05.03.2009

Passiv dankbar

So, damit ist eine weitere nächtliche Sitzung mit Sabrina und Rena zu Ende. Wir haben uns in der Arbeit zu spezifischem Konsumentinnenverhalten fortbewegt (Frauen an sich kennen wir jetzt).
Alles in allem ist die Arbeit auch deshalb spannend, weil die gender theory deutlich Geschlechtsnormen und -typologien hinterfragt, während das gender marketing in einem Spannungsverhältnis dazu steht: auf der einen Seite ist der Wandel kultureller Geschlechter mit neuen Vermarktungschancen verbunden und, da Werbung mitprägend für diesen Wandel sein kann, das Marketing auf Diversifizierung eingestellt. Auf der anderen Seite aber will man natürlich Kundinnen binden. Und daraus resultieren wieder recht konservative Strategien.
Hier zugleich fördernd und hemmend zu agieren ist die große Herausforderung beim gender marketing. Sich nicht zu sehr von den Entkanonisierungsstrategien der aktiv-politischen gender practice, des queering beeinflussen zu lassen und diesen trotzdem Erkenntnisse und Tendenzen abzulauschen, eine andere Herausforderung.
Im Moment absorbiert mich noch dieses kognitive Spannungsfeld. Insgesamt finde ich dieses marktförmige Aufsaugen einer guten politischen Bewegung aber befremdlich.

Noch befremdlicher allerdings ist das gender mainstreaming, politisch durch das GGO § 2 (Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien, vom 26. Juli 2000) verordnet, bzw. novelliert. Hier heißt es: "Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist durchgängiges Leitprinzip und soll bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesregierung in ihren Bereichen gefördert werden (Gender Mainstreaming)". Im Prinzip also nichts anderes als was das Gleichstellungsgesetz sagt und seit der feministischen Bewegung auch für die Ämterbesetzung gefordert wird.
Nichts Neues also unter der politischen Sonne, außer einem schicken, englischen Wort.

Doing gender dagegen bezieht sich auf das Neuerfinden von Geschlechtern. Jedem sein eigenes Geschlecht wäre hier die radikalste, von Gilles Deleuze und Félix Guattari ausgegebene Parole.

Zu meiner gender-Verfassung gehört derzeit, dass ich zwischen Rena und Sabrina sitze und mit Schnullern aus Weingummi gefüttert werde (ein Hund, wer Böses dabei denkt). Wir unterhalten uns - rein intellektuell - über gender marketing, lachen ein wenig, und ich tippe dabei die stilistischen Änderungen ein, die wir für sinnvoll erachten. Ab und zu setze ich ein Komma, ohne zu fragen.

Heute Abend, das heißt ja mal wieder, gestern Abend, hatte ich ein Telefonat mit Chris. Chris schreibt Geschichten, sehr novellistische übrigens, und liest diese ganz wunderbar vor.
Sie erzählte mir, dass sie sich mit einem Menschen zerstritten hat, dem sie vor einiger Zeit einen sehr wichtigen Kontakt vermittelt hat. Durch diesen Kontakt konnte dieser Mensch sich seinen beruflichen Wunschtraum erfüllen. Jetzt, beim Streit, erinnerte sie ihn daran, und dass er wenigstens ein bisschen Dankbarkeit zeigen könne, indem er sie auch mal ernst nehme.
Er sagte darauf, er sei ihr ja auch dankbar, aber rein passiv.
Hier kommt jetzt eine angemessen lange Pause, in der ihr euch wundern dürft.

04.03.2009

Mehr Aufmerksamkeit für Frauen

Manchmal schießt man sich durch Knie, Becken, Niere, Lunge und Adamsapfel hindurch ein Auge aus. Das ist mit einigen unangenehmen Verrenkungen verbunden, kann aber klappen.

Meine Nachbarinnen Rena und Sabrina schreiben über Gender-Marketing. Ich erwähnte es bereits. Im Moment diskutieren wir den Teil durch, in dem auf die Unterschiede der Geschlechter eingegangen wird. Heute sind wir beim Hirn. Denken Frauen anders als Männer - so lautet die Problemstellung -, weil sie andere Gehirne haben?
Nun, bevor ich dazu auch etwas sage: jedenfalls habe ich deshalb gerade alle meine neurophysiologischen Bücher um mich herum aufgeschlagen liegen. Eigentlich wollte Cedric heute kommen, aber aus Gründen, die ich weiter unten kurz anreißen werde, kommt er doch nicht. Also habe ich Zeit. Und zwar Zeit dafür, was ich eigentlich schon vor Wochen machen wollte, nämlich in der Neurophysiologie herumstöbern. Damals zum Thema Aufmerksamkeit (ich kündigte dazu einen Artikel an), jetzt zum Thema weibliches/männliches Denken. Das Thema Aufmerksamkeit pflegt sich dabei sozusagen nebenher mit ein.

Die gute Nachricht zuerst: die Neurophysiologen wissen nicht allzuviel über ein geschlechtsspezifisches Gehirn.
Anders ausgedrückt: wer - wie das Ehepaar Pease - den Neurophysiologen nicht zuhört, parkt wissenschaftlich schlecht ein.
Das Hirn ist zu Beginn "weiblich". Zumindest in einem gewissen Embryonalstadium. Erst später greifen hier bei männlichen Embryonen geschlechtsspezifische Mechanismen ein, die vielleicht zu einer bestimmten Ausprägung des Gehirns führen.
Deutlichsten Zeichen aber scheint zu sein, dass die Hirnhälftendominanz bei Jungen ungefähr um das sechste, bei Mädchen erst um das dreizehnte Lebensjahr entschieden wird. Wohlbemerkt: Dominanz ist hier unspezifisch gesetzt, denn es gibt bei beiden Geschlechtern Ausprägungen sowohl für die linke oder für die rechte Hirnhälfte und mithin bei beiden Geschlechtern die salopp gesetzte Dominanz von entweder mathematisch-logischem oder emotional-sprachlichem Denken.
In der statistischen Verteilung dieser Dominanz kann man zwar feststellen, dass Mädchen deutlich zu sprachlich-emotionalem Denken und Jungen zum mathematisch-logischen Denken neigen, aber das ist nur statistisch so und da nur ein deutlicher Unterschied, aber keine Regel.

Es gibt also zunächst keine geschlechtstypische Dominanz. Und warum sich diese Dominanz doch in gewissem Sinne geschlechtstypisch ausprägt, ist unklar.
Klar jedoch ist, dass das Gehirn extrem plastisch ist und stark auf kulturelle Einflüsse reagiert. Also könnte die Kultur für diese statistische Verteilung zuständig sein und nicht die Biologie.

Ein anderer interessanter Aspekt sind Hormonspiegel. Dabei muss man noch nicht mal auf Testosteron oder Östrogene eingehen, die ja immer als geschlechtsspezifische Hormone zitiert werden.
Gewalttätige Menschen sind überwiegend Männer, aber bei diesen hat man nicht nur oft (aber nicht regelhaft) einen massiv erhöhten Testosteronspiegel festgestellt, sondern auch einen oft niedrigen Serotoninspiegel. Serotonin wird auch salopp als Wohlfühlhormon bezeichnet. Es sorgt für eine eher unspezifische Aufmerksamkeit und Entspannung. Für spezifische Aufmerksamkeit und "guten Stress" ist übrigens das Glückshormon Dopamin zuständig.
Niedrige Serotoninspiegel wurden auch bei Depressiven und Menschen mit Panikattacken festgestellt.
Tätigkeiten, in denen Humor, Freundlichkeit, geselliges Zusammensein eine Rolle spielen, erhöhen den Serotoninspiegel. Soziale und/oder physische Isolation senkt ihn. (Man bedenke, was das zum Beispiel mit Einzelhaft zu tun hat, oder auch nur - wie das immer noch Praxis ist -, wenn man Schüler zur Strafe vor die Tür setzt.)
Serotonin ist kein Hormon, dass geschlechtstypisch ausgeprägt sein dürfte. Trotzdem haben Frauen durchschnittlich einen höheren Serotoninspiegel.

Hormonspiegel für sich sind aber noch kein eindeutiges Zeichen. Wichtig ist auch, wie das Gehirn gelernt hat, diese Hormone zu verarbeiten. Gehirnspezifische Hormone werden auch Neuromodulatoren genannt. Diese Neuromodulatoren fördern oder hemmen die Reizweiterleitung bestimmter Hirnareale.
Wenn ein Hirnareal "seine" Hormone rasch und massenweise verarbeiten kann, dann treten andere hormonelle Effekte auf, als wenn es diese langsam und stückchenweise verarbeitet. Diese Verarbeitung aber wird gelernt, indem das Gehirn entsprechende Andockstellen für Hormone auf- oder abbaut. Dies kann innerhalb weniger Stunden, in Tagen oder sogar Wochen geschehen.
Es gibt also eine neuronale Plastizität, die aber unterschiedlich träge ist.

Deshalb sind Hormonspiegel für sich nicht aussagekräftig.
Jedenfalls aber kann man dem Mythos eines spezifisch weiblichen oder spezifisch männlichen Gehirns entgegentreten. Selbst wenn es hormonelle Unterschiede gibt, kann das Gehirn zusätzlich lernen, diese so oder so zu verarbeiten. Und bei diesem "so oder so" spricht die umgebende Kultur ein deutliches Wörtchen mit.


Formulare

Gerade läuft in der Luhmann-Liste ein spannende Diskussion, angestoßen durch Peter Fuchs.
Peter Fuchs untersucht (neben wahrscheinlich vielem anderen) Formulare, bzw. Adressierbarkeiten in Form von Formularen.
Er schreibt, Formulare würden gewisse Erwartungsstrukturen in Ereignisse transformieren, die dann zum Beispiel Institutionen für Entscheidungen nutzen würden.

Mir ist etwas ähnliches für Intelligenztests aufgefallen, nur hatte ich damals anders formuliert. Damals, also während meiner Studienzeit. Intelligenztests, so schrieb ich in einer Arbeit, ich glaube zum Raven-Test, würden den Kontakt zwischen auseinanderdriftenden Institutionen aufrecht erhalten, also einen Beitrag zur Interpenetration nicht-entscheidungsfähiger Entscheidungssysteme liefern (man kann also sagen, dass Schulbehörden Wissen verwalten wie Banken Risiken verwalten: in Form von Unsicherheiten).
Der Gedanke jedenfalls gefällt mir gut, dass Formulare Ereignisse liefern, und zwar die Ereignisse, für die in einer Organisation schon Programme bestehen. Hat eine Organisation nichts zu tun, schickt sie eben Formulare raus (salopp formuliert).

Was Intelligenztests angeht, so scheinen diese auch eine Art Beschwörungsformel für Mythen zu liefern. Zum einen wird der Mythos der Intelligenz perpetuiert; dann aber legitimieren sie die Geschichten, die sich um einen Schüler ranken (oder stören diese, je nachdem).
Insofern haben Formulare viel mit Geschichten zu tun. Ich erinnere auch an die Formblätter, die in manchen Handbüchern des Erzählens für Charaktere zu finden sind, an Formblätter für Geschichtsverläufe, oder an die character sheets für Rollenspiele. Ein hübsches Feld für die kulturhistorische Semantik.


03.03.2009

Dialoge, Leserorientierung

Textarbeit ist etwas wunderbares. Nachdem ich mich noch einmal mit Argumentationen intensiv beschäftigt habe und mein Wissen um das semantische Gedächtnis aufgefrischt habe, wandelt sich meine ganze Arbeit wieder.

Den Krimi, den ich nebenher schreibe (gestern leider nur zwei Szenen, knapp tausend Wörter) hat dagegen im Moment seine eigenen Probleme. Als ich zwanzig war, konnte ich keine Dialoge schreiben. Ich lese heute meine Geschichten von damals mit Schaudern. In diesem Krimi nun nehmen die Dialoge fast überhand. Ich kann das noch nicht genau einschätzen. Um ein reiches Umfeld zu schaffen, zahlreiche Nebenfiguren zu handeln, diese plastisch zu halten und immer auch Konflikte mitschwingen zu lassen, sind Dialoge extrem wichtig. Ich bin mit ihnen sehr zufrieden.
Aber ich habe die Befürchtung, dass diesmal die Leserorientierung in die andere Richtung leidet. Wenn zuviel Beschreibung die Spannung und die Charakterdarstellung ausbremst, so ist zu wenig Beschreibung für die faktische Orientierung in der fiktiven Welt hinderlich. Und die fiktive Welt (das Setting) ist das, worauf Geschichten aufruhen.

Szenen sollten sich vor allem an der sinnlichen Realität entlanghangeln. Diese sinnliche Realität ist natürlich nicht das üppige Wuchern der Details, sondern schon sehr ausgewählt und auf den Leser zugeschnitten. Darin liegt der wesentliche Eingriff des Autors: dass er auswählt und so auswählt, dass die Auswahl etwas über die Szene hinaus bedeutet, dass sie nebenher Informationen ins Spiel bringt, dass sie Atmosphäre schafft.

Viele der kleinen Szenen, die ich schreibe, fangen nur blitzlichtartig Kontakte ein. Manche Dialoge führe ich nicht vollständig zu Ende, beginne auch nicht gleich am Anfang, sondern fasse knapp zusammen und schildere nur die fünf, sechs Sätze, die ich mir als wichtig notiert habe. So entsteht eine Fuge aus kleinen Szenen, in denen Gespräche mit dem Vorgesetzten, Arbeitskollegen, Zeugen und privaten Kontakten abwechseln. Hier war die größte Herausforderung gewesen, all diese Szenen in einen guten Zusammenhang zu bringen.
Jedenfalls habe ich beschlossen, mir erst nach Fertigstellen der Rohfassung um das Problem der Leserorientierung Gedanken zu machen.

Heiße Phase

Bei meinen Nachbarinnen ist die letzte Woche ihrer Diplom-Arbeit angebrochen.
Die Arbeit ist soweit fertig. Jetzt kommt der Feinschliff. Deshalb sitze ich jetzt jeden Abend mit ihnen zusammen und gehe die Sprache durch, entklabüstere Sätze, schärfe Begriffe, entrümpele den Stil. Insgesamt macht das sehr viel Spaß. Ich bin ja doch nicht so ein Marketing-Experte (Inhalt der Arbeit ist gender-Marketing im Automobilsektor), als dass ich nicht ständig auch etwas Neues erfahren würde und nachdem wir gestern - also eigentlich heute! - bis um vier Uhr gearbeitet haben, war ich noch sehr wach.

Rena und Sabrina haben ein sehr schönes Marketing-Buch aus dem Pearson-Verlag. Ich lektoriere derzeit das Buch Pädagogische Psychologie von Anita Woolfolk (eigentlich bin ich fertig, aber ich habe noch ein wenig Zeit bis zum Abgabetermin) und bin von dem sehr begeistert.


Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde

Es gibt Bücher, deren Titel jedem Bibliophilen ein Ärgernis ist. So bei diesem Buch. Ich warte noch auf einen Titel wie Der Tag, an dem meine Frau die Laufmasche meiner Socke mit dem Schnupfen des Apothekerhundes verwechselte. Es mag sein, dass sich solche Titel besser verkaufen, als wenn man den englischen Titel eingedeutscht hätte: Hurry down, sunshine; Eile herab, Sonnenschein (der Titel eines alten Blues). Trotzdem ärgert mich der deutsche Titel maßlos.

Nun gut, nehmen wir das so hin. Was erzählt uns dieses Buch?
Michael Greenberg lebt mit seiner neuen Frau Pat und seiner 15jährigen Tochter Sally in New York. Es ist 1996, Anfang Juli. Nach einigen Tagen merkwürdigen und unsicheren Verhaltens bricht bei Michaels Tochter eine manische Episode aus und schmeißt das ganze Leben der kleinen Familie durcheinander.
Greenberg muss sie in einer geschlossenen Station unterbringen lassen. Die Medikamente lähmen die verrückten Schübe seiner Tochter. Und doch findet er nicht wieder zu ihr zurück. Mit einer seltsamen Fremdheit gleiten die beiden aneinander vorbei, bemühen sich umeinander und verfehlen sich.

All dies wäre nicht neu. Es gab solche Bücher und es wird wieder solche Bücher geben. Was mich an Greenbergs Buch sehr fasziniert hat, ist die Dichte seiner Beschreibungen, die fast klinische Präzision, mit der er seine Gedanken und Wahrnehmungen aufzeichnet. Die Sprache ist bis zur Trockenheit schlicht; wenig Metaphern und keinerlei lyrische Verschwulstungen. Allenthalben nutzt er aber schöne, unverbrauchte Analogien (Vergleiche, für unsere Nicht-Rhetoriker).
Erst im Laufe des Lesens, vielmehr: Zweit-Lesens merkte ich, woher diese Atmosphäre kommt. Es sind die narrativen Figuren, die hier ganz prosaisch ineinander greifen, die wenigen wirklich reflektierenden Kommentare, viel mehr noch die Beispiele, die Greenberg aus der Weltliteratur einsammelt, die Vergleiche, die Geschichten, die dieser kleinen, melancholischen Geschichte ihren Glanz geben. (Ich hatte mich mal vor anderthalb, zwei Jahren mit ein paar Autobiografien gequält, Helmut Kohl, Dieter Bohlen, Stefan Effenberger, Bücher, die bei mir eindeutig mit Panikattacken besetzt sind. Da ist mir ein ganz anderen Ton und Schreibstil in Erinnerung.)

Wenn mich etwas an amerikanischen Büchern aufhorchen lässt - selbst die schlechten Liebesromane sind voll davon, wenn auch auf sehr plumpe Art -, dann sind es diese vielen kleinen Verweise auf Konflikte, auf zwischenmenschliche Spannungen. Greenberg streut sie mit großer Selbstverständlichkeit ein.
Diese Konflikte bedeuten wenig oder garnichts, oder können doch irgendwann kippen und die Welt zu Fall bringen.
Wir sind erst seit zwei Jahren verheiratet, und unser Zusammenleben muss sich erst noch von dem Gewicht der getrennten Welten befreien, die jeder von uns in die Ehe eingebracht hat.
Oder:
Mit klirrenden Schlüsseln nähert sich Schwester Phillips. Sie lächelt mir zu und geht, ohne stehenzubleiben, weiter.
All die kleinen Zeichen weisen auf ein Milieu hin, einer Art Boden, auf dem die Gesten, Sätze, Geräusche aufruhen. Doch die kleine Erzählweise, dieses Entlanghangeln an Sinnlichkeiten und an den Symptomen der getrennten Welten, bringen diese Milieus auch wieder in eine vibrierenden Zustand, der darauf wartet zu zerbrechen oder zerbrochen zu werden.
Immer noch hört man hier die amerikanischen Milieus des 19. Jahrhunderts heraus. Als ein Industrieller sich das Land einer kleinen Stadt am Swanee River aneignet und dort eine Fabrik aufbaut, wandern die Bewohner aus: Beute dein Territorium aus, wenn du es ausbeuten willst, aber lass uns in Ruhe fliehen. Freilich können sie das nur deshalb, weil ihre Sesshaftigkeit in dieser Stadt noch immer eine Flucht war und weil ihnen das konkrete Territorium nichts bedeutete.
Gilles Deleuze hat die Montage des amerikanischen Kinos als eine Parallelmontage beschrieben, die auf Schnittpunkte des Zusammentreffens zustrebt und den Unterschied zum sowjetischen Kino darin gesehen, dass dieses - Eisenstein voran - zwar auch Parallelmontagen nutzt, diese aber dialektisch gebraucht, so dass das amerikanische Kino von unabhängigen Bewegungen, zufälligen Treffen und Transformationen erzählt, während das sowjetische Kino von gegensätzlichen Bewegungen, notwendigen Treffen und Aufhebungen in der Synthese berichtet (s. Kino I. Das Bewegungs-Bild, 3. Kapitel: Montage).

Sally bringt ihre Unruhe in die Familie, zuerst als Zeichen eines schwierigen Charakters, von jemandem, der mit Wörtern leicht umgehen konnte, dem aber das Lesen und Schreiben in der Grundschule schwer fiel. Es sind alles Zeichen eines Verdachtes, doch Greenberg schildert auch, wie er sich an einem Bild seiner Tochter festklammert: mit Problemen in der Schule, zurückgezogen und schüchtern, aber mit wachem Verstand und einem genialen Gespür für Wörter.
Als sie dann mehr und mehr in die Psychose hineingleitet, kehren sich die Zeichen, die Gesten plötzlich um. Statt immer wieder auf das Bild einer in ihren Begabungen zerrissenen Tochter hinzuweisen, lösen die Handlungen, ihre Worte plötzlich jegliches Bild auf. Sie wird unverständlich. Etwas stimmt nicht mit ihr.
Je länger sie redet, desto wirrer wird sie, und je wirrer sie wird, desto dringender ihr Bedürfnis, sich uns verständlich zu machen. Bei ihrem Anblick fühle ich mich hilflos. Und doch bin ich von ihrer unverfälschten Lebendigkeit wie elektrisiert.
Die Wörter fliehen ihrer Bedeutung. Sie werden so vollständig Symbole, dass sie weder an den Menschen noch an den Sachen hängen bleiben. Sie fliehen die Territorien, deterritorialisieren sich. Frege unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Der Sinn einer Aussage ist ihr Halt in der Welt. Die Bedeutung einer Aussage ist ihre Verbundenheit mit anderen Aussagen.
Je länger Sally interpretiert, allem Geschehen einen immer seltsameren Sinn abgewinnt, umso mehr entgleitet diese Bedeutung. Die Sprache wird ein molekularer Strom, die Wörter wandeln sich durch Brownsche Bewegungen. In diesem Gefolge löst sich dann auch mehr und mehr der Sinn auf. Die Wörter verweisen nicht länger, sie sprudeln und schäumen.
Greenberg sucht ein sicheres Territorium:
Ich fühle mich in meiner Überzeugung bestärkt und klammere mich an die Gewissheit, des Rätsels Lösung gefunden zu haben: Drogen.
Doch Sally hat ihren eigenen Weg, sich (von sich) ein Bild zu machen:
Dann plötzlicher Lärm. Die Wohnungstür fliegt auf. Pat stößt einen Schrei aus, und beide stürzen wir die Treppe hinab, Sally nach.
In der Bank Street holen wir sie ein. Sie rast, den Oberkörper weit vorgebeugt, blindlings in Richtung Westen.

Schließlich bringt Greenberg sie in eine psychiatrische Klinik, wo sie einer Reihe reterritoralisierender Prozeduren unterworfen wird, Prozeduren, in denen es gilt, aus Sally wieder einen halbwegs normalen Mensch zu machen. Diese gipfeln in einem Moment, da Sally ganz zur Statue erstarrt:
Sie steht am Fenster, augenscheinlich unfähig, sich von der Stelle zu rühren, erstaunt über ihre missliche Lage und über unseren erschrockenen Gesichtsausdruck. Offenbar ahnt sie nicht, dass sie zu einer grotesken Statue erstarrt ist.
Die Menschen führen ein ikonisches Leben. Sie senden diese oder jene Zeichen aus, vollführen diese oder jene Geste und alles führt immer wieder darauf zurück, dass wir uns ein Bild von diesem Menschen machen. Dann aber wird ein solcher Mensch plötzlich unverständlich. Seine Gesten lassen sich nicht mehr einordnen, seine Sprache gerät durcheinander, der Sinn ist eine herumirrende Interpretation, gewaltsam, fremd, lyrisch. Und mit dem Sinn geraten die Handlungen außer Kontrolle. Doch bereits in dem Moment, wenn dieser irre Mensch handelt, kehrt er zu einem Bild zurück, dem des Rasenden.
All diese kleinen Mechanismen der Psychiatrie korrigieren dieses Bild am Körper des Patienten. Ruheraum, Zwangsjacke, Medikamente, medikamentöse Nebenwirkungen. Sie überpinseln die schäumenden Exstasen.
Deterritorialisierung der Sprache, wenn die Wörter keinen Halt mehr finden, Deterritorialisierung des Körpers, wenn dieser uns plötzlich fremd, unwirklich erscheint, 1. Phase; 2. Phase, wenn wir Territorien suchen, mögliche Drogen, der Stress, die Hitze, die Pubertät, wenn diese frei flottierenden Zeichen gewaltsam zum Zeichen eines anderen, gefährlichen Territoriums gemacht werden, wenn wir das Territorium, gleichsam den Tatort suchen, von dem das ganze Spektakel seinen Ursprung nimmt; dann in der 3. Phase zunächst die Angleichung an ein Bild des Schreckens, die Medusa, der Racheengel, das Tier aus den Fluten und schließlich die Riten, Behandlungen, Zurechtweisungen, die das Bild des geordneten Menschens wieder zu ihrem Recht verhelfen bis hin zu ihrer Übererfüllung in der Statue.
Und gleichzeitig vollführt der Wahnsinnige alle möglichen Territorialisierungen. Die kleinsten Anwandlungen, Aufmerksamkeiten öffnen ein ganzes esoterisches Milieu: es gibt die Lichtfresser, die Botschaften der Engel, es gibt die Menschen, die auf die Heilsbotschaft warten, eine ganze reißende Flut indexikalischer Zeichen, die nur noch flüchtig den Boden, die Ökosysteme, die sozialen Nischen, aus denen sich unser Leben zusammensetzt, berühren.
Am Ende des Buches hat Sally geheiratet und sich wieder scheiden lassen. Jetzt lauscht sie nach den Zeichen, die sie auf das Territorium der Psychose zurückführen:
"Ich versuche herauszuspüren, wann sie [die Psychose] bevorsteht", sagt sie, "damit ich ihr aus dem Weg gehen oder mich wenigstens zu Boden werfen kann wie jemand, der ins Kreuzfeuer einer Schießerei gerät."
Man höre die beiden räumlichen Metaphern, die Sallys Aussagen begleiten. Die Sprache, der Körper, obwohl immer noch bedroht, ist in einem verlässlichen Milieu angekommen. Direkt vor dieser Stelle schildert Greenberg, dass er wieder ein Bild von seiner Tochter hat.

Was Greenberg schreibt, ist mehr als eine Autobiographie. Es ist die Lehre von den Zeichen des Körpers, wie diese, von beiden Seiten her, aus den Fugen geraten; wie diese eingefangen, gequält, umschmeichelt werden; wie sich der Wahnsinn Stück für Stück wieder in eine zerbrechliche Normalität umwandelt, indem er Bilder auswirft und Bilder empfängt. Es ist auch die Lehre von den Milieus, die sich diese Zeichen machen, von ihren Semiosphären, eine Lehre, die an ihren Rändern Andeutungen des Konfliktes hinterlässt, Andeutungen, die dann manchmal aufschäumen und die Milieus in ungestüme, intensive Wandlungen und Fluchten treibt.
Das ist vielleicht das Schönste an diesem Buch: dass es sich in einem wandelnden Strom von mal lichten, mal düsteren Wechselwirkungen bewegt, ja dass alle Begegnungen, ob mit Pat, ob mit der Ex-Frau Robin, ob mit dem soziopathischen Bruder oder dem überforderten Vermieter, - dass alle Begegnungen ein funkelnder, knisternder Austausch von Zeichen ist, die keinem Höhepunkt zustreben, keinem Verfall, sondern einer gewissen Unempfänglichkeit für die Erzählung, freilich nur, um damit die Erzählung selbst in einen Schwebezustand zu bringen, der dieses Buch so spannend, manchmal unerträglich spannend macht.

02.03.2009

Düstere Seelen

Nein, diesmal keine Esoterik. Nur Handball.
In einem Artikel mit dem Titel Düsteres Szenario schreibt ein Rainer Seele ... und hier musste ich erstmal abbrechen. Schon der Name Rainer Seele ist wundervoll. Im Zusammenhang mit dem Titel allerdings ...

Nun, um einen düsteren Titel und die Seele des Handballs geht es auch in diesem Artikel.
Der Vorwurf lautet: Bestechung eines Schiedsrichters. Unredlicher Gewinn der Champions League durch den THW Kiel im Jahr 2007.
Dann die Behauptungen:
  • der damalige Trainer Serdarusic habe Selbstanzeige erstattet; Serdarusic dementiert das aber,
  • darauf folgend: der angebliche Geldbote habe sich der Hamburger Staatsanwaltschaft offenbart; doch auf Anfrage weiß die von keiner solchen Offenbarung.
Ein hübsches Kriminalstück also, ganz ohne Tote, und wieder mal ein Beweis dafür, dass Geschichten auf der Straße liegen, oder - pardon! - im FeedReader. Jetzt muss man das Ganze nur weiterspinnen. Ich hab's auf jeden Fall zu meiner Rubrik Plotideen gepackt.


Astrologinnen

Eine Freundin ruft an, die ihren monatlichen Lohn mühsam durch Astrogespräche zusammenkratzt.
Kurzer Plausch (ihr Sohn muss in der Berufsschule über Hermann Hesses Unterm Rad schreiben, ich wundere mich kurz, dass es Hesse noch gibt, ich dachte, der ist in einem Wurmloch aus unserem Raum-/Zeitgefüge endgültig verschwunden; andererseits haben Lehrer ja schon immer die Naturgesetze missachtet, also auch Wurmlöcher).
"Und jetzt rat mal, was heute in deinem Horoskop steht!" (sagt sie)
"Äh, keine Ahnung."
"Nun, erstens hast du am Morgen (also jetzt) ein kreatives Spannungsverhältnis zwischen Merkur und Uranus, du wirst also durch kreative Arbeit große Lernfortschritte erzielen ..." (ich bin beeindruckt) "... aber du hast auch fehlende Heilungskräfte, was deine spirituelle Entwicklung angeht ..." (ich schiebe mit schlechtem Gewissen meine Tarotkarten unter einen Haufen Zettel) "... doch glücklicherweise steht dein Merkur auch in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu deinem Mondknoten, das heißt, dass dir ein Außenstehender bei deiner spirituellen Entwicklung helfen kann." (Deshalb ruft sie ja auch an.)
"Und die Liebe?", frage ich.
"Ja, in der Liebe hast du heute eine unentschlossene Harmonie zwischen der Venus und dem Mond. Das heißt, du kannst dich nicht entscheiden, für wen deine Gefühle nun gelten sollen. Am besten wartest du da bis morgen. Da sieht es wesentlich besser aus."
Ach, falls jemand mich in den nächsten Tagen kontaktieren möchte: um den sechsten März herum sollte ich auf keinen Fall wichtige Gespräche führen. Ganz böses Karma!

Präpositionen im Kurstief

Auch Versicherer, Finanzdienstleister sowie konjunktursensitive Rohstoffwerte fielen mit deutlichen Kursverlusten auf.
Heißt doch: durch etwas auffallen, oder?
Vielleicht sollte ich doch nochmal die Rubrik Sprachschlamperei aufmachen. Anscheinend hypen zwar die Bastian Sicks und Wolf Schneiders, aber so ernstlich angekommen sind sie noch nicht im derzeitigen Journalistensprech.


Gracchen; Codierung durch Besitz/Eigentum

Die Optimaten waren im alten Rom eine Gruppe von Adeligen und Senatsangehörigen, die die Macht der Volkstribune einschränken wollte. Die Popularen verfolgten ein dementsprechend entgegengesetztes Ziel.
Was war der Hintergrund dieser Spaltung, die mit den Proskriptionsgesetzen von Sulla in einer umfangreichen Ermordung politischer Gegner gipfelte?
Damals bestand das römische Heer aus den römischen Bürgern, die durch den Heerdienst eine Art Bringeschuld gegenüber dem Staat erfüllten. Die meisten Bürger waren Bauern. Mit dem zweiten punischen Krieg geriet dieses wirtschaftliche Gefüge in eine Krise. Die Bauern waren teilweise auf Jahre von zu Hause fort, ganze Familien waren, männerlos, vom "Aussterben" bedroht. Viele Gehöfte gingen während und nach dem Krieg zugrunde.
Viele der Bauern mussten sich dem Proletariat anschließen. Das Land ging in den Besitz der Eliten über, die diese dann verpachteten, die meisten Gewinne aber für sich einstrichen. Damit war erstens nicht nur die Heeresstruktur gefährdet: nur freie Bauern waren zur Aushebung vorgesehen, sondern durch die Pauperisierung des Proletariats entstand auch eine starke politische Unruhe.
Hintergrund dieser gesellschaftlichen Verwerfung ist auch eine Trennung zweier Begriffe, und durch diese Trennung erklärbar, die zunächst nicht so eindeutig verschieden sind, die von (physischem) Besitz und Eigentum. Eigentum ist ein juristischer Begriff, deren andere, aber nicht eindeutige Seite der Besitz als ökonomisches Gut ist. Doch schon alleine hier liegt ein Denkfehler vor. Erst wenn es eine Rechtssicherheit gibt, das heißt ein juristisch fundiertes Vertrauensverhältnis ins Eigentum, kann es einen ökonomisch so verwertbaren Besitz geben, dass daraus die besonderen Produktionsbedingungen einer Geld- und Kreditwirtschaft erwachsen. Ist dieses Vertrauensverhältnis massenweise und in einem ausdifferenzierten, arbeitsteiligen Warenproduktionssystem angelegt, dann sind die Voraussetzungen für den modernen Kapitalismus geschaffen. Dies war die zugleich bürgerliche und dann industrielle Revolution.
Nur Eigentum kann gekauft, beliehen und belastet werden. Der physische Besitz dient zwar häufig als Grundlage desselben, aber erst die Rechtssicherheit, dass ein bestimmter Besitz auch ein jeweiliges Eigentum ist, ermöglicht den Tausch oder den potentiellen Tausch (Hypothek).
Diese doppelte, sowohl juristische als auch ökonomische Codierung ruft Spezialisierungen hervor und damit abgelöst auch getrennte Wirkungsgefüge. Das Kreditwesen, insbesondere die Banken, haben zwar Eigentum, aber keinen Besitz. Der Besitz besteht nur aus dem potentiellen Gegenwert an Besitzen all derjenigen, die sich Kredite genommen haben (was sehr naiv und vereinfacht ausgedrückt ist). Nun hat dieses Eigenverhalten des Kreditwesens eine deutlich andere Entwicklung als die des Besitzes genommen.
Vertrauen in Eigentumsverhältnisse sind nur solange kreditwürdig, solange ein entsprechender Gegenwert angenommen werden kann. Besitz dagegen ist nur auf dem Besitz und seine Marktförmigkeit auf seinem aktuellen Gegenwert aufgebaut. Wenn der Besitz nun bis zum Höchstmaß kreditiert ist, also im Prinzip dem Kreditgeber gehört, nun aber der Markt einbricht, gibt es für den Besitz keinen Gegenwert mehr, und damit gerät auch das Eigentum in eine Krise. Laut Eigentumsrechten besitzt der Kreditgeber nun den Gegenwert seines Kredits, der aber nicht mehr der Gegenwert ist, sondern, konjunkturell bedingt, darunter liegt. Damit ist der Tausch in seiner juristischen Grundlage, dem Eigentum, erschüttert. Da diese juristische Grundlage erst den monetären Warentausch ermöglicht, da der monetäre Warentausch erst den modernen Kapitalismus ermöglicht, gerät der Kapitalismus in die Krise, sobald Besitz und Eigentum nicht mehr in ein genügend ähnliches Deckungsverhältnis gebracht werden können.
In der FAZ fand ich dazu einen netten Artikel: Das Eigentum in der Krise.
Ähnlich ergeht es ja dem Begriff des Kapitals. Marx definierte seine Geldbegriffe aus der Funktion ihrer Produktionsbedingungen heraus und behielt sich den Begriff des Kapitals für eine ganz bestimmte Produktionsbedingung vor. Der heute üblicherweise verwendete Kapitalbegriff dagegen hat die Produktionsbedingungen unter den Tisch fallen lassen und geht ausschließlich von einem wie auch immer eingebundenen Besitz aus. Man muss ja Marx nicht zustimmen; aber allein der Verlust an Analysefähigkeit sollte doch überzeugen, dass zumindest hier Marx Recht hatte: mehr komplexe Begriffe sind einem komplexen System adäquater als weniger komplexe Begriffe.
Und was die Popularen angeht, so sollte die damalige Lösung lauten, und deswegen wurden die beiden Gracchus-Brüder auch ermordet, die Großgrundbesitzer zu enteignen und den Bauern das Land nicht als Lehen, sondern wieder als Besitz zukommen zu lassen. Die Enteignung schafft allererstens wieder eine genügende Deckung zwischen Besitz und Eigentum, bis eben zur nächsten Krise. 


Erinnerungsstätten

Erinnerungsstätten haben, wie alle Monumente, einen zwiespältigen Status. Als Artefakte sind sie Zeichen eines komplexen Prozesses und als solche auch immer in der Gefahr, sich quasi-dinglich, als Einheit und metaphysisches Objekt betrachten zu lassen. Auschwitz ist ein solcher Fall. In dem heute so erscheinenden Lager ist jede Realität des Leidens kompensiert und in der Erinnerung abgeschnitten, was dem Einzelnen dort widerfuhr. So sehr es Auschwitz gab, so sehr wird es als Monument Truggebilde, wenn man das Vergessen vergisst. Oder, wie Celan schreibt (und was ich nicht müde werde zu zitieren):
Den verkieselten Spruch in der Faust
vergisst du, dass du vergisst.

Nun gibt es ein Ärgernis ganz anderer Art, seit Jahren, dem an theatraler Deutungsmacht kaum etwas hinzuzufügen ist: die - wie die FAZ so nett tituliert - Causa Steinbach.
Erika Steinbach ist Vorsitzende des Deutschen Vertriebenenverbandes und hat sich seit Jahren für eine Gedenkstätte der Vertriebenen eingesetzt. Links, wie ich war, war mir dieser Gedanke zuwider; und doch war mein Widerstand pulverisiert, denke ich doch an jene Nachbarin meiner Großeltern, eine alte, einfache Frau, die aus Ostpommern mit zwölf Kindern loszog und mit dreien in Frankfurt ankam. In nur einem Jahr hat sie neun ihrer Kinder verloren, sprach mit offensichtlichem Schmerz darüber und konnte - politisch - doch kein böses Wort über Polen und Russen verlieren. Eines war für sie klar: Hitlers Regime hat das mehr ermöglicht als der Pole oder der Sovjet.
Der Kampf, der derzeit um dieses Monument für die Vertriebenen immer noch stattfindet, ist nicht nur ein Kampf um die Deutungshoheit, sondern auch in dieser Unmöglichkeit des Wiedererinnerns angelegt. Paul deMan schreibt irgendwo (meiner Ansicht nach in Hypogramm und Inschrift, aber ich finde diesen Artikel gerade nicht), jedes Monument ziehe auch Gaukler an, die es für sich besetzen. Wohl wahr!


Luhmann-Listen

Luhmann-Listen sind ein gefährlicher Aufenthaltsort für meine Wenigkeit. Da wird doch gerade seit gestern über die Semantik des Genusses gemailt und ich habe mich bisher erfolgreich geweigert, an dieser Diskussion auch noch mit herumzuwetzen.
Jetzt überkamen mich bei einer dort geschriebenen Mail arge Süchte und Sehnsüchte. Folgende:
Hintergrund der Anfrage bilden wieder einmal Überlegungen zum Thema Design. Die Probierthese wäre, solche Kommunikationen als designtypische Operation aufzufassen, die Ge-Nutz in Genuss transformieren, oder anders: Zwecke genießbar "machen" qua Drapieren, Überzeichnen, Verzeichnen, nah-und-fernlegen.

Mich würde interessieren, ob eine vermutete "massenhafte" Zunahme an Adressen, die für Genussangebote (z.B. als habitus) in Frage kamen, einherging a) mit einer bei "Genuss" womöglich immer schon mitlaufenden (publikumsbezogenen) Inklusion/Exklusions-Grenzziehungs-Chance und b) dem Aufkommen von Designproblemkonstruktionen.
Der erste Absatz hat mich sofort an Nelson Goodmans Buch Weisen der Welterzeugung denken lassen, und wenn Genießen eine Art der Weltkonstruktion ist, dann ist natürlich Lacan nicht weit entfernt.
Das war das eine, was mich an meinem Vorsatz hat zweifeln lassen.
Das andere war, dass mir sofort ein paar schicke Hypothesen zu Walter Benjamin eingefallen sind, die ich notiert habe und schon drauf und dran war, sie auszuformulieren. Dann habe ich das Passagen-Werk aber doch wieder in den Schrank zurückgestellt. Hier sind die Thesen, zum allgemeinen Weiterverarbeiten, wenn's denn jemanden interessiert:
  • Mythos / Ware (d.h. Semantik / Nutzwert: zwei unterschiedliche Formen des Genießens; inwieweit diese beiden sich trennen, in ein anderes kulturelles Verhältnis treten, zum Beispiel, wenn der Mythos als Ware genossen wird (Ideologie?))
  • Werbung als ästhetisches/deiktisches Medium
  • Raum / Zugang zum Raum (manche Passagen hatten Türsteher! - Formen der bürgerlichen Inklusion/Exklusion: die Inklusion in Genuss-/Warenräume gehorcht hier noch einem gewissen vulgären Materialismus)
  • Differenzierung der Verkaufsräume (die spécialités und die magazins de spécialités), der Genussräume (Vaudeville, Weltausstellung, Bahnhofskonstruktionen, Bordelle, Opiumhöhlen, Pferderennen, Galerien) (Foucault: Heterotopien)
  • Individualisierung durch Zurückweisen der Adressabilität (Baudelaire, der Snob, ennui) (und - bei Foucault -: Objektivierung des Subjekts durch Aufzwingen der Adressabilität -> vlt. hier Gegensatz zwischen Snob und Gefangenem und das Pendeln mancher "Krimineller" zwischen diesen beiden Formen -> s. Sartres Saint Genet, evtl. dort als Perversion / Quarantäne, -> die Perversion ist eine Entgiftung von dem gesellschaftlichen double-bind, für die Kriminalität bestraft und beachtet zu werden, und: Bestrafung+Beachtung = Quarantäne, die das produziert, was sie konsumiert, den verachtenswerten Verbrecher)
  • Individualisierung durch Verharren auf der Schwelle (der Flaneur: weder Inklusion noch Exklusion, sowohl Inklusion als auch Exklusion; der Flaneur als ausgeschlossener Dritter; Strategien des Auf-der-Schwelle-verharrens --> Barthes hat eine Schwellenkunde vorgeschlagen, eine Bathmologie (bathmos, gr.: die Schwelle))

Dickens

Abends habe ich noch zwei weitere Szenen meines Krimis in den Computer getippt, bin dann aber bei der Suche nach einem passenden Zitat bei Dickens hängen geblieben und habe seinen wundervollen Roman The old Curiosity Shop angefangen. Es ist noch nicht so lange her, dass ich den gelesen habe, ich glaube im letzten November oder Oktober, weil irgendwo bei Donna Leon - in der Commissario Brunetti-Reihe - steht, dass dies der Lieblingsroman der Signora Brunetti ist (die Professorin für Anglistik ist).
Aber gerade bei Dickens kann ich auch nicht aufhören zu lesen. So habe ich die letzten zwei Stunden mit diesem herrlichen Roman zugebracht.
Heute nachmittag allerdings musste ich in einem anderen wundervollen Roman herumstöbern, der Cécile von Fontane. Cécile bildet ein wenig einen Konterpart für meinen Krimi, geht es doch in dieser Erzählung ebenfalls um das Glück. Fontane ist natürlich fein, und ich schreibe sehr explizit auf Unterhaltung und - natürlich auch - weil ich meine eigene Schreibstrategie für Krimis auch mal selbst ausprobieren wollte. Sie funktioniert sehr gut: der Plot ist hinreichend komplex und neben dem reinen Whodunnit spielt das Leben meines Kommissars eine wichtige Rolle.
In einem habe ich mir auch in meiner Geschichte einen Wunsch erfüllt. Dickens Werke haben mich, seit ich Oliver Twist gelesen habe, in meiner Reflexion über Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sehr beeinflusst. Dickens schreibt über allerlei Formen der Gewalt und - auf der Ebene des Stils - wie man diese kompensieren kann. Dazu wollte ich auch schon immer etwas zu Papier bringen. Jetzt habe ich zumindest meiner einen Romanfigur ein Buch angedichtet, das dieses Thema als Inhalt hat: die Rolle der Gewalt gegen Jugendliche in Dickens Romanen und was dies mit der heutigen Gewalt zu tun hat. Großzügig, wie man nur als Autor sein kann, habe ich aus diesem fiktiven Buch gleich auch noch einen Bestseller gemacht.