11.03.2008

Schill out!

Ach, was muss man oft von bösen / Buben hören oder lesen, / wie zum Beispiel hier von diesen, ...
Dem Roland Schill nämlich, ehemaliger Innensenator von Hamburg und jetzt wohnhaft mit Richterpension in Rio de Janeiro.
A guades Fleckerl hat er sich da ausg'sucht, der Roland, mag er doch, wie er jetzt auf einem unautorisierten Video bekanntgab, keine Schwarzen, weil er sie nicht möge. Und da haben wir ja Glück, dass er so in Rio de Janeiro wohnt, wo es bestimmt nur so von Weißen wimmelt und kein Schwarzer in Sicht ist. Wunderbar ist dann auch, dass eine Hure nur acht bis zehn Euro kostet; auch die sind sicherlich sehr weiß, wie der Schnee, und dass man sich hier so richtig als Saubermann fühlen darf, ist nur legitim.
Was gibt es noch zu berichten? Ach ja, da gab es ja noch die Anklage wegen Kokain-Konsums. Die war ja bekanntlich negativ, bei dem Herrn Schill. Doch was müssen wir auf dem Video hören oder lesen? Na, war ja gefälscht, das Ergebnis. War positiv, nur eben dann doch nicht mehr, als man vor die Presse trat. Sauber!
Gestürzt ist dann der gute Herr Schill nicht über Kokain (auch weiß!), nicht über verurteilte Schwarze, und nicht über nicht verurteilte Polizisten, sondern darüber, dass er Ole von Beust, den Bürgermeister von Hamburg, mit dessen Homosexualität zu erpressen versuchte. Wie er das wohl gemacht hat? Vermutlich ist er zu dem Ole hingegangen und hat gesagt: Du, wenn du jetzt nicht sofort was machst, was ich dir sage, dann werde ich auch schwul. - Und da hat sich der Ole so bedroht gefühlt, dass er den Roland über die Latte springen ließ, äh ... Klinge.

10.03.2008

Metaphern, überall Metaphern

Was man sich nicht alles für das Rezensionsportal antut. Zum Beispiel Liebesromane.
Da lese ich gerade einen Liebesroman, der sich an den anzüglichen Stellen in solch abstrusen Metaphern ergeht, dass man sich nur schütteln kann. Vorzugsweise werden die Metaphern aus dem Bereich der Vulkanologie (Heiße Liebesglut floss durch ihre Adern.), der Geologie und Mechanik (Er tastete sich zu ihrer Liebesgrotte vor und fand den richtigen Schalter.) oder der Kriegsführung (Mit einem Stöhnen eroberte er ihren Mund.)
Metaphern hätte ich aber auch gerne aus folgenden Bereichen gehabt: der Ornithologie, der Phrenologie und der Philatelie; und vielleicht noch der Dialektologie, der Bakteriologie und der Populationsökologie. Das hätte die Liebesszenen erst so richtig aufgepeppt.

Das gesprenkelte Band (und anderes zu Sherlock Holmes)

So heißt eine der besseren Erzählungen von Conan Doyle. Heute habe ich es Cedric vorgelesen und er fand sie überaus spannend.
Ich erinnere mich, dass wir sie im Englischunterricht behandelt haben. Da war ich weniger begeistert. Das lag aber vermutlich auch daran, dass ich die Geschichte nicht verstanden habe.

Übrigens ist Doyle noch ein Schriftsteller von altem Schrot und Korn. Das heißt: er schreibt ziemlich lange Sätze.
Wenn ich meine Notizen zu mehr als siebzig Fällen überfliege, in denen ich während der letzten acht Jahre die Methoden meines Freundes Sherlock Holmes studiert habe, so stelle ich fest, dass viele tragisch waren, einige komisch, eine große Anzahl schlichtweg seltsam, aber keine gewöhnlich; da er nämlich eher aus Liebe zu seiner Kunst arbeitete, denn um Reichtum zu erwerben, lehnte er es stets ab, Teil an einer Nachforschung zu haben, die nicht in den Bereich des Ungewöhnlichen oder gar des Phantastischen fiel. (Das gesprenkelte Band)
Lachen musste ich, als ich folgende Sätze bei Doyle fand:
Kein Franzose oder Russe könnte das geschrieben haben. Nur der Deutsche ist seinen Verben gegenüber so unhöflich. (Ein Skandal in Böhmen)
Holmes Lieblingswort ist deduzieren. Die Deduktion leitet aus einem Phänomen oder einer Menge an Phänomenen ein Gesetz oder einer Zusammenhang ab. Nun gibt es natürlich Zusammenhänge, die stark wiederholend sind, und dazu gehört zum Beispiel der Kreislauf zwischen Füchsen und Kaninchen. Wenn die Kaninchen sich stark vermehren, vermehren sich auch die Füchse rasch, denn sie finden genügend Futter. Dezimiert sich dann die Zahl der Kaninchen wieder, werden auch die Füchse wieder, wodurch ... und so weiter.
Wie aber kann man aus einem staubigen Hut deduzieren, dass die Ehefrau in einem schlechten Verhältnis zu ihrem Manne, dem Hutträger, steht? Eigentlich garnicht. Holmes macht es dennoch. Eco hat recht, wenn er diese Art der Schlussfolgerung eine Abduktion nennt. Eine Abduktion ist so etwas wie eine gewagte Deduktion (U. Eco: Die Grenzen der Interpretation).

Abduktionen sind eine feine Sache. Sie sind dadurch, dass sie so unscharf sind - denn was soll schon gewagt anderes heißen? -, hervorragend geeignet, um auch Verbindungen zwischen allen möglichen Textphänomenen zu formulieren. So bekommt man einige hübsche Modelle anhand einiger seltsamer Argumentationen. Merke: um einen Kristall zu erschaffen, muss man erst viel Rauch erzeugen. (Die Abduktion beschäftigt mich schon seit einer Woche. Ein sehr ähnliches Phänomen, wenn nicht das gleiche, hat Roland Barthes mit dem Begriff des Enthymems beschrieben. Möchte man Deleuze folgen, dann ist die Abduktion eine allgemeine Form des Schließens, nomadisch und polyvok und transversal; im Gegensatz dazu extrapoliert der Syllogismus ein transzendentes Objekt, so wie im berühmten Syllogismus um Sokrates das transzendente Objekt Sterblichkeit. Dieser Syllogismus geht so: Alle Menschen sind sterblich; Sokrates ist ein Mensch; Sokrates ist sterblich. - Der Syllogismus geht davon aus, dass der Mensch vollständig in seinen Körper verbannt ist; jedoch ist der Mensch immer auch durch die Phantome fremder Meinungen geprägt. Jeder stirbt auf seine Weise, und überlebt in dieser oder in einer anderen Hinsicht als Gespenst. Sokrates jedenfalls dürfte das berühmteste Gespenst der Philosophie sein.)

08.03.2008

Verankerung (nochmal)

Für alle, die sich jetzt erst dazu schalten: die Verankerung ist das Gewöhnlich-machen eines (Text-)Elementes. Wenn Jolly über das Wasser laufen kann (in Die Wellenreiter von Kai Meyer), dann muss nicht erklärt werden, warum sie über das Wasser laufen kann. Es genügt, diese außergewöhnliche Fähigkeit mit der Umgebung zu verbinden. Die ausführlichere Darstellung findet ihr HIER.
Nun habe ich dieses Phänomen auch das Trivialisieren genannt. Denn durch seinen Platz in der Umwelt bekommt ein solches Phänomen seinen Halt, seinen Ort, seinen Sinn.

Schauen wir uns ein anderes Beispiel an. In seiner Kurzgeschichte Der blaue Karfunkel lässt Conan Doyle seinen Sherlock Holmes die Spuren eines Hutes lesen. Erst später spielt der Hut dann in einem Kriminalfall eine Rolle.
Sehen wir uns aber den Beginn an:
In der Absicht, ihm schöne Festtage zu wünschen, hatte ich meinen Freund, Sherlock Holmes am zweiten Morgen nach Weihnachten besucht. Angetan mit einem purpurroten Schlafrock lag er müßig auf dem Sofa; rechter Hand befand sich ein Pfeifenständer in seiner Reichweite, und gleich daneben lag ein Stapel offensichtlich frisch gelesener, zerknitterter Morgenzeitungen.
Zwei weitere, ähnlich lange Sätze führen die Beschreibung weiter aus.
Hier haben wir eine klassische Trivialisierung: Holmes ruht zwischen seinen Gegenständen, die allesamt zu ihm passen und auf seine Tätigkeit als Detektiv hinweisen. In keiner Weise wird erklärt, warum er gerade so müßig auf seinem Sofa liegt. Erst später findet sich ein Motiv: er denkt nach.
Nun ist die Geschichte so aufgebaut, dass Holmes zunächst seinem Freund Watson ein Beispiel der Deduktion gibt. Das heißt, er stellt die Spuren am Hut vor und zieht daraus Schlüsse. Dies ist natürlich auch ein erzählerischer Trick. Indem Holmes sich vor Watson aufspielt, führt er eine der Personen in die Geschichte ein, die wir Leser noch nicht kennen.
Natürlich ist es auf den ersten Blick klar, dass der Mann überaus intellektuell veranlagt ist, und weiter, dass er vor drei Jahren ganz wohlhabend war, wenn er auch nun schlechte Zeiten durchmacht. Er besaß Weitblick, hat davon aber heute weniger als früher, was auf einen moralischen Rückschritt deutet; dieser wiederum, wenn wir ihn zusammen mit dem Niedergang seiner Lebensumstände betrachten, scheint darauf hinzuweisen, dass bei ihm schlimme Einflüsse am Werk sind - vermutlich Alkohol.
Auch dies ist eine Trivialisierung. So sensationslustig diese Deutung durch Holmes ist, sie verankert den ungewöhnlichen Hut in seiner Umgebung.

Nun ist der Hut nicht der einzige Gegenstand, der an diesem Tag zu Holmes gekommen ist. Peterson, ein Dienstmann, hat den Hut und eine Gans in der Nacht aufgegabelt, und da er die Gans zurückbringen möchte, bringt er Holmes den Hut, um daraus den Besitzer abzuleiten.
Dann kommt die Wende in der Geschichte. Zunächst weiß Holmes nicht, wer der Besitzer ist. Deshalb empfiehlt er Peterson, die Gans zu essen, bevor sie schlecht wird. Als dieser aber die Gans brät und anschneidet, fällt aus dem Hals ein lupenreiner Diamant, eben jener blaue Karfunkel, nach dem die Geschichte benannt ist. Dieser Diamant wurde kurz zuvor gestohlen. Jetzt interessiert sich Holmes natürlich dafür, wie der Karfunkel aus dem Hotelzimmer seiner Besitzerin in den Hals der Gans kommt. - Und hier ist der Besitzer des Hutes gefragt.
Jedenfalls wird über eine typische Detektivmethode nicht nur der Hut in eine soziale Situation eingefügt, sondern zugleich die Person, der Hutträger angekündigt. Und damit ist das Sprungbrett für die Verbrecherjagd vorbereitet. Wenn nun der Mann tatsächlich auftaucht, um seinen Hut zurückzuholen, muss er nur noch Holmes Annahmen bestätigen.

Es ist übrigens naheliegend, dass die Trivialisierung oft über Metonymien läuft.
Sehen wir uns eine solche an:
... ist auf den ersten Blick klar, dass der Mann überaus intellektuell veranlagt ist. ...
und als Begründung gibt Holmes an:
"Das ist eine Frage der Fassungsvermögens", sagte er. "Ein Mann mit einem so großen Kopf muss etwas darin haben."
Diese Begründung mutet natürlich heute lächerlich an. Trotzdem: sie zeigt, dass es früher üblicher war, von der (körperlichen) Verpackung auf den (psychischen) Inhalt zu schließen. Großer Kopf = intellektuelle Veranlagung. Metonymien ersetzen das eigentliche Zeichen, den Hut mit dem großen Fassungsvermögen, durch eine nachbarschaftliche Bedeutung, den großen Kopf in diesem Fall. Genauer: Holmes stellt die Metonymie so dar, als sei sie ein Argument.
Keinesfalls ist damit wissenschaftlich diese Argumentation bewiesen. Sie beruht lediglich auf Nachbarschaften, die gewöhnlicherweise so denkbar sind. Man könnte nämlich auch ableiten, dass der Hutträger einen sehr kleinen Schädel hat, aber einen Turban trägt. Dann müsste Holmes schlussfolgern, dass es sich um einen eher dummen indischen Prinzen handelt, der zudem sehr schamhaft ist, weil er seinen Turban mit einem Hut bedeckt.
Wie dem auch sei. Der Hut und sein Träger bekommen ihre Umweltbezüge und werden dem Leser so vertraut. Auch die Kriminalgeschichte hat damit einige Hinweise zugrunde gelegt bekommen, die den ungewöhnlichen Vorgang nachvollziehbarer werden lassen.

Informationsvergabe
Im Prinzip ersetzen Begriffe wie Trivialisieren und Verankerung den Begriff der Informationsvergabe. Dieser wird öfter in Schreibwerkstätten verwendet und bezeichnet die Informationen, die der Autor dem Leser zukommen lässt. Nun hat dieser Begriff aber einen großen Fehler: er ist sehr abstrakt. Man hat den Eindruck, als müsse man einfach eine Information nach der anderen herausfließen lassen. Aber wie diese Kette aufgebaut sein muss, davon ist selten die Rede.
Verankerung dagegen steht zwar auch für die Informationsvergabe, aber hier wird sehr deutlich auf eine Information in einem Gefüge, das heißt einem Text angespielt. Und genau das macht eine Information ja aus: sie greift in ein bestehendes Geflecht ein.
Natürlich kann man die Begriffe wählen, wie man will.

Hier noch einige schöne Trivialisierungen:
Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor. (Franz Kafka: Das Schloss)
Im ganzen entsprach das Schloss, wie es sich hier von der Ferne zeigte, K.s Erwartungen. Es war weder eine alte Ritterburg noch ein neuer Prunkbau, sondern eine ausgedehnte Anlage, die aus wenigen zweistöckigen, aber aus vielen eng aneinander stehenden niedrigen Bauten bestand; hätte man nicht gewusst, dass es ein Schloss sei, hätte man es für ein Städtchen halten können. Nur einen Turm sah K., ob er zu einem Wohngebäude oder einer Kirche gehörte, war nicht zu erkennen. Schwärme von Krähen umkreisten ihn. (ebd.)
Er war ein gut gewachsener Bursche mit tiefschwarzem, ziemlich krausem Haar, gesunden Zähnen und einer Haut, um die ihn seine Schwestern beneideten, und er hatte stets ein kindlich-heiteres Lächeln bereit. Er war flink auf den Beinen, tat ordentlich seine Arbeit, und er liebte seine Schwestern, die ihm schön und weltstädtisch vorkamen; er liebte Madrid, das für ihn immer noch etwas Phantasti­sches war, und er liebte seine Arbeit, die er im hellen Lampenlicht tat und die ihm - mit sauberer Tischwäsche, Abendanzug und ausreichendem Essen in der Küche ­- romantisch schön schien. (Ernest Hemingway: Die Hauptstadt der Welt)
Die Turmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert, und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag deutete, tat allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach, allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern.
»Aber wo?« fragte Bülow, der im ganzen nicht wählerisch war, aber doch einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die Kehle zuschnürten«.
»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah«, und wies dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen stand: Italiener-, Wein- und Delikatessenhandlung von Sala Tarone. (Theodor Fontane: Schach von Wuthenow)
Ein Telefon läutete in der Dunkelheit. Nachdem es dreimal geläutet hatte, knarrten Bettfedern, Finger tasteten auf Holz umher, etwas Kleines, Hartes schlug dumpf auf einen Teppich­boden, Bettfedern knarrten erneut, und die Stimme eines Man­nes ertönte:
»Hallo ... Ja, am Apparat ... Tot? ... ja ... Fünfzehn Minu­ten. Danke.«
Ein Schalter klickte, und eine weiße Schale, die an drei gold­glänzenden Ketten von der Deckenmitte herabhing, füllte das Zimmer mit Licht. Spade, barfuß und in grün-weiß kariertem Schlafanzug, saß auf seiner Bettkante. Er starrte finster das Telefon auf dem Tisch an, während seine Hände nach einem Päckchen Zigarettenpapier und einem Beutel mit Bull-Durham­-Tabak griffen, die daneben lagen. (Dashiell Hammett: Der Malteser Falke)
Man sieht also, dass Trivialisierungen oft ganz gewöhnliche Beschreibungen sind. Während Beschreibung aber die Form bezeichnet, wird mit Trivialisierung die Funktion für den Leser in den Vordergrund gestellt, mit Verankerung die Tätigkeit des Schriftstellers.

07.03.2008

Alice Gabathuler: Schlechte Karten

Seit einigen Tagen habe ich Alices zweites Buch Schlechte Karten fertig gelesen. Wie das erste Buch ist es hervorragend. Was ich an Alice besonders schätze: man verliert als Leser trotz zahlreicher Verwicklungen nicht die Orientierung.
Gerade habe ich wieder in der Bibliothek gestöbert und mir einen deutschen Autoren herausgegriffen (Name habe ich vergessen). Die Szenen funktionieren deshalb nicht, weil sie schlecht voneinander abgegrenzt sind. Das macht das Lesen mühsam. Zum einen, weil man sich ständig fragt, wo sich die Personen gerade befinden, zum anderen, weil man nicht genau weiß, welche Motivation die Personen treibt. Wird zudem bei der Motivation viel im Text behauptet, aber wenig szenisch dramatisiert, ist diese Motivation immer mal wieder genau gegenteilig zu dem, was eine Seite vorher stand, dann hat man nur noch ein heilloses Durcheinander. Und solche Bücher liest man nicht.
Nun, Alice zeigt, dass man einen komplexen Plot an den Mann oder den Jugendlichen bringen kann. Wer sich ihr Buch genauer ansieht, wird feststellen, dass die Geschichte Kernpunkte systematisch wiederholt. Wiederholt, aber immer leicht variiert, und die Wiederholung stützt sich meist so auf das erste Mal, dass das zweite Mal ohne Erläuterungen von Seiten des Autors kommt.

Erläuternde und dramatisierende Szenen

Man kann hier so etwas wie eine Formel aufstellen. Die erste Szene hat immer mehrere Einsprengsel, in denen sich der Autor in den Vordergrund schiebt. Die zweite, wiederholende Szene lässt diese Einsprengsel weg.
Hier sage ich übrigens ganz bewusst Einsprengsel. Solche Autorenkommentare sind wie kleine Splitter eines helleren Steins in einer kompakten Masse eines dunklen Felses. Würden sich die Autorenkommentare in den Vordergrund schieben, hätte man eine Psychostudie, einen sozialpädagogischen Fall, und meist einen vollkommen schwachen und unintelligiblen dazu.

Um ein Beispiel aus Schlechte Karten zu geben:
Jay, die Hauptperson, hat eine alkoholkranke Mutter. In der ersten Szene, in der diese Mutter auftaucht, "zoomt" die Autorin von außen an die Küchenszene heran:
Jays Oberschenkel fühlten sich taub an und als er versuchte, seine Finger zu bewegen, gehorchten sie ihm nicht. Total durchgefroren erreichte er die Sackgasse, an deren Ende er mit seiner Mutter und seinem Bruder wohnte. (19)
Hier kommt ein erstes Zwischenspiel. Der Nachbar macht Jay dumm an, weil Jays Mutter den Müll nicht ordnungsgemäß abstellt. Damit wird, ohne ein Wort über den Zustand der Mutter zu verlieren, mindestens eines gesagt: die Mutter ist unordentlich, schlampig. - Und hier haben wir gleich einen weiteren narrativen Trick. Es gibt zwei Arten, in Geschichten zu "zoomen". Die eine führt über verschiedene Orte zum Kernort des Geschehens, wie hier, wo die "Kamera" von der Sackgasse über den Hausflur in die Küche fährt. Es gibt aber noch eine andere Art des Zoomens, die über Andeutungen und kleine, vorbereitende Szenen zur Kernszene kommt. Da wir schon vorher wissen, dass Jay ein Problemjugendlicher ist, haben wir damit auch perspektivisch eine erste Einstellung auf die Mutter. Hier stellt der Streit mit Gerlacher eine Zwischenstation dar. Jay ist nicht einfach so schwierig, er hat ein schwieriges Elternhaus. Erst wenn diese knappe Einstellung vorüber ist, schwenkt die Autorin zu der Mutter selbst.
Ein Vorteil dieses Zoomens, dieses doppelten Zoomens ist, dass es den Leser aus seinem vertrauten Bereich in eine fremde Welt holen kann, und dass es Anlässe bietet, das Ganze szenisch zu dramatisieren. Wer sich Filme ansieht, wird genau dies immer wieder finden. Man nehme den Beginn des Weißen Hai. Von der Strandparty aus führt uns das Geschehens ans Meer, und dort sofort in die Konfrontation mit dem Horror. Horrorfilme arbeiten gerne mit Schockeffekten, und damit überspringen sie gerne Szenen, die Krimis und Thriller ausführlicher behandeln. Aber auch Horrorfilme bauen gerne eine Idylle auf, die sie dann lustvoll zerstören. Man sehe sich zum Beispiel Alien vs. Predator II an, oder die ganzen Horrorfilme aus den achtziger Jahren.
Weiter oben (d. h. hier: unten) habe ich die Verankerung als ein wichtiges Element des Erzählens vorgestellt. Das Zoomen ist im Prinzip nichts anderes, nur dass hier nicht durch Sätze, sondern durch Szenen verankert wird, und dass hier nicht ein einfaches Element sondern ein komplexes Element eingeführt wird.

Kommen wir zum Text zurück:
Sätze wie
Derselbe muffige Geruch, den Jay schon als Kind nicht gemocht hatte, drang in seine Nase. (19)
und
Mit so einer Sache meinte sie die Tankstellenüberfäl­le, die Luca mit seinen Kumpels durchgezogen hatte. Die Sache war aufgeflogen und Luca musste ein paar Monate absitzen. (20)
sind stärkere Wortmeldungen des Autors. Dem Leser werden Hintergrundinformationen gegeben, die atmosphärisch oder erklärend sind, aber nicht direkt die Innenperspektive von Jay wiedergeben. (Fachlich gesehen wird hier vom auktorialen Erzähler innerhalb einer personalen Erzählsituation Gebrauch gemacht. Galt das früher als Pfui, hat die Theorie mittlerweile eingesehen, dass ein rein personaler Erzähler ein Traum - oder eher ein Albtraum - ist.)
Wer Alices Buch liest, wird aber auch sehen, dass diese Wortmeldungen sparsam und pointiert eingesetzt werden. Der unbekannte Autor, den ich in der Bibliothek gelesen habe, hatte sehr eindeutig das Problem, dass er alles auf einmal erzählen wollte. Eine Erzählung ist aber weder eine psychoanalytische Fallstudie, noch ein Enzyklopädie-Artikel.

Es gibt noch eine dritte Wortmeldung der Autorin in dieser Szene:
»Luca ist gestern Nacht nicht nach Hause gekommen«, sagte sie weinerlich. (20)
Hier ist das Adjektiv weinerlich nicht vom Kontext vorbereitet. Psychologisch ist es zwar motiviert; wer alkoholkranke Menschen kennt, kennt auch diese weinerlichen, mitleiderheischenden Sätze. Aber während andere Adjektive zu ihrer Umgebung passen, fällt dieses heraus. - Dieses Beispiel habe ich extra an den Rand gestellt, weil es natürlich zu der Psychologie des Alkoholismus passt und auch ein Licht auf die Seele des Alkoholikers wirft: sie ist wenig mit der Umgebung verknüpft. - Das Beispiel zeigt aber auch, wie wichtig es ist, mit Adjektiven vorsichtig umzugehen. Denn zahlreiche Adjektive funktionieren wie kleine Kerben, die der Autor in den Fluss des Erzählens schlägt. Man kippt - wenn diese Adjektive zu zahlreich sind - mitten im Satz plötzlich in eine andere Erzählsituation und sofort wieder zurück. Alice nennt diesen Missstand Adjektivitis. Barthes nennt die Adjektive gefräßig (Das Neutrum, 102ff). Auch der Alkoholismus ist ein gefräßiger Zeitgenosse. Man vermeide also das Adjektiv, soweit es geht, vor allem das Adjektiv, das keine sinnliche Qualität (wie rot, kühl, windig, laut) ausdrückt.

Der Rest dieser ersten Szene, die sich von Seite 19 bis Seite 21 erstreckt, bleibt dem szenischen Erzählen treu: hier wird die Wahrnehmung zeitlich abgelichtet und der Autor greift vor allem dadurch ein, dass er alles Unwichtige weglässt.

Die zweite Szene, in der Jays Mutter auftaucht, - von Seite 55 bis Seite 59 - wird vom Autoren nicht mehr kommentiert.
Übrigens gibt es auch hier zwischendrin Textstellen, in denen die Mutter eine Rolle spielt, darunter eine stark zusammenfassende auf Seite 33, und die Szene zwischen Luca und Jay ab Seite 42. Insofern stimmt meine Formel nicht so ganz.
Trotzdem: über Umwege, durch das Heranzoomen und Verankern kann die Geschichte handlungsorientiert bleiben und je stärker diese Verankerung gesetzt ist, umso weniger muss der Autor erläuternd eingreifen und kann sich ganz auf das Ablichten dessen, was ist, konzentrieren.

Betrachtet man sich das Buch in seinem gesamten Aufbau, dann bilden die ersten neun Kapitel - abgesehen von dem ersten Kapitel und den letzten zwei Seiten des neunten Kapitels - eine Abfolge von Verankerungen. Man wird in die Welt von Jay und Sarah eingeführt. Darin finden sich zwar immer wieder Andeutungen des Kommenden, aber die Konflikte der beiden sind Alltagskonflikte. Für eine enorme Spannung genügt das. - Andere Bücher, wie zum Beispiel Die Schattenweberin von Monika Felton, wollen von Anfang an pointierte, höchstdramatische, zentrale Konflikte. Das ist jedoch die beste Art, den Leser vor den Kopf zu stoßen und das Werkzeug lange vor der Zeit abzustumpfen.

Zusammenfassend kann man also folgende Schreibtipps aus Alice Buch ziehen (unter vielen anderen):
1. Man vermeide Autorenkommentare, wo man mit dem Mittel des Zoomens und der szenischen Darstellung arbeiten kann.
2. Man vermeide vor allem unsinnliche Adjektive.
3. Der zentrale Konflikt soll sich aus dem Alltag heraus entwickeln. Dabei kann der Alltag durchaus konfliktreich sein. Diese Alltagskonflikte haben jedoch eine andere Qualität als der Kernkonflikt der Geschichte.
4. Man verankere die Personen hinreichend gut in einem Alltag, der auch dem Leser vertraut ist. Damit gibt man dem Leser und der Geschichte eine Plattform, von der dann die dramatische Situation abspringen kann.

Alice und der Weiße Hai

Im übrigen habe ich nicht ohne Hintergedanken den Film Der weiße Hai zitiert. Wie Schlechte Karten beginnt auch der Weiße Hai mit einem Teaser. Danach zieht sich der Film in seiner Dramatik zurück. Auch Chief Brody - eine der Hauptpersonen - hat einen Alltag, zum Beispiel Hunde, die gefüttert werden müssen (obwohl man diese Hunde kein einziges Mal zu sehen bekommt). Auch dieser Alltag ist konfliktreich und von zahlreichen Personen bestimmt: man sehe nur die Sekretärin an, die nach einem dreiviertel Jahr immer noch nicht auf das Ablagesystem für die Akten achtet, ein zwar banaler Konflikt, aber einer, der ein kleines hübsches Element ist, um diesen Alltag zu charakterisieren.
Oder: Harry Potter und der Stein der Weisen. Hier haben wir das erste Kapitel, rätselhaft und magisch, mit dem langen Weg von Vernon Dursley durch Pulks von feiernden Zauberern und Eulenschauern und seltsamen Katzen auf der Gartenmauer - ein klassischer Zoom; und dann dem ersten "Knall", der Begegnung zwischen McGonagall, Dumbledore und Hagrid. Und was im ersten Kapitel in Kurzform gezeigt wird, wiederholt sich dann im Buch selbst in den nächsten zwei Kapiteln, ein Zoom von der anti-idyllischen Welt der Dursleys, bis mit einem "BOOM BOOM" die Zaubererwelt, in Form von Hagrid, an Harrys Tür klopft. - Harry Potter lässt sich so natürlich nicht mit Schlechte Karten vergleichen. Hier gibt es nur einen schmalen Berührungspunkt. Trotzdem: Verankerung, szenisches Dramatisieren, Zoomen.

Diese Technik habe ich unter einem anderen Gesichtspunkt in meinem kleinen Kommentar zu Der weiße Hai als animistische Erzählstrategie bezeichnet. Linguistisch gesehen spielen hier Metonymien auf der Erzählebene eine große Rolle.

Jetzt habe ich natürlich nur einen Teil geschrieben. Eigentlich wollte ich noch zu typischen Szenen kommen, aber das wird wohl bis heute Abend warten müssen. Ich gehe jetzt duschen und dann zur Arbeit.

27.02.2008

Der Sternenwanderer

Nein, Cedric wollte sich diesen Film nicht im Kino ansehen. Also habe ich gewartet, bis er auf Video zu haben war. Leider! - denn wahrscheinlich wäre er im Kino doch noch besser gekommen.
Den Autor der Geschichte, Neil Gaiman, schätze ich bedingt, und Der Sternwanderer fand ich - als Buch - eher mittelprächtig. Der Film dazu ist jedoch kurzweilig, und schon allein deshalb sehenswert, weil die schauspielerischen Leistungen hervorragend sind. Wegen technischer Tricks wird man ihn sich nicht ansehen dürfen. Die gibt es zwar und sie sind durchaus gut, aber sie ordnen sich - glücklicherweise - ganz dem Geschehen unter.
Hervorragend sind hier vor allem Peter O'Toole als fieser König - eine wunderbare Nebenrolle - und Rupert Everett als schmieriger Prinz - auch dies eine herrliche, kleine Nebenrolle; dann Robert deNiro als böser Pirat und Michelle Pfeiffer als böse Hexe. Charlie Cox spielt mit Tristam Thorne die Hauptrolle als naiver Bauernsohn, der eigentlich nur eine Sternschnuppe finden will und stattdessen Yvaine findet, die - herrlich zynisch - von Claire Danes gespielt wird.

Der Film lebt nicht nur durch die guten Schauspieler, sondern auch durch eine spannende und kurzweilige Geschichte, und - nicht zuletzt - durch einen teilweise sehr schwarzen Humor.
Sehr empfehlenswert für einen kurzweiligen Abend.

No country for old men

No country for old men hat sich bei dem Oscar-Gerangel durchgesetzt, und man darf froh sein: denn dieser Film hat nicht die seichte Hollywood-Ästhetik und die banalen Geschichtchen, die man aus früheren Zeiten von Oscar-Verleihungen kannte.
Das ist mindestens großartig.

Besonders hat mir Javier Bardem gefallen, der für seine Rolle den Oscar für die beste Nebenrolle bekommen hat. Angesichts der Geschichte ist Nebenrolle wohl trotzdem als Beleidigung aufzufassen, denn ohne diese Rolle funktioniert in diesem Film garnichts. Hübsch übrigens, wie hässlich Bardem sein kann, wie widerlich und schmierig von seiner ganzen Art. Er gibt keinen eiskalten Killer, auch keinen psychopathischen, und doch hat die ganze Rolle etwas davon.

Insgesamt kann ich dem Film kein Muss-man-gesehen-haben bescheinigen, aber wer ihn sich ansehen möchte, wird sich auf jeden Fall einen guten Film ansehen.

24.02.2008

Keine Bücher ....

Ich wollte keine Bücher mehr kaufen, bin jetzt aber doch schwach geworden: Die Grenzen der Interpretation von Umberto Eco; ich habe es schon öfter gelesen, und immer wieder geliebt. Nachdem ich es vergeblich in den Bücherhallen gesucht habe, musste ich also Geld ausgeben.

11.02.2008

Kleiner Zwischenbericht

Seit mehreren Tagen ordne und glätte ich das Material, das ich in den letzten Monaten zusammengesammelt habe. Welches Material? Die Figuren, die ich aus verschiedenen Büchern zusammengetragen habe.
Figuren - das sind kleine Einheiten, die sich auf dem Weg zum Begriff befinden. Ein Begriff besteht ja aus Elementen/Quasi-Objekten und Argumenten/grammatologischen Verkettungen. Ein Begriff ist selbst ein Quasi-Objekt, immateriell und ein reines kognitives Gebilde, aber wir tun so, als sei es real vorhanden.
Eine Figur nun bezeichnet zweierlei, und zweierlei sehr verschiedene Sachen: zum einen werden damit Begriffe im Moment ihres Gebrauchs erfasst, als ob es sich um ein Kochrezept handelt und nicht um einen Begriff (ähnlich findet sich bei Wittgenstein der Begriff Lebensstil als ein Sprachspiel plus seinen nonverbalen Anteilen); zum anderen ist eine Figur ein unscharfer Begriff, einer, der sich noch nicht aus dem impliziten Verstehen gelöst hat und damit noch nicht seine arrogante Schärfe gegenüber der Welt ausgeprägt hat: eine solche Figur ist dann ein fröhliches Werkzeug, bei dem man sich nicht allzuviel Gedanken machen sollte, warum und wie es funktioniert.

Um ein Beispiel zu geben:
Mit weiten Schritten lief Jolly über den Ozean. Ihre nackten Füße versanken fingerbreit im Wasser. Unter ihr gähnte der tintenblaue Abgrund der See, bis zum Meeresboden mochten es einige hundert Mannslängen sein.
Jolly konnte seit ihrer Geburt über Wasser gehen. Mit den Jahren hatte sie gelernt, sich mühelos auf der schwankenden Oberfläche zu bewegen. Für sie fühlte es sich an, als liefe sie durch eine Pfütze. Flink sprang sie von einer Woge zur nächsten und wich den schaumigen Wellenkämmen aus, die manchmal zu tückischen Stolperfallen wurden.
(Kai Meyer: Die Wellenläufer)
Trivialisieren: etwas Ungewöhnliches oder Neues so schildern, dass es seinen Platz in seiner Umwelt findet. Etwas seinem Platz zuzuweisen heißt, es gewöhnlich, trivial zu machen.
1. Jolly kann auf dem Wasser gehen. Meyer beginnt hier aber nicht mit dieser Aussage (sie folgt im vierten Satz), sondern mit einer Art Platzierung: dort, an dieser Stelle wird diese ungewöhnliche Fähigkeit getan: „Mit weiten Schritten lief Jolly über den Ozean. Ihre nackten Füße versanken fingerbreit im Wasser. Unter ihr gähnte der tintenblaue Abgrund der See, bis zum Meeresboden mochten es einige hundert Mannslängen sein. ...“
2. Um etwas zu trivialisieren, werden Verbindungen in die Umwelt gezogen. Meyer folgt in den ersten beiden Absätzen einem bestimmten Schema: was wird Ungewöhnliches getan? (Tätigkeit: 1. Satz); wie sieht das genau aus? (Spezifikation: 2. Satz); wo passiert es? (Verortung: 3. Satz); seit wann passiert es? (Herkunft: 4. Satz); wie hat sich die Fähigkeit entwickelt? (Lehre: 5. Satz); welche sinnliche Erfahrung bringt dies für den Tätigen (Gefühl: 6. Satz).
3. Die Trivialisierung „reagiert“ auf Fragen, die der Leser an den Text stellt. Hat der erste Satz ein Ereignis oder Geschehnis eingeführt, das rätselhaft erscheint, so antworten die folgenden Sätze ausweichend. Denn der wahre Grund, warum Jolly über Wasser laufen kann, enthüllt sich erst nach und nach im Roman. Die Trivialisierung erklärt nicht, sondern verankert. Sie weicht aus, indem sie ein Phänomen so in eine Umwelt setzt, dass der Leser dies als normal hinnimmt. (Damit lässt die Trivialisierung zugleich Platz für die Intrige, hier nämlich dem wahren Grund, warum Jolly diese Fähigkeit hat.)
4. Was konkret ist, setzt die Imagination in Gang: und auch das ist eine Funktion der Trivialisierung; sie baut ein Bild für den Leser. Dieses Bild bietet nicht nur Sichtbares, sondern vor allem Anhaltspunkte, was sich der Leser vorzustellen hat. Der tintenblaue Abgrund ist ebenso eine Übertreibung, wie die Herkunft dieser Fähigkeit nur ein undeutlicher Anhaltspunkt bleibt.

Um also eine Figur zu konstruieren, bedarf es kaum einer Anstrengung: ein vorhandenes kleines Muster wird in eine Beschreibung gegossen, und diese Beschreibung analysiert auf der einen Seite dieses Muster und gibt auf der anderen Seite Hilfestellung, dieses Muster in etwa selbst herzustellen.
Auf der anderen Seite gibt es hier trotzdem eine Menge zu tun. Diese Arbeit gründet sich darin, dass solche Figuren wie die Trivialisierung massenhaft im Text auftauchen, und man würde sich ewig wiederholen, wollte man jede einzelne Figur, die ein Text konkret bietet, aufzählen. Man muss also auswählen, und man muss so auswählen, dass die Figuren ineinandergreifen, auf der einen Seite, und genügend abgegrenzt sind, auf der anderen Seite.

Die Arbeit hat mich zu zahlreichen Autoren geführt, insbesondere meine Lieblinge der "Unterhaltungsliteratur", Stephen King, Martha Grimes, Dashiell Hammett, Eoin Colfer, Joan Rowling, Tolkien, Otfried Preußler und Nöstlinger, aber auch zu gewichtigeren Namen wie Gottfried Keller, Thomas Mann, Ernest Hemingway, Handke, Murakami oder Rushdie. Einige unbekanntere Autoren wie von Kayserling oder Klabund finden sich auch dabei.

Ziel und Zweck der ganzen Übung ist, hier eine Art Katalog herzustellen, eben Figuren, aus denen eine Erzählung zum größten Teil besteht, eine Art summa summarum des Narrativen.
Ziel und Zweck des Ganzen ist aber auch, aus diesen Figuren konkrete Übungen zu ziehen, mit denen sich die alltägliche Schreibpraxis herumschlägt. Es geht nicht um die großen Formen, die Abschnitte und das aristotelische Schema des Dramas, sondern um die kleinen Wendungen.
Schreibhilfe, sensible Analyse - und letzten Endes auch eine Schreibwerkstatt, die sich auf das Einüben solcher Figuren stützt, und die ich gerne vorstellen und ausprobieren möchte: an der Volkshochschule vielleicht. Dazu muss jede Figur noch mit Übungen versehen werden und da ich dies in eine "echte" Werkstatt und einen "echten" Werkstattunterricht umsetzen möchte, muss natürlich auch entsprechendes Material gebastelt werden.

06.02.2008

Der Krieg des Charlie Wilson

Am Montag habe ich mir im Kino Der Krieg des Charlie Wilson angesehen, ein ganz wundervolles Politmärchen mit einem großartig verlotterten Tom Hanks. Die Karte habe ich wieder über meine Kollegin Chris bekommen.
Charlie Wilson ist ein kleiner texanischer Abgeordneter im Repäsentantenhaus der USA; er kokst, und er hat gerne schöne Frauen um sich. Sein Spruch, was Frauen angeht, ist: Du kannst einer Frau alles beibringen, nur nicht, wie sie große Titten bekommt.
Nun, Charlie Wilson gerät etwas unfreiwillig an den Afghanistan-Konflikt: die Russen marschieren dort ein, und die USA ist entschlossen, etwas dagegen zu tun. Nur was sie dagegen tun möchte, weiß niemand so genau. Charlie Wilson dagegen hat eine einfache Strategie: man trete den Sch***-Kommunisten einfach in ihren kleinen, roten Hintern. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: über diverse diplomatische Verwicklungen schafft Wilson es, die afghanischen Streitkräfte statt mit einem Etat von 5 Millionen Dollar mit 1 Milliarde Dollar auszustatten. Das Ergebnis ist bekannt: die Russen zogen sich aus Afghanistan zurück.
Charlie Wilson - der echte Charlie Wilson - gab zu dem Film übrigens folgenden Kommentar: Sie haben mich sehr nett behandelt. - Großer Gott, denkt man sich da, wenn Tom Hanks einen solch verlotterten Typen spielt, wie mag es da beim echten Charlie Wilson gewesen sein?
Jedenfalls ist der Film großartig. Nie schweift die Kamera ab. Man sieht einfach die ganze Brutalität des Krieges und trotzdem ist dieser Film auch eine ganz hervorragende Komödie; bitter und lustig zugleich eben.

04.02.2008

Dieter Bohlen? - Nö, nö! (Ghostwriter anno dunnemal)

Wer sich heute so alles seine Biographie schreiben lässt! Dieter Bohlen zum Beispiel, oder Helmut Kohl, um nur einige berühmtere Personen zu nennen. Dass Herr Bohlen nicht selbst schreibt, nehmen wir dankbar entgegen, dürfte seine Biographie sich eher im Bereich heißer Luft bewegen (wobei er als Komponist mittlerweile wirklich erträglich ist); dass Herr Kohl mit seiner Biographie unspektakulär bleibt, ist oft bemängelt worden.
Das Geschäft des ghostwriters muss ein müßiges Geschäft sein, und ein lukratives. Im übrigen ist es ein sehr altes Geschäft, vielleicht so alt wie das horizontale Gewerbe. Ghostwriter haben neben dem Schreiben der Biographie noch eine viel wichtigere Funktion: das Bilden von Mythen. Und diese Funktion ist schon immer gerne genutzt worden.
So hat sich Gustav II. Adolf - der Schwedenkönig, der im 30jährigen Krieg feder-, bzw. schwertführend war - systematisch zum Verfechter des protestantischen Glaubens stilisiert, mit Bildern, die ihn als von Gott geführt auszeichnen, geführt gegen den Drachen der katholischen Kirche.
Dass man sich mit Büchern gerne ein Mahnmal setzt, zeigt auch der "Fall" Torquato Tasso: Gerusaleme liberata, für Alfons II. Herzog von Ferrara und Modeno geschrieben, der Prinzessin d'Este gewidmet, der Schwester des Herzogs. - Bekannt ist hier ja auch, hoffentlich, Goethes dramatische Bearbeitung dieses Lebensabschnittes. (Tasso wurde im späteren Leben "verrückt", offensichtlich gab es bei Hof ein massives Mobbing gegen ihn, zudem kam er mit der Inquisition in Konflikt.)
Jetzt lese ich, dass Maximilian I. nicht nur der letzte Ritter genannt wurde, sondern er hat sich selbst in mehreren autobiographischen Epen stilisieren lassen, die nach seinen Vorgaben geschrieben wurden. Eines dieser Epen ist Fragment geblieben, die anderen beiden hat er zum Teil selbst geschrieben, zum Teil von anderen verfassen lassen. Diese Selbststilisierung geschah zum Teil systematisch und ist nicht mehr eine "Huldigung", sondern eine "Werbung durch Mythisierung".
Wir treffen hier auf ähnliche soziale Konstellationen wie bei Helmut Kohl und Dieter Bohlen, vielleicht nicht ganz, aber zumindest ist das Phänomen des Ghostwriters und der Stilisierung in der Auto-/Mytho-Biographie.

Journal für Kunst, Sex und Mathematik

Was es nicht alles gibt!
Ich habe bei diesem Blog zwar kein Wort verstanden [sic!], aber wenigstens die Bilder sind hübsch.

Firefox

Man wird übermütig: so langsam schmeiße ich das ganze Microsoft-Zeugs von meinem Computer runter. Statt dem Windows-Explorer verwende ich jetzt den UltraExplorer, und statt dem Internet-Explorer befindet sich jetzt der Mozilla Firefox auf meinem Desktop.

Das Wochenende habe ich mit Cedric verbracht, heute Abend noch ein wenig am Java rumgebastelt, aber nur auf dem Papier. - Alles in allem kein besonders ereignisreiches Wochenende.