10.07.2012

Intellektuelle Slums

“The mediocrity of everything in the great world of today is simply appalling. We live in intellectual slums.” 
George Santayana—To Victor Wolfgang von Hagen, 6 November 1934, The Letters of George Santayana, Book Five, 1933-1936, MIT Press, 2003
Ich entdecke gerade (und in gewisser Weise auch: mal wieder) die englischen/amerikanischen Philosophen. Zum Beispiel Santayana, auf den ich über Dewey gestoßen bin.

05.07.2012

Kants Anthropologie

Immer, wenn Cedric da ist, darf ich meinen eigenen Computer nicht mehr benutzen. Es ist eben doch noch sein Recht, meinen grafisch leistungsstarken Computer für seine Virtual-Reality zu gebrauchen. Im übrigen war er heute ganz geistreich und aufmerksam. Ich habe ein wenig an seinen vor sich hinplätschernden Ferien herumgemeckert und ihm nahe gelegt, sich ein wenig mehr mit geistigen Dingen zu beschäftigen oder sich mit Freunden zu treffen. Jedenfalls habe ich ihm den einen oder anderen netten Spruch aus Kants Anthropologie vorgelesen.
Dieses Werk stellt so etwas wie eine Sinnes- und Sozialpsychologie dar. Ich zitiere hier einiges Denkwürdiges und Witziges von ihm nach der suhrkamp-Ausgabe, Bd. 12.

(1) "Man empfängt den Gast nach seinem Kleide und begleitet ihn nach seinem Verstand." (420)
Hier zitiert Kant allerdings nur ein russisches Sprichwort.

(2) "Man nennt den, welcher diese Vermögen im vorzüglichen Grade besitzt, einen Kopf; den, dem sie in sehr kleinem Maße beschert sind, einen Pinsel (weil er immer von andern geführt werden bedarf); ..." (422)
Besonders hübsch finde ich die Erklärung der Bezeichnung "Pinsel". Dies ist übrigens keine Metapher, sondern eine verkürzte Analogie, die metaphorische Züge annimmt.

(3) "Die Kunst aber, oder vielmehr die Gewandtheit, im gesellschaftlichen Tone zu sprechen, und sich überhaupt modisch zu zeigen, welche, vornehmlich wenn es Wissenschaft betrifft, fälschlich Popularität genannt wird, da sie vielmehr geputzte Seichtigkeit heißen sollte, deckt manche Armseligkeit des eingeschränkten Kopfes." (423)
Siehe da! Schon zu Kants Zeiten gab es Plärrer und Selbstdarsteller. Wie herrlich aber ist dieser nette Spott der "geputzten Seichtigkeit".
Die Popularität bedeutet bei Kant übrigens: mit Beispielen versehen, die dem Übergang zu den Begriffen dienen (der andere Begriff ist der der Scholarität, also die Darlegung der Begriffe ohne Beispiele). Kant schreibt auch irgendwo in seiner Anthropologie (ich finde gerade die Stelle nicht), dass ein Beispiel zuallererst ein Hilfsmittel für den Leser ist, um weitere Beispiele zu finden. Erst dadurch, also durch die mehreren selbstgefundenen Beispiele, entstünde ein Begriff.
Folgt man Kants Prinzipien der Begriffsbildung, so ist dies auch nur logisch. Zur Begriffsbildung gehört der Vergleich, der verschiedene Anschauungen auf gemeinsame und relevante Merkmale durchsieht. Es wäre ermüdend, wollte ein Buch solche vielen verschiedenen Anschauungen einzeln aufzeigen. Aber ohne verschiedene Anschauungen kann ein Begriff nicht entstehen. Und deshalb ist dieses eine Beispiel, was den Begriff in seiner praktischen Situation darlegt, immer nur ein Übergang. Den Rest hat der Leser zu leisten.

Im übrigen bedauere ich es sehr, dass ich mich erst vor anderthalb Jahren ernsthaft mit Kant zu beschäftigen begonnen habe, denn wenn auch vieles heute nicht mehr so gesehen werden kann, wie Kant es sah, hat er doch für vieles das Fundament gelegt. Alleine seine geradezu revolutionäre Erläuterung zu Stoff und Form, die dann mit dem Begriff der (psychologischen) Gestalt im 20. Jahrhundert die Psychologie und die Anthropologie maßgeblich beeinflusst hat.
Der Stoff ist die Unmasse an Sinnesempfindungen, die uns unsere Sinnesorgane liefern. Diese liegen roh und ungestaltet vor; einmal (mindestens) schreibt Kant ihnen die Eigenschaft chaotisch zu. Der Verstand nun bringt diese Sinnesempfindungen in Form. Diesen Akt bezeichnet Kant als spontan. Deshalb ist die Form transzendental. Transzendental ist, was das Bewusstsein leistet, aber nur mittelbar (also durch Reflexion) erfassbar ist. Genau das besagt aber auch der Begriff der Spontaneität des Verstandes. Der Verstand nimmt sich nicht vor, die Sinneseindrücke zu ordnen, sondern ordnet sie spontan.
So kommen alle Gegenstände, ja die ganze Welt durch die spontanen Formungen des Verstandes zustande. Und dies ist dann nichts anderes als ein Konstruktivismus, von dem man so gerne behauptet, er sei ein Kind des späten 20. Jahrhunderts.

04.07.2012

Ein langer Tag

Gestern hatte ich einen langen Tag. Am Morgen habe ich mich mit einem ehemaligen Kollegen getroffen, natürlich zum Frühstück. Er bereitet gerade ein E-Book vor und hatte mich um eine Stellungnahme und ein paar Zitate gebeten. Danach bin ich weitergehüpft zu einer Art Dienstbesprechung bei einem Dienst, dem ich nicht diene, von dem ich aber hoffe, dass sich mit diesen eine Vernetzung mit unserem Lehrgang Förderassistenz ergibt.

Schließlich bin ich kurz nachhause und dann in den Garten. Ich hüte nämlich zur Zeit Nicos Gemüse. Während ich mittlerweile fast alle Kirschen von letzter Woche wegschmeißen musste, sofern ich sie nicht gegessen habe (aber das müssen annähernd fünf Kilo gewesen sein), habe ich jetzt noch ein paar gepflückt, so dass wenigstens noch ein Kirschkuchen machbar ist. Und Spinat! Mein Lieblingsgemüse. Zurückgekehrt bin ich um Mitternacht und gleich ins Bett gefallen.

Es war aber gut getan, mal einen ganzen Tag lang nichts zu lesen und auch nicht am Computer zu hocken.

Über das Wochenende habe ich Kommentare zu Deweys Erfahrungsbegriff eingesprochen. Sofern mir Zeit bleibt, werde ich dir heute noch ordnen. Insbesondere habe ich den Prozess der Motivation mitkommentiert und mich besonders auf das Rubikonmodell gestützt, das irgendwie zu meinem Lieblingsmodell geworden ist.

Nachtrag (ich habe es ja nicht geschafft, mich in den letzten Tagen in die sozialen Netzwerke einzuklinken):
Am Sonntag war ich mit Connie frühstücken. Wir haben einige Planungen für den Lehrgang Förderassistenz gemacht, vor allem auch ein paar Feinabstimmungen besprochen.
Das Café, in dem wir gesessen haben, hatte einen schönen Garten, in dem man angenehm sitzen konnte. Die Bedienung war vielleicht nicht die aufmerksamste, aber sehr nett und fröhlich. Der Kaffee war lecker und das Frühstück (ich hatte einen Frühstücksteller mit zwei Sorten Wurst und zwei Sorten Käse, Tomaten und Gurken) recht billig. Insgesamt haben wir für acht Kaffees (in sechs Stunden), einen Frühstücksteller und ein Stück Kuchen 18 Euro bezahlt, was unglaublich günstig ist. Deshalb kleiner Geheimtipp: KAF'FEE in der Nähe vom Walter-Schreiber-Platz.

01.07.2012

Gewitter

Es ist mitten in der Nacht. Eigentlich wollte ich noch ein paar Sachen zu Adorno schreiben. Über Berlin tobt allerdings gerade ein fantastisches Gewitter, durch das mein Spracherkennungsprogramm fast komplett lahmgelegt wird. Ich setze mich noch ein wenig auf den Balkon und gehe danach schlafen. Adorno folgt dann morgen.

Kunst = Sport

Kunst, die im Spiel ihre Rettung vorm Schein sucht, läuft über zum Sport.
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main 1998, Seite 154
Ich liebe diesen ganzen Absatz, den Adorno zur Krise des Scheins schreibt (154-160), weil er hier wie selten über das Problem konstruierter Bewegungen im Verhältnis zu realen sozialen Prozessen nachdenkt und so den kritischen Charakter seiner Theorie, das, worum es ihm geht, besonders gut verdeutlicht.

Onkel = Glück

Einen Onkel zu haben bedeutet manchmal ein großes Glück. In diesem Fall handelt es sich um meinen Onkel Hanfried, dem Zwillingsbruder meines Vaters. Wir hatten heute Abend wieder einen Schlemmerabend, mit leckerer Pasta, Rotwein und frischen Erdbeeren als Dessert. Zum Abschluss schenkte Hanfried mir eine "Deutsche Literaturgeschichte" von einem gewissen Alfred Biese. Dieses dreibändige Werk hat mich alleine schon deshalb begeistert, weil sich unter den Dramatikern der Gegenwart ein Arthur Schnitzler und ein Gerhart Hauptmann befinden, unter den aktuellen Erzählern den von mir sehr geschätzten Eduard von Keyserling. Das Buch von Biese ist also schon etwas älter, in dieser Ausgabe (genauer gesagt) aus dem Jahre 1917. Gelesen habe ich bisher nur die Passage zu Nietzsche, die zwar recht süßlich ausfällt, aber diesem seltsamen Philosophen wesentlich gerechter wird, als Johannes Hirschberger in seiner Geschichte der Philosophie. 
Tatsächlich schafft Hirschberger es nicht, auch nur irgend eine Leistung von Nietzsche anzuerkennen und spekuliert damit, dass seine psychische Erkrankung bereits wesentlich früher zum Tragen gekommen wäre (trotz Jasper!). So sehr ich den Hirschberger für seine Darstellung der scholastischen und idealistischen Philosophien schätze: Alles, was er zu den Nachfolgern von Hegel zu sagen hat, Marx zum Beispiel oder auch Wittgenstein, ist grausamer Murks. Die Frankfurter Schule ignoriert er einfach.
Glücklicherweise ist Hirschberger nicht mein Onkel und so vergnüge ich mich jetzt mit einer historischen Darstellung der deutschen Literatur. Besonders schön finde ich, dass der Autor (ohne Ressentiments) auch weibliche Schriftstellerinnen in Hülle und Fülle würdigt, deren Namen mir teilweise überhaupt nicht geläufig sind.

30.06.2012

Adorno und die Müdigkeit

Sollte eigentlich nicht so sein: dass man bei der Arbeit mit Adorno von einer fast existenziellen Müdigkeit befallen wird. Trotzdem ist das bei mir heute so. Ich habe mich einer unliebsamen Aufgabe gewidmet, die nur Linguisten einfallen kann: ich habe intensiver zu den logischen Strukturen und zur Begriffsverwendung Kommentare verfasst, vor allem zu den ersten 15 Seiten der Minima Moralia. Wie immer bei solchen Arbeiten liegt mein geliebter Polenz (Deutsche Satzsemantik, Berlin 1988) offen dabei, obwohl dieses Buch für mich nach und nach seinen Wert verliert.
In vielem kann ich Polenz mittlerweile nicht mehr folgen, bzw. geht er mir nicht genügend auf meine Bedürfnisse ein: so habe ich heute auch Übergänge zwischen Satzverknüpfungen bei Adorno untersucht, zum Beispiel zwischen kopulativen und disjunktiven, die in das rhetorisch-logische Arsenal von Adorno grundlegend dazugehören (eine Übersicht über diese semantischen Klassen findet ihr hier: semantische Klassen). Zu diesen Aspekten sagt Polenz überhaupt nichts. Er liefert hier grundlegende Werkzeuge (weshalb ich ihn immer noch gut finde), aber keine weitergehenden Erläuterungen, die in Richtung Argumentation oder Narration gehen.
Am wichtigsten sind (bei Adorno) die explikativen Verknüpfungen. Adorno spezifiziert immer soweit, dass er einen modernen Archetypus herauskristallisiert. Dies wird zum Beispiel besonders deutlich in seinem Fragment "Fisch im Wasser" (Minima Moralia, 23-25), wo er die Händlerqualitäten der Beziehungsverwalter angreift und deren Instrumentalisierung und Selbstinstrumentalisierung er als reaktionär und gewissenlos, aber gewissenlos auf selbstverblendete Art und Weise, brandmarkt. Solche Beziehungsverwalter werden dadurch zu Archetypen einer postkapitalistischen Gesellschaft.
Es ist auch klar, dass die explikativen Verknüpfungen generell in einem philosophischen Text einen wichtigen Raum einnehmen: sie dienen der Definition auf der einen Seite und der Erläuterung des Begriffsgebrauchs auf der anderen Seite, sind also zentrale Elemente des wissenschaftlichen und philologischen Arbeitens. Auffällig bei Adorno ist jedoch, dass diese explikativen Verknüpfungen häufig wertend sind und häufig auch mit einer Geisteshaltung oder einer Emotion konnotiert oder denotiert sind (besonders häufig sind Wörter aus dem Bereich von Wut und Angst).
Diese explikativen Verknüpfungen führen bei Adorno oft zu einer Fallunterscheidung, die entweder komitativ (miteinander geschehend) oder disjunktiv (trennend) ist, wobei sich diese beiden Arten der Verknüpfung rein semantisch nicht gut trennen lassen. So schreibt Adorno in seinem ersten Fragment "Für Marcel Proust" vom materiell Unabhängigen, der einen intellektuellen Beruf ergreift und nicht der Arbeitsteilung des Geistes gehorcht. Damit wird der Status solcher Intellektueller fraglich: sie gehorchen nicht der Departementalisierung des Geistes. Andererseits funktioniert die Verteidigung der intellektuellen Arbeitsteilung nur, wenn man mit dem Finger auf solche Dilettanten zeigen kann. Die Trennung des Berufsgelehrtentums, dem Adorno ein Einverständnis mit der geistlosen Geistigkeit unterstellt, von dem grenzüberschreitenden Müßiggänger, der sich von der Notwendigkeit des Geldverdienens nicht verschandeln lässt, ist nicht so vollständig, dass man hier zwei verschiedene Typen vermuten darf, die ohne Beziehung nebeneinander herleben. Vielmehr gibt es hier so etwas wie logische Schichten: oberflächlich gesehen ist der Berufsintellektuelle mit dem versierten Dilettanten nicht zu vergleichen; eine solche Beziehung stellt sich disjunktiv dar. Beim zweiten Blick allerdings wird diese Beziehung komitativ: die Arbeitsteilung des Geistes und die Missachtung dieser Arbeitsteilung sind zwei Seiten derselben Medaille. Semantisch gesehen verbindet Adorno zwei semantische Verknüpfungen situativ, die durch die Brille einer formalen Logik nicht miteinander verknüpft werden dürften.

Besonders schön (und darum kreist mein derzeitiges Arbeiten auch) sind die Passagen über Schein und Ausdruck in der Ästhetischen Theorie, die mir für Adornos Denken im wesentlichen auch methodische Aussagen zu sein scheinen.

28.06.2012

In Büchern kritzeln

Wie ich es hasse, wenn irgendwelche Leser in irgendwelche Bücher hineinkritzeln, die ihnen nicht gehören. Neulich habe ich mir die Einführung in Herbert Marcuse (Junius-Verlag) ausgeliehen. Und hier hat jemand kleine, flotte Kringelchen um Wörter gemacht, die bedeutsam zu sein schienen, zum Beispiel um ein "so". Noch besser aber ist das Nietzsche-Buch, das ich zur Zeit ausgeliehen habe. Hier fand jemand den Inhalt so toll, dass derjenige (oder diejenige) so ziemlich alles unterstrichen hat, was der Autor geschrieben hat.
Ich dagegen empfehle den Kommentar: das simple Abschreiben von Zitaten, das Hinzufügen einer Überschrift und die eigenen Gedanken dazu (stichwortartig oder in Form einer Mindmap) sind wesentlich bessere Lesetechniken als dieses flüchtige Unterstreichen.

27.06.2012

Kant und der Penisneid

Sachen gibt es! 
Mein Blog wurde gesucht und gefunden mit dem Stichwort: "Gehst du zum Weibe, vergiss nicht die Peitsche.", ein herrlich schlecht interpretiertes Zitat von Nietzsche. Nun bin ich auf jeden Fall neugierig geworden, wo ich was über dieses Zitat geschrieben habe. Ich habe also gegoogelt, nicht meinen Blog gefunden, dafür aber die Behauptung, Kant oder Freud habe den Frauen Penisneid unterstellt. 
Nehmen wir an dieser Stelle einfach mal Freud und lassen Kant beiseite.

Ich habe zu diesem Nietzsche-Satz in meinem Artikel Eine stets gleiche Rhetorik? einen kurzen Kommentar verfasst.

26.06.2012

Die seltsamen Blüten populärwissenschaftlicher Darstellungen

Sonntagabend habe ich mit der Kommentierung eines Buches begonnen, das mich sichtlich nervt. Sichtlich natürlich nicht für euch. Aber ich saß am Sonntag schimpfend auf meinem Balkon und gesehen hat das mein Sohn.
Das Buch stammt von Friedhelm Schwarz und heißt ›Muster im Kopf‹. Ich hatte es bereits als recht missglückten Versuch bezeichnet, "die Neurophysiologie philosophisch zu wenden" (Zwischenbericht aus dem privaten Leben).
Was mich hervorragend stört, sind die Argumentationsgänge dieses Autors. Er gleitet viel mehr, als dass er argumentiert. Und ein Problem daran ist mit Sicherheit, dass Begriffe und fachliche Strukturen wenig ausgearbeitet werden. Ich kann es nur noch einmal sagen: wer argumentieren will, muss zunächst die Begriffe scharf erfassen. Ansonsten entstehen eher Suggestionen, die sich auf Worthülsen stützen.
Dies möchte ich an einem Beispiel deutlich machen:
"Zum Glück sind die Menschen von Geburt an mit der Eigenschaft ausgestattet, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden. D.h. allerdings nicht, dass der Mensch von Natur aus gut ist, sondern es heißt, dass bestimmte genetische Veranlagungen zur Differenzierung vorhanden sind, die dann durch die Umwelt entsprechend der Gesellschaft und Kultur ausgeformt werden."
(Schwarz, Friedhelm: Muster im Kopf. Reinbek bei Hamburg 2006, Seite 26)
Der erste Satz ist schon äußerst befremdlich, zielt er doch auf ein moralisches oder wissenschaftliches Vermögen, das gleichsam angeboren sei. Der zweite Satz verknüpft sich nur lose mit dem ersten. Die Fähigkeit, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, zielt für mich schon assoziativ nicht auf eine Moral oder eine moralische Persönlichkeit. Zwar lehnt auch der Autor dies ab, aber alleine dieser Sprung zur moralischen Persönlichkeit ist doch merkwürdig.
Der zweite Halbsatz des zweiten Satzes bringt lediglich eine Plattitüde ins Spiel, etwas, das in unserer Gesellschaft zu einem Glaubensbekenntnis herabgesunken ist: die Gesellschaft präge in irgendeiner Art und Weise das Denken mit, aber genetisch sei es ja auch ein bisschen (also das Denken). Einen zentralen "Witz" (also einen geistreichen Dreh) der Entwicklungspsychologie, nämlich, dass die genetische Veranlagung prozessuale Strukturen unseres Denkens vorgibt, erwähnt der Autor gar nicht. Zum Teil schwankt er deshalb recht hilflos zwischen einer inhaltlichen Veranlagung des Denkens und einer formalen hin und her.
Die inhaltliche Veranlagung des Denkens ist eine typische Vorannahme primitiver Menschen und findet sich häufig im rassistischen Diskurs. Hier wird behauptet, dass bestimmte Denkinhalte genetisch geprägt sind, zum Beispiel die Vorliebe für wissenschaftliches Denken in der arischen Rasse (was Adolf Hitler irgendwo, mit anderen Worten, in seinem Buch ›Mein Kampf‹ schreibt). Noch hübscher allerdings hat das meine "Lieblingsrassistin" mal mir gegenüber ausgedrückt: dass nämlich mein Interesse an der Philosophie vererbt sei.
Schwarz jedenfalls führt solche Begriffe wie "genetische Veranlagung" oder "Kultur" recht unbedarft ein und kann deshalb auch nur in Belanglosigkeiten stecken bleiben. Diese fehlende Begriffsbildung bedingt allerdings zusätzlich, dass das Buch insgesamt kaum eine Struktur hat. So wird zum Beispiel immer wieder auf bestimmte Aspekte des unbewussten Wissens verwiesen, ohne dies einmal gründlich zu diskutieren. Auch die oft beschworene "Macht des Unbewussten" gerinnt zu einem Glaubensbekenntnis, wenn sie nicht weiter ausgeführt wird.

An dem Zitat von Schwarz fällt mir aber besonders die Formulierung "durch die Umwelt entsprechend der Gesellschaft und Kultur" auf, deren Gehalt entsprechend der wenig definierten Begriffe auf eine Tautologie hinausläuft: Gesellschaft und Kultur werden gleichgesetzt, während die Umwelt aus eben dieser Gesellschaft und Kultur besteht.
Die rhetorische Figur dahinter ist die Tautologie, wie sie deutlicher in dem Satz "Geschäft ist Geschäft." zu finden ist. Roland Barthes schreibt dazu:
Die Tautologie ist jenes sprachliche Verfahren, das darin besteht, Gleiches mit Gleichem zu definieren (»Theater ist Theater«). Man kann darin eine jener magischen Verhaltensweisen erkennen, mit denen sich Sartre in seiner »Skizze zu einer Theorie der Emotionen« beschäftigt hat. Man flüchtet in die Tautologie ebenso wie in Furcht, Wut oder Traurigkeit, wenn einem die Erklärungen ausgehen. Das zufällige Aussetzen der Sprache wird magisch mit dem gleichgesetzt, was man für einen natürlichen Widerstand des Objekts zu halten beschlossen hat. In der Tautologie liegt ein doppelter Mord: Man vernichtet das Rationale, weil es uns widersteht; man vernichtet die Sprache, weil sie uns verrät. Die Tautologie ist eine Ohnmacht zum rechten Zeitpunkt, eine heilsame Aphasie, sie ist ein Tod oder, wenn man will, eine Komödie, die empörte »Vorführung« der Anrechte des Realen auf die Sprache. Als magische kann sie sich wohlgemerkt nur hinter einem autoritativen Argument verschanzen. So antworten die Eltern dem quengelnden Kind auf seine Warum-Fragen schließlich: »Das ist so, weil es eben so ist« oder noch besser: »Warum? Darum! Punkt!« Dieser uneingestanden magische Akt vollzieht zwar die sprachliche Geste der Rationalität, gibt sie aber sogleich auf und glaubt, mit der Kausalität quitt zu sein, weil er das einführende Wort geäußert hat. Die Tautologie bezeugt ein tiefes Misstrauen gegen die Sprache; man verwirft sie, weil sie einem fehlt. Doch jede Verwerfung der Sprache ist ein Tod. Die Tautologie legt den Grund für eine tote, eine unbewegliche Welt.
Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt am Main 2011, Seite 308
So scheint eine wichtige Strategie in der populärwissenschaftlichen "Argumentation" die Entleerung der Begriffe zu sein, die nur noch durch das suggestive Argument (Barthes nennt es das autoritative Argument) gestützt werden. Beides bedingt sich natürlich: je weniger man Begriffsbildung treibt, umso mehr muss man suggestiv argumentieren und je suggestiver man argumentiert, umso eher werden die Begriffe ausgehöhlt.

24.06.2012

Zwischenbericht aus dem privaten Leben

Cedric
Cedric ist da. Wie immer besetzt er meinen Computer, wenn er da ist (da mein Computer grafikstark ist, macht ihm das "Daddeln" darauf sehr viel Spaß). Er ist letzten Sonntag von einem zweimonatigen Aufenthalt aus Frankreich zurückgekommen, der ihn nicht so begeistert hat. Allerdings war er auch nicht unzufrieden. Montag waren wir im Block House Steaks essen. Mittwoch auf Donnerstag war er wiederum bei mir. Ich habe Dampfnudeln gemacht. Ich fand sie sehr lecker, Cedric war nicht so begeistert. Heute gab es Gulasch.
Zur Zeit liest er den neunten Band von "A Game of Thrones". Bewundernswert finde ich, wie kritisch (aber auch hartnäckig) er diese Fantasy-Saga begleitet.
Schön finde ich auch seinen noch sehr jungenhaften Charme und seine zurückhaltende Ironie. Er ist noch nicht gebildet genug, um seiner Ironie eine gesellschaftskritische Schärfe zu geben, aber da er dies auch irgendwie spürt, erscheint er nicht als arrogant. Was ihn zu einem sehr sympathischen Gesprächspartner macht.
(Das sind natürlich auch die Vaterfreuden, die man sich so gönnt.)

Lesen
Die letzten Tagen habe ich ein paar liebgewonnene Texte wiedergelesen, allen voran das Buch Entstellte Ähnlichkeit von Sigrid Weigel. Außerdem habe ich mir die Mühe gemacht, die Zitate aus diesem Buch in meinem Zettelkasten mit Seitenzahlen zu versehen.
Gelesen und halbwegs durchkommentiert habe ich auch Friedhelm Schwarz Muster im Kopf. Warum wir denken, was wir denken. Dabei handelt es sich um einen recht missglückten Versuch, die Neurophysiologie philosophisch zu wenden. Manche Behauptungen sind einfach hahnebüchen, so, dass man früher von drei Lebensabschnitten im Leben der Menschen sprechen konnte, während es heute fünf seien. Erikson ist in den 40er Jahren schon differenzierter und begründeter gewesen.
Gelesen habe ich natürlich auch Walter Benjamin und, wie ihr an den letzten Artikeln in meinem Blog sehen könnt, Adorno. Besonders bei Benjamin hat mich der Abschnitt über die Bohème in seiner Baudelaire-Schrift beschäftigt und Ich packe meine Bibliothek aus. Wer den Abschnitt über die Bohème kennt, wird sich nicht wundern, dass ich in den 18. Brumaire von Marx hineingeschaut habe, den ich nach wie vor für einen der wunderbarsten Texte von Marx und einen der ganz großen Texte der deutschen Philosophie halte. Den Unkenrufen unbelesener Neoliberaler zum Trotz.
Schließlich habe ich eine Monografie über Nietzsche gelesen (rororo). Ein nettes, aber insgesamt unbedeutendes Bändchen. Der Anspruch des Buches, dass sich Werk und Leben Nietzsches gegenseitig erhellen könnten, wird nicht erfüllt. Man kann nur sagen: was für ein Glück. Denn das Leben hat noch nie als Schablone für ein Werk getaugt. 

Schreiben
Meinem Lesepensum entsprechend habe ich zu sehr unterschiedlichen Themen geschrieben. Bei Benjamin und Adorno verfolge ich den Begriff der Ähnlichkeit und der Mimesis. In Adornos Texten bin ich, neben den zahlreichen (grammatischen) Rückbezügen und Vorgriffen, auf recht eigenartige Ellipsen gestoßen, die mir vorher garnicht so aufgefallen sind. Adorno scheint mit diesen Ellipsen zu spielen, indem er den (philosophisch vorgeprägten) Leser diese ergänzen lässt, selbst aber nicht davon redet, so dass sich hier über Anspielung und Konnotation eine Art verschwiegener Melodie ergibt, die den "offiziellen" Text begleitet. - Das ist übrigens wie bei Deleuze, den man dann am besten versteht, wenn man die Originale gut kennt, auf die er sich bezieht. Bei Deleuze habe ich viel zu lange gewartet, bis ich Spinoza und Bergson gelesen habe. Während meines Studiums habe ich vor allem Freud und Marx mit ihm in Bezug gesetzt. Auch Kant, der Deleuze sehr geprägt hat, kannte ich während meines Studiums nur wenig.
Vorzugsweise habe ich wieder Kommentare geschrieben. Diese ufern, wie bei mir üblich, in alle Richtungen aus. Nach und nach erobere ich mir das recht freie Spiel mit Texten wieder zurück, eine meiner Stärken während meiner Studienzeit. Das ist zugleich glücklich und, rückblickend auf die letzten fünfzehn Jahre, auch etwas bedauerlich. Ich habe mich zu sehr mit biederen, kleinkarierten Menschen verbunden, denen der Status wichtiger ist als die Revolution des Sinns.

23.06.2012

Absolute Imitation

Das Moment am Kunstwerk, durch das es über die Wirklichkeit hinausgeht, ist in der Tat vom Stil nicht abzulösen; doch es besteht nicht in der geleisteten Harmonie, der fragwürdigen Einheit von Form und Inhalt, Innen und Außen, Individuum und Gesellschaft, sondern in jenen Zügen, in denen die Diskrepanz erscheint, im notwendigen Scheitern der leidenschaftlichen Anstrengung zur Identität. Anstatt diesem Scheitern sich auszusetzen, in dem der Stil des großen Kunstwerks seit je sich negierte, hat das schwache immer an die Ähnlichkeit mit anderen sich gehalten, an das Surrogat der Identität. Kulturindustrie endlich setzt die Imitation absolut. Nur noch Stil, gibt sie dessen Geheimnis preis, den Gehorsam gegen die gesellschaftliche Hierarchie. Die ästhetische Barbarei heute vollendet, was den geistigen Gebilden droht, seitdem man sie als Kultur zusammengebracht und neutralisiert hat.
Adorno, Theodor/Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung, Seite 139

22.06.2012

Mythischer Trotz

Ab und zu klage ich ja, dass ich Adorno immer noch nicht verstehe (man hat mir bereits widersprochen). Aber zumindest vervielfältige ich meine Trampelpfade durch dieses höchst anregende Werk. In seinem Essay zu Kafka (in: Kulturkritik und Gesellschaft I) finde ich folgende Stelle:
"Anstelle der Menschenwürde, des obersten bürgerlichen Begriffs, tritt bei ihm das heilsame Eingedenken der Tierähnlichkeit, von der eine ganze Schicht seiner Erzählungen zehrt. Die Versenkung in den Innenraum der Individuation, die in solcher Selbstbesinnung sich vollendet, stößt aufs Prinzip der Individuation, jenes sich selbst Setzen, das die Philosophie sanktionierte, den mythischen Trotz." (286)
Es ist natürlich richtig, dass die Menschenwürde ein Artefakt des idealistischen Vernunftbegriffs ist, dessen Unterbau Kant wenig gewürdigt hat, so die leiblichen Bedürfnisse (die er gesondert als eine Diät geschildert hat) oder die kulturell geprägten Bedürfnisse (hier müsste man noch einmal genauer die Maslowsche Bedürfnispyramide diskutieren, bzw. auch Werke, die mit "großen Bedürfnissen" argumentieren, zum Beispiel Osho, Hitler oder Hubbards Dianetics und aus dem ästhetischen Trotz einen nationalistischen oder salutogenetischen machen).
Das Sichsetzen führt in bestimmten Fällen vom Idealismus weg hin zu einer ästhetischen Auseinandersetzung, zu einer Produktivität. Das meint Adorno wohl mit "mythischem Trotz": der Mythos kommt hier aus der Zukunft zu dem Individuum zurück als ein "es wird sinnvoll gewesen sein", ein futur antérieure.

Dieser mythische Trotz findet sich auch in der Trotzphase des Kleinkindes. Diese ist für das Verständnis der Negation so enorm wichtig und, so kann man jedenfalls spekulieren, für den dialektischen Umgang mit der Negation in späteren Phasen des Denkens (den hoffentlich kritischen Phasen).

Man müsste diesem mythischen Trotz in der Sozialisation des Lehrers nachgehen: am Urgrund dieser Lehrersozialisation scheint mir ein erzwungenes, ästhetisches Phänomen zu liegen, das halb einer Fremdstilisierung und halb einer Selbststilisierung geschuldet sein könnte. Dies könnte an der Unsicherheit liegen, was genau der Bildungsauftrag ist, den Lehrer zu erfüllen haben. Wobei man hier nicht auf das Curriculum rechnen darf, das ziemlich genau vorschreibt, was der Lehrer zu tun hat, sondern auf den unsicheren Bildungsbegriff. Die Schule ist, und anders darf man das nicht betrachten, nicht nur eine Übungsanstalt für Kulturtechniken, sondern auch persönlichkeitsprägend und damit zu den Manifestationen gesellschaftlich geforderter Hysterie zu zählen.