18.03.2009

Lehrpläne

Ich habe mich gerade in den Lehrplänen zum Deutschunterricht umgetan. Das kann ich hier mal jedem Bürger und jeder Bürgerin der Stadt Berlin empfehlen. Zwar ist all dies - aber wie auch sonst? - recht knapp gehalten, doch insgesamt ein sehr durchdachtes Werk.
Studierende Pädagogen sollten ihr Studium durchaus an einem fundierten Verständnis dieser Lehrpläne ausrichten, und zwar, wenn es geht, aller Lehrpläne (da man mit Lehrern anderer Fächer kooperiert, ist das sinnvoll), abgesehen von der Fachkompetenz der jeweils anderen Fächer. Ein gewisses Bildungsniveau sollte man von einem Lehrer ja von vorneherein erwarten, also auch eine gewisse über die eigenen Fächer hinausgehende Kompetenz.
Alleine für die Methodenkompetenz in all ihren grundlegenden Aspekten dürfte man vier Semester Pädagogikstudium einplanen. Und die halte ich fast für die einfachste der Kompetenzen.

In Hamburg war das übrigens damals so: ich suchte die Hamburger Lehrpläne für den Förderschwerpunkt Lernen und wurde schließlich fündig: es gab einen Ordner in der Senatsverwaltung mit gerade noch um die zwanzig Zettel, der Rest war herausgerissen. Soweit ich mich erinnere, war der alte Rahmenlehrplan für Lernbehindertenpädagogik von Anfang der 70er-Jahre. Heute existieren diese in einer Neufassung (allerdings nicht unter dem Begriff Rahmenlehrplan, sondern Bildungsplan). Ein echter Fortschritt.


(Und damit habe ich mich jetzt, glaube ich, genug aufgeregt und im Internet herumgetrieben für heute. Jetzt wende ich mich wieder meiner Textarbeit zu, bzw. dem Aufdröseln der Neurophysiologie.)

Tageszitat

Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein.
[J. W. Goethe]


Deutsche Argumentation

Charlton Heston ist einer der konservativsten und unbeugsamsten Befürworter von Waffenbesitz von Bürgern.

In Deutschland läuft diese Diskussion zum Glück anders. Noch!
Sieht man sich die Diskussion um den Religionsunterricht an, wünscht man sich, dass die Menschen zum Beispiel etwas mehr Kant lesen. Argumentationslehre ist kein schamanistisches Mysterium. Und hüben wie drüben wäre das eine oder andere an Differenziertheit und genauerer Argumentation doch sinnvoll.

Überhaupt: ich habe mir heute ein kleines Experiment geleistet und mal ein paar Leute auf der Straße angesprochen (mit äußerst seltsamen Erlebnissen: einige Menschen haben mich angesehen, als ob ich irre geworden sei; zum Glück dachte ich mir solch eine Reaktion schon und war darauf vorbereitet, aber das ist ein anderes Thema).
Jedenfalls habe ich die Menschen gefragt, ob sie es für wichtiger halten, dass ein Manager ethisch oder religiös handelt. 100%ige Antwort: Manager sollen ethisch handeln (die Stichprobe betrug allerdings nur sieben Menschen).
Als ich gefragt habe, ob sie für Religion als Zusatzfach oder Alternativfach für Ethik stimmen würden, fiel die Antwort auf 5 für Zusatzfach, 2 für Alternativfach.
Auf die Frage, warum sie so wählen würden, kam von denen, die Religion als Zusatzfach belassen würden, etwa folgende Antwort: "Die meisten glauben doch eh' nicht mehr an einen Gott." (2 Stimmen), "Ethik ist umfassender." (1 Stimme), "Das sind keine ausgebildeten Lehrer, die das unterrichten." (1 Stimme), "Die Kinder sollen nicht getrennt in Werten unterrichtet werden." (1 Stimme).
Die Menschen, die Religion als Alternativfach wählen würden, meinten: "Damit die jungen Leute wissen, was ihnen heilig sein muss." (1 Stimme), "Jeder hat doch das Recht auf seinen eigenen Glauben." (1 Stimme)

Dröseln wir das auf:
  • "Die meisten glauben doch eh' nicht mehr an einen Gott." --> Das ist eindeutig ein resignatives Argument. Nur weil viele Menschen nicht mehr an Gott glauben, heißt das noch lange nicht, dass Ungläubigkeit zur Pflichtübung werden muss.
  • "Ethik ist umfassender." --> Was zu beweisen wäre. Ethik stellt (und beantwortet die Frage, mit welcher Qualität auch immer), wie wir zusammen leben sollen. Religion befasst sich, je spezifisch, mit den Bräuchen und Lehren einer spezifischen Religion. Dass der Religionsunterricht und die Theologie eng mit ethischen Fragen verknüpft ist, ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung (sage ich hier mal kühn). Jedenfalls kann man nicht behaupten, dass Ethik so eine Art Meta-Religion wäre. Auch das ist also kein Argument, jedenfalls nicht direkt. Dass Ethik etwas anderes ist, und deshalb Ethik und Religion nicht als Alternativen gleichgesetzt werden können, ist wohl das eigentliche, worauf man beim Argumentieren abzielen sollte. Und die ganze Frage ist dann nur noch: behandelt der Ethikunterricht die Religionen mit, oder behandelt der Religionsunterricht die Ethik mit?
  • "Das sind keine ausgebildeten Lehrer, die das unterrichten." --> Soweit ich weiß, sind die meisten Religionslehrer ausgebildete Lehrer, die hier - in Religion - eine Zusatzqualifikation erlangt haben.
  • "Die Kinder sollen nicht getrennt in Werten unterrichtet werden." --> Das ist für mich das überzeugendste Argument. Werte sind, folgt man Luhmann, ein semantisches Äquivalent zu Normen. Äquivalent heißt nicht, dass Werte das ausdrücken, was Normen einschleifen. Es heißt nur, dass diese sich in der Codierung darauf beziehen, wo Normen das erwartbare Handeln begrenzen. Gemeinsame Werte, also - salopp formuliert - semantische Konfigurationen, die sich auf das Wie des Zusammenlebens beziehen, müssen nicht Entsprechungen auf der normativen Ebene besitzen, siehe Multikulturalismus, der normativ eher von Mischungen, Abgrenzungen und erduldeten und nicht-geduldeten Missverständnissen gezeichnet ist. Aber zumindest liefern hier Werte eine Art Ritualisierung in der Sprache, was man noch einmal probieren sollte, weil es einen Wert hat: zum Beispiel, mit Menschen sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds zusammenzuleben.
  • "Damit die jungen Leute wissen, was ihnen heilig sein muss." --> Hier ist heilig eine recht seltsame Metapher für Respekt, Achtsamkeit. Der Mann meinte wohl ethisches Handeln, metaphorisierte das aber in den religiösen Bereich.
  • "Jeder hat doch das Recht auf seinen eigenen Glauben." --> Unbestritten? Nicht wirklich. Glauben, der antidemokratisch ist, wird von den Gesetzgebern zurecht beschnitten. Siehe Fundamentalismus. Und was hat das Recht auf einen eigenen Glauben damit zu tun, dass Religion als Alternativfach eingeführt werden soll? Die Antwort war ausdrücklich: "Ja, man kann die Menschen doch nicht zwingen."

Bodo Ramelow, Mitglied des Parteivorstandes der Linken, fordert in Schulen nun Kurse für Konfliktbewältigung und Mediationsverfahren, außerdem mehr Medienkompetenz im Unterricht (unsinnig, wenn man die vorhandenen Rahmenpläne ansieht, da bereits vorgeschrieben). Des weiteren fordert er mehr Kontakt mit Schulpsychologen und Traumatherapeuten. Das ist ein schwieriges Feld. Die Kinder werden ja gerade überpsychologisiert, weil allzuviele Lehrer sich das Recht herausnehmen, in einer Art und Weise in die Köpfe der Kinder hineinzublicken, die so garnicht möglich ist.
Auf der anderen Seite werden fundamentale Sachverhalte der Wissenschaftstheorie nicht nur nicht in der Schule behandelt, sie scheinen auch den meisten Lehrern unbekannt zu sein. Dazu gehören Begriffs- und Modellbildung, Argumentationslehre oder, was den Deutschunterricht angeht, was ein Zeichen ist (und das ist wirklich erschreckend, denn das hat man wirklich in einer halben Minute erklärt, zumindest in den Grundzügen).
Nicht nur die Wertevermittlung, sondern der strategische Umgang mit der Pluralität des Sinns, mit der unendlichen Semiose (U. Eco) gehört stärker gewürdigt. Statt also mehr sozialpädagogisches "Gedöns" (entschuldigt bitte, liebe Sozialpädagogen), sollte eine klarere Ausrichtung auf methodisches Wissen, also auf Methodenkompetenz, auf die Sozialität des Wissens, also auf Sozialkompetenz, und auf das persönliche Spiel mit dem Wissen, also auf Personalkompetenz (scheußliches Wort übrigens) gelegt werden. All dies gibt der Berliner Rahmenplan übrigens vor, ich wiederhole es. In der Zeit, als dieser eingeführt wurde, hieß es an meiner damaligen Schule, man habe ja ein Jahr Zeit, um diesen umzusetzen, dabei müsste man - meiner Ansicht nach - nicht allzuviel pädagogischen Sachverstand haben, um mit fliegenden Fahnen zu der Neufassung überzuwechseln.
Denn was die Wissenschaftlichkeit der Pädagogik angeht, kann ich hier nur auf mein Lieblingshassbuch hinweisen, ein Geschmier an Doktorarbeit, das ich mir von keinem Zwölfjährigen so hätte geben lassen.

Der Chapitalismus absorbiert ja alles

und demnächst können sich die Männer Bartlöckchen von Karl Marx über eBay ersteigern. Für die Frauen gibt es alternativ Fußnägel. Alles andere hier.


Winnenden / Amok

Ich mäandere hier ein wenig zu dem Thema Gewalt. Seit Peter Fuchs dies in der Luhmann-Liste im Zusammenhang mit Narrationen erwähnte, und seit ich vom Carl-Auer-Verlag das Buch Autorität und Gewaltprävention rezensiert habe, ist das Thema wieder in den Vordergrund meiner Aufmerksamkeit gerückt. - Hier ein kleines Stück Analyse mit systemtheoretischen Operationen.

Un-/Auffälligkeiten
Bedenkt man die Berichte der Zeitungen, dann war der Täter von Winnenden, ein Tim K., vorher unauffällig, nachher auffällig. Was ist Auffälligkeit?

Adressierbarkeit
Grob gesagt ist Auffälligkeit Adressierbarkeit (P. Fuchs), das heißt, wie ein Mensch (oder ein System) in der Gesellschaft angesprochen oder erreicht werden kann. Menschen werden entweder direkt angesprochen oder es wird über sie gesprochen. Wenn ich mit meiner Nachbarin rede, lasse ich ihr eine gewisse Möglichkeit, sich zu meiner Kommunikation einzustellen. Wenn ich mit jemand anderem über meine Nachbarin rede, überlasse ich einem anderen diese Wahl, nicht aber meiner Nachbarin selbst.
Wir haben es hier mit zwei verschiedenen Formen der Selektion zu tun. Diese Selektion setzt sich auf die grundlegende Selektion in der Kommunikation - folgt man Luhmann -, der von Mitteilung und Information.

Zwei-/Drei-Differenzen-Schema der Kommunikation
Kommunikation ist ein Zwei-/Drei-Differenzen-Schema. Ein Zwei-Differenzen-Schema ist Kommunikation, weil man die Wahl zwischen Information oder Mitteilung hat und weil man wählen muss. Dabei ist die Information eine Unterscheidung in der Welt (zum Beispiel, dass ich über Amok/Auffälligkeit spreche und nicht über Tischdekorationen/Auffälligkeit), während Mitteilung ein Ausdruck der Eigendynamik eines komplexen Systems ist (in diesem Fall bin ich, der Autor, das komplexe System).
Das Zwei-Differenzen-Schema aus Information/Mitteilung (oder Weltunterscheidung/Eigenselektion) geht aber zugleich in ein Drei-Differenzen-Schema über, dem zwischen Information/Mitteilung/Selektion von Information oder Mitteilung. Da man wählen muss, da man gezwungen ist zu wählen, ist die dritte Differenz zugleich die Einheit des ganzen Schemas. Die Selektion ist die Einheit einer Unterscheidung in der Entscheidung für die eine oder andere Seite. Luhmann nennt diese Einheit auch Verstehen.

Zumutungen/Krisen
Wenn ich mit jemandem kommuniziere, mute ich ihm und er mir dieses Unterscheiden massenhaft zu, aber auf einem Niveau, dass ich es kaum noch merke. Die Kommunikation kommuniziert sich praktisch von alleine.
Erst krisenhafte Zuspitzungen steigen dann zu dem Problem hinab, ob der Andere mir etwas mitteilen oder mich informieren wollte.

Interaktion
Adressabilität stützt sich zum Beispiel auf Personen. Indem ich mit und über Personen spreche, adressiere ich sie in der einen oder anderen Weise. Personen sind Kompaktzumutungen an Attributen, bzw. Eigenschaften. Harald Schmitt ist hintersinnig und Oliver Pocher doof. So rasch geht das.
Der Amokläufer von Winnenden nun kippt anhand einer zeitlichen Differenz - vor/nach dem Amoklauf - von einer Wenig-Adressabilität in eine Viel-Adressabilität. Vorher war er ruhig und unauffällig, hinterher wird dieses und jenes gesagt und das massenweise. Er ist, sozusagen, in aller Munde.
Man kann von einer interpenetrativen Kommunikation sprechen, wenn ich jemanden direkt anspreche. Diese Form, die Interaktion, stützt sich auf die Unterscheidung anwesend/abwesend. Interpenetrative Kommunikation läuft massenweise in der Gesellschaft ab, nicht ganz so massenweise bei einzelnen Personen. Tim K. scheint, so wird in den Medien berichtet, wenig in solche Interaktionen eingebunden gewesen zu sein.

Kollaps und Wuchern der Adressierbarkeit
Der Amoklauf (insofern man von einem Amoklauf reden kann) hat in der Kommunikation folgendes bewirkt: zunächst wird die Interaktion von Tim K. mit anderen Personen durch eine gewalttätige Lösung radikal gestoppt. Mit Toten, salopp gesagt, kann man nicht sprechen. Dafür aber wuchert eine ganz andere Kommunikation, die massenmediale, die hier zugleich Informationen gibt ("Tim K.: Gewaltspiele auf dem Computer"), als auch über Mitteilungen informiert ("Tim K.: ein isolierter Junge?").
Massenmediale Aufmerksamkeit setzt sich hier gleichsam auf die personale Aufmerksamkeit drauf, und zwar in einer Art und Weise, dass die Aufmerksamkeit für die Massenmedien als Mitteilungsmittel entmutigt wird, die Aufmerksamkeit für die Massenmedien als Informationsmittel dagegen gefördert wird. Die Selektion in den Massenmedien - also die Seite ihrer Mitteilung, ihrer Eigenselektivität - muss mühsam (d.h. intellektuell) erzwungen werden; sie ist zunächst latent.

Eigen-/Fremdkomplexität und das Nadelöhr der Mitteilung
Während man bei Tim K. also von einem Kollaps der Adressierbarkeit ausgehen kann, und zwar sowohl in eigener Hinsicht, als auch in Hinblick auf andere: er wollte, aber das ist natürlich auch nur eine Aussage aus den Massenmedien, möglichst viele Menschen töten. Nimmt man diese Aussage als wahr, dann ist die Fremdtötung schon vorher ein Zusammenbrechen der Form Person auf ein Minimum an Attributen, also ein radikales Ausdünnen des Blicks auf den anderen. Das Was? der Adressierbarkeit verknappt sich auf die Unterscheidung lebendig/tot und das Wie? der Adressierbarkeit auf töten/nicht-töten.
Gewalt - so hat es den Anschein - ist ein Zusammenbruch von Eigenkomplexität und Fremdkomplexität. Eigenkomplexität, noch einmal, ist bezogen auf ein Mitteilen-Können. Mitteilen-Können setzt Wahlmöglichkeiten voraus, was man mitteilen möchte. Und in der Kommunikation setzt dies voraus, dass man einer Person zumutet, in ihren Mitteilungen selektiv vorzugehen, weil sie mehr mitteilen könnte, sich aber in diesem Moment für etwas entscheiden muss, bzw. zeitliche, sachliche und soziale Vorgaben die Komplexität der Mitteilung beschränken. Jede Eigenkomplexität geht durch das Nadelöhr der Mitteilung.
Fremdkomplexität, die Komplexität eines Anderen, geht ebenso durch ein solches Nadelöhr. Sich ein Bild von einem anderen Menschen aufzubauen, seine Kommunikation also als interne Vorlieben, als Seele und Geist zu interpretieren, führt natürlich nicht zur Wirklichkeit. Wirklichkeit, reales Bild ist kein Begriff, mit dem man heute noch diskutieren kann. Das einzige, was hier tauglich ist, ist das mehr oder weniger an Differenzierung. Damit sind wir wieder bei dem Aufbau/Abbau, und dem Zusammenbruch von Eigenkomplexität, diesmal in Form der Eigenkomplexität des Anderen.

Strategien
Dass Fremd- und Eigenkomplexität das Nadelöhr der Mitteilung bedürfen, führt zu Strukturerfordernissen, die hinreichend komplexe Entscheidungen ermöglichen. Üblicherweise spricht man hier von Metakommunikation (was ist passiert, als wir so und dass wir so miteinander geredet haben?) und Soft-Skills (wie kann ich entscheiden, wo Entscheidungen aufgrund der Eigen-/Fremdkomplexität riskant sind?).
Die Metakommunikation inszeniert eine Art re-entry des Verstehens ins Verstehen. Die Unterscheidung Information/Mitteilung wird normalerweise nicht kommuniziert, sondern nur prozessiert: ich fasse etwas als Information oder Mitteilung auf, aber ich rede über dieses Auffassen nicht, sondern tue es und setze es beim Anderen als Horizont meiner Wahl voraus.
In Bezug auf das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun habe ich von einer Rück-Qualifizierung gesprochen. Was ich beim anderen zu hören meine, setze ich für meine eigene Kommunikation voraus. Wenn Peter sagt: "Du siehst heute aber blendend aus!" und ich sage: "Veralbern kann ich mich selbst.", dann fasse ich Peters Aussage nicht als Information, sondern als Mitteilung auf. Ich rück-qualifiziere seine Aussage als Mitteilung. Wenn Peter jetzt empört sagt: "Du hast ja eine Laune heute! Ich sage nur, was ich denke.", dann ist klar, dass er seine Aussage als Information gesehen hat, während er nun seinerseits meine Aussage als Mitteilung, als inneres Selektionsverhalten auffasst, nämlich als schlechte Laune.
Metakommunikation qualifiziert nun nicht nur in direktem Anschluss, sondern auch die Episoden davor. Statt einfach weiter zu prozessieren, und die Kommunikation ihrem gewohnheitsmäßigen Lauf zu überlassen, werden jetzt Krisen herauspointiert, werden Konflikte zusammengefasst und zugespitzt, wird Verstehen als Nicht-Verstehen verstanden.
Soft-Skills dagegen behandeln so etwas wie strategisches Wissen um kommunikative Prozesse. Dazu gehört Metakommunikation. In dem strategischen Wissen ist aber zugleich mit angelegt, wie man gut in die Zukunft kommt, und es scheint zum selbstgefälligen Ton mancher Soft-skill-Trainer zu gehören, mit ihrem Training zunächst auch glänzende Karrieren zu versprechen.
Jedenfalls nutzen Soft-Skills operative Strukturen, also Methoden, um mit eigener und fremder Komplexität umzugehen. Die Strategien hängen sich wie Parasiten an dem unreflektierten Prozess des miteinander Plapperns und ordnen ihn, ohne dies mitteilen zu müssen. Soft-skills sind also Mitteilungen, die sich nicht mitteilen wollen. Ich entscheide etwas, weil ich als entscheidungsfähig gelten möchte, aber ich teile nur meine Entscheidungen mit, darüber indirekt meine Entscheidungsfähigkeit, aber nicht mehr meinen Geltungsbedarf als entscheidungsfreudiger Mensch.
Führen wir dies zurück auf das Thema Komplexität, dann sind sowohl Metakommunikation als auch Soft-skills Methoden, um kommunikative Prozesse komplex zu halten. Dabei scheinen aber beide nicht direkt auf eigene oder fremde Komplexität zu zielen, sondern auf das Risiko, Adressierbarkeiten zu eindeutig zu halten. Salopper formuliert: ich bin aus mehreren Persönlichkeitsakkumulationen zusammengesetzt - Deleuze könnte hier sagen: Wolf, Frau, Goethe -, und damit du nicht nur eine dieser Akkumulationen ansprichst, spreche ich mit dir strategisch.
Gewalt könnte nun - so stellt es sich für mich zur Zeit da - durch einen Verlust an strategischem Sprechen einhergehen. Eine Person hat keinen Variationsbereich mehr, sie ist nur noch genau dieses, ein Macho, eine Schlampe, eine faule Person. Die Form der Person variiert nicht, sie evoluiert nicht. Die Stagnation der Form Person, dies ist meine nächste These, trennt in der Kommunikation selbst, im Verstehen selbst zu starr zwischen Sicherheiten/Unsicherheiten.

Soziale Entdifferenzierung und mediale Redifferenzierung
Man kann ja nur vermuten, was bei Tim K. passiert ist.
Gewalt auf dieser Ebene hat immer das Problem, dass sie in der Beobachtung von einem Unterangebot an Differenzen (bis hin zur völligen Unwahrnehmbarkeit) zu einem plötzlichen Überangebot umschlägt. Die soziale Entdifferenzierung schlägt in eine temporal schwierig zu handhabende Redifferenzierung um.
Beobachtbar ist auch, dass die Redifferenzierung sowohl eine Medienflut auslöst (Fernsehen, Zeitung, Blogs, Artikel, Interviews, Gesprächsrunden, etc.), als auch eine Flut an Artefakten: Indizien, mit Deleuze gesagt, die das seelische Territorium des Amokläufers abstecken sollen.

Massenmedien
Dabei sollte man auch die Form der Massenmedien beachten. Massenmedien produzieren Sensationen/Skandale. Der Sensation des Amoklaufs folgt der Skandal der sozialen Isolation trotz eines gutbürgerlichen Elternhauses.
Das Hin- und Herswitchen von Tim K. zwischen Sensationsperson (=Täter) und Skandalperson (=Opfer) schafft gerade nicht die Kommunikation als eine strategisch unterfütterte, sondern prozessiert selbst Kompaktzumutungen recht simpler Bauart.
Dass Tim K. sich die Möglichkeiten an einer Teilnahme genommen hat, ändert nichts oder nur wenig an dieser Vorgehensweise der Massenmedien. Auch noch lebenden Personen - siehe Josef F., besser bekannt als "Inzestfall von Amstetten" - zeigen, dass Massenmedien (ob zurecht oder zu unrecht ist eine ganz andere Frage) so funktionieren.

Fabelwesen
Beim Inzestfall von Amstetten passiert nun folgendes: erstens wird Josef F. stark von der Öffentlichkeit abgeschirmt, zweitens lebt seine Tochter mit den Kindern an einem unbekannten Ort. Nicht-Adressierbarkeit. Die Tochter hat unter anderem Spiegel online auf Verletzung der Persönlichkeitsrechte verklagt. Und Spiegel online konstatiert:

Die Frau und die aus dem Inzest stammenden Kinder haben eine neue Identität erhalten und wohnen an unbekanntem Ort, Fotos von ihnen gibt es nicht. Sie sind gleichsam Fabelwesen. Trotzdem fühlen sie sich verletzt, wenn die Presse über die Taten des Angeklagten berichtet.
Diese Anonymität schafft einen ähnlichen Fall wie der Tod von Tim K. Die Tochter kann nicht mitreden, wird aber ständig thematisiert (und dass Spiegel sie nicht kennt, bedingt ja nicht umgekehrt, dass die Tochter den Spiegel auch nicht kennt). Dass sie von Spiegel online als Fabelwesen bezeichnet wird, drückt dies deutlich aus: man weiß eigentlich nicht, über wen man spricht, aber man spricht über ihn.
Definition des Fabelwesens: das, was nicht direkt adressiert werden kann, was nicht zurückadressiert (das Fabelwesen spricht über Anwälte mit Spiegel online).
Dirk Baecker schreibt:
Letztlich waren es die in England initiierten, dann in den USA aufgenommenen cultural studies der 70er und 80er Jahre, die den Schlussstrich unter diese vornehme Verweigerung des Zusammenhangs von Kapitalismus und Kultur zogen. Längst waren die Ethnologen und Anthropologen nicht mehr nur in fernen Ländern und auf anderen Kontinenten unterwegs, sondern wurden auf der Suche nach eigentümlichen Formen des Stammesverhaltens in amerikanischen Vorstädten, in der Londoner City, bei Kirchenkonzilen, in Vorstandsetagen, in Gerichtssälen, in Produktionsbetrieben und in Behörden fündig. Und längst war deutlich geworden, dass die Suche nach den authentischen Kulturen der menschlichen Frühgeschichte, nach den edlen Wilden der rousseauschen Imagination, nichts anderes bebilderte als die eigenen Fantasien und nichts anderes dokumentierte als das eigene kulturelle Unbehagen.
Baecker, Dirk: Im Theater II, in: ders.: Nie wieder Vernunft, Heidelberg 2008
Auffälligkeit
Auffälligkeit, so definiere ich zum Schluss, ist die massenmediale Form der Person, also die Inszenierbarkeit als Sensation oder Skandal.
Vielleicht greife ich zu weit, wenn ich hier Dirk Baecker's Zitat oben umschreibe und sage, dass Massenmedien Bilder entstehen lassen (durch Emergenz), die dazu taugen, Adressierbarkeiten umzuwandeln. Statt mit Brad Pitt selbst zu sprechen, verschafft ihm die mediale Aufmerksamkeit eine indirekte Adressierbarkeit, indem man sich an Klatschspalten wendet (die sich an den Leser wenden), und hier als parasitärer Mechanismus die parasitären Strategien der Interaktion ersetzen.
Vielleicht ist es ja anstrengend, mit Brad Pitt zusammenzuleben, aber es ist jedenfalls angenehm, über ihn zu lesen.


16.03.2009

Ethik / Religion

Jetzt habe ich mich den ganzen Tag lang mit dem Volksentscheid beschäftigt, der am 26. April in Berlin stattfindet. Bei diesem Volksentscheid geht es um die Einführung von Religion als Wahlpflichtfach.
Ich habe mich also insgesamt mit der Rhetorik der Befürworter und der Gegner auseinandergesetzt.

Zunächst muss ich festhalten, dass mich keine der Argumentationen überzeugt hat.

Wenn ich mich allerdings auf eine Seite stellen müsste, und das werde ich bei der Wahl auch, dann auf die Seite der Gegner der Einführung von Religion als Pflichtfach.

Warum?
Ethik wurde mit der Begründung eingeführt, eine gemeinsame Plattform für Wertevermittlung zu schaffen. Es bleibt dahingestellt, ob Ethik diese Aufgabe leisten wird. Soweit ich weiß, existieren dazu noch keine empirischen Befunde. Allerdings dürfte das, knapp drei Jahre nach Einführung des Faches, auch schwer sein. Zudem kenne ich nicht den genaueren Inhalt des Faches Ethik, d.h. hier die Lehrbücher. Der Rahmenlehrplan hört sich jedenfalls wieder mal spitzenmäßig an. Allerdings ist auch der Allgemeine Rahmenlehrplan für die Berliner Schulen sehr modern und durchdacht. Nur findet man den wenig in den Schulen wieder.

Pro Reli - der Verein, der die Volksinitiative gestartet hat - argumentiert nun, dass ein separater Religionsunterricht nach Konfessionen die eigene Wertevermittlung deutlich verbessern würde, also auch zu einer Identität in den Werten der eigenen Kultur verhelfen könne.
Dagegen sprechen aber drei Argumente:
1. Die Werte, denen jeder deutsche Bürger verpflichtet ist, sind die Werte des Grundgesetzes. Würde des Menschen zum Beispiel. Postgeheimnis, Versammlungsfreiheit, Recht auf eine eigene Meinung, Gleichheit vor dem Gesetz, und so weiter. Diese Werte haben ihre Grundlage in der demokratischen Rechtsordnung und stehen über den religiösen Werten insofern, als sie bindend für alle Deutschen gelten.
2. Die Identität, auch die Werteidentität, ist Teil der sozialen, emotionalen und personalen Kompetenz. Diese zu fördern, also die Kompetenzen, ist Mitaufgabe der Schule insgesamt, nicht eines gesonderten Unterrichts. Hier noch mehr Zersplitterung einzuführen, halte ich für kontraproduktiv.
Zudem ist ein grundlegender Unterschied zwischen wissenschaftlicher und ethischer Orientierung, dass wissenschaftliche Begriffe sich deduktiv oder induktiv zu Fakten verhalten, vermittelt über das wissenschaftliche Argument. Ethische Begriffe dagegen sind induktiv oder deduktiv abgeleitet zu dem, was streitenswert ist. Was streitenswert ist, kann man nicht dadurch erfahren, dass man homogene Lerngruppen bildet, also Segregation betreibt, sondern nur durch Heterogeneität.
Natürlich ist auch die Debatte Ethik oder Religion streitenswert. Hier geht es ja um die Frage, was die Gesellschaft zusammenhalten kann: eine gemeinsame Ethik oder separate Weltanschauungen. Dieser Streitbegriff ist aber so sehr verkürzt auf eine Opposition, dass hier eine Wahlmöglichkeit ohne weitere Verfeinerung kaum möglich ist. Doch gerade solche Überlegungen muss ja der Ethikunterricht mitliefern.
3. Praktisch gesehen wird der Religionsunterricht wohl so aussehen, dass kleine Religionen aus dem Unterricht alleine deshalb ausgeschlossen sind, weil sie aus finanziellen Möglichkeiten heraus keine Lehrer stellen können. Wenn man drei Kinder an der Schule hat, die buddhistisch oder schamanistisch erzogen werden, finanziert die Schulbehörde keinen Lehrer.
Wie sieht es mit sunnitischen und schiitischen Elternhäusern aus? Wird es Unterricht für Kinder der russisch-orthodoxen und der griechisch-orthodoxen Konfession getrennt geben? Liberale Juden und orthodoxe Juden?
All dies sind Fragen, die bei der jetzigen Diskussion außer Acht gelassen werden, die aber später bei der Verwirklichung eine wichtige Rolle spielen. Zu befürchten ist, dass diesen Minderheiten dann keine religiöse Identität mehr zukommt, ja dass sich hier eine Spaltung zwischen den großen und den kleinen Religionen ergibt. Gerade für jüdische Schüler - immer noch eine Minderheit in deutschen Schulen - kann dies das eindeutig falsche Zeichen sein. Und damit natürlich auch für alle Schüler, die ihren "eigenen" Religionsunterricht haben.
Zudem verbieten manche Religionen, wie das orthodoxe Judentum, eigentlich das Studium fremder Religionen. Das Judentum ist hier zwar insgesamt von seiner Grundauffassung liberal: solange jemand nach ethischen Regeln ein gutes Leben führt, kommt dieser in den Himmel, wird also im Jenseits nicht benachteiligt, und die Religionsfreiheit des Nachbarn gilt auch für den orthodoxen Juden. Aber die eigene Beschäftigung mit fremden Religionen ist nicht erlaubt. Dies würde von vorneherein die Kooperation im Schulfach Religion verhindern. Ethik hat, als Nicht-Religion, nicht dieses Problem.
Zum anderen aber sind missionarische Religionen wie das Christentum und der Islam des Öfteren noch sehr unentschieden zwischen Toleranz und aggressiver Missionierung. Gerade in Zeiten der Verunsicherung kann dies zu noch mehr Grüppchenbildungen führen. Religiöse Identität wird jedenfalls nicht die Lösung von ethisch unreflektiertem Managergehabe sein, und wenn ich mir Führungspersönlichkeiten wünsche, dann nicht solche, die religiös sind, sondern solche, die ethisch durchdacht handeln.

Wenn man sich die Pro Ethik-Argumente anschaut, sind diese plausibler, aber nicht so, dass man von einem qualitativen Sprung reden könnte. Zumindest kann man doch plausibel finden, dass heterogene Lerngruppen mehr Anreize zur Integration bieten als homogene.

Insgesamt aber wird diese ganze Diskussion herrlich fantasielos geführt. Ethische Vorstellungen sind nicht nur Aufgabe der Schule. Sie sind auch Aufgabe von Massenmedien (bitte einmal Gelächter!) und Politik. Wie also Wertevermittlung zu verlaufen habe, wie sich demokratische Gesinnung und Druss, statt Verdruss an demokratischer Politik aufrecht erhalten lässt, ist nicht alleine Aufgabe der Schule, sondern der ganzen Gesellschaft.
Klare Argumentationen, Kenntnis der Religionen, Reflexion auf die Vernunft, scharfe Begriffe und scharfer Umgang mit Begriffen gehört dazu. Nicht das Wischiwaschi, das hüben wie drüben geliefert wird.

Ich bin für das Fach Ethik. Aber ich bin noch für wesentlich mehr.


Druss ist übrigens ein Wort, das es nicht gibt. Verdruss, mhd. verdrutz, leitet sich evtl. von trutzen (wehren) ab und könnte etwa einigeln bedeuten. Der indogerm. Wortstamm thrud bedeutet vermutlich belästigen. Das Wort drieszen, dreuszen kam im ahd. und mhd. gelegentlich vor, starb dann aber aus.

14.03.2009

Kabelanschluss

"Der Kabelanschluss ist schon wichtig. Wir haben zwar eine Satellitenschüssel auf den Dach und die ist im Mietpreis drin, aber sobald es regnet, sehen Sie nur noch Rauschen. Die ist ja auch von 1958."
Sagt der Vermieter.
Was die wohl damals so empfangen haben?


12.03.2009

Auch Henrike

betrachtet die Medien in ihrer Eigendynamik, HIER.
 
Und bevor hier irgendjemand behauptet, die Welt sei nicht mehr in Ordnung, der sehe sich an, wer doch noch auf den Ehrenfriedhof kommen darf, hier. Nun, Friedhöfe sind ja auch Heterotopien und zwar vorher schon, was Schulen erst nach Amokläufen gelingt und das auch nur für kurze Zeit.


Winnenden

Schlimm ist, was in Winnenden geschehen ist. Eine Erklärung allerdings für die Tat wird es wohl kaum geben können. Abgesehen davon, dass der Vater nachlässig gehandelt hat, als er seine Waffen und die Munition offen im Schlafzimmerschrank hat liegen lassen.

Es wird wohl genug über diese Tat debakelt. Uns soll hier die Mediensprache interessieren. Nicht als Kritik, sondern als ein Versuch, Bildfelder zu ordnen.
Das mag angesichts der grässlichen Tat intellektuell, abstrakt, ja kühl wirken. Vielleicht verzeiht man mir, dass ich seit heute Nachmittag von dem Amoklauf weiß und eine ganze Weile gebraucht habe, um mich emotional in den Griff zu kriegen. Schließlich habe ich selbst einen Sohn auf einer Schule.

Mediensprache

Metaphern der Entgrenzung
Die Grenze spielt als Leitmotiv im Hintergrund eine starke Rolle. Die Grenze an sich ist hier auf zweierlei Felder ausgerichtet: einmal die örtliche Grenze, samt der Grenze nach unten, dem Fundament, und zum anderen die logische Grenze, die zugleich eine kausale und sprachliche Grenze ist. Über das Motiv der Grenze koppeln sich beide, örtliche und logische/kausale/sprachliche Grenze.

"Ich bin ... bestürzt ..." wird Angela Merkel zitiert. Bestürzen, d.h. - laut Grimmschem Wörterbuch - fallen machen, ganz wortwörtlich noch im Mittelhochdeutschen. Dort aber auch schon die Übertragung ins Abstrakte, der Körper, der dem Geist sein Bild leiht: "nu het mir den sin bestürzet", "ich bin so bestürzet, das ich nicht weisz was ich reden sol." (Steinmeier: "In solch einer Stunde versagt auch die Sprache.")

unfassbar / unfaszbar, so "sei das Wort des Tages" (Spiegel online); unfassbar wird passivisch konkret (unfassbare Wolken), eher aber noch abstrakt verwendet (unfaszbare Qual (Hauptmann), unfaszbare Vermutungen (Schnitzler)) --> wird als stärkerer Ausdruck für ungreifbar vermutet; auch: unfaszlich - auch hier eine vorwiegend passivische und abstrakte Verwendung (dem auge unfaszliche mannigfaltigkeiten (Goethe)), aber: "ringer, fechter, ... mit öl gesalbt, das sie unfaszlich sein" (übersetzt nach Petrarca). Interessant ist beim letzten die Herkunft aus dem Kampf. Ebenso aber: "... räuber, ... unfaszbar für die ausgesandten patrouillen ..."

entsetzt - "Politiker zeigen sich entsetzt ..." (Spiegel online): entsetzen als Verb ist das Gegenteil von setzen --> "berg entsetze dich von dem ort und setze dich in das meer!" (Paracelsus), gewöhnlich aber von Personen: "der könig setzet und entsetzet etliche bischöfe" (Kirchhof), d.h. also des Amtes entheben. Der Spiegel hätte, nach der alten Bedeutung also folgendes gesagt: "Die Politiker zeigten sich des Amtes enthoben ...". - Ganz umgedreht zum heutigen Sprachgebrauch: "fasse mut, ich will dich in der rechten stunde entsetzen" (Schiller), im Sinne von befreien, von einer Belagerung, Betrübnis befreien. - Als dritte Bedeutung auch: beschirmen, helfen, lösen, ersetzen: "des römischen kriegsvolks war die menge, dasz sie einander konnten entsetzen" (also ablösen), "wir menschen sind geborn einander zu entsetzen / und keinen durch gewalt gestatten zu verletzen" (Opitz): hier wohl im Sinne von helfen, beschirmen. - Vierte Bedeutung: den Besitz oder das Recht nehmen --> "derselb soll wasser und weid und aller gerechtigkeit dieser vier gemeinden walden verweist und entsetzet sein". - "alaun vier loth dienet zu entsetzen und zu reinigen und zu küelen" --> im Sinne von entspannen, entkrampfen. - "da fürchten und erschrecken, in vielen wörtern, ein auffahren, aufspringen, entsitzen ist, drückt das transitive entsetzen aus in furcht und schrecken jagen, aus der ruhe in unruhe setzen", so bei Luther: "und wen solch stücklin nicht entsetzt noch warnt, den lasz faren, er wil verloren sein".
Entsetzen hat also eine sowohl positive wie negative Bedeutung gehabt, aus dem Bereich des Krieges (eine Stadt entsetzen/befreien), der Medizin (den Leib entsetzen/entkrampfen), der Gefühle (von Ängsten entsetzen/befreien, aber auch: aufspringen, unruhig werden), der Politik und des Rechts (von einem Amt, von Rechten, vom Besitz entheben).

Wörter wie fassungslos, unfassbar, entsetzt, erschüttert, aber auch Ausnahmezustand, Ratlosigkeit, Ohnmacht, verweisen auf eine tiefe Unruhe im Verhältnis der Vernunft zu sich selbst. Wörter, wie diese, aber auch im Fundament erschüttert oder das Ausmaß der Katastrophe, bringen den räumlichen Aspekt, die räumlichen und/oder körperlichen Entlehnungen der Vernunft mit sich, ohne diese noch sonderlich mitzureflektieren.
Es ist vielleicht nur eine unbedachte Ironie, aber einer der Autoren von Spiegel online - Florian Gathmann - konterkariert den Bericht über Winnenden gleich zu Beginn mit folgendem Satz: "Eigentlich sollte dieser Tag zum großen politischen Befreiungsschlag der Kanzlerin werden, ..."

Wie eng sich dies wieder an das Folgende anlehnt, an die Konsequenzen, sei mit einigen anderen räumlichen Metaphern belegt. So wünschte sich Ute Vogt, die SPD-Chefin Baden-Württembergs, "ein gewisses Innehalten". Ursula von der Leyen dozierte, ja dozierte, solche Taten würden häufig von sozial isolierten Jugendlichen begangen (kriminologisch eine sehr interessante Aussage). Wolfgang Bosbach warnte davor, die deutsche Schulen "zu Hochsicherheitstrakten" auszubauen, und der Chef der Polizeigewerkschaft Konrad Freiberg sagte, es gebe keinen "lückenlosen Schutz". "Jedenfalls müsse", so gibt Florian Gathmann wieder, "die Frage im Mittelpunkt stehen, ..."
Zu den Metaphern des Entgrenzen treten hier die Metaphern und Bilder des Zentrums und des Abriegelns hinzu.

Innehalten, als eine Form der Bewegungslosigkeit, korrespondiert mit Aussagen wie "Ihr Gesicht wirkt wie versteinert: ..." - dem ein "... bricht es aus ihr heraus ..." folgt; oder: "mit starrem Gesicht". Schließlich geht aus auch darum, die Betroffenen zu "unterstützen" und nichts zu "überstürzen".

1. Man kann zwar nicht sagen, dass Metaphern, die sich auf soziale, psychische oder physische Grenzen beziehen, in den Medientexten haufenweise vorkommen, aber sie bilden den stärksten Bereich aus.
2. Dicht angelehnt daran, und mit diesen Metaphern verwandt, sind all jene Metaphern, die sich auf den Boden oder den Grund beziehen.
3. Eine dritte häufige Metaphernart ist die des Theaters: es sei "ein dramatischer ... Tatablauf" und "die Bluttat werde ein politisches Nachspiel"haben.
4. Den Metaphern des Entgrenzen treten Metaphern des Zentrums gegenüber: es sind komplementäre bildgebende Bereiche; ebenso stehen Metaphern des Aushöhlens und Bebens und Einstürzen-lassens denen des Stützen gegenüber.
5. Das unfreiwillig metaphorische Echo, das Gathmann in Bezug auf die politische Situation von Angela Merkel zu hören gibt, zeigt aber auch, wie dicht - und sei es nur über die Metaphorik dicht - die Politik zu solchen Gewaltexzessen stehen könnte. Lakoff (Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht, Heidelberg 2008) stellt dar, wie sehr unsere Sprache über den Dialog von Metaphern des Kämpfens und des Krieges durchsetzt [sic!?!] ist. Dabei solle Dialog dem Verständnis und der Gemeinsamkeit dienen.
6. Die Aussagen der Politiker haben alle ein gleiches Moment: das aus der Rolle fallen: bestürzt sein, entsetzt sein, schockiert sein (choc, der Stoß), und so fort, die eine Verbindung zwischen der Grenze der eigentlichen Rolle, ihrem Übertreten, eine zeitweilige Suspension beinhalten(!). Was auch immer die Tat des sogenannten Amokläufers motiviert hat, erst in der Reaktion treten solche Bilder und solche Bildmischungen auf.
Wenn Öttinger, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg sagt, der "Amoklauf, der Ausmaße angenommen hat", dann handelt es sich um eine doppelte Verdrehung. Denn erstens hat der Amoklauf keine Ausmaße angenommen, sondern sie werden ihm zugesprochen, und zweitens ist die Metaphorizität von "Ausmaß" genau der Versuch einer vernunftgemäßen Befriedung, den der Exzess nicht zu haben scheint. In dem Ausdruck von Öttinger schwingt also nicht die Gewalt des Amoklaufes mit, sondern schon der Versuch seiner Bewältigung. Er verschiebt den Zusammenhang von Ereignis und Bewertung in eine Kausalität über den Dreh- und Wendepunkt einer Metapher, die zum Ereignis gegenläufig scheint.
7. Wie sehr hier die Metapher ersetzt, mag auch folgende Wendung zeigen: "Zunächst hatte Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm die Trauer und das Entsetzen der Kanzlerin ausgedrückt." Wie immer man das macht! Es scheint doch, als sei in die Sprache, zumal auch in die politische, eine Art logischer und logistischer Repräsentation eingeflochten, die selbst etwas Metaphorisches hat. Die politische Rede, strukturiert wie ein Heer von Metaphern (um Nietzsche und Lacan in einer innigen Verbindung zu "zitieren").

11.03.2009

ADHS, hrsg. von Helmut Bonney

Ab und an komme ich auf ein altes Studienthema zurück, das ADHS.
Vom Carl-Auer-Verlag gibt es einen neuen Sammelband mit Aufsätzen zur aktuellen Forschung. Die drei Artikel, die ich bisher gelesen habe, sind sehr gut. Ich nehme an, dass auch die weiteren Artikel - wie gewöhnlich bei Carl-Auer - von hoher Qualität sein werden.

Hier nur als kleine Appetithäppchen und um ein wenig weiter an der mehr selbstgefälligen als hilfreichen Diagnose mancher "Kompetenter" zu nagen, ein Zitat:
"Nicht so sehr ADHS ist das eigentliche Problem, sondern die oft verfehlten Lösungsversuche der sozialen Umwelt verstricken sich zum eigentlichen 'ADHS-Problemsystem'. Die ressourcenorientierte Dekonstruktion dieser 'Wirklichkeit' ermöglicht Verschiedensein (ohne Angst und Entwertung) im selbstbewussten Ausdruck der eigenen Potentiale."
(schreibt Hannes Brandau auf S. 39)
Soweit ich das Buch überflogen habe, unterliegt auch ADHS einem pathogenen Kreislauf: indem Kompetenzen abgegeben werden, Erziehungskompetenz, emotionale Kompetenz, oder, in Form von Dogmatismus, unter der Hand auch die wissenschaftliche Kompetenz, indem also Kompetenzen abgegeben werden, steigt auch die Neigung, aus der Frage der Verantwortlichkeit eine Schuldfrage zu machen.
Verantwortlichkeit ist eher eine Frage eines weichen Umgangs mit Handlungsmöglichkeiten und eines ironischen Umgangs mit der Reichweite der eigenen Vernunft. Schuldzuweisungen dagegen verorten soziale Ursachen in fremder Menschen Seele und gar in ihren Körpern.

Dieser pathogene Kreislauf wird von zahlreichen ermöglichenden Faktoren genährt.
So kann man den Dogmatismus mancher Lehrer, ihre Eindeutigkeit bei der Diagnose von ADHS, nicht nur in pathogenen Prozessen des betreffenden Lehrers sehen, sondern auch in einer obsolet gewordenen Schulstruktur.
Franz Lehner schreibt in seinem Buch Wissensmanagement über ganz andere Formen von Lernkulturen und Wissenskulturen. Bei meinen bisherigen Erfahrungen mit der Organisation "Schule" habe ich davon rein garnichts gefunden. Allenfalls mal ein Wort, das, völlig zusammenhangslos, auf einen dahinterstehenden Begriff hätte verweisen können.

Es ist Aufgabe der Lehrer, wenn die Schulverwaltung nichts dementsprechendes unternimmt, hier Verantwortung für neue Formen des Lernens zu übernehmen. Leider bieten zum Beispiel das Berliner Schulgesetz und die Berliner Rahmenpläne genau diesen Handlungsrahmen an.
In der Schule wird er nicht ausgeschöpft. Unterricht ist zu 99% immer noch Frontalunterricht. Sieht man sich die veränderte Unternehmenskultur an, die Franz Lehner vorstellt, ist das geradezu wahnwitzig. Systematisch werden die Schüler von einer solchen Praxis ferngehalten. - OK, das ist jetzt ein anderes Problem als ADHS, aber man stößt leider immer wieder auf solche Problemgefüge, bei dem eines zum anderen führt.

Vom Carl-Auer-Verlag habe ich noch ein zweites Produkt vorliegen: "Ana Ex - Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert". Da habe ich noch nicht hineingeschaut.

10.03.2009

Ende (oder: Anfang)

Rena und Sabrina geben heute ihre Diplom-Arbeit (zum Gender-Marketing) ab.
Nachdem ich mich dort als Lektor betätigt habe und die beiden kräftig mit Kommaregeln, Stilfragen und nötigen und unnötigen Wiederholungen genervt habe, konnte ich mich zumindest gestern entspannt zurücklehnen. - Aber die letzte Fassung liest sich dann auch gut: zumindest die Teile, die ich seit Sonntag durchschaue. Bei den anderen nehme ich es an.

Nachdem ich einmal jemandem Teile seiner Diplomarbeit geschrieben habe und öfter auch den Zuträger von Strukturen, Wissensfeldern und ähnlichem gespielt habe, bin ich hier ja ziemlich hart geworden.
Ich habe - bei Rena und Sabrina - lediglich meine Bücher ausgeliehen, habe viele Fragen gestellt und den Grammatik-Duden hinterlegt.
Zu oft war es so, dass eine Person, der ich geholfen habe, sich artig bedankt und einiges Blaues vom Himmel versprochen hat. Manchmal, zumindest in einem Fall, lief es dann aber so umgekehrt, mit bösartigen Verleumdungen hinter meinem Rücken, dass ich heute sowieso nur noch dort helfe, wo ich weiß, dass ich mir hier nichts vergebe. Hübsche Aussagen über meine hervorragende Allgemeinbildung nutzen mir nichts, vor allem, wenn die betreffende Person das selbst gar nicht bewerten kann.

Lange Rede, kurzer Sinn. Bei Sabrina und Rena läuft das anders.
Wir haben während der Diskussionen, die wir hatten, zahlreiche offene Flanken in der Gender-Marketing-Diskussion festgestellt. Diese konnten die beiden nur zu einem Teil in ihrer Arbeit diskutieren.
Einiges zur Neurophysiologie zum Beispiel verdiente einer genaueren Betrachtung. Darum habe ich mich gestern gekümmert. Erstmal füllt sich mein Zettelkasten, aber zugleich arbeite ich hier, ausgehend von der Diplom-Arbeit der beiden, Thesen aus, die nicht ganz so mythisch sind, wie sie derzeit von anderen Autoren verbreitet werden.

Der Knaller war, dass eine Autorin behauptete, dass 1. Frauen zu peripherem Sehen neigen, und deshalb ein Blickfeld von bis zu 180 Grad haben, was aber von der Anordnung der Retina schon garnicht möglich ist und dass 2. Frauen ihre Marken mit der gleichen Aufmerksamkeit betütteln können, wie ihre Kinder. Liebe Frau Wirtschaftsautorin! Letzteres nennt man Fetischismus. Das ist eine Art sexueller Perversion und durchaus nicht für Frauen geeignet oder empfehlenswert. (Im Übrigen vermute ich, dass Männer dazu eher und aus ganz anderen als Betüttel-Gründen dazu neigen.)

Was das periphere Sehen angeht, so zeigen Kinder (meist Jungs) mit ADHS teilweise die erstaunliche Fähigkeit, in eine bestimmte Richtung zu blicken und trotzdem - auf welche Art auch immer - noch mitzukriegen, was anderswo passiert. Das widerlegt noch nicht vollständig die These des peripheren Sehens, ist aber zumindest ein deutliches Zeichen.

Mit dazu gehörte auch, dass ich zum ersten Mal das Buch vom Ehepaar Pease angelesen habe (Warum Männer nicht zuhören ...). Ein fragwürdiges Buch!

07.03.2009

Schreiben

Ich bin ein wenig neben der Spur. Neben meinen Rezensionen schreibe ich weiter Notizen zu Deleuze und Guattari. Im Krimi habe ich diese Woche nur zwei weitere Szenen geschafft. Erstens, aber das war von vorneherein klar, weil die Diplomarbeit von Rena und Sabrina mich auf recht viele Abwege führen würde.
Zweitens kam wieder mal die vollkommen ungünstige Klassenkonstellation von Cedrics Klasse dazu, wieder ein Fall von unschönem Mobbing und das in einer Projektwoche, die für den Klassenzusammenhalt gedacht war. Die Lehrerin jedenfalls mag davon nichts mitbekommen haben. Da die sich auch sonst in letzter Zeit komisch zu benehmen scheint, habe ich so meine Zweifel. Ich denke einfach, dass sie mit diesen ganzen kleinen hochbegabten Stöppkes und deren teilweise vollkommen hysterischen Eltern überfordert ist.

Das ist fast schon so etwas wie eine Regel: erziehende Menschen, Eltern und Lehrer, sind mit Kindern mit außergewöhnlichen Begabungen eher überfordert. Und verarbeiten das häufig so, dass ihre schlechten Eigenschaften zu Tage treten (also die der Erziehenden).

Vorgestern Abend war ich in der Kneipe. Da hatte ich auch keine Zeit für diesen Blog. Gestern hatte mein Cousin Christian Geburtstag. Ein jovialer Mensch. Er arbeitet in der Zuliefer-Industrie der Autobranche.
Christian wollte mich auch für einige "Kommunikationsprobleme", die er habe, als Beratung in Anspruch nehmen. Ich habe mir das nur kurz angehört. Normalerweise nehme ich in meiner Familie eher an, dass Probleme und Störungen unter den Tisch gekehrt werden,  obwohl ich gerade bei meinen Cousins, Cousinen und Brüdern etwas anderes feststelle.
Jedenfalls konnte ich Christian zuallererst sagen, dass er eigentlich wundervoll reflektieren kann. Es gibt Probleme, die lassen sich nicht durch einseitig gute Kommunikation aus dem Weg räumen.


Präpositionen

Krümelkackerei,
so schreibt Peter, sei, ob etwas mit oder durch etwas auffalle (bzw. mit der einen oder der anderen Präposition geschrieben werde).

Mit ist eine etwas schwierige Präposition, in diesem Fall. Ich würde sie in die Umgangssprache verweisen.
Klar ist, dass man durch etwas auffällt, wenn man ohne dieses Etwas nicht auffällt: Ich falle durch meine rote Perücke auf.

Grammatik habe ich immer etwas gelassener behandelt und würde es auch heute noch tun. Leider scheinen viele Menschen nicht mehr so recht zu wissen, dass zwischen einer eingegrenzten Kritik an der Grammatikvermittlung und dem großen Abgesang auf grammatische Regeln ein Unterschied besteht.
Ich mag Fälle, Zeichensetzung, Präpositionen hier, so gut es geht, hochhalten. Verliert Sprache ihre Strukturen, verliert sie ihre Fähigkeit, spezifischen Sinn auszudrücken. Da ich einen etwas intellektuelleren Blog führe, brauche ich diese sprachlichen Strukturen.

Und was das Beispiel angeht, das Peter dann nachliefert, so veröffentliche ich solche Sachen nicht. (Ich kann einen gewissen ironischen Sexismus akzeptieren, aber einen derartig uneindeutigen Kommentar nicht.)

Eine weitere, recht unangenehme Tatsache: dass nämlich Blogs entweder mit Blabla-Kommentaren oder so eingeschränkter Kritik gefüllt werden, dass ich vieles nicht veröffentlichen mag. Nachfragen - ich habe es ja schon mal erwähnt - bekomme ich seltsamerweise immer per e-mail.