22.01.2018

Wissen; und eine Nullübersetzung

Der Anspruch an den eigenen Fleiß und der Anspruch, dadurch zu einem halbwegs endgültigen Ergebnis zu kommen, klafft gelegentlich weit auseinander. Es war wohl Schicksal, dass die Fluten der Publikationen mir zunächst das letzte Buch von Sybille Krämer (Figuration, Anschauung, Erkenntnis) in den Bücherschrank gespült haben; und nicht mehr ganz so Schicksal war es, dass ich daraufhin Goodman und Quine herausgesucht habe. Zu Ende gelesen habe ich noch nichts, nicht jedenfalls in dem Sinne, dass mich diese Bücher nun kalt lassen und dermaßen erkaltet in meinem Bücherschrank herumstehen.

Wie man nicht zu Ende kommt

Im Moment achte ich sehr darauf, Modelle und semantische Gefüge auf andere Bereiche zu übertragen. Ich lese Texte also so gründlich, dass ich daraus ein oder mehrere Modelle gewinne, manchmal auch nur eine Liste von semantischen Oppositionen (zum Beispiel Repräsentation/Ähnlichkeit) oder semantischen Gruppierungen (zum Beispiel sprachliche Repräsentation – Regeln (Lexikon und Grammatik) – Sprachkompetenz).
Ob sich nun ein solches Modell auf einen bestimmten Weltausschnitt anwenden lässt, kann man im vornherein nur abschätzen. Es gibt natürlich ein gewisses sinnvolles Gefühl, was funktionieren könnte und was nicht. Aber vollständig verlassen sollte man sich darauf nicht. Kultur bedeutet Reduktion und allzu oft unbegründete Reduktion. Wer sich darauf nicht einlassen möchte, sollte auch gelegentlich an unwahrscheinlichen Fällen arbeiten. Bei Texten ist dies besonders praktisch, da sich niemand darüber aufregt, wenn man es tut. Notfalls landen sie eben unveröffentlicht und unberichtet im Papierkorb. Oder, wie bei mir, in irgend einer Datei.
Weltausschnitte gibt es nun viele. Modelle habe ich bereits auch einige angesammelt. Und so haben sich diese Woche einmal satzübergreifende Relationen, geometrische Aspekte (insbesondere aber entwicklungspsychologische Bedingungen dazu) und – endlich mal wieder – Diagramme der Objektmodellierung über meinen Schreibtisch „bewegt“, daneben aber alle möglichen anderen Sachen, von politischen Betrachtungen, einigen Cartoons, mit denen ich immer wieder mal arbeite, Häkeln (jawohl, auch das kann man mit Mitteln der Semiologie und des Pragmatismus betrachten), und so weiter.
Dass dabei gelegentlich ein erster Kommentar durch viele weitere ergänzt wird; dass ich mir dabei auch mal ein assoziatives Weitergleiten erlaube: ihr könnt es euch wohl vorstellen.

Fruchtbare semantische Oppositionen

Man trifft in unserer Kultur auf zahlreiche semantische Oppositionen, die mal sinnlicher Art sind und die ich dann Kontrast nenne, zum Beispiel hell/dunkel, schwarz/weiß; andere wiederum binden sich an Tätigkeiten (aufsteigen/absinken), weitere an Ideen (Höflichkeit/Ehrlichkeit) und einige an einen Mischmasch ohne festen Kern (Mann/Frau ist dafür ein recht gewichtiges Beispiel; oder – weil es sich auf den ersten und zweiten und dritten Blick nicht klar voneinander scheiden lässt – Einheimischer/Bürger).
Catherine Elgin untersucht in Im Blick: Neuheit (Goodman/Elgin: Revisionen) die Repräsentation in sprachlichen und in pikturalen Werken. Dabei stellt sie fest, dass die oberflächliche Trennung eher eine gewohnheitsmäßige als eine begründete und schon gar nicht eine interessante ist. Tatsächlich verschiebt sie eine vorrangig als Kontrast empfundene semantische Opposition in Richtung einer gemischten und damit durchaus unklaren.

Wissen

Der Weg, den Elgin nimmt, ist trickreich. Und bevor man ihn nun als reinen Trick und damit als eine Art Beschäftigungstherapie ansieht, sollte man sich auf ihn lange und gründlich einlassen.
Denn zunächst geht Elgin davon aus, dass die Wahrnehmung eine konstruktive ist und dass in dieser ein zwar unbewusstes, aber selbstverständlich genutztes Wissen existiert, wie man Repräsentationen und Ähnlichkeiten „herstellt“.
Elgin fragt sich also nicht, was eine Repräsentation oder eine Ähnlichkeit ist. Sie fragt allerdings auch nicht, warum ein Mensch etwas als Repräsentation oder als Ähnlichkeit auffasst. Und sie will auch nichts von den psychologischen Bedingungen wissen. Stattdessen erstellt sie einige Regeln, wie Repräsentationen und Ähnlichkeiten erzeugt werden können. Ihr Vorgehen ist damit „pragmatisch“, und zwar pragmatisch in dem Sinne, wie dies vom Pragmatismus (einer zunächst amerikanischen philosophischen Schule) verstanden wird.
In gewisser Weise läuft dies dann darauf hinaus, einen Arbeitsablauf oder ein Rezept zu entwickeln, wie man eine Sache in eine andere verwandeln kann. Das ist nun etwas schlicht gesagt, wird auch den hohen argumentativen Standards und den feinsinnigen Unterscheidungen der Autorin nicht gerecht, bietet aber eine ganz gute erste Orientierung. (Und ehrlich gesagt: sowohl Goodman wie Elgin schreiben so dicht, dass man gelegentlich an einem einzelnen Absatz, an einer halben Seite ein, zwei, drei Stunden verbringen kann; wenn man denn genügend Arbeitsmaterial hat, in das man das Gelesene hineintragen kann.)
Tatsächlich ist der Aufwand in gewisser Weise enorm: zunächst schaut man nach stillgestellten Bewegungen in einem Modell, einem Diagramm oder einem Text. Stillgestellt soll auf der einen Seite heißen, dass es so etwas wie Transformationen in einem Modell gibt, die zwar vom Modell nicht ausgeführt werden, zu denen es aber – explizit oder implizit – auffordert. Und wenn ich hier implizit sage, verbirgt sich darin die zweite Schwierigkeit: oftmals sind diese stillgestellten Bewegungen nicht ersichtlich und müssen ausprobiert werden.
Wenn man sich zum Beispiel ein Klassendiagramm für ein Java-Programm erstellt, muss man ein Stück Wirklichkeit nach bestimmten Regeln in ein solches Diagramm überführen und danach dieses Diagramm in ein Programm umsetzen. Dabei sind aber die einzelnen Arbeitsschritte und die Bedingungen, unter denen dies geschieht, keineswegs aufgelistet. Man muss sie immer wieder ausprobieren und auch immer wieder darüber nachdenken, ob man mit den geeigneten Methoden arbeitet. Gerade bei der Objektmodellierung wird so schnell die Erfahrung zu einem wichtigen Bestandteil des Programmierens. Sie wird so wichtig, dass die einzelnen Diagramme lediglich formale Dokumentationen bieten.
Beim Programmieren zeigt eine semiotische Betrachtung zum Teil recht deutlich geradezu hinterlistige Phänomene.
Es ist zwar richtig, dass sich sprachliche Systeme durch Repräsentationswissen gut ausdrücken lassen, während pikturale Systeme durch ein Ähnlichkeitswissen entstehen. Aber in komplexeren pikturalen Systemen gibt es notwendig auch ein Repräsentationswissen (und das schon bei Piktogrammen, die einen durch eine Behörde schleusen), während sprachliche Systeme immer auch pikturale Systeme sind: nur sind die pikturalen Systeme innerhalb der Sprache durch ihre unendliche Reproduzierbarkeit von ihrer Originalität komplett befreit. Dies wird bei Buchstaben besonders deutlich: ihnen ist wesentlich, wiederholbar zu sein. Ursprünglichkeit oder gar Gefälligkeit sind dagegen wenig oder überhaupt nicht wichtig. Dagegen gewinnen Buchstaben, sobald sie in ein anderes System eingebunden sind, gelegentlich eine geradezu mystische Bedeutung. Man sehe sich nur das kunstvolle (und möglicherweise gekünstelte) Spiel von Binnen- und Endreimen im Spätwerk von Rilke an.
Beim Programmieren treten hier gelegentlich seltsame Schleifen auf. Man kann sich relativ sicher sein, dass eine Augenfarbe durch eine entsprechende Farbkarte vertreten werden kann: die Farbe auf der Farbkarte und die Augenfarbe müssen hinreichend ähnlich sein. Wird diese Farbe dagegen vom Computer quantifiziert, dann geschieht dies in eine der üblichen Farbkodierungen und in Form von Zahlen. Dass diese Zahlen in Computern natürlich auch irgendwie nicht existieren, sondern letzten Endes nur noch auf elektronischen Zuständen aus Nullen und Einsen bestehen, macht die Sache nicht leichter. Die Zahlenkombination repräsentiert eine Farbe, ist ihr aber nicht ähnlich.
Und trotzdem kann ich aus dieser Repräsentation nun auf dem Bildschirm eine Farbe darstellen, die wiederum eine hinreichende Ähnlichkeit mit der tatsächlichen Augenfarbe besitzt. Das mag im ersten Moment dann tatsächlich verwundern, da man zum Beispiel eine Repräsentation eines Hundes durch das Wort Hund drehen und wenden kann, wie man will: man wird aus dem Wort keinen echten Hund herausgequetscht bekommen. Und im Computer selbst müsste eine eindeutige Zuordnung zum Beispiel zwischen Wort und Bild bestehen. Dass dies bei Farben anders ist, liegt dann daran, dass sich die Analyse der Farbe und ihre Quantifizierung in einer Struktur niederschlägt, von der man sagen kann, dass sie außerhalb des Computers und innerhalb (zumindest des Monitors) so ähnlich ist, dass daraus eine Art „Nullübersetzung“ entsteht.

Es wäre Nacht

Zunächst sind all diese kleinen Untersuchungen wohl nichts anderes als Gedankenspielereien. Auf die eine oder andere Weise beschäftige ich mich aber intensiv mit dem Stoff, sei es mit der Möglichkeit, die komplexe Tätigkeit des Programmierens in einfachere und damit vermittelbare Sequenzen herunterzubrechen, sei es mit der günstigen Aufteilung eines Arbeitsblattes (obwohl ich dies schon tausend Mal in meinem Leben überdacht habe), sei es mit den Anforderungen, die in einer Faltarbeit oder einer geometrischen Zeichnung verborgen sind.
Erbsenzählerei, so hatte ich das gelegentlich genannt, und so wird es wahrscheinlich auch manchen Menschen vorkommen. Es bedeutet, anhand eines Modells systematisch ein Stück Wirklichkeit abzuklopfen. Es bedeutet, den ersten Eindruck durch eine Analyse aufzubrechen, auch wenn diese Analyse, da sie sich immer auf ein begrenztes Modell stützt, nur eine begrenzte Reichweite liefern kann.
Gelegentlich entdeckt man dadurch ein Stück neues Wissen, gelegentlich entdeckt man an sich etwas mehr Empathie und guter Einschätzung von dem, was vor einem liegt. Das sind vielleicht Marginalien. Aber geduldiges Zusammentragen, winzige Schritte, der Besuch tausender, oftmals unscheinbarer Blüten, all das wird dann vielleicht doch zu dem einen Tröpfchen Honig führen, den man als Bienchen unter vielen anderen Bienchen dazu tun kann.
Nun ist es Nacht. Ich habe vier Arbeitsblätter entworfen, dazu zwei Mathespiele (zum Rechnen mit Geld; wer will, darf sie anfordern), zwei Blätter für den Sachkundeunterricht. Aus dem Buch Im Krebsgang voran (Umberto Eco) drei Glossen, besagten Artikel von Elgin um zahlreiche Kommentare erweitert, zwei Dokumentationen für die Schule, mehrere Gedanken zu Schülern und Schülerinnen, eine Zusendung eines Kollegen zum Informatikunterricht begutachtet, aber, wie ich befürchte, noch lange nicht zu Ende gedacht. Im Zimmer etwas umgeräumt, den Rucksack gepackt. Ich kann, eigentlich, zufrieden sein.

14.01.2018

Signalgeber

Eigentlich genieße ich meinen Sonntag. Aber dann lese ich doch Nachrichten.

Sabbern statt lesen

Die rechte Szene, oder, wie sie sich gerne nennt, die Konservativen, verleugnet mittlerweile flächendeckend jede Eigenleistung beim Lesen. Sobald irgendwo das Wort ›Ausländer‹, oder eventuell sogar ›Afghane‹, sobald der Name ›Merkel‹ fällt, spult sich das Geplärre automatisch ab. Und wenn dann erst auf einem Foto eine Frau mit einem Kopftuch auffällt … Wie war noch mal das Äquivalent beim pawlowschen Hund? Sabbern? – Eben.
Rhetorisch gesehen handelt es sich hier um eine Extrapolation, eine ungebührliche Hervorhebung eines einzelnen Merkmales. Und man höre dies: ungebührliche Hervorhebung. Die Merkmal wird damit noch kein Recht auf Wahrheit abgesprochen, wohl aber der Konstellation. Aber solche Feinheiten scheren die neuen Nazis genauso wenig wie die alten.

Obergrenzen und drittes Geschlecht

Die hypothetische GroKo hat eine Obergrenze für Zuwanderung erlassen. 880.000 in den nächsten vier Jahren. Sieht man sich dabei mit an, dass es ein Zuwanderungsgesetz geben soll, welches vor allem auch auf Fachkräfte abzielt, dann dürfte für „Wirtschaftsflüchtlinge“ bei einer solchen Zuwanderung wenig Platz sein. Was machen die Nazis (und ich bedaure hier gelegentlich, dass ich auf Facebook immer noch die Beiträge und Kommentare von Michael Vogel lese)? Sie schreien natürlich. Dass diese Konstellation kaum noch etwas mit den Menschenrechten zu tun hat, fällt ihnen dagegen nicht auf.
Auf Pässen und in Behördenanträgen soll ein drittes Geschlecht eingeführt werden. Mich ärgert das, weil es genau die Schärfe aus der gender-Theorie herausnimmt, die diese so fruchtbar macht. Und es ist auch mal wieder typisch deutsch: aus einer Idee wird ein Verwaltungsakt gemacht. Letztlich aber kann man es drehen und wenden wie man will: auch hier sind die Zeter und Mordio schreienden Rechten nicht mehr in der Lage, zwischen einer sinnvollen Theorie und unsinnigen Dogmen zu unterscheiden.

Biologisiererei als Radikal-Genderismus

Rein logisch gesehen muss man den Unterschied zwischen beliebig (also wahllos) und kontingent (also so, aber auch anders möglich) beachten. Das soziale Geschlecht ist nicht beliebig, vor allem aber ist es auch nicht einem Akt der Selbstwahl in einer Art und Weise zugänglich, dass man von einem freien Willen bei der Geschlechterwahl sprechen könnte. Ein großer Teil des sozialen Geschlechtes entsteht in den vorherrschenden Bildern der umgebenden Kultur. Diese sind strukturell verwurzelt. Und es ist gerade der Zynismus dieser Biologisierer, dass sie sich in ihrer Biologisiererei auf die kulturelle Konstruktion der Geschlechter verlassen können. Denn das Weibchen am Herd ist nichts anderes als ein irrationales Trugbild. Dass es sich gelegentlich materialisiert, besagt noch nichts über seine Notwendigkeit. Es scheint gerade so, dass die soziale Konstruktion des Geschlechtes umso stärker und repressiver ausfällt, je mehr man sich auf die Biologie stützt. (Aber natürlich sage ich Biologisiererei, weil diese sich nur auf sehr ausgesuchte und willkürlich interpretierte Fakten der Biologie stützt.)
Das ganze Elend der Rechten, aber auch zum Teil der „Linken“ (oder das, was die Rechten als Linke bezeichnen – und da gibt es ja durchaus Unterschiede, deutliche Unterschiede!), ist die Behauptung einer Klarheit, wo die Wissenschaft noch immer am Problematisieren und Forschen ist. So ist auch der Zusammenhang zwischen Kultur und Gewalt ein notwendiger. Das liegt alleine schon daran, dass jede Kultur im Unbegründeten endet. Die Frage ist doch eher, wie man das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen gestaltet. Das Gewaltmonopol des Staates ist eine gute Lösung. Sie ist natürlich nicht perfekt.

Horden

Und in Bezug auf die Kulturen sollte man seinen Blick dahingehend schärfen, was als Kultur zu gelten hat. So ist es geradezu unmöglich, von einer deutschen Kultur zu sprechen, ja auch nur von einer Berliner Kultur. Kultur ist immer, so scheint es, die Angelegenheit kleinerer Gruppen. Wie man es dreht und wendet: Staaten sind immer „multikulturell“; und damit erübrigt sich schon fast die Diskussion, ob eine bestimmte Kultur dazu gehört oder nicht.
So. Nun kehre ich wieder in meine eigene, kleine, private Kultur zurück.

07.01.2018

Er ist wieder da

Matussek ist wieder da. Und weiterhin macht es keinen Spaß, ihn zu lesen. Er schreibt:
Leider sind auch die Kirchen massiv vom Mahlstrom der Lüge erfasst worden. Sie verlangen christliche Fernstenliebe und vergessen die Nächstenliebe, vor allem aber jene Weisheit des Thomas von Aquin, der sagte: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist grausam; aber Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit führt zur Auflösung.“
(Die Lüge hat einen guten Lauf)
Der Mahlstrom der Lüge, das ist wohl Matussek selbst: denn weiterhin gilt im Christentum das Gebot der Nächstenliebe. Von der Fernstenliebe hat nur Nietzsche gesprochen, und dies in einem komplett anderen Zusammenhang. Und so hat auch die darauf folgende Argumentation wenig mit der These zu tun, mit der dieser Absatz eröffnet wurde.
Auch insgesamt liefert Matussek in diesem Artikel viel Suggestion, aber keinerlei Analyse. Dies ist auch deshalb ein Problem, weil durch Undifferenziertheit eine ganz andere Art von Lüge entsteht: dass die Willkommenskultur eine undifferenzierte Selbstbeschreibung lieferte, ist das eine Problem; aber dies durch Entdifferenzierung zu unterbieten, macht die Sache nur noch schlimmer. Tatsächlich ist die Willkommenskultur ähnlich wie die gender-Ideologie eher eine Erfindung der neuen Rechten, die sich hier ein Feindbild zusammengeschustert haben, gegen das vorzugehen so einfach wie feige ist. Denn was nicht existiert, kann nicht bedrohlich sein und kann sich auch nicht wehren.
So ist ein wesentlicher Zug der neuen Rechten nicht ihr Konservatismus, sondern genau diese Feigheit, die sie in politischen Mut umzulügen versuchen.

Altersnachweise

Dass bei dem ganzen Streit um Flüchtlinge und Asyl die Rechtsstaatlichkeit und ihre Prinzipien gerne vergessen werden, ist ja nun nichts überraschendes mehr. Und so wundert es auch nicht, dass Andrea Nahles in ihrem jüngsten Vorstoß zum Altersnachweis eine völlig absurde Forderung stellt. Die FAZ schreibt und zitiert Nahles folgenderart:
Konkret sprach sich die Sozialdemokratin [also Nahles] für das sogenannte Hamburger Modell aus. Dort werde das Alter der Flüchtlinge von den Behörden geschätzt. Ist ein Betroffener mit dieser Schätzung nicht einverstanden, könne er selbst den Gegenbeweis antreten. „Die Beweispflicht liegt dann also bei den Flüchtlingen, nicht beim Staat“, so Nahles.
Natürlich ist verständlich, dass ein Mensch nicht sein Leben lang jugendlich sein kann. Und natürlich müssen hier Regelungen getroffen werden. Die Beweispflicht ist allerdings etwas anderes als die Mitwirkungspflicht. Richtig ist, dass ein Mensch, der Leistungen vom Staat empfängt, zur Mitwirkung verpflichtet ist. Falsch ist aber, dass er einen solchen Beweis (oder in diesem Fall Gegenbeweis) alleine antreten muss.
Ein Problem dürfte dabei nicht nur sein, dass manche Menschen ihre Papiere wegwerfen (aus welchen Gründen auch immer; es gibt hier sehr viel mehr Gründe, als die AfD so gerne unterstellt: nämlich sich damit vor der Rückkehr drücken zu können); ein Problem dürfte auch sein, dass in manchen Ländern, vorzugsweise in (ehemaligen) Kriegsgebieten, die Dokumentation des Alters, bzw. der Geburt nicht geregelt ist. Dafür können und dürfen Flüchtlinge nicht verantwortlich gemacht werden.
Die Beweispflicht den Flüchtlingen zuzuschieben hebelt ein grundlegendes Prinzip unseres Rechtsstaates aus. Es geht ja auch niemand hin und verweigert Beatrix von Storch den Zugang zum Bundestag, bis sie eindeutig nachgewiesen habe, dass ihre Gesinnung demokratiekonform sei. Selbst wenn sie wegen Volksverhetzung rechtmäßig verurteilt würde, kann sie nicht so einfach aus ihren politischen Ämtern entfernt werden. Dass dies nicht möglich ist, ist ein Zeichen dafür, dass Demokratie und Meinungsfreiheit ein hohes Gut in unserer Gesellschaft sind.

05.01.2018

Meinungsfreiheit bewahren

Dr. Christina Baum (AfD) schreibt:
„Der Paragraph 130 StGB ist nichts weiter als ein ›Maulkorb-Paragraph‹, mit dem Andersdenkende mundtot gemacht werden sollen, und als solcher einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft wie der unseren absolut unwürdig … Er mag in der Nachkriegszeit seine Berechtigung gehabt haben, da ein Teil der Menschen noch in der alten Ideologie verfangen waren. Doch nach 70 Jahren und ausreichende Aufarbeitung der Geschichte ist dieser Paragraf mehr als überflüssig. Er wird heute als Machtinstrument der Regierungsparteien missbraucht.“
Diese Ansicht ist alleine schon deshalb unsinnig, um nicht zu sagen abgrundtief dämlich, weil Frau Baum damit suggeriert, Vergangenheitsaufarbeitung läge, einmal geschehen, wie ein unantastbares Ding in der Gegend herum. Wer eine solche Meinung von Geschichte hat, kann aus ihr natürlich auch nichts lernen.
Abgesehen davon ist ziemlich klar, dass die Abschaffung dieses Paragraphen vor allem einer Partei nützen soll: der AfD; und damit ihren rassistischen, sexistischen und staatszersetzenden Gruppierungen zu mehr Beweglichkeit und Selbstverständlichkeit verhelfen soll.
Heiko Maas (den ich nicht besonders mag, auch nicht sein Netz-Durchsetzungsgesetz) schreibt sehr richtig:
„Mordaufrufe, Bedrohungen und Beleidigungen, Volksverhetzung oder die Auschwitz-Lüge sind kein Ausdruck der Meinungsfreiheit, sondern sie sind Angriffe auf die Meinungsfreiheit von anderen.“
Deshalb fordert Christina Baum auch nicht mehr Meinungsfreiheit, sondern weniger.
Mittlerweile empfinde ich die AfD nicht nur als äußerst lästig und entwürdigend für die deutsche Kultur, sondern als brandgefährlich für den deutschen Staat und seinen Fortbestand. Und nein: wenn dieser deutsche Staat untergeht, wird kein besserer entstehen, sondern er wird verschwinden und die deutsche Kultur nur noch als historisches, irgendwann nur noch als archäologisches Phänomen interessant sein.

03.01.2018

Politisierte Fehllektüre

Eigentlich ist es ein ganz trauriges, geradezu ein dekadentes Zeichen, dass eine so alberne und unsinnige Fehllektüre ein Politikum darstellt. Dass Beatrix von Storch sich aus den zahlreichen, in anderen Sprachen geschriebenen Neujahrswünschen gerade die arabische heraussucht; dass sie dann davon faselt, dass die Polizei die Amtssprache bereits aufgeben würde, – all das sollte eigentlich keines müden Lächelns wert sein. Und doch ist es nun viel mehr als das.
Aber Empörung ist eben noch keine Politik. Und wer durch Empörung den öffentlichen Raum besetzt, möchte vielleicht auch von den dringlichen Problemen der Politik ablenken. Zumindest aber eine Sache kann man hier fest behaupten: schlechte Rhetorik, üble Logik, das ist kein Zeichen von Patriotismus sondern von Ideologie und Idiotie. Dass die von Storch, die Weidel, all die anderen AfDler-Politiker sich wieder einmal so aufblähen, ist dekadent. Es ist ein Zeichen des Niedergangs und Verfalls und nichts anderes.
Wer patriotisch ist, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen. Wer vor Werten wie Wissenschaftlichkeit und Sachlichkeit, Nächstenliebe und gemeinschaftlicher Verantwortung noch Respekt hat, wer also konservativ denkt, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen. Wer Deutschland modernisieren und erhalten möchte, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen. Wer eine echte, gestaltende Politik statt einer schreckhaft-aktionistischen Hysterie möchte, wird solchen Auswüchsen entgegentreten müssen.
Treten wir der AfD entgegen. Ganz entschieden.

02.01.2018

Intelligenz ist die beste Zensur

Erfreulich ist doch immer wieder, wie lächerlich die neuen Rechten daherkommen; vermutlich so lächerlich, wie die alten Rechten, würde man deren Folgen nicht kennen. Unbestritten und unvergessen bleibt Hannah Arendts Wort von Eichmanns „empörender Dummheit“. Man kann es sehen, wie man will. Ich glaube nicht daran, dass Storch ihren letzten tweet unwissend abgesetzt hat. Der ganze Sermon, der diesem tweet und der Sperrung des Twitter-Accounts gefolgt ist, gleicht einer wohlüberlegten Inszenierung, einer Art Ballettübung auf dem Meinungsmarkt.

Ein arabischer tweet

Die Storch hat sich darüber empört, dass die Kölner Polizei Neujahrsgrüße auf Arabisch getwittert hat. Nein, empört ist hier das falsche Wort. Sie hat sich darüber lustig gemacht, wie man sich über einen Trottel lustig macht. Aber was zur Hölle ist in dieser Frau los? Denn es war nur ein tweet, einer von vielen übrigens, die auch auf Italienisch, Dänisch, Koreanisch in die Welt gesetzt wurden. Eine Höflichkeit, nichts weiter. So wie ich gelegentlich meinen arabischen Schülern das eine oder andere Wort auf Arabisch daneben schreibe. Ich kann kein Arabisch, aber ich besitze ein arabisches Wörterbuch. Die Schüler freuen sich darüber und lernen ein wenig eifriger die Malfolgen oder die Benennung der Satzteile (in deutschen Sätzen).

Polizeipräsenz

Wie die Besänftigung dann tatsächlich ausgesehen hat, kann man übrigens auch in den „linken“ Zeitungen nachlesen: eine massive Polizeipräsenz in der Silvesternacht.
Das Absurde an der ganzen Situation ist aber, dass die AfD auf der einen Seite so etwas wie einen Polizeistaat fordert, auf der anderen Seite aber die Polizei beständig denunziert und sie in einen schlechten Ruf zu bringen versucht.

Störchliche Logik

Und ebenso absurd ist, dass die Storch ganz bewusst (so scheints) die Meinungsfreiheit (für sich) auf übelste Beleidigungen ausdehnt. Und nein: ich schätze nicht alles, was aus den etablierten Parteien so getönt wird, allen voran, und als Beispiel, die Nahles. Nein, das schätze ich gar nicht. Aber diese Bigotterie, dieses offene Sich-Erlauben, was man anderen schon in Ansätzen verbieten möchte, lässt auf ein völliges Versagen höherer kognitiver Fähigkeiten schließen oder auf eine bewusste Misshandlung jeglichen logischen Zusammenhangs.

La Luna, le lune - Geschlechtsversicherung mit David Berger

Dann kommt auch noch der Berger. David Berger lässt mittlerweile kein Taschentuch mehr aus, in das er hineinflennen könnte, und sei dieses noch so braun. Er erblickt die Storch als Opfer, in seiner philosophia perennis. Sie habe „schlicht auf die von der Kölner Polizei auf Arabisch getwitterten Neujahrsgrüße … geantwortet“. Von der höflichen Geste zu der Unterstellung, es gäbe einen weitreichenden Bedarf, „gruppenvergewaltigende Männerhorden“ zu besänftigen (auf Arabisch natürlich), das ist für die Menschheit ein großer Schritt; für den Mann im Mond nur ein kleiner.
Und nein: ich leugne nicht, dass da nichts gewesen sei. Ob dies allerdings ein arabischer Charakterzug ist, das wage ich zu bezweifeln. Gruppenvergewaltigungen hat es auch in anderen Kulturen immer wieder gegeben. Und im groben kann man als gemeinsamen Zug einen fragilen gesellschaftlichen Status (wie er Flüchtlingen, aber auch Arbeitslosen oder kulturell verunsicherten Menschen eigen ist) und einen Zusammenhalt durch substantielle und nicht-substantielle Drogen finden.
Beides ist weniger von einer nationalen als von einer bestimmten gender-Ideologie (nämlich, wie man so sagt, einer patriarchalen) geprägt. Auch der spielt die AfD in die Hände. Die Rückkehr zu offen patriarchalem Gedankengut ist in dieser Partei so greifbar, wie schon lange nicht mehr. Auch das wundert mich nicht. Die Rückkehr war schon um die Jahrtausendwende massiv zu spüren. Einmal sprach Jutta Ditfurth von einem Rollback des Feminismus. Nachdenklich geworden darüber scheint niemand zu sein. Zu sehr hat sich eine Gruppe etablierter Feministinnen in ihrem Erfolg eingeigelt (und Insider wissen, dass ich hier keineswegs von allen Frauen spreche, sondern einige ganz bestimmte im Blick habe).

Richtig zensieren

Nun, das Fazit von Berger spricht Bände: der erste Zensurfall unter dem NetzDG diene zur Zensur und Einschüchterung. Keinesfalls ginge es um die Richtigstellung. Keinesfalls darum, wie der geradezu banale rhetorische Kniff, die arabische Sprache mit den gruppenvergewaltigenden Männerhorden zusammenzubringen, auf so schlichte Gemüter wie den Herrn Berger wirken könnte. Hier blickt jemand mit von Weinerlichkeit verquollenen Augen doch nur ins eigene Boudoir; und geschärft ist der Blick der philosophia perennis keineswegs, sondern nur die Anmaßung.
Die Höflichkeit hat die Storch nicht zum Schweigen gebracht. Wie auch? Weiß sie doch nichts von ihr. Die Intelligenz, wahrlich die schärfste aller Zensuren, konnte es auch nicht. Und so stolpert die neue Rechte durch ständige Wiederholungen und durch immer weniger Reflexion in jenen Kulturverfall hinein, den sie angeblich abwenden will.
Bleibt zum Schluss zu sagen, dass dieser Kulturverfall so alt ist wie die Kultur selbst. Man findet diese Kultur nicht auf den Bühnen des politischen Theaters, schon gar nicht auf denen, auf denen solch ein rauer Ton und solch eine abwertende und missachtende Meinung vorherrschend ist. So wenig ist die französische Kultur auf der Guillotine verteidigt worden. Und wer nach der deutschen Kultur sucht, der tut gut daran, abseitige Wege und schmale und verschlungene Pfade aufzusuchen. Der darf sich auch nicht zu fein sein, mit langem Atem und noch längerem Magen jenen verborgenen Früchte nachzustellen, die den Kanzelrednern so unbekannt, so fremdartig, so ausländisch vorkommen.

29.12.2017

Farbskalen

Elgin weist darauf hin, dass das Denken aktiv an der Wahrnehmung beteiligt ist, so wie umgekehrt (Goodman/Elgin: Revisionen. Frankfurt am Main 1993, S. 19). Aus diesem Grund bestimmen Erfahrungen die Art und Weise der Wahrnehmung mit. Sie sind kulturspezifisch – wobei kulturspezifisch hier nur heißt, dass sie von der Kultur beeinflusst werden, nicht dass sie sich einer bestimmten Kultur, etwa der deutschen, zuordnen lassen.

Farbtöne

Nun lassen sich Sinnesdaten nicht direkt vergleichen und daher auch nicht direkt aufeinander abstimmen. Bei Farben zum Beispiel nutzt man Muster und verschiedene Bezeichnungen, um verschiedene Farbtöne gegeneinander abzugrenzen, wie etwa grasgrün und französischgrün. Ohne solche Muster aber ist der Vergleich schwer. Und die Erfahrung zeigt, dass ein bestimmtes Grün von dem einen noch zur Farbe Grün, von einem anderen bereits zur Farbe Blau zugeordnet wird.

Projezieren

Wittgenstein schreibt (Bd. IV, Abschnitt 49), dass eine geometrische Figur durch eine Projektionsmethode kopiert werden kann, also durch eine Abmachung, wie diese Figur zu verändern sei. Genau dann kann ich aber die umgekehrte Projektion mit sehen oder eben die Projektion, anders gesagt, im Geiste rückgängig machen. Das ermöglicht mir die Sichtweise auf die Ähnlichkeit oder eben Gleichheit.

Geometrisieren

Davon zu unterscheiden ist die regelhafte Verschiebung auf einer Farbskala. Denn eine Farbe ist wohl evident. Wir sehen sie. Eine geometrische Figur dagegen ist nur mittelbar evident, denn zunächst sehen wir nur Linien und Punkte. Erst daraus erzeuge ich eine geometrische Figur. Wollte man also Farben für eine ähnliche Weise der Betrachtung gebrauchen, dürfte man nicht die Projektion von Farben auf eine andere Farbe ins Auge nehmen, sondern deren Position auf einer Farbskala.

Die Farbskala

Erst die Farbskala ermöglicht eine gewisse Möglichkeit, mit Farben zu operieren und diese in einen komplexeren Bezug zueinander zu setzen. Denn die Farbskala besteht eben nicht nur aus Farben, sondern auch aus einem Raum, bzw. einer Strecke (oder, im Falle des Farbkreises, aus einem Kreis und einem zyklischen Übergang). Eine Farbskala wird demnach nicht nur durch die Farben, sondern durch ihre räumliche und damit bedingt messbare Anordnung zu einer Farbskala. Und vergleiche ich dann die Farben oder vergleiche ich die Anordnung auf der Skala?

Farben vergleichen

Wie aber vergleiche ich Farben?
Ich kann zum Beispiel sagen: »Dieses Blau ist heller als jenes.« Dann aber vergleiche ich die beiden Blaus in Bezug auf die Farbe Weiß. Ich nutze eine „eindeutige“ Referenzfarbe. Weiß und schwarz sind eben auf der Skala der Helligkeit die äußersten Pole. Ein Blau, das weiß ist, kann nicht noch „hellblauer“ werden.
Oder ich kann sagen: »Dieses Blaugrün ist grüner als jenes Blaugrün.« Dann nutze ich aber ein gedachtes Grün als Referenzfarbe. Und der andere mag mir zustimmen, egal welches Grün für ihn nun die Referenzfarbe ist, solange er zum Vergleich die Referenzfarbe Blau mit hinzunehmen kann und dazwischen die beiden Arten des Blaugrüns platzieren kann.
Problematisch wird nur, die genaue Referenzfarbe zu bestimmen. Man könnte also fragen: »Liegt dieses Grün eher auf der gelben oder eher auf der blauen Seite deiner Referenzfarbe Grün?« und würde bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Antworten bekommen. Und in dem einen Fall vergleiche ich auf der Grundlage einer Evidenz, und in dem anderen Fall auf der Grundlage einer (vermutlich erlernten) Skala.

Mischen: Farben oder physikalische Größen

Bei den Skalen handelt es sich um erlernte Verhältnisse. Auch wenn ich Farben durch Mischen immer auf dieselbe Art und Weise verändern kann, muss ich in einem Blau doch die Möglichkeit sehen, es zu einem Grün zu mischen, wenn ich Gelb hinzufüge. Das Grün-werden des Blaus ist nicht sinnlich gegeben. Es ist nicht evident.
Die Skala von Blau nach Gelb über Grün entsteht durch ein Mehr oder Weniger des Hinzumischens, also wiederum nicht durch die Farbe selbst, sondern durch eine Quantität. Die Quantität spielt für die farbliche Evidenz zwar keine Rolle, dafür aber für die Konstruktion einer Skala. Das projektive Verhältnis stützt sich, wie bei der projizierten geometrischen Figur, auf eine abstrakte Quantität (denn dem gelben Farbklecks, den ich dem Blau hinzufügen möchte, ist seine Quantität – in Bezug auf die Farbe – nicht eigen).

Fazit

An den Beispiel zeigt sich sehr schön, wie unabhängig die Farbskala von der konkreten sinnlichen Wahrnehmung der Farbe ist und sich auf ein Projektionsverhältnis von Mengen auf eine Fläche stützt.

17.12.2017

Geometriedidaktik

Der letzte freie Sonntagnachmittag vor den Ferien. Und ich: lese zur Geometriedidaktik, bzw. schreibe dazu; und um das Ganze dann (kreativ) auszuprobieren, liegen das Geodreieck, der Cutter, Klebestift, drei Scheren verschiedener Größe, buntes Papier, Filzer und ein Falzbein griffbereit.
Entstanden sind ein Turm, der beim Auffalten schief und bauchig aus dem Papier herausragt, ein Schnappmaul mit "glühenden" Augen und einer gerollten Zunge, eine Winkehand vor einem dreidimensional aufragenden "Weihnachtsgeschenk". So macht Geometrieunterricht Spaß (naja, hin und wieder ist es dann doch mühsam und "fisselig"), und man müllt seinen Schreibtisch mit mehr oder weniger nützlichen Modellen voll. Weniger nützlich ist dabei tatsächlich, dass ich alle Modelle mit Notizzetteln aus Notizzettelblöcken erstellt habe. Für den Unterricht sind diese ungeeignet, weil viel zu klein.
Lustig ist es aber allemal, und nebenher entstehen Ideen zu Lernhilfen, die man zusammenklappen und in den Schrank stellen kann, die aber für den Unterricht aufgeklappt auf dem Tisch stehen können. Mal sehen, ob sich damit was Attraktives bauen lässt (dazu gibt es wohl die Weihnachtsferien).
Weil ich auch mit dem Gedanken herumspiele, wie sich die erahnte Verbindung zwischen geometrischem Denken und Programmierlogik verbinden lässt, entstehen auch kleine Computerprogramme. Gut; erstens ist die Verbindung längst nicht so vage, dass man sie erahnt nennen darf: alleine fehlt mir das System, mit dem sich ein sinnvoller Überblick dafür geben ließe und genau dies ist bei mir in Arbeit (seit über einem Jahr übrigens, da mir auch oft die Zeit oder die Muße fehlt); zweitens macht das Programmieren auch wegen meines so fixen neuen Computers wieder ausgesprochen viel Spaß, und ich probiere nebenher neue Python-Bibliotheken aus (pyglet und cocos2d).
Fazit des Ganzen: ich bräuchte weniger Schule, um mehr Schule machen zu können.

11.12.2017

Plotmuster

Und noch einmal für alle: ich habe mir einen neuen, ziemlich üppigen Computer gekauft. Das Einrichten hat mich fast die ganze Woche gekostet, aber eben auch nur diese ganze Woche, und nicht, wie bei meinem letzten, noch funktionierenden Computer zahlreiche Tage. Zudem ist mein Spracherkennungsprogramm fast wieder auf dem alten Stand. Und das Diktieren macht echt viel mehr Spaß, weil es doch einen Tick schneller geht.
Schülerinnen und Schüler sind deshalb so spannend, weil sie einen vom einem Thema zum anderen treiben. Aus recht aktuellen Gründen habe ich mir fest vorgenommen, in den Weihnachtsferien von Leon Wurmser Die Maske der Scham wieder einmal gründlich zu lesen. Das letzte Mal habe ich mich vor fast 26 Jahren mit diesem Buch beschäftigt. Damals hat es mich sehr geprägt, vor allem in meiner Art und Weise, mein eigenes Lesen zu hinterfragen, etwa ähnlich stark wie Die Strukturen der Lebenswelt von Schütz und Luckmann. Letzteres Buch allerdings war für mich eher ein objektives, das von Wurmser ein sehr subjektives Erfahrungsfeld.
Außerdem arbeite ich an einer kleinen Hobbit-Geschichte. Eigentlich ist ja die Mathedidaktik ein hauptsächliches Anliegen. Das schon mehrmals erwähnte Buch von Sybille Krämer allerdings stellt ein so weites Gebiet unter theoretische Beobachtung, dass auch die Schreibprozesse mit ihren vielen kleinen Modellen in meinen Blick geraten. Grundlegend ist das auch gut. Schließlich war es über Jahre hinweg mein Hauptarbeitsgebiet.
So habe ich nach langer Zeit auch wieder die Masterplots von Ronald B. Tobias hervorgeholt. Ich habe das bereits erwähnt. Drei Fragmente dazu verorten noch mal, welche Position ich diesen im Schreibprozess „zugestehe“:

Plotmuster

Der ewige Streit um Plotmuster (oder nicht) bei selfpublishern ist aus vielerlei Gründen witzlos. Plotmuster reduzieren nichts (denn aus diesen sollte ja erst die Geschichte entstehen). Aber die Aufzeichnung sorgt dafür, dass man begründeter annehmen oder ablehnen kann; weit wichtiger scheint mir allerdings zu sein, dass man mehrere Plotmuster miteinander vermischen kann: Sie sind also Keime, die miteinander interagieren.
Man kann solche weiteren Plotmuster entweder zur Differenzierung des großen Plots, für Sequenzen oder für Parallelhandlungen nutzen.

Plotmuster: normalisierte (und nivellierte) Strukturen

Plotmuster sind nicht Ausdruck von Vorschriften, sondern Muster der Normalisierung: da ein Plotmuster zugleich weit entfernt vom Endergebnis ist, ist es eher eine Strukturierungshilfe, die weder die Qualität einer Erzählung ermöglicht, noch die Kreativität einschränkt.
Es gibt auch keine Vorschriften, was mit dem Plotmuster zu tun ist (man könnte die Erzählung infolge auch ganz gegen den Strich bürsten).
Das Problem scheint also zu sein, wie man Plotmuster versteht. Sie dienen zunächst der Bewusstwerdung, der bewusst gestalteten Erzählung. Sie sind keine Vorschriften, können aber als solche aufgefasst werden.

Plotmuster: Erzählung und Überarbeitung

Geht man davon aus, dass Erzählungen aus einer Folge von Überarbeitungen entstehen, dann sind Plotmuster sehr frühe „Operatoren“, die eine Idee in eine erste Struktur gießen.
Freilich: die Folgen der Überarbeitung sind nicht formalisiert, auch wenn es bestimmte notwendige Schritte gibt. Aber diese Schritte sind insgesamt auch untereinander nicht formell angeordnet. Es gibt natürlich günstige Vorgehensweisen, vor allem zeitsparende.

04.12.2017

Plotmuster

Vor vielen Jahren - 2005 um genau zu sein - habe ich die Masterplots von Tobias meinen Bedürfnissen angepasst. Darin sind diese auf der einen Seite etwas formalisierter, auf der anderen aber auch differenzierter. Sie bestehen aus Tabellen mit zentralen Strukturelementen; aber eine ganze Reihe dieser Strukturelemente können weggelassen werden. Mit Hilfe solcher Plotmuster lassen sich innerhalb kürzester Zeit zwanzig Geschichten entwerfen, also etwa eines Nachmittags.
Nun gab es immer wieder Kunden und andere kritische Stimmen, die dieses Vorgehen als Tod der Kreativität, als Tod der kulturellen Relevanz, als Ursache für hölzerne Geschichten gezeiht haben.
Das mag alles richtig sein, wenn denn die Masterplots mehr als nur ein kleiner Baustein in der großen Praxis des Schreibens wären.
Aber sie sind nur ein kleiner Baustein. Man kann mit ihnen beginnen, wenn man eine Erzählung plant. Aber das Ende der Planung, bevor es um die Schönheit von Wörtern, den ersten Satz, die ganze rhetorische und poetische Konstitution der Geschichte geht, sollte sich ein Schriftsteller schon so weit von der grundlegenden Struktur entfernt haben, dass der Masterplot so erweitert wurde, dass er ganz und gar überwuchert von der eigentlichen Geschichte erscheint.
Nun, wie auch immer. Dies war nicht unbedingt das, was ich erzählen wollte. Wichtiger ist mir doch, dass ich mit meinen Schülern eine neue Form des Geschichten-Schreibens ausprobiere. Statt dass die Schüler schreiben und ich das dann lektoriere, werde ich schreiben und meine Schüler lektorieren. Thema der ersten Geschichte: die Reise eines Hobbits in Mittelerde.
Jedenfalls habe ich mich mal investiert und zahlreiche mögliche Plots entworfen. Alles grobe, zum Teil so nicht ausführbare Ideen. Die meisten, wenn nicht alle, werden konventionellen Strukturen von Geschichten gehorchen, also jenen Masterplots. So etwas braucht man in Zeiten eines redundanten Überangebots wohl nicht zu veröffentlichen. Aber das ist ja auch nicht meine Intention.

Ich habe auch fleißig über die diagrammatischen Funktionen der Plotmuster nachgedacht, weiterhin mit dem schönen Buch von Sybille Krämer. Mittlerweile ergänzen zwei Kapitel aus Goodman/Elgin Revisionen meine Diskussion. Wie auch meine "Erforschungen" der Mathedidaktik. - (Es ändert sich wohl nie was.)
(Und ich habe tatsächlich mal wieder ein bisschen was programmiert.)

23.11.2017

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Ich weiß nicht, wann ich für die Zeiten, in denen ich eigentlich nichts veröffentliche, die Überschrift Nachrichten aus der Zwischenwelt erfunden habe. Nun, es ist wohl, nach zwei Wochen Funkstille auch angebracht.
Es ist ja auch nicht so, dass ich nicht schreibe. Ich kommentiere sehr viel, aber erstens derzeit querbeet, nach den täglichen Anforderungen und Erinnerungsresten, und zweitens vieles zu Schülern und persönlichen Dingen, also nichts, was ich ungefiltert an die Öffentlichkeit geben würde.
Insbesondere meine Auseinandersetzung mit der Mathedidaktik schreitet nur langsam voran. Oder schnell, je nachdem. Denn ich habe ziemlich rasch mehr als nur einige fachliche Lücken in meinem Verständnis entdeckt; und soweit ich dies in einem solchen frühen Stadium sagen kann, auch fachliche Lücken in der Literatur. Sich mit seinen eigenen Lücken auseinanderzusetzen ist sinnvoll; inwiefern die Lücken in der Fachliteratur sich als Täuschungen herausstellen, bleibt abzuwarten.
Doch ich habe auch nicht wirklich Zeit. Die Arbeit an der Didaktik ist doch noch deutlich etwas anderes als die Unterrichtsplanung. Und die steht nun mal im Mittelpunkt.

06.11.2017

Diagrammatik

Über was ich mir heute Gedanken gemacht habe!
Neben all den kleinen, berufsbedingten Texten entwickelt sich die Arbeit an der Diagrammatik zu einem Thema, das so ziemlich alles, was ich bisher in meinem Leben geschrieben habe, umfasst.

Was ist Diagrammatik?

Dazu möchte ich nicht allzu ausführlich werden. Als Diagramme kann man alle Erzeugnisse bezeichnen, die einen Erkenntnisgewinn beabsichtigen und auf eine Fläche aufgetragen werden. Das ist nur eine grobe Definition. Aber sie zeigt, auch wenn dann noch ein paar Einschränkungen dazu kommen, auf ein weites Feld.
Daran kann man nun aber so ziemlich alles, was in Büchern vorkommt, festmachen. Denn nicht das Material, sondern der Blickwinkel auf das Material ist letztendlich entscheidend, ob ich etwas als Diagramm verstehe oder nicht. Selbst Bilder sind Diagramme, so das berühmte Bild Las Meninas von Velazquez. Dieses hat der französische Philosoph Michel Foucault seinem Buch Die Ordnung der Dinge in einer mittlerweile ebenso berühmten Interpretation vorangestellt.

Vielfalt der Diagramme

Was gehört noch dazu (und was habe ich heute in meinen Notizen erwähnt)? Bilder vom Zirkel und der Gebrauch des Zirkels selbst, Bilder von Wetterströmungen, die Kinderszenen von Schumann, den seltsamen dreidimensionalen Kupferstichen von Escher, eine Website von einem ökologischen Landwirtschaftsbetrieb und eine von einer Ferienanlage für Klassenfahrten, Mindmaps und Cluster, ein Interview mit Reichsbürgern (gerade im Tagesspiegel erschienen), Schreibpläne von Nietzsche in der Zeit vor der Veröffentlichung des Zarathustra, ...
Interessiert bin ich daran auch deshalb, weil ich ganz zu meiner Anfangszeit als Schreibcoach den Begriff "verorten" als einen meiner zentralen Arbeitsbegriffe neu definiert habe. Damit meinte ich, dass Figuren einer Erzählung immer in einem Raumbezug auftauchen müssen, damit sich dem Leser die Szene erschließt und vorstellbar wird. Auch das ist eine Art von Diagrammatik. Deshalb ist mir der Gedanke sehr vertraut.

Bis in die Unendlichkeit ... (haha!)

Nun, auch bei meiner Arbeit mit den Schulbüchern führt mich die Auseinandersetzung nicht nur zu einer genaueren Betrachtung der Schulbücher selbst - denn jede Schulbuchseite kann als Diagramm gelesen werden -, sondern auch darüber hinaus: wenn man die Möglichkeiten abschätzen möchte, wie Diagramme verstanden werden, spielen psychologische Theorien eine wichtige Rolle. Und diese kommen dann mit weiteren Diagrammen.
So öffnet sich hinter Verknüpfung ein weiterer Knotenpunkt. Und das hat mich, nachdem ich den Morgen etwas schläfrig herumgelümmelt habe, den Nachmittag umso fruchtbarer gemacht.

Weiterhin ist mein zentraler Referenztext Figuration, Erkenntnis, Anschauung von Sybille Krämer. Ein großartiges Buch, ich sagte es bereits.