  • De Bono, Edward: De Bonos neue Denkschule. mvg-Verlag 2010. Taschenbuch, 240 Seiten. 9,95€

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Motivation ist eine der wichtigsten und schillerndsten Vokabeln der Psychologie. Obwohl sie den gesamten Alltag durchzieht, wird sie selten kritisch diskutiert. Ein Fallbeispiel.

Zu den bekanntesten Modellen zur Motivation zählt die Maslowschen Bedürfnispyramide. Sie wird von Psychologen verwendet und ist auch in Organisationen, zum Beispiel bei der Mitarbeitermotivierung, sehr beliebt. Welche Vorteile bietet dieses Modell und welche Grenzen hat es?

Die Bedürfnispyramide

Die klassische Form der Bedürfnispyramide besteht aus fünf Stufen. Die einzelnen Stufen sind:
  • physiologische Bedürfnisse
  • Sicherheitsbedürfnisse
  • Bedürfnis nach Liebe/Zugehörigkeit
  • Achtungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Selbstverwirklichung
Diese Bedürfnisse sind (von oben nach unten) hierarchisch angeordnet. Maslow schreibt, dass zuerst die grundlegenden, das heißt die physiologischen Bedürfnisse befriedigt werden müssen, und dann nach und nach alle anderen. Die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung können erst an letzter Stelle stehen.

Die einzelnen Stufen

Maslow hat die einzelnen Stufen weiter konkretisiert.
Zu den physiologischen Bedürfnissen zählen: Atmen, Essen, Wasser, Sex, Schlaf, Homöostase (physiologisches Gleichgewicht, insbesondere Salze im Blut), Ausscheidung.
Als Sicherheitsbedürfnisse gelten die Sicherheit von Körper, Beruf (Beschäftigung), Ressourcen, Moralität, Familie, Gesundheit, Besitz.
Auf der dritten Stufe (Liebe/Zugehörigkeit)befinden sich genauer die Bedürfnisse nach Freundschaft, Familie, sexuelle Intimität.
Schließlich versteht Maslow unter den Achtungsbedürfnissen im genaueren folgendes: Selbstachtung, Zuversicht, Leistung, Respekt durch andere, Respekt für andere.
Zum Schluss stehen die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung: Moralität, Kreativität, Spontanität, Probleme lösen, fehlende Vorurteile, Akzeptieren von Fakten.
Schon hier kann man sehen, dass Maslow eine äußerst strittige Einteilung vorgenommen hat.

Defizitorientierte und unendliche Bedürfnisse

In der Bedürfnispyramide gibt es eine Grobeinteilung. Die ersten vier Stufen, mit Ausnahme der vierten Stufe, sind defizitorientiert. Die zugehörigen Motivationen orientieren sich an dem, was fehlt. Wem Schlaf fehlt, der sucht sich einen Platz zum Schlafen. Und wem Freundschaften fehlen, der sucht sich Freundschaften.
Erst auf der vierten Stufe ändert sich das. Hier gilt teilweise, was für die fünfte Stufe vollständig gilt: es sind unendliche, das heißt nicht zu befriedigende Bedürfnisse. Jedenfalls behauptet Maslow das.

Wie man die Bedürfnispyramide benutzt

Dieses Modell bietet ein gutes Raster, um sich über eigene und fremde Bedürfnisse klar zu werden. Klar werden heißt hier: sensibel werden.
Sie bietet zudem eine gute Möglichkeit Handlungen oder Handlungsfolgen einzuordnen. Hinter jeder Handlung liegt ein Motiv, hinter jedem Motiv ein Bedürfnis. Trotzdem sollte man hier unendlich vorsichtig sein. Handlung und Motiv, Motiv und Bedürfnis hängen nur lose zusammen. Es gibt keinen mathematischen, sondern "nur" einen intuitiven Schluss vom einen zum anderen.

Probleme der Bedürfnispyramide

Maslow wurde vorgeworfen, zu blauäugig, zu sehr am Guten orientiert zu sein. Es gäbe auch schlechte Bedürfnisse. Obwohl dieser Einwand zunächst als einer der triftigsten erscheint, sind Bedürfnisse, die den Motive nur zu Grunde liegen, nicht mit moralischen Maßstäben zu bewerten. Erst wenn diese Bedürfnisse rational, beziehungsweise kognitiv erfasst werden, kann man anfangen, nach moralischen Maßstäben zu fragen.
Ähnlich lässt sich auch der zweite Einwand wieder aushebeln. Maslow wurde der Vorwurf gemacht, die Hierarchie sei zu starr; oft werden höhere Bedürfnisse vor den niedrigeren befriedigt. Auch in diesem Einspruch werden Bedürfnisse und Motive, beziehungsweise Motivationen, vermischt. Erfahrungsgemäß, und dies zeigen zum Beispiel die Fallbeispiele der Psychoanalyse, hängt die Befriedigung höherer Bedürfnisse, bevor niedrigere Bedürfnisse befriedigt worden sind, stark mit Ersatzbefriedigungen oder neurotischen Objektfixierungen zusammen. Dann wird ein höheres Motiv gleichsam mit der Befriedigung eines niedrigeren Bedürfnisses (beim Neurotiker) zusammenimaginiert.
Viel ernster zu nehmen ist der Einwand, dass Maslow genau diese schlechte Durchmischung von Motiven und Bedürfnissen in seiner Bedürfnispyramide abbildet. Es ist kaum vorstellbar, dass zum Beispiel die Kreativität ohne kulturelle Veränderungen auskommt oder gar erst entsteht.

Motivationstheorien als Ausdruck von Ideologien

Beispielhaft kann man dies an einem Mythos der westlichen Kultur sehen. In Hermann Hesses Narziss und Goldmund stirbt Goldmund in dem Augenblick, als er sein schönstes, sein perfektes Kunstwerk erschafft. Indem ein nach Maslow unendliches Bedürfnis durch die Perfektion doch endlich wird, ist der Sinn des Lebens gleichsam aufgebraucht.
Nun kann man diesen romantischen topos belächeln. Doch hinter dieser rührseligen Vorstellung steckt der Gedanke, dass der Mensch sich vollständig in der Ware, die er produziert, aufhebt, und nur so das Höchste und Beste zu leisten vermag. Der Prototyp des Menschen als Ware ist, so Walter Benjamin, die Hure. Diese hat nur ihren Körper, den sie anbieten kann, und geht in ihrem Dasein gezwungenermaßen als Ware auf.
Man kann also vermuten, dass selbst psychologische Modelle nicht notwendig auf streng wissenschaftliche Tatsachen zurückgreifen, sondern kulturelle topi wiederholen, die man als patriarchal und neoliberalistisch bezeichnen muss.

Hartz IV

An einem anderen Beispiel kann man die Problematik ebenso gut durchbuchstabieren. Brauchen Arbeitslose den Respekt durch andere, zum Beispiel durch Politiker (Bedürfnis nach Achtung), bevor sie einen Beruf ausüben (Bedürfnis nach Sicherheit)? - So gesehen ist diese Frage rein rhetorisch. Denn wie sollte ein Arbeitsloser sich den Respekt von bestimmten Politikern verdienen, wenn diese nur auf ihn aufmerksam werden, wenn er arbeitslos ist?
Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist also nicht in der Lage, die Widersprüche einer Kultur abzubilden.

Fazit

Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist ein Klassiker. In gewisser Weise kann man sogar sagen: zurecht. Unkritisch sollte man aber dieses (und kein anderes) Modell anwenden.

08.11.2018

Die schlechten Rechten

Der Merkur hat dankenswerterweise einige Aspekte zum Migrationspakt aufgeschrieben, die etwas ganz anderes darstellen, als das, was die AfD weiterhin auf ihrer Partei-Website postet. So schreibt der Merkur sehr richtig, dass der Migrationspakt vor allem auch den Kampf gegen die Schleuser und die Bekämpfung von migrationsauslösenden Faktoren über staatliche Grenzen hinweg intensivieren soll. Illegale Migration soll unter anderem dadurch auch verhindert werden, dass alle unterzeichnenden Staaten sich „verpflichten“, Migrantinnen mit Papieren zu versorgen. Ein solches Papier zur Feststellung der Identität ist nicht, wie da neulich so jemand frech gegen mich einwandte, ein Pass, sondern eben ein Papier. Wie das in den jeweiligen Staaten geregelt wird, müssen die Staaten dann noch selbst entscheiden. (Merkur)

Aspekte, die für Deutschland nicht relevant sind

Es gibt andere Forderungen, die zum Beispiel für Deutschland gar nicht fordern, da diese hier längst umgesetzt worden sind, so zum Beispiel die „menschenwürdige Behandlung am Arbeitsplatz“. Da darf man gelegentlich uzen, denn so eindeutig scheint das manchem Arbeitgeber doch nicht zu sein, auch in Deutschland nicht. Aber weitestgehend unterscheidet das doch Deutschland von ganz anderen Arbeitsbedingungen, die man weniger als Arbeit, denn als Sklaverei bezeichnen könnte. Auch der Zugang zur Grundleistungen ist für Menschen in Deutschland weitestgehend gesichert. Wer hier ist, hat Anspruch auf medizinische Versorgung, auf ein Dach über den Kopf, Nahrung und Kleider.

Zwei Seiten der Nicht-Kommunikation

Die derzeitige, zum Teil völlig überhitzte Debatte um den Migrationspakt wird tatsächlich von zwei Seiten angefeuert. Die schlimmere, weil bösartige, ist die der Rechten (oder Rechtsradikalen), weil diese einfach unterstellen, was in diesem Papier überhaupt nicht zu finden ist, und auf der anderen Seite alles weglassen, was darin zu lesen steht. Dafür steht zum Beispiel die AfD. Ich komme gleich darauf zurück.
Georg Anastasiadis hat in einem Kommentar allerdings auch die andere Seite stark kritisiert: natürlich muss ein solches Rahmenwerk in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Dies gebietet das demokratische Gewissen. Die Diskussion dürfte allerdings auch deshalb hinreichend schwierig sein, weil, wie Marian Wendt (CDU) zum besten gibt, das Rahmendokument noch zu viele Fragen aufwerfe. Dieser letzte Einwand ist natürlich deshalb unsinnig, weil Rahmenwerke immer relativ offen gehalten sind. Sie weisen auf ferne Ziele hin, ohne die genaue Auskleidung und den genauen Weg dorthin zu kennen. Sie machen nur deutlich, dass diese Ziele von besonders vielen Regierungen als gut anerkannt werden, und setzen andere, abweichende Ziele unter besonderen Legitimationsdruck.
Trotzdem ist es eben auch Sinn einer Demokratie, solche Rahmenwerke zu diskutieren. Und da geht es noch nicht einmal darum, ob dieses Rahmenwerk vollständig abgelehnt werden muss, sondern auch darum, wie man es konkretisieren könnte. In dieser Fassung, wie er derzeit vorliegt, ist der Migrationspakt kein Einwanderungspakt; er bietet noch immer sehr viel Raum auch für recht krude hegemoniale Ansprüche. Die Hoffnung ist natürlich, dass die unterzeichnenden Staaten den Migrationspakt nun nicht auf seine Grenzen hin austesten, sondern sich zugleich mit der Migrationspolitik auch in anderen politischen Gebieten in Richtung einer Demokratisierung bewegen. In Deutschland müsste man eben diskutieren, wo und in welchem Maße sich die deutschen Ansprüche zugleich mit den Rechten von Migrantinnen und den Bürgern anderer Staaten verwirklichen lassen. Dazu sind aber die Gebiete, die in diesem Rahmenwerk angesprochen werden, zu vielfältig und im einzelnen zu komplex, um ein eindeutiges Ja oder Nein äußern zu können. Aber genau dem trägt ja auch der Migrationspakt Rechnung.

Den Migrationspakt stoppen

Dies möchte die AfD. So betitelt sie ihre Website zu dem Thema. Doch schon der erste Satz ist eine faustdicke Lüge. Es sollte einen nicht wundern. Die AfD schreibt:
Am 10. Dezember 2018 will die Bundesregierung einem internationalen Abkommen Global Compact for Migration beitreten, dass Migranten aus aller Welt weitgehende Rechte zu Migration, auch nach Deutschland, einräumt.
Falsch ist schon, dass Migranten das Recht zur Migration eingeräumt werden würde. Der Migrationspakt möchte nur die Situation der Migrantinnen unter bessere rechtliche Bedingungen stellen. Das Recht, in jedes Land zu migrieren, wird ihnen dagegen mit keinem Wort eingeräumt. Tatsächlich steht im Migrationspakt etwas ganz anderes, nämlich die Verhinderung von Migration:
Dieser Globale Pakt hat das Ziel, die nachteiligen Kräfte und strukturellen Faktoren zu minimieren, die Menschen daran hindern, in ihren Herkunftsländern eine nachhaltige Existenzgrundlage aufzubauen und aufrechtzuerhalten, und die sie dazu veranlassen, anderswo nach einer besseren Zukunft zu suchen.
Und man höre, unter diesem nicht besonders schön formulierten Satz mit seinen mehrfachen Verneinungen, dass es das Ziel ist, den Menschen zu ermöglichen, in ihrer Heimat eine Existenzgrundlage aufzubauen, so dass sie ihre Zukunft nicht in einem anderen Land sehen (müssen). Dazu gehört der Zugang zu Wasser, zu Grundnahrungsmitteln, zur Bildung; dazu gehört eine deeskalierend arbeitende Polizei und ein positivistisches Rechtssystem.
Auch andere Teile der Stellungnahme der AfD erweisen sich als schlichte Lügen. Noch einmal behauptet die AfD, der Migrationspakt benenne „praktisch nur die Rechte der ›Migranten‹ und die Pflichten der Zielländer“; aber dazu hatte ich schon vor einigen Tagen geschrieben, dass es zu einer der Grundlagen für die Verbesserung der Situation der Migranten auch gehört, dass die Migranten sich an das Rechtssystem eines Landes halten. Das mag dem einen oder anderen Migranten nicht passen. Zugegeben. Im allgemeinen aber kann man doch konstatieren, dass die meisten Migranten eine relativ geordnete und pazifizierte Situation den zum Teil chaotischen Situationen ihrer Herkunftsländer vorziehen. Genau das macht ja, zumindest derzeit noch, westliche Länder so attraktiv.
Zwei andere Punkte, die die AfD ins Spiel bringt, lassen sich beim Lesen des Migrationspaktes ebenfalls als fadenscheinige Lügen aufzeigen: weder werden die möglichen Gefahren für die innere Sicherheit durch Zuwandererkriminalität ausgeblendet, noch wird die problematische Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen ausgeklammert.
Schließlich fordert der Migrationspakt auch nicht dazu auf, dass „in den Medien über die Vorteile der Zuwanderung im Sinne einer ›Bereicherung der Gesellschaft‹ zu berichten“ sei. Vielmehr solle die Regierung Maßnahmen ergreifen, die die Diskriminierung und Herabwürdigung von Migrantinnen verhindert. Dazu gehört offener Rassismus und Sexismus. Und die Formulierungen im Migrationspakt sind auch deshalb nicht wirklich adressiert, weil Rassismus und Sexismus natürlich auch durch Migrantinnen stattfinden kann. Es geht ja nicht darum, sexuelle Übergriffe durch Migranten zu leugnen. Es geht ausschließlich darum, dass Migranten nicht automatisch auch sexuell übergriffig sind, und dass man sie deshalb auch nicht verurteilen kann, bevor sie eine Tat begangen haben. Denn so schwierig der Begriff der Vorurteilslosigkeit auch ist, so geht es eben darum, dass ein fehlendes Vorurteil eben noch lange nicht bedeutet, dass ein Gericht nicht über einen Menschen wegen Fehlverhaltens urteilen würde. Aber das macht eben das Gericht. Und nicht der Mob auf der Straße.
Lügen also, nichts als Lügen. Hanebüchene Vereinfachungen, boshafte Unterstellungen, ein einziges aufgeheiztes blablabla. Und mehr hat die AfD zum Migrationspakt auch nicht zu sagen. Wie sie auch zu vielen anderen Sachen nichts zu sagen hat. In der Causa von der Leyen müssen Grüne, FDP und Linke ohne den AfD-Abgeordneten Rüdiger Lucassen auskommen. Er fiel „entweder durch Schweigen oder durch Abwesenheit auf“ (Welt).

15.10.2018

Satanische Migration

Am besten gefallen hat mir die Behauptung, der Migrationspakt sei das Werk von Satanisten.

Wir: die unterdrückte Minderheit

Gerade arbeite ich mich durch die ganzen Werke hindurch, die von der UNO im Rahmen des Migrationspaktes veröffentlicht worden sind. Und ich darf die frohe Botschaft verkünden, dass die Autoren und Autorinnen von solchen Blogs wie Die Achse des Guten, von online-Zeitschriften wie der Schweizer Morgenpost oder solchen Politikerinnen wie der AfD-Abgeordneten Nicole Höchst keinerlei Ahnung haben, was in diesen Papieren steht.
So gibt die Schweizer Morgenpost an, die Absichtserklärung von Marrakesch sähe den Zuzug von bis zu 300 Millionen Afrikanern bis 2068 vor. Und schreibt dann, wortwörtlich:
Dies wird im Ergebnis dazu führen, dass die einheimischen Bevölkerungen zu unterdrückten rechtlosen Minderheiten innerhalb ihrer eigenen Heimat werden.

Die Erklärung von Marrakesch

Sieht man sich allerdings die Erklärung von Marrakesch an, so enthält diese zwar auch die Verrechtlichung legaler Migration, vor allem aber die Unterbindung illegaler Migration, die Bekämpfung von Schleusern und Maßnahmen, um junge Menschen in ihrer Heimat zu binden.
Legale Migration hört sich für unsere Rechtsradikalen vermutlich auch nicht so toll an. Dazu gehören aber auch Bildungsmigranten (also zum Beispiel Studenten und Studentinnen, die in Europa Auslandssemester oder eventuell sogar ein ganzes Studium absolvieren können), die leichtere Möglichkeit, Fachkräfte auszutauschen (zum Beispiel der Austausch zwischen Ärztegemeinschaften) oder gemeinsame Bildungsprojekte über das Internet (die dann auch gegen Ursachen der Migration gerichtet sind).
Es stimmt übrigens auch nichts von den Zahlen; die Absichtserklärung von Marrakesch ist keine neue, sondern nur eine Folgeerklärung. Sie beruht auf dem sogenannten Rabat-Prozess, ebenfalls eine Absichtserklärung von 2006. Es ist also sehr überraschend, wenn nun jemand auf Facebook behauptet, der Migrationspakt käme überraschend und sei hinter dem Rücken der deutschen Bevölkerung und gegen diese ausgearbeitet worden.

Grenzpolitische Konzepte und Relegalisierung

Was findet sich noch in der Absichtserklärung von Marrakesch? Zum Beispiel die Koordination von Grenzkontrollen und gemeinsamer grenzpolitischer Konzepte. Dies ist sinnvoll, weil einseitig betriebene Grenzen dazu neigen, für das Jenseits blind zu sein. Auch das ist eine Maßnahme gegen illegale Migration.
Ein anderer Punkt sind Maßnahmen zur Rückkehr, Relegalisierung und Reintegration von Migranten und Migrantinnen in ihr Heimatland. Gerade die Relegalisierung kann für Menschen aus politisch unsicheren Ländern ein großes Problem darstellen. Auch wenn sich die politische Lage entschärft hat, werden hier allzu häufig alte Urteile weitergetragen. D. h., dass sich zwar die Rahmenbedingungen für eine Verurteilung eines Migranten geändert haben, aber noch nicht das Urteil selbst. Damit wird die Ursache für die Flucht nicht beseitigt. Dies soll, innerhalb der Möglichkeiten des jeweiligen Landes, schneller bewältigt werden, um eine legale Rückkehr zu fördern.
Man hätte es vorher sagen können, aber es ist ja sinnvoll, sich ein eigenes Bild zu machen, und so kann ich es jetzt sagen, auf Widerruf, denn ich habe bisher noch lange nicht alle Absichtserklärungen gelesen: was sich zum Beispiel die AfD auf ihren Seiten zusammenspinnert, ist eben nichts anderes als Spinnerei.

Die Lügen der AfD

Ein letztes Beispiel: die AfD schreibt:
Es wird keine Integration in die Kultur der Einwanderungsländer erwartet. Die eigene Kultur und Rechtsordnung (zum Beispiel Sharia) kann beibehalten werden.
Im Migrationspakt steht aber:
Der Globale Pakt bekräftigt das souveräne Recht der Staaten, ihre nationale Migrationspolitik selbst zu bestimmen, sowie ihr Vorrecht, die Migration innerhalb ihres Hoheitsbereichs in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht selbst zu regeln. Innerhalb ihres Hoheitsbereichs dürfen die Staaten zwischen regulärem und irregulärem Migrationsstatus unterscheiden, einschließlich bei der Festlegung ihrer gesetzgeberischen und politischen Maßnahmen zur Umsetzung des Globalen Paktes, unter Berücksichtigung der verschiedenen nationalen Realitäten, Politiken, Prioritäten und Bestimmungen für Einreise, Aufenthalt und Arbeit und im Einklang mit dem Völkerrecht;
[…] Der Globale Pakt erkennt an, dass die Achtung der Rechtsstaatlichkeit, die Einhaltung ordnungsgemäßer Verfahren und der Zugang zur Justiz für alle Aspekte einer gesteuerten Migration von grundlegender Bedeutung sind. Das bedeutet, dass der Staat, öffentliche und private Institutionen und Einrichtungen sowie alle Personen an Gesetze gebunden sind, die öffentlich verkündet und in gleicher Weise angewandt werden, über deren Einhaltung unabhängige Gerichte wachen und die mit dem Völkerrecht im Einklang stehen; […]

Positive Migration

Das ist etwas differenzierter gesagt. Die Migration soll nicht unterbunden werden; sie soll aber transnational geregelt werden. Migration muss, wie oben gesagt, nichts schlechtes bedeuten. Sie kann, im Falle von Bildung zum Beispiel, zu einer Förderung der Herkunftsländer führen, etwa, wenn Kompetenzen zur weiteren Demokratisierung eines Landes und zum Aufbau einer funktionierenden und vielfältigen Wirtschaft genutzt werden.
Migration ist nicht so einfach, wie die AfD dies darstellt. Tatsächlich trifft ein Teil der von der AfD aufgeführten Punkte überhaupt nicht die Sachverhalte; ich habe hier deshalb so ausführlich aus dem Migrationspakt zitiert, um alleine die Behauptung zu widerlegen, Migrantinnen und Migranten hätten sich nicht an das geltende Rechtssystem zu halten. Dies ist eine glatte Lüge. Auch alle anderen Punkte der AfD lassen sich rasch widerlegen. Man muss den Migrationspakt nur lesen.

Faschistisch und dumm

Fazit bleibt, was man als halbwegs gebildeter Mensch eigentlich schon immer wusste: die AfD, die Achse des Guten, der PI-Blog und solche Vertreter wie Vera Lengsfeld oder Henrik Broder sind entweder nicht in der Lage, vernünftig zu lesen, vernünftig zu recherchieren oder vernünftig zu denken.
Als Manuela Rottmann die Petentin für die Gemeinsame Erklärung 2018, Vera Lengsfeld, fragte, was sie eigentlich wolle, hat sie wohl das ausgedrückt. Die Absichtserklärung, die der Migrationspakt darstellt, ist eben eine Absichtserklärung. Deutschland gibt damit nicht seine Souveränität aus den Händen. Sie ist noch nicht einmal rechtlich bindend. Die meisten Aspekte des Migrationspaktes sind auch keine zur Förderung der Migration, sondern zu ihrer Verhinderung. Und so ist es reichlich paradox, gegen den Migrationspakt zu sein, wenn man gegen Migration ist.
Informiert euch aber bitte selbst. Alles, was beschlossen wurde und beschlossen wird, Absichten, nicht Gesetze, liegt öffentlich vor. Wer auf die Lügen der Faschisten reinfällt, ist selbst Schuld.

15.07.2018

Lacan. Eine Einführung

Man kann zu Slavoj Žižek sagen, was man will; er gehört, ob man ihm folgen möchte oder nicht, zu den vergnüglichen und scharfsinnigen Autoren. Sein Büchlein über Jacques Lacan ist darin nicht anders. Und wie viele der Philosophen, die nett zu plaudern vermögen, so wie überhaupt jedes Buch von Žižek, birgt auch dieses die Gefahr, dass die dahinterstehende Methode aus dem Blick gerät, und damit der systematische Zusammenhang, den Lacan in seinen Vorlesungen und Schriften herausarbeitet.
Mit 148 Seiten (den darumstehenden Apparat abgerechnet) ist dieses Buch natürlich zu kurz, um mehr als eine Einführung zu sein. Insofern ist es schon erstaunlich, wie viele zentrale Gedanken Žižek gleichsam im Vorübergehen vermitteln kann.

Das nutzlose Geschenk der Liebe

So erklärt Žižek zum Beispiel, warum sich Liebende eigentlich immer nur unnütze Dinge schenken: gerade weil diese Dinge nicht nützlich sind, transportieren sie in reinster Weise das Kümmern des anderen. Sie bedeuten nichts anderes als die Nichtigkeit des Zweckmäßigen. Und so sind gerade die kleinen, überflüssigen Sachen ein Zeichen dafür, dass man nichts geschenkt und nichts angenommen hat, während man zugleich alles, nämlich sich selbst, geschenkt und alles angenommen hat.

Interpassivität

Die Masse der Narzissten

Ein anderer hübscher Gedanke ist der der Interpassivität. Man tut etwas, um nichts zu tun.
Man erlebt das manchmal bei einer Schreibblockade: der Autor kann nicht weiterschreiben, er tut alle möglichen Sachen, die gerade nichts mit dem Schreiben zu tun haben. Er tut also etwas, aber es ist nicht das Schreiben. Und doch –
Das Problem dabei ist, dass sich die geheimen Vorstellungen auf ein anderes Objekt verschoben haben, weil die eigentliche Tätigkeit keine Befriedigung mehr bietet. Denn tatsächlich leben wir in einer Kultur, in der das geschriebene Wort so massenweise auftaucht, dass sie die narzisstische Stellung des Autors nicht mehr zu bedienen vermag.

Ghostwriting

Und so taucht der Ghostwriter an dieser Stelle auf. Er schreibt, was man selber nicht schreiben kann oder wozu einem das Begehren fehlt, damit man selbst etwas anderes tun kann, zum Beispiel in Urlaub fahren.
Dann darf man sich auch beklagen, dass das Ghostwriting so teuer ist und setzt die Mühen des Schreibens den Mühen des Geldverdienens entgegen. Das kann sogar soweit führen, dass man den Preis herunterzuhandeln versucht, weil der Vater ja schließlich schon das ganze Studium bezahlt habe und jetzt nicht auch noch so viel Geld für die Masterarbeit bezahlen solle. (Die Dame hat sich übrigens, laut ihren eigenen Aussagen, während des Studiums vor allem um ihr Pferd kümmern müssen. Deshalb konnte sie nicht so oft in den Seminaren sitzen.)

Fundamentalistisch sein

Die drei rhetorischen Figuren des Perversen

Žižek ist auch ein scharfer Beobachter und Kritiker radikaler Tendenzen. Dass er sich dabei des Öfteren über islamistische Fundamentalisten auslässt, hat ihm gelegentlich das Lob aus dem „rechten“ und rechtsradikalen Lager eingebracht. Dabei lässt sich die Kritik auf einfachste Weise auch auf den Rechtsradikalismus anwenden, oder auf gewisse Formen, die das Christentum derzeit wieder in den Vordergrund zu rücken scheinen.
Die Idee ist relativ einfach: der Fundamentalist ist einfach ein Perverser. Der Perverse wird nicht durch seine bizarren Praktiken definiert (tatsächlich üben nur ein kleiner Teil der Perversen solche sexuellen Tätigkeiten aus), sondern dadurch, dass er als Instrument eines höheren Willens nicht nur den direkten Zugang zur Wahrheit besitzt, sondern zu einer apokalyptischen Wahrheit (dem göttlichen Gericht).
Die rhetorischen Figuren dahinter sind einfach: zunächst ist die Realität nur eine Allegorie höherer Mächte; dann wird die Spaltung auf einseitige Weise verdoppelt: die Leugner des wahren Glaubens bestätigen diesen und so wird aus der Bejahung und Verneinung eine Bejahung als Bejahung und eine Verneinung als Bejahung; drittens aber wird der Beweis umgekehrt: das, was beabsichtigt wird, dient nun als Beweis für den eigenen, höheren Status: Nicht führt der Glaube an die Wahrheit zum Tod, sondern der (zukünftige) Tod beweist die Wahrhaftigkeit des Glaubens.

Etwas durch sich hindurch glauben lassen

Žižek begründet aber auch sehr präzise, warum der Perverse nicht selbst glaubt und noch nicht einmal wirklich „religiös“ leben muss: denn der höhere Andere glaubt durch den Perversen hindurch und legitimiert, egal was dieser tut. Ohne Frage gilt dies aber nicht nur für die eigentlichen Religionen, sondern auch für alle anderen möglichen ideologischen Systeme. Dies mag unter anderem erklären, warum gerade die Rechtsradikalen so herzlich wenig Ahnung von ihrer eigenen Kultur besitzen, und warum man zum Beispiel bei der AfD die seltsamsten, geradezu infantilen Überzeugungen findet.
Denn eine andere Sache zeichnet den Perversen, und damit den fundamentalistischen Ideologen aus: die religiösen Aussagen werden als empirische genommen. Denn obwohl man dies der sinnlichen Umwelt kaum wird abgewinnen können, scheinen diese Menschen in der Lage zu sein, das „Deutsche“ sehen und hören zu können, als würde es durch das Grün der Landschaft und dem Rauschen der Bäume direkt zu ihnen sprechen.

Lesenswert?

Eine Rezension sieht anders aus. Aber was soll ich wiederholen, was ich zum Lesen empfehle. Natürlich gibt es auch andere Bücher über Lacan, die man diesem entgegenstellen könnte. Nichts wäre einfacher als das.
Žižek spart auch alle Diagramme aus, mit denen Lacan seine Lehre illustriert hat, angefangen vom umgedrehten Zeichen bis hin zum Graphen des Begehrens. Diese sind, man kann es nicht anders sagen, für jemanden, der sich tatsächlich und ernsthaft mit Lacan auseinandersetzen will, natürlich eine Pflicht.
Aber was will man von einer Einführung anderes erwarten, als dass sie einem zentrale Aussagen in vergnüglicher Weise illustriert und ihren kritischen Wert demonstriert? Das ist Žižek nun gelungen. Und insofern macht dieses Buch auch Lust, sich intensiver mit dieser schillernden Gestalt auseinanderzusetzen.

16.04.2018

Gender? Klappt doch!

Das gefühlt hunderttausendste Video gegen den imaginierten gender-Wahnsinn wurde vor ein paar Tagen von zwei adretten jungen Leuten veröffentlicht. Dieses Video war allerdings nicht nur sachlich peinlich. Und so gab es, glücklicherweise, scharfe Kritiken.
Auch ich habe dazu etwas geschrieben. Ich mag es hier noch einmal zitieren, samt einem sehr freundlichen Einwand und meine Antwort darauf.

Bildungsziel leider verfehlt

So könnte man mein Fazit zu diesem Video zusammenfassen. Ich schrieb also:
Das Video wird schon da unsinnig, wenn Gender als das persönlich empfundene Geschlecht definiert wird. Und über den Rest muss man gar nicht reden. Auch in der Gender-Theorie kann man nicht heute ein Mann und morgen eine Frau sein. Eins kann man sich aber auch nicht aussuchen: wer wie diese beiden heute solch einen ideologischen Unsinn erzählt, wird morgen auch nicht intelligenter reden.
Daraufhin fragte ein gewisser Johnny Blunck folgendes, bzw. gab folgendes zu bedenken:
Ist das so?
In der Linguistik bezeichnet das Wort gender zunächst im Englischen den Genus bzw. das grammatikalische Geschlecht – d.h. die Unterscheidung zwischen weiblich, männlich und sächlich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert.
Tatsächlich ist dieser Einwand kein wirklicher Einwand gegen das, was ich geschrieben habe, aber zeigt doch auf eine Unschärfe in meinen Sätzen, die berechtigt, hier nachzuhaken. Ich habe mich also darauf hin etwas ausführlicher ausgelassen:
Nun, meine Antwort darauf war tatsächlich unterkomplex.
Erstens gibt es nicht die Gender-Theorie. Die Ansätze konkurrieren gelegentlich sehr stark in der wissenschaftlichen Basis, so wie Judith Butler sich relativ stark auf Foucault und damit indirekt auf Kant bezieht, während Luce Irigaray eine relativ stark an Lacan orientierte Position einnimmt. Martha Nussbaum wieder argumentiert sehr dicht am amerikanischen Pragmatismus.
Zweitens wird sehr häufig (und darin gehen Butler, Irigaray und Nussbaum konform) von einer kulturellen Konstellation ausgegangen, in die die Menschen eingebettet sind. Diese übersteigt die Wahlfreiheit des Individuums, so dass von einer Wahl des Geschlechts keine Rede sein kann. Aber eben auch nicht von einem einfachen Verhältnis zur Biologie.
Man kann, vereinfacht gesagt, zum Beispiel in der Diskursanalyse davon ausgehen, dass ein Mensch durch all die Sätze definiert wird, die sich auf ihn beziehen. Dazu gehören sehr weit gefasste Sätze (Die Würde des Menschen ist unantastbar.) oder sehr individuelle (Kannst du morgen etwas früher aufstehen?). Geschlechtsspezifisch sind die Sätze dann, wenn sie sich direkt oder indirekt auf das (vermeintliche) Geschlecht beziehen.
Es geht nun zum Beispiel darum, dass die allgemeinen Sätze (Frauen sind eher emotional.) weniger Einfluss auf die individuelle Teilhabe bekommen und dass die individuelle Teilhabe auf Augenhöhe und nicht durch ein vorgeprägtes Machtgefälle stattfinden kann.
Dabei sollte aber auch klar sein, dass dieses "weniger Einfluss" ein gradueller Aspekt ist. Erstens kann kein einzelner Mensch alle Aussagen über sich kontrollieren. Zweitens sprechen auch konservativere, nicht-feministische Denker - etwa Sloterdijk - von einer zweiten, sozialen Geburt des Menschen durch die Sprache (oder das Sprechen). Der soziale Mensch kann, so einer der Gedanken dabei, nicht hinter seine Geburt zurück, auch nicht hinter seine soziale Geburt; er / sie ist gezwungen, das Besprochen-werden durch ein Mit-Sprechen zu ergänzen.
Gelassenheit wäre die eigentlich richtige Haltung bei diesem Thema. Mich macht allerdings ziemlich sauer, dass sich hier Menschen hinstellen, die anscheinend noch nicht einmal in der Lage sind, eine Verordnung richtig zu lesen, und sich zu Moralaposteln und Rettern des Abendlandes aufspielen. Natürlich muss man die Gender-Theorien weiterhin kritisieren dürfen, natürlich auch deren Umsetzung. Aber dann sollte das Ganze doch auf Fakten basiert sein und ein gewisses Maß an Intelligenz bereitstellen. Ständig gegen dieselben Dummheiten argumentieren zu müssen ist doch langweilig.

09.04.2018

Beschämung

Meine Arbeitsweise kennt ihr ja. Ich habe sie häufig genug geschildert. Im Moment lese ich gar nicht neue Bücher, sondern vor allem meine Aufzeichnungen aus den letzten Monaten, die sich mal strenger, mal lose insbesondere um die Mathematikdidaktik reihen. Die Fächer Deutsch (Sachaufgaben), Informatik (Algorithmen und Datenstrukturen) und Kunst (Modellieren und Visualisieren) fügen sich darin ein.
Begonnen habe ich allerdings auch, Die Maske der Scham von Leon Wurmser endlich mal wieder zu lesen. Fast dreißig Jahre ist es nun her, dass ich dieses Buch durchkommentiert habe, eine viel zu lange Zeit.
In einem anderen Kontext (André Zimpel: Einander helfen. Der Weg zur inklusiven Lernkultur) habe ich, mit Verweis auf Wurmsers Buch, folgenden Kommentar verfasst (das muss im April 2015 gewesen sein):

Beschämung

Offensichtlich hat die Beschämung einen ungünstigen Effekt auf Zielsetzungen, Hoffnungen oder das Wollen. Was aber verursacht hier das Entstehen einer Schwelle oder eines Bruchs, den wir dann Beschämung nennen können?
Zunächst kann man hier auf eine Bewegung in der Bedeutung verweisen: die Beschämung zeigt deutlich auf ein moralisches Gefälle entlang der innen/außen-Differenz. Dies ist natürlich nur ein semantischer Effekt; er muss weitere Wirkungen nach sich ziehen.
Jedenfalls steht bei dieser innen/außen-Differenz eine veränderte Ökonomie entlang der Veräußerlichung des Schaffenden vor Augen. Dies kann sich auch auf Lernziele und die Entwicklung des Willens auswirken. Die Beschämung greift sozusagen von Anfang an in das Mitmachen und Sich-Befehlen-lassen ein und schafft einen eigenen, aber unbewussten, also gespaltenen und schlecht kontrollierbaren „Zweitwillen“.
Mit anderen Worten entwickelt der beschämte Mensch einen hintergründigen Willen, einen anderen Willen zu simulieren. Der simulierte Wille scheint so etwas wie eine Verschleierung zu sein. Aus meiner Erfahrung stammen Schamgefühle häufig aus einer verletzten Körpergrenze, einer Entblößung oder Entstellung. Dieser verborgene, konfliktlos gewordene Zweitwillen arbeitet dann daran, eine Oberfläche aufrechtzuerhalten, die für weitere Verletzungen oder Entblößung „zu glatt“ ist. Der Konflikt, so scheint die Fantasie der Beschenkten zu sein, gleitet an dieser glatten Oberfläche ab, ohne sie zu durchstoßen.

07.04.2018

Ich bin gerade in Belgien in Ferien. Rechter Feminismus?

Nein, natürlich nicht. Ich verweile in Deutschland. Allerdings findet sich der Satz „Ich bin gerade in Belgien in Ferien“ auf dem einzigen Schriftstück, welches die Akte Julia Kristeva von ihr persönlich enthält. Diese Akte ist gerade publik geworden, weil Kristeva für eine bulgarische Zeitung zu schreiben gedenkt und man darauf hin ihre Verstrickungen mit dem „kommunistischen“ Regime überprüft hat. Dass man ihr vorgeworfen hat, ein Spitzel für die Kommunisten gewesen zu sein, lässt sich allerdings wohl nicht belegen. Tatsächlich wird ihr in der Akte angelastet, zu vereinbarten Treffen nicht zu kommen und immer nur völlig unbrauchbare Informationen geliefert zu haben.

Destruktion des Feminismus

Ganz so unbefangen kann ich allerdings den ganzen Fall nicht sehen. Julia Kristeva gehört zu den bedeutendsten Intellektuellen der letzten 50 Jahre. Sie ist zwar in Deutschland aus der Mode gekommen, auch, weil ihre Einwände gegen die Lacansche Psychoanalyse noch komplizierter sind, als die Lacansche Psychoanalyse selbst. Aber sie hat aus mehreren Gründen einen zentralen Platz in der modernen europäischen Kultur verdient. So hat sie den russischen Literaturtheoretiker Michael Bakhtin nach Frankreich gebracht und von dort aus in die ganze westliche Welt. Bakhtin ist sein ganzes Leben lang mit einem Veröffentlichungsverbot belegt gewesen und hat bedeutende Schriften nur über befreundete Schriftsteller in der Öffentlichkeit platzieren können. Als Kristeva nach Paris kam, war Bakhtin dort komplett unbekannt. Und es ist einer ihrer Verdienste, ein vielleicht nicht sonderlich kreativer, aber zumindest politisch recht wichtiger Verdienst, dass etwa ein Jahr vor dem Tod von Bakhtin eine gesammelte Ausgabe seiner Schriften begonnen werden konnte.
In den französischen Medien stellt sich der Fall deutlich weniger harmlos dar. Wie in Deutschland haben auch dort zunehmend rechte Strategien Einfluss auf die Meinungsbildung. Kristeva ist nicht nur eine bedeutende Literaturtheoretiker, sondern auch, auf ihre Weise, eine radikale Feministin. Das ist den Rechten natürlich ein Dorn im Auge. Und insofern ist die Destruktion einer der feministischen Ikonen auch eine Destruktion des Feminismus selbst.
Dass diese Destruktion nicht auf der Grundlage einer umfassenden Kritik passiert, sondern vor allem aus Unterstellungen und Vorurteilen besteht, muss man, glaube ich, nicht mehr dazuschreiben. Das ist eben das Wesen des neuen „Konservatismus“.

Paglia und Vinken

Die Causa Paglia wird gerade auf Facebook stark diskutiert. Wen kümmert das eigentlich? Mich nicht. Irgendwie aber schon. Ich bedauere zutiefst, dass der Feminismus in seiner institutionalisierten Form nicht nur recht dogmatische Blüten treibt, sondern sich auch einer feindlichen Übernahme geradezu andient. Ich kenne das Buch von Paglia nun nicht. Es sollte im Antaios-Verlag publiziert werden. Dort ist es in den Überschriften zu den Kapiteln ziemlich entstellt worden, ins Hyperbolische, maßlos Übertriebene, eben mit jener Strategie, mit der rechte „Intellektuelle“ wohl arbeiten, wobei da natürlich das Wort „intellektuell“ völlig unangebracht ist.
Paglia meine zum Beispiel, Frauen könnten keine Kunst machen, weil sie nicht sublimieren können. Stattdessen hätten sie Babys. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frau Kinder hat. Ich halte es jedenfalls für eine Kunst, Kinder gut zu erziehen. Vinken, Literaturwissenschaftlerin und Professorin in München, wirft ihr deshalb eine „Verstümmelung psychoanalytischer Theorien“ vor; ihre „Ansichten hätten nur ein sinnloses Schockpotential“.
Zoe Beck findet diese Aussage furchtbar, allerdings auch, weil Vinken gesagt hat, die deutsche Ausgabe sei „liebenswert gemacht“, also jene Ausgabe vom rechtsradikalen Antaios-Verlag. Wir streiten uns nun nicht darüber, ob der Antaios-Verlag überflüssig sei. Die meisten seiner Bücher sind überflüssig. Pirinçcis Buch zur Umvolkung ist nicht nur eine Meisterleistung an sprachlicher Inkompetenz, sondern auch noch an völlig faktenloser Argumentation. Und das ist nicht das einzige Buch, das sich dieser Beurteilung erfreuen dürfte. Das ist eben die Argumentation der neuen Rechten.
Vinkens Einwand ist durchaus sehr ironisch. Die Überschrift allerdings, die wohl nicht von Vinken selbst ausgewählt wurde, spricht eine andere Sprache. Sie entbehrt der Ironie.

Biologismus

Ich komme nicht drumherum. Die Biologie ist das große Streitthema im Feminismus. Die Anti-Feministen haben sich scheinbar biologisch postiert. Sie argumentieren mit der Evolution. Nun ist die Zweigeschlechtlichkeit tatsächlich ein Erfolgsmodell. Nur lässt sich daraus noch nicht herauslesen, was den Menschen von Tieren unterscheidet. Und vor allem lässt sich daraus nicht herauslesen, warum wir in den letzten 40 Jahren einen solchen Hype der Neurophysiologie hatten. Alles sei doch irgendwie „gehirngerecht“. Nur eben nicht die klassische Geschlechterverteilung. Die sei völlig anatomisch.
Tatsächlich aber ist die großartige Leistung unseres Gehirns darin begründet, dass es die eigene Identität nicht nur durch Rekonstruktion der Körpergrenzen und Körperfunktionen erschafft, sondern zu einem wesentlichen Teil auch durch „irrationale“ Verarbeitung sozialer Signale – Stichpunkt: Spiegelneuronen. D. h. übrigens nicht, dass ein homosexueller Mensch die eigene Identität irrationaler verarbeiten würde als ein heterosexueller. Eher verhält sich die Anatomie zum rekonstruierten Körper so, wie bei Heidegger das Seiende zum Sein, als eine absolute, nicht zu hintergehende Differenz. Diese Differenz ist nicht graduell, sondern kategorial. Auch heterosexuelle Menschen erfreuen sich eines nicht näher zu bestimmenden Irrationalismus, was ihre politische „Geschlechtlichkeit“ angeht.
Insofern ist die politische Identität von Frauen auch nicht graduell zu begreifen. Weder untereinander, noch gegenüber Männern. Mit einer gleichberechtigten Stimme zu sprechen, aber eben auch nur für sich selbst (und nicht für andere Frauen) zu sprechen, sollte weiterhin Anliegen des Feminismus sein. Dass der rechte „Feminismus“ insofern richtig ist, als Frauen natürlich nicht Karriere machen müssen, als es ebenso möglich sein muss, dass eine Frau auch ein klassisches Rollenbild leben darf, bestreite ich nicht. Dagegen ist weiterhin unerfreulich, dass anderen Frauen, die eben genau dieses Rollenbild nicht ausfüllen möchten, mit so viel Häme und Abwertung begegnet wird. Rein neurophysiologisch gesehen gibt es nämlich keinerlei Unterschied zwischen den Denkleistungen von Männern und Frauen, zumindest statistisch gesehen. Und insofern ist es auch sehr fragwürdig, wenn Frauen weniger verdienen, weniger präsent in kulturellen Gremien sind. Oder warum ein Mann nicht seinen Lebenszweck in Kinderaufzucht und Apfelkuchen-Backen sehen sollte.
Auch das ist eine intellektuelle Fehlleistung, die sich Rechte gerne leisten: der Wille einer einzelnen Frau ist noch kein Einwand gegen die statistisch begründbare Ungleichheit der verschiedenen Geschlechter und gender-Identitäten. Und natürlich gibt es auch ganz furchtbare Frauen (oder Homosexuelle), die es bis an die Spitze unserer Gesellschaft geschafft haben. Aber auch das ist eben kein Einwand. Warum sollte es, wenn es so viele männliche, heterosexuelle Nieten gibt, nicht auch weibliche und homosexuelle Nieten geben? Wollte man hier daraus den Frauen einen Strick drehen, sollte man doch zuerst die eigentlich näherliegende Frage beantworten, warum unsere Gesellschaft solchen Menschen eine glänzende Karriere ermöglicht, während sie viel vernünftigeren Menschen eine solche Karriere verwehrt.
All das hat mit Biologie zu tun. Natürlich! Wie sollte ein Mensch auch ohne biologische Basis existieren können? Aber eine einfache Antwort, vor allem eine Antwort aus einer recht pennälerhaften Kenntnis der Biologie, wird man wohl kaum bekommen, es sei um den Preis einer radikalen Verkürzung und Verdummung.

04.03.2018

Deutlich gruselig: Vernichtende Kritiken der gender studies

Mathematikdidaktik: das ist eigentlich mein Thema. Und doch läuft mir gerade ein anderes, älteres, irgendwie immer noch nicht abgehaktes Thema über den Weg. So, wie eben die Mathematik aus Zeichen besteht, so ist auch die Rede über Geschlechter auch ein Gebrauch von Zeichen. Die Basis bleibt wohl gleich und legitimiert die Verbindung.

Gender Mainstreaming

Stefan Sasse gewährt Wolf-Dieter Busch Raum auf seinem Blog deliberation daily zum Thema gender Mainstreaming. Auch das erzeugte bei mir Kopfschütteln. Nicht die Tatsache, dass Sasse einem Gastautor dieses Thema zugesteht, aber der Inhalt. Das beginnt schon mit dem ersten Satz:
Die gegenwärtige Politik ist geprägt vom gender Mainstreaming.
Ehrlich? Die einzigen, die dies ständig auf den Tisch bringen, sind doch die AfDler: Im Parteiprogramm der AfD taucht dieses Thema umfangreicher auf als das Thema Familie, während das Thema Familie bei den Grünen einen breiten Raum einnimmt, aber das gender mainstreaming in einem Halbsatz abgehandelt wird. Es ist doch ein Thema am Rande.
Das zweite Problem dieses Artikels sind solche Aussagen wie:
Den Ausgangspunkt bildet Anfang der 1970 er Jahre die Frauenrechtsbewegung …
Auch das ist keineswegs richtig. Hier gibt es sehr viel mehr „Ursprünge“, angefangen beim Konstruktionismus eines Immanuel Kant, oder zum Beispiel aus der „strukturalen Psychoanalyse“ eines Jacques Lacan (der aber auch - irgendwie - von Kant herkommt).
Busch kritisiert den Reduktionismus, mit dem die gender studies auftreten. Das ist in gewisser Weise richtig. Auch ich habe geschrieben, bereits vor langer Zeit, dass die gender studies sich noch nicht dem Problem der Biologie gestellt haben. Obwohl auch das eine kolossale Verkürzung ist. Das Problem allerdings ist auch, dass sich die Biologen noch nie dem Problem gesellschaftlicher Attribuierungsprozesse gestellt haben. Und wenn man es dann tatsächlich auch noch mit so einem akademischen Mäuschen zu tun hat, das weder von dem einen noch von dem anderen mehr als eine oberflächliche Ahnung hat, aber meint, sich durch lautstarke Forderungen selbst befreien und in die passende Position hieven zu müssen, dann ist tatsächlich Hopfen und Malz, Blau und Rosa verloren. Dann trifft tatsächlich der Pro-Stammtisch auf den Contra-Stammtisch: und dabei entsteht nichts Sinnvolles und nichts Intelligentes.

Körperlicher Ordner

Um es noch einmal genauer zu sagen: der Körper, der eigene und der der sichtbaren Menschen, ist ein starker Ordner von Zeichenprozessen. Aber die Zeichenprozesse selbst sind nicht kausal durch solche Ordner geprägt. Es gibt also keine Notwendigkeit, sondern eine gewisse Beliebigkeit. Welche Moral man daraus ziehen soll, ist wiederum damit nicht gesagt. Unsere Gesellschaft macht es nun möglich, sich auf der einen Seite den eher körperlichen Ordnern hinzugeben, oder eher den Zeichenprozessen. Besonders eindrücklich wird dies auf manchen Plakaten für Homosexuellen-Partys. Da finden wir auf der einen Seite den fast nackten Muskelmann und daneben die mit allen Zeichen weiblicher Mode ausgestattete „Tunte“, den scheinbar natürlichen, nackten Körper und die aus modischen Signifikanten zusammengekünstelte Konfiguration.
Allerdings zeigen solche Plakate auch, dass hier übergeordnete Zeichenprozesse die Regie übernehmen. Die Diskrepanz zwischen den beiden Erscheinungen wird zur Einheit verschmolzen. Selbst Neonazi-Aufmärsche verschmelzen die Zeichen der rechtsradikalen Mode mit einer Quasi-Natürlichkeit. Was sich hier als Männlichkeit zur Schau stellt, ist im wesentlichen ein Gefüge aus Kleidungsstücken und symbolischen Gesten und damit keineswegs Biologie: der Körper muss nur die grundlegende Möglichkeit bieten, Kleidungsstücke tragen und die Gliedmaßen auf verschiedene Art und Weise verrenken zu können.
Damit ist aber auch klar, dass wir Biologie immer in Zeichen und in Zeichenprozessen interpretieren (müssen). Ein wichtiger Bestandteil der modernen Sprachphilosophie und Linguistik besteht in Bezug auf die Biologie gerade auch darin, die Eigenständigkeit dieser Zeichenprozesse auch im Fach Biologie zu verdeutlichen und hier auf „unbiologische“ Einflüsse innerhalb dieser Wissenschaft hinzuweisen. So zitiert Busch (also der Gastautor von Stefan Sasse) Ulrich Kutschera, einen Evolutionsbiologen. Ich kenne und schätze Kutschera seit 15 Jahren. Er verkennt und missinterpretiert allerdings die Komplexität der gender studies deutlich. So schreibt Kutschera, Judith Butler habe die Theorien von John Money weiter entwickelt. Money erlangte eine recht traurige Skandalisierung, weil er ein Kind, das mit beiden Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, durch chirurgische Eingriffe, Empfehlungen an die Eltern und durch psychologische Betreuung zu einem „Mädchen“ umgewandelt hat, obwohl auch „jungenhafte“ Vorlieben bei dem Kind aufgetaucht sind. (Eine ältere Kritik zu Kutschera habe ich hier veröffentlicht.)
Tatsächlich ist die Aussage von Kutschera komplett falsch (und es ist nicht die einzige Peinlichkeit, die sich Kutschera leistet). Butler stützt sich keineswegs auf diesen dubiosen Fall und seinen „Autor“. Ihre Wurzeln findet man eher in der Foucaultschen Diskursanalyse und den poststrukturalistischen Interpretationstheorien. Bis zu ihrem späten Werk Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen taucht der Name John Money überhaupt nicht auf. Und dort, im dritten Kapitel (ab Seite 97) werden keineswegs die biologischen Aussagen von Money übernommen, sondern in ein kritisches Verhältnis gesetzt. Von einer Zustimmung kann überhaupt keine Rede sein, und damit auch nicht von einer Weiterentwicklung.
Butler tut genau das, was gute Sprachphilosoph-inn-en machen: Sie untersucht diejenigen Einheiten, die diesen Diskurs prägen, und zwar als Konstellationen von Zeichen. Sie gibt also zu bedenken, dass auch ein biologischer Diskurs in sprachliche Ordnungen eingebunden ist, und dass man diese sprachlichen Ordnungen überprüfen muss, um ihre stille, ideologisierende und dogmatisierende Komponente herauszuarbeiten.
Ein Problem der Kritik an den gender studies ist, und Wolf-Dieter Busch führt dies sehr plastisch vor, Aussagen über biologische Zusammenhänge mit den biologischen Zusammenhängen selbst zu verwechseln. Gelegentlich sind Aussagen über biologische Zusammenhänge falsch oder verkürzt. Dann muss man diese kritisieren. Und insofern man Sprachwissenschaftler ist, interessiert man sich auch dafür, woher nun diese falsche Darstellung kommt. Dann untersucht man eben kulturelle Einflüsse, mithin: Zeichenprozesse.
Busch selbst verweist dann auch auf jene Buchkritik von Spektrum, mit den Worten, Kutschera habe eine "vernichtende Kritik" geschrieben. Kutscheras vernichtende Kritik allerdings wird in den Buchbesprechung gerade nicht euphorisch empfangen, sondern deutlich eingeschränkt, zuweilen sogar mit recht harschen Worten. Und ich mag mich über das Wort "vernichtend" gerade gar nicht mehr äußern. Was für ein adjektivischer Schmonz. Ins Riesenhafte und Groteske aufzublähen ist doch immer noch eine beliebte Strategie rechtspopulistischer Jammergestalten.
Kritik hört sich nach einem Dagegen an. Kritisiert man aber Fehleinschätzungen, dann taucht unter der Hand eigentlich auch ein Dafür auf. Man könnte mit Fug und Recht auch sagen, dass die gender studies gerade nicht gegen die Biologie sind, sondern sie vielmehr von ihren ideologischen Komponenten zu reinigen versuchen. Dass dabei auch Irrwege beschritten werden, das muss man nicht weiter ausführen.
Ich kann es, zum Abschluss, nur noch einmal sagen: Nicht alles, was die gender studies so fabrizieren, ist gut. Manches bringt mich auch zur Raserei. Das heißt aber nicht, dass ihr damit die Legitimität fehle. Im Gegenteil. Wissenschaft produziert Hypothesen und überprüft diese. Und insofern dies in den gender studies getan wird, haben sie auch das Recht, als Wissenschaft aufzutreten und ernst genommen zu werden. Auch wenn sie in der anschließenden Diskussion dann revidiert werden sollten.

14.01.2018

Signalgeber

Eigentlich genieße ich meinen Sonntag. Aber dann lese ich doch Nachrichten.

Sabbern statt lesen

Die rechte Szene, oder, wie sie sich gerne nennt, die Konservativen, verleugnet mittlerweile flächendeckend jede Eigenleistung beim Lesen. Sobald irgendwo das Wort ›Ausländer‹, oder eventuell sogar ›Afghane‹, sobald der Name ›Merkel‹ fällt, spult sich das Geplärre automatisch ab. Und wenn dann erst auf einem Foto eine Frau mit einem Kopftuch auffällt … Wie war noch mal das Äquivalent beim pawlowschen Hund? Sabbern? – Eben.
Rhetorisch gesehen handelt es sich hier um eine Extrapolation, eine ungebührliche Hervorhebung eines einzelnen Merkmales. Und man höre dies: ungebührliche Hervorhebung. Die Merkmal wird damit noch kein Recht auf Wahrheit abgesprochen, wohl aber der Konstellation. Aber solche Feinheiten scheren die neuen Nazis genauso wenig wie die alten.

Obergrenzen und drittes Geschlecht

Die hypothetische GroKo hat eine Obergrenze für Zuwanderung erlassen. 880.000 in den nächsten vier Jahren. Sieht man sich dabei mit an, dass es ein Zuwanderungsgesetz geben soll, welches vor allem auch auf Fachkräfte abzielt, dann dürfte für „Wirtschaftsflüchtlinge“ bei einer solchen Zuwanderung wenig Platz sein. Was machen die Nazis (und ich bedaure hier gelegentlich, dass ich auf Facebook immer noch die Beiträge und Kommentare von Michael Vogel lese)? Sie schreien natürlich. Dass diese Konstellation kaum noch etwas mit den Menschenrechten zu tun hat, fällt ihnen dagegen nicht auf.
Auf Pässen und in Behördenanträgen soll ein drittes Geschlecht eingeführt werden. Mich ärgert das, weil es genau die Schärfe aus der gender-Theorie herausnimmt, die diese so fruchtbar macht. Und es ist auch mal wieder typisch deutsch: aus einer Idee wird ein Verwaltungsakt gemacht. Letztlich aber kann man es drehen und wenden wie man will: auch hier sind die Zeter und Mordio schreienden Rechten nicht mehr in der Lage, zwischen einer sinnvollen Theorie und unsinnigen Dogmen zu unterscheiden.

Biologisiererei als Radikal-Genderismus

Rein logisch gesehen muss man den Unterschied zwischen beliebig (also wahllos) und kontingent (also so, aber auch anders möglich) beachten. Das soziale Geschlecht ist nicht beliebig, vor allem aber ist es auch nicht einem Akt der Selbstwahl in einer Art und Weise zugänglich, dass man von einem freien Willen bei der Geschlechterwahl sprechen könnte. Ein großer Teil des sozialen Geschlechtes entsteht in den vorherrschenden Bildern der umgebenden Kultur. Diese sind strukturell verwurzelt. Und es ist gerade der Zynismus dieser Biologisierer, dass sie sich in ihrer Biologisiererei auf die kulturelle Konstruktion der Geschlechter verlassen können. Denn das Weibchen am Herd ist nichts anderes als ein irrationales Trugbild. Dass es sich gelegentlich materialisiert, besagt noch nichts über seine Notwendigkeit. Es scheint gerade so, dass die soziale Konstruktion des Geschlechtes umso stärker und repressiver ausfällt, je mehr man sich auf die Biologie stützt. (Aber natürlich sage ich Biologisiererei, weil diese sich nur auf sehr ausgesuchte und willkürlich interpretierte Fakten der Biologie stützt.)
Das ganze Elend der Rechten, aber auch zum Teil der „Linken“ (oder das, was die Rechten als Linke bezeichnen – und da gibt es ja durchaus Unterschiede, deutliche Unterschiede!), ist die Behauptung einer Klarheit, wo die Wissenschaft noch immer am Problematisieren und Forschen ist. So ist auch der Zusammenhang zwischen Kultur und Gewalt ein notwendiger. Das liegt alleine schon daran, dass jede Kultur im Unbegründeten endet. Die Frage ist doch eher, wie man das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen gestaltet. Das Gewaltmonopol des Staates ist eine gute Lösung. Sie ist natürlich nicht perfekt.

Horden

Und in Bezug auf die Kulturen sollte man seinen Blick dahingehend schärfen, was als Kultur zu gelten hat. So ist es geradezu unmöglich, von einer deutschen Kultur zu sprechen, ja auch nur von einer Berliner Kultur. Kultur ist immer, so scheint es, die Angelegenheit kleinerer Gruppen. Wie man es dreht und wendet: Staaten sind immer „multikulturell“; und damit erübrigt sich schon fast die Diskussion, ob eine bestimmte Kultur dazu gehört oder nicht.
So. Nun kehre ich wieder in meine eigene, kleine, private Kultur zurück.

02.01.2018

Intelligenz ist die beste Zensur

Erfreulich ist doch immer wieder, wie lächerlich die neuen Rechten daherkommen; vermutlich so lächerlich, wie die alten Rechten, würde man deren Folgen nicht kennen. Unbestritten und unvergessen bleibt Hannah Arendts Wort von Eichmanns „empörender Dummheit“. Man kann es sehen, wie man will. Ich glaube nicht daran, dass Storch ihren letzten tweet unwissend abgesetzt hat. Der ganze Sermon, der diesem tweet und der Sperrung des Twitter-Accounts gefolgt ist, gleicht einer wohlüberlegten Inszenierung, einer Art Ballettübung auf dem Meinungsmarkt.

Ein arabischer tweet

Die Storch hat sich darüber empört, dass die Kölner Polizei Neujahrsgrüße auf Arabisch getwittert hat. Nein, empört ist hier das falsche Wort. Sie hat sich darüber lustig gemacht, wie man sich über einen Trottel lustig macht. Aber was zur Hölle ist in dieser Frau los? Denn es war nur ein tweet, einer von vielen übrigens, die auch auf Italienisch, Dänisch, Koreanisch in die Welt gesetzt wurden. Eine Höflichkeit, nichts weiter. So wie ich gelegentlich meinen arabischen Schülern das eine oder andere Wort auf Arabisch daneben schreibe. Ich kann kein Arabisch, aber ich besitze ein arabisches Wörterbuch. Die Schüler freuen sich darüber und lernen ein wenig eifriger die Malfolgen oder die Benennung der Satzteile (in deutschen Sätzen).

Polizeipräsenz

Wie die Besänftigung dann tatsächlich ausgesehen hat, kann man übrigens auch in den „linken“ Zeitungen nachlesen: eine massive Polizeipräsenz in der Silvesternacht.
Das Absurde an der ganzen Situation ist aber, dass die AfD auf der einen Seite so etwas wie einen Polizeistaat fordert, auf der anderen Seite aber die Polizei beständig denunziert und sie in einen schlechten Ruf zu bringen versucht.

Störchliche Logik

Und ebenso absurd ist, dass die Storch ganz bewusst (so scheints) die Meinungsfreiheit (für sich) auf übelste Beleidigungen ausdehnt. Und nein: ich schätze nicht alles, was aus den etablierten Parteien so getönt wird, allen voran, und als Beispiel, die Nahles. Nein, das schätze ich gar nicht. Aber diese Bigotterie, dieses offene Sich-Erlauben, was man anderen schon in Ansätzen verbieten möchte, lässt auf ein völliges Versagen höherer kognitiver Fähigkeiten schließen oder auf eine bewusste Misshandlung jeglichen logischen Zusammenhangs.

La Luna, le lune - Geschlechtsversicherung mit David Berger

Dann kommt auch noch der Berger. David Berger lässt mittlerweile kein Taschentuch mehr aus, in das er hineinflennen könnte, und sei dieses noch so braun. Er erblickt die Storch als Opfer, in seiner philosophia perennis. Sie habe „schlicht auf die von der Kölner Polizei auf Arabisch getwitterten Neujahrsgrüße … geantwortet“. Von der höflichen Geste zu der Unterstellung, es gäbe einen weitreichenden Bedarf, „gruppenvergewaltigende Männerhorden“ zu besänftigen (auf Arabisch natürlich), das ist für die Menschheit ein großer Schritt; für den Mann im Mond nur ein kleiner.
Und nein: ich leugne nicht, dass da nichts gewesen sei. Ob dies allerdings ein arabischer Charakterzug ist, das wage ich zu bezweifeln. Gruppenvergewaltigungen hat es auch in anderen Kulturen immer wieder gegeben. Und im groben kann man als gemeinsamen Zug einen fragilen gesellschaftlichen Status (wie er Flüchtlingen, aber auch Arbeitslosen oder kulturell verunsicherten Menschen eigen ist) und einen Zusammenhalt durch substantielle und nicht-substantielle Drogen finden.
Beides ist weniger von einer nationalen als von einer bestimmten gender-Ideologie (nämlich, wie man so sagt, einer patriarchalen) geprägt. Auch der spielt die AfD in die Hände. Die Rückkehr zu offen patriarchalem Gedankengut ist in dieser Partei so greifbar, wie schon lange nicht mehr. Auch das wundert mich nicht. Die Rückkehr war schon um die Jahrtausendwende massiv zu spüren. Einmal sprach Jutta Ditfurth von einem Rollback des Feminismus. Nachdenklich geworden darüber scheint niemand zu sein. Zu sehr hat sich eine Gruppe etablierter Feministinnen in ihrem Erfolg eingeigelt (und Insider wissen, dass ich hier keineswegs von allen Frauen spreche, sondern einige ganz bestimmte im Blick habe).

Richtig zensieren

Nun, das Fazit von Berger spricht Bände: der erste Zensurfall unter dem NetzDG diene zur Zensur und Einschüchterung. Keinesfalls ginge es um die Richtigstellung. Keinesfalls darum, wie der geradezu banale rhetorische Kniff, die arabische Sprache mit den gruppenvergewaltigenden Männerhorden zusammenzubringen, auf so schlichte Gemüter wie den Herrn Berger wirken könnte. Hier blickt jemand mit von Weinerlichkeit verquollenen Augen doch nur ins eigene Boudoir; und geschärft ist der Blick der philosophia perennis keineswegs, sondern nur die Anmaßung.
Die Höflichkeit hat die Storch nicht zum Schweigen gebracht. Wie auch? Weiß sie doch nichts von ihr. Die Intelligenz, wahrlich die schärfste aller Zensuren, konnte es auch nicht. Und so stolpert die neue Rechte durch ständige Wiederholungen und durch immer weniger Reflexion in jenen Kulturverfall hinein, den sie angeblich abwenden will.
Bleibt zum Schluss zu sagen, dass dieser Kulturverfall so alt ist wie die Kultur selbst. Man findet diese Kultur nicht auf den Bühnen des politischen Theaters, schon gar nicht auf denen, auf denen solch ein rauer Ton und solch eine abwertende und missachtende Meinung vorherrschend ist. So wenig ist die französische Kultur auf der Guillotine verteidigt worden. Und wer nach der deutschen Kultur sucht, der tut gut daran, abseitige Wege und schmale und verschlungene Pfade aufzusuchen. Der darf sich auch nicht zu fein sein, mit langem Atem und noch längerem Magen jenen verborgenen Früchte nachzustellen, die den Kanzelrednern so unbekannt, so fremdartig, so ausländisch vorkommen.

30.10.2017

Den Konservatismus wegtwittern

Gerade lese ich zur sogenannten Säkularisierungsdebatte, die das intellektuelle Leben der jungen Bundesrepublik stark beschäftigt hat. Der Hintergrund dieser Debatte ist nicht nur philosophisch, sondern auch zeitgeschichtlich spannend. Hier seien kurz einige Eckpunkte genannt: der Begriff der Säkularisierung wird prominent mit dem Westfälischen Frieden verbunden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Gestritten wurde damals darum, ob die „Liquidation geistlicher Herrschaft“ rechtmäßig sei, bzw. wie diese Rechtmäßigkeit herzustellen sei. Dass dieses Datum für die junge Bundesrepublik noch einmal eine wichtige Auseinandersetzung anstieß, lag auch daran, dass durch Carl Schmitt Richtlinien für die Auseinandersetzung vorgegeben worden waren, die von einem demokratischen Staatsdenken nicht ungeprüft übernommen werden konnten.
Carl Schmitt schrieb nämlich:
Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.
Dabei schwankt der Satz zwischen deskriptiver und präskriptiver Wirkung, ist also entweder eine Feststellung oder eine Normierung. Oder eben vielleicht auch bewusst beides.
Dass man Carl Schmitt nicht unbedingt folgen wollte, ist verständlich. Schon als deskriptive Aussage kann diese Bauchschmerzen bereiten, ist doch ein Begriff durch eine klare Intension geprägt, also ahistorisch zu lesen. Verändert sich die Intension, hat man es mit einem anderen Begriff zu tun, selbst wenn dieser unter der gleichen Benennung genutzt wird. Einen kurzen Einblick in diese Debatte bieten Ernst Müller und Falko Schmieder in ihrem Buch Begriffsgeschichte und historische Semantik, wobei sie besonders auf Hans Blumenberg eingehen, der nicht als Staatsrechtstheoretiker, aber doch mit gewichtigen Argumenten beteiligt war.
Den beiden Autoren ist auch zu verdanken, dass ich Blumenbergs frühes Hauptwerk Die Legitimität der Neuzeit noch einmal anders lese, nämlich nicht als kritische Geschichtsschreibung, sondern als kritische Aktualisierung der Geschichte für aktuelle Diskussionen. Da ich weder Historiker noch Staatsrechtstheoretiker bin, fällt es mir schwer, ohne Hinweis solche Bezüge zu herzustellen. Umso dankbarer bin ich den beiden Autoren für ihr kluges und informatives Werk.
Nun kann man einen Teil der Debatte aus dem Internet ausgraben. Das ist angenehm. Was mich daran jenseits der damals herrschenden politischen Lager begeistert, das ist der hohe intellektuelle Anspruch, der an das Thema herangetragen wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir zum Beispiel ein Hermann Lübbe auf Dauer nicht zusagen wird. Schon in den Anfängen lässt er ahnen, dass er eine vorgeprägte, vermutlich rechtskonservativ-kirchliche Sicht auf die Ursachen des Nationalsozialismus hat. Ich halte diese Suche nach den Ursachen insoweit für sekundär, als die ethisch-politischen Implikationen aus dem Dritten Reich nur durch eine Verantwortung und damit durch einen Bruch mit dem schuldhaften Verhältnis (also gerade nicht einer Verdrängung oder Leugnung oder auch nur einem Absehen von der eigenen Verstricktheit) erfüllt werden können.
In gewisser Weise also reizt mich das Niveau, auch das Niveau der konservativen Denker.
Schaue ich mir dagegen an, was sich heute als Konservatismus präsentiert, so muss ich zunächst nicht Kritik an den vertretenen Werten üben, sondern an dem allzu erbärmlichen Niveau. Man hat sich ja viel über die Kyffhäuser-Rede von Gauland aufgeregt, insbesondere über seinen Satz, dass man auf die Leistungen der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg stolz sein dürfe. Nun ist das gerade keine Geschichtsklitterung, sondern ein als Patriotismus getarnter Zynismus. Ich weiß nicht, was das für eine Leistung sein soll, dass sich deutsche Soldaten für ein Unrechtsregime in einen mörderischen Krieg gestürzt haben und darin massenweise gestorben sind. Mitleid wäre hier das richtige Wort gewesen, Mitleid für die Verblendung, Mitleid auch für den Tod so vieler Deutscher.
Ein anderer Skandal aber ist, wie Gauland aus einem der größten deutschen Dichter, Heinrich Heine, einen Stammtischbruder und Stichwortgeber für sein eigenes, verängstigtes Weltbild macht. Es ist nun wahrlich keine Leistung, einzelne Sätze eines Werkes in die eine oder andere Richtung und vor allem zu seiner Bequemlichkeit hinzudrehen. Das schafft jeder Backfisch-Interpret. Das ist jeglichen intellektuellen Niveaus unwürdig, aber leider allgemein der Ton, mit dem Alexander Gauland auftritt und sich als guten Deutschen und rechtmäßig Konservativen feiern lässt. In Wahrheit hat er sich damit sogar aus den Ansprüchen konservativer Vordenker ausgeschlossen.
Wie sich die Nationalisten aus dem intellektuellen Zusammenhang heraustwittern, also gerade keinen neuen Rechtsintellektualismus betreiben, muss man dann kaum noch erklären. Der blinde Affekt siegt. Das Drumherum ist keine Diskussion und Argumentation mehr, sondern nur noch vernebelnde Suade. Die gehört aber nicht in den Bundestag, sondern in die Therapie.

24.10.2017

Kultur, mal von unten, mal von oben

Wohin man manchmal getrieben wird. Da haben mich meine Schüler bei den Sachaufgaben vor ein Rätsel gestellt. Diese wurden auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen gelöst, manche der Schüler wussten sofort, worum es ging, andere haben selbst bei genauem Nachfragen und Herausarbeiten nur mit Mühe ein Ergebnis erhalten.
Nun habe ich die letzten Tage an den entsprechenden Seiten Mathefreunde 2 und 3 (Cornelsen-Verlag) und deren Darstellung in den Handreichungen für den Unterricht (das sind Vorschläge für den Lehrer, wie er seinen Unterricht gestalten könnte) gearbeitet. Ich war unzufrieden. Aus irgendeinem Grund habe ich nicht genau genug oder nicht das richtige beobachtet. Und so bin ich auf die Idee gekommen, mich wieder einmal expliziter der Ethnomethodologie und der Ethnographie zu beschäftigen.

Kultur

Die Ethnomethodologie beschränkt sich aus bestimmten Gründen auf die Alltagswelt. In ihr handeln Menschen; die Handlungen sind die Phänomene, die die Alltagswelt ausmachen. Redet der Ethnomethodologe von Handlungen, redet er zugleich von der Alltagswelt. Die Alltagswelt allerdings umfasst mehr als nur die Handlungen selbst, sondern besteht auch darin, wie diese Handlungen sich in ihrer Situation sichtbar machen. Dadurch kommt die Materie, andere Menschen und die Zeit in den Alltag hinein. Jede Handlung nimmt Bezug auf Gegenstände, Veränderungen und andere Sichtweisen.
Unter diesen Voraussetzungen kann Kultur nur als ein offenes Ergebnis betrachtet werden. Sie setzt sich aus unzähligen Situationen zusammen. Da der Ethnomethodologe von der Situation ausgeht, kann er zwar die Kultur als ein begründetes Phänomen ansehen, aber nicht als begründendes Mittel seiner Forschungen verwenden.
Aus den theoretischen Vorannahmen heraus kann man hier von einer bottom up-Betrachtung der Kultur sprechen; lokale und klassifizierende Verweise wie „in Hamburg am Hauptbahnhof“ oder „Deutsch sprechend“ sind nur zum Teil Symptome. Versteht man nämlich Symptome als undeutliche Nachbarschaften, so lässt sich das Attribut „deutsch“ nur als möglicherweise relevant deuten. Die Frage ist zuallererst, was an Handlungen beobachtbar ist; und hier sind globale und klassifizierende Verweise zu abstrakt und ungenau, um bei der Beschreibung einer lokalen Kultur angewandt werden zu können. Deshalb sind die Kulturen, von denen der Ethnomethodologe spricht, immer lokale Kulturen, nie nationale.
Nationalisten dagegen neigen dazu, einen umgekehrten Weg zu gehen, nämlich von der Behauptung einer umfassenden Kultur zu ihrer normierten Existenz überzugehen. Man kann hier von einer top down-Betrachtung der Kultur sprechen. Das Problem einer solchen Betrachtungsweise wiederum besteht darin, dass die Normierung über das Empirische siegt und damit ideologischen Mechanismen wie der Extrapolation, der mythischen Zeit (als der Wiederkehr des Gleichen) oder der nationalen Involution gehorcht.

Zwei Arten von Gesetzen

Was die beiden Betrachtungen der Kultur so explizit schwierig macht, ist ihr gemeinsames Auftreten in der demokratischen Verfassung. Zwar beruft sich die demokratische Verfassung nur noch sehr allgemein auf eine Kultur und bestimmt diese auch nicht, aber in den Gesetzen ist zum Teil sehr eindeutig geregelt, was erlaubt, und was nicht mehr erlaubt ist. Das Mögliche wird eingeschränkt und damit eine normative Sicht auf die Kultur durchgesetzt. Auf der anderen Seite werden aber viele Freiheiten zugestanden, so dass sich hier mehr oder weniger lokale Kulturen herausbilden können.

Diagnose und Richtigkeit

Parallel dazu finde ich dieser Betrachtung ein Problem des Unterrichtens wieder. Wenn man zum Beispiel das Rechnen im Tausenderraum einübt, spielen die Fehler, die die Kinder machen, eine wichtige Rolle. Auf der anderen Seite will man solchen Fehlern nicht allzu viel Raum geben: die Zeit, die man als Lehrer hat, um bestimmte fachliche Inhalte zu vermitteln, ist begrenzt. Dann setzt man die richtige Art und Weise der Handlung durch Vormachen und Einüben, geht also normativ vor.
Bedenkt man, dass die Fehler über den Einzelfall hinaus auch eine Bedeutung für die Art und Weise besitzt, wie ein Kind sein Lernen organisiert, und dadurch den Pädagogen Hinweise auf weitere Förderung geben, ist ein normatives Vorgehen nicht angebracht. Man müsste, konsequenterweise, den Lernstoff sich entwickeln lassen. Auf der anderen Seite ist aber ein solches laissez faire nicht nur zeitraubend, sondern oft auch im Ergebnis unbefriedigend. Schließlich muss man auch zugestehen, dass der Lehrer selbst seine alltägliche Unterrichtspraxis nur dadurch sichtbar macht, wenn er sich in die Unterrichtssituation einbringt – zumindest kann man dies nicht nur nach dem Alltagsverständnis behaupten, sondern auch nach den Prämissen der Ethnomethodologie. Schließlich aber würden Fehler nicht als Fehler beobachtet werden können, wenn diese nicht an einer Richtigkeit gemessen worden wären. Die Richtigkeit einer Addition mag zwar auf den ersten Blick einen rein formellen Charakter besitzen. Im Zuge des Unterrichtens aber erhält sie einen gewissen moralischen Wert.

Gesellschaft und Interaktion

Alles, was in der Gesellschaft passiert, passiert als Interaktion. Gesellschaft bildet dabei den verborgenen Hintergrund, auf dem die Situationen als Phänomene erscheinen (so Zimmerman/Pollner 1976, S. 87). Deutlich schärfer formuliert Niklas Luhmann diese Differenz. Gegenüber der Metapher des Hintergrundes äußert er den Vorbehalt, dass sich die hohe Komplexität von Gesellschaft „weder auf Individuen noch auf deren Interaktionen zurückführen lassen“ (Luhmann 1986, S. 552). Dem Symbolischen Interaktionismus (und damit in gewisser Weise auch gegenüber den Vertretern der Ethnomethodologie) bescheinigt er eine eingeschränkte theoretische Reichweite:
Für Vertreter des Symbolischen Interaktionismus besteht die Gesellschaft, im Unterschied zur Interaktion, aus Individuen (oder: aus Individuen-in-Interaktion); aber die Individuen werden in der Interaktion erst konstituiert, sind also psychisch internalisierte soziale Artefakte. Damit wird das, was wir als unterschiedliche Konstitutionsformen sozialer Systeme behandeln werden, letztlich in psychische Systeme zurückverlagert, nämlich auf die Differenz von personaler und sozialer Identität zurückgeführt. Nur dadurch, dass Individuen diese Differenz zu handhaben wissen, entsteht über Interaktion hinaus Gesellschaft. (Luhmann 1996, S. 551)
Für Luhmann ist die Interaktion zwar ein konstitutiver Teil von Gesellschaft, doch ist diese darüber hinaus auch von anderen Faktoren bestimmt. Er bestimmt dann die Interaktion in einer Art und Weise, zu der man die Metapher des Hintergrunds in paradoxer Weise auslegen kann:
Interaktionen sind Episoden des Gesellschaftsvollzugs. Sie sind nur möglich aufgrund der Gewissheit, dass gesellschaftliche Kommunikation schon vor dem Beginn der Episode abgelaufen ist, so dass man Ablagerungen vorangegangener Kommunikation voraussetzen kann; und sie sind nur möglich, weil man weiß, dass gesellschaftliche Kommunikation auch nach Beendigung der Episode noch möglich sein wird. … Die Interaktion vollzieht somit Gesellschaft dadurch, dass sie von der Notwendigkeit, Gesellschaft zu sein, entlastet wird. (Luhmann 1986, S. 553)
Mit anderen Worten: die Interaktion nutzt die Gesellschaft als Hintergrund, aber die Gesellschaft ist nicht der Hintergrund der Interaktion.
Ich darf hier vielleicht hinzufügen, dass sich auch darin ein Grund finden lässt, warum eine rein normative Bestimmung von Kulturen nur in Interaktionen möglich ist und – folgt man Luhmann – keinen umfassenden Erklärungswert besitzt. Insofern sich der Nationalismus auf eine Gesellschaft durch Interaktion beschränkt, verfehlt er eine angemessene Beurteilung gesellschaftlicher Entwicklungen (und noch einmal zur Vorsicht gesagt: dies ist keine Aussage über irgendwelche Parteienmeinungen zur sogenannten „Flüchtlingskrise“ oder zur „schleichenden Islamisierung“; wie sich das eine zum anderen verhält, erforderte längere Argumentationsgänge, längere, als ich hier liefern kann, längere, als aus dem rechten Lager zu hören ist).
  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1986
  • Zimmerman, Don H./Pollner, Melvin: Die Alltagswelt als Phänomen. in Weingarten, Elmar/Sack, Fritz/Schenkein, Jim: Ethnomethodologie. Beiträge zu einer Soziologie des Alltagshandelns. Frankfurt am Main 1976, S. 64-104