Posts mit dem Label rhetorische Analyse werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label rhetorische Analyse werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

22.01.2019

Jenseits der Kreativität

Die Blüten der Kreativität

Die seltsamen Blüten, die Begriffsbildungen treiben, sobald sie über eine gewisse Popularität verfügen, sind immer wieder von spöttischen Zeitgenossen hervorgehoben worden. Die Kreativität bildet da keine Ausnahme. Ulrich Bröckling hat in seinem Buch Gute Hirten führen sanft höflich aber bestimmt auf die Widersprüche der Kreativität in der modernen Berufswelt hingewiesen.
Dieser vergnügliche, kurze Aufsatz am Ende eines recht schwarzhumorigen, brillant analytischen Buches sei hier aber nur erwähnt. Er ist in gewisser Weise auch etwas launisch.
Von der Hand zu weisen ist aber nicht, dass sich das Reden über Kreativität in Aporien verstrickt. Statt einer Übersicht, wie sie Bröckling gegeben hat, und wie ich sie einmal auf ganz andere Art und Weise versucht habe, möchte ich hier an einem einzelnen Artikel auf einige Widersprüchlichkeiten hinweisen.

Ein beispielhafter Artikel

Der Artikel zur Kreativität findet sich auf der Plattform lernen.net der Firma 4pub GmbH, die laut eigenen Aussagen ein „Content Netzwerk im Themenfeld Digitales Lesen & Lernen, online Marketing sowie Sport & Fitness“ betreibt. Der Ursprung des Artikels ist allerdings unerheblich, da sich die beobachteten Phänomene nicht nur in Bezug auf Kreativität und nicht nur an diesem Text beobachten lassen.

Benennung und Begriff

Strukturelle Ähnlichkeit

Der erste Kritikpunkt betrifft die Unterscheidung zwischen Benennung und Begriff. Der Begriff muss ein Phänomen in gewisser Weise strukturell abbilden. Diese Struktur sollte sich dann auch in der Wirklichkeit wiederfinden lassen – obwohl es natürlich auch Begriffe gibt, die die Wirklichkeit ausdehnen, wie etwa viele Erfindungen aus der Fantastik. Die Benennung ist allerdings willkürlich und beruht nicht auf Ähnlichkeit. Das sieht man schon daran, dass in unterschiedlichen Sprachen ein und dieselbe Sache unterschiedlich benannt wird. Wenn es hier eine Notwendigkeit gibt, dann eine historische.

Modisch und beliebt

In dem Artikel wird diese Zweideutigkeit gleich in den ersten beiden Sätzen deutlich benannt:
Kreativität ist das neue In-Wort. Wohin man auch schaut, Kreativität kommt gut an.
Es ist modisch, und es ist beliebt. Und natürlich kann man hier auch vermuten, dass damit der halbwegs naive Leser eingefangen werden soll: denn jeder will ›in‹ sein und gut ankommen. Doch während der erste Satz noch auf die Benennung verweist, lässt der zweite Satz offen, ob nur das Wort oder auch der Begriff gemeint ist. Die Abfolge deutet an, dass es beim Wort bleibt. Wie aber füllt der weitere Text den Begriff aus - explizit als Definition oder implizit durch Gebrauch?

Tautologien

Zu der begrifflichen Unklarheit gehört auch, dass sich die Definition häufig in kaum verhüllten Tautologien ergeht: kreativ ist, was kreativ ist, oder, wie der Autor des Artikels schreibt:
Ein kreativer Schöpfergeist wird immer mehr gefragt – und unkonventionell sollen neue Ideen und Problemlösungen auch noch sein.
Tatsächlich scheint die Kreativität so schwierig zu erfassen, dass die tautologischen Aussagen sich mehr oder weniger über den ganzen Text erstrecken.

Paradoxie der Routine

Es ist dann aber auch kein Geheimnis, dass die Tautologie, wie eigentlich in jeder ideologischen Aussage, in Verbund mit Paradoxien steht.
So ist die Kreativität zugleich Nicht-Muster, kann aber beständig verbessert werden: sie ist die routinisierte Nicht-Routine:
Und die Routine führt dazu, dass die Kreativität auf der Strecke bleibt. Um deine Kreativität zu trainieren, kannst du im Alltag damit beginnen.

Der kreative Imperativ

Bröckling nennt dies den kreativen Imperativ, von dem auch dieser Artikel seine Version kennt:
Breche aus deinen gewohnten Denkmuster aus und sei offen für neue Ideen.
Das Paradox dabei ist aber, dass das, was in unserem Denken erscheint, von den Mustern bestimmt wird, und man so zuallererst diese Muster erschließen muss, um aus ihnen dann ausbrechen zu können. Gerade diese Form der Selbstanalyse aber bringen einem die Kreativitätstrainings nicht bei, obwohl sie - als vager Begriff - angesprochen wird:
Hilfreich ist auch eine genaue Selbstreflexion.

Argumentation und Zeit

Deskriptiv und präskriptiv

Betrachtet man die Widersprüche, die sich so im Reden über Kreativität abzeichnen, kann man diese auf zwei verschiedene Formen des Aussagens reduzieren, die sich im selben Konzept vermischen: deskriptive (beschreibende) und präskriptive (vorschreibende) Aussagen. Etwas ist kreativ, weil es kreativ sein soll.

Ambiguitätstoleranz

Tatsächlich zeichnet sich so im Text selbst die Widersprüchlichkeit ab, aus der - laut Text - die Kreativität erst entsteht:
Ambiguitätstolerenz ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehen, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche akzeptieren zu können.
Dahinter steht auch eine Verwirrung der Zeiten, die sich zugleich als Paradoxie an der Oberfläche und als unausgegorenes Gemisch in der Tiefe finden lässt, von wo aus sie den Text in die Verwirrung treibt.

Verwirrung der Zeiten

Die Kreativität ist modisch, der Kreative ist „den anderen immer einen Schritt voraus“ und sieht „den Avantgardisten in sich“. Es muss aber auch gelernt werden, durch Reflexion und Kritikfähigkeit kanalisiert werden, und „sprudelt dabei ungefiltert und unsortiert aus einem heraus“. Diese zeitliche Verwirrung ergreift auch deutlich manche Kreativtechniken. Sie sind mit einem »telos« versehen, partizipieren aber zugleich an einer mythischen Zeit der ewigen Wiederkehr: die Mindmap „ist immer beliebig erweiterbar und lässt der Kreativität keine Grenzen“.
Dies führt schließlich dazu, dass das Avantgardistische gegen die Stagnation, den Rückfall, das Festbeißen ausgespielt wird, zugleich aber auch empfohlen wird, sich nicht unter Druck setzen zu lassen und sich Zeit zu nehmen: „Innovative Ideen brauchen Zeit. Oft sind sie kein Geistesblitz [obwohl vorher genau das Gegenteil behauptet wird], sondern entwickeln sich langsam in unserem Unterbewusstsein.“

Drei grundlegende Unsicherheiten

Diese Aufzählung der Widersprüchlichkeiten ließe sich noch vermehren. Mir scheinen aber doch drei grundlegende Unsicherheiten eine genaue Begriffsbestimmung zu erschweren, die alle mit der Wahrnehmung der Zeit, bzw. ihrer Konstruktion zusammenhängen:

Kreativität und kreativer Akt

1) Zunächst wird zwischen der Fähigkeit – also der Kreativität – und dem Akt – der kreativen Handlung – wenig unterschieden. Man kann dies zwar entlang der Kompetenz/Performanz-Unterscheidung doch trennen, doch hat diese Unterscheidung schon immer das Problem gehabt, dass sie die Kompetenz gleichsam punkthaft und vollständig in die Performanz eingebunden wissen musste. Man kann zwar zugeben, dass die konkrete Ausprägung der Kreativität aus vielfältigen Einflüssen gespeist wird, sie ist aber nicht im eigentlichen Sinne heteronom. Wäre sie dieses, dann hätte der kreative Akt mit der Fähigkeit, kreativ zu sein, recht wenig zu tun.

Ursprung und Verantwortung

Man kann dahinter eine weitergehende Notwendigkeit entdecken: die kreative Handlung ist immer gerichtet. In Diagrammen erscheint sie gelegentlich als „Pfeil“. Eine solche Vorstellung aber wäre nicht möglich, wenn man den Pfeil nicht mit einem Ausgangspunkt versehen würde. So undeutlich diese Diagnose auch sein mag, so sehr wird diese auch wieder dadurch gestützt, dass die Texte über Kreativität zahlreiche unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Bedingungen der Kreativität ins Spiel bringen. Und schärfer gesagt: die Entstehung des kreativen Aktes wird in vielfältige Bedingungen ausgelagert, um so umso sicherer eine Person für die Kreativität verantworten zu können.

Struktur und Prozess

2) Die ständige Beschwörung, dass man sich darauf vorbereiten müsse, kreativ zu sein, und hier solche Sachen wie die gute Allgemeinbildung, die Beherrschung zahlreicher (Kreativ-) Techniken und Ähnliches anführt, dann aber wieder von der Spontanität und Flexibilität redet, zeigt auf ein eigentümliches Verhältnis zwischen der Struktur des Wissens und dem Prozess seiner Anwendung.

Automatisierung

Sehr deutlich findet man dann immer wieder in den Techniken das Umkippen eines Produkts in seine eigene Voraussetzung. Dies aber ist genau die Leistung der Automatisierung: aus einem interpretierten Muster wird schließlich ein interpretierendes; was man zunächst lernen musste, hilft einem dann schließlich beim Lernen. Das beherrschte Muster und die zunehmende Freiheit seiner Anwendung gehen Hand in Hand.

Starrheit / Flexibilität

Die Starrheit des Musters und seine flexible Anwendung steigern sich gegenseitig. Da es aber immer nur Muster sind, einzelne Elemente unseres Denkens, ist die Kreativität – sofern man sie hier verorten möchte – immer auch selbst erweiterbar.
Neu ist diese Erkenntnis übrigens nicht; nur ist diese in den Wissenschaften nicht so esoterisch besetzt. Sie findet sich dort in den scharf definierten Begriffen.

Die interpretierte Kreativität

3) Kreativität ist immer wahrgenommene Kreativität. Sie existiert nur als bereits gewertete, interpretierte, konstruierte. Es gibt keine Kreativität an sich. Und wenn es sie gäbe, würde niemand von ihr wissen. Wenn aber etwas wahrnehmbar ist, muss es bereits in ein gewisses Muster passen. So ist jede Kreativität bereits begrenzt und in gewisser Weise gewöhnlich. Viel wichtiger aber ist, dass die Wahrnehmung immer zu spät kommt; und schärfer gesagt: indem man behauptet, etwas sei kreativ, behauptet die interpretierende Aussage ihr eigenes Zu-spät-kommen.

15.07.2017

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Ich erweise mich bei diesem Buch wohl als ein schlechter Rezensent, zumindest, wenn es um die Werbung geht. Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang ist durchaus ein sehr interessantes, aber keineswegs ein lobenswertes Buch; soll heißen: es ist lesbar und kritisierbar, und wer es nur lesen würde, ohne den Inhalt zu kritisieren, würde sich einer gewissen Schlampigkeit oder Blauäugigkeit schuldig machen. Liest man es allerdings kritisch, wird es wunderbar: sich im begründeten Widerspruch zu üben ist eine ganz wunderbare Haltung für Interpreten.
Dass ich ihn hier übrigens verlinke, und wie jeder Eingeweihte weiß, daran natürlich auch verdienen würde, sofern sich ein Leser über diesen Link zum Kauf des Buches entscheidet, sei vorneweg gesagt. Dazu habe ich lange mit mir gehadert. Tatsächlich aber scheint es so zu sein, dass Menschen die Bücher eher spontan kaufen, wenn sie einen Link präsentiert bekommen, als dass sie in einen Buchladen gehen und dort das Buch bestellen müssten. Mein Verdienst ist übrigens äußerst gering; in diesem Februar habe ich, nach zehn Jahren Bloggerei, die Mindestauszahlungssumme von 70 € erreicht. Lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr die kleinen Buchläden weiterhin unterstützt. Sie sind ein Artefakt einer besseren Welt; so jedenfalls mein Gefühl.

Rhetorik und Moral

Natürlich ist jedes Buch auch ein Untersuchungsfeld für Rhetoriker. Für Bücher, deren Inhalt die Moral, Ethik oder Politik behandeln, gilt dies umso mehr, als zwei grundlegende Operationen politischer Teilhabe rhetorischen Ursprungs sind: das Überzeugen und das Überreden. Hier gibt es den interessanten Effekt, dass sich die Form der Darstellung sogar gegen den dargestellten Inhalt wenden kann und damit gelegentlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was der Autor beabsichtigt hat. Man nennt so etwas einen performativen Selbstwiderspruch. Zu diesem neigen Bücher über die Moral weit stärker als zum Beispiel Bücher über die Physik.

Langsame Rhetorik

Doch der Rhetoriker muss, sofern er gewisse wissenschaftliche Standards einhalten möchte, langsam vorgehen und sich weitgehender Urteile enthalten. Bleiben wir also bei einigen, für sich gesehen sehr randständigen Beobachtungen. Diese mögen, mit der Zeit, ein Gesamtbild ergeben, welches sich weder für noch gegen dieses Buch ausspricht, aber der Arbeit mit ihm einen individuellen Wert verleiht.

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Dieser Satz steht zu Beginn des vierten Kapitels, auf Seite 53. Dieses Kapitel ist mit „Darf ich Anderen beim Verhungern zu sehen?“ betitelt. Die Zwischenantwort am Ende lautet (wen wundert es): Nein, das darf ich nicht! Es ist ein Zwischenergebnis, weil die folgenden Kapitel die Argumentation weiter ausführen und auch gelegentlich deutlich relativieren.
Bevor man sich aber auf die weiteren Argumente einlässt, lohnt es sich, die Aussage in seiner ganzen rhetorischen Tiefe auszuloten. Dies möchte ich, als eine Art Vorführung, tun, ohne dies für die weiteren Folgen daraus zu reflektieren. Das mag anrüchig erscheinen, da ich das Lesen nur von seiner technischen Seite aus betreibe. Und natürlich wäre es sinnvoll, die moralischen Implikationen genauer in Augenschein zu nehmen. Da sich aber eine solche moralische Genauigkeit wieder auf eine gründliche Wahrnehmung stützt, erlaube ich mir, hier im Bereich der Sekundärtugenden zu bleiben und dem Leser selbst seinen Schlussfolgerungen zu überlassen.

Der Satz für sich

1. Natürlich ist der Satz eine Floskel, und als Floskel bleibt seine „kommunikative Qualität“ ambivalent. Er sagt etwas, ohne es wirklich so zu meinen; bzw. verlässt man sich beim Aussprechen eines solchen Satzes darauf, dass seine Bedeutung nur begrenzt hinterfragt wird. Floskeln dienen der Verflachung der Kommunikation.
2. Wo die Kommunikation verflacht wird, geht es nicht mehr um Dialog und schon gar nicht um Streitwerte, sondern zumeist um Bequemlichkeit oder Deutungshoheit oder etwas ähnliches. Was genau dieser Satz besagt, lässt sich allerdings ohne den Zusammenhang nicht erklären.
3. Ein deutliches Zeichen, dass dieser Satz eine Abwehr von Kommunikation enthält, sieht man auch daran, dass er sich auf der einen Seite auf eine Tugend bezieht (die Gerechtigkeit), aber auf der anderen Seite konkrete politische Akteure ausblendet. Wer hier ungerecht behandelt wird, und wer Nutznießer dieses Unrechts ist, wird im Satz nicht gesagt. Was ich hier als politische Akteure bezeichnet habe, heißt in der Linguistik auch sozialer Träger eines Zeichens. So ist das Kreuz ein Symbol für den christlichen Glauben, und derjenige, der dies an einem Kettchen um den Hals trägt, ein sozialer Träger, also (so könnte man annehmen) ein Christ. Floskeln nennen solche sozialen Träger oftmals nicht; in der Grammatik nennt man dies einen Subjektschwund.
4. Schließlich ist dieser Satz auch statisch; es handelt sich eher um eine Definition, also einer Gleichsetzung. Zu dem Subjektschwund kommt ein Handlungsschwund. Würde man sich nun damit begnügen, machte der Satz einen hilflos. Er ist nicht nur unpolitisch, sondern entpolitisiert auch.
5. Zu dieser Floskelhaftigkeit trägt auch eine Metonymie bei. Nicht die „Welt“ ist ungerecht, sondern die Menschen, die in dieser Welterleben, haben sich aus unterschiedlichsten Gründen wohl mit einer Ungerechtigkeit abgegeben. Die Welt ist der Behälter, die Menschen sind der Inhalt, bzw. ja eigentlich nur ein Teil des Inhaltes. Insofern haben wir es mit einer doppelten Metonymie zu tun, der von beinhalten/inhaltlich und der von Ganzes/Teil.
6. Solche Metonymien abstrahieren. Nun könnte ich dies weiter ausführen, aber die doppelte Metonymie geschieht gleichzeitig mit dem oben ausgeführten Subjekt- und Handlungsschwund; sie betrachtet den Satz auf eine andere Weise, führt aber zur selben Kritik.
7. Ist die Metonymie eine rhetorische Figur, wie die Floskel eine pragmatische, so ist auf der logischen Ebene zum Beispiel die Gewichtung von Argumenten zu betrachten. Dass etwas in der Welt ist, zum Beispiel die Ungerechtigkeit, ist von solcher Selbstverständlichkeit, dass die Aussage geradezu debil wirkt. Das Argument entdifferenziert in einer solchen Weise, dass die Handlungsunfähigkeit ungebührlich betont wird. Natürlich sagt diese Floskel nichts davon; sie lässt die Extrapolation (also die ungebührliche Hervorhebung eines Merkmals) nur als unausgesprochene Schlussfolgerung zu. Anders gesagt: wer dieser Floskel glaubt, ist selbst dran schuld.
8. Nun hatte ich mit der Extrapolation noch eine andere rhetorische Figur implizit mitgeführt: die Hyperbel oder Übertreibung. Und bisher hatten wir ein Wort aus diesem Satz noch gar nicht betrachtet, nämlich das Wörtchen „gnadenlos“. Insgesamt ist dieses so beziehungsreich, dass wir mindestens noch einmal eine halbe Seite darüber reden könnten. Das möchte ich hier allerdings nicht tun, sondern darauf hinweisen, dass gnadenlos sich auf einen Grenzwert bezieht, nämlich auf der vollkommenen Abwesenheit von Gnade. Noch weniger ist nicht möglich. Dabei ist zu beachten, dass die Ungerechtigkeit nicht direkt, sondern nur mittelbar diesen Grenzwert gekoppelt wird, im Satz aber das Objekt darstellt. Unterschwellig findet damit eine Entkopplung der Grenzwertigkeit und der Ungerechtigkeit statt. Inwiefern diese später zum Tragen kommt und die Argumentation beeinflusst, lässt sich allerdings an dieser Stelle nicht beantworten, denn im Buch wird dieser Satz von einer ganz anderen Argumentation umgeben.
9. Der Autor schreibt diesen Satz nicht ohne Grund an den Anfang eines Kapitels, zudem mit einer Überschrift, die gerade diesen Satz infrage stellt. Und der Rest des Kapitels wird zwar diesem Satz nicht widersprechen, aber zumindest deutlich machen, dass wir eine solche Aussage nicht hinzunehmen haben. Es gibt schon Möglichkeiten, die Welt gerechter zu machen. Für sich gesehen ist der Satz eine unpolitische und entpolitisierende Floskel; im Verlauf der Gesamtargumentation ist er allerdings eine Provokation und eine Antithese. Er verweist mit aller Deutlichkeit auf sein Gegenteil, oder, bei Bernward Gesang, auf eine deutliche Abschwächung.

Schluss: die rhetorischen Vervielfältigungen der Moral

Bleiben wir zunächst bei einer naheliegenden Beobachtung, dann ist eine so akribische Lektüre eines einzelnen Satzes schon allein deshalb verwirrend, weil aus dieser Beschreibung keine bessere Handlungsanleitung entsteht. Es ist eine rein intellektuelle Übung.
Diese zeigt aber, dass die Moral sich nicht notwendig auf eine Transparenz und Klarheit stützt; die rhetorische, logische, semantische, grammatische und pragmatische Betrachtung fördert sehr verschiedene Schichten zutage. In diesem Fall gibt es sogar noch einen sehr auffälligen Gleichklang zwischen diesen Schichten. Viel komplizierter wird es, wenn sich die Schichten anfangen zu widersprechen, wenn die Rhetorik mit der Logik nicht mehr konform geht, wenn die Semantik etwas andeutet, was den Handlungsappell ruiniert, usw.
Ich hoffe, dass euch nicht der Atem gefehlt hat, den verschiedenen Aspekten zu folgen, und dass ich, auch wenn ich an einigen Stellen deutlich gekürzt habe, euch einen Einblick in eine genaue Lektüre vermitteln konnte.
Was ihr damit nun politisch und ethisch zu bewerkstelligen habt, muss euch überlassen bleiben; ich weiß es übrigens selbst nicht so genau.

10.12.2016

Weihnachten ist für alle

So las ich heute während meines Lidl-Besuchs. Wahrer wäre es ohne das 'für'.

Exklusion

Weihnachten ist, wenn man es im christlichen Sinne sieht, tatsächlich für alle. Der Sohn Gottes sei geboren worden, um den Menschen Vorbild und Hoffnung zu geben. Was soll dann diese Aussage über einer Reihe von Luxusartikeln? - Nein, diese Frage ist unpräzise, denn was diese Aussage und dieses Plakat sollen, ist offensichtlich. Vielmehr muss man fragen, welche Ideen mit dieser Werbung mittransportiert werden.
Zunächst macht es einen Unterschied, ob man die weihnachtlichen Gaben als materiell oder ideell betrachtet. Vom christlichen Idealismus aus gesehen ist die Geburt Christi eine Botschaft, die allen Menschen gilt, ob sie sie hören wollen oder nicht; die Gnade wird allen Menschen zuteil, ob sie darum wissen oder nicht. Es ist eine inklusive Botschaft. Die Sprache der Werbung dagegen sagt: die einen kaufen diese Güter (und können sie kaufen), die anderen nicht. Wer sie nicht kaufen kann, so impliziert der Spruch an dieser Stelle, für den ist Weihnachten nicht. Es ist eine exklusive Botschaft; schlimmer noch ist es eine moderne Form des Ablasshandels. Wie Luther schrieb:
Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.
(27. These)

Tugend und Status

Mich interessiert weniger, ob die christlichen Werte noch zeitgemäß sind (Werte sind nie 'zeitgemäß', doch das ist eine andere Geschichte), als der Unterschied zwischen Tugend und Status. Die Tugend ist, in einem moderneren Sinne, die Verwirklichung einer Idee, bzw. die Haltung, die zur Verwirklichung einer Idee führt. Sie war bei Aristoteles noch stark auf die Erscheinung in der Gemeinschaft ausgelegt, so dass man dem Spruch 'Tue Gutes und rede darüber' einen anderen Wert beimessen muss, solange er die griechische Polis betrifft; in einer Gesellschaft, in der massive Ungleichheiten den Menschen sehr unterschiedliche Möglichkeiten und Positionen zuweisen, muss er - der Spruch - sauer werden. Denn was der eine an geringfügig Gutem tut, kann unendlich viel mehr an Selbstbewusstsein und Disziplin bedeuten, denn was der andere mit großzügiger Hand doch ohne Not verteilt.
So bestimmt einmal die Tugend den Status (unter Gleichen), und einmal der Status die Tugend (in einem scharfen ökonomischen Gefälle).

Sichtbarkeit I

In gewisser Weise stellt der Status die Sichtbarkeit des Tugendhaften auf den Kopf. Wer einen Status hat (also 'prominent' ist), ist in gewisser Weise schon sichtbar; tugendhaftes Handeln führt unter solchen Bedingungen zu einer weiteren, erhöhten Sichtbarkeit. Die Tugend, also die Haltung, die zum Handeln führt, ist eine per se unsichtbare Sache. Wenn in der protestantischen Tradition ein Misstrauen gegen die Oberfläche der Zeichen (den Signifikanten) herrscht, dann auch aus dem Grunde, dass diese trügerisch sind; so Luther in seinen Thesen:
Unchristliches predigen diejenigen, die lehren, dass bei denen, die Seelen loskaufen oder Beichtbriefe erwerben wollen, keine Reue erforderlich sei.
(35. These)
Man könnte auch, in einer etwas weiter gefassten Auslegung, sagen, dass die 'wahre' Sichtbarkeit der Tugend eine asketische Sichtbarkeit ist, eine der Zuverlässigkeit und Disziplin:
Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen", wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.
(1. These)

Sichtbarkeit II

Nun predige ich nicht Buße, jedenfalls nicht als alleinige Möglichkeit; die Askese - abgeleitet vom gr. askein, üben - ist immer ein offenes Projekt; Sichtbarkeit ist dabei mindestens zweifach zu bewerten. Geht man noch einmal auf den Begriff der Tugend zurück, so ist diese zugleich fest als auch erhöhend: sie ist zuverlässig und vorbildlich.
Nun kreuzen sich in diesem Verhältnis viele Sichtbarkeiten; darunter lässt sich aber eine wesentliche Differenz finden, die alle Überlegungen zur Sichtbarkeit der Tugend komplex macht. Einmal ist eine Tugend nur für sich: als Praxis einer Ethik finden sich darin alle Handlungen, die sich um sich selbst sorgen; aber die Tugend wird beständig von der politischen Praxis, insbesondere der Mikropolitik, berührt. So sehr sie für sich ist, schreibt sie sich in den Körper ein und wird damit für andere sicht- und interpretierbar. So wohnt der Tugend, kraft ihrer Sichtbarkeit, der Zwiespalt von Zweck und Ziel inne, und damit der Streit, ob eine Tugend besser werde, wenn sie sich sichtbar oder unsichtbar macht.

Weihnacht

Man sollte meinen, dass Weihnachten ein leises, unsichtbares Fest ist; man sollte meinen, dass man des 'letzten großen Europäers', wie Nietzsche Jesus einmal nannte, gedenke, seiner Tugend, seiner Zuverlässigkeit, seiner Größe (und wenn es nur eine Geschichte wäre, so wäre sie es doch wert, gedacht zu werden).
Wie seit langem bleiben für mich Fragen zur Tugend offen; nicht ohne Grund habe ich eine gängige philosophische Formulierung vermieden: die Tugend-für-sich und die Tugend-für-andere. Es wäre leicht gewesen, diese hier herbei zu zitieren. Doch hatte ich neulich zur Kritik bei Nietzsche geäußert, dass dieser die Kritik in gewisser Weise anti-evolutionär auffasst und damit a-historisch (nicht aber anti-historisch). Die Tugend scheint mir einen ähnlichen Rang zu haben: sie als dialektisch aufzufassen verfehlt eine umfassende Betrachtung.
Zwar haben die christlichen Tugenden hier nur Beispielcharakter (es gibt, wie gesagt, auch andere Tugenden), doch ist Weihnachten als Modeerscheinung ein besonders eklatantes Beispiel dafür, wie eine Tugendlehre durch ihre von Fremdem ausgehöhlte Sichtbarkeit jegliche Haltung und damit alle Eigenschaften verliert, die eine Tugend ausmachen. Es ist reiner Glanz:
Ach, die Sterne / Sind am schönsten in Paris, / Wenn sie dort, des Winterabends, / In dem Straßenkot sich spiegeln.

11.11.2016

Ein Mann, der in keinster Weise auffällig war

So, müsste man sagen, fangen gute Kurzgeschichten an:
Between the silver ribbon of morning and the green glittering ribbon of sea, the boat touched Harwich and let loose a swarm of folk like flies, among whom the man we must follow was by no means conspicuous - nor wished to be.
Chesterton, Gilbert Keith: The blue cross

The blue cross

Der Satz ist nicht so einfach, wie man schon beim ersten Lesen erfasst.
1. Als erstes fällt auf, dass das Band zuerst mit einer Tageszeit zusammenhängt, dann mit einem räumlichen Phänomen. Beide sind aber räumlich und beide dürften in etwa denselben Ort bezeichnen, nämlich den Übergang vom Meer zum Himmel. Bedenkt man, dass Erzählen bedeutet, einem Geschehen Raum und Zeit zu geben, dabei aber den Horizont - die weitergehende Bedeutung - mitzuschreiben, zeigt dieser erste Satz bereits die wesentlichen Elemente der Erzählung an.
2. the boat touched - to touch wird hier als Verbalmetapher gebraucht.
3. to let lose - Das aktive Verb verweist auf eine Person, und, da es sich um einen unbelebten Gegenstand handelt, um eine Personifikation.
4. like flies - Dies ist ein (wenn auch recht gewöhnlicher) Vergleich.
5. we must follow - Hier wird die Erzählsituation direkt angesprochen. Allerdings bleibt die Notwendigkeit ein Rätsel: es ist nicht klar, warum wir diesem Mann folgen müssen.
6. was by no means conspicuous - nor wished to be - Tatsächlich wird der Erzählzwang und die Willkür des Erzählers in dicht gedrängter Weise ironisiert. Wendet sich 5. an den Leser in direkter Art und Weise, zeigt 6. dies auf indirekte Art und Weise: indem der Autor sich als allwissend gibt (er sieht den Protagonisten von außen und von innen), zeigt er dem Leser, dass er auch verborgende Hinweise aufdecken kann. Der verborgende Hinweis führt zusammen mit 5. den Protagonisten als ungewöhnlich ein, auch wenn zunächst das Gegenteil behauptet wird. Doch erstens wäre eine Kurzgeschichte ohne einen ungewöhnlichen Protagonisten (oder zumindest einem Protagonisten, der Ungewöhnliches erlebt hat) nicht erzählenswert, und zweitens ist in Geschichten die exponierte Verneinung meist ein Zeichen dafür, dass das Gegenteil gilt.
Und tatsächlich: der erste Absatz führt einen Mann ein, der zunächst durch Gegensätze gekennzeichnet ist: the holiday gaiety of his clothes / the official gravity of his face; lean face / seriousness of an idler. Schließlich werden drei verborgende Details angesprochen: a loaded revolver, a police card, one of the most powerful intellects in Europe.
Am Ende des Absatzes kennen wir dann auch die Absicht, mit der der Protagonist nach London gekommen ist: to make the greatest arrest of the century.

Die rhetorische Schicht

Wenn man die Aktantenrollen in Sätzen analysiert, ist eine der größeren Probleme, den Text von seinen rhetorischen Besonderheiten zu isolieren, einmal, um zu einer "eigentlichen" Satzbedeutung zu kommen, einmal, um das Verhältnis zwischen rhetorischen Figuren und semantischen Rollen deutlich erfassbar machen zu können.
Würde man zum Beispiel was by no means conspicuous - nor wished to be wörtlich lesen, dann würde dieser Satz auf nichts vorausdeuten, was dann in der Geschichte passiert. Doch wir begreifen die Behauptung der Gewöhnlichkeit als ironisches Signal und damit als uneigentlich.
Der Anfang der Geschichte Chestertons ist zwar nicht hochpoetisch, aber doch raffiniert und zeigt eine wundervolle Weise, wie man mit wenigen, unaufgeregten Sätzen zugleich die Exposition bestreitet und Spannung aufbaut. - Ein Computerprogramm weiß von solchen Zwischentönen wenig (und ich befürchte sogar: gar nichts); genau das aber ist mein Problem: schon in recht einfachen und für die Menge geschriebenen Erzählungen (zu denen man Chesterton durchaus zählen kann) greift die rhetorische Schicht in alle Ebenen des Erzählens ein und verkompliziert diese. Das ist gut für den Leser, doch schlecht für den Programmierer.

19.10.2016

Nach innen und nach außen gerichteter Patriotismus

Patriotismus bleibt ein seltsames Wort. Ich wollte mich eigentlich nicht so sehr damit beschäftigen, zumindest nicht derzeit, jedoch hat mich eine ganz andere Arbeit zu einem Satz zurückgeführt, der in sich selbst so komplex ist, dass er als gutes Beispiel dafür dienen kann, dass für eine Satzbedeutung der Kontext eine geradezu tragende Rolle spielt.

Visualizing Big Data

Um die Relevanz dieses einen Satzes verstehen zu können, also seine Relevanz für mich, muss ich zunächst erklären, wie ich auf diesen Satz gestoßen bin, und welche Rolle er (zusammen mit einer ganzen Menge anderer Sätze) bei meiner aktuellen Arbeit spielt.
Weiterhin arbeite ich an einer semantischen Analyse mittels eines Programmes. Dazu habe ich mir einige grundlegende Techniken ausgesucht, die mir günstig erschienen. Und zunächst sollte es ja nur eine Bewertung der semantischen Rollen von Satzteilen werden. Diese kann man in gewisser Weise recht schematisch anwenden, und was schematisch anwendbar ist, lässt sich auch relativ leicht programmieren. Also relativ leicht, denn ich hatte einige Probleme, meinem Programm beizubringen, Kasus und Genus der Objekte zu erkennen.
Tatsächlich ist das Ergebnis aber gar nicht so interessant, wenn man aus diesen einzelnen Satzanalysen nicht größere Zusammenhänge bildet. D. h., ich bin, nachdem ich die grundlegende Programmierung fertiggestellt hatte, auf das nächste Problem gestoßen, wie man nämlich zu halbwegs tauglichen Mustern findet, die auf der einen Seite der Semantik zugehören, auf einer anderen Seite relativ stabile Einheiten bilden, und die schließlich darstellbar sind.
Was die relativ stabilen Einheiten angeht, so handelt es sich hier ein altes Problem, nämlich das der Textmuster. Ich habe in der Vergangenheit, wenn auch nicht allzu oft, darüber geklagt, dass Textmuster äußerst unsichere Ganzheiten sind; vermutlich liegt das daran, dass Textmuster nicht auf festen Grundlagen aufgebaut sind, wie dies bei Satzmustern der Fall ist; und dass sie ihre Bedeutung durch eine innere Struktur und eine äußere Abgrenzung bekommen, die auf den gleichen Unterschieden beruht, sodass es zwischen den innerlich strukturierenden und den äußerlich unterscheidenden Unterscheidungen keinen Unterschied gibt. Zu welcher Verwirrung das führen kann, zeigt der eben von mir geschriebene Satz, der zwar richtig, aber keinesfalls logisch ist. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Textmustern.
Wie auch immer, von einer Analyse der Daten bin ich dann auf eine Darstellung der Daten weitergewandert. Ich mache mir nicht sonderlich viel Hoffnung, dass meine ersten Versuche mehr als Stümpereien sein werden; auf der anderen Seite war aber meine bisherige Arbeit zu diesem Thema außerordentlich fruchtbar, und solange dies auch in den nächsten Arbeitsschritten so sein wird, halte ich das Scheitern an einem Endprodukt für erträglich. Ich muss also, um auf die Absatzüberschrift zurückzukommen, große Datenmengen visualisieren.

Probleme mit dem Patriotismus

Dieser eine Satz

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels zurück, zumindest zu einer ersten Analyse. Ich habe mir aus verschiedenen Büchern Abschnitte vorgenommen, und diese Abschnitte mithilfe der semantischen Analyse, wie sie bei Peter von Polenz in dessen Buch Deutsche Satzsemantik dargestellt wird, zu analysieren versucht. Einfach sind dabei Erzählungen, die dicht an der weltlichen Materie entlang geschrieben worden sind. Tolkien, Karl May und Simon Beckett lassen sich recht problemlos zergliedern; Alice Munro und Judith Hermann sind schon schwieriger; am problematischsten allerdings sind politische Artikel und Bücher. Nun ist mir ein solcher Satz bei Martha Nussbaum, Politische Emotionen, untergekommen. Dieser lautet wie folgt:
Fürsprecher der Armen, die sich an dem Plan zunehmend störten, dachten gemeinsam darüber nach, wie die Ausstellung Vorstellungen von Chancengleichheit und Opfern miteinbeziehen könnte.
S. 311 f.
Nun ist dieser Satz nicht schwierig zu verstehen, selbst wenn man den Kontext nicht wirklich kennt. Zumindest scheint sein Verständnis einfach, aber ich werde zeigen, dass dieser Satz keineswegs unschuldig oder leichtgängig ist. – Im folgenden aber möchte ich zunächst den Kontext vorstellen und einige Ideen und Probleme zum Begriff des Patriotismus'.

Die Stellung im Buch

Dieser eine Satz findet sich relativ am Anfang des dritten großen Abschnitts aus dem Buch von Nussbaum. Dieses Buch ist in drei Abschnitte, einem Vorspiel (in der das Thema des Buches problematisiert wird) und einem Anhang gegliedert; der erste Abschnitt ist der Geschichte der politischen Emotionen gewidmet, bzw. des Denkens politischer Emotionen, der zweite stellt die Ziele einer liberalen Gesellschaft in Bezug auf Emotionen vor, ebenso die Mittel für „gute“ politische Emotionen, und schließlich die „radikal bösen“ politischen Emotionen. Der dritte Abschnitt nun soll die bisherigen Analysen auf „reale Gesellschaften“ (S. 305) anwenden. Nussbaum bezeichnet diesen dritten Abschnitt als zum Teil semi-theoretisch, zum Teil als Überzeugungsarbeit (S. 308).
Konkreter findet sich der Satz im achten Kapitel, der dem Patriotismus gewidmet ist. Diesen Patriotismus, einem liberalen, fügt Nussbaum zwei Werte bei (bzw. eigentlich drei): Liebe und kritische Freiheit; ob man „kritische Freiheit“ so eng verbunden sehen darf, bleibt dahingestellt. Kritik ist, wie ich in einigen früheren Artikeln geschrieben habe, eine äußerst seltsame Praxis, die sich der Politik nicht leicht eingemeinden lässt, obwohl beides auch in gewisser Weise notwendig zusammengehört.
Werden wir noch konkreter, dann finden wir den Satz zum Beginn des achten Kapitels, inmitten einer Anekdote, die den „janusköpfigen Charakter des Patriotismus“ (S. 310) illustrieren soll.

Von vergoldeten Frauenstatuen und ...

Die Anekdote, die Nussbaum erzählt, ist nicht irgend eine Anekdote. Sie erzählt, mit einem deutlich anderen Schwerpunkt als der dazugehörige Wikipedia-Eintrag, das Schicksal vom öffentlichen Gelöbnis zur amerikanischen Fahne im öffentlichen Raum und in den Schulen. Dieses ist wiederum eng verbunden mit der Weltausstellung, die 1892 in Chicago stattgefunden hat; sie ist unter dem Namen Columbian Exposition bekannt, und gilt, wie man aus dem Wikipedia-Eintrag ersehen kann, als eines der großen Zeichen für die Modernität, Weltoffenheit, aber auch die Führungsrolle in der Welt, die sich die USA damit zuschreibt.
Die ganze Geschichte ist, so Nussbaum, in drei Akte einteilbar.
Der erste Akt ist die Weltausstellung selbst. Im Gegensatz zu der offiziellen Darstellung bezeichnet Nussbaum sie als „Fest der ungezügelten Gier und des hemmungslosen Egoismus“ (S. 310 f.). Schon der einleitende Satz ironisiert die Rolle, die diese Weltausstellung in der Geschichte der USA spielt, indem sie von ihr spricht, als sei es eine unter vielen, und als würde sie in Vergessenheit geraten, wenn man nicht von ihr gelegentlich spräche und daran erinnerte, dass es sie gegeben habe. In diesem ersten Akt spricht Nussbaum auch von der Verschleierung der Ungleichverteilung der Lebenschancen und der Verbannung allen Lustigen, Chaotischen und Lauten auf einen Grasstreifen außerhalb der offiziellen Ausstellung.
Besonders ironisch wird sie aber gegen Schluss dieses Abschnitts, als sie von der vergoldeten Frauenstatue spricht, die eigens für diese Ausstellung erschaffen wurde: diese »Statue of the Republic« ersetzt nicht nur die „realen Menschen, die in ihrer Heterogenität und Gebrechlichkeit störend wirken“, sondern trägt auch eine Art von parodierten Insignien der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches: einen Stab (Nussbaum nennt ihn Zepter) und eine Kugel, wobei die Kugel hier als Welt (und nicht als Reichsapfel) dargestellt wird, während das Zepter eher ein länglicher Stab ist, der weder als Wanderstab taugt, noch als Fahne für den lieu tenant, also als Markierung innerhalb einer Schlacht.

… über ein öffentliches patriotisches Ritual …

Nun sind die Ausstellungsmacher nicht nur von Nussbaum kritisiert worden, sondern auch von Zeitgenossen. Der oben von mir zitierte Satz leitet den zweiten Akt dieses Lehrstücks über den Patriotismus ein. Das Treuegelöbnis zur Fahne wurde keineswegs von „konservativen“ Kräften initiiert, sondern von einer „Gruppe christlicher Sozialisten“, die die „moralischen Werte“ in den Mittelpunkt rücken wollten. Mit diesem Gelöbnis sollten „alle Amerikaner als gleichwertig und gleichberechtigt“ bestimmt sein und „das Land auf mehr als auf individuelles Unternehmertum verpflichtet“ werden. Wie man aus der Geschichte weiß, ist dieser Treueeid so günstig aufgenommen worden, dass er heute ein feststehendes Ritual im öffentlichen amerikanischen Leben spielt.

… und Jehovas Zeugen

Erst viele Jahre später, annähernd fünfzig Jahre, zeigte sich der Pferdefuß dieses Gelöbnisses sehr deutlich. Nussbaum schreibt dazu:
Wie es oft bei patriotischen Gefühlen der Fall ist, erwies sich das Gelöbnis bald als eine Formel sowohl der Inklusion als auch der Exklusion.
(S. 312)
Inmitten des zweiten Weltkrieges bekam das Gelöbnis den Charakter eines Schibboleth für den »guten Amerikaners«; es musste täglich aufgesagt werden. Wer dies nicht tat, geriet in Verdacht, mit den Nazis und den Feinden der USA zu sympathisieren. So erging es z.B. den Zeugen Jehovas, die den Fahneneid als eine Art Götzenanbetung ansahen und ihn deshalb aus religiösen Gründen ablehnten. Obwohl die Zeugen Jehovas auch im Dritten Reich verfolgt und kaserniert wurden, kam es in den USA zu tätlichen Angriffen und Lynchmorden gegen sie.
So wurde aus dem Versuch, über eine gemeinsame Verpflichtung auf gemeinsame Werte zu einer moralisch vorbildlichen Gemeinschaft zu werden, eine Legitimation zur Verfolgung und Ermordung religiös Andersdenkender.

Oppositionen im Patriotismus

Nach innen und nach außen gerichteter Patriotismus

Am Ende dieser Anekdote überrascht uns Martha Nussbaum mit einer Unterscheidung, die in nicht nur einer Weise als äußerst schwierig und, sofern man darin eine liberale Aussage sehen möchte, auch als sehr blauäugig gelten darf:
Jede Theorie öffentlich wirksamer Emotionen muss sich mit den komplexen Aspekten von Patriotismus auseinandersetzen. Er ist nach außen gerichtet und weist das Ich mitunter auf die Pflichten gegenüber anderen Menschen und auf die Notwendigkeit hin, für das Gemeinwohl Opfer zu bringen. Aber ebenso eindeutig ist er nach innen gerichtet und fordert diejenigen, die sich als »gute« oder »echte« Amerikaner betrachten, auf, sich von Außenseitern und Umstürzler zu unterscheiden, was zur Ausgrenzung ebendieser Außenseite führt.
(S. 313)
Bei genauem Hinsehen ist die leitende Unterscheidung, die zwischen innen/außen, eine nicht vertretbare. Denn was hier als nach außen gewendet erscheint, wird sofort wieder an eine Hineinwendung ins Innere gekoppelt (das Ich verpflichtet sich), während das nach innen Gerichtete nur unter der Bedingung funktioniert, dass es zugleich nach außen eine Grenze zieht, was also nicht nur heißt, dass der nach innen gerichtete Patriotismus dazu führt, sich selbst als »echter« Amerikaner zu sehen, sondern auch mitbedenkt, dass alles andere als »nicht-echter« Amerikaner oder »echter« Nicht-Amerikaner wahrgenommen werden sollte.
Am letzten Teilsatz sieht man bereits, was das Zitat insgesamt erahnen lässt: Nussbaum hantiert mit Begriffen, die eine mehrfache, und zum Teil recht unterschiedliche Verneinung benötigen, um an Kontur zu gewinnen. Nun kann ich die ganze Konsequenz dieser ersten Unterscheidung nicht in einem kurzen Artikel diskutieren, weise aber darauf hin, dass mit der scheinbar neutralen und selbstverständlichen innen/außen-Differenz ein zentrales Problem von Nussbaums Argumentation gelegt worden ist. Sie selbst versucht dies durch die beständige Thematisierung, wie zwiespältig der Patriotismus doch ist, zugleich aufzuzeigen und auszuschließen. Es wird ihr nicht wirklich gelingen. Aber das ist nun ein anderes Feld.

Politische Begriffe

Unter den Begriffen finden sich verschiedene Arten, die sich vor allem dadurch unterscheiden, dass sie auf verschiedene Art und Weise „hergestellt“ werden. So gibt es solche Begriffe, die sich durch Abstraktion bilden; abstrahieren bezeichnet das Weglassen und Zusammenfassen von Merkmalen, und als Merkmale gelten hier nur die rein sinnlichen.
Politische Begriffe dagegen gehören zu den Ideen. Ausgangspunkt einer Idee ist eine Verhältnisgleichheit, die sich oftmals über eine symbolische Opposition bildet. Man kann dies sehr gut an grundlegenden politischen Begriffen sehen, wie z.B. an dem Begriff des Leibes. Die symbolische Opposition dazu ist jenes innen/außen. Und wenn man der Psychoanalyse Glauben schenkt, dann ist die erste Tätigkeit, die zunächst zur Konstitution der symbolischen Opposition führt, dann aber auch zur Konstitution des Leibes, die Lust/Unlust-Opposition.
Laut der Psychoanalyse nimmt der Säugling zunächst keine Objekte wahr. An seinem Hungerbedürfnis und an dessen Befriedigung bildet sich dann aber ein erstes, rudimentäres Objekt heraus, welches die Psychoanalyse (recht unglücklich übrigens) als Mutterbrust bezeichnet. In den Fantasien des Säuglings beherrscht dieser die Mutterbrust und meint, sie herbeirufen zu können, wann immer es die Befriedigung eines Bedürfnisses braucht.
Erst in der Folge nimmt es dann auch wahr, dass dieses Objekt sich nicht beherrschen lässt und dass es gelegentlich fehlt. Dadurch wandelt sich das Objekt in ein gutes und ein schlechtes, eines, das befriedigt, und eines, das die Befriedigung vorenthält. An dieser Differenz zwischen einem guten und einem schlechten Objekt konstruiert sich über die Handlung des Herbeirufens und des Wegstoßens eine erste Differenz zwischen Leib und Welt; aber erst mit zunehmender Körperbeherrschung und der Möglichkeit, Objekte dauerhaft im Gedächtnis zu behalten (auch wenn diese der Wahrnehmung entzogen sind), bildet sich Idee des Leibes entlang der innen/außen-Differenz. Diese Art des Denkens bleibt dann auch beherrschend für spätere und feinere Denkvorgänge. Auch wenn schließlich der Leib gut gegen die Umwelt abgegrenzt wird, überträgt sich die Schablone, die dazu geführt hat, in die Denkvorgänge, mit der die Umwelt gesehen wird.
Es liegt also nahe, Ideen aus grundlegenden Denkmethoden abzuleiten. Sollten diese sich tatsächlich dann immer auf semantische Oppositionen stützen, die durch Analogieschluss übertragen werden, müssen wir davon ausgehen, dass politische Begriffe nicht nur der Umstände halber, etwa durch eine schlechte Argumentation, vage bleiben, sondern dass sie wesentlich daraus gebildet werden und dass jede Materialisierung die Idee verfehlen muss.

Aufgaben der politischen Philosophie

Daraus ergeben sich einige Aufgaben der politischen Philosophie: Herausarbeiten der grundlegenden semantischen Oppositionen, Genealogie der analogisierenden Ableitungen, Genealogie der Materialisierungen samt ihrer (akzidentellen) Ursachen und Wirkungen.
Dabei muss das Wort akzidentell eigentlich im Mittelpunkt stehen: Analogien werden nicht durch Kausalitäten gebildet; und sie gehorchen auch nicht einer arithmetischen Argumentation. Stattdessen entstehen sie durch Wechselwirkungen; im Mittelpunkt muss die geometrische Argumentation stehen, also eine solche, die durch Ränder, Zonen, Nachbarschaften, durch Strategien des Tausches und der Abgrenzung ihre logische Wirkung entfaltet. Letzten Endes sind dies biologische oder quasi-biologische Argumentationsweisen, die sich auf die Evolution und Ökologie berufen.

Schluss

Kehren wir zu Nussbaum zurück, so müssen wir an diesem einen Satz, auf den ich mich bezogen habe, all jene semantischen Oppositionen herausarbeiten, die diesen Satz als politische Aussage ermöglichen.
Dies werde ich im folgenden Artikel machen.
An dieser Stelle möchte ich auf die Schwierigkeit zurückkommen, mithilfe eines Computerprogramms politische Begriffe zu untersuchen. Die Analogiebildung kann zwar vom Computer geleistet werden, insofern man ihm den Vergleich von Mustern beibringt; aber es dürfte recht schwierig werden, solche Muster zu wesentlichen Aussagen zusammenzufassen.

10.09.2016

Die Wahrheit einer Insel

Es ist faszinierend, dass das ganze Internet mittlerweile voll ist von der Suche nach Kriterien der Wahrheit, sozusagen nach der Wahrheit der Wahrheit. Gegen ein solch selbstreferentielles Verhalten hilft nur eine gesunde Oberflächlichkeit. Streichen wir das Wort gesund, denn das würde ja bedeuten, dass es irgendwie auch einen Gegenbegriff dazu gäbe, also eine Krankheit.

Julia Schramm

Spezialistin

Aus irgendeinem Grund bin ich dann auf Julia Schramm gestoßen. Nein, es war eigentlich ganz einfach: irgend ein Kommentierender hat auf Julia Schramm verwiesen. Julia Schramm war früher bei den Piraten, heute ist sie bei den Linken (so habe ich das zumindest gehört), und ist „Spezialistin“ für Hate-speech im Internet. Spezialistin habe ich in Anführungsstriche gesetzt, weil ich mit diesem Wort nicht sonderlich viel anfangen kann. Wenn jemand mehr Spezialist in einer Sache ist als ich selbst, kann ich es nicht nachprüfen, und falls es umgekehrt sein sollte, wird sich, zumindest in geistes- und sozialwissenschaftlichen Gebieten, trotzdem keine vollständige Überschneidung ergeben: der andere bleibt weiterhin als Gesprächspartner interessant. Aber das nur so am Rande.

Diskurstheorie

Was mich dann noch interessiert hat, das war, was Julia Schramm zum Poststrukturalismus geschrieben hat. Dazu hat sie einen Artikel geschrieben, in dem sie dann auf die Diskurstheorie verweist (Nazis und Poststrukturalismus). Das war das erste, was mich an diesem Artikel gestört hat, denn die Diskurstheorie ist keineswegs deckungsgleich mit dem Poststrukturalismus, so wie der Poststrukturalismus in sich selber aus sehr unterschiedlichen Protagonisten besteht, die sehr unterschiedliche Werke geschaffen haben. Auf wen sich Julia Schramm bezieht, ist nicht auszumachen.

Statik

Ein Problem, was den Poststrukturalismus eint, ist, dass alle Autoren Probleme mit einem statischen, geschichtsvergessenen Denken haben. Allerdings ist die Haltung der Poststrukturalisten hier deutlich schwieriger, als einfach nur an eine Rückkehr zur Geschichte und Geschichtsschreibung zu glauben. Vor allem ist die Haltung aber gegen eine bestimmte Art des Strukturalismus gewandt, die die von Claude Lévi-Strauss ausgearbeitete Methode als Theorie begriff. Lévi-Strauss selbst hat die strukturalistische Methode dazu benutzt, um umfangreiche Modelle zu erstellen. Er hat aber gleichzeitig deutlich gemacht, dass diese Modelle nicht die Wirklichkeit beschreiben, sondern Hilfsmittel sind, um die Wirklichkeit zu betrachten.
Was Julia Schramm in ihrem Artikel dann macht, ist der Versuch, eine Merkmalsliste aufzuschreiben, welche Elemente zu einem nationalsozialistischen Diskurs gehören. Das ist nicht falsch (weder von der Methode her noch inhaltlich), aber doch recht statisch gedacht. Es gibt Dynamiken, in die Menschen hineingeraten und durch die sie dann gar nicht anders können, als bestimmte Elemente, eben auch faschistische, zu wiederholen; und es braucht Zeit, um sich davon zu distanzieren. Ich will damit sagen, dass faschistisches Denken durchaus nicht so einfach zu erfassen ist, wie Julia Schramm das hier zum Besten gibt.

Natürlichkeit

Nehmen wir zum Beispiel die Natürlichkeit. Julia Schramm schreibt:
Dass es eine natürliche Ordnung gibt, die Menschen befolgen sollten (Hierarchien, etc.)
Nun ist das gar nicht so einfach mit dieser natürlichen Ordnung, selbst bei Nazis nicht. Denn offensichtlich herrscht bei diesen „naturalisierten“ Deutschen eine große Verwirrung darüber, was überhaupt Deutsch sein soll. Das ist ja meine ewige Klage: es ist nichts aus ihnen herauszubringen außer einer Art Tautologie, dass deutsch eben das sei, was deutsch ist. Solche Tautologien tauchen meist in erweiterter Form auf, nämlich als Umweg über den anderen, der eben nicht-deutsch sei (siehe auch: Gauck und Lewitscharoff und die Bio-Politik).
Es gibt wohl Strategien der Naturalisierung und der Denaturalisierung, des Verwahrheitlichens und Verlügnens, nur ist das, was sich dahinter immer wieder in Szene setzt, dass das Sprechen über etwas schon das Sprechen aus einer bestimmten Position heraus erforderlich macht. Und auch Julia Schramm spricht von einer Position aus, die sie wahrscheinlich nicht als natürlich bezeichnen würde, aber eben doch als vernünftig, oder, wie sie schreibt, „intellektuell“. (Das ist übrigens noch so ein Begriff, den ich nie begriffen habe.)
Dummerweise wird damit der Begriff der Natürlichkeit selbstreferentiell. Plötzlich wird es natürlich, die Natürlichkeit zu kritisieren. Und so dümmlich es auch ist, wenn ein Hagen Grell von seiner „natürlichen Männlichkeit faselt, so albern ist es, dies durch andere Natürlichkeiten – wie zum Beispiel dem „wissenschaftlichen Stand der Geisteswissenschaften“ – zu ersetzen.

Uns

Schließlich erlaubt sich Julia Schramm auch noch eine Art „Besitztum“: Sie spricht davon, dass derselbe Diskurs, der den Holocaust ermöglicht habe, auch uns geprägt hätte. Genau das aber ist eine komplette Geschichtsvergessenheit, und implizit führt Julia Schramm hier sogar einen nationalistischen Gedanken wieder ein, den sie doch so gerne aus der Welt schaffen würde.
Erstens ist der Diskurs nie derselbe. Nach fünfzig Jahren sollte man zumindest ahnen, dass sich der Diskurs geändert hat. Wie sehr und in welchen Elementen, das wäre zu überprüfen. Was aber auch keineswegs heißt, dass der Diskurs heute weniger gefährlich, mit weniger „Vernichtungspotential“ versehen sei.
Zweitens dreht Julia Schramm zwar das Besitztum um: Nicht wir besitzen den Diskurs, sondern wir sind vom Diskurs besessen. Aber damit konstituiert sie, so lose auch immer, eine Menschengruppe, die dies im besonderen Maße betrifft. Ich bin nun sehr dafür, für den Holocaust weiterhin Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung in dem Maße, dass er sich nicht wiederholen soll, nicht an den Juden, aber auch nicht an irgend einem anderen Volk oder einer anderen Religionsgemeinschaft. Aber diese Verantwortung kann ich nur für mich übernehmen; ich kann hier, auch wenn ich an der Komplexität der Verhältnisse ständig scheitere, nur so vorbildlich sein, wie es möglich ist und wie ich mir ein Vorbild vorstelle, also vermutlich auch dadurch begrenzt.
Ein „uns“ oder ein wie neues oder altes „Wir-Gefühl“ auch immer gibt es dabei nicht, jedenfalls nicht bei mir.

Die Suche nach der Wahrheit

Jedenfalls hat sich, nicht durch Julia Schramm, aber durchaus mit ihr, ein sehr unangenehmes Thema in den Medien breit gemacht, insbesondere aber im Internet, ebenjener Kampf um die Wahrheit und die Wahrheit der Wahrheit. Um weniger soll es also nicht gehen, und das wird dann in einem teils arroganten, teils ignoranten Tonfall vorgetragen, der mit Sicherheit nicht zur Wahrheit führen wird (falls es eine solche überhaupt gibt), aber zu einem Einverständnis, zu einer Glättung gesellschaftlicher Spannungen sicherlich auch nicht.
Meine Lieblingsstelle aus dem ganzen Artikel ist jedoch folgender Satz:
Ja, ich weiß Diskurstheorie ist anstrengend, aber ich empfinde es zum Teil als tief anti-intellektuell, wenn eine Partei sich dem wissenschaftlichen Stand der Geisteswissenschaften verweigert.
Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was nun der wissenschaftliche Stand der Geisteswissenschaften sein soll (da gibt es doch noch anderes, nicht nur den Poststrukturalismus in seiner Uneinheitlichkeit, da wäre der New Criticism zu nennen, ebenfalls keine Einheit, oder eventuell solche Sonderlinge wie Slavoj Žižek); welche Partei hätte denn überhaupt die Zeit, sich auf den wissenschaftlichen Stand zu bringen und wenn, warum müssen es jetzt unbedingt die Piraten sein; was Anti-Intellektualismus angeht, da fallen mir doch noch ganz andere Parteien ein.
Abgesehen davon, dass Julia Schramm implizit, eben aus ihrer Position heraus, behauptet, sie würde diesen wissenschaftlichen Stand kennen (und besitzen).

04.06.2016

Finger weg von unseren Frauen

Also eigentlich: "Finger weg von unseren Frauen!", denn mein Spruch ist das nicht.
Nun könnte man sich ja das Gegenteil denken, also "Finger dran, an unsere Frauen!" - Dies wird wohl auch fleißig gepostet, und dazu ge-uzt, man verschachere jetzt "seine (also 'unsere') Frauen" an die Ausländer.

Verneinungen

Aber diese kleine Szene, die wir dem FPÖ-Menschen Armin Sippel verdanken, zeigt auf ein generelles Problem.
Der deutsche Satz lässt nicht nur eine explizite, sondern auch eine implizite Verneinung zu. Explizit verneint wird meist über das Verb, bzw. das Prädikat des Satzes. Dies wäre "Finger weg", in seiner elliptischen Form. Was an dem Video von Sippel (unter anderen Dingen) so lächerlich ist, was schon an der ganzen Diskussion um die "Sylvester-Vorfälle" so lächerlich war, war ein ganz anderes Wörtchen, was sich in die Debatte eingeschlichen hat, jenes "unsere", ein Wort, das einen Zugehörigkeits-, aber auch einen Besitzanspruch markiert.
Keine Frage: das Bedrängen und Nötigen von Frauen, und natürlich erst recht das, was darüber hinaus geht, ist schlimm, um nicht zu sagen, widerlich. Hier Frauen zu schützen ist Pflicht, aber es ist eben ganz allgemein, nicht wählerisch die Pflicht. Als ich mich neulich zu der Kopftuchfrage geäußert habe, da war meine leitende Idee dabei nicht, ob Kopftuch oder nicht, sondern ob der Individualwille einer Frau akzeptiert wird. Sittliche Autonomie, die zugleich der umfassende Begriff von Meinungs- und Religionsfreiheit ist, ist nun mal der zentrale Wert unserer Kultur, zugleich deren politischer Gegenbegriff von der Würde des Menschen. Unsere Kultur hat eben sittliche Autonomie, damit Meinungs- und Religionsfreiheit zu gewährleisten. Und was mir sehr viel mehr Sorge macht, ist nicht, dass der Islam patriarchal ist; - obwohl er das zweifellos ist, sondern dass sich über den Vorwurf und unter dem sehr zweifelhaften Schirm des Wörtchens "Schutz" das sowieso Patriarchale unserer Kultur wieder breite Bahn bricht.

Das Patriarchat

Was das Patriarchat angeht, so darf ich mich hier als Pessimisten vorstellen. Wir werden, solange wir Kultur wollen, nicht um hegemoniale Effekte herum kommen. Hegemonie entsteht. Da kein Mensch alles machen kann, da auch kein Mensch alles denken kann, da zudem jeder Mensch sich durch seine Umgebung beeindrucken lässt, entstehen wohl oder übel bestimmte Formen der Logik, bestimmte Formen der logischen Kürzel (Enthymeme), die dann keineswegs logisch sein müssen; und schließlich gibt es auch bestimmte, automatisierte Konnotationen, die die alltägliche Interpretation von Ereignissen leiten.
Das Patriarchat, bzw. die hegemoniale Männlichkeit als dessen kulturelles Pendant, ist keine Wahl, sondern eine Struktur, die sich den Menschen aufdrängt. Sie drängt sich, klassischerweise, den Männern und Frauen in Form von an Äußerlichkeiten gewonnenen Rollen auf. Werden solche Äußerlichkeiten zurückgedrängt (ich spreche nicht von: beseitigt), dann verschwindet die Struktur nicht. Sie macht bloß dafür Platz, dass nun auch mal Frauen den Patriarchen mimen können. Die patriarchale Feministin, das ist nur oberflächlich ein Widerspruch.
Aber ich will das nicht so stehen lassen. Die Verwirrung der Codierungen ermöglicht am Rande auch die Entdeckung und Erschaffung neuer Rollenbilder, neuer Klischees. Sie braucht mehr Geist, mehr Feinfühligkeit, mehr Offenheit, auf beiden Seiten. Oder: weil hier die Vielfalt mitschwingt, auf allerlei Seiten.
So sehe ich zwar seit Jahren, fast schon Jahrzehnten, dass sich der Kern der Kultur nicht sonderlich geändert hat. Es sind dieselben Mechanismen, nur dass Frauen diese jetzt auch nutzen; wir sind den patriarchalen Enthymemen nicht entkommen. Aber die gelegentliche Verwirrung hat den Rändern unserer Kultur mehr Freiheiten ermöglicht. Homosexualität ist selbstverständlicher geworden, alleinerziehende Mütter werden respektiert und bedingt gut geschützt, zumindest, was den europäischen Vergleich angeht. "Seltsame" Lebensformen sind nicht mehr nur dem Adel zugänglich.
Der Kampf gegen die patriarchalen Strukturen hat zwar nicht im Kern, aber doch an den Rändern Effekte hinterlassen.

Kultur als Filter

Kultur und das Erschaffen von Kulturen wird mithin durch bestimmte, meist "irgendwie" dogmatische Filter bestimmt. Grenzüberschreitungen von der einen Seite des Filters auf die andere werden an Merkmalen festgehalten, die konnotativ bestimmt, aber meist denotativ behauptet werden. Denotativ, damit ist die direkte Benennung gemeint: ein Merkmal weist kausal auf eine bestimmte Wesensart hin, auf eine im Kern eindeutig fassbare Existenz; so geschehen mit (wahlweise) Juden, Frauen, Bolschewiken, Faschisten, Moslems, Männern. Semiotisch gesehen handelt es sich allerdings um Konnotationen: also um mehr oder weniger diffuse Ideen, die sich im Zuge der Denotierung an einer Zeichenkette vereindeutigen und zu verwirklichen scheinen.
Kulturen filtern und kanalisieren die beständige Verwechslung von Konnotationen als Denotationen.
Wohlgemerkt: eine Kultur existiert nicht ohne Filter, und es ist keineswegs so, dass man dieser Filter Herr werden könne, dass man sie wahlweise austauschen könne gegen bessere Filter. Der Feminismus, so positiv er in vielem war und ist, hat mit seinem Weg in die Etablissements auch mehr und mehr einen dogmatischen Kern entwickelt, der in den wütenden Protesten schon angelegt war. Ich will damit weder etwas gegen die Proteste sagen, die in den meisten Fällen berechtigt waren, noch etwas gegen den Weg in die Institutionen. Was ich bezweifle, ist, dass dieser Wandel ein tatsächlicher Wandel ist, und dass seine Effekte deutlich positiv sind. Womit ich auch sagen möchte, dass eine Rückkehr zu einem Zustand vor dem Feminismus ebenfalls keine Option sein kann.

Der imaginierte Moslem

Filter erzeugen Kultur. Da zwischen solchen Filtern (bestimmten Codierungen, bestimmten Strategien der Codierung, bestimmten Enthymemen) und der Kultur eine beständige Wechselwirkung besteht, da kulturelle Codes nie naturwissenschaftlich fest stehen, gibt es immer undeutliche, fließende Bereiche innerhalb einer Gesellschaft.
In einer Kultur entstehen aber auch und immer wieder, es lässt sich wohl nicht verhindern, Maschinerien der Vereindeutigung, kulturelle Zentren, die den Übergang von Konnotationen zu Denotationen zu einem zentralen Mechanismus machen. In einer solchen Position sehe ich die Pegida, die AfD, aber auch den "Konservatismus" im Allgemeinen. Er ergreift Kulturen, kulturelle Gruppierungen, Einzelpersonen. Man findet diese Zentren links und rechts (sofern man von einer solchen schnöden Einteilung noch ausgehen mag), FeministInnen und MaskulinistInnen, Gender-Mainstreamer und Anti-Gender-Mainstreamer.
Mit solchen Strategien wird die Kultur übersichtlich, dogmatisch. Sie reduziert sich, erzeugt sich ihre Gegner selbst, und gelegentlich rutscht sie in das Gebiet der Unkultur ab, dort, wo der zerstörerische Charakter einer solchen Reduktion offenbar wird. Davon sind muslimische Kulturkreise ebenso betroffen wie deutsche (oder westliche).
Was derzeit passiert, ist, dass sich diese kulturelle Reduktion in einem solchen Maße in die Institutionen einbringt, und das auf eine denkbar gefährliche, unkultivierte Art und Weise. Die Reduktion wird damit institutionalisiert und damit das Feindbild, die andere Seite der Kultur, ebenfalls, und zwar genau dadurch, dass sie de-institutionalisiert wird (der Moslem wird zum Vagabunden, Terroristen, Barbaren).
Diese andere Seite der Kultur, ihr Ausgeschlossenes, das kann man zum Beispiel bei Bernhard Waldenfels nachlesen, ist zutiefst mythisch. Es gibt nichts mehr in der Kultur, was diese andere Seite begreift, weil die Übersetzungsprozesse verloren gegangen sind. Indem wir die Übersetzungen zwischen "muslimischen" und "deutschen" Kulturen ausdünnen, machen wir aus dem Muslim einen Mythos. Und, wenn ich mir bestimmte Internet-Seiten ansehe, bestimmte Aussagen auf twitter und facebook, dann ist dieser Schritt schon längst geschehen.
Es ist wohl wahr, wenn die AfD sagt, der Islam gehöre nicht zu deren Kultur. Wahr insofern, als es oberflächliche Merkmale gibt, die diesen Ausschluss scheinbar notwendig machen. Doch natürlich ist auch das Gegenteil richtig: strukturell und funktional gesehen ist dieser Weg in den Anti-Islamismus auf genau dieselben Mechanismen zurückzuführen wie dies bei der Radikalisierung von Islamisten beobachtet werden kann. Es mag zwar sein, dass der Islam hier kürzere und leichtere Wege in die kulturelle Reduktion anbietet und insofern tatsächlich die westliche Kultur eine offenere und eventuell bessere ist. Aber es ist absurd, diese "Überlegenheit" dadurch zu verwirklichen, dass man sie abschafft.

19.12.2015

Geschlechterneutrale Sprache

Menschen, die sich wie Inter- oder Transsexuelle keinem eindeutigen Geschlecht zuordnen können, sind aus der deutschen Sprache ausgeschlossen. Auch viele Frauen fühlen sich vom Deutschen ignoriert. Genderneutrale Sprache würde das Problem lösen, eine Sprache, in der alle Geschlechter vorkommen.
Diese Behauptung ist aus mehreren Gründen falsch und gefährlich.

Eindeutige Geschlechter

Sprache vereinheitlicht und abstrahiert. Sie macht es immer; ihr ist eine Ordnungsleistung immanent, die nicht auf Abbildung, sondern auf Struktur abzielt. Sprache teile die Welt nicht mit, schreibt Niklas Luhmann, Sprache teile die Welt ein. Gäbe es ein eindeutiges Geschlecht, so nur als Position in der Sprache. Dies ließe sich wiederum nur durch eine Verallgemeinerung erreichen, und damit durch eine Abstraktion von welchen Merkmalen auch immer. So geschieht es dann auch für sämtliche Formen der Sexualität, so geschieht es auch für das Körperselbstbild (mit und ohne Sexualität).
Wollte man hier also tatsächlich eine Art Gerechtigkeit einführen wollen, müsste man für jeden Menschen, eventuell auch für einzelne Phasen seines Lebens, ein je eigenes Geschlecht erfinden. Das allerdings wäre ein mühsames Geschäft.

Weit reichende Behauptungen

Jemanden auszuschließen ist eine räumliche Metapher. Ich hatte schon mehrmals die Problematik eines solchen sprachlichen Ausdrucks angesprochen: man kann sich auf vielerlei Weise in einer Gruppe befinden, aber hier geht es eben nicht um Räume, sondern um in irgendeiner Weise getragenen Handlungen, um Teilhabe und Teilnahme (obwohl auch diese Begriffe räumliche Metaphern sind). Dass die deutsche Sprache nicht nur spezifisch, sondern regelhaft die Sexualität ausschließt, ist auch den Begriffen geschuldet. Diese bezeichnen eben nicht immer zugleich irgendetwas Sexuelles mit.
Jemanden auszuschließen, aus der Sprache auszuschließen, bedeutet doch vor allem, seine Geschichten, seine Erlebnisse ungehört zu machen, ihn (oder sie) als politische Person auszulöschen, als jemand, der eine Meinung hat. In dem oben zitierten Artikel hört es sich aber so an, als sei die gesamte politische Person unwirksam gemacht, wo es eben nur um die sexuelle Orientierung geht, die durch besondere Wörter nicht berücksichtigt wird.

Neutralität

Widersinnig finde ich allerdings die Zusammenstellung der These, es müsse eine Sprache geben, die auf Intersexuelle und Transsexuelle Rücksicht nehmen solle, aber zugleich „neutral“ sei. Widersinnig ist vor allem die Behauptung, dass eine Sprache, die keinerlei Geschlecht mehr bezeichnen würde, zugleich ermöglichen würde, dass alle Geschlechter darin vorkommen.
Die Frage ist, was und wie Sprache abbildet, und ob sie überhaupt zu einer Neutralität fähig ist.

Wittgenstein, Nietzsche, van Quine, Luhmann

Sowohl Wittgenstein, als auch Nietzsche, van Orman Quine und Luhmann sehen als ein Problem der Grammatik an, dass diese das Subjekt als den Träger von Prädikaten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stelle. Alle vier Denker kritisieren auf sehr unterschiedliche Art und Weise den mythischen, „un“wissenschaftlichen Charakter der Grammatik.
Indem dem Subjekt des Satzes eine solch zentrale Position zugewiesen wird, übt der Satz zugleich eine produktive wie auch repressive Wirkung auf das Subjekt aus, wodurch das Subjekt dem Satz untergeordnet wird; zugleich aber behauptet der Satz die zentrale Stellung des Subjekts und verbirgt damit seine eigentlichen Mechanismen. Indem der Satz dem Subjekt bestimmte Eigenschaften zuspricht, erzeugt er dieses Subjekt zuallererst und schließt andere Formen der Subjektwerdung aus.

Machtwirkungen in der Sprache

Natürlich übt die Sprache Macht aus. Sie teilt ein, sie betont und hebt hervor bis hin zur krassen Übertreibung, sie spricht Handlungsmöglichkeiten zu und ab. Dies aber tut sie aufgrund sehr viel verborgeneren Effekten als eines grammatisch markierten Genus. Auf diese Wirkungen kommt es an.
Von den eindeutigen Pejorativen (dem hate speech) über die Ungewohnheit mancher semantischer Verbindungen (wie zum Beispiel vor 30 Jahren die Verbindung von Frauen und professionellem Fußball oftmals nur ein geringschätziges Lächeln hervorgerufen hat) bis hin zu Begriffsnetzen, die nur im Gesamt ihre produktive Wirkung entfalten, zeitigt die Sprache ganz andere Probleme als auf der Ebene der Morphologie.
Sollte man jemals eine solche wie oben postulierte geschlechterneutrale Sprache finden oder etablieren, hätte man damit die wirklichen produktiv-restriktiven Mechanismen der Sprache trotzdem nicht behoben.

Individualität heißt auch Selbstbeschränkung

Der eine spielt Klavier, der andere besucht Jazzkonzerte, ein dritter liest Niklas Luhmann und ein vierter schwedische Thriller. Unsere Gesellschaft bietet zu viele Möglichkeiten, um alle zu verwirklichen. In dem Sinne ist sie pluralistisch; wobei der Pluralismus nie ein vollständiger ist, sondern ein durch die historische Entwicklung begrenzter Pluralismus, und auch ein durch Zugänglichkeit begrenzter. Vor 30 Jahren hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, sich ein schnurloses Telefon zu kaufen, heute dagegen ist es schwierig, ein Telefon mit Schnur zu erwerben. Ähnlich dürften sich heute manche gesellschaftlichen Rollen von denen vor 30 Jahren deutlich unterscheiden, zum Beispiel bei Politikern, Priestern oder Lehrern. Jeder Mensch kann in die Politik gehen; aber nicht jeder wird es zum Parteivorstand schaffen, und seine eigene Politik zu machen bedeutet nicht, dass man sich nicht beschränken müsse.
Gesellschaften sind eben keine zwangfreien Räume. Sie sind kein Selbstbedienungsladen, auch wenn man dies gelegentlich bedauern möchte. Ich klage ja auch nicht herum, dass mir noch niemand eine Professorenstelle angeboten hat, obwohl ich dies durch meine Intelligenz (haha!) durchaus gerechtfertigt fände.

Mangelhafte Sprache

Sprache als solche erzeugt Mängel. Man könnte hier, wenn schon, einen Satz von Bert Brecht paraphrasieren, dass es nicht um die gerechte Verteilung von Reichtum, sondern von Armut gehe; und so könne man für die Sprache anführen, dass es nicht um die gerechte Verteilung der richtigen Bezeichnungen gehen, sondern um eine gerechtere Verteilung an einschränkenden Wirkungen der Sprache.
„Sprache sei entscheidend für die Sichtbarkeit und die Akzeptanz“, wird Andreas Kraß, Mitglied im Berliner Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien, zitiert. Aber es läuft immer wieder auf das gleiche Paradoxon hinaus: eine geschlechterneutrale Sprache macht eben nicht sichtbar, sondern verbirgt. Eine Differenzierung der Sprache könnte man bis zur kompletten Individualisierung betreiben, es ließe sich trotzdem in ihr nur annäherungsweise erläutern, was ein einzelner Mensch in seinem Leben erfährt, sei dieser nun heterosexuell oder intersexuell. Zudem ist die Sprache vielschichtig: eine Änderung der Morphologie zum Beispiel durch den gender Gap ändert zu geringfügig oder gar nicht oder nur unbeherrscht das semantische Feld oder die pragmatische Verkettung.

Grenzgänger

Bernd Höcke möchte eine Sichtbarkeit des normalen Geschlechts entsprechend der Verteilung in der Gesellschaft. Ihm seien „abseitige“ Lebensentwürfe zu überrepräsentiert. Ja und nein möchte man dazu sagen. Eine Demokratie setzt sich in gewisser Weise zugleich aus ihrer Mehrheit und ihren Grenzgängern zusammen. Sie lebt zugleich von den Menschen, die sich einfach auf die kulturellen Gewohnheiten verlassen, und all denen, die die Möglichkeit von Lebensentwürfen innerhalb demokratischer Spielregeln erweitern. Gerade solche Grenzgänger sind für die Demokratie besonders wichtig, weil sie die Möglichkeiten zur Korrektur sozialer und politischer Prozesse offen halten. Damit sind nicht nur „sexuelle“ Grenzgänger gemeint, sondern auch andere Spielarten, wie zum Beispiel in der Kunst, aber auch in der politischen Meinung oder der religiösen Orientierung. Vermutlich sind solche Grenzgänger auch deshalb wichtig, weil sie zeigen, ob eine Demokratie mit ihrer Verfasstheit und ihrer Verfassung noch aufklärerisch umgehen kann, d.h. argumentativ und wissenschaftlich. Obwohl ich an dieser Forderung gelegentlich verzweifle, da das Attribut wissenschaftlich erstens zuweilen recht wahllos verwendet wird, um bestimmte Assoziationen und Verbindungen ein- oder auszuschließen, und zweitens Wissenschaftlichkeit noch keine Wahrheit garantiert. Abgesehen davon spielt die Wahrheit beim Zusammenleben von Menschen eher eine untergeordnete Rolle. Deshalb haben ja schon die alten Griechen zwischen der Episteme und der Doxa unterschieden. Für das Zusammenleben braucht man nur die gute Meinung.

Ich als Mann

Während meines Studiums erdreistete sich ein Kommilitone mich mit der Frage zu nerven, ob ich mich eher als Mann oder als Frau fühlen würde. Aber was ist denn das für eine Frage? habe ich ihm entgegnet. Ich möchte doch behaupten, dass kein halbwegs vernünftiger Mensch auf diese Frage eine andere Antwort wüsste als die Gegenfrage nach der Vernunft des Fragenden. Hätte der Schreiber des oben angeführten Zitats recht, dann hätte ich diese Frage rasch und unkompliziert beantworten können. Tatsächlich ist diese Frage, dieser Wille zur Eindeutigkeit, eine einzige Katastrophe, ein Disziplinierungsmechanismus und Terrorinstrument. Die eindeutige Sprache ist die Sprache der Dogmatiker, der Fanatiker, der Terroristen.
Sprechen wir lieber von einer gewissen „Familienähnlichkeit“ (im wittgensteinschen Sinne): dann bin ich tatsächlich gerne ein Mann, rein biologisch, aber auch kulturell. Von bestimmten Formen des Mannseins distanziere ich mich trotzdem ganz ausdrücklich.

Sichtbarkeit

Macht Sprache sichtbar? Ja, aber nicht durch Bezeichnungen, sondern durch Kontraste und Oppositionen: Sie orientiert durch Differenzen und sie insistiert durch Wiederholungen. Um Differenzen zu verdeutlichen sind Übertreibungen von Nöten. Solche Übertreibungen liefern die Massenmedien durch ihren Hang zur Skandalisierung und Sensationalisierung. Deshalb bilden Massenmedien, und das sieht man am Beispiel der ganzen gender-Debatte, die Gesellschaft in ihrer realen Verteilung nur schlecht ab. Deshalb treffen sich eine Conchita Wurst und ein Bernd Höcke auch in einer Talkshow, und nicht der von linksliberalen und christlichen Ideen geprägte CDU-Politiker und die „ganz normale“ Hausfrau. Solche Sichtbarkeiten bekommt man dann eher im „normalen Leben“ zu sehen; und hier natürlich auch nicht die gesamte Bandbreite dessen, was in einer begrenzt pluralen Gesellschaft möglich ist.
Sichtbarkeit einzufordern ist eine gefährliche Sache. Gerade jene Menschen, die sich für eine kritische Gesellschaftsanalyse und für eine Aufhebung von diskursiven Machteffekten einsetzen, sollten doch so viel Ahnung von Michel Foucault haben, dass sie einen neutralen Blick oder eine machtlose Sichtbarkeit für eine unmögliche Forderung halten.

13.12.2015

Erster Versuch: politische Begriffe mit Martenstein

Solange Harald Martenstein nicht von Politik redet, ist er ganz erträglich, zuweilen sogar amüsant. Politik aber liegt dem guten Menschen überhaupt nicht, und dann all diese seltsamen Begriffe: alleine dieses Wort gender Mainstreaming, das so schwer auszusprechen ist, und das dann vielleicht auch noch schwerer zu verstehen ist, vor allem, wenn der Begriff teilweise recht unterschiedlich aufgefüllt wird.
Nun versucht sich Martenstein an dem Begriff Sozialdarwinismus.

Lageso

Zugegeben: die Situation ist dramatisch. Das Lageso, das Landesamt für Gesundheit und Soziales, registriert auch die Flüchtlinge, neben vielen anderen Aufgaben. Wie Martenstein berichtet, klafft die Möglichkeit, die Flüchtlinge zu registrieren und die täglich Wartenden weit auseinander. 200 Leute könne man jeden Tag „bearbeiten“, 500 würden warten. Martenstein brandmarkt diese Situation als schlimm. Ich würde ihm zustimmen, wenn nicht …

Sozialdarwinismus

Die verzweifelten Flüchtlinge, so weiß ein anderer Flüchtling zu berichten, würden die Sicherheitsleute bestechen: mit Geld, und, aber wie das funktionieren soll, fällt mir nicht ein, mit Stärke. Der genaue Wortlaut von Martenstein:
Die Stärksten und die mit Geld kommen angeblich durch, Berliner Sozialdarwinismus.
Abgesehen davon, dass dies nur eine einzelne Stimme ist, relativiert jenes „angeblich“ die Wahrheit zu einer Wahrscheinlichkeit. Aber um dies zu kaschieren gibt es die Emphase, eben jenes Wort vom Sozialdarwinismus. Nur darin eben irrt Martenstein; der Sozialdarwinismus behauptet einen biologischen Determinismus, der einem guten oder schlechten Erbmaterial entstammt; zudem könne durch Selektion, d.h. in diesem Fall geplante Selektion (Verbote von Fortpflanzung, Sterilisation, Ermordung), ein besseres Erbgut herangezüchtet werden, so dass eine überlegene Menschengruppe (Rasse) entstehe (obwohl das nicht für alle Ausprägungen des Sozialdarwinismus gilt).
Bedenkt man allerdings, dass der Sozialdarwinismus eine prägende Theorie bei nationalsozialistischen Ideologen war, und auch in zeitgenössischen rechtsextremen Gruppen eine wichtige Rolle spielt, sollte man vielleicht mit diesem Begriff etwas vorsichtiger umgehen, als Martenstein dies tut.

Hoffnungslose Randexistenzen

Nein, nein, so weit geht mein Urteil über Martenstein dann doch nicht. Martenstein benutzt es selbst, benutzt es in Bezug auf die Flüchtlinge. Nicht jeder, aber doch viele stünden vor einer „hoffnungslosen Randexistenz“. Das ist nicht ganz so hübsch gesagt. Aber wir verstehen Martenstein schon.
Viel schlimmer sei, dass die Flüchtlinge bald „desillusioniert“ sein werden. Und wenn man jetzt denkt, sie kämen damit in der nicht ganz so hübschen Realität Deutschlands an, der wird eines Besseren belehrt. Sofort wendet Martenstein ein:
Aber „Realismus“ ist zur Zeit ein Unwort.
Wer also desillusioniert ist, für den ist, verstehe ich das richtig?, Realismus ein Unwort, oder für den könne Realismus nicht mehr gelten, oder wie, oder was? Und wenn derjenige, der desillusioniert ist, auch verführbar ist, dann wohl durch die Realität. Kraft seiner Argumente geraten Illusion und Realität einmal tüchtig durcheinander. Welcher philosophischen Tradition unser verehrter Journalist damit folgt, ist allerdings unklar.
Zumindest aber wäre das eine Erklärung dafür, dass Martenstein gelegentlich so sonderliche Sachen von sich gibt: Illusion ist Realität, und Desillusionierung führt in die hoffnungslose Randexistenz. Wo Martenstein sich ungerne sehen will, möchte ich behaupten.

Brutstätten

Dürfen eigentlich Stadtteile dasselbe wie eingebürgerte türkische Schriftsteller? Dann wäre jetzt vielleicht die Gelegenheit, Martenstein mit einer Unterlassungsklage zu überziehen: Gettos seien „immer Brutstätten … für Frustration, organisiertes Verbrechen und Islamismus.“ Zugegeben: die Pariser banlieus sind gelegentlich schlimm, die Zustände seit 25 Jahren und länger schlimm; die Integration auch französischer Menschen kam viel zu spät und nur sehr schleppend in Gang. An Jugendliche wurde zunächst überhaupt nicht gedacht, weder mit umfangreicheren Möglichkeiten zum Sport (es gibt in Frankreich längst nicht eine so ausgeprägte Vereinskultur wie in Deutschland), noch mit anderen Freizeitaktivitäten. Das Schulsystem ist auf Faktenwissen aufgebaut; problemlösender oder handlungsorientierter Unterricht findet eher selten statt. Damit sind die Schüler dann wohl auch einerseits kognitiv unterfordert, andererseits überfordert damit, ihre Sinnlichkeit einzudämmen.
Trotzdem: von den vielen 100.000 Franzosen, die in Paris, Lyon, Marseille in Elendsvierteln wohnen, werden nur etwa 2000 als fundamentalen Islamisten eingestuft. Bei Martenstein hört sich dies drastischer an.

Unsauberer Journalismus

Nein, ich mag Pirinçci immer noch nicht. O. k., zehn Minuten war ich auch über die Nachricht empört, die in den Medien über Pirinçci verbreitet wurde, dann habe ich ich angefangen, seine Rede genauer zu analysieren. Dies hat einer anderen Empörung Platz gemacht. Gegenüber Pirinçci, aber auch gegenüber den Nachrichtenmagazinen. Die Enerviertheit angesichts einer solchen Berichterstattung war gut (auch wenn sie nicht immer von einem guten Standpunkt aus getan wurde). Eventuell hätte dies jetzt zu einem Umdenken führen können, zu einer besseren Wortwahl, zu einer ausgewogeneren Argumentation. Zumindest bei Martenstein ist davon wenig zu spüren.
Dies mag aber auch verständlich machen, warum ich mich immer noch und immer wieder auf die rhetorische Analyse zurückziehe. Zum einen ist die rhetorische Analyse ein grundlegendes Handwerkszeug des Journalismus (aber selbst das schützt nicht vor Fehlurteilen, macht sie aber unwahrscheinlicher); zum anderen weiche ich damit gut einer tiefergehenden politischen Beurteilung aus, die ich mir immer noch nicht zutraue.

15.11.2015

Akif Pirinçci und seine Lügenpresse

Man wird ja wach, wenn man sich mit solchen politischen Themen befasst. Die Pegida-Rede beschäftigt mich immer noch. Etwas kläglich finde ich, dass in der ganzen deutschen Presse kaum eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem, was Pirinçci dort geäußert hat, stattfindet. Vielleicht wird das meine Aufgabe sein, dies nachzuholen.

Umvolkung

Ein zentraler Begriff Pirinçcis Rede ist die Umvolkung (zu dem rhetorischen Status dieses Begriffs muss ich mich wohl später noch etwas ausführlicher äußern). Pirinçci leitet damit seine Rede ein, indem er diesen Begriff definiert: gemeint ist damit der „Bevölkerungsaustausch und die Regermanisierung“ und die „Umsiedlung von unerwünschten Volksgruppen“. Pirinçci bezeichnet die Umvolkung als „realitätsferne Kopfgeburt“. Dann beschwört er Menschen, die „durch eine klar definierte Geographie“ und eine „exakt zu lokalisierende Heimat“ „miteinander verschmolzen sind“ – meine Frage an meine verehrten Leser: Wärt ihr gerne mit Akif Pirinçci verschmolzen?
(By the way: damals, als ich meinen Zivildienst in der Unipsychiatrie Tübingen absolvierte, gab es dort einen Pfleger, der bei den Patienten gerne „homosexuelle Verschmelzungstendenzen“ diagnostizierte. Darüber darf man sich doch, im Falle von Akif Pirinçci, echt mal freuen!)

Das Feindbild

Tatsächlich bereitet Pirinçci dann jenes Zitat, was so aus dem Zusammenhang gerissen worden ist, recht genau vor. Dies erreicht er durch eine Parallelisierung:
Wie verwandt der Geist heutiger Politiker, egal welcher Partei, mit dem der Nationalsozialisten ist, sieht man daran, dass sie immer mehr die Maske fallen lassen und zunehmend als Gauleiter gegen das eigene Volk agieren.
Suggeriert wird durch die ganze Rede, dass das Eigentümliche und die kulturelle Tradition Deutschlands, was auch immer man sich darunter vorzustellen hat, und wie immer diese Tradition auch weitergeführt worden ist, sowohl von den Politikern, als auch von den Flüchtlingen und Asylanten mit Füßen getreten wird. Dazu gehört auch seine nur behauptete Klarheit der „exakt zu lokalisierenden Heimat“. (Und man höre hier, dass dies nicht nur eine Feststellung, sondern auch ein Auftrag ist, so als müsse die Heimat erst noch hergestellt werden, als gäbe sie es noch gar nicht; dann aber gäbe es ja, man höre und staune, gar keine Gefährdung der deutschen Heimat.)
Nach dem umstrittenen KZ-Zitat geht Pirinçcis Aufzählung, wer wem welche Ausreise aus Deutschland empfohlen habe, weiter. Pirinçci suggeriert, dass „die Politiker“ offensichtlich kritische „deutsche“ Stimmen nicht akzeptieren wollten, stattdessen aber mehr oder weniger gezielt die Muslimisierung Deutschlands betreiben würden (und, wie man dies allerdings vor allem aus den Zwischentönen heraus hören kann, nicht, weil die deutschen Politiker den Islam so toll fänden, sondern weil sie einfach „Schlappschwänze“ seien).

Ein Zitat aus der Pegida-Rede

Ich zitiere hier aus der Pegida-Rede Pirinçcis. Das kursiv gesetzte Wort (Schwätzer) habe ich nicht richtig verstanden, es könnte also auch anders lauten:
Inzwischen jedoch geben sich die Ausländer, damit sind zu 99,9 Prozent Moslems gemeint, ganz ungeniert und blasen den Deutschen unverblümt den Marsch. Ein Moslem-Schwätzer namens Muhammad Khan mit Taliban-Bart und Sprecher der Erfurter Moschee, der mit der deutschen Kultur so viel gemein hat wie mein Arschloch mit der Parfum-Herstellung, (Gelächter und Gejohle) gibt in einem Interview mit der Thüringer Allgemeinen vom 15.10.2015 auf die Frage, ob Deutschland durch die Flüchtilanten-Flut nicht noch mehr islamisiert werde, folgende Antwort: Wem dieses System in Deutschland nicht gefällt, der hat die Möglichkeit wegzugehen. (Buhrufe)

Muhammad Khan allerdings sagt

Auf die Frage, was man von den Muslimen erwarten müsse, sagt der Sprecher der Erfurter Moschee:
Auch sie [die Muslime] müssen Geduld zeigen. Sie müssen wissen, dass das Leben in Deutschland an bestimmte Voraussetzungen gebunden ist. Sie müssen sich an die Gesetze und Regeln halten, sollen die Kultur des Landes kennen. Wer eine langfristige Bleibeperspektive hat, muss die Sprache lernen und sich gut benehmen.
Und dann sagt er, und im Kontext ist dieser Satz auf die Muslime zu beziehen:
Wem dieses System in Deutschland nicht gefällt, der hat die Möglichkeit wegzugehen.
Keinesfalls wird hier den Deutschen die Ausreise empfohlen. (Nachzulesen ist das ganze Interview hier: Im Gespräch mit Muhammad Khan, Sprecher der Erfurter Moschee.)

Lügenpresse

Natürlich war es nicht richtig, im Gegenteil, geradezu widerlich, wie vor zwei Wochen die Worte von Pirinçci verdreht wurden. Allerdings sehe ich hier nicht, dass Pirinçci das Opfer dieser Verdrehung geworden ist, sondern vor allem all diejenigen Bürger und Bürgerinnen, die zu wenig Zeit haben, sich umfassender zu informieren. Es ist gut, dass hier allgemein die deutsche Presselandschaft zurückgerudert ist. Das Vertrauen in die journalistische Arbeit, das ja ohnehin angeknackst ist, und zu Recht angeknackst ist, lässt sich wohl schwerlich einfach wiederherstellen. Kritik, und dies ist eine der wichtigen Aufgaben der Journalisten, darf nicht ohne Betrachtung und umfassende Aufarbeitung der Zusammenhänge geschehen (ein Satz, der so selbstverständlich sein sollte, dass man ihn nicht eigens aussprechen müsste).
Was uns aber im Gegenzug, bei all dem Gelärme über die Lügenpresse, verschwiegen wird, ist, dass Pirinçci genau dieselben rhetorischen Mechanismen der Verdrehung benutzt, um seine Aussagen zu stützen. Pirinçci hat also am wenigsten recht, sich darüber zu beschweren, dass seine Existenz zunichte gemacht wird, wo er doch selbst dabei ist, die Existenz zahlreicher Menschen infrage zu stellen. Aber ja doch, wir gönnen jedem deutschen Hanswurst und jedem pseudo-orientalischen Patriarchen sein bisschen Bleiberecht, zumal, wenn er beides so hübsch vereint, in einem Körper, der, um Oliver Welke zu zitieren, aussieht wie „eine 75-jährige Transe“ (zu sehen und zu hören hier!).

20.09.2015

Schüchternheit

Eigentlich war es nur eine Notiz, gestern am späteren Nachmittag, etwas achtlos ins Mikrofon gesprochen. Einige meiner Schüler und Schülerinnen sind recht schüchtern. Vor allem in der 4. Klasse sitzen einige Kinder, die mit dem Klassenwechsel noch wenig zurechtkommen und still und leise mitarbeiten, so gut es eben geht. Vor allem ein Mädchen beschäftigt mich gerade, weil diese in meiner Gegenwart so gar kein Wort herausbringt (bei den anderen Lehrern aber auch nicht).

Sich selbst belehren

Meine erste Sorge in solchen Situationen ist, dass meine Wahrnehmung zu undifferenziert sein könnte. Ich begebe mich also, so oft es geht, auf die Reise in die Differenziertheit. Und so war es auch gestern Abend. Aus der kurzen Notiz ist ein kleiner Marsch durch die Literatur geworden, wenn auch ein noch sehr kurzer, denn ich bin an Marcuses Künstlerroman spätestens hängen geblieben und dort eigentlich auch an seiner Darstellung des Anton Reiser.
Mehr noch als früher bevorzuge ich seit meiner Lektüre von Tardes Gesetzen der Nachahmung die fragmentierte und vermischende Arbeitsweise, beides die zentralen Mechanismen, wie sich Neues in die Gesellschaft einschleicht. Die Fragmentierung zeigt immer nur einen Ausschnitt, lässt immer etwas weg, und erschafft dadurch neue Konstellationen, neue Gedanken, wenn auch oftmals erst später, wenn man mal wieder über seine eigenen Fragmente stolpert und sich des Zusammenhangs nicht mehr sicher ist.
Die Vermischung beruht dagegen auf bewussteren Entscheidungen. Auf der Suche nach den Zusammenhängen, nach den psychosozialen Funktionen der Schüchternheit, habe ich alle mögliche Literatur zusammengesucht, gerade so, wie es mir mein Zettelkasten zugeflüstert hat. Diese Literatur habe ich dann aber ganz bewusst durchdiskutiert.

Das soziale Erhabene

Tatsächlich wiederholen sich bei längerer Diskussion verschiedene Gedankengänge, drängen sich bestimmte Ideen immer wieder auf. So war gleich zu Beginn der Arbeit, als mein Zettelkasten mir eine ganze Menge Referenzen zum Wort "schüchtern" auswarf, der Komplementärbegriff "einschüchtern" dabei; er überwiegt sogar die Betrachtung der Schüchternheit selbst.
Was aber schüchtert ein?
Es ist seltsam: die Erhabenheit, die zunächst eine Funktion der Einbildungskraft ist, vielmehr der Widerstand gegen diese Einbildungskraft, wie Escoubas schreibt, wird von der Kultur wiederholt, von einer Vielstimmigkeit, die nicht mehr erfassbar ist, nicht mehr systematisierbar:
„Nun haben diese Disziplinen [Philosophie und Theologie] eine Flut von Literatur über die Funktion von Bildern in ihrem jeweiligen Gegenstandsbereich hervorgebracht und damit eine Situation geschaffen, die jeden einzuschüchtern geeignet ist, der sich einen Überblick über das Problem zu verschaffen sucht.“
Mitchell, W. J. T.: Was ist ein Bild? in: Bohn, Volker: Bildlichkeit. Frankfurt am Main 1990, S. 17-68, hier S. 21
Müsste man also eine dritte Art des Erhabenen postulieren, neben dem mathematisch Erhabenen und dem dynamisch Erhabenen: das sozial Erhabene? Dies wäre allerdings keine Naturgewalt, ihr liegt die Möglichkeit der Veränderung und Beeinflussung bei: damit entfällt die Unterscheidung, die Escoubas am Ende ihres Artikels zu Kant postuliert: die Einheit der Differenz des Heimlichen und Unheimlichen (Escoubas, S. 538). Stattdessen findet eine Entfremdung statt, ja, die Entfremdung könnte sogar als das postuliert werden, was diese Differenz unmöglich macht: das sozial Erhabene.
Die Kultur, folgt man diesem Gedankengang weiter, müsste nicht so komplex sein: Sie könnte viel einfacher sein. Aber sie ist es nicht. Viel zu viele Stimmen mischen sich ein. Das sozial Erhabene ist ein Zuviel von Meinungen, es ist ein Übermaß des Politischen.

Marcuses Anton Reiser

Ausweg aus dem religiösen Subjektivismus

In seiner Doktorarbeit behandelt Marcuse den deutschen Künstlerroman von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Gegenwart (die zur Zeit, als Marcuse seine Doktorarbeit verfasst hat, tatsächlich Gegenwart gewesen ist). Dieses Werk ist voll und ganz von einer historisch-materialistischen Dialektik durchdrungen. Mir ist diese Vorgehensweise zu eindeutig. Trotzdem sind es faszinierende Beobachtungen, die Marcuse vorstellt.
So zeigt er gleich zu Beginn, wie sich in den Anton Reiser eine bestimmte, spannungsgeladene Konstellation einschreibt, aus der heraus sich eine tragische Bewegung entwickelt, ein Künstlerwerden des jungen Reiser.

Religiöse Metakognition

Mich hat folgende Passage also gestern Abend etwas länger beschäftigt:
„Eingehend ist zu Anfang des »Anton Reiser« geschildert, wie schon bei dem Knaben der Gefühlsüberschwang die religiöse Deutung und Bindung als ungenügend überstürmt und weitere Nahrung und Erfüllung sucht. Wohl ergeht Anton Reiser sich nach den Anweisungen der Madame Guyon in ausführlicher Innenschau, in Unterhaltungen mit Gott und dem Jesulein, im Forschen nach Sünden, im Ertöten der Begierden – aber dies Gebaren trägt nicht nur kindlich spielerischen Charakter; es zeigt auch schon ganz jene weltliche Freude am selbstständigen Ich, jenes egozentrische Lebensgefühl, das im Sturm und Drang den religiösen Subjektivismus der Pietisten in die Wirklichkeit hinaufreißt.“
Marcuse, Herbert: Der deutsche Künstlerroman. Springe 2004, S. 24
Metakognition ist ein jüngst recht umworbener Begriff: dieser besteht nach einer etwas klassischeren Definition, aus drei Teilaspekten: dem Wissen um die eigenen Denkvorgänge in Form von psychologischen Begriffen, der Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Denken und schließlich der Fähigkeit, dieses Denken zu steuern und sein Potential auszunutzen. Zum letzteren gehören dann eine ganze Reihe von Techniken, wie etwa das Arbeitsbuch, das epistemische Schreiben oder die Mindmap.
Gelegentlich habe ich meinen Vorbehalt gegen eine jubilierende Übernahme dieses Begriffs geäußert. Unkritisch angewendet trägt er zu einer Selbstdisziplinierung der Menschen bei, zu einem Abtöten von kreativem und innovativem Potential.

Eine strukturierende Ideologie

Wir finden also eine Parallele zwischen dem religiösen Subjektivismus, aus dem Anton Reiser laut Marcuse ausbricht, und den disziplinierenden Maßnahmen, die eine Ökonomisierung des Denkens durch die Metakognition begleiten. Während der religiöse Subjektivismus nach der Sünde forscht, jagt die moderne Management- und Karriereliteratur nach der Funktionalität des menschlichen Denkens. Beides sind strukturierende Ideologien, die dem Menschen angedient werden. In gewisser Weise beerbt sogar der Begriff der Karriere den Begriff der Sünde.
Tatsächlich scheint der Begriff der Metakognition ein sehr enges Verhältnis zu Ideologie zu besitzen; es gibt in den verschiedenen Ideologien immer gewisse Menschenbilder, also ein gewisses Wissen um das Funktionieren der menschlichen Psyche, ebenso wie eine starke Aufmerksamkeit für die Leistungen einzelner Menschen innerhalb der Gemeinschaft existiert (und sei es als Zensur, die dafür aufmerksam ist, was ein Mensch nicht sagen darf). Schließlich findet man in Ideologien bestimmte ritualisierte Praktiken, bestimmte Ordnungen, die auf Handlungen und Aufzeichnungssysteme bezogen sind. Mithin sind dies die drei Bestandteile der Metakognition.

Der heimliche Lehrplan

Auffällig an diesem Zitat von Marcuse ist, dass die Metakognition vor einem ausgereiften weltlichen Denken entsteht. Die strukturierenden und disziplinierenden Maßnahmen laufen parallel zur Entdeckung der Welt. Nun hatten wir in den siebziger Jahren eine Diskussion um den heimlichen Lehrplan. Hier haben Soziologen entdeckt, dass die Schule nicht nur das offizielle Weltwissen vermittelt, sondern zugleich auch äußerst charakterprägend sein kann. In der Angst, man könne hier wieder Menschen heran erziehen, die zu den Verbrechen des Nationalsozialismus fähig seien, hat man so genannte Sekundärtugenden (Fleiß, Ordnung am Arbeitsplatz, usw.) hinterfragt und zum Teil über Bord geworfen. Was dabei gerne übersehen wurde, war, dass der Mensch sich selbst über den Umgang mit der Welt ordnet, dass er sich fortlaufend selbst diszipliniert, dass eine der wichtigsten Bereiche, in denen er sich diszipliniert, die Gemeinschaft ist. Seitdem wurde die Pädagogik aufmerksam für die Verfehlungen einer laissez faire-Erziehung, ebenso wie für die emotional verwahrlosten Kinder, die aus Elternhäusern stammen, die Kinder mehr als eine idealistische Vollständigkeit benötigen, denn aus Lust an der Fürsorge und Liebe für ein heranwachsendes Wesen.
Und umgekehrt ist die sozialistische Pädagogik, obwohl sie die bürgerlichen Werte zum Teil massiv abgelehnt hat, keineswegs ohne metakognitive Techniken ausgekommen. Im Gegenteil war die Überwachung und Disziplinierung der Schüler in Schulen aus sozialistischen Staaten wesentlich höher, als man dies aus westlichen Staaten kennt.

Die Einbildungskraft ausdifferenzieren

Doch das ganze beruht auf einem Missverhältnis: die Strukturen der Welt existieren nur als Strukturen im Kopf. Jeder Mensch konstruiert sich seine Welt nach den eigenen Bewegungen des Denkens. Dieses Denken hält sich an den Kontrasten und Oppositionen fest, die ihm von den Sinnesorganen nahegelegt werden. Ohne eine solche Strukturierung würde sich überhaupt kein komplexes Weltbild bilden; und ohne eine Ordnung des eigenen Handelns würde kein Mensch jemals etwas über seine Wirksamkeit in der Wirklichkeit erfahren.
Natürlich ist die Metakognition eine disziplinierende Maßnahme. Aber wenn es die eine Form der Metakognition nicht ist, dann übernimmt eine andere Form. Die Metakognition muss gar nicht explizit beigebracht werden; in gewisser Weise existiert sie ganz „natürlich“ in unserer Natur.
Ihr Ziel ist, so möchte ich behaupten, nicht die Ökonomisierung des Denkens; so wird sie zwar häufig, aber nicht immer dargestellt. Ihr Ziel ist vielmehr die Ausdifferenzierung der Einbildungskraft. Alle Aufzeichnungen, alle Notizen, alle Skizzen, die kleinen Kommentare, die vertraulichen Gespräche mit guten Freunden über eigene Ängste, Sorgen oder Fehlleistungen, all dies gehört in gewisser Weise zur Aufbau einer metakognitiven Kompetenz. Und auf der anderen Seite wird damit die Einbildungskraft verfeinert und die Achtsamkeit gegenüber der Welt erhöht.

Anleitung durch ein Phantasma

Was die Passage zum Anton Reiser auch noch ausmacht, ist, dass Marcuse zeigt, dass die Metakognition durch ein Phantasma, nämlich die Sünde, angeleitet wird. Die Sünde ist ein Ding, das nicht existiert. Sie ist, um es mit Kant zu sagen, eine Idee, die nur durch Beispiele illustriert wird, und die sich nicht aus der Welt durch Abstraktion ableiten lässt.

Subjektivismus und Egozentrik

In diesem Zitat stellt Marcuse dem Subjektivismus die Egozentrik gegenüber. Die Bewegung, die vom Text nahegelegt wird, ist eine aufsteigende. Mehrfach taucht die Vorsilbe ›über‹ und ›unter‹ auf. Zu dieser Opposition parallelisiert sich die Opposition ›innen‹ und ›außen‹, sowie ›oben‹/›unten‹ (was bei der ersten Opposition natürlich naheliegt). Der Mensch, sofern er unterdrückt wird, geht nicht nur in sich hinein, sondern stellt sich unter die anderen, er unterwirft sich. Und insofern der Mensch nach außen geht, erhöht er sich auch. Diese beiden parallel geführten semantischen Oppositionen finden sich recht häufig in der Doktorarbeit.

Die Emphase des Eingeengten

Die Außenwelt der Innenwelt der Außenwelt

Entlang dieser Opposition entfaltet Marcuse seine weitere Argumentation. Er wird darauf dann die große Opposition zwischen Wirklichkeit und »anderen Welten der Erfüllung« aufbauen (S. 25) und von dort aus zu einer ›erfüllenden‹ und ›nicht erfüllenden Wirklichkeit‹ übergehen. Doch zunächst unterstreicht er noch einmal emphatisch, wie die sozialen Umstände zu einer Dialektik des innen/außen führen:
„Doch wie sieht diese Wirklichkeit, nach der das Subjekt verlangt, aus? Ein Elternhaus, in dem Vater und Mutter ständig streiten und lärmen, in dem die Luft voll ist von Bußpredigten und Reue-Ermahnungen, wo Armut und Elend lasten. Die lieblos peinigende Behandlung macht in dem Knaben die Sehnsucht nach einer weiteren und schöneren Außenwelt, nach einer freien Entfaltung immer brennender: die kurzen Reisen nach dem nahen Pyrmont dünkten den Eingeengten schon eine Seligkeit. Ein inniges Bedürfnis nach Freundschaft und Gefährten verzehrt den Einsamen: aber misstrauisch und reizbar durch die Feindschaft im Elternhause, schüchtern und scheu in seiner zerrissenen Kleidung, findet er nirgends Gemeinschaft. So in der Wirklichkeit gehemmt und zurückgeschlagen, flüchtet sein reiches Gefühl in eine idealische Welt, in der es keine Enttäuschung zu fürchten hat und sich ganz entfalten kann: in die Welt der Bücher.“ (S. 24)
Innerhalb der Welt des jungen Anton existiert also bereits eine Art Außenwelt, wenn auch eine idealistische, keine pragmatische. Zwar kann man diese Unterscheidung anfechten, aber letzten Endes existiert trotzdem ein qualitativer Unterschied zwischen den verschiedenen Medien, eine ganz andere Form der Erreichbarkeit.
Der Unterschied zwischen der pragmatischen und der idealistischen Welt besteht darin, dass die idealistische Welt leicht erreichbar ist, und dass sie sich „beliebig“ gestalten lässt.

Schüchternheit

Anton Reiser muss sich als Kind entscheiden, entscheiden für eine Intensität des Denkens, für eine innere Reise, auch wenn diese innere Reise eng verflochten ist mit der äußeren Reise, wie sie in den Abenteuerromanen auftaucht, die das Kind verschlingt.
Schüchternheit ist demnach eine Verlagerung der Lebensintensität von außen nach innen. Das ist natürlich nur eine der möglichen Definitionen. Was bei Anton Reiser allerdings dazu kommt, ist eine zweite Art der Verdrehung von innen/außen: dies sind die Bußübungen und die Innenschau, also die religiöse Metakognition. Als Kind wird Anton Reiser vollständig in sich verdreht, werden innen und außen ständig vertauscht und immer wieder in Wechselwirkung gebracht.

Bußübungen und Abenteuerromane

Zwischen den Bußübungen und der Innenschau knüpft sich also ein Band der Kooperation. Es gibt verschiedene Schüchternheiten, solche, die durch Übungen gefördert und ausdifferenziert werden, die gleichsam von außen nach innen aufgenötigt werden, und die dann, weil es eine Gegenbewegung gibt („Freude am selbstständigen Ich“ (24), „wilden Hunger“ (25)), zu einer zweiten, weltlicheren Innenschau führt. Folgt man also Marcuse, dann ist die Schüchternheit ein Symptom für eine dialektische Bewegung, die auf einer feineren Ebene die Opposition innen/außen zunächst auf die eine, dann auf die entgegengesetzte Weise hierarchisiert, diese aber innerlich rekonstruiert, also innerlich bleibt, auch wenn sie von den Bußübungen zu den Abenteuerromanen geht.

Schluss

Obwohl Marcuse nur ein Teil der von mir diskutierten Literatur ausmacht, hat er doch die spannendsten Ergebnisse geliefert.
Schüchternheit ist demnach keineswegs eine Abwesenheit der Neugier, sondern eher eine Neugier, der der aktive Pol fehlt. Sicherlich: diese Antwort befriedigt mich nicht. Sie scheint verschiedene Formen zu haben, die sehr unterschiedlich betrachtet werden müssen. Soweit ich das bis jetzt überblicken kann, und dazu gehören Passagen von Nietzsche, Adorno, Barthes und Fromm, passiert bei der Schüchternheit etwas mit der Differenz innen/außen und zwar auf der Innenseite. Da Menschen sich sowieso innerlich rekonstruieren, sich ein Körperbild aufbauen und eine Theorie von dem eigenen Denken entwickeln, kann die Schüchternheit nicht auf eine Innerlichkeit der Äußerlichkeit reduziert werden. Hier muss noch etwas anderes passieren, damit ein Mensch als schüchtern wahrgenommen wird. Dies muss ich aber an anderer Stelle klären.
Insbesondere müsste ich aber den Passus zum sozial Erhabenen deutlicher einbinden. Ich denke, dass klar ist, warum ich diesen an den Beginn gesetzt habe. Eine explizite Diskussion wäre allerdings wünschenswert.