02.01.2022

Selbstdenken

»Jeder trägt einen Prüfstein bei sich, den er nur anzuwenden braucht, um Wahrheit und Schein zu sondern.«
(J. Locke, Über den richtigen Gebrauch des Verstandes, Leipzig 1920, S. 8)
»Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt / Den leidgen Stein zum Anstoß in sich selbst.«
(Kleist, Heinrich von: Der zerbrochene Krug, Z. 5-6)

Selbstdenken bei Kant

Jüngst ist der Begriff des ›Selbstdenkens‹ wo nicht zu einem Miss-, so doch zu einem sehr einfältigen Gebrauche gekommen. Blind aber, wer per se anderen Menschen überhaupt Gedanken abspricht. Denn mit dem Selbstdenken ist nicht das Denken-können gemeint, sondern letzten Endes das Verhältnis der Gedanken zu sich selbst, zu denen anderer Menschen, schließlich der Menschheit insgesamt.
Dabei ist der Begriff nicht unschuldig, denn im ersten Moment möchte man glauben, dass es neben dem Selbstdenken auch ein Nicht-Selbstdenken gäbe. Immanuel Kant jedoch hat dazu eine ganz andere Erläuterung. Es lohnt sich, diese genauer anzuschauen. In einem Einschub in seiner Kritik der Urteilskraft, genauer: § 40, legt Kant zunächst dar, was er unter dem gemeinen, bzw. gesunden Menschenverstand versteht, um dann auf drei Maximen zu verweisen, die diesen gesunden Menschenverstand ausmachen. Wohl gemerkt handelt es sich hier um Maximen, also »praktischen Grundsätzen«; diese Feinheit lässt aufhorchen: das Selbstdenken ist demnach weder eine allgemeingültige Beschreibung, noch eine Art Begabung, die dem einen mehr, dem anderen weniger zukommt, sondern etwas, um das man sich aktiv kümmern muss.
Selbstdenken ist also nur ein Emblem; wichtiger ist die Erläuterung, die Kant dann dazu gibt.
Kant teilt zunächst den ›gemeine Menschenverstand‹ auf:
»1. Selbstdenken; 2. An der Stelle jedes andern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.« (KU 226)

Die Maxime des Selbstdenkens

Die erste Maxime, die uns hier insbesondere interessiert, führt Kant auch unter dem Begriff der vorurteilfreien Denkungsart auf. Nun ist der ganze Witz an dieser Stelle, dass uns Kant nie die Maxime direkt sagt, sondern diese nur umschreibt:
»Die erste ist die Maxime einer niemals passiven Vernunft.«
Dieser Satz lässt sich zweifach lesen, bzw. auf zweierlei Arten in eine Maxime umwandeln. Die erste ist »Denke stets aktiv« oder auch »Nutze deine Vernunft stets aktiv«; die zweite dagegen »Beachte, dass du immer (und ausschließlich) aktiv denkst« – ein passives Denken wäre demnach eine Selbsttäuschung, oder, wenn es von anderen vorgeworfen wird, eine Fremdtäuschung. Obwohl die folgenden Sätze dann zunächst die erste Lesart zu bevorzugen scheinen, wird die zweite nicht ausgeschlossen.
Kant definiert dann das Vorurteil und den Aberglaube, bevor er zur (Nicht-) Erläuterung der zweiten Maxime kommt. Er bleibt also bei seiner indirekten Definition des ›Selbstdenkens‹.

Vorurteil und Aberglaube

Das Vorurteil sei »der Hang […] zur passiven Vernunft«, also gerade nicht aktiv zu denken. Nun gibt es ein zweites Missverständnis, welches wir hinreichend klären müssen, um den Unterschied zwischen einer passiven und einer aktiven Vernunft zu verstehen. Etwas weiter unten korrigiert Kant sich nämlich und nennt die erste Maxime die Maxime des Verstandes. Der Verstand ist nun das Vermögen eines Menschen, Wahrnehmungen zu Begriffen zusammenzufassen; und auf der Rückseite bedeutet dies, dass der Verstand in der Lage ist, Einzelheiten wegzulassen, also zu abstrahieren. Erst dadurch ist es möglich, solche Begriffe zu bilden, die mehrere Objekte zu einer gleichen Menge ordnen. Der Kern dieser Tätigkeit besteht allerdings in der (durchaus naiven) Wahrnehmung alldessen, was die Sinne einem zu bieten haben.

Aktive und passive Vernunft

So gewendet bildet die aktive Vernunft auch aktiv Begriffe, während die passive Vernunft nur Begriffe von anderen übernimmt. Die passive Vernunft kümmert sich also, so lässt sich zwischen den Zeilen lesen, zu wenig um die sinnliche Wahrnehmung; dies erinnert an Kants wohl berühmtesten Satz
»Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.« (KrV A 51),
um daran anzuschließen:
»Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als, seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen).«
Damit ist dann aber eine doppelte Aufgabe bestimmt: die Begriffe zu versinnlichen, die sinnlichen Anschauungen zu verbegrifflichen.
Dadurch erklärt sich auch, warum die passive Vernunft als Quelle der Vorurteile gesehen wird: denn wenn sich die passive Vernunft weder um Veranschaulichung noch um Verbegrifflichung kümmert, entleert sie die Gedanken und wird blind für die reale, vor einem sinnlich und greifbar liegende Welt. Die Begriffe, so sie einfach übernommen werden, bezeichnen nichts mehr. Sie werden unbrauchbar. Schlimmer noch bezeichnen sie nicht mehr das, was ein Mensch durch aktives Denken erschaffen hat. Wozu ein solcher, freilich doch unangenehmer Zustand nützlich sein sollte, liefert Kant dann gleich mit:
»… indem die Blindheit, worin der Aberglaube versetzt, ja sie wohl gar als Obliegenheit fordert, das Bedürfnis, von anderen angeleitet zu werden, mithin den Zustand einer passiven Vernunft vorzüglich kenntlich macht.«

Anschaulichkeit und mediale Vermittlung

Man kann, als Zwischenhalt, festhalten, dass die mediale Vermittlung von Wirklichkeit, also Zeitungen, Fernsehen, Blogs und Video-Kanäle, trügerisch ist. Sie vermittelt uns die Wirklichkeit durch die Augen anderer, und leider auch allzu oft durch deren Rhetorik und der darin liegenden Zweckentfremdung. Zweifelsohne lässt sich die Komplexität der Welt von einem einzelnen schlecht erfassen, oder, um es mit Kant zu sagen, gibt es so viele Begriffe, dass wir uns dazu zu selten zu einer gründlichen Anschauung verhelfen können.
Gehen wir auf die aktuelle Situation zurück, so lässt sich zunächst nur sagen, dass die Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Corona nur von den wenigsten anschaulich erschlossen werden kann. Den Bürger*innen liegen im allgemeinen nur medial vermittelte Sachverhalte vor, also ›leere Gedanken‹; und dies gilt sowohl für all diejenigen, die die gravierenden Folgen von Corona-Erkrankungen leugnen, wie diejenigen, die auf sie hinweisen. Bedenkt man nun, dass es sich ja eigentlich um eine wachsende Kluft zwischen Begriff und Anschauung handelt, kommt man nicht umhin, in den verhärteten Parteien der ›Leugner‹ und ›Befürworter‹ genau jenes Auseinanderdriften wiederzufinden. –
Es ist hier nicht Sinn und Zweck, einen Ausgang aus diesem Konflikt aufzuzeigen; ganz allgemein sei aber angemerkt, dass die Gesellschaft zwei Möglichkeiten anbietet: dies ist einmal der Sachverstand, zu dem sich jeder Mensch selbst verhelfen möge, hier also das Wissen um Virologie, Epidemiologie und Evolution im allgemeinen, zum anderen das geprüfte Vertrauen. Geprüft ist ein Vertrauen dann, wenn es auf vielfältige, unterschiedliche Quellen zurückgreifen und diese sachverständig beurteilen kann, sodass die Ergebnisse der Prüfung auf jene Menschen zurückfällt, denen wir unser Vertrauen schenken oder entziehen möchten. So bleibt als Fundament nichts anderes übrig, als seinen Sachverstand zu bilden; und erst darauf kann man, zumindest vorläufig, eine Parteilichkeit begründen. Dass es derzeit oftmals umgekehrt läuft, ja dass sich dieser Konflikt durch Beleidigungen und Bedrohungen zunehmend verselbstständigt, bietet zwar alles mögliche, jedenfalls aber nicht eine vorurteilfreie Denkungsart, kein Selbstdenken.

Die erweiterte Denkungsart

Deutlicher wird das Verhältnis zwischen Selbstdenken, Begriff und Anschauung, wenn man sich die zweite Maxime vor Augen führt. Kant nennt diese die ›Maxime der erweiterten Denkungsart‹, bzw. ›Maxime der Urteilskraft‹. Nun ist ein Urteil, zumindest das philosophische, zunächst nur eine Merkmalszuweisung, wie etwa ›Die Rose ist rot.‹. Hier wird aber klar, dass das Urteil die Anschauung, hier also die Rose, im Urteil in einen Begriff umwandelt; denn gleich wie die Rose dort auch immer sein mag, das Urteil hat an ihr vieles weggelassen. Erweitert ist diese Denkungsart nun, wenn ein Mensch »sich über die subjektiven Privatbedingungen des Urteils … wegsetzt«. Dazu muss er »aus einem allgemeinen Standpunkte (den er dadurch nur bestimmen kann, dass er sich in den Standpunkt anderer versetzt) über sein eigenes Urteil reflektiert«. Dabei sollte klar sein, dass es sich hier nicht einfach nur um beliebige andere Urteile handelt, sondern um Urteile, die einen bestimmten Sachverhalt betreffen. Wer dieser Maxime nicht folgt, ist nur zu einem bornierten (also beschränkten) Urteil fähig.

Gesunder Menschenverstand

Damit kehrt Kant aber auch zu dem Beginn seines Umweges über die Denkungsarten zurück. Hier definiert er den gesunden Menschenverstand, den er auch Gemeinsinn und gemeinschaftlichen Sinn nennt. Nachdem er zunächst die vulgäre Bedeutung dieses Wortes zurückgewiesen hat, schreibt er:
»Unter dem sensus communis aber muss man die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d. i. eines Beurteilungsvermögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken … Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein Urteil zu halten, und dadurch der Illusion zu entgehen, die aus subjektiven Privatbedingungen, welche leicht für objektiv gehalten werden könnten, auf das Urteil nachteiligen Einfluss haben würde. Dies geschieht nun dadurch, dass man sein Urteil an anderer, nicht sowohl wirkliche, als vielmehr bloß mögliche Urteile hält, und sich in die Stelle jedes anderen versetzt, in dem man bloß von den Beschränkungen, die unserer eigenen Beurteilung zufälliger Weise anhängen, abstrahiert …« (KU A 155)
Kants Definition birgt nun einige Unsicherheiten. So ist das faktische Urteil eines, welches sich durch Überprüfung und Absicherung objektivieren lässt; dagegen steckt in jedem Urteil auch ein subjektiver Anteil, von dem Kant hier absehen möchte. Da sich aber viele Urteile nur bei genügend Sachverstand von ›subjektiven Privatbedingungen‹ abstrahieren lassen, bei anderen, den rein politischen Urteilen, dies sogar gar nicht möglich ist, denn hier ist die Parteilichkeit geradezu Bedingung des Urteils, kann man zwar das einfache, bornierte Urteil überwinden, den gemeinschaftlichen Sinn vollumfänglich aber nicht erreichen.

Die Mängel der ›Querdenker‹

In der Szene der so benannten ›Querdenker‹ finden sich alle die Merkmale wieder, gegen die Kant hier angeschrieben hat: ein fragloses Übernehmen von Begriffen, ohne diese durch Anschauungen genügend geprüft zu haben; oftmals findet man zwar solche Anschauungen, aber nur als Medium, sodass man eigentlich nur ein Medium ansieht, und hier noch einmal zusätzlich, und bevor man den Inhalten glaubt, dieses Medium selbst überprüfen müsste. Das ungeprüfte, und zum Teil nicht überprüfbare Medium nennt man dann üblicherweise ›Fake News‹.
Der zweite Mangel ist dann der zu enge Bereich der Urteile, die in Betracht gezogen werden. Teilweise geschieht den Urteilen genau dasselbe, wie den Begriffen: Sie werden passiv übernommen; damit gehören sie aber zum Aberglaube, dem Gegenteil der Aufklärung.

Schluss

Kants recht verstreute Ausführungen über die Denkungsarten sind natürlich wesentlich komplexer als hier dargestellt. Es ginge aber auch nicht darum, eine möglichst präzise philologische Analyse zu liefern, sondern das ›Selbstdenken‹ präziser zu fassen; damit wird das abergläubische Denken, welches sich bei den Querdenker findet, hoffentlich konstruktiver kritisierbar. Zur Parteilichkeit möchte ich hier trotzdem nicht aufrufen. Die Corona-Leugner sind zwar aus vielen Gründen politisch weder sachlich noch anständig; dass dies sich aber automatisch bei ihren Gegnern finden ließe, lässt sich daraus nicht schließen. Auch dort ist Kritik, zum Teil deutlich scharfe, angebracht. Aber es wäre eine Kritik, die sich gerade von der der Querdenker deutlich unterscheiden müsste.
Selbstdenken jedenfalls ist die aktive Konstruktion von Begriffen; es steht, im Zusammenhang mit dem ›gesunden Menschenverstand‹, nicht alleine, sondern mit zwei anderen Denkungsarten, von denen ich hier nur eine etwas weiter ausgeführt habe. Das erweiterte Urteil dagegen ist ein anhand anderer Urteile geprüftes eigenes Urteil; dieses erweiterte Urteil bedingt eine bessere Begründung, deren Kern entweder anschaulich ist (also direkt auf ein sinnliches Phänomen hinweist) oder zumindest auf hinreichend geprüfte Quellen verweist (was einer Quellenkritik bedarf).
Meinungen, die hier übrigens gerne ungebührlich hineingemischt werden, können zwar durch gut konstruierte Begriffe abgesichert werden, gehören aber nicht in die Sphäre des Selbstdenkens. Meinungen sind subjektive Einschätzungen, wie ein sozialer Sachverhalt sich auf das eigene Leben einwirkt: sie sind entweder intuitiv (unbegründet) oder rational (begründet). Eine Aussage wie »Covid ist nicht schlimmer als eine Grippe« ist keine Meinung, sondern nur die Vorbereitung einer Meinung. Sie unterliegt deshalb auch nicht der Meinungsfreiheit, sondern ihrer jeweiligen Disziplin und muss deren Gesetzen, Begriffen und Urteilen gehorchen.

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