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21.07.2014

Parekbase und der verborgene Platz des Erzählers

Weiterhin lese ich im Hintergrund Murakami, insbesondere Mister Aufziehvogel. Neuerdings beschäftigt mich der Homo Faber mal wieder, aber auch die Tagebücher (ich war mit Max Frisch sowieso noch nicht fertig, sondern habe ihn typischerweise zu Gunsten anderer faszinierender Texte verlassen).
Ein ganz wichtiger Aspekt, ihr wisst es ja schon, ist für mich in den letzten Jahren die Erzählperspektive gewesen. Statt von den großen Einteilungen der Erzählperspektive (Ich, personal, auktorial) auszugehen, finde ich die Einteilung in verschiedene Erzähltypen (zum Beispiel erlebender/reflektierender Ich-Erzähler) wesentlich interessanter.

Walter Faber

In Bezug auf Max Frisch bin ich zu einem Ausgangsproblem zurückgekehrt, das in manchen Stellen von Murakami ebenfalls auftaucht. Es handelt sich, grob gesagt, um die Ironie eines Textes. Mein Erlebnis dazu war eine „Fehlinterpretation“ einer Passage aus dem Homo Faber, die ab S. 138 zu finden ist. Der Schüler, dessen Interpretation ich damals gelesen habe, hatte die Sichtweise von Walter Faber als beschränkt bezeichnet und dass er Hanna nicht verstehen würde. Die Lehrerin wollte aber partout hören, dass Walter Faber frauenfeindlich sei. Nun ist Faber nicht gerade ein differenzierter oder sensibler Mensch, wenn es um Frauen geht. Frauenfeindlichkeit allerdings ist ein weiter und auch inflationär gebrauchter Begriff. Ich konnte also die Interpretation des Schülers nachvollziehen (sie war unter anderen Aspekten nicht besonders gut, aber bei einem Schüler der neunten Klasse durchaus verzeihlich), während ich den Dogmatismus der Lehrerin überhaupt nicht verstanden habe.
Liest man sich nämlich diese 4-5 Seiten durch, ohne im Vorhinein die Rolle des (dummen) Unterdrückers und der (klugen) Unterdrückten zu verteilen, stellt man relativ schnell fest, dass sich eine eindeutige Position, wer nun besser oder schlechter zuhören kann, nicht feststellen lässt.

Parekbase

Mit Parekbase oder Parabase ist hier etwas gemeint, was man als einen um sich selbst wissenden Erzähler bezeichnen könnte: ein Autor, der sich in seine Erzählung einmischt und so die von der Fiktion erzeugte Illusion zerstört.
deMan, Paul: Die Rhetorik der Zeitlichkeit. in ders.: Die Ideologie des Ästhetischen. Frankfurt am Main 1993, S. 116
Nun gibt es verschiedene Arten, wie sich der Erzähler in die Erzählung einmischen kann. In der Kinderliteratur findet man die Einmischung des Erzählers zum Beispiel in Form von Erläuterungen, die Hintergrundinformationen liefern. So beginnt der Räuber Hotzenplotz mit folgende zwei Sätze:
Kasperl und sein Freund Seppel hatten ihr [der Großmutter] zum Geburtstag eine neue Kaffeemühle geschenkt, die hatten sie selbst erfunden. Wenn man daran kurbelte, spielte sie „Alles neu macht der Mai“, das war Großmutters Lieblingslied.
Der zweite Satz ist eine Erläuterung, die vom Autor für den Leser geliefert wird.
Die Ironie, zu deren Stilmitteln die Parekbase gehört, kennt wohl eher den umgedrehten Weg, nämlich wenn sich der Protagonist in die Arbeit des Erzählers einmischt:
Dies ist der Teich, in den ich auf Seite 314 fallen werde.
So oder ähnlich steht es in Fritz Sternbalds Wanderungen (Ludwig Tieck).

Der Erzähler und der Erzählte

Zumindest ergibt sich daraus aber ein wichtiger Aspekt, um mit Texten umzugehen. Auf der einen Seite kann man den Blickwinkel des Erzählers derart betrachten, ob er eher auf eine Person in der Erzählung konzentriert ist, oder sich an den Leser wendet. Es geht dabei also nicht um den Bruch mit der von der Fiktion erzeugten Illusion, zumindest nicht in erster Linie, sondern um die Dominanz einer der beiden zentralen Ebenen des Erzählens, der diskursiven und der narrativen Ebene.
Die andere Seite ist die, und hier handelt es sich tatsächlich um einen logischen Bruch, Bewusstheit des Erzählten (also der Person, die ihr Erzählt-werden „erleidet“) um ihr Erzählt-werden. In der romantischen Ironie spielt dieser Aspekt eine wichtige Rolle. Er gleicht dem Verfremdungseffekt von Brecht, zum Beispiel wenn sich eine Figur über den Bühnenrand hinweg an das Publikum richtet und damit das Geschehen auf der Bühne unterbricht.

Verschleierungen

Der typische Unterhaltungsroman verschleiert den Erzähler und den Willen zu erzählen. Der Leser soll sich in der Illusion des Romans verlieren, als sei dieser die Wirklichkeit. Man spricht von der »willing suspension of disbelief«, der gewollten Aufhebung des Unglaubens.
In einem ganz anderen Sinne hat mich diese Verschleierung aber auch in den letzten Tagen beschäftigt. So schreibt Judith Butler:
Weit davon entfernt, eine grundlegende Gegebenheit zu sein, stellen die Anlagen vielmehr das Ergebnis eines Prozesses dar, der darauf abzielt, seine eigene Genealogie zu verschleiern. Anders formuliert: die »Anlagen« sind die Spuren einer Geschichte zwanghafter sexueller Verbote, eine Geschichte, die nicht erzählt wird und durch die Verbote auch nicht-erzählbar gemacht werden soll. Die narrative Erklärung für den Erwerb der Geschlechtsidentität, die mit der Postulierung von Anlagen einsetzt, verschleiert genau jenen narrativen Ausgangspunkt, der die Erzählung als Selbsterweiterungs-Taktik des Verbots selbst entlarven würde. In der psychoanalytischen Erzählung bilden, fixieren und festigen sich die Anlagen durch ein Verbot, das später im Namen der Kultur auftritt, um die Störungen, die eine ungehemmte homosexuelle Besetzung hervorruft, zu unterdrücken. In dieser Erzählperspektive, die das prohibitive Gesetz als begründendes Moment der Erzählung ansetzt, bringt das Gesetz gleichzeitig die Sexualität in Gestalt der »Anlagen« hervor und taucht zu einem späteren Zeitpunkt hinterrücks wieder auf, um diese scheinbar »natürlichen« Anlagen in die kulturell akzeptablen Strukturen der exogamen Verwandtschaft zu verwandeln. Und schließlich tritt das Gesetz noch in einer dritten Funktion auf, um seine Genealogie als produktiver Faktor zu verschleiern, indem es später behauptet, es hätte das von ihm hervorgebrachte Phänomen nur kanalisiert und unterdrückt: Das Gesetz setzt sich als Prinzip logischer Kontinuität in einer durch kausale Beziehungen gekennzeichneten Erzählung, die psychische Phänomene zum Ausgangspunkt nimmt. Diese Konfiguration des Gesetzes verhindert die Möglichkeit einer radikalen Genealogie der kulturellen Ursprünge der Sexualität und Machtbeziehungen.
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, S. 102 f.
Was Butler hier schildert, ist nichts anderes als eine in die Kultur eingeflochtene selbsterfüllende Prophezeiung. Genau an diesem Punkt hat auch meine Überlegung eingesetzt: es gibt, dies müsste man allerdings genauer darstellen, eine rhetorische Verflechtung zwischen der Naturhaftigkeit und der Dinghaftigkeit der Geschlechter. Wie manche der Anti-Genderisten auf das natürliche Wesen der Frau pochen, so findet man umgekehrt eine Verdinglichung des Mannes, die als Selbst-Verdinglichung ausgewiesen wird. Es ist allerdings ein Unterschied, ob man eine solche Verdinglichung benennt oder den anderen als Ding behandelt.
Gerade diese letzte Unterscheidung kann, sofern sie nicht scharf voneinander getrennt wird, zu einer verdrehten Kausalität führen: weil der Mann von sich selbst entfremdet ist, spricht er eigentlich nicht für sich, und deshalb kann man seine Meinung auch missachten, bzw. an seiner Stelle sprechen und behaupten, was gut ist, für ihn selbst und für die Allgemeinheit. Es ist klar, dass eine solche Behauptung für den Mann in eine Sackgasse führt. Wenn er spricht, dann spricht er nicht, und wenn er nicht spricht, beweist er nur, dass er nichts zu sagen hätte.

Die Autobiografie: ein Bruch

Allerdings lässt sich die Ganzheit des eigenen Erzählens von sich selbst nicht erreichen. Judith Butler weist darauf hin, dass jede Erzählung von sich selbst eine Verdopplung bedeutet, einen doppelten Akt der Kommunikation, den Roland Barthes als diskursive und narrative Ebene angeführt hat. Sie schreibt:
Während ich an meiner Geschichte arbeite, erschaffe ich mich selbst in neuer Form, weil ich dem >Ich<, dessen vergangenes Leben ich zu erzählen versuche, ein narratives >Ich< hinzufüge. Jedes Mal, wenn es zu sprechen versucht, tritt das narrative >Ich< zu der Geschichte hinzu, weil es als Erzählperspektive wiederkehrt, und diese Hinzufügung kann in dem Moment, wo sie die fragliche Erzählung perspektivisch verankert, nicht vollständig erzählt werden.
Butler, Judith: Kritik der ethischen Gewalt, S. 56 f.
Diese Verdopplung entsteht auch, weil das narrative Ich dem erzählenden Ich vorausgeht und umgedreht nicht eingeholt werden kann.
Und hier findet sich ein anderes Merkmal der Parekbase: Sie dreht die logische Zeitlichkeit von narrativem und erzählendem Ich um, als sollte die Reflexion vor dem Erlebnis stattfinden.
Aus der Psychoanalyse kennen wir ein Symptom, das genau diese Umkehrung verwendet: die Hysterie. Der Hysteriker plant nicht sein Leben, sondern spricht so, als müsse es sich notwendigerweise so ereignen. Die Reflexion erschafft das Ereignis als ein faktisches, kann sich aber nicht darauf verlassen, dass es dann tatsächlich so eintritt.
Insofern ist die Hysterie der Autobiografie entgegengesetzt und versucht den Bruch zwischen Erlebnis und Reflexion zu heilen oder zu verschleiern.

14.10.2013

Hannah Arendt: Notizen zu Macht und Subjekt

Abgesehen davon, dass ich doch eine ganze Menge zu tun habe, beflügelt mich weiterhin Hannah Arendt. Ja, sie hat sich geradezu als ein Schmelzofen erwiesen, in dem vieles, was ich bisher nur parallel bearbeiten konnte, zusammenfließt und neue Legierungen bildet.

Machtbegriffe

Unter anderem bin ich dem Machtbegriff von Arendt eine Zeit lang gefolgt, habe gesammelt und bereits ein wenig geordnet. Arendt schreibt in Macht und Gewalt:
»Der Extremfall der Macht ist gegeben in der Konstellation: Alle gegen Einen, der Extremfall der Gewalt in der Konstellation: Einer gegen Alle.« (München 1970, Seite 43)
Arendt sieht die Macht nicht im Besitz eines einzelnen Menschen, sondern die Macht entsteht, wenn mehrere Menschen sich zusammenschließen. Um das zu illustrieren benutzt sie einen interessanten Vergleich:
»Deshalb ist die oft gehörte Behauptung, eine Handvoll unbewaffneter Extremisten sei imstande, »gewaltsam« — durch Geschrei, Spektakel, Krawall — den Abbruch starkbesuchter Vorlesungen zu erzwingen [ich erinnere daran, dass dieses Buch 1970 veröffentlicht wurde], obwohl eine große Mehrzahl für deren normale Durchführung stimmte, so irreführend. … In Wirklichkeit liegen die Dinge in solchen Fällen erheblich ernster: Die Mehrheit weigert sich einfach, von ihrer Macht Gebrauch zu machen und die Störer zu überwältigen; der akademische Betrieb bricht zusammen, weil niemand bereit ist, für den Status quo mehr zu tun als einen Finger hochzuheben. Das besagt, dass die Universitäten sehr viel mehr Studenten gegen sich haben, als man gemeinhin glaubt, und dass die militante Minderheit ein größeres Machtpotential besitzt, als die in öffentlichen Abstimmungen ermittelten Zahlen erwarten lässt. Die Mehrheit der bloßen Zuschauer, die den lautstarken Gefechten zwischen Student und Professor belustigt folgen, sind in Wirklichkeit schon die heimlichen Verbündeten der Minderheit.« (ebd., Seite 43 f.)

Gewalt und/oder Macht

Eine solche Sicht auf die Macht erscheint mir allerdings als gefährlich, auch wenn ich vielem, was Arendt in diesem und anderen Büchern sagt, sehr gut folgen kann. Warum ist dieses Beispiel so gefährlich? Weil hier die bestehende Mehrheit als die gute Mehrheit gesetzt wird. Es ist tatsächlich egal, ob ein einzelner, wenige oder viele aufstehen und protestieren. Abgeschätzt werden darf die protestierende Stimme nicht nach einer herrschenden Mehrheit sondern nach der Utopie einer Mehrheit in ihrer größtmöglichen Vielfalt.
Eine der Bruchstellen in Arendts Argumentation ist, dass die Gewalt in Macht umschlagen kann und dass Machtverhältnisse Formen der Gewalt begünstigen können. Gerade Arendt hätte das wissen müssen, denn die Macht, die durch den Zusammenschluss zu einer nationalsozialistischen Gemeinschaft entstanden ist, war nicht nur eine Macht über die Juden (und andere Andersdenkende), sondern hat an vielen Stellen auch die Gewalt gegen die Juden begünstigt, geradezu erst möglich gemacht.

Subjektivität und Macht

So scheinen Macht und Gewalt nicht als grundsätzlich politische Kategorien auf, auch wenn dieser Eindruck beim ersten Lesen von Arendts Büchern entsteht. Meine Vermutung ist, dass Arendt sich ein großes Problem einhandelt, indem sie dem Subjekt eine zu starke Identität zuspricht. Vor allem scheint sie anzunehmen, dass sich das Subjekt expressiv an einer Gemeinschaft beteiligt. Unter der hand wird hier aber einer Trennung zwischen Psychologie und Psyche auf der einen Seite und Politik und Gemeinschaft auf der anderen Seite zugearbeitet. Dieses Problem hat mich gestern beschäftigt (ich bin weiß Gott noch nicht am Ende), mit folgender Passage aus Roland Barthes' S/Z:
»Objektivität und Subjektivität sind sicherlich Kräfte, die sich eines Textes bemächtigen können, aber es sind Kräfte, die keine Affinität zu ihm haben. Subjektivität ist ein Bild der Fülle, mit der ich den Text zu belasten scheine. Die Fülle aber ist verlogen, ist nur die hinterlassene Spur aller Codes, die mich zusammensetzen, so dass meine Subjektivität letztlich etwas von der Allgemeinheit von Stereotypen hat. Die Objektivität ist genauso angefüllt, ist ein imaginäres System wie alle anderen (außer dass die Kastration dort brutaler zum Ausdruck kommt), ein Bild, das hilft, mich vorteilhafter benennen zu lassen, mich zu kennen, mich zu verkennen. Die Lektüre bringt nur dann die Risiken der Objektivität oder der Subjektivität (beide sind imaginär) mit sich, wenn man den Text als expressiven Gegenstand (der sich dem eigenen Ausdruck anbietet) definiert, der, mal lasch, mal asketisch einer Moral der Wahrheit sublimiert wird.« (Frankfurt am Main 1994, Seite 14 f.)
Was hier als Text bezeichnet wird (S/Z ist ein Buch „über“ die Interpretation von Erzählungen), habe ich durch das politische Subjekt ersetzt und damit eine Nähe zu der politischen Theorie von Hannah Arendt erzeugt. Man kann sich an dieser Ersetzung stoßen; ich erinnere aber daran, dass wir den anderen Menschen nicht in seinem Wesen lesen, sondern in seiner Oberfläche, eben, wie er uns trifft und wie wir uns durch die Wahrnehmung treffen lassen, dass der andere Mensch durch die Kleidung, die er trägt, durch die Gesten, die er ausführt, durch die Wörter, die er spricht, und durch die Themen, die er für besprechenswert hält, an jenem Sammelsurium teilhat, das wir Kultur zu nennen pflegen. Anders formuliert: der Mensch ist kein Text, aber wir nehmen ihn als einen solchen wahr.

Subjekt/Objekt-Wechsel

Das führt uns weiter zu dem Begriff der Gouvernementalität, ein Begriff, den Michel Foucault in seinen Vorlesungen Sicherheit, Territorium, Bevölkerung und Die Geburt der Biopolitik (beide Frankfurt am Main 2006) behandelt. In gewisser Weise stimmt Foucault mit Arendt überein, wenn er die Macht als eine Frage der Konstellation behandelt. Er unterscheidet sich von Arendt aber darin, dass er die Macht subjektlos denkt, also nicht dem Menschen nachträglich zugestanden, sondern dem Subjekt vorauslaufend und dieses erschaffend. Foucault schreibt:
»Die Macht gründet sich nicht auf sich selbst und geht nicht aus sich selbst hervor. Einfacher gesagt, wenn Sie wollen, es gibt keine Produktionsbeziehungen, keine zusätzlichen Produktionsbeziehungen, die nachträglich neben die, zu den Machtmechanismen hinzu kämen, um sie zu modifizieren, zu beeinflussen, konsistenter, kohärenter und stabiler zu machen. Es gibt beispielsweise keine Beziehungen des familiären Typs mit weiteren Machtmechanismen, keine sexuellen Beziehungen mit weiteren Machtmechanismen daneben, darüber usw. Die Machtmechanismen sind intrinsischer Bestandteil all dieser Beziehungen, sie umkreisen sie als deren Ursache und Wirkung [Jawohl!], …« (Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, Seite 14)
Es ist kaum verwunderlich, dass unsere Gesellschaft heute eine ganze Menge an Strategien entwickelt hat, dieses Subjekt zu naturalisieren, es wieder zurück in den Status der Person zu führen, den es im klassischen Zeitalter hatte. Und die Fratze, dass man sich selbst naturalisiert, indem man den anderen biologisiert, taucht nicht nur in all jenen Biologismen auf, die eine diffuse, aber sich wissenschaftlich gebärdende Internet-Gemeinschaft in den Frauen diagnostizieren zu können glaubt und damit, gleichsam spiegelbildlich, selbst eine naturhafte Erscheinung zu erlangen erhofft. Die Frau soll jene Sonne sein, die dem Mann im Mond das Licht spendet, das Licht der Natur, versteht sich.
Es sind aber nicht nur die Frauen, die naturalisiert werden und die Männer, die sich darüber indirekt selbst einen naturalisierten Zustand zusprechen, es passiert überall. Sei es, dass das Gehirn des Klienten für die quasi-neurophysiologischen Einflüsterungen des Coaches gefügig gemacht werden soll, sei es, dass das Kindeswohl als beruhend auf der Natur des Kindes für die Natürlichkeit von Erziehungsmaßnahmen gleich welcher Art zur Verfügung zu stehen hat.

Der Mann Moses - ein Massenphänomen

In einer Passage aus Douglas Adams Roman Das Restaurant am Ende des Universums wird dem Protagonisten eine Mahlzeit mit Rindfleisch schmackhaft zu machen versucht, vom entsprechenden Rind selbst. Das Subjekt bietet sich als Objekt an, wie die Politik als Natur. Nichts anderes konnte man neulich auf den Wahlplakaten lesen: ›Wir sind Deutschland‹, eingesperrt im Körper unserer ehemaligen und zukünftigen Bundeskanzlerin, als sei sie gerade vom Olymp herabgestiegen, um dem um das Wahlergebnis herumtanzenden Volk die frohe Botschaft zu verkünden, sie habe die Einheit der Vielfalt gefunden, sprich: die Form der Mannigfaltigkeit. Moses in der Rolle des goldenen Kalbes.

Übel und Risiko

Wie aktuell dieses Problem ist, mag man auch an dem instruktiven Artikel von Susanne Krasmann lesen, Gouvernementalität der Oberfläche (in: Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt am Main 2000), wobei ihr hier statt der kriminologischen Orientierung beliebig eine geschlechterbiologische, neurophysiologische, wahlpolitische, usw. Orientierung einsetzen könnt, um ein Stück der Wahrheit der rhetorischen Lüge zu erhaschen:
»Indem sich die Maßnahmen, begleitet von einer entsprechenden öffentlichen Rhetorik, auf besondere Problemfälle konzentrieren, impliziert dieser im strafverschärfenden Sinne »punitive« Zweig nach wie vor eine Individualisierung sozialer Probleme. Durchaus fraglich ist daher, ob die neue Pönologie tatsächlich eine »Abwendung vom Täter« markiert und als Wegbereiter einer neuen »Kriminologie der Situation« … begrüßt werden kann, die, über die täterfixierte Moderne hinweg, eine Brücke zur Tradition der neoklassischen Tatorientierung schlägt; oder ob sich nicht vielmehr die Strategien nur verschieben: von der Bekämpfung von Kriminalität zur Kontrolle von Kriminalität; von der Suche nach biografischen, soziale oder auch biologischen Hintergründen für die Erklärung von Ursachen der Kriminalität zur variablen Kalkulation diverser Risikofaktoren, um Probleme der Sicherheit zu managen. Der Täter als Begriff, als Vorstellung, Stereotyp und schließlich als Adressat konkreter Maßnahmen verschwindet dabei nicht. Eher könnte man sagen, er wird seiner Biografie beraubt, die ersetzt wird durch taxierende Risikomerkmale.« (Seite 197 f.)
Man kann zum Beispiel in der Pädagogik beobachten, dass die Armut als individuelles Schicksal mehr und mehr durch die Armut als statistisches Risiko ersetzt wird, ähnlich wie die alleinerziehende Mutter nicht mehr ein moralisches Übel für das Kind ist (das ist ja prinzipiell zu begrüßen), sondern ein Risikofaktor. Und wenn man sich die Diskussionen neulich im Internet ansieht, so hatte man das Gefühl, dass die Menschen nicht mehr politisch wählen gehen, sondern an einer Art aufgezwungener Lotterie teilnehmen, die dann zum Ausgleich mit ein wenig Spaß (= Stefan Raab et al.) garniert wird. Auch wenn man sich die Diskussionen mancher Biologisten ansieht, scheint es ein Risiko zu sein, als Frau kulturschaffend zu handeln. Risikoreich ist das deshalb, weil man sich der Gefahr aussetzt, seine Natur zu verlieren. Ebenso darf die Homosexualität sich nicht im Vergnügen gründen, sondern fußt auf einer natürlichen Streubreite unseres genetischen Materials, das den einen oder anderen Mann dann schicksalshaft trifft. Es soll ja Gene für das Tragen von Ledermonturen geben.

Eventuell: Macht als Liebe, Liebe als Macht

So können Macht und Gewalt nicht mehr als Handlungen gelesen werden, die mal vom Individuum als Individuum, mal vom Individuum in der Gemeinschaft ausgeübt werden, sondern selbst als Verteilungen von Zuweisungen, bei der ein Individuum mal ein ganzes Volk beinhaltet (die Bundeskanzlerin), mal ein Individuum nicht ganz bei sich ist und wenn, dann auf eine nicht natürliche Art und Weise (der Wiederholungstäter).
Schon in der intimen Gemeinschaft zweier Personen kann sich eine Macht im Sinne von Arendt nur dann entfalten, wenn man dem anderen eine unendliche Lesbarkeit zugesteht. Max Frisch schreibt (Romane, Erzählungen, Tagebücher, Frankfurt am Main 2008):
»Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. … Die Liebe befreit es [das Viele] aus jeglichem Bildnis.« (Seite 27)
Und es ist kein Liebender, der so etwas sagt: „Ich kenne dich besser, als du dich selbst!“ — So etwas kann nur ein Eifersüchtiger sagen; man höre das Mörderische, das in dieser Aussage enthalten ist. Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie Macht, Macht, wie Arendt sie verstand, als gelegentliches Aufscheinen in Freundschaften und Liebesbeziehungen, in kleinen Gruppen, eventuell sogar in politischen Vereinigungen; zumeist aber wird eine solche Macht durch die objektive Aneignung eines politischen Subjektes korrumpiert.

15.08.2013

Bookless. Leider immer noch keine Rezension

Neben allem anderen lese ich zur Zeit BookLess von Marah Woolf. Nein, ich lese es nicht nur, sondern ich arbeite damit. Seltsamerweise trifft es sich nämlich ganz ausgezeichnet mit anderen Büchern, die ich lese. Wer eine etwas normalere Rezension dazu von mir haben möchte, folge jetzt bitte diesem Link: Marah Woolf. Bookless.

Woran arbeite ich im Moment? An der Beziehung zwischen Parodie und Politik; Hintergrund ist der vorletzte und letzte Abschnitt in Judith Butlers Buch Das Unbehagen der Geschlechter. Der letzte Abschnitt heißt auch direkt ›Von der Parodie zur Politik‹. Von hier aus habe ich mich gefragt, ob es andere Formen der parodierenden Identität gibt als die des genders (ich bin nämlich gerne ein kleiner Macho). Unter anderem hat mich dies wieder zu Max Frisch zurückgeführt, zunächst zu einer Stelle im Homo Faber, dann aber auch zu einigen Abschnitten in seinem ersten Tagebuch. In meiner Ausgabe finden sich auf den Seiten 19-22 (überschrieben mit Café de la Terrasse), 27-29 (Du sollst dir kein Bildnis machen), 33 und 35-36 (Zur Schriftstellerei) einige recht rätselhafte (wenngleich auch wunderschöne) Texte zum Verhältnis von Bild, Erzählung, Zeit und Liebe. Ich zitiere:
Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. (27)
Was nun hat das mit Marah Woolf zu tun? Eine ganze Menge. Zunächst schreibt Max Frisch von der nicht konsumierbaren Dialektik zwischen Bild und Erzählung und nichts anderes macht ja ein Schriftsteller, indem er ein statisches Bild in seine Erzählungen überführt, oder (sehr platt und sehr technisch gesagt) einen Anfangszustand in einen Endzustand. Die Zwischenzustände bleiben günstigenfalls in der Schwebe. In einem Unterhaltungsroman heißt das dann wohl Spannung. Und genau das interessiert mich jetzt, nicht von der Unterhaltung her, sondern von meiner Fragestellung her: damit ein Roman spannend wird, muss der Autor (bzw. die Autorin) dieses Schwebende herzustellen wissen. Und, wenn man dies zu dem Zitat von Frisch zurückwendet, der Autor muss seine Figuren lieben.

Dazu fällt mir ein Aufsatz ein, den ich während meiner Studienzeit für ein Seminar gelesen habe (lesen musste). Er stammt von Gerd Mattenklott und heißt Das gefräßige Auge. An eine Passage erinnere ich mich immer noch sehr deutlich (sie war äußerst einprägend). Der Verfasser berichtet, wie er in einer Sauna eine Bekanntschaft macht und diese mit nach Hause nimmt (es handelt sich wahrscheinlich um eine Schwulensauna). Je mehr sich aber dieser bisher unbekannte Mensch bekleidet, zunächst im wörtlichen Sinne, dann aber auch mit Daten und Geschichten und Verhaltensweisen, umso mehr verschwindet der Eros des ersten Eindrucks, des nackten Daseins und macht der Agape, der reinen Liebe, Platz.
Vielleicht ist das eine der Enttäuschungen, die mich bei vielen dieser unterhaltenden Liebesromane vom Weiterlesen abhält: das sind keine Menschen, die ich lieben könnte; fast alle Frauen, die Nora Roberts beschreibt, sind mir zuwider und auch die Männer oftmals so besitzergreifend und eindimensional, dass mir selbst eine Unterhaltung mit diesen während eines Bierchens zu viel wäre. Roberts liefert Schablonen, die nacheinander abgehakt werden. Erzählen kann sie nicht (ich muss hier generalisieren, denn von den angeblich 600 Romanen, die diese Frau geschrieben hat, habe ich nur 60 gelesen). Sie scheint ihre Figuren auch nicht wirklich zu lieben. Wichtig dagegen ist ihr die versteinerte Idylle am Ende, auf die es von Beginn an hinausläuft. Nichts ist in der Schwebe. Die Schablone, die Figur als Schablone, das ist die Figur im Roman, die nicht eingekleidet werden muss, die keine Erzählung nötig hat. Sie ist der Tod jeglicher Erzählung. Sie hat auch keine Liebe nötig, nicht vom Autoren und nicht vom Leser. Und die Liebe des Autors zu seiner Figur ist ja nur ein Modell für die Liebe des Lesers zu der Figur.
Lucy, die Hauptfigur in BookLess, kann man lieben. Marah Woolf liebt sie.

All diese Ideen von mir sind noch sehr zögerlich. Die Verbindungen, die sich für mich hier herstellen, laufen über Walter Benjamin bis zu Goethe; sowohl Max Frisch als auch Christa Wolf scheinen mir fleißige Leser von Benjamin gewesen zu sein; in ihrem Buch Leibhaftig spielt Wolf direkt auf den Faust von Goethe an, und seltsamerweise scheint dies auch ein Intertext von BookLess zu sein. Zu diesem letzten Buch kann ich mich aber noch nicht äußern, da es der Beginn einer Trilogie ist. Bemerkenswert scheint mir auf jeden Fall, dass Marah Woolf zahlreiche solcher Intertexte, solcher intertextuellen Bezüge herstellt und hier eben zur Faust-Sage. Dabei ist sie aber nicht aufdringlich, auch anscheinend nicht gewollt. Es liest sich nebenher mit.

24.07.2013

seiner eigenen Seele gegenübersitzen

Es fehlt uns die Hellsicht. Zur Not, oder eher zum Spaß, finden wir sie noch im Kabarett, wo sie allabendlich die Menschen erregt, obschon keiner daran glauben will, keine Packerin, kein Rechtsanwalt; sie sitzen ihrer eigenen Seele wie einem Hokuspokus gegenüber, und wenn sie hinauskommen, kaufen sie sich das Morgenblatt, lesen das Ergebnis und wundern sich, woher es kommt —.
Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949. in ders.: Romane, Erzählungen, Tagebücher, Frankfurt am Main 2008, S. 7-358, hier: S. 22.
Frisch hat ein recht ungewöhnliches Tagebuch geführt. Ich frage mich, ob es echt ist. Jedenfalls schließt es für mich hervorragend die Lücke, zur Zeit, denn Lücken sind ja flüchtig, zwischen dem Homo Faber und der Kassandra.
Diese beiden Romane haben ein sehr ähnliches Thema. Was beim Homo Faber die Technik ist, ist in Kassandra die Waffe. Ebenso spielt das "Unverständnis", die verschiedenen Geschwindigkeiten der Affekte bei Mann und Frau, eine wichtige Rolle. Bei beiden Romanen kann man auch eine gewisse Todesverfallenheit der Protagonisten feststellen. Bei beiden steht auf der letzten Seite der Satz "Sie kommen.".
In den Tagebüchern von Frisch wird der Autor wesentlich deutlicher, was das erzählte Bild betrifft. Bilder, so scheint der Autor zu suggerieren, haben ihre "Zeitlichkeit", sprich: die Sichtweise auf sie verändert sich im Laufe der Geschichte und die Geschichte wird durch Veränderungen von Sichtweisen gekennzeichnet, die individuelle genauso wie die historische.
Wesentlich spannender allerdings finde ich die Vielfalt an Texten, an denen sich Frisch ausprobiert. Der Leser findet hier Aphorismen, Anekdoten, Erzählungen, Ergänzungen zu Erzählungen, philosophische Fragmente, Berichte, usw. Für Menschen, die gerne Kurzprosa schreiben, ist es eine Fundgrube an Vorbildern. Abgesehen davon ist der gesamte Text liebevoll lakonisch geschrieben. Wie man es eben von diesem Autor gewohnt ist.

Habe einen neuen Tag (also eigentlich: Englisch für Stichwort) eingeführt: Max Frisch.