07.03.2008

Alice Gabathuler: Schlechte Karten

Seit einigen Tagen habe ich Alices zweites Buch Schlechte Karten fertig gelesen. Wie das erste Buch ist es hervorragend. Was ich an Alice besonders schätze: man verliert als Leser trotz zahlreicher Verwicklungen nicht die Orientierung.
Gerade habe ich wieder in der Bibliothek gestöbert und mir einen deutschen Autoren herausgegriffen (Name habe ich vergessen). Die Szenen funktionieren deshalb nicht, weil sie schlecht voneinander abgegrenzt sind. Das macht das Lesen mühsam. Zum einen, weil man sich ständig fragt, wo sich die Personen gerade befinden, zum anderen, weil man nicht genau weiß, welche Motivation die Personen treibt. Wird zudem bei der Motivation viel im Text behauptet, aber wenig szenisch dramatisiert, ist diese Motivation immer mal wieder genau gegenteilig zu dem, was eine Seite vorher stand, dann hat man nur noch ein heilloses Durcheinander. Und solche Bücher liest man nicht.
Nun, Alice zeigt, dass man einen komplexen Plot an den Mann oder den Jugendlichen bringen kann. Wer sich ihr Buch genauer ansieht, wird feststellen, dass die Geschichte Kernpunkte systematisch wiederholt. Wiederholt, aber immer leicht variiert, und die Wiederholung stützt sich meist so auf das erste Mal, dass das zweite Mal ohne Erläuterungen von Seiten des Autors kommt.

Erläuternde und dramatisierende Szenen

Man kann hier so etwas wie eine Formel aufstellen. Die erste Szene hat immer mehrere Einsprengsel, in denen sich der Autor in den Vordergrund schiebt. Die zweite, wiederholende Szene lässt diese Einsprengsel weg.
Hier sage ich übrigens ganz bewusst Einsprengsel. Solche Autorenkommentare sind wie kleine Splitter eines helleren Steins in einer kompakten Masse eines dunklen Felses. Würden sich die Autorenkommentare in den Vordergrund schieben, hätte man eine Psychostudie, einen sozialpädagogischen Fall, und meist einen vollkommen schwachen und unintelligiblen dazu.

Um ein Beispiel aus Schlechte Karten zu geben:
Jay, die Hauptperson, hat eine alkoholkranke Mutter. In der ersten Szene, in der diese Mutter auftaucht, "zoomt" die Autorin von außen an die Küchenszene heran:
Jays Oberschenkel fühlten sich taub an und als er versuchte, seine Finger zu bewegen, gehorchten sie ihm nicht. Total durchgefroren erreichte er die Sackgasse, an deren Ende er mit seiner Mutter und seinem Bruder wohnte. (19)
Hier kommt ein erstes Zwischenspiel. Der Nachbar macht Jay dumm an, weil Jays Mutter den Müll nicht ordnungsgemäß abstellt. Damit wird, ohne ein Wort über den Zustand der Mutter zu verlieren, mindestens eines gesagt: die Mutter ist unordentlich, schlampig. - Und hier haben wir gleich einen weiteren narrativen Trick. Es gibt zwei Arten, in Geschichten zu "zoomen". Die eine führt über verschiedene Orte zum Kernort des Geschehens, wie hier, wo die "Kamera" von der Sackgasse über den Hausflur in die Küche fährt. Es gibt aber noch eine andere Art des Zoomens, die über Andeutungen und kleine, vorbereitende Szenen zur Kernszene kommt. Da wir schon vorher wissen, dass Jay ein Problemjugendlicher ist, haben wir damit auch perspektivisch eine erste Einstellung auf die Mutter. Hier stellt der Streit mit Gerlacher eine Zwischenstation dar. Jay ist nicht einfach so schwierig, er hat ein schwieriges Elternhaus. Erst wenn diese knappe Einstellung vorüber ist, schwenkt die Autorin zu der Mutter selbst.
Ein Vorteil dieses Zoomens, dieses doppelten Zoomens ist, dass es den Leser aus seinem vertrauten Bereich in eine fremde Welt holen kann, und dass es Anlässe bietet, das Ganze szenisch zu dramatisieren. Wer sich Filme ansieht, wird genau dies immer wieder finden. Man nehme den Beginn des Weißen Hai. Von der Strandparty aus führt uns das Geschehens ans Meer, und dort sofort in die Konfrontation mit dem Horror. Horrorfilme arbeiten gerne mit Schockeffekten, und damit überspringen sie gerne Szenen, die Krimis und Thriller ausführlicher behandeln. Aber auch Horrorfilme bauen gerne eine Idylle auf, die sie dann lustvoll zerstören. Man sehe sich zum Beispiel Alien vs. Predator II an, oder die ganzen Horrorfilme aus den achtziger Jahren.
Weiter oben (d. h. hier: unten) habe ich die Verankerung als ein wichtiges Element des Erzählens vorgestellt. Das Zoomen ist im Prinzip nichts anderes, nur dass hier nicht durch Sätze, sondern durch Szenen verankert wird, und dass hier nicht ein einfaches Element sondern ein komplexes Element eingeführt wird.

Kommen wir zum Text zurück:
Sätze wie
Derselbe muffige Geruch, den Jay schon als Kind nicht gemocht hatte, drang in seine Nase. (19)
und
Mit so einer Sache meinte sie die Tankstellenüberfäl­le, die Luca mit seinen Kumpels durchgezogen hatte. Die Sache war aufgeflogen und Luca musste ein paar Monate absitzen. (20)
sind stärkere Wortmeldungen des Autors. Dem Leser werden Hintergrundinformationen gegeben, die atmosphärisch oder erklärend sind, aber nicht direkt die Innenperspektive von Jay wiedergeben. (Fachlich gesehen wird hier vom auktorialen Erzähler innerhalb einer personalen Erzählsituation Gebrauch gemacht. Galt das früher als Pfui, hat die Theorie mittlerweile eingesehen, dass ein rein personaler Erzähler ein Traum - oder eher ein Albtraum - ist.)
Wer Alices Buch liest, wird aber auch sehen, dass diese Wortmeldungen sparsam und pointiert eingesetzt werden. Der unbekannte Autor, den ich in der Bibliothek gelesen habe, hatte sehr eindeutig das Problem, dass er alles auf einmal erzählen wollte. Eine Erzählung ist aber weder eine psychoanalytische Fallstudie, noch ein Enzyklopädie-Artikel.

Es gibt noch eine dritte Wortmeldung der Autorin in dieser Szene:
»Luca ist gestern Nacht nicht nach Hause gekommen«, sagte sie weinerlich. (20)
Hier ist das Adjektiv weinerlich nicht vom Kontext vorbereitet. Psychologisch ist es zwar motiviert; wer alkoholkranke Menschen kennt, kennt auch diese weinerlichen, mitleiderheischenden Sätze. Aber während andere Adjektive zu ihrer Umgebung passen, fällt dieses heraus. - Dieses Beispiel habe ich extra an den Rand gestellt, weil es natürlich zu der Psychologie des Alkoholismus passt und auch ein Licht auf die Seele des Alkoholikers wirft: sie ist wenig mit der Umgebung verknüpft. - Das Beispiel zeigt aber auch, wie wichtig es ist, mit Adjektiven vorsichtig umzugehen. Denn zahlreiche Adjektive funktionieren wie kleine Kerben, die der Autor in den Fluss des Erzählens schlägt. Man kippt - wenn diese Adjektive zu zahlreich sind - mitten im Satz plötzlich in eine andere Erzählsituation und sofort wieder zurück. Alice nennt diesen Missstand Adjektivitis. Barthes nennt die Adjektive gefräßig (Das Neutrum, 102ff). Auch der Alkoholismus ist ein gefräßiger Zeitgenosse. Man vermeide also das Adjektiv, soweit es geht, vor allem das Adjektiv, das keine sinnliche Qualität (wie rot, kühl, windig, laut) ausdrückt.

Der Rest dieser ersten Szene, die sich von Seite 19 bis Seite 21 erstreckt, bleibt dem szenischen Erzählen treu: hier wird die Wahrnehmung zeitlich abgelichtet und der Autor greift vor allem dadurch ein, dass er alles Unwichtige weglässt.

Die zweite Szene, in der Jays Mutter auftaucht, - von Seite 55 bis Seite 59 - wird vom Autoren nicht mehr kommentiert.
Übrigens gibt es auch hier zwischendrin Textstellen, in denen die Mutter eine Rolle spielt, darunter eine stark zusammenfassende auf Seite 33, und die Szene zwischen Luca und Jay ab Seite 42. Insofern stimmt meine Formel nicht so ganz.
Trotzdem: über Umwege, durch das Heranzoomen und Verankern kann die Geschichte handlungsorientiert bleiben und je stärker diese Verankerung gesetzt ist, umso weniger muss der Autor erläuternd eingreifen und kann sich ganz auf das Ablichten dessen, was ist, konzentrieren.

Betrachtet man sich das Buch in seinem gesamten Aufbau, dann bilden die ersten neun Kapitel - abgesehen von dem ersten Kapitel und den letzten zwei Seiten des neunten Kapitels - eine Abfolge von Verankerungen. Man wird in die Welt von Jay und Sarah eingeführt. Darin finden sich zwar immer wieder Andeutungen des Kommenden, aber die Konflikte der beiden sind Alltagskonflikte. Für eine enorme Spannung genügt das. - Andere Bücher, wie zum Beispiel Die Schattenweberin von Monika Felton, wollen von Anfang an pointierte, höchstdramatische, zentrale Konflikte. Das ist jedoch die beste Art, den Leser vor den Kopf zu stoßen und das Werkzeug lange vor der Zeit abzustumpfen.

Zusammenfassend kann man also folgende Schreibtipps aus Alice Buch ziehen (unter vielen anderen):
1. Man vermeide Autorenkommentare, wo man mit dem Mittel des Zoomens und der szenischen Darstellung arbeiten kann.
2. Man vermeide vor allem unsinnliche Adjektive.
3. Der zentrale Konflikt soll sich aus dem Alltag heraus entwickeln. Dabei kann der Alltag durchaus konfliktreich sein. Diese Alltagskonflikte haben jedoch eine andere Qualität als der Kernkonflikt der Geschichte.
4. Man verankere die Personen hinreichend gut in einem Alltag, der auch dem Leser vertraut ist. Damit gibt man dem Leser und der Geschichte eine Plattform, von der dann die dramatische Situation abspringen kann.

Alice und der Weiße Hai

Im übrigen habe ich nicht ohne Hintergedanken den Film Der weiße Hai zitiert. Wie Schlechte Karten beginnt auch der Weiße Hai mit einem Teaser. Danach zieht sich der Film in seiner Dramatik zurück. Auch Chief Brody - eine der Hauptpersonen - hat einen Alltag, zum Beispiel Hunde, die gefüttert werden müssen (obwohl man diese Hunde kein einziges Mal zu sehen bekommt). Auch dieser Alltag ist konfliktreich und von zahlreichen Personen bestimmt: man sehe nur die Sekretärin an, die nach einem dreiviertel Jahr immer noch nicht auf das Ablagesystem für die Akten achtet, ein zwar banaler Konflikt, aber einer, der ein kleines hübsches Element ist, um diesen Alltag zu charakterisieren.
Oder: Harry Potter und der Stein der Weisen. Hier haben wir das erste Kapitel, rätselhaft und magisch, mit dem langen Weg von Vernon Dursley durch Pulks von feiernden Zauberern und Eulenschauern und seltsamen Katzen auf der Gartenmauer - ein klassischer Zoom; und dann dem ersten "Knall", der Begegnung zwischen McGonagall, Dumbledore und Hagrid. Und was im ersten Kapitel in Kurzform gezeigt wird, wiederholt sich dann im Buch selbst in den nächsten zwei Kapiteln, ein Zoom von der anti-idyllischen Welt der Dursleys, bis mit einem "BOOM BOOM" die Zaubererwelt, in Form von Hagrid, an Harrys Tür klopft. - Harry Potter lässt sich so natürlich nicht mit Schlechte Karten vergleichen. Hier gibt es nur einen schmalen Berührungspunkt. Trotzdem: Verankerung, szenisches Dramatisieren, Zoomen.

Diese Technik habe ich unter einem anderen Gesichtspunkt in meinem kleinen Kommentar zu Der weiße Hai als animistische Erzählstrategie bezeichnet. Linguistisch gesehen spielen hier Metonymien auf der Erzählebene eine große Rolle.

Jetzt habe ich natürlich nur einen Teil geschrieben. Eigentlich wollte ich noch zu typischen Szenen kommen, aber das wird wohl bis heute Abend warten müssen. Ich gehe jetzt duschen und dann zur Arbeit.

27.02.2008

Der Sternenwanderer

Nein, Cedric wollte sich diesen Film nicht im Kino ansehen. Also habe ich gewartet, bis er auf Video zu haben war. Leider! - denn wahrscheinlich wäre er im Kino doch noch besser gekommen.
Den Autor der Geschichte, Neil Gaiman, schätze ich bedingt, und Der Sternwanderer fand ich - als Buch - eher mittelprächtig. Der Film dazu ist jedoch kurzweilig, und schon allein deshalb sehenswert, weil die schauspielerischen Leistungen hervorragend sind. Wegen technischer Tricks wird man ihn sich nicht ansehen dürfen. Die gibt es zwar und sie sind durchaus gut, aber sie ordnen sich - glücklicherweise - ganz dem Geschehen unter.
Hervorragend sind hier vor allem Peter O'Toole als fieser König - eine wunderbare Nebenrolle - und Rupert Everett als schmieriger Prinz - auch dies eine herrliche, kleine Nebenrolle; dann Robert deNiro als böser Pirat und Michelle Pfeiffer als böse Hexe. Charlie Cox spielt mit Tristam Thorne die Hauptrolle als naiver Bauernsohn, der eigentlich nur eine Sternschnuppe finden will und stattdessen Yvaine findet, die - herrlich zynisch - von Claire Danes gespielt wird.

Der Film lebt nicht nur durch die guten Schauspieler, sondern auch durch eine spannende und kurzweilige Geschichte, und - nicht zuletzt - durch einen teilweise sehr schwarzen Humor.
Sehr empfehlenswert für einen kurzweiligen Abend.

No country for old men

No country for old men hat sich bei dem Oscar-Gerangel durchgesetzt, und man darf froh sein: denn dieser Film hat nicht die seichte Hollywood-Ästhetik und die banalen Geschichtchen, die man aus früheren Zeiten von Oscar-Verleihungen kannte.
Das ist mindestens großartig.

Besonders hat mir Javier Bardem gefallen, der für seine Rolle den Oscar für die beste Nebenrolle bekommen hat. Angesichts der Geschichte ist Nebenrolle wohl trotzdem als Beleidigung aufzufassen, denn ohne diese Rolle funktioniert in diesem Film garnichts. Hübsch übrigens, wie hässlich Bardem sein kann, wie widerlich und schmierig von seiner ganzen Art. Er gibt keinen eiskalten Killer, auch keinen psychopathischen, und doch hat die ganze Rolle etwas davon.

Insgesamt kann ich dem Film kein Muss-man-gesehen-haben bescheinigen, aber wer ihn sich ansehen möchte, wird sich auf jeden Fall einen guten Film ansehen.

24.02.2008

Keine Bücher ....

Ich wollte keine Bücher mehr kaufen, bin jetzt aber doch schwach geworden: Die Grenzen der Interpretation von Umberto Eco; ich habe es schon öfter gelesen, und immer wieder geliebt. Nachdem ich es vergeblich in den Bücherhallen gesucht habe, musste ich also Geld ausgeben.

11.02.2008

Kleiner Zwischenbericht

Seit mehreren Tagen ordne und glätte ich das Material, das ich in den letzten Monaten zusammengesammelt habe. Welches Material? Die Figuren, die ich aus verschiedenen Büchern zusammengetragen habe.
Figuren - das sind kleine Einheiten, die sich auf dem Weg zum Begriff befinden. Ein Begriff besteht ja aus Elementen/Quasi-Objekten und Argumenten/grammatologischen Verkettungen. Ein Begriff ist selbst ein Quasi-Objekt, immateriell und ein reines kognitives Gebilde, aber wir tun so, als sei es real vorhanden.
Eine Figur nun bezeichnet zweierlei, und zweierlei sehr verschiedene Sachen: zum einen werden damit Begriffe im Moment ihres Gebrauchs erfasst, als ob es sich um ein Kochrezept handelt und nicht um einen Begriff (ähnlich findet sich bei Wittgenstein der Begriff Lebensstil als ein Sprachspiel plus seinen nonverbalen Anteilen); zum anderen ist eine Figur ein unscharfer Begriff, einer, der sich noch nicht aus dem impliziten Verstehen gelöst hat und damit noch nicht seine arrogante Schärfe gegenüber der Welt ausgeprägt hat: eine solche Figur ist dann ein fröhliches Werkzeug, bei dem man sich nicht allzuviel Gedanken machen sollte, warum und wie es funktioniert.

Um ein Beispiel zu geben:
Mit weiten Schritten lief Jolly über den Ozean. Ihre nackten Füße versanken fingerbreit im Wasser. Unter ihr gähnte der tintenblaue Abgrund der See, bis zum Meeresboden mochten es einige hundert Mannslängen sein.
Jolly konnte seit ihrer Geburt über Wasser gehen. Mit den Jahren hatte sie gelernt, sich mühelos auf der schwankenden Oberfläche zu bewegen. Für sie fühlte es sich an, als liefe sie durch eine Pfütze. Flink sprang sie von einer Woge zur nächsten und wich den schaumigen Wellenkämmen aus, die manchmal zu tückischen Stolperfallen wurden.
(Kai Meyer: Die Wellenläufer)
Trivialisieren: etwas Ungewöhnliches oder Neues so schildern, dass es seinen Platz in seiner Umwelt findet. Etwas seinem Platz zuzuweisen heißt, es gewöhnlich, trivial zu machen.
1. Jolly kann auf dem Wasser gehen. Meyer beginnt hier aber nicht mit dieser Aussage (sie folgt im vierten Satz), sondern mit einer Art Platzierung: dort, an dieser Stelle wird diese ungewöhnliche Fähigkeit getan: „Mit weiten Schritten lief Jolly über den Ozean. Ihre nackten Füße versanken fingerbreit im Wasser. Unter ihr gähnte der tintenblaue Abgrund der See, bis zum Meeresboden mochten es einige hundert Mannslängen sein. ...“
2. Um etwas zu trivialisieren, werden Verbindungen in die Umwelt gezogen. Meyer folgt in den ersten beiden Absätzen einem bestimmten Schema: was wird Ungewöhnliches getan? (Tätigkeit: 1. Satz); wie sieht das genau aus? (Spezifikation: 2. Satz); wo passiert es? (Verortung: 3. Satz); seit wann passiert es? (Herkunft: 4. Satz); wie hat sich die Fähigkeit entwickelt? (Lehre: 5. Satz); welche sinnliche Erfahrung bringt dies für den Tätigen (Gefühl: 6. Satz).
3. Die Trivialisierung „reagiert“ auf Fragen, die der Leser an den Text stellt. Hat der erste Satz ein Ereignis oder Geschehnis eingeführt, das rätselhaft erscheint, so antworten die folgenden Sätze ausweichend. Denn der wahre Grund, warum Jolly über Wasser laufen kann, enthüllt sich erst nach und nach im Roman. Die Trivialisierung erklärt nicht, sondern verankert. Sie weicht aus, indem sie ein Phänomen so in eine Umwelt setzt, dass der Leser dies als normal hinnimmt. (Damit lässt die Trivialisierung zugleich Platz für die Intrige, hier nämlich dem wahren Grund, warum Jolly diese Fähigkeit hat.)
4. Was konkret ist, setzt die Imagination in Gang: und auch das ist eine Funktion der Trivialisierung; sie baut ein Bild für den Leser. Dieses Bild bietet nicht nur Sichtbares, sondern vor allem Anhaltspunkte, was sich der Leser vorzustellen hat. Der tintenblaue Abgrund ist ebenso eine Übertreibung, wie die Herkunft dieser Fähigkeit nur ein undeutlicher Anhaltspunkt bleibt.

Um also eine Figur zu konstruieren, bedarf es kaum einer Anstrengung: ein vorhandenes kleines Muster wird in eine Beschreibung gegossen, und diese Beschreibung analysiert auf der einen Seite dieses Muster und gibt auf der anderen Seite Hilfestellung, dieses Muster in etwa selbst herzustellen.
Auf der anderen Seite gibt es hier trotzdem eine Menge zu tun. Diese Arbeit gründet sich darin, dass solche Figuren wie die Trivialisierung massenhaft im Text auftauchen, und man würde sich ewig wiederholen, wollte man jede einzelne Figur, die ein Text konkret bietet, aufzählen. Man muss also auswählen, und man muss so auswählen, dass die Figuren ineinandergreifen, auf der einen Seite, und genügend abgegrenzt sind, auf der anderen Seite.

Die Arbeit hat mich zu zahlreichen Autoren geführt, insbesondere meine Lieblinge der "Unterhaltungsliteratur", Stephen King, Martha Grimes, Dashiell Hammett, Eoin Colfer, Joan Rowling, Tolkien, Otfried Preußler und Nöstlinger, aber auch zu gewichtigeren Namen wie Gottfried Keller, Thomas Mann, Ernest Hemingway, Handke, Murakami oder Rushdie. Einige unbekanntere Autoren wie von Kayserling oder Klabund finden sich auch dabei.

Ziel und Zweck der ganzen Übung ist, hier eine Art Katalog herzustellen, eben Figuren, aus denen eine Erzählung zum größten Teil besteht, eine Art summa summarum des Narrativen.
Ziel und Zweck des Ganzen ist aber auch, aus diesen Figuren konkrete Übungen zu ziehen, mit denen sich die alltägliche Schreibpraxis herumschlägt. Es geht nicht um die großen Formen, die Abschnitte und das aristotelische Schema des Dramas, sondern um die kleinen Wendungen.
Schreibhilfe, sensible Analyse - und letzten Endes auch eine Schreibwerkstatt, die sich auf das Einüben solcher Figuren stützt, und die ich gerne vorstellen und ausprobieren möchte: an der Volkshochschule vielleicht. Dazu muss jede Figur noch mit Übungen versehen werden und da ich dies in eine "echte" Werkstatt und einen "echten" Werkstattunterricht umsetzen möchte, muss natürlich auch entsprechendes Material gebastelt werden.

06.02.2008

Der Krieg des Charlie Wilson

Am Montag habe ich mir im Kino Der Krieg des Charlie Wilson angesehen, ein ganz wundervolles Politmärchen mit einem großartig verlotterten Tom Hanks. Die Karte habe ich wieder über meine Kollegin Chris bekommen.
Charlie Wilson ist ein kleiner texanischer Abgeordneter im Repäsentantenhaus der USA; er kokst, und er hat gerne schöne Frauen um sich. Sein Spruch, was Frauen angeht, ist: Du kannst einer Frau alles beibringen, nur nicht, wie sie große Titten bekommt.
Nun, Charlie Wilson gerät etwas unfreiwillig an den Afghanistan-Konflikt: die Russen marschieren dort ein, und die USA ist entschlossen, etwas dagegen zu tun. Nur was sie dagegen tun möchte, weiß niemand so genau. Charlie Wilson dagegen hat eine einfache Strategie: man trete den Sch***-Kommunisten einfach in ihren kleinen, roten Hintern. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: über diverse diplomatische Verwicklungen schafft Wilson es, die afghanischen Streitkräfte statt mit einem Etat von 5 Millionen Dollar mit 1 Milliarde Dollar auszustatten. Das Ergebnis ist bekannt: die Russen zogen sich aus Afghanistan zurück.
Charlie Wilson - der echte Charlie Wilson - gab zu dem Film übrigens folgenden Kommentar: Sie haben mich sehr nett behandelt. - Großer Gott, denkt man sich da, wenn Tom Hanks einen solch verlotterten Typen spielt, wie mag es da beim echten Charlie Wilson gewesen sein?
Jedenfalls ist der Film großartig. Nie schweift die Kamera ab. Man sieht einfach die ganze Brutalität des Krieges und trotzdem ist dieser Film auch eine ganz hervorragende Komödie; bitter und lustig zugleich eben.

04.02.2008

Dieter Bohlen? - Nö, nö! (Ghostwriter anno dunnemal)

Wer sich heute so alles seine Biographie schreiben lässt! Dieter Bohlen zum Beispiel, oder Helmut Kohl, um nur einige berühmtere Personen zu nennen. Dass Herr Bohlen nicht selbst schreibt, nehmen wir dankbar entgegen, dürfte seine Biographie sich eher im Bereich heißer Luft bewegen (wobei er als Komponist mittlerweile wirklich erträglich ist); dass Herr Kohl mit seiner Biographie unspektakulär bleibt, ist oft bemängelt worden.
Das Geschäft des ghostwriters muss ein müßiges Geschäft sein, und ein lukratives. Im übrigen ist es ein sehr altes Geschäft, vielleicht so alt wie das horizontale Gewerbe. Ghostwriter haben neben dem Schreiben der Biographie noch eine viel wichtigere Funktion: das Bilden von Mythen. Und diese Funktion ist schon immer gerne genutzt worden.
So hat sich Gustav II. Adolf - der Schwedenkönig, der im 30jährigen Krieg feder-, bzw. schwertführend war - systematisch zum Verfechter des protestantischen Glaubens stilisiert, mit Bildern, die ihn als von Gott geführt auszeichnen, geführt gegen den Drachen der katholischen Kirche.
Dass man sich mit Büchern gerne ein Mahnmal setzt, zeigt auch der "Fall" Torquato Tasso: Gerusaleme liberata, für Alfons II. Herzog von Ferrara und Modeno geschrieben, der Prinzessin d'Este gewidmet, der Schwester des Herzogs. - Bekannt ist hier ja auch, hoffentlich, Goethes dramatische Bearbeitung dieses Lebensabschnittes. (Tasso wurde im späteren Leben "verrückt", offensichtlich gab es bei Hof ein massives Mobbing gegen ihn, zudem kam er mit der Inquisition in Konflikt.)
Jetzt lese ich, dass Maximilian I. nicht nur der letzte Ritter genannt wurde, sondern er hat sich selbst in mehreren autobiographischen Epen stilisieren lassen, die nach seinen Vorgaben geschrieben wurden. Eines dieser Epen ist Fragment geblieben, die anderen beiden hat er zum Teil selbst geschrieben, zum Teil von anderen verfassen lassen. Diese Selbststilisierung geschah zum Teil systematisch und ist nicht mehr eine "Huldigung", sondern eine "Werbung durch Mythisierung".
Wir treffen hier auf ähnliche soziale Konstellationen wie bei Helmut Kohl und Dieter Bohlen, vielleicht nicht ganz, aber zumindest ist das Phänomen des Ghostwriters und der Stilisierung in der Auto-/Mytho-Biographie.

Journal für Kunst, Sex und Mathematik

Was es nicht alles gibt!
Ich habe bei diesem Blog zwar kein Wort verstanden [sic!], aber wenigstens die Bilder sind hübsch.

Firefox

Man wird übermütig: so langsam schmeiße ich das ganze Microsoft-Zeugs von meinem Computer runter. Statt dem Windows-Explorer verwende ich jetzt den UltraExplorer, und statt dem Internet-Explorer befindet sich jetzt der Mozilla Firefox auf meinem Desktop.

Das Wochenende habe ich mit Cedric verbracht, heute Abend noch ein wenig am Java rumgebastelt, aber nur auf dem Papier. - Alles in allem kein besonders ereignisreiches Wochenende.

28.01.2008

Personentypen bei Kai Meyer

Kai Meyer entwirft - im Wellenläufer-Zyklus - seine Personen nach einem ganz bestimmten Stil, man könnte ihn die enttäuschende Idealisierung nennen: fast jede Person weist eine besondere Fähigkeit oder eine besondere Stellung auf, aber jede dieser Personen hat auch einen Makel, eine Charakterschwäche, ein Geheimnis.
Es dürfte auch klar sein, warum dies so ist: da die Welt, in der der Roman spielt, eine phantastische Welt ist, fällt eine realistische Identifikation fort. Statt dessen muss man sich mit den Personen idealistisch identifizieren.
Doch das ist nur der eine Aspekt. Der andere weist auf ein Kompositionsprinzip hin: die Fähigkeit hilft der Person, sich gegen den Feind zu behaupten - dies ist der Hauptplot. Doch der Makel öffnet die Möglichkeit für Nebenplots und machen die Personen untereinander kompliziert. Dem Hauptplot gehört der Handlungs- und Aktionsraum, den Nebenplots der Gefühls- und Reaktionsraum.

Insgesamt gibt es sechs Typen von Personen bei Meyer:
1.) die noch in der Lehre sind: die Hauptfiguren (Munk und Jolly, eventuell Griffin)
2.) liebe, aber meist nicht außergewöhnliche Personen (Munks Eltern)
3.) mit Makeln behaftete Figuren mit einer großen, recht einseitigen Kompetenz (Urvater, Walker)
4.) groteske Figuren (Buenaventure, der hexhermetische Holzwurm)
5.) undurchsichtige Figuren (der Geisterhändler)
6.) Figuren von sozialer Wichtigkeit (Soledad, d'Artois)

Bei den Bösen gibt es die Schwärme (Klabauter), die Protagonisten dieser Schwärme (Anführer der Klabauter, Boten des Mahlstroms), die Randfiguren (der Wyvern, die Klabautermutter) und die Komplizen (Tyrone).

Meyer konstelliert seine Personen zu etwas, das ich segregative Kriegsfamilie nennen möchte: mit dem Verlust der Ursprungsfamilie - diese ist nicht immer biologisch, siehe Jolly - erzählt das erste Buch (Wellenläufer) auch, wie sich diese Familie erzeugt: sie sammelt ihre Mitglieder zufällig auf, Soledad, Griffin, selbst Munk und Jolly treffen sich durch einen "Zufall". Erst die Ereignisse schweißen sie nach und nach zusammen und jede Person findet einen Moment, in dem sie in diese Familie aufgenommen wird: Jolly und Munk durch der Verfolgung des Geisterhändlers und den Kampf gegen den Boten des Mahlstroms, Soledad und Jolly durch ihr Treffen beim Piratenkaiser Kenndrick, Walker und Buenaventure durch die Flucht aus der brennenden Stadt, ... und so fort.
Die segregative Familie ist bei Meyer nicht nur eine Kriegsfamilie, sondern auch nomadisch: ihr gehört zunächst kein fester Ort, oder: ihr fester Ort ist die Reise. Im zweiten Band wird diese Familie sesshaft (zumindest sesshafter), unternimmt aber dennoch Ausflüge, bzw. sammelt noch verstreute Familienmitglieder ein. Der Exkurs ist der Modus des zweiten Bandes.
Diese exkursive Familie löst sich wieder auf, wenn es um den Krieg selbst geht - im dritten Band -: auflösen vielleicht nicht, aber was an einzelnen Personen zuvor eingesammelt wurde - das ganze Schicksal der Patchwork-Familie - wird nun dorthin gebracht, wo sie ihre Funktion am besten erfüllen: aus den Nomaden sind Forscher und aus den Forschern Partisanen geworden.
Die Familie ist bei Meyer immanent, getragen durch konflikthafte Wünsche. Sie kämpft gegen die Transzendenz an: gegen das Grauen der totalen Ordnung (die zugleich das totale Chaos ist). Sie kann sich durch inklusive, nomadische und vielstimmige Mechanismen auf diesen Krieg einlassen. Aber der Krieg ist nicht der Selbstzweck der Familie, er transzendiert diese nicht: eher schafft es die Familie, sich selbst aus diesem Kriegszustand heraus zu produzieren.

Wir haben es hier also mit einem typischen Werdegang zu tun: durch verschiedene Ereignisse wird die Ursprungsfamilie zerstört und der Protagonist zu einem freien Radikal. Dadurch definieren sich die Protagonisten nicht mehr durch Orte wie die paranoide Familie, sondern durch Ereignisse.

27.01.2008

Jean-Christoph Grangé: Das Herz der Hölle

Ich dagegen lese im Moment Das Herz der Hölle (fr.: Le serment des limbes - Der Schwur der Vorhöllen), von Grangé, der auch Das Imperium der Wölfe geschrieben hat. Der Thriller ist ziemlich packend.

Besonders auffällig ist, dass Grangé zwar den modernen Ein-Satz-Stil anwendet, aber mit einer ganz anderen Wirkung als andere Autoren. Bei Grangé wirkt dieser Ein-Satz-Stil nicht abgehetzt und zerhackend, sondern eher hingetupft. Grangé schreibt nämlich nicht solche Sachen wie Schmerz! Im ganzen Körper! Brüllen. Um die Qualen loszuwerden. sondern: Der Schreibtisch akribisch gesäubert. Ein Bleistift. Notizzettel, leer. Das Telefon.
Man muss sich auch hier fragen, was die Funktion dieses Telegramm-Stils ist und welche Wirkung man damit erzielt. Grangé nutzt ihn hier, um Beschreibungen abzukürzen, vor allem, wenn es sich um konventionelle Beschreibungen handelt. Das heißt natürlich auch, dass er gerade dann auf diese elliptischen Sätze zurückgreift, wenn es nichts Dramatisches zu erzählen gibt. Dagegen sind andere Autoren genau an den dramatischsten Stellen so atemlos. Grangés Einsatz finde ich da wesentlich angenehmer zu lesen.
An anderen Stellen wird (bei Grangé) der elliptische Satz verwendet, wenn ein Sachverhalt präzisiert werden soll. Dann wird wie eine beigefügte Erklärung der vorangegangene Satz differenzierter erläutert.
In einer dritten Verwendungsweise steht der elliptische Satz wie ein Thema oder eine Überschrift für das folgende. Damit geht der Autor schon ein Stück weit in Richtung stream of consciousness, denn hier handelt es sich eher um ein Aufblitzen einer freien/wilden Assoziation, die dann in den Kontext durch vollständige Sätze eingebunden werden.

Grangés Buch erzählt die Geschichte des Protagonisten Mathieu: der ist Kommissar bei der Pariser Mordkommission. Als sein bester Freund Luc überraschend Selbstmord begeht, zwar gerettet wird, dann im Koma liegt, als dies passiert, ahnt Mathieu bereits schon, dass dahinter Abgründe lauern. Luc, ein gläubiger Christ, hat sich Zeit seines Lebens mit den Manifestationen des Teufels auf der Erde beschäftigt. Als Mathieu mühsam die erste Spur zusammenrecherchiert, stößt er in ein Wespennest: ein kleines Dorf in der französischen Jura, in dem ein halbes Jahr zuvor ein unheimlicher Leichnam gefunden wurde. Dieser weist alle Stadien der Verwesung auf, von der vollständiger Skelletierung der Füße bis hin zu einem vollkommen erhaltenen Kopf. Laut dem Gerichtsmediziner musste das Opfer erst wenige Stunden tot sein, nachdem sie gefunden wurde. Zudem wurde die Leiche in einer obszönen Stellung bei einem Kloster abgelegt.
Spätestens an dieser Stelle kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Je wilder der Fall sich gebärdet, umso kühler, distanzierter erzählt Grangé. Dabei fährt er keinen Hokuspokus auf, sondern einen intelligent konstruierten Plot, der immer leiser wird, je mehr sich die Situation zuspitzt. Gerade das aber, dass Grangé die Sprache drosselt, den Aufruhr durch die Worte, aber nicht in den Worten passieren lässt, gerade dies erregt.
Mich erinnert das an die Musik von Bizet: Bizet lässt seine Orchestrierung an dem Höhepunkt öfter auf einem Ton verharren und nimmt ganz die Akkorde und jeden tonalen Zusammenhang heraus. Und dieser einzelne, reine Ton drückt die ganze Inbrunst der Bizetschen Musik aus.

Es ist also nicht die Kühnheit der Stilmittel, die Spannung erzeugt, sondern oft genug das Gegenteil: das konventionelle Erzählen, die dramatische Mimesis, wenn sich die Schlinge für den Kommissar zuzuziehen beginnt. - Vielleicht sollte das der eine oder andere Jungautor berücksichtigen, wenn er seinen Romanerstling auf einen Höhepunkt zusteuern lässt.

05.01.2008

Segeltörns und Enthymeme

Wie hübsch unser sagenhafter Alltag ist: da tickern kurz hintereinander mehrere Jugendliche aus und verprügeln, verletzen und berauben Menschen. Keine schöne Sache! - Hübsch dagegen ist, dass in den empörten Leserbriefen nicht nur härtere Strafen gefordert werden, sondern gleich wieder von den Segeltörns geredet wird, die diese Jungs dann sozusagen noch als Belohnung für ihr schlimmes Verhalten bekämen.
Tatsache ist, dass von den vielen jugendlichen Straftätern bisher die wenigsten Segeltörns bekommen haben. Tatsache ist auch, dass in Hamburg zum Beispiel die Segeltörns nicht einfach so gemacht wurden, sondern nach einem Jahr harter Arbeit: die Boote wurden von den Jugendlichen selbst gebaut. Und dann ist es nur gerecht, wenn die Jugendlichen mit ihrem eigenen Boot auch mal zwei Wochen "Urlaub" machen können. Segeltörns sind nicht unbedingt einfach, schon gar keine Zeit für Faulenzerei.
Aber dieser Mythos aus unserem sagenhaften Alltag hält sich hartnäckig als Argument, auch, dass diese Maßnahmen nicht nur nichts nützen, sondern die Jugendlichen auch noch belohnen. All dies um zu beweisen, dass das Gegenteil - harte Strafen und Wegsperren - bessere Mittel sind.
Rhetorisch gesehen sind die meisten Leserbriefe Ansammlungen aus Enthymemen. Enthymeme sind Beweise, bei denen das eine Argument keine empirische Feststellung ist, sondern ein moralisches oder unscharfes oder falsches Argument. Schlussfolgerungen basieren ja auf der Formel: A ist x und B ist a, also ist B x. Wird dieses empirisch ausgeführt, dann ergibt das zum Beispiel folgende Sätze: "Alle Menschen (A) sind sterblich (x). Sokrates (B) ist ein Mensch (a). Also ist Sokrates (B) sterblich (x)." Man nennt dies auch Syllogismus.
Ein Enthymem zeigt dies in etwa so: "X ist ein Straftäter. Straftäter dürfen Segeltörns machen. Segeltörns sind Belohnungen. Also werden Straftäter belohnt." - Satz 2 ist eine Behauptung, Satz 3 eine Unterstellung, beide Sätze sind Verallgemeinerungen.
Verkettungen mehrerer Verallgemeinerungen oder Schein-Argumenten zu einer oder mehreren Schlussfolgerungen nennt man soros; das ist griechisch und heißt Haufen. Sie waren schon bei den Griechen als Mittel der Überzeugung sehr beliebt.

02.01.2008

Die Wellenreiter

Aus einer Laune heraus habe ich von Kai Meyer die drei Bücher um Jolly und Munk aus der Bibliothek ausgeliehen: und meinem Sohn haben sie hervorragend gefallen. Wir haben innerhalb zweier Tage das erste Buch fast zu Ende gelesen.
Ich hatte mich schon einmal mit Meyer beschäftigt und einige seiner Werke analysiert. Mittlerweile stehe ich von meinem Nachdenken ganz woanders: und nehme seine Bücher neu in Angriff.
Was mich in meinen ersten Gehversuchen sehr frappiert hat, war eher, dass ich einen kurzen Artikel zu Meyer geschrieben habe, den ich immer noch sehr gut finde. Diesen hatte ich in die wikipedia-Seite integriert. Darum gab es dann unter den anderen wiki-Nutzern einen heftigen Streit: mein Artikel sei parteiisch - nun, er ist parteiisch, insofern ich Meyer mit einiger Ironie "gut" heiße. Aber all dies ist ironisch gemeint gewesen. Schließlich hat es mich genervt, über Sinn und Zweck einer Enzyklopädie zu streiten, und ob diese essayistische Inhalte haben darf, oder immer "objektiv" sein muss (objektiv ist ein scheußliches Wort, ein richtiger Totschläger). Enzyklopädien sind nicht objektiv. Selbst d'Alembert wusste darum (und d'Alembert ist Mitherausgeber der großen französischen Enzyklopädie gewesen). Schließlich habe ich den Teil des Artikels zu Kai Meyer entfernt.

Meyer selbst ist in seinen Büchern anti-enzyklopädisch: wenn man seine Werke betrachtet, dann sind es Entstellungen der offiziellen Geschichtsschreibung, Fantasyromane eben, die ein Stück realer Welt mit so viel Zauber anreichern, dass es genausogut Fantasyromane hätten sein können. Nur hat Meyer dabei immer wieder den Übergang zu wirklichem, zu "objektivem" Wissen im Blick. Der eigentliche Skandal bei Meyer ist, dass er uns die Flickschusterei, die wir Wirklichkeit nennen, vor Augen führt und behauptet, es könne alles auch ganz anders sein. Wie Nostradamus seine Prophezeiungen gemacht hat, so hat uns Meyer die Zukunft unserer Vergangenheit umrissen: als eine Vorratskammer aus Mythen.
Der zweite Band schwächelt etwas, insgesamt ist die Trilogie um Jolly und Munk, Die Wellenläufer, Die Muschelmagier, Die Wasserweber, aber sehr lesenswert.