Ungünstig ist es in unserer schnelllebigen Zeit, ein Buch zu empfehlen, das bereits zwanzig Jahre alt ist; doch gibt es Bücher, in die sich jedes Mal von neuem ein Jetzt der Erkennbarkeit einschreibt. Und nicht ganz unzufällig ist es, dass sich diese Figur nicht nur im Lesen zu erkennen gibt, sondern auch als Theoriestück von der Autorin behandelt wird.
Denn das Jetzt der Erkennbarkeit offenbart sich darin, dass sich jedes Mal, sobald man zu einem reichen, tiefen und dichten Buch zurückkehrt, eine andere Konstellation den Weg in die Erinnerung zurückweist. Aber ich gebe es zu: diese andere Konstellation habe ich mir billig erkauft. Zu lange ist es her, dass ich mich intensiv mit diesem Buch beschäftigt habe. Seitdem sind die Zwillingstürme und viele tausend Menschen durch einen feigen Terroranschlag vernichtet worden, habe ich das Studium beendet und bin dem Sohn nach Berlin gefolgt, hat Chantal Mouffe gegen die kosmopolitische Illusion geschrieben, die Schröder-Regierung die Arbeitslosenhilfe reformiert, und Jacques Derrida starb, erwarb ich die Gesamtausgabe von Kant und begeisterte und verzweifelte an dieser Lektüre; die Immobilienblase platzte, und Judith Butler schrieb über die Macht der Geschlechternormen. Ich kehrte in den Schuldienst zurück und beschäftigte mich nebenher mit dem Programmieren. Metz und Seeßlen veröffentlichten Blödmaschinen und Rahel Jaeggi Kritik von Lebensformen und Martha Nussbaum Politische Emotionen. Der Rechtsruck erreichte die deutsche Demokratie und wurde dann auch, einige Jahre später, von einer breiteren Bevölkerung wahrgenommen. Ich las Hannah Arendt.
So ist die Rückkehr zu Sigrid Weigels Monographie über Walter Benjamins theoretische Schreibweise auch eine Neuentdeckung. Sigrid Weigel, mittlerweile emeritierte Professorin, forschte und forscht über ikonische Präsenz und epistemischen Gehalt von Bildern und den Schnittstellen zwischen Psychoanalyse und Neurophysiologie. Ersteres arbeitet an den Erkenntnismöglichkeiten, die in unserer zunehmend visuellen Welt durch Bilder erzeugt werden; zweiteres greift (auch) auf die nicht ganz überraschende Erkenntnis zurück, die der Neurologe Gebhard Roth in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit äußerte: dass es zwischen der Hirnforschung und der Psychoanalyse erstaunlich viele Analogien gäbe.
Das Buch allerdings, welches mittlerweile aus dem offiziellen Verlagsprogramm heraus genommen wurde, geht in zum Teil minutiöser Lektüre den Verschiebungen sprachlicher Bilder in Walter Benjamins Gesamtwerk nach, von den Jugendschriften über die stärker an Messianismus und Ästhetik orientierten Aufsätze bis hin zu seiner materialistischen und gedächtnistheoretischen Wende; und kann dadurch die Entwicklung von Benjamins Schreibweise anhand der Verschiebung von diesen sprachlichen Bildern aber auch die Reifung der benjaminschen Theorie nachzeichnen.
Zeichnen der erste und der zweite Teil zum einen den Wandel der Gedächtnistheorie nach, zum anderen jene Leib- und Bildräume, die sich aus der literarischen Figur der Allegorie entwickeln, wird im dritten Teil auf die Gegenwärtigkeit des benjaminschen Denkens Bezug genommen.
Wie mächtig Benjamins Denken ist, mag man daran sehen, wie er die Gedächtnistheorie aus ihrer falschen Objektivität herausholt. Ohne dies je so gesagt zu haben, kann auch bei Benjamin das menschliche Gedächtnis nicht die Vergangenheit in sich hüten: das Gehirn operiert immer aktuell (Heinz von Förster). Diese neurophysiologische Erkenntnis nimmt Benjamin vorweg, indem er die Objektivität des Erinnerns anzweifelt und dem ein Jetzt der Erkennbarkeit entgegensetzt. Diese Umkehrung ist zwar nicht gänzlich neu, und durch Nietzsche, Freud und Bergson glücklich vorbereitet, doch in dieser Schärfe und Tiefe dies für die Kulturwissenschaften fruchtbar zu machen Benjamins herausragender Verdienst.
Freilich, dieses Buch, von Weigel geschrieben, zieht nur einige Fäden aus dem Volumen, welches Benjamin uns hinterlassen hat. Sie erleichtern die Lektüre des Originals ungemein. Das ist ihr Verdienst. Es ist als Monographie philosophisch, ohne selbst zu philosophieren; die Autorin zeichnet nach, fasst zusammen, erläutert und lässt Benjamin selbst sprechen.
Mit einem gewissen Unglück steht allerdings der letzte Teil da. Die Aktualität Benjamins wurde mittlerweile auf vielfache Weise weiter gewandelt. Ist das erste Kapitel des letzten Teils Michel Foucault gewidmet, so liegen seit einigen Jahren die gesammelten Schriften und die Vorlesungen der Öffentlichkeit vor; ganz zu schweigen von der immens gewachsenen Sekundärliteratur. Sie erforderten einen genaueren, besseren Vergleich.
Ebenso scheint die politische Realität Benjamin zu überholen, wenn auch in umgedrehter Richtung. Denn was Hannah Arendt 1943 schrieb, »dass die Zeitgeschichte eine neue Gattung von Menschen geschaffen hat – Menschen, die von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden«, schien zwei Jahre später für lange Zeit keine politische Option mehr zu sein; sie ist es wieder, sie wird dreist und unter dem Namen der Realpolitik diskutiert und ausgehandelt und bewerkstelligt. So wenig damals wie heute das Entsetzen integrierbar, so wenig ist Benjamin inaktuell. Dies natürlich kann das Buch nicht mehr sagen. Aber es kann ein Fundament legen, wo das Schweigen nicht mehr ausreicht, gegen die Entmenschlichung aufzustehen, ohne die Lust auf Erkenntnis aufzugeben.
06.08.2018
15.07.2018
Lacan. Eine Einführung
Man kann zu Slavoj Žižek sagen, was man will; er gehört, ob man ihm folgen möchte oder nicht, zu den vergnüglichen und scharfsinnigen Autoren. Sein Büchlein über Jacques Lacan ist darin nicht anders. Und wie viele der Philosophen, die nett zu plaudern vermögen, so wie überhaupt jedes Buch von Žižek, birgt auch dieses die Gefahr, dass die dahinterstehende Methode aus dem Blick gerät, und damit der systematische Zusammenhang, den Lacan in seinen Vorlesungen und Schriften herausarbeitet.
Mit 148 Seiten (den darumstehenden Apparat abgerechnet) ist dieses Buch natürlich zu kurz, um mehr als eine Einführung zu sein. Insofern ist es schon erstaunlich, wie viele zentrale Gedanken Žižek gleichsam im Vorübergehen vermitteln kann.
Das nutzlose Geschenk der Liebe
So erklärt Žižek zum Beispiel, warum sich Liebende eigentlich immer nur unnütze Dinge schenken: gerade weil diese Dinge nicht nützlich sind, transportieren sie in reinster Weise das Kümmern des anderen. Sie bedeuten nichts anderes als die Nichtigkeit des Zweckmäßigen. Und so sind gerade die kleinen, überflüssigen Sachen ein Zeichen dafür, dass man nichts geschenkt und nichts angenommen hat, während man zugleich alles, nämlich sich selbst, geschenkt und alles angenommen hat.
Interpassivität
Die Masse der Narzissten
Ein anderer hübscher Gedanke ist der der Interpassivität. Man tut etwas, um nichts zu tun.
Man erlebt das manchmal bei einer Schreibblockade: der Autor kann nicht weiterschreiben, er tut alle möglichen Sachen, die gerade nichts mit dem Schreiben zu tun haben. Er tut also etwas, aber es ist nicht das Schreiben. Und doch –
Das Problem dabei ist, dass sich die geheimen Vorstellungen auf ein anderes Objekt verschoben haben, weil die eigentliche Tätigkeit keine Befriedigung mehr bietet. Denn tatsächlich leben wir in einer Kultur, in der das geschriebene Wort so massenweise auftaucht, dass sie die narzisstische Stellung des Autors nicht mehr zu bedienen vermag.
Ghostwriting
Und so taucht der Ghostwriter an dieser Stelle auf. Er schreibt, was man selber nicht schreiben kann oder wozu einem das Begehren fehlt, damit man selbst etwas anderes tun kann, zum Beispiel in Urlaub fahren.
Dann darf man sich auch beklagen, dass das Ghostwriting so teuer ist und setzt die Mühen des Schreibens den Mühen des Geldverdienens entgegen. Das kann sogar soweit führen, dass man den Preis herunterzuhandeln versucht, weil der Vater ja schließlich schon das ganze Studium bezahlt habe und jetzt nicht auch noch so viel Geld für die Masterarbeit bezahlen solle. (Die Dame hat sich übrigens, laut ihren eigenen Aussagen, während des Studiums vor allem um ihr Pferd kümmern müssen. Deshalb konnte sie nicht so oft in den Seminaren sitzen.)
Fundamentalistisch sein
Die drei rhetorischen Figuren des Perversen
Žižek ist auch ein scharfer Beobachter und Kritiker radikaler Tendenzen. Dass er sich dabei des Öfteren über islamistische Fundamentalisten auslässt, hat ihm gelegentlich das Lob aus dem „rechten“ und rechtsradikalen Lager eingebracht. Dabei lässt sich die Kritik auf einfachste Weise auch auf den Rechtsradikalismus anwenden, oder auf gewisse Formen, die das Christentum derzeit wieder in den Vordergrund zu rücken scheinen.
Die Idee ist relativ einfach: der Fundamentalist ist einfach ein Perverser. Der Perverse wird nicht durch seine bizarren Praktiken definiert (tatsächlich üben nur ein kleiner Teil der Perversen solche sexuellen Tätigkeiten aus), sondern dadurch, dass er als Instrument eines höheren Willens nicht nur den direkten Zugang zur Wahrheit besitzt, sondern zu einer apokalyptischen Wahrheit (dem göttlichen Gericht).
Die rhetorischen Figuren dahinter sind einfach: zunächst ist die Realität nur eine Allegorie höherer Mächte; dann wird die Spaltung auf einseitige Weise verdoppelt: die Leugner des wahren Glaubens bestätigen diesen und so wird aus der Bejahung und Verneinung eine Bejahung als Bejahung und eine Verneinung als Bejahung; drittens aber wird der Beweis umgekehrt: das, was beabsichtigt wird, dient nun als Beweis für den eigenen, höheren Status: Nicht führt der Glaube an die Wahrheit zum Tod, sondern der (zukünftige) Tod beweist die Wahrhaftigkeit des Glaubens.
Etwas durch sich hindurch glauben lassen
Žižek begründet aber auch sehr präzise, warum der Perverse nicht selbst glaubt und noch nicht einmal wirklich „religiös“ leben muss: denn der höhere Andere glaubt durch den Perversen hindurch und legitimiert, egal was dieser tut. Ohne Frage gilt dies aber nicht nur für die eigentlichen Religionen, sondern auch für alle anderen möglichen ideologischen Systeme. Dies mag unter anderem erklären, warum gerade die Rechtsradikalen so herzlich wenig Ahnung von ihrer eigenen Kultur besitzen, und warum man zum Beispiel bei der AfD die seltsamsten, geradezu infantilen Überzeugungen findet.
Denn eine andere Sache zeichnet den Perversen, und damit den fundamentalistischen Ideologen aus: die religiösen Aussagen werden als empirische genommen. Denn obwohl man dies der sinnlichen Umwelt kaum wird abgewinnen können, scheinen diese Menschen in der Lage zu sein, das „Deutsche“ sehen und hören zu können, als würde es durch das Grün der Landschaft und dem Rauschen der Bäume direkt zu ihnen sprechen.
Lesenswert?
Eine Rezension sieht anders aus. Aber was soll ich wiederholen, was ich zum Lesen empfehle. Natürlich gibt es auch andere Bücher über Lacan, die man diesem entgegenstellen könnte. Nichts wäre einfacher als das.
Žižek spart auch alle Diagramme aus, mit denen Lacan seine Lehre illustriert hat, angefangen vom umgedrehten Zeichen bis hin zum Graphen des Begehrens. Diese sind, man kann es nicht anders sagen, für jemanden, der sich tatsächlich und ernsthaft mit Lacan auseinandersetzen will, natürlich eine Pflicht.
Aber was will man von einer Einführung anderes erwarten, als dass sie einem zentrale Aussagen in vergnüglicher Weise illustriert und ihren kritischen Wert demonstriert? Das ist Žižek nun gelungen. Und insofern macht dieses Buch auch Lust, sich intensiver mit dieser schillernden Gestalt auseinanderzusetzen.
09.06.2018
Was ist eine Proposition?
Die Proposition ist ein zentraler Begriff der kognitiven Psychologie. Im semantischen Gedächtnis bezeichnet er kleinste bedeutungstragende Einheit.
Tatsächlich geht der Begriff weit über die kognitiven Psychologie hinaus. Er bezeichnet einen ähnlichen Sachverhalt in der Logik, in der Grammatik und in der Informatik. Obwohl es hier viele Querverbindungen gibt, spielt in diesem Artikel nur der psychologischer Begriff eine Rolle.
Was aber ist eine Proposition?
Sie ist die mentale Repräsentation eines einfachen Satzes. Wenn Sie, lieber Leser, diesen Satz jetzt nicht verstanden haben, dann haben Sie noch keine Repräsentation dieses Satzes gebildet.
Das kann daran liegen, dass ein Satz Wörter enthält, die man nicht oder nur ungenau kennt. Oder ein Satz wäre in sich klar, ergibt aber im Kontext keinen Sinn. Schließlich kann der Satz schlichtweg zu lang sein.
Zu lange Sätze enthalten immer mehrere Propositionen. Muss der Leser diese mühsam auseinanderbasteln, versteht er zunächst den Sinn nicht.
Elemente der Proposition: Prädikat und Argument
Die Kognitionspsychologen gehen davon aus, dass sich ein Satz durch verschiedene Elemente im Gedächtnis abbildet. Genauer gesagt identifizieren sie zwei Typen von Elementen.
Der erste Typ ist das Prädikat. Das Prädikat existiert auch in Satz. Dort bezeichnet es das flektierte Verb. Mental ist es das Element, das die Argumente in einer bestimmten Art und Weise konstelliert und "zusammenhält".
Die Satzglieder werden in der mentale Repräsentation zu Argumenten. Jedes Satzsubjekt, jede adverbiale Bestimmung ist ein Argument. Bei dem Wort Argument sollte man sich übrigens nicht davon stören lassen, dass es in der Rhetorik eine völlig andere Bedeutung hat.
Notation von Propositionen
In der Kognitionspsychologie ist es üblich, eine Proposition ähnlich wie in der Logik zu notieren. Aus dem Satz
Cäsar schenkt Kleopatra einen Sklaven.
wird
schenken (Cäsar, Kleopatra, Sklave).
Da diese Notation Missverständnisse hervorrufen kann, fügt man zusätzlich Hinweise auf die Beziehung ein. Diese nennt man auch Kasusrolle. Das sieht dann folgendermaßen aus:
schenken (wer? Cäsar, wem? Kleopatra, was? Sklave).
Propositionen bilden die Elemente von Begriffen
Zwar sind Propositionen die kleinsten Einheiten im semantische Gedächtnis, doch stehen sie selten alleine da. Sie vernetzen sich untereinander und bilden so Begriffe.
Ein Begriff wiederum wird bestimmt als das kleinste ordnungsschaffende Werkzeug unseres Denkens. Propositionen tragen also einen bestimmten Sinn, in unserem Denken schaffen aber die Begriffe die "gute" Struktur.
Propositionen legen Handlungen nahe
Da eine Proposition ein Prädikat enthält, und da dieses Prädikat auf eine Handlung verweist, strukturieren diese unser Handeln. Allerdings kann man nicht sagen, dass sie es alleine tun. So spielen viele andere Aspekte eine Rolle, zum Beispiel zu welchen Begriff eine Proposition gehört, wie sich die Begriffe untereinander anordnen, und nicht zuletzt Emotionen und Motivationen.
Metakognition
Einer der wichtigsten Aspekte des Problemlösens und kreativen Denkens ist die Metakognition. Zu der Metakognition gehört auch, dass man sein eigenes Denken in Elemente zerlegen und es dadurch analysieren kann. Wiederum spielt die Proposition eine zentrale Rolle.
Arbeitet man an einem Problem und kommt nicht weiter, dann hilft es, die Propositionen aufzuschreiben. Einfacher gesagt ist dies nichts anderes, als dass man seine eigenen Gedanken zu Papier bringt. Meist sieht man dann sofort, wo man sich blockiert hat. Mit ein wenig Übung und Reflexionsvermögen kann man aber auch gedanklich seine eigenen Denkprozesse überprüfen und zu ähnlichen Ergebnissen kommen.
Fazit
Die Proposition spielt eine zentrale Rolle bei sinnhaften Denkprozessen. Es ist mitunter äußerst schwierig und mühsam, einzelne Propositionen im eigenen Denkprozess zu erfassen. Trotzdem lohnt es sich, diese Arbeit immer wieder zu tun. Dadurch erlangt man größere geistige Klarheit und ein reicheres Verständnis von der Welt.
Die "What if"/"Was wäre, wenn …"-Technik und ihre Tücken
Wer kreativ schreiben möchte, lernt fast automatisch die "What if"-Technik kennen. Doch wie bei jeder Schreibtechnik muss man einiges beachten.
Zunächst ist diese Technik sehr einfach. Sie besteht darin, dass man eine neue Möglichkeit unterstellt.
Beispiele für solche "Was wäre, wenn …"-Fragen (mit dem Froschkönig als Bezug) sind:
- Was wäre, wenn der Froschkönig einen üblen Plan verfolgt?
- Was wäre, wenn die goldenen Kugel nicht einfach nur eine goldene Kugel ist?
- Was wäre, wenn die Prinzessin selbst ziemlich hinterhältig ist?
Wie man an dieser Technik scheitert
Autoren haben häufig das Problem, dass sie die "Was wäre, wenn …"-Technik auf zu große oder zu abstrakte Themen anwendet.
Fragen wie "Was wäre, wenn ein Werwolf sich in einer Allergikerin verliebt?" (ein zugegeben dummes Beispiel) lösen meist nicht ein viel wesentlicheres Problem, nämlich dass vielen Autoren die Fähigkeit zu einer konkreten und lebendigen Schilderung fehlt.
Für diese Autoren wird es häufig schwierig, aus dieser Technik sinnvolle, d.h. ergebnisorientierte Schreibprozesse zu entwickeln.
Wie man mit dieser Technik Erfolg hat
Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man sich den Übergang zu eigenen Geschichten erleichtert.
Die erste Möglichkeit besteht ganz simpel darin, dass man die "Was wäre, wenn …"-Technik auf die eigene Lebenssituation anwendet. Beispiele:
- Was wäre, wenn meine Freundin Therapeutin werden möchte?
- Was wäre, wenn mein Nachbar Trompete spielen würde?
- Was wäre, wenn meine Mutter unangemeldet zu Besuch kommt?
- Was wäre, wenn Oskar Matzerath Flöte gespielt hätte?
- Was wäre, wenn Bella (aus Twilight) Marxistin wäre?
- Was wäre, wenn in Hogwarts auch Lesen und Schreiben unterrichtet hätte werden müssen?
Viele Fragen stellen
Die allerwichtigste Regel aber ist, dass man möglichst viele Fragen stellt, je mehr, desto besser.
Der Philosoph Edmund Husserl bezeichnet die Fantasie als Variation des Faktischen. Eine Vorlage ist also unbedingt notwendig. Zugleich bedeutet Variation, dass möglichst viele verschiedene, abweichende Betrachtungsweisen ins Spiel gebracht werden.
Dabei ist die Fantasie keine mystische Begabung, sondern eine Kompetenz. Kompetenzen lassen sich automatisieren, und deshalb ist auch die Fantasie eine Sache, die man zuerst einüben muss, und die nach einiger Zeit dann ganz automatisch abläuft.
Je mehr Sie eine Technik wie die "Was wäre, wenn …"-Technik einüben, umso mehr drängt sich diese Ihrem Denken auf und umso weniger müssen Sie sich anstrengen.
Nichts anderes propagiert der amerikanische Denktrainer Edward de Bono, wenn er das Erzeugen von Alternativen in den Mittelpunkt bestimmter Denktechniken stellt. Auch beim Problemlösen, wie die Kognitionswissenschaft es untersuchen, spielt diese Art der Fantasie eine wichtige Rolle. Sie wird vor allem unter dem Stichwort 'Analogien bilden' abgehandelt.
Fazit
Die "Was wäre, wenn …"-Technik muss tatsächlich als eine der Grundtechniken des kreativen Schreibens angesehen werden. Durch eine angemessenere Handhabung als dem wildem Herumprobieren kommt man rasch zu guten Ergebnissen.
Was ist individuelle Förderung?
Individuelle Förderung ist für die meisten Schulen verpflichtend. Doch wenn sie überhaupt umgesetzt wird, dann zu oft als Ausgleich von Defiziten.
Schulen und Lehrer haben eine ganze Menge Probleme im Alltag.
Die Sündenbockfunktion von Lehrern ist bekannt. Spätestens seit PISA aber erhöht sich der soziale und politische Druck auf Lehrer. Häufig wird von ihnen eine Unmenge an Kompetenzen abverlangt, die die Fordernden selbst nur zu einem kleinen Teil erfüllen können.
Eine dieser Kompetenzen ist die individuelle Förderung.
Förderung als Ausgleich von Defiziten
Altbekannt und am häufigsten praktiziert wird die Förderung, die Lerndefizite der Schüler ausgleichen soll. Ebenso alt ist die Kritik an dieser Art der Förderung. Und manchmal bleibt Verhaftetsein in der altbekannten defizitorientierten Förderung und dem Proklamieren einer völlig anderen Art des Förderns in einer kruden Widersprüchlichkeit nebeneinander bestehen.
Dies kann man an Lernentwicklungsplänen sehen, die sich deutlich von einer defizitären Förderung abheben wollen, und dann doch damit anfangen, aufzuzählen, was ein Schüler alles nicht kann.
Förderung und die Blindheit für Entwicklungen
Man trifft aber auch Gegenbeispiele. Der Lehrer (oder die Erzieherin) findet alles ganz toll. Alles kreativ, produktiv, supi, klasse, toll.
So viel Lob unterscheidet sich kaum von einem Schlag ins Gesicht.
Wenn Kinder auf die Welt kommen, orientieren sie sich an Problemen. Das Gehirn ist so strukturiert, dass es nicht nur mit Problemen umgehen kann, sondern sie geradezu sucht. Kinder erfahren also von Anfang an, dass sie nicht einfach nur super sind. Sicher, Kinder wollen geliebt werden und wenn möglich ohne Wenn und Aber. Wer aber Probleme schlichtweg leugnet, leugnet auch die Entwicklungserfahrung der Kinder und damit einen wesentlichen Bestandteil ihrer Identität.
Aus der Erfahrung mit Strategien des Mobbings weiß man, dass eine wichtige Strategie das Verleugnen von Entwicklungen, problematischen Entscheidungen, Problemen und Irrtümern ist. Dann muss man sich fragen, ob dieses bedingungslose Gutfinden des Kindes tatsächlich etwas anderes ist als Mobbing.
Und man kann gleich eine Frage an dieses Problem dran hängen: ist die Defizitorientierung, wie viele Schüler an den Tag legen, nicht doch eher eine Problemorientierung, die wir Erwachsenen nicht richtig wahrzunehmen gelernt haben?
Was aber kann dann individuelle Förderung sein?
Individuelle Förderung hängt von individuellen Entwicklungen ab. Individuelle Entwicklungen, man sollte meinen, dass dies selbstverständlich ist, sind vor allem psychische Entwicklungen und hier vorrangig dann die kognitiven, da diese am raschesten ablaufen. Natürlich darf man emotionale und motivationale Entwicklungen deshalb nicht für geringer erachten.
Trotzdem ergibt sich allein aus der Geschwindigkeit der kognitiven Entwicklung das Primat der individuellen kognitiven Förderung.
Dabei sollte man noch einen zweiten Punkt unbedingt beachten: ein Fehler (zum Beispiel ein Rechtschreibfehler) orientiert sich immer an einer sozialen Norm. Eine defizitorientierte Diagnose kann gar nicht individuell fördern, weil die Voraussetzung, aus der diese Diagnose entstanden ist, viel zu abstrakt gehalten ist.
Daraus ergibt sich eine zweite wesentliche Regel der individuellen Förderung: es werden keine Normen oder Normhandlungen gefördert, sondern Denkstrukturen.
Das Problem der Denkstrukturen
Denkstrukturen haben allerdings das Problem, dass sie sich nicht direkt beobachten lassen. Man kann sie nur in die Kinder hineininterpretieren, mit mehr oder weniger Sensibilität.
Hier kommt die Entwicklungspsychologie ins Spiel. Entwicklungspsychologen erforschen seit über 100 Jahren auch (und man kann sagen vorrangig) die kognitive Entwicklung. Auch wenn die Ergebnisse immer mit Vorsicht behandelt werden sollten, kann hier die Theorie sowohl Entwicklungsgesetze, als auch typische Abfolgen erklären.
Dabei ist die Theorie das eine. Zum anderen muss man lernen, diese idealtypischen inneren Entwicklungen aus dem Verhalten der Kinder zu erschließen. Diese andere Seite der Entwicklungspsychologie, die konkrete sinnliche Erfahrungen damit, ist die wesentlich anspruchsvollere Seite.
Man kann dies auch an der "Verwurstung" von Jean Piaget sehen: es gibt bei Piaget vier große Stufen der geistigen Entwicklung. Zu diesen geht er Altersstufen an. Nun wird Piaget häufig so verwendet, als wäre ein Kind mit zwei Jahren zwangsläufig in der entsprechenden geistigen Phase. Doch genau das ist ein Irrtum. Diese Altersangaben sind wie Fähnchen, wie ein Landvermesser in die Landschaft steckt. Die eigentliche Stufe der geistigen Entwicklung leitet sich aus kognitiven Funktionen ab. Piaget begründet, warum bestimmte geistige Leistungen zuerst entwickelt werden müssen, damit andere geistige Leistungen überhaupt eine Grundlage haben, auf der sie entstehen können.
Summa summarum kann man dann postulieren, dass man anhand der Entwicklungspsychologie in etwa sagen kann, wo ein Schüler im Moment steht, und was in nächster Zeit von ihm zu erwarten ist. Darauf kann man dann die Förderung aufbauen, ohne sich an Defiziten zu orientieren oder Problemorientierungen zu vernachlässigen.
Fazit
Folgt man diesen Gedankengängen, dann ist eine gute entwicklungspsychologische Ausbildung für Lehrer (aber auch für Eltern) dringend notwendig.
Deutsch - ein integrales Fach
Deutsch gilt als schöngeistig, wenn es um Literatur geht, als lästige Pflicht, wenn es um Rechtschreibung geht. Dabei mischt sich Sprache überall ein.
Mathias ist Systemadministrator. Seit Jahren programmiert er besonders gerne in Java. Java ist eine objektorientierte Programmiersprache.
Der "Satzbau" von Java sieht folgendermaßen aus:
MeinKuchen.mische (Mehl, Eier, Zucker, Salz, Öl, Wasser);
Ausflug ins objektorientierte Programmieren
"MeinKuchen" gilt dabei als Instanz eines Objektes. Ein Objekt in Java legt fest, welche Eigenschaften und welche Funktionen ein Objekt hat. Eine Instanz ist ein konkretes Objekt. Das kann man sich gut an einem konkreten Beispiel vorstellen: man kann eine ganze Menge Kuchen backen, die alle ähnlich sind. Das entspricht den Objekten. Aber wenn man einen Kuchen backt, kann man nur diesen einen Kuchen backen. Das ist die Instanz.
Damit ein ordentlicher Kuchen entsteht, müssen Handlungen ausgeführt werden. Das entspricht in Java den Funktionen. "MeinKuchen.mische" heißt also nichts anderes, als dass die Zutaten zu einem konkreten Kuchen gemischt werden. Eine Funktion in Java entspricht einem aktiven Verb im Satz.
Schließlich stehen hinter einer Funktion Argumente. Damit werden Variablen, Konstanten oder Instanzen bezeichnet, die "MeinKuchen" braucht, um die Funktion "mische" auszuführen. Mathias hat für sein Objekt "Kuchen" festgelegt, dass beim Mischen Mehl, Eier, Zucker, und so weiter verwendet werden sollen. Benutzt er jetzt eine konkrete Instanz, muss er dieser, wie im richtigen Leben, die richtigen Zutaten in Form von Argumenten mitgeben.
Propositionen - die Grundlage der Rhetorik
Mathias wohnt in Brüssel. Weit entfernt, in Berlin, sitzt sein jüngerer Bruder Stefan über Gedichten von der österreichischen Lyrikerin Friederike Mayröcker. Stefan ist Deutschlehrer. Er möchte mit seinen Schülern expressionistische Prosa besprechen und bereitet sich darauf penibel vor. Um die Gedichte rhetorisch zu erfassen, erarbeitet er sich zunächst ein Grundgerüst. Für das Gedicht März notiert er:
tanzen (mein grünes Herz, an der Innenseite der Regenbogen) sich niederlassen (die Möven meines Verstandes) sein (du, manchmal, perlgrau) sein (du, versunken) …
Was Stefan hier notiert, nennt man Propositionen. Propositionen sind formale Aufzeichnungen von Sätzen. Zu Beginn einer solchen steht ein Verb in der Grundform. In den Klammern dahinter finden sich die Satzteile, die man dann Argumente nennt.
Hätte Stefan statt einfach nur "tanzen" "März.tanzen" geschrieben, hätte seine Gedichtsanalyse so ausgesehen:
März.tanzen (mein grünes Herz, an der Innenseite der Regenbogen)
Damit ist er schon fast beim objektorientierten Programmieren. Im Unterschied zu Java-Objekten ist die lyrische Sprache nicht auf einen funktionellen Aufbau bedacht, jedenfalls nicht in dieser Weise.
Trotzdem wird deutlich, was eine Gedichtinterpretation mit der Programmierung in Java zu tun hat. Expressionistische Lyrik kann Inhalt der elften Klassenstufe sein. Programmieren in Java schreiben die meisten Lehrpläne vor.
Textmuster
Ein weiteres Thema, in denen naturwissenschaftliche Fächer und Deutsch eng ineinander verzahnt sind, sind Textmuster.
Textmuster bilden sich entlang spezifischer fachlicher Anforderungen aus. So hat die Dokumentation eines Experimentes typischerweise die Beschreibung eines Aufbaus, die Beschreibung der Durchführung und die Erörterung des Ergebnisses (plus einigen weiteren Textmustern). Eine Dokumentation ist also eine spezifische Anordnung verschiedener Textmuster und Textinhalte.
Aber auch Dramen oder Romane eines bestimmten Genres haben typische Abfolgen. Bei vielen Krimis findet man die Abfolge Spuren erkunden (Beschreibung des Tatorts) - Spuren verfolgen (Verknüpfung des Tatorts/Mordopfers mit der sozialen Situation) - Gelegenheiten erkunden (Ausschluss von Möglichkeiten, wer die Tat begangen haben könnte). In Textmustern sähe die Abfolge so aus: Beschreibung - Interpretation - Erörterung. Das ist natürlich eine idealisierte Darstellung.
Trotzdem beruhen wissenschaftliche und fiktive Texte auf gleichen Prinzipien. Man muss sie nur genügend abstrahieren.
Sinnentnehmendes Lesen
Ein weiteres leidliches Thema ist das sinnentnehmende Lesen.
Je wissenschaftlicher naturwissenschaftlicher Unterricht wird, umso textlastiger ist er. Dabei arbeitet nicht nur der Deutschunterricht den naturwissenschaftlichen Fächern zu. Umgedreht wird auch die sprachliche Bildung zu einem Lernziel der Naturwissenschaften.
Scheuer, Kleffken und Ahlborn-Gockel von der Technischen Universität Dortmund schreiben:
"'Sprache als Gegenstand des Nachdenkens und als Mittel, die Welt und sich selbst zu verstehen und sich mit anderen zu verständigen' … nimmt bei der erfolgreichen Bewältigung des Alltags und des Bildungsweges eine Schlüsselrolle ein, …" Mit dem Modellprojekt "Kinder als Forscher und Entdecker - Ein neuer Weg der Sprachförderung" wird die Sprache als ein zentrales Werkzeug naturwissenschaftlichen Denkens "zurückerobert".
Fazit
Inhalte von Sprach- und Literaturwissenschaften sind von naturwissenschaftlichen Inhalten nicht zu trennen.
Hier stehen aber nicht nur die Lehrer in der Pflicht. Der Sinn dieser Verbindung muss gesamtgesellschaftlich getragen werden. Dabei spielen Eltern eine prägende Rolle.
Literatur:
- Scheuer, Rupert/Kleffken, Brigitta/Ahlborn-Gockel, Sabine: Experimentieren als neuer Weg der Sprachförderung. Verknüpfung naturwissenschaftlicher und sprachlicher Bildung. in Höttecke, Dietmar (Hrsg.): Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens zwischen Phänomen und Systematik. Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik, Jahrestagung in Dresden 2009. Berlin 2010, S. 248-251.
27.05.2018
In Kürze
Zeit zum Schreiben? Ja, aber wenig bis gar keine Zeit, es dann für die Veröffentlichung zu überarbeiten.
Was ich mache, gemacht habe? Einen Kanban-Kurs. Kanban ist auch als Solo wunderbar. Kleine, konkrete Ziele setzen, wie man dies Tag für Tag in der Schule macht. Nur ist es im privaten Bereich etwas entspannter.
Einen Scrum-Kurs. Spannend, und erinnert ein wenig an die Montessori-Pädagogik (jedenfalls mehr als an die alltägliche Schulpraxis).
Dann noch: Python, insbesondere itertools und functools, numpy und pandas. Letzteres wieder über einen Kurs, den ich aber durch ausgiebige Ausflüge in die Dokumentationen anreichere. Auch dafür habe ich eigentlich keine Zeit. - Tant pis!
13.05.2018
Von beunruhigender Vieldeutigkeit
Eigentlich wollte ich, schon in den Osterferien, ein paar Notizen zu Heine ordnen und veröffentlichen. Daraus wurde nichts. Auch heute noch nicht. Ich habe viel, viel zu viel zu tun. Und das, obwohl mir die Schule gerade eine ganze Menge an Brückentagen beschert, bzw. verlängerten Wochenenden: drei innerhalb von vier Wochen.
Schema Z (oder L)
Tatsächlich habe ich aber auch an Lacan gearbeitet. Jacques Lacan hat in den fünfziger Jahren ein Schema ausgearbeitet, welches bei mir lange Zeit unter Schema Z gelaufen ist, welches ich jetzt aber auch als Schema L identifiziert habe. Und sofern ich mich in meinen Kommentaren nicht trüge, wird es bei jedem Interpreten anders gedeutet. Das ist unschön.
Nun, nicht ganz. Jede Interpretation hat etwas für sich, aber man läuft eben doch in Gefahr, dass man, wenn man sich einfach nur auf eine Interpretation bezieht, bei all jenen, die andere Bücher gelesen haben, Unverständnis hervorruft.
Ein Doppelgänger
Zentral bei meiner damaligen Arbeit war die erste Ballade aus Traumbilder, eines der ganz frühen Werke Heinrich Heines, genauer Traumbilder II. Diese ist aufgebaut wie ein Märchen, mit einer dreimaligen Prüfung und sich wiederholenden Dialogen (mit minimalen Änderungen).
Die ›wunderschöne, süße Maid‹ erinnert durchgehend an einen „schrecklichen Doppelgänger“; ihre Verquickung mit dem Tod wird schon in der „Rahmenerzählung“ angedeutet: „Ein Traum, gar seltsam schauerlich, / Ergötzte und erschreckte mich.“ (Zeilen 1+2)
Erzähltechnisch haben wir es hier aber auch mit einer Ankündigung zu tun, die in der letzten Zeile des Gedichts (Zeile 88) durch das „und bin erwacht“ abgeschlossen wird, also mit einer klassischen Technik des Spannungsaufbaus. Zum Spannungsaufbau gehört auch die dreimalige Prüfung.
Spiegelstadium und Ideal in der Sprache
Aus der lacanschen Psychoanalyse kennen wir die Folgen des Spiegelstadiums. Hier empfängt der Säugling vor dem Spiegel sein eigenes Bild als ein äußerliches. Von Anfang an gehört also das Selbstbild nicht dem Säugling selbst, sondern der Kultur und ihren Apparaturen. Dies führt, entlang dieser kulturellen Matrix, zu einer Wandlung des Selbstbildes in den technologischen Umfeldern.
Nun gibt es eine zweite Art und Weise des Subjekts, nach seiner Vollständigkeit und Einheitlichkeit zu haschen: diese besteht darin, jenes Wort zu finden, das ganz und gar für sich selbst steht und doch „das Richtige“ bedeutet. Damit wendet sich das Subjekt der Sprache zu, bzw. der sprachlichen Ordnung, die es aber nur sprechend durchmessen kann. Die Struktur der Sprache wird in der sprachlichen Handlung erfahren, aber nicht überblickt. So ist die sprachliche Ordnung für das Subjekt fragmentiert. Und sie ist umso mehr fragmentiert, als dem Sprechenden bewusst wird, dass die Sprache ein abstraktes Schema, das Sprechen aber eine konkrete Handlung ist.
Idylle und Schaum
Heine zeichnet nun dieses Erwachen aus einer Idylle („Blumenland“, Zeile 17) in starken Bildern nach. Das Statische und Statuenhafte der einleitenden Verse gerät rasch in Bewegung und wird zweimal durch die Verse „Und als sie dies gesprochen kaum, / Zerfloss das ganze Bild, wie Schaum. –“ (Zeilen 35/36, 59/60) abrupt unterbrochen, um sofort wieder anzusetzen (gleich einem Wiederholungszwang).
Nun mag ich nicht weiter auf all die Bezüge in Heines Gedicht eingehen. Aber schon diese eingeflochtene Formel hat es „in sich“: ist sie doch auf der einen Seite ein Verweis auf eine umgedrehte Geburt der Venus, die hier eben nicht dem Schaum entsteigt, sondern in ihn zurückkehrt. Und auf der anderen Seite greift dieser Vers die damals wohl hervorragend bekannte Mär der Undine auf, die aus Kummer über die unerwiderte Liebe zu Schaum zerfließt.
Eine Beunruhigung
So weit, so gut. Ein wenig hatte ich gehofft, aus meinen ersten Notizen samt Lacan eine festere, klarer strukturierte Interpretation erstellen zu können. Es ist mir nicht gelungen. Ob dies nun nur der stippvisitenartigen Arbeitsweise, meinem nun fast schon tragischen Unverständnis für Lacan oder aber der realen Vieldeutigkeit des Textes geschuldet ist, mag ich gar nicht entscheiden. Jedenfalls ist die Vieldeutigkeit beunruhigend.
01.05.2018
Schwarzes Buch
Ich gebe zu, ich bin verfallen. Einem Buch, das ich zwar schon seit einiger Zeit besitze, aber erst heute beginnen konnte. Es ist ein schwarzes, depressives Buch, aber zugleich eine kluge, in Halbsätzen doch auch mutmachende Analyse. Gemeint ist Der Rechtsruck. Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels von Markus Metz und Georg Seeßlen, denen wir bereits so schöne düstere Bücher wie Blödmaschinen und Freiheit und Kontrolle verdanken.
Besonders frappant finde ich die Aussagen zum Umkippen sogenannter Linksintellektueller in Rechtsintellektuelle, wie etwa bei Jürgen Elsässer oder Jean Ziegler. Tatsächlich, und da gebe ich den beiden Autoren durchaus sehr recht, hat sich innerhalb des liberalen Milieus ein Dogmatismus ausgebreitet, der eine feindliche Übernahme gar nicht mehr nötig machte. Auch der Gedanke, dass das linke bürgerliche Milieu sich mehr um Identitätspolitik als um Solidarität über die Grenzen verschiedener Lebenswelten hinweg gekümmert habe, kann ich gut nachvollziehen. Auch die Universitäten sind längst in die innere Emigration und die äußere Abgrenzung gegangen: symptomatisch dafür, dass ich lesen durfte, dass die geschlechtersensible Sprache wenigstens an den Universitäten durchgesetzt sei und das sei ja die Hauptsache. Auch so wird eine tolerante, auf Dialog bedachte Umgangsweise durch zunehmend verhärtete Strukturen aufgefressen.
Dass der Konservatismus sich heute nicht einmal mehr die Mühe gibt, zumindest öffentlich das Volk in den Mittelpunkt zu stellen, kann man an solchen Horrorgestalten wie einen Jens Spahn sehen. Die AfD gibt sich ja gelegentlich zumindest noch die Mühe, ihren neoliberalen Ausverkauf in faschistisch-rassistisch-völkisches Kasperletheater zu verkleiden.
Kann man also das Buch empfehlen? Nein, natürlich nicht. Es ist zu gut, zu klar, zu gelassen. Man kann sich seinen Argumenten nicht entziehen. Und um des lieben, eigenen Seelenfriedens willen sollte man die Finger davon lassen. Wer sich dagegen über die Zerwürfnisse der Demokratie informieren möchte, dem seien diese Seiten wiederum ans Herz gelegt.
Ich lese auch: oder würde gerne lesen:
Slavoj Zizek: Lacan. Eine Einführung
Dietrich Eggert: Raum-Zeit-Inventar
Letzteres trägt den sperrigen Untertitel: der Entwicklung der räumlichen und zeitlichen Dimension bei Kindern im Vorschul- und Grundschulalter und deren Bedeutung für den Erwerb der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen.
23.04.2018
Grundmuster wiederholen
Der Weg durch die Mathematikdidaktik hat mich noch einmal darin bestärkt, dass eine wesentliche Komponente eines glücklichen Denkens das Üben und das Wiederholen ist. Schüler erlernen den Zahlenraum, indem sie immer wieder ähnliche Aufgaben durcharbeiten. Dabei muss man Kant Recht geben, dass die mathematischen Begriffe vor allem Anweisungen zur Konstruktion von Sachverhalten sind. Vielleicht mag das dem einen oder anderen seltsam vorkommen, aber mathematische Begriffe sind höchst künstlerische, zugleich aber eben auch höchst künstliche Begriffe.
Mangas zeichnen
Meine Klasse steht zurzeit total darauf, Mangas zu zeichnen. Allerdings ist die Luft auch schon wieder halbwegs draußen. Denn es ist alles andere als einfach, auch nur eine kurze Geschichte zu entwerfen. Meist mühen sich die Kinder noch mit den Grundlagen des Zeichnens ab.
Dass ich selbst in gewisser Weise ein verhinderter Zeichner bin, habe ich, glaube ich, noch nicht gesagt. Jedenfalls besitze ich eine ganze Menge Bücher zum Zeichnen und Malen. Und einen Teil dieser Bücher habe ich dann meiner Klasse mitgebracht. Nun werden die Kinder darüber nicht unbedingt besser zeichnen lernen (manche jedoch schon). Alleine der didaktische Wert dieser Bücher ist allerdings enorm.
In einem Buch steht zum Beispiel sehr ausdrücklich, man solle unendlich oft üben. Das ist eine Sache, die ich meinen Schülern in fast jedem Unterricht „predige“. Ohne Übung läuft gar nichts.
Und um hier noch einmal meinen guten Jérôme Bruner herbeizuzitieren: durch die Überautomatisierung wird das interpretierte Muster zu einem interpretierenden. Irgendwann sehe ich die mathematischen Formeln in die Umwelt hinein, ohne mir Mühe geben zu müssen. Und irgendwann sehe ich die Möglichkeiten von Manga-Figuren und -geschichten in der Umwelt, ohne mich dafür zu entscheiden.
Vielfältige Muster
Der Vorteil vielfältiger Muster, vor allem jener Muster, die man intensiv geübt hat, besteht darin, dass sie die Umwelt anreichern und immer bunter und farbiger machen.
Es lohnt sich also, seine kleine Bibliothek mit Mustern zu pflegen, seien es wissenschaftliche Modelle, esoterische Erklärungen (die auf der Ebene der Zeichentheorie sich von wissenschaftlichen Modellen kaum unterscheiden), seien es Bewegungsabläufe (wie beim Tanzen oder beim Dribbling) oder visuelle Gestalten (von den geometrischen Grundgestalten bis hin zu hochkodierten Formen, wie sie zum Beispiel im Chibi-Manga üblich sind).
Der eine oder andere Schüler hat sich dann doch dazu hinreißen lassen, bestimmte grundlegende Formen mehr als einmal zu üben und an der Ausführung zu feilen. Das einfache Zeichnen eines Kreises wird plötzlich zur Herausforderung.
Probleme durch geübte Augen
Ein anderes Problem, über das meine Schüler stolpern, ist, dass sie relativ kompetent darin sind, Fehler in visuellen Medien zu erkennen. Leider erkennen sie auch ihre eigenen Fehler allzu gut. Und da hier eine recht große Lücke zwischen der Fähigkeit zur Beurteilung und der Ausführung klafft, entmutigen sich die Schüler fast automatisch selbst.
Da ich es als sehr angenehm empfinde, dass die Schüler sich auch im Zeichnen intensiv üben, muss ich mir natürlich Strategien der Ermutigung überlegen.
Fertig stellen
Eine andere Sache ist der „Biss“. Ich setze meinen Schülern als Ziel, ihre Zeichnungen zu vollenden. Ich bin zwar nicht unbedingt streng, aber „meckere“ schon herum, wenn eine Zeichnung auf der Hälfte des Weges abgebrochen wird. Ein Werk muss „vollendet“ werden, auch wenn man auf halbem Wege schon weiß, dass das Ergebnis nicht gut sein wird.
Hintergrund dieser Forderung ist, dass die weitere Ausarbeitung die Fehler klarer konturiert. Auf der einen Seite wird dadurch deutlicher, was der Schüler noch nicht kann, und auf der anderen Seite wird der Fehler kleiner, bearbeitbarer. Am Ende einer Zeichnung kann sich ein Schüler eine Liste anlegen, was er alles noch zu üben hat.
Manchmal ist das für die Kinder harter Tobak. Manchmal sind sie direkt verzweifelt. Dann kann ich immer nur aus eigener Erfahrung berichten, mit wie viel Tränen und Wut ich durch den Kurs Technisches Zeichnen während meiner Lehrzeit gegangen bin. Mein Ausbilder war völlig unempathisch und auch recht unpädagogisch. Hat eine Zeichnung Fehler aufgewiesen, hat er diese zerrissen. Dann musste man ganz von vorne anfangen. So schlimm treibe ich es bei weitem nicht. Mittlerweile kann ich aber in gewisser Weise diese Härte wertschätzen. Übernehmen muss ich sie allerdings nicht. Es gibt andere, sanftere Strategien.
Unendlich oft
Zweimal habe ich es jetzt in verschiedenen Lehrkursen zum Manga gelesen: Übe unendlich oft. So weit würde ich gehen. So weit geht niemand. Irgendwann muss man sein Werk präsentieren. Doch vorher sollte man eben, so oft es geht, geübt haben. Beim Zeichnen die Grundformen, den Kreis, das Quadrat, die Proportion. In der Mathematik das Erkennen von Mengen, ihre Aufteilung, die Übersetzung zwischen den verschiedenen Medien. In der deutschen Sprache sind es die Wortarten, der Satzbau, wie Satzglieder. Und wenn man in die Interpretation geht, bezieht sich alles auf die Grundformen des semantischen Gedächtnisses, das Image, das Skript, der Begriff, das Wortfeld.
16.04.2018
Gender? Klappt doch!
Das gefühlt hunderttausendste Video gegen den imaginierten gender-Wahnsinn wurde vor ein paar Tagen von zwei adretten jungen Leuten veröffentlicht. Dieses Video war allerdings nicht nur sachlich peinlich. Und so gab es, glücklicherweise, scharfe Kritiken.
Auch ich habe dazu etwas geschrieben. Ich mag es hier noch einmal zitieren, samt einem sehr freundlichen Einwand und meine Antwort darauf.
Bildungsziel leider verfehlt
So könnte man mein Fazit zu diesem Video zusammenfassen. Ich schrieb also:
Das Video wird schon da unsinnig, wenn Gender als das persönlich empfundene Geschlecht definiert wird. Und über den Rest muss man gar nicht reden. Auch in der Gender-Theorie kann man nicht heute ein Mann und morgen eine Frau sein. Eins kann man sich aber auch nicht aussuchen: wer wie diese beiden heute solch einen ideologischen Unsinn erzählt, wird morgen auch nicht intelligenter reden.
Daraufhin fragte ein gewisser Johnny Blunck folgendes, bzw. gab folgendes zu bedenken:
Ist das so? In der Linguistik bezeichnet das Wort gender zunächst im Englischen den Genus bzw. das grammatikalische Geschlecht – d.h. die Unterscheidung zwischen weiblich, männlich und sächlich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert.
Tatsächlich ist dieser Einwand kein wirklicher Einwand gegen das, was ich geschrieben habe, aber zeigt doch auf eine Unschärfe in meinen Sätzen, die berechtigt, hier nachzuhaken. Ich habe mich also darauf hin etwas ausführlicher ausgelassen:
Nun, meine Antwort darauf war tatsächlich unterkomplex. Erstens gibt es nicht die Gender-Theorie. Die Ansätze konkurrieren gelegentlich sehr stark in der wissenschaftlichen Basis, so wie Judith Butler sich relativ stark auf Foucault und damit indirekt auf Kant bezieht, während Luce Irigaray eine relativ stark an Lacan orientierte Position einnimmt. Martha Nussbaum wieder argumentiert sehr dicht am amerikanischen Pragmatismus. Zweitens wird sehr häufig (und darin gehen Butler, Irigaray und Nussbaum konform) von einer kulturellen Konstellation ausgegangen, in die die Menschen eingebettet sind. Diese übersteigt die Wahlfreiheit des Individuums, so dass von einer Wahl des Geschlechts keine Rede sein kann. Aber eben auch nicht von einem einfachen Verhältnis zur Biologie. Man kann, vereinfacht gesagt, zum Beispiel in der Diskursanalyse davon ausgehen, dass ein Mensch durch all die Sätze definiert wird, die sich auf ihn beziehen. Dazu gehören sehr weit gefasste Sätze (Die Würde des Menschen ist unantastbar.) oder sehr individuelle (Kannst du morgen etwas früher aufstehen?). Geschlechtsspezifisch sind die Sätze dann, wenn sie sich direkt oder indirekt auf das (vermeintliche) Geschlecht beziehen. Es geht nun zum Beispiel darum, dass die allgemeinen Sätze (Frauen sind eher emotional.) weniger Einfluss auf die individuelle Teilhabe bekommen und dass die individuelle Teilhabe auf Augenhöhe und nicht durch ein vorgeprägtes Machtgefälle stattfinden kann. Dabei sollte aber auch klar sein, dass dieses "weniger Einfluss" ein gradueller Aspekt ist. Erstens kann kein einzelner Mensch alle Aussagen über sich kontrollieren. Zweitens sprechen auch konservativere, nicht-feministische Denker - etwa Sloterdijk - von einer zweiten, sozialen Geburt des Menschen durch die Sprache (oder das Sprechen). Der soziale Mensch kann, so einer der Gedanken dabei, nicht hinter seine Geburt zurück, auch nicht hinter seine soziale Geburt; er / sie ist gezwungen, das Besprochen-werden durch ein Mit-Sprechen zu ergänzen. Gelassenheit wäre die eigentlich richtige Haltung bei diesem Thema. Mich macht allerdings ziemlich sauer, dass sich hier Menschen hinstellen, die anscheinend noch nicht einmal in der Lage sind, eine Verordnung richtig zu lesen, und sich zu Moralaposteln und Rettern des Abendlandes aufspielen. Natürlich muss man die Gender-Theorien weiterhin kritisieren dürfen, natürlich auch deren Umsetzung. Aber dann sollte das Ganze doch auf Fakten basiert sein und ein gewisses Maß an Intelligenz bereitstellen. Ständig gegen dieselben Dummheiten argumentieren zu müssen ist doch langweilig.
Gewaltfreie Kommunikation
Ich gebe zu,dass die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg bei mir ein etwas schwieriges Thema ist. Kennengelernt habe ich diese in einer Situation, die für mich beruflich recht anstrengend war. Und dort über eine Frau, die ihre Sätze nicht zu Ende bringen konnte. Sie hat sozusagen nur halbe Sätze geäußert, mit denen sie ein sinnvolles Ganzes angekündigt hat, aber dann nie dazu gekommen ist. Ich kann das gar nicht nachmachen. Vielleicht ahnt ihr aber, dass mich dieser Mensch innerhalb kürzester Zeit zur Weißglut getrieben hat.
Eine zweite Erfahrung habe ich dann in einem Seminar, einer Fortbildung gesammelt. Auch diese war nicht glücklich. Wir haben, glaube ich, ziemlich aneinander vorbeigeredet. Allerdings, so muss ich sagen, fand ich das nun nicht so schlimm, da ich deutlich in anderen Welten gelebt habe, als die anderen drei Teilnehmer. Dann ist in einer solch kurzen Zeit von anderthalb Stunden auch schlecht ein Brückenbau möglich.
Bedürfnis und Strategie
Die gewaltfreie Kommunikation stellt mit ihrem Modell von Bedürfnis und Strategie eine recht alte Figur in einen neuen begrifflichen Zusammenhang, ohne damit wirklich etwas Neues zu sagen. Das Bedürfnis ist stärker psychologisch und zum Teil auch biologisch, während die Strategien erlernt sind. Das Verhältnis zwischen ihnen ist weder notwendig noch beliebig. Der Fachbegriff dafür lautet: er ist kontingent.
Damit hat die Strategie, mit der ein Mensch sein Bedürfnis erfüllt, keinen Signalcharakter. Ein Signal muss nur zugeordnet werden, während die Strategie interpretiert werden muss. Interpretation bedeutet an dieser Stelle, dass weitere Einflüsse bedacht und überprüft werden.
Der Zusammenhang, der hier vorgestellt wird, ist natürlich kein neuer. So hat zum Beispiel Sigmund Freud das Verhältnis zwischen Trieb und Triebobjekt gedacht: der Trieb heftet sich mit seiner Energie an ein Triebobjekt, kann sich von diesem aber auch wieder lösen, wenn ein anderes, scheinbar günstigeres Objekt auftaucht. Das Verhältnis zwischen beiden muss zwar notwendig existieren (jeder Trieb hat notwendig ein oder mehrere Objekte), aber nicht notwendigerweise so.
Gerade lese ich von Gottfried Orth und Hilde Fritz das Buch Gewaltfreie Kommunikation in der Schule (Paderborn 2013), und auch wenn mich die Theorie nicht hinreißt, bin ich doch von der Praxis recht angetan und war den ganzen Tag am Kommentieren, neben all den anderen Sachen, die ich getan habe.
Und was ich sonst noch tue
Gestern waren wir im Garten. Heute habe ich mich mit den Vera 3-Arbeiten beschäftigt, diese ein wenig quer kommentiert, verschiedene Filme und Arbeitsblätter zu Steinzeit-Menschen angesehen, einige Lehrvideos bearbeitet, Lernhefte zusammengestellt (ohne eins wirklich fertigzumachen), gezeichnet, E-Mails geschrieben, usw. Kein arbeitsfreier Sonntag, sondern ein arbeitsreicher. Loben wird mich dafür wohl niemand. Aber so ist das eben.
Außerdem habe ich in Slavoj Žižeks Buch Der Mut der Hoffnungslosigkeit weiter gelesen, aber nur zwei kurze Unterkapitel. Mehr Zeit war gar nicht.
09.04.2018
Beschämung
Meine Arbeitsweise kennt ihr ja. Ich habe sie häufig genug geschildert. Im Moment lese ich gar nicht neue Bücher, sondern vor allem meine Aufzeichnungen aus den letzten Monaten, die sich mal strenger, mal lose insbesondere um die Mathematikdidaktik reihen. Die Fächer Deutsch (Sachaufgaben), Informatik (Algorithmen und Datenstrukturen) und Kunst (Modellieren und Visualisieren) fügen sich darin ein.
Begonnen habe ich allerdings auch, Die Maske der Scham von Leon Wurmser endlich mal wieder zu lesen. Fast dreißig Jahre ist es nun her, dass ich dieses Buch durchkommentiert habe, eine viel zu lange Zeit.
In einem anderen Kontext (André Zimpel: Einander helfen. Der Weg zur inklusiven Lernkultur) habe ich, mit Verweis auf Wurmsers Buch, folgenden Kommentar verfasst (das muss im April 2015 gewesen sein):
Beschämung
Offensichtlich hat die Beschämung einen ungünstigen Effekt auf Zielsetzungen, Hoffnungen oder das Wollen. Was aber verursacht hier das Entstehen einer Schwelle oder eines Bruchs, den wir dann Beschämung nennen können?
Zunächst kann man hier auf eine Bewegung in der Bedeutung verweisen: die Beschämung zeigt deutlich auf ein moralisches Gefälle entlang der innen/außen-Differenz. Dies ist natürlich nur ein semantischer Effekt; er muss weitere Wirkungen nach sich ziehen.
Jedenfalls steht bei dieser innen/außen-Differenz eine veränderte Ökonomie entlang der Veräußerlichung des Schaffenden vor Augen. Dies kann sich auch auf Lernziele und die Entwicklung des Willens auswirken. Die Beschämung greift sozusagen von Anfang an in das Mitmachen und Sich-Befehlen-lassen ein und schafft einen eigenen, aber unbewussten, also gespaltenen und schlecht kontrollierbaren „Zweitwillen“.
Mit anderen Worten entwickelt der beschämte Mensch einen hintergründigen Willen, einen anderen Willen zu simulieren. Der simulierte Wille scheint so etwas wie eine Verschleierung zu sein. Aus meiner Erfahrung stammen Schamgefühle häufig aus einer verletzten Körpergrenze, einer Entblößung oder Entstellung. Dieser verborgene, konfliktlos gewordene Zweitwillen arbeitet dann daran, eine Oberfläche aufrechtzuerhalten, die für weitere Verletzungen oder Entblößung „zu glatt“ ist. Der Konflikt, so scheint die Fantasie der Beschenkten zu sein, gleitet an dieser glatten Oberfläche ab, ohne sie zu durchstoßen.
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