31.07.2017

Einige Anmerkungen zur Kompetenz

Kompetenz ist ein zentraler Begriff der neuen Lehrpläne, zumindest der Lehrpläne in Hamburg, Brandenburg und Berlin. Im Alltag wird er häufig alleine genutzt, vorwissenschaftlich, wie man gelegentlich sagt. In der Wissenschaft dagegen werden Theorien benutzt. Ein wichtiger Bestandteil von Theorien sind aufeinander abgestimmte Begriffe. Der Kompetenzbegriff kann also nicht für sich alleine stehen.

Stufen der Beobachtbarkeit

Jede Wissenschaft beruht auf beobachtbaren Tatsachen. In Fällen, in denen diese nicht angegeben werden, etwa bei Spekulationen, muss zumindest der Hinweis vorhanden sein, wie man etwas beobachtbar machen könnte. Selbstverständlich bedeutet Beobachtung in diesem Sinne jegliche Art von Sinnlichkeit, nicht nur die visuelle.
Der Kompetenzbegriff lässt sich nun nach Stufen der Beobachtbarkeit gliedern. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Kompetenz nämlich nicht beobachtbar, sondern nur die Performanz. Als Performanz wird das Ausüben einer Tätigkeit verstanden; kann eine Tätigkeit regelmäßig, unabhängig vom Umfeld oder sogar unter widrigen Umständen durchgeführt werden, kann man auf eine hohe Kompetenz schließen. Die Kompetenz ist dabei nur indirekt beobachtbar.

Psychologische und neurologische Raster

Die Kompetenz beruht wiederum, so die Spekulation, auf psychologischen Eigenschaften. Die Einteilung dieser psychologischen Eigenschaften ist zum Teil historisch, zum Teil von der Disziplin bestimmt. Merkfähigkeit ist zum Beispiel eine solche Eigenschaft, oder Kreativität, Beobachtungsgenauigkeit und Abstraktionsvermögen. Abgesehen davon, dass die Begriffe für sich selbst strittig sind, gibt es auch sehr unterschiedliche Zusammenstellungen dafür, welche Eigenschaften einen Menschen „definieren“.
Durch die Neurologie und die zunehmend präziser werdende Hirnforschung hat sich unterhalb der psychologischen Eigenschaften ein zweites Raster ausgebildet: dieses orientiert sich nicht mehr an den Kompetenzen, bzw. an zuverlässigen Performanzen, sondern an den funktionellen Teilen des Gehirns. Man kann zum Beispiel das Gehirn durch die unterschiedlichen Gewebearten, zudem durch die unterschiedliche Ansteuerung während einer Handlung aufgliedern. Dadurch kommt man, bei aller Vorsicht, zu einer recht sicheren Kartierung der organischen Basis des Denkens. Zwar ist diese Kartierung seit dem 18. Jahrhundert mehrfach und umfassend überarbeitet worden, aber insgesamt kann man doch sagen, dass bei vielen psychologischen Eigenschaften zahlreiche Hirnregionen zusammenarbeiten.
Bei der weiteren Aufschlüsselung von Kompetenzen in Bezug auf daran beteiligten Hirnregionen werden die psychologischen Kategorien unterlaufen und neurologisch/biologisch unterfüttert.

Lesefähigkeit

Zur Lesefähigkeit gehört zum Beispiel das sinnentnehmende Lesen. Dies bezeichnet eine Kompetenz. Der Lehrer in der Schule überprüft die Performanz, indem er die Kinder Fragen zum Text beantworten lässt, eine Zusammenfassung schreiben lässt, eine sinnvolle Fortführung des Textes schreiben oder die Kinder zum Beispiel über ein Verhalten einer Figur im Text diskutieren lässt.
Aus einer gewissen Differenziertheit der Ergebnisse kann der Lehrer nun auf die Kompetenz schließen. Dabei muss er selbstverständlich beachten, dass nicht jede Aufgabe zu einer gleichen Performanz aufruft. Die Aufgabenstellung wirkt also direkt darauf ein, was dem Schüler zu zeigen ermöglicht wird.
Hinter der Performanz des sinnentnehmenden Lesens findet man zum Beispiel die Vorstellungsbildung. Ein Text wird dann genauer erfasst, wenn der Schüler in der Lage ist, sich dazu passende begleitende Vorstellungen zu machen.
Von der neurologischen Seite aus spielen dabei zahlreiche Komponenten eine Rolle, insbesondere viele Gedächtnisanteile. So ist jedes Objekt, welches bei der Vorstellung eine Rolle spielt, mehr oder weniger streng an ein Bild gebunden. Im Gehirn entwickeln sich Muster, die entweder starr in ein größeres Muster eingebunden, oder locker in diesem verfügbar sind. Je mehr sich jemand mit einem bestimmten Muster beschäftigt hat, umso eher wird er es in andere Vorstellungen einbauen können. Dem Vorstellungsvermögen auf der psychologischen Ebene entspricht die Flexibilität der Muster auf der neurologischen.

Langsame Wertungen

Abgesehen davon, dass die Aufteilung auf den einzelnen Ebenen eher durch Vorlieben und theoretischen Traditionen geprägt ist, lässt sich zudem die Trennung zwischen den Ebenen nur spekulativ vollziehen; so wird das ganze System unsicher. Bedenkt man auf der anderen Seite, wie abhängig eine Performanz von der Situation ist, aber auch davon, ob andere Menschen überhaupt eine Tätigkeit in ihrer Qualität zu würdigen wissen, verliert der Kompetenzbegriff seine heroische Eindeutigkeit.
Als Lehrer hat man nicht nur die Aufgabe, Kompetenzen zu diagnostizieren, sondern dem Schüler auch zu ermöglichen, diese Kompetenzen zu zeigen. Es ist kaum möglich, sämtliche Bedingungen für eine erfolgreiche Performanz und eine hinreichende Kompetenz zu kennen, geschweige denn in einer Lernsituation zu beobachten. Wer sich also an die Diagnose von Kompetenzen macht, tut gut daran, mit seinen Wertungen langsam vorzugehen.

Der Computer als Medium im informatischen Unterricht

Wenn man sich mit Computern im Unterricht beschäftigt, bzw. eigentlich mit dem, was man informationstechnische Grundbildung nennt, stößt man auf eine ganze Menge von Angeboten, wie diese Sichtweise verfeinert und kategorisiert werden kann. Wer nicht vom Fach ist, der sei daran erinnert, dass es im Deutsch-Unterricht ebenfalls mehrere Fächer gibt, so etwa die formell-materielle Seite der Wörter (die Rechtschreibung also) oder die Sprachreflexion (zu der die Grammatik gehört), usw.
Ein hartnäckiges Problem bleibt der Medienbegriff. Mal ist der Apparat das Medium, mal die Art und Weise der Darstellung, mal die Struktur der Darstellung, und auch hier lässt sich unbefangen ein Usw. anhängen.

Vier Aspekte der Nutzung von Computern

Ich habe mich zunächst auf die Benutzung von Computern beschränkt, um hier meinen eigenen Zugang zu finden. Damit bleiben alle Betrachtungen der Hardware außen vor. So wäre zum Beispiel wichtig, zum Verständnis von Computern diese zu öffnen und so den Kindern einen Einblick ins Innere zu gewähren. Dies könnte man zum Beispiel im Rahmen einer Reinigung des Computers machen. Doch soweit will ich hier nicht gehen.

Der Computer als virtueller Raum

Eine der häufigsten Forderungen zur Computernutzung betrifft Lernsoftware. Diese stellt zu unterschiedlichsten Themen Programme bereit, mit denen Schüler etwas lernen können. So gut die Lernsoftware auch sein mag, als Inhalt für den informationstechnischen Unterricht bleibt sie zwiespältig. Denn rein inhaltlich kann mit solcher Software sowohl Rechtschreibung, Beeinflussungen und Abhängigkeiten in einem Ökosystem, und allerlei andere Sachen gelernt werden. Gerade Lernsoftware lebt davon, das Medium unsichtbar zu machen.
Natürlich gelingt dies nicht vollständig. Immer noch müssen die Kinder wissen, was man mit einer Maus anfangen kann, was Buttons (oder Knöpfe) auf einem Bildschirm bedeuten, und wie man eine solche Software startet. Doch das Lernen in Bezug auf den Informatikunterricht ist begrenzt. Er stellt einen indirekten Lernaspekt gegenüber dem thematischen und direkten Lernaspekt dar.

Der Computer als Werkzeug

Einen direkteren Zugang bieten all jene Programme, mit denen man etwas produzieren kann. Dazu gehören Textverarbeitungsprogramme oder Programme zur Bildbearbeitung. Im Unterschied zur Lernsoftware wird hier die enge Führung aufgegeben. Es gibt am Ende kein feststehendes Produkt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten. Insbesondere muss der Benutzer selbst planen. Und wenn ein solches Programm im Unterricht zum Einsatz kommt, muss der Lehrer das Produkt vorgeben und den Weg dorthin strukturieren (natürlich abhängig von der Selbstständigkeit der Schüler und dem Lernziel des Unterrichts).
Die offenere Nutzung stellt den Werkzeugcharakter eines Programms stärker in den Mittelpunkt und damit die Funktionsweise des Programms.
Wenn man nun fragt, was genau dies mit der informationstechnischen Bildung zu tun hat, dann sei daran erinnert, was ein Programmierer eigentlich macht. Programmierer sind zuallererst keine Programmierer, sondern Menschen, die Arbeitsabläufe mithilfe von Computern automatisieren. Als erster Schritt steht deshalb die Analyse von Arbeitsprozessen im Mittelpunkt. Erst daraus werden dann Modelle entwickelt, die zu einer Software führen. Das war eigentlich schon immer so; aber erst in den letzten 15 Jahren wird dieser Aspekt auch in der Theorie und der Darstellung der Praxis prominent behandelt. Bei größeren Teams kann es allerdings passieren, dass ein Programmierer tatsächlich nicht für die Analyse zuständig ist, sondern während seiner ganzen Arbeitszeit mit dem Schreiben von Code beschäftigt ist.
Wer anhand von Werkzeug-Programmen ein Produkt erstellt, erhält zwar in diese Analyse noch keine Einsicht, aber geht zumindest mit dem sichtbaren Ergebnis dieser Analyse um. Und damit gewinnt er (und sie) zumindest ein gewisses Gefühl dafür, wie sich Arbeitsabläufe vom Programmierer aus einteilen lassen.

Der Computer als Informationsmedium

Programmierer automatisieren nicht nur bestimmte Arbeitsabläufe, sie abstrahieren auch Datensätze. Ein Datensatz ist zunächst, auch wenn dies merkwürdig klingt, jegliches sinnliche Phänomen. Die Abstraktion besteht nun darin, solche Sinnlichkeiten nach wichtig/unwichtig einzuteilen. Diese Einteilung verläuft natürlich nach den Ergebnissen, die man erzielen möchte. Jedenfalls ist es jedem Medium eigen, von Daten zu abstrahieren; so wie ein Foto von der Dreidimensionalität abstrahiert, aber auch von allen sinnlichen Kanälen, ausgenommen dem visuellen.
Informationen werden ebenfalls abstrahiert. Sie sind sowohl Ergebnis als auch Ursache von Abstraktionen. Man kann sich über die Qualität der Information bei Wikipedia, oder, besser noch, auf Facebook und Twitter, trefflich streiten. Tatsache ist, dass kein Medium ohne Abstraktion funktioniert.
Zunächst helfen Informationsmedien bei der Auswahl und der Steuerung von Handlungen. Darin bleibt auch die abstrakteste Information merkwürdig konkret.
Die Abstraktion gerät immer dann deutlich in den Blick, wenn sie für das Ergebnis hinderlich wird, zum Beispiel bei der Verpixelung von Bildern oder fehlenden Schriftsätzen bei Textverarbeitungsprogrammen – oder beim präzisen Einfügen von Bildern in einen Fließtext, also dann, wenn der Benutzer weiß, dass dies prinzipiell möglich ist, aber die Schrittfolgen nicht kennt.
Sehr generell lässt sich also sagen, dass Computer so indirekt der Initiierung und Steuerung von Handlungen dienen, indem sie Informationen anbieten, die idealerweise genügend Entscheidungsspielraum, aber auch genügend Orientierung bieten.

Der Computer als Programmiermöglichkeit

Am direktesten wird die Arbeitsweise von Software beim Programmieren erfasst. Zwar gibt es Hilfsprogramme, die einem das Programmieren auf zahlreiche Weisen erleichtern. Trotzdem spielen hier alle Aspekte des Programmierens eine prominente Rolle, vom Planen der Automatisierung über die Auswahl der relevanten Daten und deren Veränderung, bis hin zu zentralen Themen des Programmierens, etwa der Bildung von Algorithmen und der Verteilung von Aufgaben in einer Systemarchitektur.

Einteilung des Computereinsatzes

Insgesamt ist es schwierig, aus diesen einzelnen Beispielen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Eine wichtige Rolle spielt allerdings die Mittelbarkeit. Bei Lernprogrammen ist das Programm selbst nur ein Mittel für etwas ganz anderes, während beim (Erlernen vom) Programmieren das Programm zum Zweck wird.
Sehr ähnlich gelagert ist die Aufteilung in einen direkten und einen indirekten Lernaspekt. In der Lernsoftware muss der Computer nur soweit beherrscht werden, damit das Programm laufen kann. Das Thema ist ein anderes (zum Beispiel Englisch-Vokabeln). Beim Programmieren ist dieses selbst das Thema. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede: jede höhere Programmiersprache entfernt sich von der ursprünglichen Maschinensprache. Sie ist, in Bezug auf die grundlegende Steuerung, eine Vereinfachung, Zusammenfassung und „Abstraktion“.

Abschließend: Wertneutralität

Diese Betrachtung entfernt sich von der pädagogischen Situation, vor allem aber von den Benutzern. Um einen Computer zu bedienen, müssen die Benutzer bestimmte kognitive Voraussetzungen mitbringen. Auch dies lässt sich bei einer Analyse der Medien herausarbeiten. Er wird allerdings häufig vergessen, manchmal mit dem Argument, dass die Kinder doch sowieso schon zahlreiche Erfahrungen mit Computern hätten. Das ist natürlich richtig, aber nicht der springende Punkt. Denn für den Pädagogen bleibt wichtig, welche Kompetenzen wann und wie genutzt werden.
Dies führt uns auf einen anderen Weg. Und dazu müsste ich wesentlich genauer betrachten, was zum Beispiel beim Programmieren passiert. Vor allem aber müssten wir uns noch einmal um den Kompetenzbegriff bemühen. Dies sei an einem anderen Gebiet erläutert:
Gerade wird im Internet wieder über den Feminismus gestritten, vor allem über die Frage, ob Frauen bei gleicher Kompetenz benachteiligt werden. Bleibt man innerhalb des Systems, dann kann man diese Frage eindeutig mit Ja beantworten: Ja, Frauen werden benachteiligt. Allerdings, und das ist mein Kritikpunkt, hängt ein solcher Kompetenzbegriff immer an Privilegien. Und ob man nun die Gesellschaft prinzipiell für so veränderbar hält, dass es auch eine Kompetenz ohne Privilegien gibt, oder ob man dies bestreitet: in der Wissenschaft muss man zwischen diesen beiden Aspekten streng scheiden, denn der eine Anteil ist ein neurologischer, der andere ein politischer. Damit ist der eine Begriff „wertfrei“, bzw. von Werten getragen, die den naturwissenschaftlichen Gepflogenheiten gehorchen, der andere dagegen kann gar nicht wertneutral gedacht werden.
Dass diese Einteilung immer noch höchst problematisch bleibt, sieht man schon daran, dass die Wissenschaft selbst ein historisches Phänomen ist. Auf dem Weg zu einer solchen Neutralität hat sie durchaus viel erreicht; dass sie ohne ideologische Kontaminierung existiert, wird man dagegen nicht behaupten können. Das gilt nicht nur für den Feminismus, sondern auch für die Pädagogik.

29.07.2017

Liebes Tomcat,

würdest du bitte dann laufen, wenn ich dich dringend brauche? und nicht, wie heute, erst, nachdem der ganze Zauber und die Terminabgabe vorbei ist?

München ist bunt, oder: Inhalt statt Hintergrund, oder: Neuerdings bin ich Spießer; außerdem: Jan Fleischhauer

Man dürfte, man sollte eigentlich, ja, eigentlich ... wenn da nicht ein Jan Fleischhauer wäre, und eine ganze Bande grölender Nazis. Die Sache ist schnell erklärt. Letztes Jahr trafen sich Pegida-Anhänger in einem italienischen Restaurant. Darauf zeigten sich Politiker eifrig, dem Wirt zu erklären, dass er keine Pegida-Anhänger bewirten müsse. Wieder andere Menschen besprühten das Lokal - ich weiß nicht wie oft - mit dem ach so klugen Spruch "Nazis verpisst euch!" Angeblich seien deshalb die Umsätze eingebrochen. So oder so, dem Wirt wurde jetzt gekündigt; der Vermieter, eine Brauerei, sprach von hohen Außenständen als Grund.

Das braune Netz weiß es mal wieder besser

Natürlich gibt es diese ganz unangenehmen Menschen, die die Nazi-Keule herausholen. Da erinnere ich mich doch nur zu gerne, wie ich bei einer Buchdiskussion von einem Teilnehmer mit den Worten unterbrochen wurde, ich müsse doch an Auschwitz denken. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum dieses Argument an dieser Stelle damals zählte. Es stand völlig aus dem Zusammenhang gerissen da. Zumindest für mich.
Bei der Sachlage in München kann ich nur konstatieren, dass die Berichte kein eindeutiges Bild hergeben. Was seine Bewirtung der Pegida-"Spaziergänger" angeht, nun, so ist der Wirt nicht für die Dummheiten anderer Leute verantwortlich. Dass die Pegida vom Verfassungsschutz überwacht wird, heißt noch nicht, dass Hinz und Kunz sich verfassungswidrig verhalten, wenn sie mit diesen Umgang haben. Das ist die eine Seite. Ob dagegen, andererseits, die Negativwerbung für das Ende des Restaurants verantwortlich ist, lässt sich auch nicht so sagen. Nicht, wie es die Berichte hergeben. Es sei denn, man glaubt den rechten Hetzern von Compact. Es mag also sein, dass der Bezirksamtsmann eine Unbedachtheit begangen hat; einen systematischen Willen kann ich nicht entdecken. Die hetzerische Eindeutigkeit ist wohl die pikante Zutat, die dem Unmut des Wirts den Geschmack der Lächerlichkeit hinzufügt.

Ein Bild sagt mehr (oder weniger) als tausend Worte

Garniert wird in rechten Medien, und so auch bei Jan Fleischhauer, der Artikel mit einem Bild, das wohl nur für Eingeweihte mit der Schließung des Lokals zu tun hat. Es existiert in verschiedenen Varianten, jeweils aber ist der Schriftzug zu lesen: München ist bunt. Bei Fleischhauer findet sich noch darunter die Bildunterschrift: Protest gegen Fremdenfeindlichkeit.
Erklärt wird diese mystische Kombination damit, dass der Wirt wirtschaftlich überlebt hätte, wenn er die Nazis oder Möchtegern-Nazis oder Pegida-"Spaziergänger" weiterhin verköstigt hätte. Weil ihm aber insbesondere von einem Beauftragten des Bezirksamtes Druck gemacht worden wäre, so der Wirt, sei sein Ruf geschädigt worden. Weil also Münchner gegen Fremdenfeindlichkeit protestierten, sei, ja, aber was? Der Bezirksbeauftragte ermutigt worden, oder wie? Man weiß es nicht so ganz genau. Hier klafft eine Lücke.

Fleischhauer auf allerlei Wegen

Nun beschwert Fleischhauer sich nicht darüber, dass den Menschen von Pegida das Missfallen ausgesprochen wird. Er schreibt, dass "der Kampf gegen rechts so weit verselbstständigt" habe, dass "jedes Augenmaß verloren gegangen" sei. Damit hat er dann tatsächlich recht. Es ist ja auch bei den Terroranschlägen mit "islamischem" Hintergrund keineswegs so, dass man kulturelle Faktoren außer Acht lassen sollte. Islamophob wird man erst, wenn man eine solche Kausalität mit schönster Monotonie und ohne echtem Wissen immer wieder wiederholt.
Nun, also doch Fleischhauer? Nein, eigentlich nicht. Denn noch immer erklärt das nicht den Zusammenhang mit dem Bild, welches eine Demonstrantin mit einem Plakat zeigt. Es gibt diesen alten Spruch in Hamburg: immer, wenn man sich eine Zigarette an einer Kerze anzündet, stirbt ein Seemann. Das ist ein knuffiger Spruch. Man hält sich an ihn und lächelt dann über sich. Niemand glaubt, dass er eine echte, überprüfbare Kausalität ausdrücke. Aber scheinbar glaubt auch Fleischhauer, dass immer, wenn einer gegen Rechtsradikalismus demonstriere, ein italienischer Gewerbetreibender schließen müsse. - München hat also die Wahl: entweder es ist bunt und ohne, oder es ist braun und mit Pizza.

Hintergrund adé

Dies gab ich auch in einem facebook-Thread zu bedenken. Also zumindest, dass der Wirt scheinbar aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt worden sei. Dazu schrieb mir dann eine die Dame, es gehe um den Inhalt, nicht um den Hintergrund. Das fand ich nun geradezu phänomenal komisch. Ich musste aber auf den Ernst hinweisen, dass so eine Lüge nicht erkannt werde, und schließlich ist das, was Compact zu dem Vorfall schreibt ("Münchens Bunt-Mafia erzwingt Schließung von Pizzeria") nun eindeutig an den Haaren herbeigezogenes psychotisches Geschwafel - obwohl: Psychotiker sind meist echt noch vernünftiger.
Am besten war aber, dass besagte Dame mich dann einen Spießer nannte. Offensichtlich war sie übermütig, denn das aus einem solchen Munde zu hören, ist, nun ja ... denkt's euch mal selbst.

21.07.2017

Danke, Jens Spahn!

Sehr geehrter Herr Spahn!
Sicherlich wird es Sie freuen zu hören, dass auch ich nicht jede andere Kultur als eine Bereicherung unserer Kultur ansehe. Und wenn ich mich so bei Ihnen umblicke, bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass auch unsere Kultur nicht immer für unsere Kultur bereichernd ist.
Aber sorgen Sie sich nicht: Wer auf dem absteigenden Ast ist, hat bald festen Boden unter den Füßen.
مع فائق الأحترام

17.07.2017

Riothipster und Leitungsausfall

Ein neuer Neologismus ist am Rande des G20-Gipfels aufgetaucht: der Riothipster. Gemeint ist damit jener fesche bärtige Mann, der ein Selfie vor brennenden Autos und der Krawallerie schießt. Riothipster ist übrigens auch (fast) ein Oxymoron, denn der Hipster bedient sich vor allem einer postmodernen Modekultur, die unterschiedliche Stilrichtungen aus unterschiedlichen Zeiten zu einem Outfit zusammenstellt. Politisch gesehen sagt man ihm Oberflächlichkeit nach; manche nennen den Hipster auch Neo-Spießer. Dem steht das Wort Riot nur scheinbar gegenüber. In Wirklichkeit dürfte den Randalierern ebenso eine tiefgründigere politische Einstellung abgehen. Der wesentlichere Unterschied wird wohl sein, dass der Hipster keine Gewalt anwendet, sondern nur bestimmte Weltanschauungen sichtbar delegitimiert.
Krawallerie, das ist eine contaminatio, ein Verschmelzen zweier ähnlich klingender Wörter. Das stammt, glaube ich, von mir.
Bei Anne Will trat letzten Sonntag eine Störung auf, mitten in einer kritischen Frage an Peter Altmeier. Kurz darauf tweetete das ARD, es gebe ein Leitungsproblem. Schöner kann man wohl Kritik am Polizeieinsatz in Hamburg nicht üben. Das Wort Leitungsproblem ist natürlich zweideutig, eine Amphibolie, wenn man es von der Rhetorik aus betrachtet. Zudem erinnert es an eines der Kriegsstrategeme des Sunzi: Die Akazie schelten, dabei aber auf den Maulbeerbaum zeigen.

15.07.2017

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Ich erweise mich bei diesem Buch wohl als ein schlechter Rezensent, zumindest, wenn es um die Werbung geht. Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang ist durchaus ein sehr interessantes, aber keineswegs ein lobenswertes Buch; soll heißen: es ist lesbar und kritisierbar, und wer es nur lesen würde, ohne den Inhalt zu kritisieren, würde sich einer gewissen Schlampigkeit oder Blauäugigkeit schuldig machen. Liest man es allerdings kritisch, wird es wunderbar: sich im begründeten Widerspruch zu üben ist eine ganz wunderbare Haltung für Interpreten.
Dass ich ihn hier übrigens verlinke, und wie jeder Eingeweihte weiß, daran natürlich auch verdienen würde, sofern sich ein Leser über diesen Link zum Kauf des Buches entscheidet, sei vorneweg gesagt. Dazu habe ich lange mit mir gehadert. Tatsächlich aber scheint es so zu sein, dass Menschen die Bücher eher spontan kaufen, wenn sie einen Link präsentiert bekommen, als dass sie in einen Buchladen gehen und dort das Buch bestellen müssten. Mein Verdienst ist übrigens äußerst gering; in diesem Februar habe ich, nach zehn Jahren Bloggerei, die Mindestauszahlungssumme von 70 € erreicht. Lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr die kleinen Buchläden weiterhin unterstützt. Sie sind ein Artefakt einer besseren Welt; so jedenfalls mein Gefühl.

Rhetorik und Moral

Natürlich ist jedes Buch auch ein Untersuchungsfeld für Rhetoriker. Für Bücher, deren Inhalt die Moral, Ethik oder Politik behandeln, gilt dies umso mehr, als zwei grundlegende Operationen politischer Teilhabe rhetorischen Ursprungs sind: das Überzeugen und das Überreden. Hier gibt es den interessanten Effekt, dass sich die Form der Darstellung sogar gegen den dargestellten Inhalt wenden kann und damit gelegentlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was der Autor beabsichtigt hat. Man nennt so etwas einen performativen Selbstwiderspruch. Zu diesem neigen Bücher über die Moral weit stärker als zum Beispiel Bücher über die Physik.

Langsame Rhetorik

Doch der Rhetoriker muss, sofern er gewisse wissenschaftliche Standards einhalten möchte, langsam vorgehen und sich weitgehender Urteile enthalten. Bleiben wir also bei einigen, für sich gesehen sehr randständigen Beobachtungen. Diese mögen, mit der Zeit, ein Gesamtbild ergeben, welches sich weder für noch gegen dieses Buch ausspricht, aber der Arbeit mit ihm einen individuellen Wert verleiht.

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Dieser Satz steht zu Beginn des vierten Kapitels, auf Seite 53. Dieses Kapitel ist mit „Darf ich Anderen beim Verhungern zu sehen?“ betitelt. Die Zwischenantwort am Ende lautet (wen wundert es): Nein, das darf ich nicht! Es ist ein Zwischenergebnis, weil die folgenden Kapitel die Argumentation weiter ausführen und auch gelegentlich deutlich relativieren.
Bevor man sich aber auf die weiteren Argumente einlässt, lohnt es sich, die Aussage in seiner ganzen rhetorischen Tiefe auszuloten. Dies möchte ich, als eine Art Vorführung, tun, ohne dies für die weiteren Folgen daraus zu reflektieren. Das mag anrüchig erscheinen, da ich das Lesen nur von seiner technischen Seite aus betreibe. Und natürlich wäre es sinnvoll, die moralischen Implikationen genauer in Augenschein zu nehmen. Da sich aber eine solche moralische Genauigkeit wieder auf eine gründliche Wahrnehmung stützt, erlaube ich mir, hier im Bereich der Sekundärtugenden zu bleiben und dem Leser selbst seinen Schlussfolgerungen zu überlassen.

Der Satz für sich

1. Natürlich ist der Satz eine Floskel, und als Floskel bleibt seine „kommunikative Qualität“ ambivalent. Er sagt etwas, ohne es wirklich so zu meinen; bzw. verlässt man sich beim Aussprechen eines solchen Satzes darauf, dass seine Bedeutung nur begrenzt hinterfragt wird. Floskeln dienen der Verflachung der Kommunikation.
2. Wo die Kommunikation verflacht wird, geht es nicht mehr um Dialog und schon gar nicht um Streitwerte, sondern zumeist um Bequemlichkeit oder Deutungshoheit oder etwas ähnliches. Was genau dieser Satz besagt, lässt sich allerdings ohne den Zusammenhang nicht erklären.
3. Ein deutliches Zeichen, dass dieser Satz eine Abwehr von Kommunikation enthält, sieht man auch daran, dass er sich auf der einen Seite auf eine Tugend bezieht (die Gerechtigkeit), aber auf der anderen Seite konkrete politische Akteure ausblendet. Wer hier ungerecht behandelt wird, und wer Nutznießer dieses Unrechts ist, wird im Satz nicht gesagt. Was ich hier als politische Akteure bezeichnet habe, heißt in der Linguistik auch sozialer Träger eines Zeichens. So ist das Kreuz ein Symbol für den christlichen Glauben, und derjenige, der dies an einem Kettchen um den Hals trägt, ein sozialer Träger, also (so könnte man annehmen) ein Christ. Floskeln nennen solche sozialen Träger oftmals nicht; in der Grammatik nennt man dies einen Subjektschwund.
4. Schließlich ist dieser Satz auch statisch; es handelt sich eher um eine Definition, also einer Gleichsetzung. Zu dem Subjektschwund kommt ein Handlungsschwund. Würde man sich nun damit begnügen, machte der Satz einen hilflos. Er ist nicht nur unpolitisch, sondern entpolitisiert auch.
5. Zu dieser Floskelhaftigkeit trägt auch eine Metonymie bei. Nicht die „Welt“ ist ungerecht, sondern die Menschen, die in dieser Welterleben, haben sich aus unterschiedlichsten Gründen wohl mit einer Ungerechtigkeit abgegeben. Die Welt ist der Behälter, die Menschen sind der Inhalt, bzw. ja eigentlich nur ein Teil des Inhaltes. Insofern haben wir es mit einer doppelten Metonymie zu tun, der von beinhalten/inhaltlich und der von Ganzes/Teil.
6. Solche Metonymien abstrahieren. Nun könnte ich dies weiter ausführen, aber die doppelte Metonymie geschieht gleichzeitig mit dem oben ausgeführten Subjekt- und Handlungsschwund; sie betrachtet den Satz auf eine andere Weise, führt aber zur selben Kritik.
7. Ist die Metonymie eine rhetorische Figur, wie die Floskel eine pragmatische, so ist auf der logischen Ebene zum Beispiel die Gewichtung von Argumenten zu betrachten. Dass etwas in der Welt ist, zum Beispiel die Ungerechtigkeit, ist von solcher Selbstverständlichkeit, dass die Aussage geradezu debil wirkt. Das Argument entdifferenziert in einer solchen Weise, dass die Handlungsunfähigkeit ungebührlich betont wird. Natürlich sagt diese Floskel nichts davon; sie lässt die Extrapolation (also die ungebührliche Hervorhebung eines Merkmals) nur als unausgesprochene Schlussfolgerung zu. Anders gesagt: wer dieser Floskel glaubt, ist selbst dran schuld.
8. Nun hatte ich mit der Extrapolation noch eine andere rhetorische Figur implizit mitgeführt: die Hyperbel oder Übertreibung. Und bisher hatten wir ein Wort aus diesem Satz noch gar nicht betrachtet, nämlich das Wörtchen „gnadenlos“. Insgesamt ist dieses so beziehungsreich, dass wir mindestens noch einmal eine halbe Seite darüber reden könnten. Das möchte ich hier allerdings nicht tun, sondern darauf hinweisen, dass gnadenlos sich auf einen Grenzwert bezieht, nämlich auf der vollkommenen Abwesenheit von Gnade. Noch weniger ist nicht möglich. Dabei ist zu beachten, dass die Ungerechtigkeit nicht direkt, sondern nur mittelbar diesen Grenzwert gekoppelt wird, im Satz aber das Objekt darstellt. Unterschwellig findet damit eine Entkopplung der Grenzwertigkeit und der Ungerechtigkeit statt. Inwiefern diese später zum Tragen kommt und die Argumentation beeinflusst, lässt sich allerdings an dieser Stelle nicht beantworten, denn im Buch wird dieser Satz von einer ganz anderen Argumentation umgeben.
9. Der Autor schreibt diesen Satz nicht ohne Grund an den Anfang eines Kapitels, zudem mit einer Überschrift, die gerade diesen Satz infrage stellt. Und der Rest des Kapitels wird zwar diesem Satz nicht widersprechen, aber zumindest deutlich machen, dass wir eine solche Aussage nicht hinzunehmen haben. Es gibt schon Möglichkeiten, die Welt gerechter zu machen. Für sich gesehen ist der Satz eine unpolitische und entpolitisierende Floskel; im Verlauf der Gesamtargumentation ist er allerdings eine Provokation und eine Antithese. Er verweist mit aller Deutlichkeit auf sein Gegenteil, oder, bei Bernward Gesang, auf eine deutliche Abschwächung.

Schluss: die rhetorischen Vervielfältigungen der Moral

Bleiben wir zunächst bei einer naheliegenden Beobachtung, dann ist eine so akribische Lektüre eines einzelnen Satzes schon allein deshalb verwirrend, weil aus dieser Beschreibung keine bessere Handlungsanleitung entsteht. Es ist eine rein intellektuelle Übung.
Diese zeigt aber, dass die Moral sich nicht notwendig auf eine Transparenz und Klarheit stützt; die rhetorische, logische, semantische, grammatische und pragmatische Betrachtung fördert sehr verschiedene Schichten zutage. In diesem Fall gibt es sogar noch einen sehr auffälligen Gleichklang zwischen diesen Schichten. Viel komplizierter wird es, wenn sich die Schichten anfangen zu widersprechen, wenn die Rhetorik mit der Logik nicht mehr konform geht, wenn die Semantik etwas andeutet, was den Handlungsappell ruiniert, usw.
Ich hoffe, dass euch nicht der Atem gefehlt hat, den verschiedenen Aspekten zu folgen, und dass ich, auch wenn ich an einigen Stellen deutlich gekürzt habe, euch einen Einblick in eine genaue Lektüre vermitteln konnte.
Was ihr damit nun politisch und ethisch zu bewerkstelligen habt, muss euch überlassen bleiben; ich weiß es übrigens selbst nicht so genau.

Inkompetenzkonferenz

Nun, das ist ja auch ein äußerst hübscher Name; wo sich die Kritik nicht mehr auf eine kritische Allgemeinheit stützen kann, greift sie eben zur Satire. Die Inkompetenzkonferenz ist eine interdisziplinäre Tagung, die sich „als kritische Entgegnung auf die radikale Umwälzung“ versteht, „die sich an deutschen Universitäten seit der Bologna-Reform vollzieht.“ (Die Trauer der Universitäten)

Zum Kompetenzbegriff

Der Begriff der Kompetenz hat einen Niedergang erfahren, den man bei der Diskussion von Kompetenzen mitbeachten sollte. Kompetenz ist in seiner ursprünglichen Fassung die Fähigkeit, etwas zu tun, aber nicht dieses Tun selbst. Zeigt man, dass man eine Kompetenz besitzt, spricht man eigentlich von Performanz.
Bei der Performanz wiederum muss man zwischen der Tätigkeit selbst und dem Ergebnis unterscheiden. Und bei dem Ergebnis spielt wieder das direkte Ergebnis und das nur mittelbare Ergebnis eine wichtige Rolle. Zunächst einmal darf man festhalten, dass sich die Kompetenz nicht ständig und andauernd zeigt. Menschen, die der Rechtschreibung hervorragend fähig sind, begehen trotzdem Rechtschreibfehler. Der Unterschied zu Menschen, die der Rechtschreibung inkompetent sind, besteht darin, dass kompetente Menschen ihre Fehler einsehen und korrigieren können.
Ist die Performanz eine Tätigkeit, so ist das Ergebnis dieser Tätigkeit nicht mehr direkt damit vermittelt. So ist das wissenschaftliche Plagiat vielleicht sogar hervorragend wissenschaftlich, zeigt aber nicht mehr auf die Kompetenz oder die Performanz desjenigen, der seinen Namen darunter gesetzt hat. Derjenige, der in solcher Weise plagiiert hat, oder sich schlicht und einfach eine Dienstleistung erkauft hat, kann ganz andere Kompetenzen vorweisen, aber nicht die gewünschten. Umso zweifelhafter wird es dann, wenn von den sozialen Folgen einer solch vermeintlichen Kompetenz aus auf die Kompetenz selbst geschlossen wird. Hier ist die Fähigkeit nur noch eine mittelbare Aussage, die noch nicht einmal mehr auf die Prüfung des Produkts als unmittelbare Aussage über die Kompetenz zurückgreift.

Zur Berechtigung des Kompetenzbegriffes

Aber natürlich hat der Begriff der Kompetenz auch seine Berechtigung. Und dass er als scharfer Angriff auf den Bildungsbegriff gesehen werden muss, diskreditiert ihn noch nicht. Der Begriff der Kompetenz hatte und hat seine Konjunktur durch eine fundierte Kritik am objektiven Wissen. Insbesondere der radikale Konstruktivismus hat sich einem solchen Wissen entgegengestellt. Und hier sind natürlich die Gründe auch gravierend. So verweisen Vertreter des radikalen Konstruktivismus auf die Eigendynamik des Gehirns, und natürlich auf dessen Konstruktionsleistungen. Jede sinnliche Wahrnehmung wird auf dem Weg ins Gehirn in Nervenimpulse aufgelöst, und dass wir die Welt so prall und sinnlich wahrnehmen, ist nicht eine Leistung der Welt selbst, sondern eine Kompetenz (!) unseres Gehirns.
Da das Gehirn operativ arbeitet, gibt es kein fertiges Produkt. Vielmehr ist das Hirn an einer dynamischen Stabilität „interessiert“. Da diese dynamische Stabilität in gewisser Weise wieder von der Umwelt abhängt, verändert sich die Art und Weise dieses „Stabilseins“, und dies ist das, was Pädagogen dann als Lernen bezeichnen. Damit ist aber auch der Begriff der Anpassung ausgeschlossen. Denn hier passt sich das Gehirn eher an sich selbst als an die Umwelt an, und gelegentlich kommt es vor, dass ein Mensch mit sich selbst vollkommen zufrieden ist, aber in die ihn umgebende Gesellschaft überhaupt nicht hineinpasst. Wir kennen solche Menschen, nicht wahr?

Sekundärtugenden

In letzter Zeit habe ich mich, wenn auch nur sehr sporadisch, mit den Sekundärtugenden beschäftigt. Die Sekundärtugenden scheinen mir so etwas wie Kompetenzen zu sein. Tatsächlich ist der Streit um die Sekundärtugenden, der wohl von Jean Améry in die Öffentlichkeit eingebracht wurde, ein Streit um Sinn und Zweck öffentlicher Wirkungen. Neulich formulierte ich, dass Sekundärtugenden in sich moralisch ambivalent seien. Ihr Wert liege darin, dass sie das Erscheinen von Primärtugenden verlässlich machen. Anders gesagt: eine Gerechtigkeit, die sich nicht auf einen gewissen konsequenten Fleiß oder auf eine Ehrlichkeit stützt, bleibt unzuverlässig, sporadisch, zusammenhangslos und ist deshalb keine Gerechtigkeit, weil sie willkürlich auftritt.
Viele der Kompetenzen, Lesekompetenz, Darstellungskompetenz, Durchsetzungs-vermögen, Kritikfähigkeit, usw., sind nun gerade keine Primärtugenden. Aber für eine Tugend wie die Gerechtigkeit erscheinen sie doch als notwendig, wenn es zum Beispiel darum geht, ein gerechtes Ziel durchzusetzen, oder die Wirkungen eines solchen Zieles kritisch zu betrachten und auf den Zusammenhang zwischen der Idee der Gerechtigkeit und einer (angeblich) gerechten Tat zu reflektieren.
Sprich: der Kompetenzbegriff ist nicht falsch, wird aber zum Teil unsinnig verwendet. - Und jedenfalls sind die Einwände der Inkompetenzkonferenz sehr bedenkenswert.

Falsch verstanden

Eigentlich wollte ich mich jetzt wieder den Themen zuwenden, die für mein eigenes Leben wichtig sind (Java zum Beispiel). Aber manchmal geraten die Dinge so durcheinander, dass man dann doch einiges dazu sagen muss. In diesem Fall: Hamburg.
Olaf Scholz bemüßigt sich zu sagen: "Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise." Und wenn wir jetzt mal nicht auf all die Videos eingehen, die im Internet zu sehen sind, könnt ihr mir trotzdem mal helfen: die Polizei gehört doch - irgendwie - zur staatlichen Gewalt; so dass es nicht nur zu ihren Aufgaben gehört, Gewalt auszuüben, sondern sie sogar wesentlich ausmacht. Wenn die Polizei keine Gewalt ausgeübt hat, hat sie ihre Pflichten vernachlässigt. Oder hat sich inzwischen die demokratische Gewaltenteilung in eine Gewaltenabwesenheit verwandelt?
Die Frage ist doch wohl eher, ob die tatsächlich durch die Polizei ausgeübte Gewalt ihrem legitimen Auftrag entspricht. Und wenn nein, wer dafür die Verantwortung zu übernehmen hat. Damit möchte ich auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich von Polizisten nicht erwarte, dass sie immer zu 100 % demokratisch korrektes Verhalten zeigen. Das ist ein Ideal, welches natürlich an den Berufsstand angelegt werden sollte, dem man aber eine gewissen Spielraum zubilligen muss, weil kein Polizist und keine Polizistin ideal ist (zumindest nicht im philosophischen Sinne).
Ich halte mich ja mit der Idee zurück, dass Fehlverhalten immer gleich zu einem Rücktritt führen müsse. Der Rücktritt von Scholz wird gefordert, zum Beispiel von Joerges (Stern). Doch auch Politiker machen Fehler oder schätzen die Lage einfach falsch ein, was bei einer Zwei-Millionen-Stadt und einem international beachteten Gipfel zwar ärgerlich ist, aber doch nicht ohne Verständnis bewertet werden sollte. An dieser Stelle aber der Polizei eine Art Freibrief von jeglicher Kritik auszustellen, delegitimiert nicht nur die Polizei als eine demokratische Institution, sondern verweist auf ein sehr zweifelhaftes Demokratieverständnis von Olaf Scholz.
Scholz erntet dafür übrigens Hohn und Spott. - Darüber hinaus schadet er einer sowieso schon schwer angeschlagenen SPD. Schulz erweist er damit einen Bärendienst. Ich bin gespannt, wie sich demnächst die SPD in den Umfragen aufstellt. Es fühlt sich nach einem Niedergang an. Und die Frage ist dann, wer überhaupt noch zu wählen bleibt.

10.07.2017

Tief durchatmen, drei Schritte Abstand nehmen

Hamburg, also natürlich das Gipfeltreffen, ist vorüber. Und irgendwie habe ich das Wochenende wie auf Speed erlebt. Für ein solches Ereignis, welches auf engstem Raum politische Spannungen verdichtet und verdichten muss, gibt es wohl kein abschließendes Urteil. Auch zur Polizei nicht. Auf der einen Seite hat diese Wichtiges geleistet. Die Polizei bleibt eine zentrale Institution der modernen Demokratie und eine gute Polizeiarbeit unerlässlich für ihren Erhalt. Das Bild, was sich vom G20-Gipfel bietet, bleibt dagegen durchwachsen. Wir haben auf der einen Seite den schwarzen Block, der mit Zwillen und Stahlgeschossen gegen die Polizei vorgegangen ist; und sieht man einmal davon ab, dass die Gewalt an sich nicht zu rechtfertigen ist, sei daran erinnert, dass es diese Waffen sind, die bereits zum Tod von Polizisten geführt haben. Der Schutz des Rechtsstaates auf der einen Seite, und der Schutz des eigenen Lebens auf der anderen Seite, wer wollte sich da über ein hartes Vorgehen der Polizei beschweren?
Auf der anderen Seite sind genehmigte Protestcamps aufgelöst worden, ohne größere Not. Die Arbeit von Journalisten ist behindert worden, sogar von Angriffen auf Journalisten wird berichtet. Man darf sich auch fragen, warum eine Demonstration, die sich „Welcome to Hell“ nennt, so genehmigt worden ist. Hier hätte die Stadt Hamburg im Vorhinein deutlich machen sollen, dass ein solcher Titel als Provokation und als Aufforderung zur Gewalt missverstanden werden kann und den Anmeldern unmissverständlich deutlich machen sollen, dass ein friedlicheres Motto zu wünschen wäre. Diese Demonstration ist aber, wie man hört, bis auf ein paar Vermummte, die natürlich randaliert haben, friedlich verlaufen. Von der Polizei ist sie gestoppt und schließlich aufgelöst worden. Ob dies rechtens war, hängt wohl davon ab, wie sehr man das Recht auf Demonstration, ein Grundrecht übrigens, gegen die Maßnahmen der Polizei abwägt.
Eines der größten Probleme in der Aufarbeitung dürfte jetzt allerdings sein, inwiefern man politische Parteien konstruiert und diese in Kausalzusammenhänge einbindet. Es gibt durchaus Stimmen im Internet, die die Grünen und die Linken als politischen Arm der Gewalttäter sehen. Und es gibt sehr deutliche Ansagen von den Grünen und den Linken, dass sie diese Gewalt, die von den Randalierern ausging, ächten. Manche Menschen behaupten, die Polizei habe im Vorfeld die Ereignisse vom Freitagabend provoziert.
Andere wiederum wollen, obwohl sie kritisch gegenüber der polizeilichen Arbeit sind und diese teilweise auch als rechtswidrig bezeichnen, den Randalierern kein Stück von der Verantwortung nehmen und sie als alleinige Verursacher die Verwüstungen im Schanzenviertel und in anderen Stadtteilen Hamburgs zur Verantwortung ziehen.

Es gibt auch noch einen ganz anderen Schaden, den die Öffentlichkeit davongetragen hat: die Gespräche und Ergebnisse des Gipfeltreffens verschwinden unter diesen eindrücklichen Bildern der Gewalt. Es sollte aber klar sein, dass diese Gewalt, so schlimm sie ist, ein nebensächliches Phänomen in der Politik ist. Viel wichtiger wäre es doch jetzt, dass man in der Öffentlichkeit die Ergebnisse dieser Gespräche diskutiert. Denn hier werden langfristig Weichen gestellt. Und genau dadurch haben solche Gespräche auch ein wesentlich größeres politisches Gewicht als diese besinnungslose Bambule.
Ich vermute aber, dass das manchem auch recht ist. Zu den Ergebnissen des Gipfeltreffens lässt sich nur mit wesentlich höheren intellektuellen Aufwand etwas Intelligentes sagen (weshalb ich mich auch nicht in der Lage fühle, dazu Stellung zu nehmen). Und sie bieten natürlich auch nicht solche hollywoodreifen Bilder. Dann passiert es schon mal, dass die online-Ausgabe der Zeitschrift Brigitte einen Skandal wittert, wenn die Tochter von Donald Trump, Ivanka Trump, während des Gipfels so sehr im Mittelpunkt steht. Und irgend ein Reporter bemüßigt sich aufzuzählen, welche Speisen Frau Trump und Begleiter zu sich genommen hätten, und dass man während des Essens fröhlich gewesen sei. Diese furchtbare Gewalt im Schanzenviertel ist die eine Form der Dekadenz; eine solche Berichterstattung eine andere. –
Und statt das Publikum mit auf ein hohes Niveau der Reflexion zu ziehen, scheinen zu viele Medien dies auf ein noch dümmlicheres und niedrigeres Niveau bringen zu wollen, als es derzeit sowieso schon üblich ist.

08.07.2017

Wille und Moral

Zu einer der aufregenderen Entdeckungen während meiner Lektüren gehörte in den letzten Jahren der Zusammenhang einer Willensphilosophie mit den Gottesbeweisen. Gottesbeweise positionieren sich immer zu dem Schicksal von Menschen, inwiefern dieses Schicksal göttlich gewollt ist, und wie sich der Mensch dazu zu positionieren hat: mit seinem Glauben und mit seiner Nächstenliebe.
Für mich hat die Genese des Willens lange Zeit nur in der Entwicklungspsychologie einen prominenten Platz gehabt. Die Frage, wie sich aus einem von Bedürfnissen gelenkten Säugling ein Mensch mit einer Moral entwickelt, war mir damit zunächst ein eher technisches Anliegen. Dass eine weiter gehende Betrachtung notwendig in die politische Philosophie führt, dürfte klar sein. Dort ist der Wille eine zentrale Kategorie.
Nun haben mich meine Lektüren nicht nur weiter in die Entwicklungspsychologie geführt, sondern auch zu historischen Vorläufern. Ein Restbestand meiner früheren Foucault-Lektüren besteht darin, Begriffe auch historisch zu betrachten und so nicht nur den aktuellen Stand der Dinge zu erfassen, sondern auch ihre Entwicklung.
Ein sehr modernes Buch ist Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang. Von den 21 Kapiteln habe ich erst drei gelesen. Ich werde mich also eines abschließenden Urteils enthalten.
Trotzdem kann ich zu dem Buch schon einiges sagen: es ist sehr verständlich formuliert. Die Argumentation verläuft zwar gelegentlich deutlich plakativ, aber insgesamt doch abwägend. Es ist eben ein populärwissenschaftliches Buch. Wenn man sich einige Jahre mit der politischen Philosophie beschäftigt hat, ist man dankbar dafür, dass der Autor politisch-moralische Positionen auf griffige Formeln bringt, die natürlich nicht die ganzen Feinheiten abdecken, aber hinreichend genau sind.
Ein Zeichen dafür, dass der Autor nicht einfach nur zu aktuellen Problemen Stellung nehmen möchte, sondern dem Leser eine gute erste Karthographie des Gebietes liefern möchte, ist eben jenes einführende Kapitel, welches auf die Geschichte des freien Willens und damit auf die Gottesbeweise eingeht. Dafür sind nun die 15 Seiten, die das Buch dafür reserviert, geradezu gruselig kurz. Bedenkt man aber, dass den meisten Menschen nicht einmal der grobe Zusammenhang klar ist, und bedenkt man weiter, dass die Darstellung eine erste, sachliche Orientierung bietet, kann man ihm auch wieder dankbar sein.
Eine weitere, äußerst hilfreiche Sache sind die eingeschobenen kurzen Definitionen zu bestimmten Argumentationsgängen. Diese stellen knapp und objektivierend Tendenzen und Diskussionszusammenhänge dar, so etwa, um hier einige exemplarisch herauszugreifen, zum Freiheitsproblem, zur Vertragstheorie, zum ethischen Relativismus, zur Naturethik, zur Demütigungstheorie der Menschenwürde, usw.
Am Ende einer Rezension erwartet man mittlerweile eine Kaufempfehlung. Glücklicherweise ist dies keine Rezension, sondern eher eine Impression. Ich würde euch aber keinesfalls schief ansehen, solltet ihr euch das Buch zulegen. Falls euch das weiterhilft.

05.07.2017

Sei doch kein Muselmann

Ich stelle mir vor, dass es derzeit nicht leicht ist, Türke oder Türkin zu sein. Das kommt daher:

Erdoganistan

In der Türkei wird demonstriert. Gegen Erdogan. Der Tagesspiegel berichtet davon. Die Lage scheint bedrückend.
Nach dem Putschversuch sind sogar Menschen verhaftet worden, die ihr Bankkonto bei einer nicht genehmen Bank besaßen. Oftmals ist der konkrete Schuldvorwurf nicht einzusehen. Wer aber ein Familienmitglied besitzt, welches sich in Haft befindet, fällt in bestimmten Regionen unter eine Art Sippenhaft: man wird gemieden und zurückgewiesen. Das nur in aller Kürze gesagt.
Und um noch einmal deutlich zu machen, dass ein Erdogan gerade dabei ist, die gesamte Rechtsstaatlichkeit in der Türkei auszuhebeln, sofern ihm dies noch nicht gelungen ist. Ein solcher Mensch gehört nicht nach Deutschland.
Für die Türkinnen und Türken wünsche ich mir, dass sie diesen Prozess rückgängig machen können.

Man kann auch geistig falsch parken

In Bruckhausen, einem Stadtteil von Duisburg, ist am Sonntag ein Polizeieinsatz eskaliert. Auslöser war ein falsch abgestelltes Fahrzeug.
Auf dem Video, welches ein Passant aufgenommen hat, ist zu sehen, wie ein schon eher älterer Herr mit Polizisten debattiert, und schließlich ein Gerät in ein Haus transportieren möchte. Vorher hat er den Polizisten seinen Ausweis gegeben und zu ihnen gesagt, sie könnten doch mitkommen. Offensichtlich war der Mann in Eile. Unfreundlich war er jedenfalls nicht, nur leicht genervt.
Wie dann der Polizist dazu gekommen ist, den Mann von hinten zu packen und in den Schwitzkasten zu nehmen, ist nicht ganz deutlich zu sehen. Es erscheint angesichts dessen, dass er seinen Pass bereits bei der Polizei abgegeben hat, als nicht sonderlich angemessen.
Bedenkt man nun noch, dass dies der erste Tag des Zuckerfestes war, der Betreffende wahrscheinlich Muslim und, wie sich vermuten lässt, in irgendeiner Weise mit einer Gerätschaft unterwegs, die für dieses Fest wichtig ist, wird das unfreundliche Verhalten der Polizisten komplett unverständlich. Man denke sich nur, ein deutscher Mann hätte einen Ofen für die Weihnachtsgans ins Haus transportieren wollen, dafür seinen Wagen wegen des schweren Geräts kurz im Halteverbot geparkt, und wäre deswegen zunächst aufgehalten und kontrolliert, schließlich überwältigt und verhaftet worden.

Muslimische Feste

Nein, ich bin keineswegs dafür, dass ein muslimischer Feiertag in Deutschland eingeführt wird. Ich bin nun überhaupt kein strenger Christ, und wahrscheinlich trifft die Bezeichnung Christ sogar gar nicht auf mich zu. Diese Feiertage gehören für mich einfach zu einer Tradition, die keinen anderen Sinn hat als den der Gewohnheit und gelegentlich auch des Glaubens halber das Jahr in Deutschland zu strukturieren. Meinetwegen könnte aber der eine oder andere Feiertag durchaus wegfallen, zumindest in der Schule. Da gibt es eben schon zu viele Tage, die ausfallen. Jeder Gläubige einer anderen Religion hat aber das Recht, sich an diesen Tagen, an denen für seine Religion ein hoher Feiertag ist, beim Arbeitgeber frei zu nehmen. Und da auch manche gläubigen Christen am Sonntag arbeiten, einfach, weil ihr Beruf das erfordert, sehe ich nicht das große Problem, dass durch einen fehlenden muslimischen Feiertag für die gesamte Republik den muslimischen Mitbürgern ein wesentlicher Schaden zugefügt wird.
In Berlin feiert man zum Beispiel nicht unbedingt datumsgerecht das Fest der Farben, ein hinduistisches Fest, aber nicht, weil es so viele Hindus in Berlin gäbe, sondern einfach, weil es in den letzten Jahren Berlin populär geworden ist. Ob das so richtig ist, dazu darf man dann einfach auch mal keine Meinung haben.

Kultursensibler werden

Ich mag den Rechtspopulisten ja nun nicht das Wort reden. Aber was ich mit dem Wort „kultursensibler“ anfangen soll, weiß ich auch nicht so recht. Geäußert hat dieses Wort Ercan Idik, Sprecher der SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt. Dies war eine Reaktion auf die Vorfälle in Bruckhausen.
Ist diese Aussage gerechtfertigt?
Nun, zunächst kann man von den üblichen Verdächtigen im Internet das übliche Geschrei hören: es ginge hier um eine Bevorzugung der Muslime, und damit um die übliche, also die vermeintlich übliche Zurücksetzung der „Biodeutschen“ (übrigens ein voll geiles Wort; und eine andere Charakterisierung als durch den Jugendjargon fällt mir dazu dann auch nicht mehr ein).
Tatsächlich aber ist dieses kleine Adjektiv nicht nur nicht bevorzugend, sondern eigentlich sogar benachteiligend, wenn nicht gar rassistisch. Denn es impliziert in diesem Fall, dass der betreffende türkische Mann nur dann mit einem gewissen Augenmaß behandelt hätte werden können, wenn man ihn als Türken anerkennt. Doch genau darum geht es in der Szene gar nicht. Der anfängliche Kooperationsbereitschaft hätte man, so lässt sich jedenfalls vermuten, durch eine kurze Frist und einen Verweis auf einen Bußgeldbescheid, wesentlich menschlicher begegnen können. Und da es sich um ein Delikt mit einem Auto gehandelt hat, einem geringfügigen übrigens, hätte man mit dem Aufschreiben des Nummernschildes eine direkte Konfrontation vermieden. So ist es auch, wenn ich mich nicht irre, in den meisten Teilen Deutschlands üblich.
Warum also muss man hier eine besondere Rücksicht auf die Kultur fordern, wenn einfach ein gewisses Verständnis für die menschliche Bequemlichkeit, vielleicht auch nur für die menschliche Schwäche gereicht hätte?
Nach meinem derzeitigen Eindruck stimme ich zwar mit Idik in den Punkten überein, dass das Verhalten der Polizei übertrieben, wenn nicht gar unklug oder sogar falsch gewesen ist; und in gewisser Weise müssen wir uns natürlich auch immer wieder damit auseinandersetzen, welche Sündenböcke wir uns konstruieren. Man muss schon blind und taub sein, um die rassistischen und faschistischen Tendenzen zu überhören, mit denen Menschen mit Migrationshintergrund begegnet wird. Wo aber ein allgemeiner Respekt vor der Menschlichkeit und auch den grundlegenden Rechten reicht, muss man eben nicht mit einer gesonderten Kultur argumentieren.
Genau das aber scheint Idik zu fordern: eine Sonderbehandlung, wo eine Gleichbehandlung hätte gefordert werden müssen und zu fordern genügt hätte.

Ergrimmte Winde brechen los

Solches findet sich in einer Fabel, die Heinrich von Kleist dem Lafontaine nachgedichtet. Und dort steht weiters:
der Tauber
Kreucht untern ersten Strauch, der sich ihm beut.
Und während er, von stiller Oed' umrauscht,
Die Flut von den durchweichten Federn schüttelt,
Die strömende, und seufzend um sich blickt,
Denkt er, nach Wandrerart, sich zu zerstreun,
Des blonden Täubchens heim, das er verließ ...
Nur mal so, als symbolischer Kommentar.