21.11.2008

Fluch des kreativen Schreibens

Christof hat sich gerade mit einer sehr umfangreichen Kritik an meinem Text Fluch der Karibik - Eine Abenteuergeschichte schreiben per mail gemeldet. Übrigens einer sehr netten Kritik, die mir "vorwirft", verständlich und umfassend zu schreiben und viele Techniken des Plottens zu erläutern.
Unter anderem schreibt er auch, meine Art des kreativen Schreibens sei amerikanisch, und erläutert das damit, dass ich weniger auf ein offenes und kreatives Schreiben eingehe, als auf ein einübendes und funktionales. Ob das nun amerikanisch ist, sei dahingestellt. Recht hat er damit, dass ich Übungen sehr mag und das zahlreiche meiner Schreibbücher aus dem amerikanischen Raum kommen.

Warum aber wiederhole ich nicht die üblichen Techniken des kreativen Schreibens, die in Deutschland so oft angeboten werden? Warum nicht mind-maps, Cluster, free-writing?
Darauf möchte ich hier Antworten geben.
Die erste Antwort fällt übrigens einfach aus: wer im Internet nach Techniken kreativen Schreibens sucht, wird ständig auf solche eher wolkigen Techniken stoßen. Muss ich also nochmal all dies wiederholen? Ich denke nicht.
Die zweite Antwort bezieht sich spezifische auf das Funktionale meiner Techniken. Wenn ich nicht irgendeinen Text schreibe, sondern einen Text für Leser, muss ich auf bestimmte Sachen Rücksicht nehmen. Ich muss zum Beispiel den Leser über Ort und Zeit aufklären, in dem eine Szene spielt. Ich muss Handlungen nachvollziehbar machen, indem ich sie genau genug schildere und gleichzeitig mit Motivationen versehe.
Auf sehr unterschiedlichen Ebenen des Textes gibt es hier Techniken, die sich bewährt haben: wie man den Leser orientiert, wie man Spannung aufbaut, wie man Rätsel entwirft und in den Text einbindet, wie man Personen charakterisiert, wie man humorvoll oder dramatisch schreibt, wie man eine Abenteuergeschichte, einen Liebesroman, einen Western, einen Krimi plottet. Solche Techniken analysiere ich hier und stelle sie meinen Lesern zur Verfügung.
Sinn und Zweck des Ganzen findet sich zunächst im Nachvollziehen der Analyse. Ich begründe darin, warum hier ein brauchbares Element vorliegt. Dann aber machen Übungen zu genau diesem Element uns den Umgang mit der Technik vertraut. Deshalb stelle ich so viele Übungen vor. Und zum Schluss ist es doch so, dass ich, je sicherer ich eine Technik beherrsche, umso sicherer mit dieser beim Romanschreiben umgehen kann. Da ein Roman nicht ein solch kreatives Chaos wie eine mind-map darstellt, sondern insgesamt leserfreundlich sein muss, braucht man Funktionen, die diese Leserfreundlichkeit herstellen. Man braucht diese guten ersten Sätze, man braucht diese Rätsel, man braucht dieses knackige Vorantreiben einer mysteriösen Geschichte.
All dies muss man sich ja nicht erst erfinden, sondern kann sich dort von anderen Geschichten leiten lassen. Die eine Methode ist, aus solchen Geschichten einfach abzukupfern (zu klauen); die andere Methode ist, aus einem Roman einen Begriff zu ziehen, der die Essenz zu einer Technik darstellt. Und mit diesen Begriffen gerüstet kann man sich dann ans Schreiben machen.
Ich unterscheide ja schon seit langer Zeit zwischen dem kreativen und dem konstruktiven Schreiben. Das kreative Schreiben löst auf, macht Strukturen unverbindlich und ist insgesamt analytisch und sammelnd; das konstruktive Schreiben wählt aus, macht Strukturen verbindlich, ordnet und ist synthetisierend. Beide Aspekte des Schreibens widersprechen sich nicht, sondern gehören zueinander.
Nur wird eben das eine, das kreative Schreiben sehr gepflegt, gleichsam als Allheilmittel, während von dem anderen, dem konstruktiven die wenigsten Autoren eine Ahnung haben. Es gilt als schwierig und "intellektuell". Darin liegt meiner Ansicht nach die weitgehende Unfähigkeit der Deutschen, Begriffe bewusst zu bilden. Begriffe ordnen unser Denken.
Wenn ich über konstruktives Schreiben schreibe, biete ich solche Ordner an (Ordner übrigens, nicht Wahrheiten). Und ich habe immer wieder das Gefühl, dass das Arbeiten mit Begriffen vielen Menschen Angst macht, weil sie dann zu verstehen beginnen, wie diffus, wie narzisstisch, wie blind sie bisher gedacht haben. Dass solche Menschen mich teilweise wütend ablehnen, sehe ich garnicht als mein Problem an, sondern als deren. In der Arbeit mit Begriffen ist immer auch eine Wendung gegen das eigene Denken angelegt: das eigene Denken, wie es bisher gewesen ist.
Letztes Endes biete ich ja nur Begriffe an, die sich auf einen gewissen Erfahrungswert stützen. Ich erkenne, dass ein bestimmter Textabschnitt mich besonders gespannt sein lässt und mir die Freude am Lesen erhöht. Ich frage mich dann, warum. Ich analysiere, fasse das Ganze in einem Begriff zusammen und habe in diesem Begriff zum einen die Technik des Autors und seine Wirkung auf mich kondensiert. Nicht mehr und nicht weniger.   

Scherz und Phantomscherz

Beim Googeln stieß ich auf den skurrilen Blog Phantomscherz... Soll das etwa witzig sein?
Der fleißige Schreiber weist darauf hin, dass man sich vordere Google-Ränge erobert, indem man das Wort Playboy und aktuelle Namen eingibt, vor allem aktuelle Namen von Sternchen. Da mein Blog sich nur gelegentlich solchen halbseidenen Wesen zuwendet, werde ich wohl nur durch seltsame Konstruktionen zu meinen tollen Page-Ranking-Plätzen kommen.
Einen Versuch ist es aber wert. Ich schreibe also: Playboy (zum zweiten Mal), Dita von Teese, Jacques Derrida, Miriam Schwarz, Michel Foucault, Lucia Sitavancova, Niklas Luhmann, Alena Gerber, Umberto Eco, Annett Louisan, Jacques Lacan, Bill Kaulitz und Playboy Playboy Playboy.
Die ernsthaften Damen und Herren mögen mir diesen Phantomscherz verzeihen.

20.11.2008

Autorenreden

Wer nach visuellen Medien über Autoren sucht, sollte auf youtube gehen und dort Authors@Google eingeben. Man findet dort längere Reden von Salman Rushdie, Noam Chomsky, Slavoj Zizek (der dort Slajov Zizek geschrieben wird), Irvine Welsh, Paul Auster, Matt Ruff, Armistead Maupin, Daniel Goleman, John Searle, Neal Gaiman, und viele andere. Teilweise sehr interessant, aber gute Englischkenntnisse sind vorausgesetzt.

19.11.2008

Hübsche Suchbegriffe

Wie mein Blog manchmal gefunden wird! - Heute zum Beispiel mit "Mein Sohn trägt Damenunterwäsche", und neulich "gruselige Einwortsätze".

Krimis plotten und schreiben: Spuren, Indizien, Rätsel

Krimis zu schreiben ist immer wieder eine Frage der Konstruktion. Ein zentraler Punkt dabei ist die Konstruktion eines Rätsel, sei es nun eines Tatorts, einer Spur, eines Geheimnisses.

Krimis nachahmen

Viele Autoren verlassen sich darauf, zahlreiche Krimis zu lesen, und aus diesen dann neue Krimis zu basteln. Sie „klauen“. Dies ist eine gängige und sinnvolle Praxis. Nachahmen ist hier übrigens das schönere Wort. Dazu schrieb mir Melanie schon vor längerer Zeit eine e-mail. Da Melanie Germanistik studiert, hatte sie eher Fragen zu den linguistischen Einheiten, die zur Konstruktion eines Krimis notwendig sind, als zu der Praxis des „Klauens“. (siehe auch: Die Kreativität der Schriftsteller)
Wenn man also keine Versatzstücke benutzen will, wie konstruiert man dann einen Kriminalfall? Und wenn man einen solchen konstruiert hat, wie setzt man diesen in einen guten Plot um?
Diesen Fragen möchte ich hier nachgehen.
Eine Warnung zuvor, übrigens eine meiner üblichen Warnungen: ohne etwas Theorie läuft gar nichts. Wir brauchen zum Beispiel Begriffe, um die Elemente eines Krimis handhabbar zu machen. Begriffe sind mit dem Handhabbaren, also mit einer Praxis engsten verbunden.

Zitieren

Strukturen lesen

Bevor man sich nun gänzlich auf theoretische Konstruktionen stürzt, eine gegenteilige Warnung. Was mancher Schriftsteller unter "bei berühmten Kollegen klauen" versteht, ist ein Zitieren. Zitieren kann man nicht nur kluge Worte berühmter Menschen, sondern auch Strukturen.
Zu Strukturen kommt man, wenn man einen Text oder ein Textstück von allem Beiwerk befreit und auf ein nacktes Skelett reduziert (man sagt auch abstrahieren).

Nehmen wir folgenden Fall:
Ein Kommissar fährt irgendwohin. Durch einen dummen Zufall demoliert er auf dem Weg dorthin ein fremdes Auto. Er klemmt einen Zettel mit seiner Telefonnummer unter den Scheibenwischer. Auf der Rückfahrt steckt dieser Zettel immer noch da. Als sich dann niemand meldet, stattet er dem Auto einen Besuch ab. In dem Haus, vor dem das Auto geparkt ist, findet er eine nackte Frauenleiche.
Dies ist aus dem ersten Kapitel von Andrea Camilleris Krimi Die Stimme der Violine. So beschrieben hat die Struktur wenig Reiz. Der Leser mag sich aber überzeugen, dass schon dieses erste Kapitel eine enorme Spannung aufbauen kann und – wie für Camilleri typisch – eine Menge Humor besitzt, wenn man es auskleidet.

Strukturen zitieren

Nun kann man diese Struktur zitieren, indem man entweder das Ganze übernimmt, oder leichte Veränderungen einführt.
Nehmen wir an, dass der Kommissar statt einer Frauenleiche im Haus eine Männerleiche im Kofferraum entdeckt. Oder nehmen wir an, dass der Kommissar ins Haus eindringt, aber statt einer Frauenleiche entdeckt er eine Sammlung höchst pikanter Briefe. Später wird der Mensch, der diese Briefe geschrieben hat, anderswo ermordet aufgefunden. Der Kommissar denkt dann natürlich zuerst, dass der Ehepartner den Briefeschreiber ermordet hat, muss dann aber feststellen, dass der Briefeschreiber in ganz andere, sehr viel düsterere Sachen verwickelt war (um hier mal die Geschichte weiter auszugestalten).
Sie sehen also: man braucht nur einen kleinen Abschnitt aus einem Krimi zu zitieren, und schon spinnt unsere ungebändigte Phantasie den Faden weiter und weiter und weiter.

Zitieren funktioniert nicht nur wortwörtlich, sondern gerade mit Strukturen gut. Warum? Strukturen sind immer abstrakt. Wir können sie mit allem möglichen auffüllen. Deshalb muss ich in unserem Beispiel nicht auf einen Kommissar zurückgreifen wie den Commissario Montalbano von Camilleri, sondern kann eine ganz andere Hauptfigur auftreten lassen. Deshalb muss es auch nicht um eine gestohlene Violine gehen, sondern um ein ganz anderes Verbrechen.
Zitieren ist sinnvoll, ja notwendig.

Dagegen ist das Werkzeug, das ich nun vorstellen möchte, recht bescheiden.

Schlussfolgerungen

Erwartungen

Schlussfolgerungen sind übliche Werkzeuge unseres Denkens. Wenn der Himmel grau ist, schleierförmige Wolken herabhängen und ein kräftiger Wind weht, denken wir an Regen. Wir schlussfolgern ihn. Es muss nicht schon regnen und es muss auch in Zukunft nicht regnen. Aber es scheint naheliegend. Und wenn es dann nicht regnet, behaupten wir, das sei seltsam oder sogar, wir hätten Glück gehabt.
Schlussfolgerungen sind recht banale Sachen. Man kann auch sagen, es seien Erwartungen. Wenn ich meinen Kühlschrank aufmache, erwarte ich, dass ich irgendetwas zu essen finde. Aus dem Kühlschrank schlussfolgere ich, dass Essen darin ist, und wenn ich den Kühlschrank sehe, erwarte ich, dass sich Essen darin befindet.
Schlussfolgerungen laufen im alltäglichen Leben oft unbewusst ab. Formulieren wir sie bewusst aus, nennt man dies ein Argument.

Die Deduktion

Sehen wir uns nun ein bewusst ausformuliertes Argument an:
(a) Am Tatort liegt ein abgebrochener Fingernagel.
(b) Fingernägel brechen ab, wenn gekämpft wird.
(c) Also hat das Opfer mit seinem Mörder gekämpft.
Der Satz (a) lässt sich – im Kontext eines Krimis - unschwer als Spur erkennen. Eine Spur ist ein Zeichen. Sie verweist auf ein Geschehen, das in der Vergangenheit passiert ist und eben seine Spuren hinterlässt.
Der Satz (b) bezeichnet eine Regel. Regeln sind Verallgemeinerungen, aber keine Wahrheiten. Der Fingernagel hätte auch abbrechen können, weil sich der Täter an einem Hebel verletzt hat und dabei der Fingernagel so tief eingerissen ist, dass er später gänzlich abgebrochen ist.
Schließlich finden wir im Satz (c) die Schlussfolgerung aus (a) und (b).

Das richtige oder falsche Auffinden beruht also auf drei verschiedenen Sätzen, bzw. Sachverhalten: einer Spur, einer Regel und einer Schlussfolgerung.

Der Syllogismus

Das typische Beispiel für ein solches Argument ist folgendes:
(a) Sokrates ist ein Mensch.
(b) Alle Menschen sind sterblich.
(c) Also ist Sokrates sterblich.
Immanuel Kant nannte dies auch einen Syllogismus. Eine Beobachtung (Satz(a)) wird mit einer Regel (Satz(b)) in Zusammenhang gebracht, woraus man dann etwas folgern kann (Satz (c)).

Wenn wir beim Krimi bleiben, dann lässt sich zum Beispiel folgendes Argument finden:
(a) Die Leiche trägt Frauenkleider.
(b) Nur Frauen tragen Frauenkleider.
(c) Also ist die Leiche eine Frau. (aus Donna Leon: Venezianische Scharade)

Übung zur Deduktion

Die Spur im Sand

Der Zusammenhang zwischen einer Spur und einer Regel lässt sich an einem typischen Beispiel verdeutlichen: der Spur im Sand.
(a) An diesem Sandstrand sind Fußspuren.
(b) Wenn ein Mensch über feuchten Sand geht, hinterlässt er Fußspuren.
(c) Also ist hier ein Mensch entlang gegangen.
Sie finden aber alltäglich sowohl Spuren, die durch Regeln interpretiert werden können, als auch Regeln, die zum Interpretieren von Spuren genutzt werden können.

Spuren sammeln

1. Sammeln Sie Spuren im Alltag und erfinden Sie dazu Regeln.
2. Sammeln Sie Regeln zur Interpretation und erfinden Sie dazu Spuren.
Diese beiden Übungen sollten Sie an banalen Dingen machen. An herumliegenden Coladosen, an Flecken auf einem Hemd, an dem Klang einer Stimme. Denn all dies sind Spuren. Und ebenso sollten Sie auf der Jagd nach den alltäglichen Interpretationsregeln sein.
Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf. – Zwar ist die Deduktion ein ebenso schlichtes wie trockenes Mittel der Logik, aber gerade durch ihre Schärfe, durch ihr starres Muster vermag sie der Phantasie einen ordentlichen Schubs zu geben.

Widerspruch zur Deduktion

Die falsche Deduktion

Nun hatte ich schon weiter oben geschrieben, dass Schlussfolgerungen in Deduktionen nicht notwendig wahr sind. Sehen wir uns folgende Sätze an:
(a) Lisa ist ein Mädchen.
(b) Alle Mädchen sind Vögel.
(c) Also ist Lisa ein Vogel.
Offensichtlich stimmt dieses Argument nicht. Das liegt daran, dass wir eine andere Vorstellung von Vögeln im Kopf haben und diese Vorstellung von Vögeln stimmt mit unserer Vorstellung von Mädchen nicht überein.
(a) Amseln haben Flügel.
(b) Alle Vögel haben Flügel.
(c) Also ist die Amsel ein Vogel.
und:
(a) Lisa hat keine Flügel.
(b) Alle Vögel haben Flügel.
(c) Also ist Lisa kein Vogel.
Offensichtlich widersprechen sich hier zwei Regeln. Die erste Regel, dass alle Mädchen Vögel sind, verträgt sich nicht mit der zweiten Regel, dass alle Vögel Flügel haben. Hier gibt es also einen Widerspruch zwischen zwei Deduktionen.

Falsche Fährten

Nehmen wir noch einmal unser Beispiel von Donna Leon:
(a) Die Leiche trägt Frauenkleider.
(b) Nur Frauen tragen Frauenkleider.
(c) Also ist die Leiche eine Frau.
Zunächst erscheint uns diese Deduktion als schlüssig.
Nun entdecken aber die Polizisten, dass die Leiche ein Mann ist. Dadurch gerät die Regel in Satz (b) durcheinander.
Wir finden eine konkurrierende Schlussfolgerung:
(a1) Die Leiche ist ein Mann.
(a2) Die Leiche trägt Frauenkleider.
(b) Männer, die Frauenkleider tragen, sind Travestiten.
(c) Also ist diese Leiche ein Travestit.
Donna Leon nutzt gerade die erste Schlussfolgerung sehr lange aus: bis zum Ende des zweiten Kapitels von Venezianische Scharade gilt die erste Schlussfolgerung, nämlich die, dass es sich um eine ermordete Frau handelt.

Die Interpretationsregel

Halten wir zunächst fest, dass eine Schlussfolgerung aufgrund einer nahe liegenden Regel getroffen wird. Solange nicht alle Spuren eingeordnet sind, sind auch die Schlussfolgerungen vorläufig.
Je mehr Spuren gesammelt werden, umso mehr ändert sich die Regel (die wir hier immer durch den Satz (b) ausdrücken).
Wichtig dabei ist, dass Spuren trotz der Deduktion falsch interpretiert werden können. Und genau das nutzt der Krimi aus. Donna Leon hält zunächst wichtige Tatsachen zurück, um dann den ersten Knall zu zünden: die Frau ist ein Mann.

Widersprüche im Krimi-Plot

Widersprüche im Krimi

In einem Krimi sind solche Widersprüche durch Entdeckungen gekennzeichnet. Bisher hatte man dann noch nicht gründlich genug geforscht, Zusammenhänge nicht erkannt, und deshalb waren die Schlussfolgerungen falsch.

Wir können hier zwei weitere Merkmale der Deduktion erkennen.
Als erstes müssen Spuren haltbar sein. Wenn eine Leiche mit Frauenkleidern herumliegt, dann muss man annehmen, dass die Leiche eine Frau ist. Wenn man dann aber entdeckt, dass die Leiche ein Mann ist, muss man andere Annahmen machen.
Als zweites müssen die Regeln anwendbar sein. Die Regel, dass Frauen Frauenkleider tragen, ist auf einen Mann in Frauenkleidern nicht anwendbar. Daher muss man nach neuen Regeln suchen.

Widersprüche entstehen also durch neue Spuren, durch unbrauchbare Spuren oder durch unbrauchbare Regeln. Wenn Sie sich die üblichen Krimis ansehen, dann werden Sie rasch herausfinden, dass unbrauchbare Spuren und Regeln durchaus gängige Werkzeuge in diesem Genre sind: der Detektiv oder Kommissar irrt sich, um es schlicht zu sagen.

Ein Beispiel von Donna Leon

In Donna Leons Venezianische Scharade wird der erste Irrtum, der, dass es sich um eine ermordete Frau handelt, bis zum Ende des zweiten Kapitels aufrechterhalten. Dass es sich überhaupt um eine Frau handelt, wird erst am Ende des ersten Kapitels deutlich. Bis dahin denkt der Mann, der den Schuh entdeckt, es handele sich nur um einen herumliegenden Schuh. Erst als er ihn aufheben will, merkt er, dass ein Fuß darin steckt.
Selbst hier haben wir es mit einer Schlussfolgerung zu tun, deren Regel schließlich nicht mehr angewendet werden kann:
(a) Dort liegt ein roter Schuh herum.
(b) Schuhe, die irgendwo herum liegen, kann man mitnehmen.
(c) Also kann man diesen Schuh mitnehmen.
Als der Mann dann den Fuß bemerkt, schließt er ganz anders:
(a1) Im Schuh steckt ein Fuß.
(a2) Dieser Fuß gehört zu einer Leiche.
(b1) Wenn man eine Leiche entdeckt, muss man die Polizei informieren.
(b2) Kleidungsstücke von Leichen darf man nicht mitnehmen.
(c) Also informiert man die Polizei und lässt den Schuh liegen.
Natürlich muss man nicht immer so penibel ausformulieren. Ich mache das hier nur deshalb so genau, um zu zeigen, dass Schlussfolgerungen ständig wieder auftauchen, sei es in Krimis, sei es in unserem Alltag.
Sie geraten in Konkurrenz zueinander, lösen Konflikte aus, schaffen Widersprüche.
Vor allem lassen sie sich zueinander anordnen und unterschiedlich interpretieren.

Konstellationen

Bisher haben wir uns recht einfache Deduktionen angesehen. Meist sind diese aber von komplexen Voraussetzungen abhängig. Das heißt, wir haben zum einen mehrere Wahrnehmungen und zum anderen mehrere Regeln.
Zu Beginn sollten wir uns nicht darüber den Kopf zerbrechen. Je schlichter wir zunächst vorgehen, desto größer ist der Übungseffekt. Die Komplexität kommt dann von alleine.
Wenn wir uns im weiteren mit einem echten Krimi-Entwurf herumschlagen, sollten wir aber mehrere Voraussetzungen einführen. So wie Donna Leon das tut:
(a1) Ein Schuh liegt in einer Einöde.
(a2) Im Schuh steckt ein Fuß.
(a3) Der Fuß gehört zu einer Leiche.
(a4) Die Leiche hat Frauenkleider an.
(a5) Die Leiche ist ein Mann.
Commissario Brunetti irrt durch eine ganze Menge falscher Regeln, bis ihn ein medizinischer Befund auf die richtige Fährte (Satz (a6)) bringt:
(a6) Der Mann ist rasiert.
(b1) Wer sich rasiert, hat minimale Blutungen unter der Hautoberfläche.
(c1) Also hat der Mann minimale Blutungen unter der Hautoberfläche.
(a7) Der Mann hat aber keine minimalen Blutungen unter der Hautoberfläche.
(b2) Nur wenn man nach dem Tod rasiert wird, hat man keine minimalen Blutungen …
(c2) Also war der Mann bereits tot, als er rasiert wurde.
(c3) Also war der Mann kein Travestit.
(c4) Also ist die Verkleidung des Mannes als Frau ein Täuschungsmanöver des Mörders.
Während die Sätze (a1) bis (a5) den Gang der ersten Untersuchung schildern, wird in den Sätzen (a6), (b1) und (c1) eine Hypothese (Satz (c1)) durchformuliert, die auf einer Erfahrung (Satz (b1)) beruht. Aufgrund der Hypothese (c1) kann dann eine neue Beobachtung (a7) gemacht werden, die zu einer weiteren Erfahrung (b2) führt und eine weitere Hypothese (c2) ermöglicht.
Konstellationen führen zu Verbindungen untereinander. So ist die Regel (b1) mit der Regel (b2) engstens verknüpft: vor dem Tod kann ein Mensch bluten, danach nicht mehr. Die Schlussfolgerung, dass der Mann ein Travestit sei, wird dadurch wieder offen. Sie ist deshalb nicht ausgeschlossen. Aber – wie Leon ihren Commissario schließen lässt – die Möglichkeit eines Täuschungsmanövers muss in Betracht gezogen werden.
Zudem können solche neuen Entdeckungen ganze Ketten von Schlussfolgerungen zunichte machen.

Konstellationen und Szenen

Die Geschichte gliedern

Wenn wir Donna Leons Krimi lesen, können wir uns aus diesen doch sehr abstrakten Sätzen einige konkrete Hilfen zum Konstruieren von Krimis ziehen.
Zunächst führt uns Leon in zwei Kapiteln von Satz (a1) zu Satz (a2) im ersten Kapitel, lässt den Satz (a3) als Voraussetzung für das zweite Kapitel, da hier die Polizei schon vor Ort ist, und führt im zweiten Kapitel selbst den Leser von Satz (a4) zu Satz (a5).
Wir können also an der Spurensuche entdecken, dass sie auch den Gang der Geschichte gliedert.

Beispiel

Schauen wir uns folgenden Fall an:
(a1) Eine Frau wird ermordet aufgefunden.
(a2) Die Frau ist mit großer Kraft erstochen worden.
(b1) Wenn jemand mit großer Kraft erstochen wird, ist der Mörder ein Mann.
(c1) Die Frau ist von einem Mann umgebracht worden.
(a3) In der Toilette schwimmt eine Zigarettenkippe mit Lippenstift.
(a4) Die Ermordete ist Nichtraucherin.
(b2) Wenn bei einer Nichtraucherin eine Zigarettenkippe in der Wohnung gefunden wird, hatte sie Besuch von einem Raucher.
(b3) Lippenstift auf einer Kippe kommt von einer Raucherin. (Nur Frauen benutzen Lippenstift.)
(b4) Kippen in Toiletten sollen eigentlich nicht gefunden werden.
(c2) Also stammt die Kippe in der Toilette von der Mörderin.
(a5) Der Lippenstift ist sehr exklusiv.
(a6) Frau A nutzt einen solchen Lippenstift.
(a7) Frau A ist Raucherin.
(b5) Wenn viele Indizien übereinstimmen, gehört eine Person in den engeren Kreis der Verdächtigen.
(c3) Frau A gehört in den engeren Kreis der Verdächtigen.
(a8) Frau A hat eine Affäre mit der Ermordeten.
(a9) Frau A ist verheiratet.
(a10) Im Tagebuch der Ermordeten steht, dass sie Frau A aus dieser unglücklichen, nur finanziell vorteilhaften Beziehung befreien will und Herrn A die Affäre aufdecken will.
(b6) Wer Angst vor finanziellen Nachteilen hat, handelt so, dass diese nicht eintreten.
(c4) Frau A ist den finanziellen Nachteilen ausgewichen, indem sie ihre Geliebte ermordet hat.
(a11) Herr A hat auch eine Geliebte.
(a12) Frau A gibt an, dass sie ihren exklusiven Lippenstift nicht finden kann.
(a13) Der Lippenabdruck auf der Zigarettenkippe stimmt nicht mit dem sonstigen Lippenabdruck von Frau A überein.
(a14) Nur Herr A hatte die Möglichkeit, an den Lippenstift zu kommen.
(b7) Wenn viele Indizien übereinstimmen, gehört eine Person in den engeren Kreis der Verdächtigen.
(c5) Also gehört Herr A in den engeren Kreis der Verdächtigen. (Er könnte zum Beispiel die Frau ermordet haben, was Satz (a2) plausibel macht, sich dann Lippenstift auf die Lippen aufgetragen haben, eine Zigarette geraucht haben, und diese dann absichtlich in die Toilette geworfen haben, ohne hinunterzuspülen, um damit seine Frau zu belasten.)
Sie sehen also, dass sich hier eine sehr lange Konstellation und ein Ineinander von Sätzen ergibt, die immer wieder zu neuen Wahrnehmungen, neuen Regeln und neuen Schlussfolgerungen führt. Und dabei entsteht dann das Grundgerüst eines Krimiplots.

In Szenen umwandeln

Um zu einem richtigen Plot zu kommen, muss man dieses Grundgerüst dann in Szenen umwandeln.
(a1) 1. Szene: Die Leiche der Frau wird entdeckt.
(a2) 2. Szene: Die Leiche der Frau wird untersucht.
(b1) + (c1) 3. Szene: Der Kommissar zieht seine Schlussfolgerungen.
(a3) + (a4) 4. Szene: Die Zigarettenkippe wird entdeckt.
(b2), (b3), (b4) + (c2) 5. Szene: Der Kommissar sucht eine Raucherin im Freundeskreis von der Ermordeten.
(a5) 6. Szene: Die Marke des Lippenstiftes wird entdeckt.
(a6) 7. Szene: Der Kommissar findet heraus, dass Frau A einen solchen Lippenstift benutzt.
(c3) 8. Szene: Der Kommissar durchleuchtet das Leben von Frau A.
(a8) + (a10) 9. Szene: Der Kommissar findet heraus, dass Frau A mit der Ermordeten eine Affäre hat.
(a10) 10. Szene: Der Kommissar findet heraus, dass Frau A finanzielle Nachteile hätte, wenn ihr Mann von dieser Affäre erfährt.
(c4) + (a11) 11. Szene: Frau A wird verhört. Dabei behauptet sie, dass ihr Mann auch eine Geliebte hat.
(a11) 12. Szene: Der Kommissar findet die Geliebte des Mannes.
(a13) 13. Szene: Der Kommissar vergleicht verschiedene Lippenstiftabdrücke miteinander. Zusammen mit der großen Kraft, mit der der tödliche Stich geführt wurde und der Tatsache, dass Herr A auch eine Geliebte hat, zweifelt er, ob Frau A die Mörderin ist.
(a14) 14. Szene: ….
Ich denke, dass hier klar wird, wie sich aus einer Argumentationsfolge ein Plot mit Szenen konstruieren lässt.

Trotzdem: die Erzähllust

Wenn Sie sich nun Krimis anschauen und daraus die Argumentationsabfolge herausziehen, samt der dazugehörigen Szenen, werden Sie feststellen, dass die Szenen nicht immer nur einen Satz der Argumentation nutzen, dass mehrere Szenen sich auf nur einen Satz beziehen können, dass manche Indizien, die erst später sinnvoll eingeordnet werden, schon sehr früh erwähnt werden.
Wenn man also einen Krimi analysiert oder einen Krimiplot entwirft, sollte man sich an die eigene Erzähllust halten, mehr als an das penible Abarbeiten der konstruierten Argumentation.

Athmosphärische Szenen

Außerdem werden Sie feststellen, dass es in einem Krimi zahlreiche Szenen geben kann, die nicht direkt mit dem Fall zu tun haben, sondern Lokalkolorit, Atmosphäre, das Umfeld des Kommissars oder der möglichen Täter schildert. In dem ersten Entwurf des Plots müssen Sie solche Szenen noch nicht einbauen. Im zweiten Entwurf des Plots ist es aber sinnvoll, hier der Geschichte mehr „Fleisch“ zu geben. Was wäre denn ein Commissario Montalbano ohne seine kleinen und großen Eskapaden, ohne seine ulkigen Gefechte mit seinen Mitarbeitern, seiner Vorliebe für das Essen und seine ewig konflikthafte Beziehung zu Livia? Es wäre nicht Commissario Montalbano! Tatsächlich sind die eigentlichen Krimiplots von Camilleri nicht so spektakulär komplex. Und sie würden mit Sicherheit nicht eine so große Leserschaft anziehen, wenn der Commissario nicht ein solch knurriger Mensch wäre und die Szenen teilweise so lustig. Dies wird jedoch nicht durch den Kriminalfall selbst erreicht, sondern durch all das Drumherum.

Übung zu Konstellationen und Szenen

Um sich mit den Argumentationsgängen und der Umsetzung in Szenen sicher zu werden, sollten Sie auf jeden Fall einige Krimis analysieren. Seien Sie dabei nicht allzu genau. Die Autoren sind es häufig auch nicht. Schludern Sie aber auch nicht herum.
Suchen Sie zuerst das Grundgerüst des Falls. Dann skizzieren Sie, wie dieses Grundgerüst in Szenen umgesetzt worden ist.

Wenn Sie sich dann sicherer fühlen, entwerfen Sie selbst einige Argumentationen und plotten diese durch. Ihre ersten Versuche werden übrigens furchtbar sein. Lassen Sie sich davon nicht aufhalten. Mit der Übung werden Ihre Plots besser.

Spuren und Indizien

Spuren

Oben hatte ich alle Sätze, die ich mit (a) markiert habe, als Spuren bezeichnet. Linguistisch gesehen ist das aber nicht immer der Fall. Wenn jemand zum Beispiel zugibt, er sei am fraglichen Abend bei dem Opfer gewesen, ist das keine Spur.

Spuren sind immer Abdrücke in der materiellen Welt, die auf ein vergangenes Geschehen hinweisen. Fußspuren im Sand weisen auf einen Spaziergänger hin, der barfuß war. Lippenstift auf einer Zigarettenkippe weist auf eine Raucherin hin.
Wir müssen hier linguistisch nicht allzu genau sein. Wichtig ist erst mal, dass wir in den mit (a) bezeichneten Sätzen Wahrnehmungen finden, die durch die mit (b) gekennzeichneten Regeln interpretiert werden können.

Indizien

Der Unterschied zwischen Spuren und Indizien ist nun, dass Spuren durch naturwissenschaftliche Regeln interpretiert werden müssen, während Indizien durch einschränkende Regeln interpretiert werden.

Wenn an einer rasierten Leiche keine Blutungen unter der Haut festgestellt werden können, handelt es sich um eine Spur, die durch eine biologische Regel interpretiert werden kann. Dagegen ist Lippenstift auf einer Kippe zwar eine Spur, insofern der Kontakt von bemalten Lippen mit einer Kippe zu einem Abdruck führt und dies naturwissenschaftlich erklärt werden kann. Sieht man aber in diesem Abdruck einen Fingerzeig auf eine Frau, dann ist dies ein Indiz: denn damit werden alle Männer ausgeschlossen und der Kreis der Verdächtigen eingeschränkt.
Ja selbst ein Mord ist schon ein vages Indiz: denn er verweist auf alle Menschen, die ein Motiv haben und schließt alle motivlosen Menschen aus.

Der Wegweiser

Prototyp des Indiz ist übrigens der Wegweiser. Wer an einer Kreuzung steht, nach Hamburg will und der Wegweiser nach Hamburg weist nach Westen, wird wohl kaum nach Osten laufen. Trotzdem ist nicht gesichert, dass man nach Hamburg kommt: Westen ist einfach eine zu ungenaue Angabe. Wenn man allerdings an jeder Kreuzung wieder einen solchen Wegweiser für Hamburg findet, kann man tatsächlich einer Spur folgen. Denn irgendjemand hat gewollt, dass Menschen den Weg nach Hamburg finden.
Ein einzelner Wegweiser schränkt lediglich die Richtung ein. Sämtliche Wegweiser lassen sich aber durch eine „geographische Regel“ interpretieren.

Die Faszination des Pathologen

Wenn in Das Schweigen der Lämmer eine Leiche gefunden wird, der ein Stück Haut fehlt, ist das ein Indiz auf die Vorliebe des Mörders. Wenn aber an einer Reihe von Leichen unterschiedliche Hautteile fehlen und diese sich zu einer Art Kostüm aus Haut zusammenpuzzeln lassen, dann ist dies fast schon eine Spur. Dass es nicht ganz genau eine Spur ist, liegt daran, dass sich mörderische Perversionen nicht auf naturwissenschaftliche Gesetze zurückführen lassen.
Dies ist zum Beispiel die Faszination bei Pathologen: diese können anhand des Zustandes einer Leiche bestimmte Schlussfolgerungen ziehen. So verweist das Auftauchen bestimmter Fliegenlarven auf einer Leiche nicht nur auf den ungefähren Zeitpunkt des Todes, sondern vielleicht auch auf den möglichen Ort, wo diese Leiche gelegen hat. All das sind oft Mischungen aus Spuren und Indizien. Die Spur besteht aus dem Eindringen der Fliegenlarven, während diese als Indiz den Zeitraum des Todes einschränken. Und mehrere Indizien zusammen können eine Unsicherheit so einschränken, dass sie eine Spur ergeben (man denke an die Wegweiser).

Logik des Indiz

Ein Indiz ließe sich argumentativ so ausdrücken:
(a1) An der Kreuzung H weist der Wegweiser für Hamburg nach Westen.
(b) Wegweiser zeigen die richtige Richtung zu einem Ort an.
(c) Also muss ich nach Westen fahren.
Das Indiz besteht hier nur aus Satz (a1).
Finde ich weitere Indizien, wie:
(a2) An der Kreuzung I weist der Wegweiser für Hamburg nach Nordwesten.
(a3) An der Kreuzung K weist der Wegweiser für Hamburg nach Westen.
dann ist dies schon eine Spur. Freilich muss ich mich dabei immer darauf verlassen können, dass meine Regel (b) gilt. Würde ich in München landen, statt in Hamburg, müsste ich meine Regel ändern.
Wenn ein Pathologe an einer Leiche ein fortgeschrittenes Stadium der Verwesung feststellt, zieht er daraus einige Indizien, die dann zu einer bestimmten Spur führen, etwa, dass die Leiche in der Nähe eines Moores sechs Monate gelegen haben muss. Finden die Ermittler nun heraus, dass der Mörder wahrscheinlich viel Ahnung von Verwesungsvorgängen hat, dann kann der Zustand der Leiche eine bewusste Täuschung sein. Aus der Spur sind wieder Indizien geworden, die durch diese neue Tatsache ganz anders interpretiert werden müssen.

Rätsel

Nicht interpretierbar

Rätsel entstehen, wenn erstens eine Wahrnehmung nicht interpretiert werden kann: dann fehlt eine Regel zur Interpretation, und zweitens, wenn eine Schlussfolgerung nicht in den Gesamtkontext passt: dann fehlen nötige Spuren und Indizien.

Klassisch sind befremdliche Spuren am Tatort. Dort befindet sich zum Beispiel ein Gummiring. Wozu dieser Gummiring aber notwendig ist, bleibt ein Rätsel.
In diesem Fall muss der Ermittler weitere Spuren und Indizien suchen und neue Regeln erfinden.

Beispiel

Zum Beispiel wird ein ertrunkener Mann von Tauchern aufgefunden, der eigentlich ein guter Schwimmer ist. An seinen Beinen findet man Bleimanschetten und in seinem Blut kann man Spuren von Äther nachweisen. Da dieser Mann aber in keiner Weise ins Meer geworfen werden konnte, steht die Polizei vor einem Rätsel. Erst als der Detektiv einen luftleeren Rettungsring findet und dies mit dem Fluss, der ins Meer fließt, kombiniert, kommt er auf die Lösung: der Mann wurde betäubt, in den Rettungsring gesetzt, so dass dieser auf’s Meer hinaustrieb. Da der Rettungsring ein kleines Loch hatte, wurde dieser immer schlaffer. Schließlich wurde der betäubte Mann durch das Gewicht nach unter gezogen, während der Rettungsring nach oben weggezogen wurde.

Ebenso klassisch ist die Schlussfolgerung, die so gar nicht möglich ist. Etwa wenn ein Mann in einem abgeschlossenen Zimmer erdolcht aufgefunden wird, er sich aber keineswegs selbst umgebracht haben kann. Oder wenn ein Mann von einem bärenstarken Kerl erschlagen worden ist, aber nur zierliche Frauen die Gelegenheit zu dem Mord gehabt haben.

Whodunnits

Rätsel bilden zentrale Komponenten von Whodunnits.
Wenn man einen Whodunnit konstruiert, muss man einfach ein paar wichtige Spuren zunächst verschweigen oder eher beiläufig einflechten, und andere Spuren als wichtig aufblähen, obwohl sie nicht wichtig sind. – Hier ist ein wenig Phantasie gefragt. Wer Vorlagen braucht, kann sich bei Detektiv Conan (dem Manga) umschauen. Diese sind teilweise allerdings dermaßen überkonstruiert, dass sie recht unglaubwürdig sind. Aber zum Studium und zum Üben sind sie trotzdem klasse.

Perspektiven

Argumentationen aufteilen

Eine ganz andere Möglichkeit, mit Argumentationen umzugehen, ist diese nach Perspektiven aufzuteilen. Während der Detektiv glaubt, dass aus (a1)-(a5) sich nach der Regel (b1) der Schluss (c1) folgern lässt, denkt der Kommissar, dass aus (a1)-(a5) nach der Regel (b2) die Schlussfolgerung (c2) zu ziehen sei.
Oder, zwei unterschiedliche Personen haben nicht nur unterschiedliche Regeln, sondern erkennen unterschiedliche Spuren und Indizien. Auf solch einer Basis sind die Sherlock Holmes-Geschichten aufgebaut: während Watson bieder im Trüben stochert, spekuliert sich Holmes in die seltsamsten Konstruktionen hinein. Wer sich mit den argumentativen Gerüsten von Holmes beschäftigt, wird ziemlich rasch erkennen, dass diese Konstruktionen teilweise wirklich größenwahnsinnig sind. Trotzdem stehen wir als Leser zunächst einmal davor und denken: Wow, wie sich das alles wieder gut zusammenfügt!

Episodieren

Verschiedene Perspektiven sind meist episodenhaft ausgestaltet. Das reicht von einem kurzen Widerspruch, der ausgehebelt wird bis hin zu mehreren Szenen, in denen zwei Ermittler konkurrierende Wege verfolgen.
In Camilleris Krimi Die Stimme der Violine wird ein beschränkter, junger Mann von dem Konkurrenten des Commissario erschossen, weil dieser irrtümlich annimmt, dass der junge Mann der Mörder ist. Diese Episode zieht sich in seinen Folgen fast durch das ganze restliche Buch, allerdings weniger als eine andere Möglichkeit, den Mord zu lösen, als als eine Gegenhandlung, die neben den eigentlichen Ermittlungen nur noch herläuft.

Schluss

Die Deduktion ist ein Element von Krimis. Sie ist in ihrer einfachen Form ein sehr bescheidenes Werkzeug. Kombiniert man mehrere Deduktionen, kann dies aber zu einem hervorragenden Ausgangspunkt für den Plot werden.

Eine einfache Deduktion besteht aus einer Wahrnehmung, einer Regel und einer Schlussfolgerung.
Verweist die Wahrnehmung auf ein vergangenes Geschehen, handelt es sich um eine Spur, die eine naturwissenschaftliche Regel braucht, um interpretiert zu werden.
Verweist die Wahrnehmung auf eine gegenwärtige Tatsache, handelt es sich um ein Indiz, die eine einschränkende Regel braucht, um interpretiert zu werden.
Führt eine Kette von Indizien zu einer notwendigen Interpretation, kann man diese als Spur betrachten.

Aus einer Argumentationsfolge kann man ein Grundgerüst an Szenen entwerfen. Ohne weitere Szenen wird die Geschichte aber meist farblos.

Schließlich ist die Konstruktion eines Krimis aus Deduktionen nicht ein sicherer Weg zu einem tollen Krimi. Erstens muss man dieses Vorgehen hinreichend oft üben, sei es, indem man Krimis analysiert, sei es, indem man Krimis entwirft; zweitens muss man sich trotzdem auf eine reichere Erzählung einlassen, mehr Szenen, auch nebensächlichere Szenen einflechten, um Menschen „aus Fleisch und Blut“ zu erschaffen.

Das sechste Opfer

In meinen Anmerkungen zu Fluch der Karibik hatte ich über die homogene Vollständigkeit geschrieben. Damit bezeichne ich eine genaue Menge von gleichen Dingen, die zusammengeführt werden müssen, um etwas zu bewirken. - Zu abstrakt?
Ein Beispiel: Um das Dämonentor zu öffnen, braucht es die sieben Steine eines Meteors. Damit gibt es einen Anlass zu einer Geschichte und wer sich mit Fantasy-Geschichten auskennt, weiß, dass dies ein häufig genutztes und übliches Mittel ist, um eine solche Geschichte zu gestalten. - Es sind also drei Ringe, sieben Raben, dreiundzwanzig Vasen, die zusammenkommen müssen, um eine magische Kraft zu bannen oder zu befreien.
In The Fog - Nebel des Grauens nutzt John Carpenter diese homogene Vollständigkeit auf eine ähnliche, doch originelle Weise. Während schon die unheimlichen Geschehnisse in vollem Gange sind, entdecken die Hauptfiguren, dass der Nebel sechs Opfer fordert. Sechs Opfer - das ist wiederum eine homogene Vollständigkeit. Nun passiert aber folgendes:
Nachdem sich der Nebel fünf Menschen geholt hat, werden zugleich zwei Menschen von den unheimlichen Wesen aus dem Nebel bedroht. Wir als Zuschauer wissen, dass einer von den beiden sterben muss, aber eben nur einer. Und schon entsteht eine Alternative, die uns mitfiebern lässt. Wird es die Radiomoderatorin im Leuchtturm sein oder wird es der Pfarrer sein, dessen Großvater den Fluch über die Stadt gebracht hat?
Ganz in diesem Sinne wird aber auch der abgelegene Ort genutzt: zwölf Menschen stranden an einem einsamen Ort, einer Insel, einem entlegenen Haus, einem Lagerplatz in einem Wald. Dort treiben verrückte Mörder, auferstandene Tote oder eine böse Kraft ihr Unwesen. Nach und nach werden die Teilnehmer dezimiert. Wir wissen, dass es höchstens zwölf sein können. Und die ganze Frage lautet dann: wer wird entkommen? - Dieses Prinzip wird bei Agatha Christies Zehn kleine Negerlein angewendet, oder auch bei Day of the Dead. In Jurassic Parc II gibt es zahlreiche Menschen, deren Anzahl wir nicht kennen. Hier kristallisiert sich rasch eine Kerngruppe heraus, die dann wieder eine begrenzte Anzahl besitzt (und natürlich, typisch für Abenteuergeschichten, fast vollständig überlebt: siehe auch Herr der Ringe, wo von den neun Gefährten nur Boromir stirbt).
Die begrenzte Anzahl an Opfern ermöglicht also das Ausspielen einer Alternative in einer Geschichte. Diese Alternative läuft parallel und wird durch den Wechsel von Perspektiven - vom einen möglichen Opfer zum anderen möglichen Opfer - in Spannung umgesetzt.
Oder die begrenzte Anzahl an Opfern wird nur dadurch motiviert, dass es nur soundsoviele Menschen gibt. Und hier ist die zentrale Frage, wer von ihnen überleben wird.
Bei Krimis wird dies zum Beispiel genutzt, wenn es mehrere Erben gibt, die nacheinander umgebracht werden. Hier haben wir eine begrenzte, homogene Anzahl, die der Erben. Oder in historischen Romanen, wenn eine bestimmte Gruppe ausgerottet werden soll - sagen wir mal: alle Mönche des Lufttempels. Es gibt vielleicht siebenhundert solcher Mönche oder auch nur dreißig. Jedenfalls ist die Zahl festgelegt. - Es können auch sieben Opfer sein, für die sieben Todsünden, oder es sind dreizehn Opfer, weil der Mörder damit dreizehn Hinweise zu einem Rätsel verbindet (bei dem der Detektiv natürlich vorher schon herausfindet, wer das letzte Opfer sein wird und dadurch die große Konfrontation mit dem Mörder motiviert wird). Oder es sind neun Schädel, die irgendeine mystische Bedeutung für den Mörder haben.
Vor allem wollte ich hier auf die Alternative hinweisen, wenn es aufgrund der begrenzten Zahl und der homogenen Vollständigkeit zu einer Entscheidung kommt. Ich kenne außer The Fog - Nebel des Grauens keine andere solche Geschichte, bzw. mir fällt gerade keine solche ein. Vielleicht weiß der eine oder andere Leser noch ein gutes Beispiel.

16.11.2008

Cedric

Cedric erfreut mich immer wieder. Ich hatte heute mit ihm eine hochspannende Diskussion über die Formalisierung in der Mathematik. Er hat sehr schlicht festgestellt, dass die Zuordnung von 3+4 zu 7 rein willkürlich sei und das Rechnen zwar logisch sein soll, sich aber auf Willkürlichkeiten stützt. Wir sind dann auf die Funktion von Symbolen gekommen. Tatsächlich sind Ziffern wie "3", "7" oder "18" nicht nur willkürlich, sondern über die Symbolisierung hinaus nehmen sie an einer geordneten Symbolisierung teil, die sich in der Regelhaftigkeit der geschriebenen Zahl niederschlägt. Anders als in der Alltagssprache kann man im Zahlensystem die Zahl "317" als Nachfolger von "316" bestimmen, dank einer Symbolisierungsregel. Ebenso kann man "Mauscheln" als Vorgänger von "Mäuschen" bestimmen, wenn man die alphabetische Geordnetheit des Rechtschreibdudens nutzt.
Cedrics Neugier, aber auch seine Fähigkeit, kritisch zu argumentieren, fordern mich immer wieder heraus, begründet, aber auch altersgerecht zu argumentieren. Das ist sehr anregend. Ich liebe es.

Arbeit

Leider leidet durch meine Arbeit mein Blog. Wenn ich denn dann mal Zeit habe, bin ich oft zu müde, um mich noch an das Ausformulieren von Texten zu setzen. - Meine Erzählungen liegen brach, meine kleinen Untersuchungen schleppen sich mühsam voran. Alles ist halb fertig und meist sogar weniger.
Trotzdem: es ist nur eine Frage der Zeit, dass ich mich wieder mehr meinen Freizeitbeschäftigungen widmen kann. Und vielleicht mal wieder das eine oder andere Buch, den einen oder anderen Begriff von vorne nach hinten durchbuchstabiere.

Verlust des Argumentierens

Ich lese, immer noch, Argument und Argumentation von Klaus Bayer, ein ganz hervorragendes Buch. Argumentationslehren werden häufig rein formal gelehrt. Dadurch erstarren Argumentationsformen zu Formeln ohne sozialen Halt, zur reinen Mechanik.
Bayer dagegen knüpft Beziehungen in die Gesellschaft hinein: er wagt die soziale Funktion von Argumenten zu explizieren und stößt damit tiefer in den Bereich sozialer Erkenntnis und moralischer Funktionalität vor, als ich es bisher kannte.

Verlust des Argumentierens

Bayer beklagt den Verlust des Argumentierens in der modernen Gesellschaft. Zwar anerkennt er, dass das strenge Abwägen und Aufbauen von Argumenten immer ein Refugium der gebildeten Schicht war, aber mit der Demokratisierung gerade nicht ein Gewinn an strenger Argumentation erfolgt ist, sondern ein fortschreitender Niedergang.
Dabei ist es nicht die Demokratie selbst, die dafür verantwortlich ist, sondern spezifische Phänomene, die sich im Gefolge der Massenmedien und der Lebensumstände entwickelt haben.

Bildhaftigkeit

Zum einen ist dies die Bildhaftigkeit moderner Lebensbezüge. Diese kann durch oktroyierte oder gewählte Brüche zwischen Bildern zu so massiven Unschärfen führen, dass Argumentationen blockiert werden. Der Schnitt zwischen Bildern, zum Beispiel beim Einschieben von Werbeblöcken, ist willkürlich, und die Grammatik der Bilder ist dermaßen "weich", dass es keine Vorbilder für scharfe Argumente und zusammenhängende Argumentationen mehr gibt.
Zwar gibt es auch im Bereich des Bildes Grammatiken, aber diese sind unscharf, stützen sich bereits auf gute Fähigkeiten zu argumentieren, und zudem ein hochkomplexes Wissen. Zudem sind formalisiertere Bilder, wie man sie im Mittelalter und der Renaissance findet, längst passé. Das moderne Bild gehorcht nicht mehr einem Kanon an Wertvorstellungen, sondern wirkt oft auf der emotionalen Ebene, ohne eine reflektierende Einordnung zu wollen.

Emanzipation

Zum zweiten ist die Emanzipation immer auch ein Einüben in die Argumentation gewesen. Mit dem Verlust von Wertgemeinschaften ist auch das Spielfeld für Argumente dünn geworden. Rasche Wunscherfüllung und die Übersättigung der Kinder mit Konsumartikeln verlangt eben nicht, dass die Kinder sich durch Argumente mit ihren Eltern verständigen, sondern nur noch, dass sie den appellativen und manipulativen Charakter der Sprache benutzen.
Vielleicht muss man heute weniger von einem Verlust der Werte sprechen (das auch), als von einem Verlust der Argumentationstiefe. Das sprachliche Aushandeln kommt rasch an seine Grenzen, Grenzen, jenseits deren die Handlungen liegen; Handlungen, die dann auch aggressiv und rücksichtslos ausfallen können.
Bayer zitiert den Pädagogen Giesecke:
Wenn die Emanzipation (...) kaum noch Anstrengung kostet, sondern in den Schoß fällt, ist sie historisch und biographisch erledigt.
Der Verlust an Werten und Regeln ist der Verlust an Anstrengung, diese argumentativ auszuhandeln, ist der Verlust an Fähigkeit zur Emanzipation. Und so ist die Emanzipation, die Werte und Regeln (oft ja zurecht) überwunden hat, an den Punkt gekommen, dass sie sich selbst vernichtet. Die Kinder der Emanzipation sind unemanzipierte Kinder.
Man muss soziale Grenzen und Werte nicht nur normativ verstehen, sondern auch performativ: sie dienen nicht nur der sozialen Ordnung, sondern fördern und fordern das soziale (Selbst-)Bewusstsein.

Isolation, Trivialisierung, Verschlagwortung

Im politischen Bereich hat die fehlende Fähigkeit zur Argumentation zur Folge, dass komplexe Zusammenhänge nicht mehr nachvollzogen werden können und die Politik freiwillig oder gezwungen verschlagwortet wird. Die Sachverhalte werden mehr und mehr trivialisiert. Wie in der konsumorientierten Erziehung die Sprache stark appellativ gebraucht wird, so wird die politische Haltung konsumierend. Man argumentiert nicht; man fordert. Einem demokratischen Bewusstsein ist eine solche Haltung nicht dienlich.
Zudem werden Diskussionen stark durch Unberührbarkeiten gebremst. Das zeigen die doch regelmäßig aufbrandenden Streite über Auschwitz. Konnte Derrida diesen Kontext als Theater der Entschuldigungen bezeichnen, so ist in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung dazu kaum möglich. Wenn man wie Martin Walser über Auschwitz "meta-"kommuniziert, darf dies nicht als Objektsprache gehandelt werden. Denn schließlich ist das Auschwitz, über das heute oft geredet wird, tatsächlich ein Konstrukt, das der Realität "Auschwitz" nicht gerecht wird und nicht gerecht werden kann. In dem Satz, das Auschwitz nicht existiere, ist zumindest auf der Ebene der Metakommunikation ein Teil Wahrheit, insofern das besprochene Auschwitz nicht das historische ist, und insofern das bedachte Leiden der Juden sich so fiktiv gegenüber den realen Grausamkeiten und Schmerzen verhält, dass hier eine scharfe Trennung notwendig ist. Wer bei einer Diskussion wie der über Auschwitz nicht zwischen Objekt- und Metasprache unterscheidet, verzichtet auf ein starkes Instrument gesellschaftlicher Kritik.
Noch mehr warnen sollten solche politischen Kritiken wie: man müsse "Beifall von der falschen Seite" vermeiden, oder dürfe nicht "das eigene Lager schwächen". Denn dahinter steckt doch nur Machterhalt und das Trimmen auf Gleichschritt.
Ich hatte mich ja zu Eva Hermann explizit geäußert. Man könnte meine harsche Kritik nun als Schlag in die nämliche Kerbe halten, die ich eben kritisiert habe. Wenn Hermann den Autobahnbau und das Mutterbild im 3. Reich als gut betrachtet, dann sind dies natürlich zunächst erlaubte Schlüsse. Aber Schlüsse stehen ja nicht für sich alleine da, sondern müssen in einen weiteren Zusammenhang gestellt werden. Schlüsse, Argumente, Beweisführungen sind Werkzeuge, nicht Endgültigkeiten. Hermann, so meine Kritik, hat hier Argumentationen zu zerreißen versucht, die einem gebildeten Menschen eingängig sein sollten. Damit möchte ich nicht die teilweise recht dämliche Kritik von der Gegenseite verteidigen. Die unbedachte Isolation von Phänomenen kann nicht durch moraltriefende Schlagwörter wettgemacht werden.
Bayer schreibt dazu:
Verschiedenste 'politisch korrekte' Sprachregelungen schreiben politische Perspektiven vielfach von vorneherein fest und stempeln Abweichler zu Außenseitern. Das führt dazu, dass die politische Diskussion selbst in privaten Gesprächen durch Einseitigkeit, Leisetreterei und ängstlichen Konformismus bestimmt wird. Es ist zwar bedauerlich und gefährlich, aber durchaus verständlich, dass in einer solchen Atmosphäre rechte und linke Radikale Erfolge verbuchen, weil sie - wenn auch mit verschärfter Einseitigkeit - Argumente formulieren, die anderswo gar nicht erst ausgesprochen werden dürfen. (AA 58)

Wissenschaftliche Grabenkämpfe

Auch für die Wissenschaft, vor allem für die Sozialwissenschaften, konstatiert Bayer ein Absterben der Argumentation. Es zähle häufig nur noch "blanke Macht". Damit einher geht, dass nur noch selten zwischen deskriptiven und normativen Aussagen unterschieden wird und normativ-politische Prämissen verschleiert werden.
Ich erinnere mich nur allzugerne daran, dass meine Professorin für Verhaltensgestörtenpädagogik Niklas Luhmann als "total frauenfeindlich" bezeichnete, und dies damit begründete, dass diese Frauenfeindlichkeit "sehr subtil" sei.
Und ein Lehrer in einer Schule begründete seine Wertung, der Schüler sei sehr verhaltensgestört, damit, dass ich dies doch sehen müsse.
Man hat mir zum Beispiel auch vorgeworfen, ich sei Psychoanalytiker, weil ich Freud lesen würde. Als ob Freud durch Lesen direkt ins Gehirn schlagen würde. Tatsächlich bewundere ich immer noch die vorsichtige und abschätzende Art, mit der Freud schreibt, seine hervorragende Fähigkeit zu argumentieren (auch wenn gerade hier dann wieder die Gefahr ist, dass Freuds sprachlich-stilistische Qualitäten über die Probleme seiner Theorie hinwegtäuschen).
Die Wissenschaft gerät mehr und mehr zu einem Grabenkampf, der die Weltbilder anderer Menschen nicht geduldig aufdröselt, sondern sich hinter ideologischen Identitäten verschanzt:
... die politischen, methodologischen und inhaltlichen Gegensätze werden häufig nicht diskutiert, sondern in einem mehr oder weniger feindseligen Nebeneinander verdeckt und verschleppt. Wer in einem solchen Institut studiert, wird schwerlich Vertrauen in die klärende Kraft der Argumentation und in den Nutzen von Argumentationsanalysen entwickeln. (AA 59)

Information und Selektion

Wundervoll finde ich auch die Kritik an dem Begriff der "Informationsgesellschaft":
Wer vollmundig über eine heraufziehende 'Informationsgesellschaft' redet, sollte berücksichtigen, dass das eigentliche Problem meist nicht die Beschaffung, sondern die Verarbeitung und Selektion der Information ist. Brauchbare Weltbilder sind eben nicht unordentliche, überfüllte Informationsspeicher, sondern hochstrukturierte, ökonomisch arbeitende Systeme, die wir uns erarbeiten müssen, indem wir durch Abstrahieren, Schließen und Argumentieren die jeweils uninteressanten Informationen aussondern. (AA 61)

Schluss

Vielleicht macht all dies verständlich, warum ich mich in Bayers Buch sofort verguckt habe. Neben einer recht strengen Argumentation wird eine kritische, breite, offene Praxis vertreten. Ich empfehle also dieses Buch all jenen, die eine deutlichere Grenze zwischen dem Wischiwaschi massenmedialer Anbiederung und der Arbeit an einem ausdifferenzierten und hinreichend begründeten Weltbild ziehen wollen.
AA = Bayer, Klaus: Argument und Argumentation, Göttingen 2007.

Wozu Grammatikunterricht?

Cedric schreibt am Montag eine Grammatikarbeit. Und wieder einmal merke ich, wie wenig den Schülern der Sinn des Grammatikunterrichts vermittelt wird.
Grammatik ist ja kein Selbstzweck. Bei allen sprachlichen Phänomenen, die auch unter anderer Form auftauchen können, muss man sich fragen, warum das Phänomen zwar universell ist, die Form aber unterschiedlich. So ist es auch mit der Grammatik. Jede Sprache muss eine Grammatik haben. Aber von Sprache zu Sprache ist Grammatik unterschiedlich. Es hat also den Anschein, dass Grammatik einen wesentlichen Vorteil für eine Sprache oder eine Gemeinschaft von Sprechern bringt, aber dass die Form nicht notwendig in dieser Gestalt auftauchen muss (was dann nur noch mit historischen Entwicklungen und einer gewissen Zufälligkeit erklärt werden kann).
Was aber leistet Grammatik?

Normative und deskriptive Grammatik

Zunächst muss man von dem Argument Abstand nehmen, dass man ordentlich sprechen können müsse. Denn ›ordentlich‹ ist ein meist rein normativer Begriff, wenn er in einer Diskussion auftaucht. Nichtsdestotrotz muss man aber konstatieren, dass eine gewisse Wahrheit trotzdem in diesem Zusammenhang steckt: Grammatik ordnet.
Zum zweiten muss man – im Gefolge des ersten Punktes – davon Abstand nehmen, dass eine falsche Grammatik gar keine Grammatik sei. Ist Grammatik eine Geordnetheit, dann gibt es auch private Ordnungen, die vielleicht mit der offiziellen Grammatik nicht übereinstimmen, trotzdem aber unerkannt regelhaft sind.
Drittens kann man in alltäglicher Sprache oft feststellen, dass grammatische Regeln nur rudimentär oder auch falsch angewendet werden, selbst wenn die schriftsprachliche Kompetenz des Betreffenden hervorragend ist.
Man muss also zwischen einem normativen und einem deskriptiven Grammatikbegriff unterscheiden. Der deskriptive Grammatikbegriff umfasst alle Phänomene einer sprachlichen Geordnetheit. Dagegen ist der normative Grammatikbegriff auf eine Didaktik einer Grammatik bezogen, wie sie in einem Kulturkreis sinnvoll ist.

Problemorientierung der beiden Grammatikbegriffe

Die Kluft zwischen den beiden Grammatikbegriffen muss in gewisser Weise geschlossen werden. Denn der erste Grammatikbegriff, der deskriptive, zielt auf folgende Fragestellungen: erstens, wie die Ordnungen in der Sprache sich auf die jeweilige Weltkonstruktion eines Menschen beziehen und wie sich geordnete Sprache und geordnete Welt gegenseitig beeinflussen; zweitens, wie sich die wie auch immer privat geordnete Sprache beobachten lässt.
Der zweite, normative Grammatikbegriff muss dagegen durch ethische Folgerungen gestützt werden: warum nämlich eine von vielen Menschen geteilte Grammatik für das Zusammenleben eines einzelnen Menschen mit anderen Menschen wichtig und richtig ist. – Hier auf den rein normativen Zusammenhang zu beharren, und dies womöglich in die Semantik der Elite hineinspielen zu lassen, kürzt die ethische Diskussion auf eine reine Macht- und Drohgebärde ab.

Konstellieren

Unsere erste Antwort lautet: Grammatik regelt die Struktur der Wörter zueinander. Sie schränkt zwar die Möglichkeit einzelner Wörter situativ ein, ermöglicht aber überhaupt erst Konstellationen in der Sprache.
Ich kann Peter nicht sprachlich im See schwimmen gehen lassen, wenn ich »Peter«, »See« und »schwimmen« nicht in einen guten Zusammenhang bringe. Damit dies funktioniert, muss ich sprachlich markieren, dass es Peter ist, der schwimmt, und dass dieses Schwimmen an einem Ort, einem See statt findet.
Dies ist nicht rein durch die Wörter möglich, auch wenn wir als kompetente Sprecher erahnen, was »Peter See schwimmen« bedeuten soll, wenn jemand so etwas zu uns sagt. Um dies aber deutlich zu sagen, braucht man eine gemeinsame Grammatik, die zeigt, wer schwimmt, und die sprachlich den Ort markiert, wo geschwommen wird.
Die Grammatik beinhaltet also eine gewisse Logik der Konstellation. Unter Logik darf man hier aber keinesfalls verstehen, dass diese die Welt besonders gut abbildet, sondern nur, dass sie regelhaft ist und einen pragmatischen Wert besitzt: diese Grammato-Logik erweist sich in zahlreichen Fällen als nützlich, zeit- und energiesparend.

Vorstellungsanweisungen

Unsere zweite Antwort lautet: Mit einer Grammatik lassen sich viel genauer Anweisungen zum Vorstellen ausdrücken. Zwar kann ich, wenn ich »Hund« sage, mich darauf verlassen, dass mein Zuhörer sich etwas Hundeähnliches vorstellt, aber wenn er sich einen Dackel und ich mir eine Dogge vorstelle, besteht eine dementsprechend große Diskrepanz. Dagegen ist eine Aussage wie »Dein Buch liegt auf dem Tisch in der Küche.« hinreichend präzise, um einen vorstellbaren Sachverhalt zu bezeichnen.
Wir finden in einem grammatisch korrekten Satz nämlich zunächst nicht die Erfüllung von Normen vor, sondern konventionelle Regeln des Vorstellens und Imaginierens. Damit diese Regeln erlernt werden, ist das Einüben einer „korrekten“ Grammatik notwendig. Aber eine solche korrekte Grammatik ist eben kein Selbstzweck. Auch wenn ich viele Lehrer kenne, die genau auf diesem Standpunkt beharren.

Fraglose Verständigung

Grammatik ist also kein quälender Sachverhalt, sondern ein Konstruktionswerkzeug für konventionelle Vorstellungen.
Solche konventionellen Vorstellungen sind übrigens nicht konservativ, sondern mit zugehörig zum Fundament einer Gemeinschaft. Sie dienen einer fraglosen Verständigung. Man kann dies kritisch sehen und sollte das auch. Fraglosigkeit ist Fraglosigkeit, nicht Wahrheit und auch nicht unbedingt ethisch richtig. Andererseits hat eine fraglose Verständigung immer ein hohes Tempo und damit oft einen situativen Vorteil gerade dann, wenn man rasch handeln muss (rasch ist relativ gesehen: man kann wochenlang über eine Lohnsteigerung von 3% diskutieren, aber die Arbeit muss währenddessen trotzdem getan werden).

Kontrollierbarkeit der Bedeutungswelt

Zudem kann man sagen, dass sich die Grammatik wesentlich einfacher kontrollieren lässt als die Vorstellungen. Grammatik reguliert die Vorstellungen, sei es, dass die Vorstellungen in eine bestimmte Richtung getrieben werden, sei es, dass Grammatik und Vorstellung sich dissonant zueinander verhalten und dadurch zu einer Präzisierung gezwungen werden.
Größere Weltzusammenhänge sind ohne Grammatik nicht möglich. Um sich eine komplexe Welt vorzustellen, muss man deren Elemente in ein genügend strukturiertes, aber auch genügend offenes Milieu bringen. Ein solches Milieu bietet sich mit einer grammatisch durchgeformten Sprache an.

Formalisierte Sprachen

Hilfreich bei der Grammatik sind Sprachen, die noch formalisierter sind, etwa die Mathematik. Mathematische Formeln reagieren scharf auswählend auf weltliche Sachverhalte. Aber gerade durch diese scharfe Auswahl ermöglichen sie bestimmte Gedankengänge und Konstellationen, die ohne die Formalisierung nur schwer ausdrückbar sind.
Ebenso sind die Strukturbäume von Chomsky keine Alltagsgrammatik und auch nicht – selbst wenn dies gewisse Menschen (manche Lehrer) behaupten – korrekte Grammatik. Chomsky hat diese Formalisierung erfunden, um eine Art dissonantes Modell zur Alltagsgrammatik zu schaffen. Letzten Endes wollte Chomsky wissen, wie in Sätzen Bedeutung entsteht, hatte also als Ziel eine Semantik. Die Grammatik war ihm dabei allerdings so sehr notwendiges Hilfsmittel, dass sein eigentliches Forschungsinteresse dahinter verschwand. Man findet zwar in den Strukturbäumen eine Grammatik, genauer gesagt, die Chomsky’sche Grammatik, aber eben nicht als Theorie, sondern als eine Praxis des Ordnens von Sätzen. Den idealen Sprecher, der in dieser Weise Grammatik betreibt, gibt es nicht. Er ist genauso Konstruktion wie die Strukturbäume.

Dysgrammatismus

Weiters muss man die Dysgrammatismusforschung ein wenig zurecht rücken. Das Wort Dysgrammatismus bezieht sich auf eine Störung der normativen Grammatik, nicht aber auf eine Störung der deskriptiven Grammatik. Auch Menschen mit Dysgrammatismus besitzen eine Grammatik. Nur kann diese Grammatik nicht eine Korrektheit vortäuschen. Sicherlich ist es eine Aufgabe der Pädagogik, hier normativ vorzugehen und die offiziellen Regeln einzuüben. Aber die andere Aufgabe der Pädagogik ist es, und zwar dann, wenn es sich um eine pädagogische Diagnostik handelt, die jeweiligen privaten Regeln eines Dysgrammatikers zu rekonstruieren und diese für das pädagogische Handeln verwertbar zu machen.
Häufig werden spezifische Lernbehinderungen oder Entwicklungsverzögerungen für den Dysgrammatismus verantwortlich gemacht. So gelten die Retardierung in der kognitiven Verarbeitung oder der verzögerte Regelerwerb als Ursachen für Dysgrammatismus. Auch Störungen in der Wahrnehmung zeitlicher Abfolgen gelten als Ursache.
Wir stoßen aber hier überall auf das gleiche Problem: Die kognitive Verarbeitung kann nur dann retardiert sein, wenn es eine Norm gibt, von der aus sich diese Retardierung feststellen lässt. Das nämliche gilt für den Regelerwerb und die zeitlichen Abfolgen. Werden Sätze in einer anderen Abfolge als der korrekten Grammatik gebildet, dann liegt zunächst eine implizite Betonung durch eine Auswahl vor. »Ich Bub bin.« kann durchaus erstmal als eine Markierung entlang einer bestimmten Wichtigkeit angesehen werden; statt hier auf ein pathologisches Phänomen wie eine Entwicklungsverzögerung zurückzugreifen, gälte es zunächst, die Funktionalität dieses Ausdrucks festzustellen, vom Individuum aus und von einer individuellen Geordnetheit aus.
Hier dürfte mithin ein Skandal sein, dass die individuelle Geordnetheit einer wie auch immer unangepassten Grammatik die Einstufung als behindert erschwert. Man muss aber eine Behinderung als einen doppelten Begriff ansehen. Zum einen ist er der Pathologie zuzurechnen, die hier, mit welchem Recht auch immer, sich selbst ordnet: Pathologien beruhen ja häufig auf konstruierten Skalen. Zum anderen ist der Begriff der Behinderung institutionell, als darüber Selektionen in der Schullaufbahn und der Ressourcenzuteilung getroffen werden. Beide Begriffe verschränken sich in der Praxis, müssen sich aber nicht notwendig auf diese Art und Weise verschränken, wie dies heute geschieht.
Die normativ-institutionellen Verschränkungen muss man deshalb nicht ablehnen. Aber sie täuschen oft allzu leicht darüber hinweg, dass eine individuelle Ordnung einen gewissen Respekt verdient, dass ihre Rekonstruktion das Verständnis für individuelle Sichtweisen fördert, und dass man die Grammatikförderung nicht hopplahopp aus einem pathologischen Geschehen ableiten darf, sondern aus einem ethischen Verständnis: man muss einem Kind mit Dysgrammatismus zumuten, sich möglichst dicht an die normative Grammatik anzunähern, um an deren funktionalen Vorzügen teilnehmen zu können: Tempogewinn, fragloses Verstehen, Präzisierung der Vorstellungsvorschriften, Teilnahme an einer gemeinsam strukturierten Welt.

Begründung des Grammatikunterrichts

Grammatikunterricht also ist notwendig. Eine normierte Grammatik ist für eine Sprachgemeinschaft notwendig. Nur die Argumentationsgänge behagen mir nicht. Nicht nur muss überhaupt diskutiert werden – und die Gespräche mit meinem Sohn zeigen mir dies überdeutlich -, es muss auch differenzierter diskutiert werden, als man dies in zahlreichen Aufsätzen und Büchern findet. (Aber natürlich gibt es hervorragende Bücher, ohne Zweifel, und natürlich ist Wissenschaft ein Prozess, der immer nur ausgewählte Zwischenstufen erreicht.)

11.11.2008

Langeweile (Zum Diskurs der Jugendkriminalität)

Der Diskurs der Jugendkriminalität wird durch eine Reihe seltsamer Oppositionen getragen, die einerseits in einem Kontrast stehen, andererseits aber eine befremdliche, schwer zu fassende Komplizenschaft aufweisen; so das Beieinander von Langeweile und Gewalt, von Sprachlosigkeit und fehlendem Mitgefühl, von Information und Desinformation, von Handlungsdruck und Ohnmacht.
Ich möchte an dieser Stelle trotz der dringlichen Probleme für eine Entschleunigung plädieren und sich auf das kulturelle Gedächtnis und die Umwege des Erinnerns einzulassen. Denn es scheint mir, dass der Verlust der Kultur nicht nur die gefährdeten und gefährdenden Jugendlichen bedroht, sondern den Diskurs insgesamt. Dies möchte ich an einem Beispiel darstellen und so den Gedanken plausibel machen, dass die Effekte des Diskurses immer auch Defekte des Diskurses sind.

Langeweile

„Sie schlagen oft aus purer Langeweile.“ (hier)

1. Nietzsche

Nietzsche hat, neben vielem anderen, eine Typologie der Langeweile aufgestellt. Die Langeweile ist das Zeichen des wahren Gelehrten (I, 397), während der gewöhnliche Denker sie flieht und die Zerstreuung suche. Kurz darauf schreibt Nietzsche, dass der große Denker unter den Bedingungen der Freiheit entstehe: „…frühzeitige Menschenkenntnis, keine gelehrte Erziehung, keine patriotische Einklemmung, kein Zwang zum Brot-Erwerben, keine Beziehung zum Staate …“ (I, 411f). Diese Freiheit sei zugleich eine „schwere Schuld“, und dem „gewöhnlichen Erdensohn“ nicht zuzumuten. „Er ginge ja sofort an seiner Freiheit und seiner Einsamkeit zu Grunde und würde zum Narren, zum boshaften Narren aus Langeweile.“ (I, 412f)
Drei Formen der Langeweile sind es also, die Nietzsche unterscheidet:
1. Die Langeweile, in der der echte Philosoph seine Muße findet, seine Pflicht zu einzigartigen Taten und Werken (bei Nietzsche ist dieser Typus der Langeweile oft mit der Figur des heiligen Sünders verbunden, und geht in alle möglichen Figuren des religiösen Kampfes über, siehe II, 142f);
2. die Langeweile, die der gewöhnliche Gelehrte flieht und in der Zerstreuung zu entgehen sucht (tatsächlich ist die Langeweile an einigen Stellen eng mit einer psychischen Ambivalenz zusammengedacht):
„Im Verlaufe der höheren Bildung wird dem Menschen Alles interessant, er weiß die belehrende Seite einer Sache rasch zu finden und den Punkt anzugeben, wo eine Lücke seines Denkens mit ihr ausgefüllt oder ein Gedanke durch sie bestätigt werden kann. Dabei verschwindet immer mehr die Langeweile, dabei auch die übermäßige Erregbarkeit des Gemütes.“ s. II, 211);
3. die Langeweile, die daraus resultiert, die Freiheit nicht ertragen zu können und darüber zum boshaften Narren zu werden.
Dazu drei Anmerkungen:
1. Die „gute“ Langeweile geht mit einem Schwebezustand zwischen der formlosen Wahrnehmung und dem Bedürfnis, darin wieder eine Form zu schaffen, einher (dies ist unter anderem Thema der 3. und 4. Unzeitgemäßen Betrachtung). Feind dieses Schwebezustandes ist die überreizte Buntheit des modernen Menschen (I, 456f). – Benjamin schreibt ähnlich, wenn er konstatiert:
„Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet.“ (B, 446)
2. Wird die Langeweile nicht ausgehalten, ist eine ihrer Methoden die Wendung gegen sich selbst (wenn man es psychoanalytisch ausdrücken will), hier also der Sadomasochismus des sich oder andere geißelnden Sünders auf der einen Seite (II, 142f) und des Asketen, der sich sinnlosen Ritualen unterordnet (II, 133).
Erinnern wir uns, dass diese Form der Langeweile die des gewöhnlichen Gelehrten ist und dass man diese drei Typen heute in der Diskussion über die Jugendkriminalität tendenziell wiederfindet: denjenigen, der sich als (Teil der) Gesellschaft die Schuld gibt; denjenigen, der dies gegen andere als (Teil der) Gesellschaft tut; und denjenigen, der sich in Ritualen des Beklagens, des Analysierens oder des Aktionismus ergeht.
3. Die Langeweile wird zur übermäßigen Erregbarkeit (=Aktionismus und Gewalt) nicht als Kontrast, sondern als Gegenpol beschrieben, zwischen denen das Hin- und Herpendeln das einigende Band stellt.
Dagegen ist der kultivierte Mensch jener, der zwischen der belehrenden Seite einer Sache und seinem erkennenden Trieb vermittelt.

Ohne hier auf eine nähere Diskussion eingehen zu wollen, stelle ich folgende These in den Raum: gegen die Langeweile, die zur übermäßigen Erregbarkeit hin- und zurückpendelt, stellt Nietzsche eine zweite Pendelbewegung dar: die zwischen der Lust an der Unsicherheit und der Lust am Erkennen.

2. Benjamin

Benjamins schwieriges Werk möchte ich eher unter dem Aspekt der Anspielung nennen, als ihm eine wie auch immer begrenzte Analyse zukommen zu lassen.
Unter all den Begriffen, die Benjamin zu seinen Leitbegriffen gemacht hat, den der Übersetzung, der Aura, des Eros oder des Sammlers, findet sich auch der Begriff der Erfahrung (E, 230ff).
Die Annäherung an den Begriff der Langeweile kann man eng mit dem Begriff der Erfahrungslosigkeit verbinden, wie ihn Benjamin für die Menschen aus dem 1. Weltkrieg beschreibt:
„Konnte man damals nicht die Feststellung machen: die Leute kamen verstummt aus dem Felde? Nicht reicher, ärmer an mitteilbarer Erfahrung.“ (B, 214)
Mitteilbare Erfahrung, das ist die Erzählung, die Anekdote, das Sprichwort. Und dass die Menschen all dies nicht mehr wissen, dass sie nichts mehr mitzuteilen haben, liegt nicht daran, dass sie keine Erfahrungen gemacht hätten, sondern dass nie Erfahrungen
„gründlicher Lügen gestraft worden [sind] als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch den Hunger und die sittlichen durch die Machthaber.“ (B, 214)
Die Erfahrung wird durch die Erzählung zu einem nomadischen Band zwischen den Lauschenden. Sie ist nichts Enormes, nichts Heldenhaftes. Doch gerade darin scheint für Benjamin ihr Glanz zu liegen. Indem sie von Mund zu Ohr geht, spinnt sie ein Netz aus der Gabe zu Lauschen und der Gabe zu Erzählen (B, 446f).
Man kann hier, neben die Erfahrungslosigkeit, die Sprachlosigkeit, aber auch die Gehörlosigkeit stellen. Mit der Gehörlosigkeit, oder die Unfähigkeit zu Lauschen, klingt dann ein drittes Thema des Diskurses über Jugendkriminalität an: das fehlende Mitleid.

Bleiben wir also bei der Frage, was für uns in dieser Gesellschaft noch Erfahrung ist, was erzählbare Erfahrung ist. Auch hier werden wir bei der Frage stehen bleiben müssen. Aber es ist leicht nachzuvollziehen, dass sie nicht nur die Kinder derjenigen Eltern berührt, die aus einem fremden Land stammen und ihre alten Erfahrungen nicht sinnlich und vorbildlich vorleben können. Schon die rasante Veränderung der Gesellschaft, die Computer, die Handys, die Globalisierung, wirken sich auf die Nützlichkeit der Erfahrung aus.
Es ist, wie Benjamin konstatiert,
„[e]ine ganz neue Armut […] mit dieser ungeheuren Entfaltung der Technik über die Menschen gekommen.“ (B, 214)

3. Das Psychoanalytische

Es gibt nicht die Psychoanalyse. Deshalb werde ich hier, im Dunstkreis oder aus ihrer Mitte, einige Ideen versammeln, die an die Langeweile anspielen.

a. Die klebrige Identifikation

„Die Reduktion der Lektüre auf einen Konsum ist natürlich verantwortlich für die »Langeweile«, die viele vor dem modernen (»unlesbaren«) Text, dem avantgardistischen Film oder Bild empfinden: Sich langweilen heißt, dass man den Text nicht hervorbringen, nicht auf ihm spielen, ihn nicht zerlegen, ihn nicht loswerden kann.“ (RS, 71)
Man kann in Barthes Kritiken immer wieder den nämlichen Tenor hören: die Verpflichtung auf den Konsum macht handlungsunfähig. Unter dem Konsum aber schwingt auch der Kanon mit, die Kanonisierung der Kultur. Dies ist ein gleichbedeutendes Ereignis durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch. Es gibt Idole, aber keine Idolatrie.
Man höre auch den anderen Tenor in dem Zitat. Einen Text zu lesen, ein Kulturgut zu „lesen“, heißt, es zu zerlegen, zu zerstören, loszuwerden. Das ist eine große Aufgabe für die Erziehung: nicht die Kulturgüter einzuführen, um sie auf einen Sockel zu stellen, sondern um sie hinter sich zu lassen.
Die Identifikation ist, laut Freud,
„… eine Angleichung eines Ichs an ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in bestimmten Hinsichten so benimmt wie das andere, es nachahmt, gewissermaßen in sich aufnimmt.“ (NV, 69)
Gleich darauf verknüpft Freud die Identifizierung mit einer kannibalistischen Tendenz. Der Kannibale konsumiert den Körper des Feindes, verdaut ihn und scheidet ihn aus.
Hier scheint die Ambivalenz jedes Idols auf: man ist zur Identifizierung verpflichtet oder gedrängt, aber man kann es nicht selbst werden. Zum Teil verhindern gesellschaftliche Schranken den Weg dorthin und man spielt nur noch das Idol; zum Teil wird einem auch der Weg dorthin verwehrt, indem man zum Nimbus, zur Analyse, zur Reproduktion erzogen wird.
Die Identifikation wird klebrig, weil sie nie vollständig vollzogen wird. Und das wiederum verursacht, folgt man Barthes, die Langeweile.

b. Die fehlende Revolution

Sich aus der Identifikation zu lösen, sie „auszuscheiden“ (ein Akt der analen Aggression: da hast du deinen Scheiß!), ist eine Form der Revolution. Die Revolution ist allerdings kein Wert an sich, weder im persönlichen Bereich, noch im politischen. Zunächst ist die Revolution ein Experiment mit den Werten, die etwas wert sind (NP). Dagegen fehlt die Revolution beim Bürger, indem die Werte konsumierbar gemacht werden:
„Der Bürger zerstört den Wert nicht, er verflacht ihn, verkleinert ihn, begründet ein System des Kleinlichen, Schäbigen.“ (RS, 268)
Statt also das kulturelle Werk zu „zerstören“ (durch Arbeit, durch Spiel, durch Zerlegung, wie Barthes schreibt), werden seine Wirkungen und Wertungen verflacht. Größenwahn und Minderwertigkeit, Überhöhung und Erniedrigung gehen auch in der Kultur Hand in Hand.

c. Die fehlende Evolution

Wurmser stellt in seinem außergewöhnlichen Buch Die Maske der Scham folgende These auf:
„Langeweile - ein Zeichen unterdrückter Triebe - ist auch die Manifestation einer machtvollen Abwehr gegen das Erleben von Gefühlen; wenn Gefühle an sich als unpassend angesehen werden, wenn ihr Glanz sozusagen ausgelöscht wird, dann zieht der feuchtkalte Nebel der Langeweile auf.
Letztlich glaube ich jedoch, dass alle diese Zustände von "Erstarrung" und "Langeweile" sich auch wieder auf die schweren Formen der chronischen Depersonalisierung und damit auf Verleugnung und allgegenwärtige Affektverdrängung zurückführen lassen.“ (MS, 308)
Die Erstarrung und die Abwehr der Affekte aber gerade ist es, die ein Lernen, ein Sich-Vervollständigen unmöglich machen.

Man kann von hier aus folgende Schlüsse ziehen: die Verpflichtung zum Konsum macht handlungsunfähig und verhindert die Identifikation ebenso wie das Verlassen der Identifikation; die fehlende Identifikation verhindert den Aufbau von Werten und verflacht sogar die Werte; diese Verflachung geht mit einer Gefühlsverdrängung einher. Handlungsunfähigkeit, fehlende Identifikation, Gefühlsarmut und Werteverlust erweisen sich aber nicht als ein Problem von Problemjugendlichen, sondern als ein komplexes gesellschaftliches Gefüge, als ein kulturhistorisches Syndrom.

4. Schluss

Hier ist nicht der Ort, abschließende Thesen aufzustellen, noch nicht einmal, die gerade begonnene Arbeit auf den aktuellen Diskurs der Jugendkriminalität zu beziehen. Sinn und Zweck ist vielmehr, ein Stück weit die Selbstverständlichkeit der Begriffe zu erschüttern. Der ganz banale Satz Sie schlagen oft aus purer Langeweile. erweist sich als höchst problematisch in dem ganzen Umfeld, in dem er steht.
Es scheint mir nicht das Schlechteste zu sein, hier das „höchst Problematische“ in den Vordergrund zu stellen. Denn zum einen erweist sich der Begriff der Langeweile als ein spannender Begriff, der sich in einen enormen Zusammenhang stellt, angefangen von dem der Wahrnehmung des Kulturellen bis hin zu der Frage, inwiefern ein gewisser handlungsarmer Bildungsbegriff seine eigenen Werte zerstört und zugleich manche Menschen in die Langeweile-Gewalt-Spirale treibt.
Zumindest aber sollten wir den Gedanken aufgeben, dass dieses soziale Problem sich beherrschen ließe, indem man immer wieder Begriffe beschwört, ohne sie aufzufüllen und auszukosten. Denn auch Begriffe müssen auf der Grundlage unserer Kultur gebildet und durchgearbeitet werden, sollen sie sich nicht als defekte Begriffe oder einfach nur als pure Wörter, bloße Mittel zur Skandalisierung erweisen. Wären das die Effekte des Diskurses, dann hätte sich das Reden über Jugendkriminalität vielleicht sogar in eine heimliche Komplizenschaft zu ihrem Untersuchungsgegenstand gebracht.
  • RS = Barthes, R.: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main 2006
  • B = Benjamin, W.: Gesammelte Schriften II (Aufsätze, Essays, Vorträge). Frankfurt am Main 1991
  • NP = Deleuze, G.: Nietzsche und die Philosophie. Hamburg 2002
  • NV = Freud, S.: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke, Band XV. Frankfurt am Main 1999
  • I = Nietzsche, F.: Kritische Studienausgabe Band I. München 1988
  • II = Nietzsche, F.: Kritische Studienausgabe Band II. München 1988
  • E = Weber, T.: Erfahrung, in: Opitz, M./Wizisla, E.: Benjamins Begriffe, 1. Band. Frankfurt am Main 2000
  • MS = Wurmser, L.: Die Maske der Scham. Berlin/Heidelberg/New York 1993

04.11.2008

Eine Abenteuergeschichte schreiben, Nachtrag I

Da ich mich gerade wieder an Abenteuergeschichten versuche und natürlich nicht nur analysiere, sondern auch selbst schreibe, hier noch einige Tipps, mit denen ich mich über "Hänger" (Schreibblockade ist ein so unfeines, so psychotherapeutisches Wort) hinüberrette.

Annoncen schreiben
Haben Sie Probleme damit, konfliktreiche Dialoge zu schreiben? Oder zwischen zwei Figuren ein Spannungsverhältnis aufrecht zu erhalten, das den Leser im Ungewissen lässt?
Dann machen Sie sich vielleicht nicht deutlich, wie die Personen zueinander stehen und wo sie aneinander vorbei leben. Um sich das zu verdeutlichen, schreiben Sie Annoncen.
Wenn zum Beispiel Peter und Janina ein etwas kratzbürstiges Liebespaar sind, dann schreiben Sie zwei Annoncen, in denen die beiden ihren idealen Lebenspartner suchen.
Beispiel:
Peter, 34, schlank und sportlich, sucht nette junge Frau ab 25, zum Tanzen, vor der Glotze rumhängen, um vor Freunden mit ihr anzugeben und von Freunden wegen ihr bewundert zu werden, das heißt, sie sollte gut aussehen und mich vergöttern, egal, wie ich bin. Kochen ist nicht so wichtig.

Janina, 31, schlank und vorzeigbar, sucht Mann, der vorzeigbar ist und keine peinlichen Sprüche vor Freunden reißt, der auch mal alleine sein kann und Lust am Kochen zu zweit hat. Gerne mit Kinderwunsch und Interesse an Literatur.
Solche Annoncen inseriert man natürlich nicht im normalen Leben. Aber hier können Sie als Schriftsteller ja ruhig ehrlich sein. - Bei solchen Annoncen kommen Konflikte deutlich zum Vorschein, und für Peter könnte man zum Beispiel eintragen, dass Kinder unerwünscht sind, für Janina, dass sie es dämlich findet, vorgeführt zu werden.
Sehen wir uns folgende Annonce an:
Andrej, 301, schlank und zeitlos, sucht willigen Diener mit Sehnsucht nach einem mächtigen Gebieter, aber ohne eigene Ansprüche. Erfahrung mit leichten Labortätigkeiten und Umgang mit schwierigen, genmanipulierten Tieren erwünscht. Lebenslange freie Kost und Logis.
Gut, sehr plakativ. Weiter:
Bewerben Sie sich noch heute! Herr von Mordor sucht mordlustige Gesellen, die sich gerne in dunklen Ecken rumtreiben, ohne familiären Halt und sonstige Kultiviertheiten. Alter egal. Bewerber bekommen eine erhöhte Chance des Überlebens (sobald ich gesiegt habe).
Noch sehr plakativ. Mein bevorzugtes Einsatzgebiet solcher Annoncen sind aber Situationen. Ich kenne insgesamt die Geschichte, aber in einer bestimmten Situation reißt mein Spannungsbogen für einen Konflikt ab. Dann mache ich genau für die Konfliktparteien und für die Situation eine Annonce. Im übrigen muss es sich nicht um einen Konflikt zwischen den Personen handeln, sondern auch um einen Wunsch, den beide haben. Wenn die Mutter sich genauso wie der Sohn nichts sehnlicher wünschen, als dass dieser beim Klavierabend die Chopin-Ballade fehlerfrei spielt, dann kann man dafür trotzdem zwei Annoncen schreiben, um den unterschiedlichen Umgang damit zu verdeutlichen.
Mutter, 42, wünscht sich Sohn, der heute abend die Chopin-Ballade fehlerfrei spielt, vorher nicht mürrisch ist, sondern sein Herz ausschüttet, so dass ich ihm bei seinen Sorgen und Nöten helfen kann und die Last mit ihm teile.

Sohn, 17, wünscht sich Mutter, die ihn bis nach dem Klavierabend heute in Ruhe lässt, so dass er sich voll auf seine Aufgabe konzentrieren kann und nicht das Gefühl hat, ihr zuliebe auch noch für sie da zu sein.
Ich hoffe, es wird deutlich, auf was diese Übung abzielt. Im übrigen kann man auch folgendes machen: statt für die betreffende Person eine Annonce aufzugeben, gibt ein Dritter eine Annonce auf, etwa folgenderweise:
Vater, sehr besorgt, 44, möchte für seinen Sohn Mutter, die nicht so ehrgeizig ist und ihn auch mal in Ruhe seine eigenen Erfahrungen machen lassen kann, die sich nicht ständig zwischen mir und ihn drängt und hilft, dass wir mehr miteinander zu tun haben.
Wichtig bei solchen Annoncen von Dritten ist tatsächlich auch wie hier der zweite Teil, der natürlich deutlich macht, dass der Vater Wünsche an die Mutter hat, so irreal diese sein mögen und so sehr die Mutter das anders sieht. Denn letztendlich steckt hinter jedem Wunsch für einen anderen manchmal mehr Egoismus, und häufig auch ein sehr ungesunder, falscher, verlogener Egoismus, als wenn ein Wunsch direkt an den Betreffenden herangetragen wird.

Perspektiven erarbeiten
Ich hatte in meinem Text zu Fluch der Karibik erwähnt, dass das Schreiben aus mehreren Perspektiven die Spannung erhöhen kann oder auch die Situation deshalb komisch macht, weil die Sichtweise überhaupt nicht zueinander passen.
Schreiben aus mehreren Perspektiven ist ein schwieriges Geschäft. Als kleine Übung dazu - und weil ich selbst gerade damit zu tun habe - kann man folgendes machen: Man sucht sich ein Ereignis, ein Geschehen, eine Handlung aus, die mehrere Personen betreffen. Nun skizziert man von Person zu Person, wie sie das Ereignis sehen. Bleiben Sie dabei zunächst bei alltäglichen Ereignissen, die sich leicht mit Ihrer Erfahrung auffüllen lassen, z. B. wenn jemand an der Supermarktkasse sehr umständlich nach seinem Geld kramt. Dann kann man dies aus Sicht der Kassiererin, des Betreffenden, jemanden in der Schlange, der ungeduldig ist, und jemandem, der Mitleid hat, schildern.

01.11.2008

Müde

Müde bin ich, nachdem ich gestern den ganzen Tag unterwegs war. Müde, aufgekratzt und - auf etwas undeutliche Weise - glücklich. Noch kann ich meine neue Arbeit nicht einschätzen, aber sie sieht mir jedenfalls interessanter aus, als meine bisherige Arbeit, und insgesamt stressiger. Aber gut, das ist dann eben so. Da muss ich mich durchbeißen.
Nach dem Fluch der Karibik werde ich mich wohl längere Zeit mit Avatar - Herr der Elemente beschäftigen. Auch dies geht in dieselbe Richtung wie Fluch der Karibik und ich hoffe, dort weitere Elemente der Abenteuergeschichte verdeutlichen zu können. Da diese Fernsehserie wesentlich umfangreicher ist, wird es wohl dauern, bis dazu ein Text entsteht. - Nebenher lese ich Goffman's Rahmen-Analyse. Ein schöner, ein großartiger Text, der genau in diese Richtung geht: Tricksereien, Manipulationen, Fehleinschätzungen. Der eine oder andere Kommentar dürfte hier für den Blog abfallen.
Besonders hübsch fand ich folgende Geschichte: eine Familie wunderte sich, dass ihr Sofa eine seltsame Beule aufwies, und diese Beule immer wieder unterschiedlich geformt war. Erst sechs Monate später verschwand diese Beule so plötzlich, wie sie gekommen war. Dafür fand die Familie eine zwei Meter lange Pythonschlange hinter dem Kühlschrank. Diese hatte es sich offensichtlich im Sofa eingerichtet und war nur nachts herausgekommen, um Mäuse zu jagen.