08.05.2016

Tagesprotokoll

Vier Tage habe ich gefaulenzt. Naja, fast. Donnerstag habe ich immerhin geschafft, die Verbindung zwischen Geometrie und dem Programmieren weiter auszuarbeiten. Das wird allerdings noch ein langer Weg.
Und gestern morgen war ich unterwegs, um Samen für einige Heimzimmerpflanzen zu bekommen. Insbesondere wollte ich eine Passionsblume großziehen. Habe ich aber nicht gefunden.
Nun, heute:
  • die letzte UE vor den Ferien für den Englischunterricht ausgestaltet (the Jungle Book)
  • die kommenden Stunden des Deutschunterrichts geplant
  • für die Malfolgen gebastelt: etwa 80 Karten ausgeschnitten (100 sollen es werden, dann noch einmal, wenn sie einlaminiert sind, dann noch mit Magnetband bekleben)
  • und habe mich mit Klassen und anonymen Funktionen in JavaScript beschäftigt
  • war beim Inder essen
  • habe Brötchen gebacken
  • zwei Waschmaschinen voll Wäsche gemacht
  • vier Videos online gestellt, aber keine neuen, sondern immer noch welche aus den Osterferien
Ach ja, gestern war ich noch unterwegs und habe für unser Projekt an der Schule ein Probefoto ausgedruckt.
Gelesen? Fast nichts. Oder doch: online-Zeitungen. Und einiges aus der jQuery-Bibliothek auseinandergepflückt: das ist eine Erweiterung von JavaScript.

07.05.2016

Integrationsprobleme

Gregor Gysi und Jens Spahn diskutieren über Integration, Bekämpfung von Fluchtursachen und Entstehen von Parallelgesellschaften. Im Mittelpunkt steht ein Begriff, der mir seit langer Zeit Kopfzerbrechen macht: der Wille. Nicht, ob den Asylanten ein fehlender Integrationswille unterstellt werden kann, möchte ich im folgenden erläutern, sondern ob es Grenzen eines Integrationswillens gibt, die nicht politischer, sondern anthropologischer Natur sind.

Was ist der Wille?

Spekulieren, differenzieren

Dass mich der Wille seit langer Zeit beschäftigt, zeigt auch, dass ich diesem Begriff eine größere Sorgfalt zukommen lassen möchte, eine Sorgfalt, die noch lange nicht zu Ende ist. Vieles von dem, was ich im folgenden schreiben werde, ist deshalb spekulativ. Angesichts einer sich immer dreister gebärdenden Behauptungsmaschinerie sollte ich das Wort 'spekulativ' allerdings wieder zurücknehmen, denn es ist immer leichter, sich seine eigene Wahrheit zu erfinden, als lange und geduldig ein Phänomen zu zerlegen und es in seinen verschiedenen Aspekten zu prüfen. Und genau darauf wird es eben ankommen: nicht auf eine kompakte Wahrheit (die es sowieso nicht gibt), sondern auf eine gute Differenzierung.

Im Motivationszyklus

Schaut man sich in der Psychologie die Willensbildung an, dann ist diese in eine längere Kette verschiedener grundlegender Begriff eingeordnet. Ich habe das mal zusammengefasst und systematisiert, weil man natürlich hier mit einer Vereinfachung zu rechnen hat:
Motivationszyklus
Im einzelnen sind das:
Bedürfnis
Zunächst ist das Bedürfnis der Ausdruck eines Mangels, der zu einem Spannungszustand führt. Der Mensch ist darauf aus, diesen Mangel zu beheben. Allerdings gibt es hier recht strittige Ansichten. So führt Alexander Maslow in seiner Bedürfnispyramide zunächst Bedürfnisse auf, die ausschließlich einem solchen Mangel entgegenkommen, später jedoch, auf höheren Stufen, auch Bedürfnisse, die nicht befriedigt werden können, weil sie (so der Ausdruck) „unendlich“ sind. Ob allerdings solche Bedürfnisse wie die Selbstverwirklichung tatsächlich Ausdruck eines Mangels oder einer Fülle, beruht auf dem jeweiligen Menschenbild.
Emotion
Liefert das Bedürfnis den Grund für eine Bewegung, so scheinen Emotionen die grobe Richtung zu lenken, durch die die Bedürfnisbefriedigung erfolgen soll. Emotionen sind so etwas wie Voreinschätzungen oder Vorurteile über einen erfolgsversprechenden Weg. Häufiger liest man, dass Emotionen relativ grobe Aspekte unseres Seelenlebens sind, und dass sie ihre Feinheit immer erst durch Verbindung mit kognitiven Inhalten bekommen, über die sie sich dann vermischen. Erst diese emotional-kognitiven Mischformen bilden dann das komplexe Innenleben des modernen (und neurotischen) Menschen.
Aufmerksamkeit
Die Aufmerksamkeit sitzt an einer exponierten Stelle. Auf der einen Seite verbindet sie die Wahrnehmung mit dem begrifflichen und problemlösenden Denken (also mit der Kognition), und auf der anderen Seite steht sie zwischen der Vorauswahl von Handlungsmöglichkeiten (unserem evolutionären Erbe in den Emotionen) und den konkreten, situationsbedingten Möglichkeiten, ein Bedürfnis zu befriedigen. Man kann an dieser Stelle also feststellen, dass die Aufmerksamkeit zwar etwas bewusst macht, dass dazu aber die Bedingungen der Aufmerksamkeit selbst nicht gehören.
Motivation
Nahtlos geht die Aufmerksamkeit in die Motivation über: aus der Aufmerksamkeit gegenüber der Situation bilden sich nun festere Vorstellungen, was ein Bedürfnis befriedigen könnte. Man kann dies auch als Willensbildung bezeichnen. Einen solchen Willen zu haben ist dann der Kern des Motivationsprozesses. Mit Abschluss der Befriedigung gibt es noch eine Phase des Nachsinnens, der ebenfalls zur Motivation gehört, und der kognitiv und emotional das Ergebnis des eigenen Handelns betrachtet. Ich werde im folgenden dann von Motivation reden, wenn es um diese erste Phase, die Willensbildung, und um die letzte Phase, um das Nachsinnens. Die beiden mittleren Phasen gehören dazu, werden aber unter dem Begriff der Volition auch gesondert aufgeführt.
Volition
Mit der Volition ist ein Motiv bewusst. Es existiert gleichsam ein erstes Abbild des Zielzustandes und meist auch Ideen, wie dieser Zustand zu erreichen ist. In dieser zweiten Phase der Motivation werden mehr oder weniger ausgefeilte Pläne entwickelt und das zielführende Handeln vorbereitet. Die dritte Phase schließlich setzt diese Pläne um. An ihrem Ende steht die Behebung des Mangels.
Während ich für das Bedürfnis immer noch auf die Maslowsche Bedürfnispyramide zurückgreife, nutze ich für die Emotion das Modell von Plutchik und Schacter. Die vier Phasen der Motivation (einschließlich der Volition) entnehme ich dem sogenannten Rubikonmodell. All dies sind Modelle, mit denen ich nicht wirklich glücklich bin. Maslow ist mir zu blauäugig, Plutchik betont zu sehr die präfigurierten Formen der Evolution in der Emotion, während sich das Rubikonmodell zwar zu einer groben Einteilung ganz gut verwenden lässt, damit aber auch nur eine grobe Beschreibung liefert, die bei vielen Ausnahmen versagen muss. Bleibt hinzuzufügen, dass das menschliche Handeln von vielen Ausnahmen geprägt wird. Zumindest in Bezug auf dieses Modell.

Unbewusste Anteile

Schon bei meiner Beschreibung dürfte deutlich geworden sein, dass das Modell trotz seiner Fehler deutlich darauf zeigt, wie viele unbewusste Anteile bei der Willensbildung und dem Willen selber mitwirken. Darauf weist zum Beispiel das „Eisberg“-Modell hin: mit diesem wird symbolisiert, dass ein Eisberg gleich den Bedingungen unseres Bewusstseins zu sechs siebtel der Wahrnehmung entzogen ist.

Integrationswille

Kann man seine eigene Integration wollen?

Ich denke, dass deutlich genug geworden ist, dass die Struktur der Willensbildung eine simplifizierte Rede von einem Integrationswillen nicht zulässt. Sicher: den Willen muss es auch geben; aber gefördert und befördert wird er durch das Milieu.
Ein besonders zentraler Moment bei der Geburt des Integrationswillens ist die erste Phase der Motivation. Hier schneiden sich Ideen der Bedürfnisbefriedigung mit den Angeboten von Motiven, die eine Kultur bietet. Unsere Kultur ist nun voll von Konsummotiven. Andere Motive spielen meist eine untergeordnete Rolle. Ob dieses Angebot pervertiert, kann man dann aber eher an langeingesessenen Menschen beobachten, mithin nicht an gerade angekommenen Flüchtlingen.
Man kann von hier aus verschiedene Fragen fragen und verschiedenen Spekulationen folgen: Flüchtlinge geraten zuerst und zunächst mit der Oberfläche unserer Kultur in Berührung. Diese ist auf das Anbieten von Waren ausgerichtet, mithin auf Konsumanreize.

Ein Wahrnehmungsproblem

Hier muss ich allerdings einhaken. Was auch immer Flüchtlinge antreibt, ihr Land zu verlassen (ich nehme an, dass es sehr unterschiedliche Bedürfnisse sind, die von allerlei Seiten meist zu wenig komplex beschrieben werden), warum auch immer diese also ihr Land verlassen: was unsere Kultur anbietet, trifft auf eine weitestgehend individualisierte Aufmerksamkeit. Was also von unserer Kultur (also "Kultur") angeboten wird, wird trotzdem individuell wahrgenommen. Was genau das ist, lässt sich wieder nur schwer sagen.

Begrenzte Pluralität

Meine Front sowohl gegen das Deutschtum als auch gegen den Multi-Kulti sind bekannt. Beide Begriffe sind mythisch. Sie nehmen strukturell gesehen sogar recht ähnliche Positionen ein. Der Befürworter des Multi-Kulti bietet ähnliche Denkmuster auf, wie die Verfechter des Deutschtums (weshalb deren Streit manchmal so lächerlich aussieht, zumindest von meiner Position aus).
Man muss dagegen von einer begrenzten Pluralität ausgehen, die weniger Übereinstimmung bietet, als die Einheitsdenker dies behaupten, und die weniger Differenzierung aufweist, als dies Pluralisten beschwören. Ironisch rede ich hier von einer begrenzten Pluralität.
Wie dem im Einzelnen auch sei: die Integration in eine Gesellschaft wird dadurch schwierig, weil man zwar im Abstrakten sagen kann, dass Flüchtlinge sich in Deutschland einfügen sollen, sie im Konkreten aber einer nicht genau einzuschätzenden Auswahl gegenüberstehen. Da diese Gruppen untereinander gelegentlich spinnefeind sind, kann für die einen die Integration gelingen, für die anderen nicht.

Schluss? - Nein, Abbruch

Ich vermag nicht weiter zu schreiben. Von hier aus müssten so viele Ansätze integriert werden, so viele Sachen noch einmal gegeneinander abgewogen werden, dass ich diese gerade nicht zu integrieren vermag [sic!]. Nein, eigentlich habe ich schon noch eine ganze Ecke geschrieben, aber ungeordnet, mal nach hier und mal nach da. Jetzt habe ich aber auch noch anderes zu tun, als zu schreiben, und so bleibt dies statt eines langen, dann doch ein relativ kurzes Fragment.
Immerhin dürfte aber klar geworden sein, dass ich von einem Urteil wie "Zu viele Migranten wollen sich gar nicht integrieren" wenig halte. Unsere Gesellschaft fördert Anpassung und Unangepasstheit, Integration und Desintegration, Tradition und Innovation. Wer hier eine Generalintegration fordert, fordert Unmögliches und überfordert damit.

06.05.2016

Handgeschrieben

In den letzten Monaten habe ich wieder die Lust am Schreiben mit dem Stift entdeckt. Vieles, was ich derzeit durchdenke (meist Computersachen: Datenstrukturen, Algorithmen), passiert zunächst in meinen papierenen Arbeitsheften. Auch am Computer schreibe ich wieder mehr mit der Tastatur. Zum Teil liegt auch das an den Computersprachen: ich werde diese nicht auch noch in mein Spracherkennungsprogramm einpflegen.
Meinen Blog schreibe ich ebenfalls wieder vorwiegend handschriftlich. Nachdem ich meinen inneren Schweinehund überwunden habe und mal die Art und Weise angesehen habe, wie Blogger HTML und CSS nutzt, will ich eigentlich gar nicht mehr zu dem WYSIWYG zurückkehren: da werden so viele überflüssige Sachen reingeschrieben, so viele Markierungen falsch gesetzt, und alleine dadurch, dass ich die wenigen Artikel dieses Jahres mal ordentlich an HTML angepasst habe, hat sich die Besucherzahl deutlich erhöht. Ansonsten habe ich in den letzten Monaten zwischen 1000 und 1500 Besucher pro Tag gehabt, neuerdings (und trotz guten Wetters) sind es öfter mal 500 mehr, ein Anstieg, den ich sonst nur bei reger Tätigkeit als Artikelschreiber erlebt habe, und wenn ich mich über Twitter verbreitet habe ( allerdings nutze ich Twitter gerade ausschließlich für meine Videos).
Was sehr nützlich ist: die Überschriften richtig markieren (aus nicht nachzuvollziehenden Gründen fängt Blogger die Artikelüberschriften nicht mit h1, sondern h2 an, was man aber manuell beheben kann), und Markierungen mit mark, em und strong setzen. Außerdem scheinen Inhaltsverzeichnisse bei längeren Artikeln sinnvoll zu sein.

05.05.2016

Was ist eine Ideologie?

Gelegentlich meckert jemand, weil ich Ideologien nicht ablehne. Ideologien seien böse, pfui und bäh. - Nicht ganz. Was ich zu erklären versuche, befindet sich noch im Probestadium, und insofern ist das Meckern durchaus erlaubt (auch wenn es gerne konstruktiv sein darf). Tatsächlich aber sehe ich die Ideologie, sofern sie unter gewissen Vorzeichen steht, immer noch im Gefolge der antiken Tugendlehre und als notwendige Weiterentwicklung dieser. Unter welchen Vorzeichen jedoch ist die Ideologie tatsächlich abzulehnen? Hier möchte ich nicht selbst antworten, sondern kurz darstellen, was Hannah Arendt schreibt.

Die Herrschaft der Prämisse

In Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schreibt Arendt von der »›Eiskälte‹ der menschlichen Logik« (S. 720). Die Idee kann eine solche Eiseskälte gar nicht verbreiten, da sie nur durch Beispiele illustriert wird. Der Zusammenhang zwischen einer Idee und ihrer Verwirklichung ist durch eine Praxis, die immer mehr als die Idee selbst ist, schwierig, und deshalb auch vielfältiger Deutungen zugänglich. Zudem besteht die merkwürdige Einheit einer Idee gerade daraus, dass sie sich nur in ihrer Verwirklichung definiert und so der Verwirklichung nur in dem Sinne vorgängig ist, als bereits andere Menschen früher die Idee in die Praxis umzusetzen versucht haben.
Was Arendt hier beschreibt, dass ist eigentlich der Perversion der Idee. Indem sie als unbedingt vorausgesetzt wird, kann man aus ihr die Verwirklichung dann deduzieren. Dann handelt es sich aber nicht mehr um eine Idee, sondern um eine Handlungs- und Denkprämisse. Und dies wäre noch nicht so schlimm (und darin widerspreche ich Hannah Arendt auf gewisse Weise), wenn es eine Prämisse wäre, die mein Handeln und mein Denken anleitet. Das Schlimme an der Umwandlung einer Idee in eine Prämisse geschieht dann, wenn sie zum Ausschlusskriterium ganzer Bevölkerungsschichten benutzt wird.
Man müsste also nicht von einer Ideologie, sondern von einer Prämissologie sprechen.

Was ist eine Ideologie?

Arendt charakterisiert die Ideologie durch folgende Merkmale:
  • nahtlose Deutungsmacht
  • Erfahrungsunabhängigkeit und Weltlosigkeit
  • deduktive Beweisführung
Das dritte Merkmal ist insofern obsolet, als eine nahtlose Deutung und Eiskälte der Logik nur deduktiv, also a priori, möglich ist. Und da a priori die Schlussfolgerung vor jeder inhaltlichen Erfahrung ist, ist eigentlich auch das zweite Merkmal schon abgeleitet. Wir behalten also die nahtlose Deutungsmacht, das Zusammenfallen von Hegemonie und Hierarchie als Wesen der "Ideologie" bei.
Es ist unabsehbar, dass totalitäre Herrschaft einen guten Willen zur Hierarchie der Bürokratie hat (auch wenn dieser in sich nicht logisch aufgebaut sein muss): der Stalinismus ist so absurd in seiner Verwaltungsaktivität, wie die nationalsozialistische Herrschaft absurd war in ihrer Militäraktivität.

Die Ideologie der Islamisierung

Und ebenso lächerlich (noch lächerlich!, wie ich befürchte) sind die Ideen der Umvolkung und der Islamisierung. Solange der Islam keine Bürokratie im großen Stil ausbildet, wird er eventuell hier und da durch Terror auffallen (was auch unerträglich schlimm ist), aber keineswegs wird er "islamisieren". Nein, ich sehe keineswegs die Gefahr einer Islamisierung.
Die Idee der Islamisierung dagegen hat sich bei vielen ihrer Anhänger längst in eine Prämisse umgewandelt, in einen schicksalhaft notwendigen Geschichtsverlauf, der gewaltsam seine Bahn bricht, wenn man nicht - diesem mit Gewalt und (Staats-)Terror begegnet. - So erzeugen die Ideologie-Vorwerfer unter der Hand das, was sie anprangern: eine pervertierte Ideologie, die sie ganz Deutschland aufzwingen wollen. So nämlich schafft sich Deutschland wirklich ab. Denn der Sarrazin und der Pirinçci, die Petry und Bachmann, die werden mir die deutsche Kultur nicht erklären; dazu wissen sie zu wenig von ihr.

Was mich auch noch erschreckt

Was mich allerdings auch noch erschreckt, ist, wie wenig stolz, wie undeutsch sich diese "guten Deutschen" gebärden. Nichts, was diese Menschen dort vorleben, erscheint attraktiv. Dieses Geplärre, diese Ein-Satz-Argumentationen, dieses beschränkte Vokabular, diese verwaschenen Begriffe. Und wenn das wirklich Deutschland wäre, dann wäre es tatsächlich sinnvoll, dass es sich abschafft.
Bei Lidl werden gerade bei jedem Einkauf Sticker-Bilder zur Fußball-EM verschenkt. Meines habe ich einem kleinen Jungen gegeben. Er hat sich gefreut. Ob das ein arabisches Kind war (ich wohne am Rande eines vorzugsweise arabischen Viertels), war mir so was von egal. Dass so etwas in Deutschland noch ohne Hintergedanke passieren darf, ist mir dagegen nicht egal.

01.05.2016

Eine Art Ritual

In meinem Leben gibt es so eine Art Frühjahrsritual, eines, dem ich dieses Jahr frühzeitig vorweggreifen wollte.
Immer, wenn der Mai sich nähert, hole ich mir die Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff heraus. Dann lese ich darin, lese neu, lese, blättere, denke nach. Und seit Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, mal wieder etwas über sie zu schreiben, einer der großen Wortkunstschaffenden im deutschsprachigen Raum.
Es gelingt mir nicht. Ich sammle, stelle gegenüber, vergleiche, liste auf, gruppiere. Aber je mehr ich mich darein versenke, umso weniger sehe ich eine Einheit. Ich habe also frühzeitig zu schreiben versucht, und bin gescheitert. Die Interpretation liegt in vielfältige Trümmer geschlagen vor mir da.
Neulich habe ich mich mit der Etymologie des Wortes scheit beschäftigt. Zu finden ist dies in Die Mergelgrube:
Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,
...
scheit, so wie es im Grimmschen Wörterbuch steht, ist doppeldeutig. Es ist Werkzeug, Instrument und Abfall:
Werkzeug
als grabscheit (Spaten), knetscheit (wohl eine Art Holzrolle), und in ähnlichen Komposita
Instrument
als Span zum Anzünden von Feuer (siehe scheiterhauffen), auch als Holzstück, um etwas zu verkeilen
Abfall
scheiter (im Unterschied zu scheit) als gewaltsam zersplitterte trümmer, siehe: in scheiter gehen
Weiters gibt es eine metaphorische Übertragung, deren Verbindung seltsam, nicht ganz genau zu bestimmen ist:
Unbeweglichkeit
scheit, steifer scheit, dürrer scheit, zur charakterisierung einer trägen unbeweglichkeit
Alle vier Bedeutungen strahlen in das Gedicht aus:
Trümmer
Vor mir, um mich der graue Mergel nur,
Was drüber sah ich nicht; doch die Natur 
Schien mir verödet, und ein Bild erstand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt; ...
Es gibt zwei Werkzeuge im Gedicht, die zusammen mit anderen semantischen Differenzen (von Oppositionen kann man nicht sprechen) das Gedicht strukturieren: der Scheit selbst (Z. 1) und die Nadel, also: Stricknadel (Z. 86). Diese stellen sich in ein unbestimmtes Verhältnis zum Beispiel zu Bertuchs Naturgeschichte (welches der Hirte liest) und den Anspielungen auf das erste Buch Mose, der Genesis, ebenso zu dem scharfen und dem lauen Wind, den zusammengewürfelten Steinen und dem Medusenstein, usw.
Ebenso lassen sich Instrumente finden, dem göttlichen der Sintflut, dem mythischen des Byssusknäuels (byssos --> Stoff des Leichentuchs).
Vor allem der Hirte wird durch eine Trägheit charakterisiert:
  • wie er bedächtig seine Socken strickt
  • so sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen
Aber ganz so einfach ist das alles nicht. Vor allem ist es jeweils anstrengend, die eigenen kulturellen Kodierungen, mit denen Leser die Lücken in der Bedeutung aufzufüllen geneigt sind, herauszuheben und abzuweisen. Interpretation ist wesentlich Selbstreflexion und Selbsterkenntnis.

Ich halte mich zurück mit all meinen kleinen Bruchstücken. (O welch' ein Waisenhaus ist diese Heide, ...)
Dafür hier noch die wunderbare erste Strophe aus der Ballade Der Fundator:
Im Westen schwimmt ein falber Strich,
Der Abendstern entzündet sich
Grad' über'm Sankt Georg am Tore;
Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore.
Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht
Um's Eiland, wo die graue Wacht
Sich hebt aus Wasserbins' und Rohre.

30.04.2016

Erbärmlich

Abschreiben für die Logik-Blase

Wenn ich mich gerade mal wieder auf politischen Seiten herumtreibe, dann nicht allzulange. Pirinçcis neues Buch Umvolkung wird von rechtsradikalen Seiten fleißig bekakelt. Was mich anwidert, ist nicht nur, dass sich das journalistische Handwerk auch hier oftmals darauf zu beschränken scheint, voneinander abzuschreiben, ohne zu prüfen, was der faktische Gehalt ist.
Dies ist leider eine Gepflogenheit, die sich bis in die Universitäten hinein finden lässt: man zitiert nur noch Bestimmtes, dem Professor Angenehmes, weil dies in die logische Blase des Betreffenden passt. Man findet dies in der Kriminologie, im Feminismus, in der Pädagogik. Obwohl hier gelegentlich noch die Selbstkorrektur greift.
Wenn sich dann die "Rechten" (eine eigentlich recht heterogene, gerade zu "multikulturelle" Mischung) ihre Einheit nur noch dadurch geben können, dass sie voneinander abschreiben, dass sie Spekulationen mit Tatsachen verwechseln, dass sie ihre winzigen Ausschnitte für die Welt insgesamt halten, dann schüttelt es mich nur noch.

Auf der Suche nach der verlorenen Tugend

Ich war gestern Abend dabei, den Begriff der Tugend und den Begriff der kulturellen Evolution zu vermitteln. Nicht allzulange, denn mich hat eine Magen-Darm-Grippe (oder etwas ähnliches) ziemlich niedergeschmissen.
Geärgert hat mich, wie unvorsichtig, geradezu abgrundtief dümmlich (mal wieder) sehr zufällige Ergebnisse der kulturellen Evolution als Mittelpunkt einer Moral gesetzt werden, wie die moderne Familie, die die AfD so gerne stärken möchte, obwohl es sich sichtlich um ein sehr marginales Modell handelt. Nun ist natürlich das Gegenteil, die Ablehnung dieses Familientypus oder gar die Behauptung, der moderne Mensch läge außerhalb der evolutionären Entwicklung, genauso falsch. Der Grund für diesen Streit ist im verkürzten Verständnis der Evolution zu suchen, der die verschiedenen Parteigänger heimsucht.
Nun interessiert mich hier gerade besonders Nietzsche, denn bei ihm lese ich eine gewisse Möglichkeit heraus, die Tugend mit der kulturellen Evolution gegen die kulturelle Evolution in Stellung zu bringen, mithin eine Art Paradoxie herauszuarbeiten, die die - von Nietzsche so attribuierten "aristokratischen" - Tugenden als Evolution anti-evolutionärer "Fragmente" begreift. Ein wichtiger Begriff in dieser Argumentation ist mir derzeit der Begriff der Epiphanie: die Tugend erscheint (sie entwickelt sich nicht).
Doch im Moment merke ich, dass meine Versuche, die Idee einer modernen Tugend innerhalb einer modernen Politik zu greifen, immer wieder auf weitere Fragen stoßen, meist auf große Lücken, auf Seltsamkeiten, auf weitere Spielräume, die es zu bedenken gilt. - Und insofern schreibe ich nicht und beklage nur.

Rechtsintellektualismus

Das ist nun wohl der bescheuertste Begriff, den ich in den letzten Wochen gelesen habe. Hier wird nicht einmal mehr verheimlicht, dass die Allseitigkeit aus dem (wissenschaftlichen, philosophischen) Denken herausgehalten wird. Das ist ein noch dümmlicherer Begriff als der der Umvolkung.
Was die Umvolkung angeht, so hat der gute Pirinçci offensichtlich noch nicht gemerkt, dass diese längst stattgefunden hat: die internetlosen Deutschen sind, qua technischer Evolution und Revolution, durch internetbenutzende Deutsche ausgetauscht worden. Der Wechsel findet immer noch statt. Dementsprechend ist die Zeit unruhig, die Welt voller kleinerer und größerer Experimente (man skyped z. B. um drei Uhr nachts mit einer Studentin aus Australien, um sich über Christa Wolf zu unterhalten). Der Bruch zu der (deutschen) Kultur Anfang der achtziger Jahre jedenfalls ist augenfällig, aber schwer, wenn nicht unmöglich in Kausalitäten und Wirkfolgen zu bringen. (Und überhaupt: Pirinçci vermischt ständig die Kultur mit den Genen, eine Art mythischem Genpool mit den ästhetischen und politischen Gepflogenheiten einer Region. Wie Sarrazin. Zum Begriff des Genpools lese man Ökologie von Thomas und Robert M. Smith: leider ist dieses Buch nicht ganz so einfach zu lesen (zu wissenschaftlich), um von den Parteigängern der AfD oder seltsamen Feministen verstanden werden zu können.)
Nicht weniger Unruhe bringen die Veränderungen der politischen Landschaft in der ehemaligen UdSSR mit sich. Man mag von der Annexion der Krim halten, was man will, von der politischen Lage in der Ukraine, von der neuen Rolle der Türkei, vom "Palästina"-Konflikt, etc. - Zumindest wird man doch die Unruhe konstatieren dürfen, die sich in die gesamte politische und wirtschaftliche Landschaft ausstrahlt.
Was von den rechtspopulistischen und rechtsradikalen Kräften vergessen wird, sind diese massiven Umbrüche, die keineswegs den Deutschen und seine "deutsche Kultur" unberührt gelassen haben. Hier mit konservativen Begriffen zu kommen, ist durchaus erlaubt, müsste aber ganz anders entwickelt werden, als durch bloßes Konstatieren. Das ist nämlich nicht intellektuell, und schon gar nicht rechtsintellektuell, sondern nur doof und dogmatisch. In gewisser Weise beerben diese Kräfte die Ideologie des SED-Kaders, nicht inhaltlich, aber doch formal. So jedenfalls sieht das zur Zeit für mich aus.

25.04.2016

Manchmal ...

... erschrecke ich mich über mich selbst. Aber nur ein wenig. Und eigentlich bin ich stolz. Weswegen?
Nun, heute hatte ich wenig Zeit. War in der Bibliothek, und das nach einem langen Tag (sechs Stunden, danach Konferenz). Dann "kurz" hingelegt, was etwa anderthalb Stunden waren, dann an meinen Vorbereitungen für morgen herumgearbeitet. Schließlich: etwas Entspannung, was bedeutet hat: JavaScript.
In JavaScript habe ich mittlerweile ganz umfangreiche Sachen ausprobiert, nicht so, wie früher, dass ich mal drei, vier Zeilen Code eingetippt habe. Im Gegensatz zu Java ist JavaScript eine ganz schlichte Sprache, die nur dadurch so mächtig wird, weil man sie mit HTML, CSS, SQL und PHP verbinden kann. Der Zusammenhang all dieser Sprachen ist mir noch unsicher, aber ich komme voran.
Heute habe ich also, in etwa 20 Minuten, eine kleine Webseite eingetippt, auf der der wesentliche Inhalt durch ein kleines JavaScript ausgetauscht wird. Den Inhalt bekommt die Seite aus einer Datenbank. Nicht die Webseite, die nett ist, sondern die Geschwindigkeit, mit der ich meine Idee umsetzen konnte, hat mich dann über mich selbst erstaunen lassen.
Nun gut.

Mein Kurs für HTML/CSS ist weitestgehend fertig. Gelegentlich tausche ich noch einzelne Videos aus. Aber bisher bin ich ganz zufrieden. Noch findet mich kaum jemand. Aber das ändert sich sicherlich in den nächsten Wochen. Jetzt müsste ich den JavaScript-Kurs durchplanen. Allerdings bin ich noch auf der Suche nach einem guten Aufbau. Sofern mir kein Heureka kommt, werde ich mir auch damit Zeit lassen.
Gestern habe ich eine Reihe älterer Videos (noch aus den Osterferien) veröffentlicht, die zu den Listen in HTML. Heute noch eines, das ebenfalls aus den Osterferien stammt, zu den Tabellen. Wie bei den Listen ist dies aber nur das erste von mehreren Videos, weil Tabellen recht komplex werden können.

17.04.2016

Matthias Richling

Matthias Richling ist mal wieder großartig. Er parodiert Frauke Petry, aber zu beachten ist vor allem auch der Hintergrund. Links sieht man Schilder für Toiletten, Männlein und Weiblein eben, rechts ein Schild für den Notausgang. Richlings Text dagegen gehört wohl eher zu den schwächeren.

Ein seltsamer Nachmittag

Ein seltsamer Nachmittag war das. Und mal wieder stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass ich gleichzeitig viel und viel zu wenig getan habe.

Jan Böhmermann und die Satire

Klar: zu Jan Böhmermann musste ich einiges lesen. Ich habe in letzter Zeit nicht mehr allzu viel politische Artikel kommentiert, aber zumindest fiel es mir heute leicht, einen genaueren Blick in bestimmte Gebiete zu werfen. Neben der Semiotik der Satire, zu dem ich meinen letzten Post veröffentlicht habe, habe ich mir mal wieder das Grundgesetz und seine Kommentierung vorgenommen.
Irgendjemand hat, recht altklug, getwittert, plötzlich fühle sich jeder in Deutschland als Verfassungsrichter. Ganz so hoch würde ich das bei mir nicht einschätzen; und ich bezweifle, dass die meisten anderen Menschen das tun würden. Aber in einem gebe ich Xavier Naidoo recht: das Grundgesetz sollte man dicht an seinem Herzen tragen. Und, wo wir gerade dabei sind, und in dem vollen Wissen, dass ich kein religiöser Mensch bin, die Bibel, möglichst die Luther-Übersetzung.
Ich war also fleißig, fleißig wie schon lange nicht mehr, auch wenn ihr vieles nicht veröffentlicht sehen werdet. Erdogan hat mich beschäftigt, die Befreiung von Palmyra, das geplante Verbot „sexistischer“ Werbung und, im Gegenzug dazu, der Sexismus gegen Männer. Und wo wir gerade bei Sexismus sind, so hatte ich gestern ein interessantes Telefonat mit einer nahestehenden Frau, die das jugendliche Kokettieren eines Mädchens für bezaubernd hielt.

Mathematikdidaktik

So penibel bin ich schon lange nicht mehr gewesen. Jede gute Unterrichtseinheit beginnt mit einer Sachanalyse. Theoretisch gesehen. In der Praxis macht das natürlich niemand, vielleicht in den höheren Klassen. Was man in der Grundschule zu unterrichten hat, erscheint denkbar einfach: die Minuten und Stunden auf der Uhr, zum Beispiel.
Dummerweise ist es dann doch nicht ganz so einfach, denn wenn man sich tatsächlich an eine Sachanalyse macht, hat man es ja nicht mit dem Wissen von Grundschüler zu tun, sondern mit dem Wissen, aus dem man das zu vermittelnde Wissen für Grundschüler herausarbeitet. Und ich erinnere mich nur herzlich gerne daran, dass ich eine Einführungsstunde zu dem Buchstaben P gehalten habe, und bei der Sachanalyse ewige Zeit daran gesessen habe zu erklären, wie dieser Laut durch die besondere Mundstellung gesprochen werden kann.
Nun gut, ich habe es mir auch etwas schwerer gemacht, als man dies normalerweise tut: ich wollte meine Fantasie darin schärfen, was beim Erlernen der Uhrzeit alles so falsch gehen kann. Meine Arbeit war zum Teil also recht spekulativ.

Videos für Programmiersprachen

Dann hatte ich noch vor, weitere Videos zu drehen. Das habe ich aber sein gelassen: ich hatte einfach keine Zeit. Auch die, die ich bisher schon hergestellt habe, habe ich nicht hochgeladen. Ein bisschen Luft möchte ich mir schon lassen, und eine Erfahrung von meinem Blog ist, dass eine zu rasche Veröffentlichung nicht hilfreich ist. Die nachfolgenden Videos verdecken die davor veröffentlichten.
Gut: auf YouTube ist das etwas anders. Über die Playlist kann man das Interesse der Zuschauer in eine gute Reihenfolge bringen. Aber gerade der HTML-Kurs zeigt mir, dass ich es hier, anders als bei Python, mit einer starken Konkurrenz zu tun habe. Meine Videos werden nicht gefunden.
Eigentlich wusste ich das schon vorher. Und da es ganz hervorragende Tutorials gibt, wollte ich eigentlich auch gar keine Filme drehen. Zwei Sachen haben mich allerdings umgestimmt: zum einen habe ich gemerkt, wie oberflächlich mein Wissen über das Internet ist und mich deshalb einer radikalen Umorientierung, weg von der grafischen Darstellung innerhalb von Anwendungen (also Spielen) hin zu dem Austausch über das World Wide Web, unterzogen.
Hintergrund ist auch, dass ich eigentlich ein Tutorials über die Programmierung mit Python und dem Modul Django drehen wollte, und mir dabei eben mein mangelndes Wissen aufgefallen ist. Obwohl mir HTML und CSS leicht fallen.
Der andere Grund, warum es jetzt gerade ein Kurs zu HTML und CSS sein muss, waren natürlich meine Schüler. Die haben mich mit bestimmten Fragen durchlöchert, auch zur Programmierung von Websites. Und wenn man dann so gebauchpinselt wird, kann man auch nicht Nein sagen; jedenfalls mir fällt das schwer.

Mein Zettelkasten

Lange Zeit war mein Zettelkasten das Herzstück meiner Arbeit. Der eine oder andere mag sich noch daran erinnern, dass ich darüber geklagt habe, wie sehr ich mit dem Einpflegen meiner Kommentare in den Zettelkasten hinterherhinke. Mittlerweile aber lichtet sich das Problem. Sehr sporadisch, aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit habe ich es jetzt geschafft, fast meine gesamten Blog zu übertragen. Die letzten vier Artikel fehlen mir noch. Dies wollte ich schaffen, bevor ich meine Notizen zu Hannah Arendt übertrage. Sicherlich noch die über Nietzsche, obwohl ich mit dieser neuen Auseinandersetzung gerade erst begonnen habe. Aber da verpflichte ich mich auf mehr Mut zur Redundanz. Und wenn ich damit halbwegs fertig bin, dann wäre mal wieder eine Arbeit mit meinem Zettelkasten, ein Durchkommentieren eine eigenen Notizen, ein Ordnen und Neuschreiben angesagt.
Bücher muss ich mir jedenfalls gerade keine kaufen. Diese Arbeit habe ich noch die nächsten zwei, drei Jahre zu tun. Dann könnte ich schon langsam über meine Rente nachdenken.

Backen

In letzter Zeit backe ich wieder recht viel. Vor allem Brötchen. Gelegentlich muffelt meine Küche vom Sauerteig. Aber das ist in Ordnung, solange das Ergebnis schmeckt.

Ordnen

Und wo wir gerade beim Ordnen sind: auch meine ganzen Notizen zu meinen Schülern und zu den geplanten Unterrichtseinheiten müsste ich ordnen. Am Freitag hatte ich ein Gespräch mit meiner Rektorin, und da ist mir noch einmal ganz schmerzhaft bewusst geworden, dass ich zwar viele Sachen tief durchdenke, dass mir aber die Ordnung fehlt, um damit etwas Strukturiertes anzufangen. Ich habe mich also diszipliniert, und habe meine ganzen Aufzeichnungen durchgesehen, in Reihenfolgen gebracht, Sachen ausgeklammert, andere ausgearbeitet, usw.

Ziegen vor Gericht: Böhmermann in Satiristan

Die Causa Böhmermann zeigt, was Satire leistet. Satire ist ein Text, dem (zunächst) ein eindeutiger Interpretant fehlt. Ist dieser zu rasch zuhanden, gilt Satire als schmerzlos und witzfrei und lau. Bleibt der eindeutige Interpretant dagegen aus, dann hat man wohl das, mit dem Deutschland zur Zeit umgeht: eine Causa Böhmermann.

Der Interpretant

Feindseligkeit

Witze und Comedy bräuchten immer einen Feind, einen Gegner. Dass dieser Gegner nicht eine fremde Person sein muss, sondern auch eine Idee oder der Teil einer Person, lässt sich rasch zeigen. In solchen Fällen handelt es sich um Archetypen, entweder um Personen, die pointiert für eine Idee stehen, oder für Verhaltensweisen und Denkmuster, die für eine Idee typisch sind. Typisch für Comedy und Satire ist allerdings auch, dass sich dieser Feind zwar nicht sofort, aber doch relativ schnell fassen lässt. Manchmal beruht die Verzögerung auf einem ungewöhnlichen Bild, einem überraschend neuen Ausdruck, einer neuen Gedankenverbindung, aber immer scheint es dieser kurze Moment des Nicht-interpretieren-Könnens zu sein, der das Lachen begleitet.

Texte interpretieren

In Interpretationen scheint es immer eine gewisse Menge an Zeichen zu geben, an die der Interpret nicht rühren mag. Wer meinen Blog kennt, kann sich vielleicht an die Beispiele erinnern, die ich zum Homo Faber und zum Verhältnis von Evolutionstheorie und Gender-Mainstreaming gegeben habe. Dieser Ausgangspunkt der Interpretation, der nur schwer hinterfragt werden kann, weil an ihm die ganze Interpretation hängt, heißt Interpretant. So ist die Interpretation des Homo Faber seit langer Zeit unter der Deutungshoheit der Frauenfeindlichkeit Fabers gelesen worden, mit dem Inzest und der Schuld als Neben-Interpretanten. Dass man dies auch ganz anders sehen kann, habe ich gezeigt. Dasselbe gilt für das kulturelle Geschlecht: die Akzeptanz des kulturellen Geschlechts ist nicht die Akzeptanz konkreter sexueller Orientierungen; Akzeptanz muss nicht gleich Sichtbarkeit bedeuten, und ob eine Idee, die meiner Ansicht nach explizit politisch ist, in Institutionen gehört, in denen noch nicht mündige Bürger Kulturtechniken lernen, halte ich für fraglich.

Die Lächerlichkeit

Interpretanten werden dann lächerlich, wenn man sie von außen betrachtet. Wir kennen das: wir kennen die verschrobenen Ansichten bestimmter Minderheiten, wir kennen die seltsamen Figuren, denen wir an unserem Arbeitsplatz, im Supermarkt oder in einer Behörde begegnen. Dort, wo der andere anfängt zu interpretieren, ist nicht unser Ausgangspunkt. Unsere Argumentation, so müssten wir uns lesen, fängt von einer anderen Stelle aus an. Und im Prinzip ist genau das das, was die Lächerlichkeit ausmacht. Wir haben uns in unserer Welt einen logischen Zusammenhang zurecht gebastelt; jetzt treffen wir auf einen anderen logischen Zusammenhang, der zu unserem nicht passt, und wir beginnen zu lachen. Vielleicht haben die Psychoanalytiker nicht so unrecht: dass hinter der Angst vor der Lächerlichkeit die Angst vor der Selbstentfremdung steht.

Lachende Gemeinschaften

Nichts verbinde so sehr wie der Humor, sagt der Volksmund. Doch dahinter steckt leider ein ganz anderes Prinzip: nichts verbindet so sehr wie der gemeinsame Feind. So ist der Spruch vielleicht doch nichts anderes als eine Auslegung des Spruches: der Feind meines Freundes ist auch mein Feind. Gemeinschaft, und das steht zur Zeit mehr denn je infrage, ist wohl mehr oder weniger kultiviert eine Frage der gut ausgewählten Fremdenfeindlichkeit. Mithin auch eine Frage nach dem, was in einer Kultur nicht angetastet werden darf, was unter einem Berührungsverbot steht und heilig ist.

Böhmermann

Vielstimmigkeit

In gewisser Weise ist Böhmermann das „Gegenereignis“ zu den Anschlägen in Paris. Wie diese zu verstehen sind, dazu gibt es einen Grundkonsens. Der fehlt bei Böhmermann. So solidarisiert sich Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei Springer, mit dem deutschen Satiriker. Er nennt das Gedicht (samt seinem Drumherum) „ein Kunstwerk. Wie jede große Satire.“ In der Freien Welt gibt es von Ramin Peymani andere Worte zu lesen: das Gedicht sei ein „tumber Tiefschlag“, ein „Bärendienst“ für alle, „die von der islamischen Welt ein klares Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit fordern“. Schließlich, als eine dritte von vielen Stimmen, geistert durch die Medienwelt, was Bernd Lucke als Schlussfolgerung und Sentenz seiner Argumentation angehängt hat: „Böhmermann ist eine feige Drecksau.“

Das fragile Geflecht

Ich möchte nun nicht versuchen, die richtige Meinung herauszuarbeiten, obwohl mich das durchaus reizen würde. Ich möchte aber einige Schritte vor einem solchen Ergebnis stehen bleiben, und zunächst verstehen, warum sich ein so widersprüchliches Bild über den sei es nun satirischen oder nicht-satirischen Beitrag Böhmermanns aufgebaut hat. Dies scheint mir im Wesentlichen aus zwei Komponenten zu bestehen, die einander kreuzen und selber als höchst problematisch angesehen werden. Die eine Komponente besteht aus dem Status der Massenmedien selbst und der Frage nach der Pressefreiheit und den journalistischen Pflichten, angefangen von der Kritik an der medialen Überdrehtheit und der Anbiederung an ein Unterhaltungspublikum bis hin zu den Pöbeleien a la Lügenpresse auf der einen und dem Vorwurf der Volksverhetzung auf der anderen Seite. Die zweite Komponente kann man der politischen Idolisierung zurechnen. Erdogan macht sich mit seiner Politik gerade in Deutschland wenig Freunde, weil es eben auch um Pressefreiheit, aber auch seltsame nationalstaatliche Gelüste geht. Um es vorsichtig auszudrücken. Und auf der anderen Seite steht Angela Merkel, deren Rückzieher von den Besserwissern hämisch kommentiert wird, von den bisher Gutgläubigen enttäuscht aufgenommen wird. Und dort hinein kommt dann dieser seltsame Vertrag, der gegen viel Geld den weiteren Zuzug von Flüchtlingen begrenzen soll. So ist die gesamte Situation unklar, problematisch, zerbrechlich, und, wie man aus manchen Wortmeldungen lesen darf, bis zum Zerreißen gespannt.

Wen veralbert Böhmermann?

Worüber sich die Interpreten nicht einig werden können, ist, wen Böhmermann dort eigentlich angreift. Es gibt kein eindeutiges Feindbild, weder bei Böhmermann, der das Schmähgedicht innerhalb eines Rahmens vorgetragen hat, was man eben nicht tun dürfe und was strafbar sei (eben jenes Gedicht selbst); aber auch die Kultur gibt kein eindeutiges Feindbild mehr her. Manche Menschen haben Angst vor den Flüchtlingsströmen, ohne die Menschen als solche abzulehnen, ja ohne ihnen die Einreise untersagen zu wollen. Es gibt jene Menschen, die mit einem diffusen Deutschtum in der Tasche sich dazu bemächtigt fühlen, in unflätiger Sprache und mit nicht haltbaren Unterstellungen über das Leben fremder Menschen entscheiden zu dürfen. Und es gibt, man kann es gar nicht aufzählen, noch zahlreiche andere Meinungen mehr. Der Feind, der dem einen oder anderen vor Augen schwebt, ist so vielgestaltig die Meinungen selbst.

Die Kunst der Satire

Ob Satire eine Kunst ist oder nicht, bleibt dahingestellt. Von den antiken Musen hört man dazu ebenso wenig, wie von den septem artes liberales. Und von den letzteren vielleicht insofern doch noch, als die Rhetorik auch die Kunst der Verdrehung sein kann, und eines ihrer bevorzugten Mittel dabei die Hyperbel ist. Eines aber kann man mit den Mitteln der Semiologie sagen: Satire wird dann einvernehmlich wahrgenommen, wenn es einen gemeinsamen Interpretanten gibt. In einer Situation, in der die europäischen Werte, von der Meinungsfreiheit bis zum „Kosmopolitismus“, in Frage stehen, in der sich Deutschland selbst nicht mehr über seine Werte so richtig im Klaren ist, muss ein solches Gedicht den instabilen Zustand der politischen Landschaft offenbaren.

Satire und Meta-Satire

Es folgt, was folgen muss. Der Streit, selbst wieder ein politisches Ereignis, wird von der Satire aufgenommen und weiterverfolgt. Und auch darin erweist sich Böhmermann mit seinem Beitrag als das genaue Gegenstück zu den Anschlägen in Paris. Wenn Peter Fuchs den Terror als ein kommunikatives Ereignis bezeichnet (also auch als ein kommunikatives Ereignis, nicht nur), welches dazu dient, die Kommunikation auf eine Art und Weise zu unterbrechen, dass danach mehr Kommunikation möglich wird, dann ist die Satire, wie sie Böhmermann gemacht hat, die Weiterführung in die Unverständlichkeit der Kommunikation, die die Kommunikation anheizt.

Was ich mir wünsche

Zum Schluss darf ich vielleicht doch noch meine eigene Meinung loswerden. Vor zwei Tagen habe ich gelesen, dass die Entscheidung der Bundesregierung richtig sei, Erdogan den Weg über die deutschen Gesetze und die deutsche Gerichtsbarkeit zu ermöglichen: so werde er vielleicht mal mit den Ideen und Möglichkeiten eines demokratischen Rechts konfrontiert. Das wäre mal die umgekehrte Meinung zu dem, was derzeit eher mitschwingt: dass man Böhmermann bereits preisgegeben habe, als eine Art Bauernopfer. Ich wünsche mir keine Verurteilung Böhmermanns. Erdogan muss einen solchen Spott aushalten lernen. Das Gedicht selbst ist nicht gut, aber der Rahmen, in dem es steht, durchaus zu würdigen (einer zweideutigen Inszenierung dessen, was Satire eben nicht darf). Sehr fragwürdig finde ich, dass sich Angelegenheiten der Massenmedien und des politischen Systems vermischen, und dass diese Vermischung von Erdogan auf diese Weise betrieben wird. Ich wünsche mir zudem, dass die Zensur eines zweideutigen Beitrages zurückgenommen wird. So wenig ich die Zensur eines Akif Pirinçci gut heiße (obwohl jeder wissen darf, dass ich seine Meinungen abscheulich finde), so wenig darf die Sendung Böhmermanns der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Das muss diskutiert werden. Darum muss gestritten werden. Schließlich gibt es in dem ganzen Streit eben doch noch einen Aspekt, der beachtet werden muss: dass vermutlich jeder die Sendung nach einigen Tagen vergessen hätte, wenn Erdogan darum nicht so viel Wirbel gemacht hätte. Doch vermutlich muss es so sein. Und ein wenig darf ich auch gestehen, genieße ich das Ganze. Für rhetorische Analysen bietet die Debatte reichlich Stoff. Und ein Analytiker politischer Rhetorik hat deshalb viel zu tun. Das Zentrum für politische Schönheit jedenfalls hat von drei Kronzeugen ein Foto ins Netz gestellt. Sie werden gegen Erdogan aussagen. Es handelt sich um Ziegen.

16.04.2016

CSS mit Blogger

Und abgesehen von seltsamen Telefonaten: ein gewisser Sascha rief mich an und wollte wissen, ob ich der Frederik Weitz wäre. Bin ich es? Ich habe es mich gefragt. Wenig geholfen hat, dass er mich in Potsdam verortete: was ich mit Potsdam zu tun habe? Nun, wenig. Meine Schule liegt in Potsdam, mehr nicht.

CSS in blogger

Nun, eine andere Sache habt ihr gerade hoffentlich wohlwollend bedacht: mein Blog bekommt ein neues Design. Diesmal keines von der Stange, denn ich gestalte die einzelnen Elemente selbst. Peinlich daran ist, dass mir HTML seit Jahren geläufig ist, auch CSS, was selbstverständlicherweise dazugehört. Aber ich habe mich bisher nicht überwinden können, dies auch für meinen Blog zu nutzen.
Nun habe ich mir einige Vorlagen entworfen, die ich mit einigem Fleiß auf einige Artikel übertragen habe. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich damit zufrieden bin. Da ich diese Vorlagen aber an einer zentralen Stelle verändern kann, wird sich auch die ganze Darstellung des Blogs ändern, wenn ich Lust dazu habe.
Jedenfalls schreibe ich einiges um, lese mich selbst, während ich die Artikel umändere, und komme hoffentlich demnächst auch mal wieder dazu, hier umfassender zu schreiben. Denn all meinen Videos zum Trotz schreibe ich. Über die Bücher, die ich lese, über meine Schüler, über mein Leben. Seit einiger Zeit (einem Jahr etwa) aber wieder zuerst auf's Papier, dann erst in den Computer. Obwohl ich lange kein Arbeitsbuch mehr geführt habe, bzw. nur aus einer alten Pflicht, komme ich davon nicht weg. So toll mein Spracherkennungsprogramm auch ist.

Kreatives Schreiben

Eine mir sehr wichtige Sache ist das Herumwandern an den Grenzen des Bedeutsamen. Dazu hilft mir das Spracherkennungsprogramm nur wenig. Manchmal schon. Meist aber fühle ich mich freier, wenn ich einen Stift in der Hand und ein Papier vor der Nase habe. So habe ich zu Pirincci geschrieben, und meine (halbe) Mindmap ist ideenreicher als das, was ich in den letzten Monaten geschrieben habe.

Umvolkung

Pirincci wird ein neues Buch herausbringen. Es nennt sich Umvolkung.
Wieder einmal stellt sich die Frage, ob ich das lesen will. Die Ankündigung des Verlags jedenfalls war weinerlich genug.

01.04.2016

Schwarm-Demenz und NSU

Petra Pau hat eine schöne neue Vokabel ins Spiel gebracht: die Schwarm-Demenz. Das ist leicht nachzuvollziehen, wenn man sich facebook anschaut: nicht, dass es nicht viele kluge Stimmen dort gäbe. Aber ganz hartnäckig halten sich dort auch die Menschen, die nicht argumentieren können.
Nun, Petra Pau war, zusammen mit Dorothea Marx, auf einer Podiumsdiskussion, die von Hans-Ulrich Jörges geleitet wurde. Thema war die NSU, und eigentlich nicht die NSU selbst, sondern warum die Aufklärung der Umstände, dass die NSU jahrelang trotz Fahndung unter uns leben konnte, nicht so richtig gelingt. Marx äußert den "Verdacht des betreuten Mordens".

22.03.2016

Terror jenseits der Grenzen

Sloterdijk empfiehlt der Politik, grenzempfindlich zu werden. Das ist aus vielerlei Gründen eine schwierige Behauptung, da dies voraussetzt, dass Grenzen nach der Erkenntnis entstehen, dass also die Erkenntnis das Apriori der Grenzen sei, während doch die ganze Wissenschaftlichkeit, und nicht zuletzt die operativen Logik darauf aufgebaut ist, zunächst eine Grenze zu ziehen, und dann festzustellen, welche Erkenntnisse sich damit ergeben. Allerdings war Sloterdijk dann nicht ganz so eindeutig. Und dass er kein Philosoph des Aprioris ist, das sollte bekannt sein. Sogar ihm selbst.

Heteronormative Grenzen

Ein ganz anderes Problem an Grenzen ist, dass sie nicht naturwissenschaftlich funktionieren. Sie sind aus sozialen Ereignissen zusammengesetzt, mithin eine Mannigfaltigkeit, heterogen und heteronormativ. Ich glaube, dass man daraufhin das Parteiprogramm der AfD ganz gut lesen kann: in seiner Widersprüchlichkeit spiegelt es genau das Problem von Grenzen wider.

Erreichbarkeit des Terrors

Schließlich ist der Terror keineswegs nur ein Phänomen schlechter oder verfehlter Politik. Als ich heute Morgen am Computer saß und meine letzten Python-Videos von gestern Abend hochgeladen habe, hatte ich bereits Twitter geöffnet. Und dort war innerhalb von wenigen Minuten, direkt nach den Explosionen in Brüssel, bereits eine Flut an Kommentaren und Meldungen vorhanden. Die Übermittlung solcher Nachrichten hat sich radikal beschleunigt. Die räumlichen Grenzen spielen keinerlei Rolle mehr. Und auch wenn dies an den Staatsgrenzen zunächst wenig zu rütteln scheint, verändern sie doch die ganze Atmosphäre, das ganze Wirken der Staatsgrenzen. Der Terrorismus ist deshalb so präsent (und deshalb vielleicht auch überhaupt erst in diesen Dimensionen möglich), weil er sich entlang der Informationskanäle so schnell in seiner Wirkung ausbreitet.

Verantwortung wofür?

Natürlich ist es unsinnig, der Gesellschaft den Vorwurf zu machen, sie würde den Terror lediglich inszenieren. Ein Prinzip einer sich aufklärenden Gesellschaft besteht darin, Verantwortung zu übernehmen. Und wo diese Verantwortung nicht übernommen wird, muss sie eventuell erzwungen werden. Wer keine Verantwortung dafür übernimmt, dass er anderen Menschen die Freiheit eingeschränkt hat, im krudesten Fall durch die Tötung, dem muss auch die Verantwortung für die eigene Freiheit weggenommen werden.
Noch ist es ein Gedankenspiel. Aber in gewisser Weise gibt es Metatugenden, die die Tugendhaftigkeit des einzelnen Menschen erst ermöglicht. Und es gibt (vielleicht) so etwas wie Metasünden, die die Tugendhaftigkeit einzelner Menschen mindern oder unmöglich machen.

Geltungssucht

Zwei „Sünden“ (dies aber bitte nicht religiös zu lesen) scheinen mir die Faulheit und die Geltungssucht. Die Geltungssucht ist mit Sicherheit auch eine strukturelle Sünde, vor allem im Journalisten-Kreis. Denn wer die Nachricht zuerst bringt, hat auch die Aufmerksamkeit, meistens zumindest. Und die Aufmerksamkeit zu besitzen bedeutet, an seinen Artikeln zu verdienen. Dies mag zu der Schlampigkeit geführt haben, die man heute dem Journalismus (zum Teil) vorwerfen muss.
Strukturell ist diese Sünde deshalb, weil der Einzelne nichts dafür kann. Es ist ein typisches Beispiel für den generalisierten Individualwillen, wenn also der Einzelwille auf genau die gleiche Art von vielen verschiedenen Menschen verfolgt wird, sodass alle das gleiche wollen, aber nur wenige es erreichen können. Man nennt dies auch Konkurrenz. Aufklärung braucht eine ganz andere Form der Willensbildung, eine Bemühung um eine Kooperation, ohne sich auf einen Gruppenzwang einzulassen.

Funktionalität des Terrors

Peter Fuchs jedenfalls schreibt in seinem Buch Das System „Terror“:
Einer der Effekte dieser neuartigen [funktionalen] Struktur der Gesellschaft ist, dass Systeme dieses Typs nicht mehr an Territorien, an Staaten, an Nationen, Völkerschaften etc. geknüpft sind. Sie erreichen ein operativen Abstraktionsgrad, der Grenzen einfach ignoriert.
(Seite 44)