30.06.2013

Zwei sinnvolle Funde im Internet: Snowden und Ununi

Der Donaukurier hat sich in einem offenen Brief auf seiner Titelseite an die Politiker gewandt und gegen die Internet-Überwachung protestiert: Prism, Tempora und Co.: Es geht um unsere Freiheit.

Über Twitter habe ich von ununi.tv erfahren. Dies soll eine Art offene Uni für alle interessierten Menschen werden. Gelernt wird über Hangouts, bzw. darüber, dass andere Menschen dann diese Hangouts ansehen können.

29.06.2013

Thriller schreiben: Szene und Spannung I

In den letzten Tagen hatte ich wieder mehr mit fiktionalen Texten zu tun. Über meinen Ärger mit einem Hobby-Autoren habe ich bereits berichtet. Konventionelle Literatur steht und fällt mit den Szenen und wie diese in der Geschichte genutzt werden. Vor allem aber sind gut ausgebaute Szenen für jegliche Spannungsliteratur wichtig, also zum Beispiel für Thriller.
Eine frühere, aber nicht veraltete Darstellung habe ich in meinem Artikel Szenisches Schreiben gegeben. Dies möchte ich gleich noch einmal auf James Patterson anwenden, der seine kurzen Kapitel oft mit den Szenen gleichsetzt. Zunächst aber noch ein weiterer aktueller Anlass, warum ich das Thema aufgreife.

Kay Noa und der Spannungsbogen

Kay Noa ist wohl ein Pseudonym. Die Autorin hat zwei Bücher veröffentlicht. Vom ersten habe ich die Leseprobe genutzt, fand den Stil etwas pathetisch, aber handwerklich ganz in Ordnung. Normalerweise lese ich gerne Bücher zu Ende, auch weil mich der Plot interessiert. In diesem Fall hat mir einfach die Zeit gefehlt und so bin ich bei der Leseprobe stehen geblieben.
Die Autorin betreibt auch einen Blog. Dort hat sie heute Morgen eine kurze Betrachtung über die Spannung in Romanen geschrieben. Sie ist nicht besonders klar. Das liegt allerdings auch daran, dass dieser Begriff der Spannung ein eher unklarer Begriff ist. Man kann zumindest sagen, dass man sehr umfassend argumentieren müsste, wollte man jedermanns und jederfraus Spannung unter einen Hut bringen. Anders gesagt: meine Kritik an Noa ist keine Kritik, da mir auch nichts wesentlich besseres einfällt.
Nun gut, vielleicht bin ich klarer. Noa deutet zwei wichtige Aspekte des Spannungsaufbaus an: einmal die aufgeschobene Lösung (und damit natürlich den Konflikt und die Aufteilung des Konfliktes in Teilkonflikte), zum anderen die Identifikation mit einer oder mehreren Figuren.
Was hat das mit Szenen zu tun? Darum soll es jetzt gehen.

Die Literaturwissenschaft und der konventionelle Autor

Schon öfter habe ich angemerkt, dass sich die Literaturwissenschaft (und in diesem Falle auch die Pädagogik) zwar um bestimmte Formen der Textproduktion kümmert, aber nicht um eine wissenschaftliche Darstellung von der Spannungsliteratur, bzw. Abenteuerliteratur im allgemeinen. Will man sich hier informieren, ist man auf Schreibratgeber angewiesen, die zwar häufig ganz nützliche Hinweise bieten, aber wenig systematisch sind. Ein typisches Beispiel ist der Ratschlag, möglichst viele Konflikte in seine Geschichte einzubauen. Das allerdings ist bei Spannungsromanen eine Selbstverständlichkeit. Interessanter ist doch, wie man diesen Konflikt gestaltet, damit er spannend wird.
In der folgenden Geschichte, die von einem Schüler aus der zweiten Klasse einer Grundschule stammt, ist ein Konflikt vorhanden. Spannend ist sie allerdings nicht, da der Konflikt sofort aufgelöst wird: "Ein Schüler war ein Monster. Er mochte seine Lehrerin nicht. Also fraß er sie auf."
Der Schüler hat begriffen, dass eine Geschichte einen Konflikt und eine Lösung haben kann. Um daraus allerdings eine spannende Geschichte zu gestalten, hätte er Zwischenstationen einbauen müssen. Die Aufteilung in solche Zwischenschritte geht immer mit der Aufteilung des Konfliktes einher. Die Möglichkeit aber, wie man diese Konflikte aufteilt, wie man sie sozusagen dramatisiert, scheint die Literaturwissenschaft nur exemplarisch und indirekt zu untersuchen. Am ehesten findet man dies noch in der Dramatik und aus diesem Bereich hole ich auch den Begriff der Szene.

Szenen

Was ist eine Szene?

Vielleicht kennt der eine oder andere Leser die formale Forderung von Aristoteles an eine Tragödie, dass Zeit, Ort und Handlung (gemeint ist hier die Geschichte, bzw. der Plot) je einheitlich genutzt werden müssen. Demnach sind zeitliche Sprünge genauso wenig erwünscht wie Ortswechsel. Natürlich taugt eine solche Forderung für den Roman überhaupt nicht. Der Roman lebt gerade davon, dass er eine große Flexibilität einführt bis hin zu der Möglichkeit, nicht mehr chronologisch erzählen zu müssen.
Man kann aber sehr gut diese Definition für eine Szene nutzen. Die Szene findet also an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit und mit dem Fokus auf einer bestimmten Handlung statt. Die Aufteilung der Geschichte in Szenen bedeutet, dass jeweils Ort, Zeit und Handlung vom Autoren bestimmt werden.

Trotzdem: Probleme

Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Es gibt zwar nicht viele, aber teilweise doch recht wichtige Ausnahmen. Eine solche ist zum Beispiel die Zusammenfassung: "Er pflügte den Acker, säte aus, wässerte und erntete, überdauerte den Winter und pflügte erneut. So gingen sieben Jahre ins Land."
Solche und ähnliche Szenen lassen sich gerade nicht mit meiner Definition fassen. In Spannungsromanen sind sie allerdings selten.
Häufiger finden wir den nahtlosen Übergang von einer Szene in eine andere. Wir können sie zwar bedingt trennen, aber wo die eine aufhört und die andere anfängt, lässt sich kaum bestimmen.

Spannung und Konflikt

Wenn man davon ausgeht, dass eine Erzählung auf (mindestens) zwei Ebenen eine Geschichte gestaltet, nämlich der diskursiven und der narrativen Ebene, müssen wir dies auch für die Szene beachten. Die diskursive Ebene umgrenzt die Kommunikation vom Autor zum Leser, die narrative dagegen bezeichnet alles, was in einer Erzählung "tatsächlich" passiert. Geht man weiter davon aus, dass die Spannung ein Phänomen bezeichnet, das der Leser empfindet, gehört diese zur diskursiven Ebene. Und da der Konflikt in einer Geschichte immer ein "tatsächlicher" Konflikt sein muss, gehört dieser zur narrativen Ebene.
Damit können wir zwar die Spannung nicht mit dem Konflikt gleichsetzen, aber zumindest einen engen Wechselbezug vermuten.

Die Funktion der Szene I

In Abenteuerromanen scheint es zwei große Funktionen von Szenen zu geben (wobei ich hier ausdrücklich humoristische Romane nicht beachte, obwohl diese auch spannend sein können oder ein Abenteuer schildern): Sie erzählen ein Stück der Handlung und/oder dienen der Charakterisierung von Personen. Beide Funktionen treten meist zugleich auf. Oft überwiegt allerdings eine der Funktionen, wobei die Personencharakterisierung wesentlich seltener auftritt.
Ein typisches Beispiel ist, wenn sich die Kommissarin in ihre Wohnung zurückzieht und mit ihrer Katze spricht. Eine solche Szene muss für die Gesamtgeschichte keinerlei Funktion haben, kann aber darauf hinweisen, dass die Figur von einem bestimmten Geschehen sehr betroffen ist.

Die Funktion der Szene II

Hat die Szene als zentrale Funktion eine Handlung, kann man diese weiter aufteilen (ich folge hier meiner eigenen Darstellung von 2008):
  • in einen Konflikt hineintreiben bis hin zur Konfrontation (Spannung erzeugen)
  • einem Konflikt ausweichen (Spannung erzeugen durch Aufschub einer Lösung)
  • einen Umweg gehen (eine Lösung aufschieben, ein neues Element einführen)
  • ein Rätsel ausstreuen (ein Problem verankern)
  • einen Informationsaustausch schildern (ein Problem verstärken oder eine Lösung vorbereiten)
  • die Geschichte & die Person in ihrer Umwelt verankern (die Erzählung gewöhnlich, plausibel, nachvollziehbar machen)
  • eine Vorgeschichte schildern (Identifikation ermöglichen)
Nehmen wir zum Beispiel die vierte Funktion, die ich hier aufgelistet habe: ein Rätsel ausstreuen (ein Problem verankern). Ein Rätsel ist ebenfalls eine Art Konflikt, wobei die Handlungsebene oftmals sehr zurückgenommen wird und stark auf der Seite der Information stattfindet. Der Tatort ist dafür sehr typisch. Das Rätsel lautet: was ist hier passiert?
Geschichten mit Spukhäuser streuen auch ein Rätsel aus, etwa: warum habe ich das Gefühl, dass dieses Haus mich ansieht? In solchen Szenen wird aber nicht nur ein Rätsel für den Protagonisten formuliert, sondern dem Leser auch ein Problem deutlich gemacht. Das muss übrigens nicht dasselbe sein, zumindest nicht hinterher. Stephen King hat in seinem Buch Brennen muss Salem ein solches Spukhaus; das eigentliche Problem oder der eigentliche Horror sind aber die Vampire. Das jedoch wird erst später deutlich. Allerdings ist nicht wichtig, dass der Leser frühzeitig das eigentliche Problem erkennt. Wichtiger ist, dass er weiß, dass ein Problem existiert.

Die Struktur von Szenen

Szenen treten recht unterschiedlich auf. Trotzdem gibt es sowas wie eine zentrale Szenenstruktur für Spannungsromane. Diese tritt am häufigsten auf, nicht immer in der reinen Form, und auch nicht vollständig regelmäßig. Über den Daumen gepeilt schätze ich, dass 60-70% aller Szenen so aufgebaut sind. Auch hier folge ich meiner Darstellung von 2008.
Zunächst einmal kann man die Beschreibung als ein grundlegendes Element der Szene ansehen. Beschreibung sei hier im weitesten Sinne des Wortes benutzt, sowohl für die Darstellung einer Handlung, einer Landschaft oder eines Zimmers oder eines Dialogs, usw.
Rein formal gesehen haben Beschreibungen zwei Funktionen. Zum einen erschaffen sie die Welt, während sie sie beschreiben; zum anderen bilden sie das Fundament für Personen und Handlungen.
Beschreibungen haben keinen besonderen Platz in der Szene. Sie laufen währenddessen mit.
Anker und Haken, zwei Bezeichnungen, die von mir stammen, begrenzen die Szene vorne und hinten. Der Höhepunkt einer Szene fällt häufig mit der Funktion einer Szene zusammen. Das werde ich gleich noch genauer erläutern.

Der Anker

In der typischen Szenenstruktur, die ich hier vorstelle, besteht dieser Anker entweder aus einer Orientierung von Raum und Zeit oder aus einer Ankündigung mit anschließender Orientierung. Bei Patterson findet man diese Eröffnung eigentlich immer. Ich zitiere zwei Stellen aus seinem Krimi/Thriller Der erste Mord (München 2002):
Ich vermag mich beim besten Willen nicht zu erinnern, wie ich von Dr. Orenthalers Praxis draußen im Noe Valley bis zum Hyatt am Union Square kam. (21)
Als ich an diesem Abend nach Hause kam, beherzigte ich Jacobis gut gemeinten Rat. (38)
Ich habe hier extra zwei äußerst kurze Orientierungen gewählt, um zu zeigen, dass diese Eingangssequenz einer Szene ganz knapp sein kann. Beidesmal handelt es sich nicht um einen vollständigen Satz, sondern einmal um einen Satzteil und das andere Mal um einen Nebensatz.

Andererseits kann diese Orientierung auch umfangreicher werden:
Ich arbeite in der Hall of Justice, dem Justizpalast. Wir nannten den grauen, zehn Stockwerke hohen Granitbau einfach die Halle. Er stand nur ein kleines Stück westlich der Schnellstraße an der Ecke von Sixth und Bryant. Wenn das Gebäude mit seinen ausgeblichenen, sterilen Korridoren nicht schon verdeutlichte, dass dem Polizeiwesen jeglicher Stil fehlte, so tat das auf alle Fälle die Nachbarschaft. Bruchbuden der Kautionshaie, Läden mit Autoersatzteilen, Parkplätze und schmierige Cafés. (35)
Hier wird übrigens deutlich, für wen solche Orientierungen geschrieben werden: für den Leser. Die Icherzählerin wird sich wohl kaum erklären müssen, wie ihr Arbeitsplatz aussieht.

Es gibt auch Szenen, in denen diese Orientierung vertuscht werden kann.
»Was hat sie damit gemeint?«, fragte Chessy Jenks ihren Mann verwirrt, nachdem die Polizisten das Haus verlassen hatten. (223)
Es dürfte klar sein, dass hier Ort und Zeit nicht verändert werden. Lediglich die anwesenden Personen führen zu einer anderen Konstellation. Trotzdem ist diese Orientierung auch hier vorhanden. Für die Zeit wird sie relational angedeutet (nachdem) und für den Raum schlicht, dass er immer noch derselbe ist (das Haus).

Die Ankündigung ist ein möglicher Zusatz, der meist vor der Orientierung steht und einen Konflikt ankündigt. Kafka beginnt mit einer solchen Ankündigung seinen Roman Der Prozess:
Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.
Erst danach beschreibt Kafka, wo sich sein Protagonist gerade befindet.
In Harry Potter und die Kammer des Schreckens findet man folgende zwei Ankündigungen:
Im Ligusterweg Nummer 4 war mal wieder bereits beim Frühstück Streit ausgebrochen. (5)
Dieser schlichte Satz hatte eine gewaltige Wirkung auf den Rest der Familie: … (6)
Was dieser Streit und diese Wirkung konkret sind, wird erst im nachfolgenden Text deutlich.

Orientierungen und Ankündigungen sind typische Zeichen für eine neue Szene. Ich weise trotzdem noch einmal darauf hin, dass es hier genügend Ausnahmen gibt. Solltet ihr euch also bemüßigt fühlen, einen Roman nach Szenen einzuteilen, verzweifelt bitte nicht daran, wenn ihr das Gefühl habt, dass eine neue Szene beginnt, ihr diese Elemente aber nicht finden könnt.

Der Haken

Am Ende eine Szene findet man oftmals einen "Haken". Ich habe dieses Textmuster deshalb so genannt, weil er den Leser weiter in die Geschichte hineinzieht. Leider finden wir hier eine Menge mehr an Möglichkeiten (was natürlich in gewisser Weise auch ein Glück ist), als beim Anker.
Patterson zeigt hier zwei Vorlieben. Einmal schildert er eine Handlung, deren weiterer Verlauf für den Leser leicht ersichtlich ist. Zum anderen lässt er seine Icherzählerin eine besonders relevante Information erfahren oder es wird ein besonders emotionaler Moment unterstrichen.
Beispiele für den ersten Fall sind im Buch Der erste Mord:
»Was ist das Schlimmste, das jemals jemand getan hat?«, fragte sich Phillip Campbell wieder. Das Herz hämmerte in seiner Brust.
Dies hier? Hatte er es soeben vollbracht?
»Noch nicht«, antwortete ihm eine innere Stimme. »Noch nicht ganz.«
Langsam hob er das wunderschöne weiße Brautkleid hoch. (15)
Erst jetzt wurde dem Mörder klar, dass die warme Flut an seinen Beinen und Knien sein eigener Urin war.
Er feuerte das Magazin auf Becky und Michael DeGeorge leer. (89)
Die zweite Variante findet man zum Beispiel so:
Der Mörder nimmt nicht die Ohrringe, begriff ich.
Er nimmt die Eheringe. (64)
Ich sah den entsetzten Ausdruck auf Ms. Perkins' Gesicht. Sie schien etwas Grauenvolles zu sehen. »Da gibt es noch etwas, das Sie wissen sollten.«
»Was?«
»Ungefähr vor einem Monat haben wir bei der Inventur festgestellt, dass unser Ordner über die Bräute fehlt.« (136)
Eine weitere Variante nenne ich Abkühlung. Dabei wird ein Konflikt zwar nicht gelöst, dem Leser aber angedeutet, dass er für einen Moment aufgeschoben worden ist:
Ich blieb noch einige Minuten an meinem Schreibtisch sitzen und weinte.
Häufig findet man auch den erzwungenen oder notwendigen Szenenwechsel:
»Weshalb ich eigentlich anrufe: wir haben einen weiteren Mord. Ich erwarte dich in einer halben Stunde vor dem Pinewood View draußen an der Interstate 95.«
Dieser letzte Satz, mit dem zum Beispiel ein Telefonat enden könnte, "erzwingt" für die Geschichte eine neue Szene.

Der Höhepunkt

In Spannungsromanen gibt es so etwas wie eine ungeschriebene Regel. Der Höhepunkt einer Szene fällt gleichzeitig mit ihrem Haken zusammen. Die wichtigste Erkenntnis, die die Protagonistin aus einer Untersuchung gewinnt (also der Höhepunkt) ist zugleich der Abschluss der Szene. Oder die wichtigste Handlung, die der Serienmörder in dieser Szene ausführt, beendet diese auch. Patterson beherrscht das hervorragend. Ich hatte oben bereits Beispiele dafür gegeben.
Übrigens darf man den Höhepunkt einer Szene nicht allzu dramatisch sehen. Je nachdem, um welches Genre es sich handelt, können diese sogar sehr alltäglich daherkommen.
Mit einigem Stolz betrachtete Peter den glänzenden Wagen. Seine Mühe hatte sich gelohnt.
Natürlich weiß der Leser an dieser Stelle schon, dass Peter einen Ausflug mit Bettina vorbereitet hat. Dazu gehört eben auch, dass der Wagen tadellos aussieht. Dies ist dann gewissermaßen der Höhepunkt. Als Abschluss der Szene könnte folgendes stehen:
Das Polierleder entsorgte er in die Mülltonne. Es hatte seinen Zweck erfüllt. Dann räumte er das Glanzwachs in das Regal, schloss die Garagentür und kehrte ins Haus zurück.
Ob ein solcher Höhepunkt besonders dramatisch ist oder nicht, hängt von dem Konflikt ab, der gerade behandelt wird. Dabei solltet ihr aber auf jeden Fall bedenken, dass es gerade zu Beginn einer Geschichte viele Szenen gibt, die die Konflikte erst vorbereiten, um sie dann in einer anderen Szene deutlich werden zu lassen.
Nehmen wir in diesem Fall, also für mein Beispiel, an, dass der eigentliche Konflikt in dem Moment entsteht, als jemand das Auto stiehlt, es demoliert, oder - um ein besonders bizarres Beispiel zu nennen - von einem Dämon in Besitz genommen wird.

Spannungsaufbau und Abspann

Ich gestehe, dass ich zu diesen beiden Aspekten wenig sagen möchte. Der Abspann entfällt, wenn der Höhepunkt zugleich der Haken der Szene ist. Ebenso entfällt er, wenn eine Szene in eine andere Szene hinübergleitet.
Auch der Spannungsaufbau darf hier mit einer gewissen Lässigkeit betrachtet werden. Gerade bei kurzen Szenen sind es oft Einfälle (gemeint sind die Einfälle eines Protagonisten, nicht des Autors), die einer Geschichte bei ihrer Entwicklung dienlich sind. Die einzelne Szene jedoch muss dabei nicht wirklich spannend sein.
Um das allerdings darzustellen, müsste man sich viel Zeit nehmen. Vor allem müsste man den Spannungsaufbau in Szenen systematisieren, wozu ich bisher noch keine Lust hatte. Man müsste ihn mit der Spannung im gesamten Roman in Verbindung bringen. Das allerdings scheitert daran, dass es keine klare Definition der Spannung gibt (wie ich bereits am Anfang erwähnt habe).

Schluss

Für heute soll es genug sein. Ich hoffe, es ist einiges deutlich geworden. Drei Aspekte fehlen allerdings: zunächst sollte man die Struktur von Szenen auf einer doppelten Ebene betrachten, der narrativen und der diskursiven; dann müsste man die Abfolge der Szenen zumindest exemplarisch beschreiben; und schließlich spielen in konventionellen Spannungsromanen die Figuren und damit ihre Psychologie eine wichtige Rolle. Da Konflikte immer dann entstehen, wenn sich zwei Motive ausschließen, da Konflikte mit der Spannung eine enge Verbindung eingehen, brauchen wir hier eigentlich zur Klärung die Psychologie, zumindest eine Psychologie, die für den Autor handhabbar ist.
Letzter Punkt der Selbstkritik (wenn man dies überhaupt so nennen darf): man könnte hier natürlich zahlreiche Sachen üben. Die Übungen allerdings behalte ich mir für eine zukünftige Veröffentlichung vor, genauso wie eine für den Autor zurecht geschnittene Motivationspsychologie.

Popstar Precht

Kaum wendet man der Welt einmal den Rücken zu, hat sie sich schon wieder weiter gedreht. Irische Manager verärgern die Bundeskanzlerin, Russland und die USA sind sich über die Unterstützung des syrischen Regimes nicht einig. Hilfreich ist es aber auf jeden Fall, Waffen zu liefern. Hilfreich für die eigene Wirtschaft.
Vor einem halben Jahr bin ich angepöbelt worden. Warum? Weil irgendjemand auf Facebook geschrieben hat, er würde jetzt einmal philosophische Gedanken veröffentlichen. Zu diesen philosophischen Gedanken gehörten Sätze wie "Wenn du dir für heute vornimmst, dass dein Tag glücklich sein wird, wird er auch glücklich!" Natürlich musste ich ganz heftig widersprechen. Das ist ja noch nicht einmal mehr Stammtisch-Philosophie, sondern nur noch esoterischer Quark.
Irgendjemand meinte dann auch noch, Philosophie bestünde darin, selber zu denken. Als ob es denn anders ginge! Das Problem ist doch, dass unser Gehirn arbeitet und arbeitet und arbeitet und dabei auf die tollsten Ideen kommt. Doch genau das müssen wir immer wieder unterbrechen und neu fassen. Dazu haben wir ja die Umwelt. Und dazu pflückt man sich auch nicht irgendwelche aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate aus irgendwelchen Philosophiebüchern, sondern liest diese gründlich.
Klaus Baum hat auf seinem Blog Notizen aus der Unterwelt auf einen taz-Artikel hingewiesen, Titel: Popstar Precht. Ich weiß nicht, ob dieser Artikel satirisch, provokativ oder einfach nur doof ist. Hatten wir früher denn Adorno, Böll und Arendt? Oder ist der Autorin zum Beispiel Hannah Arendt nur deshalb eingefallen, weil es frisch einen biografischen Film über sie gibt? Oder Adorno, weil die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler letztes Jahr ja schon ein halber Medienskandal war?
Was ist mit Hans Blumenberg? Bernard Waldenfels? Hans Jonas? Dürfen die auch, oder haben die jetzt die (philosophische) Arschkarte gezogen? Jürgen Habermas, Gadamer, Bloch, Marcuse.
Jedenfalls ist es ein Elend, wenn Menschen, die von Philosophie keine Ahnung haben, über Philosophie schreiben. Zum Schluss freut sich die taz auf die Meinung ihrer Leser. Darin unterscheiden wir uns dann wohl ganz gewaltig.

Im übrigen ist nichts gegen eine Vereinfachung und einen Überblick zu sagen. Zwei wichtige Werke, die ich immer wieder zur Hand nehme, sind Geschichte der Philosophie von Johannes Hirschberger, obwohl diese einen recht katholizistischen Ton verbreitet. Meine andere Einführung ist der Cours de la philosophie von Cuvillier.
Hirschberger, so muss man leider sagen, verbreitet spätestens nach seinem Hegel-Kapitel nur noch Murks. Was er über Nietzsche, Marx und Freud schreibt, ist keine Darstellung, sondern ein dümmliches Pamphlet. Aristoteles und Platon, Descartes und Kant dagegen werden recht sachlich und auch recht umfassend dargestellt. Als erstes Hineinschnuppern ist das ganz praktisch.
Der Cuvillier ist in Deutschland nicht bekannt. Er ist wohl die berühmteste Einführung in die Philosophie in der französischen Nachkriegszeit. Was mir an diesem Buch besonders gut gefällt, ist seine Aufteilung in einzelne Themengebiete, die dann weiter verfeinert aufbereitet werden. So heißt das achte Kapitel: die Wirklichkeit der sinnlichen Welt. Darin finden sich dann weitere Unterteilungen in den gewöhnlichen Realismus, den rationalistischen Idealismus oder den dialektischen Idealismus. Allerdings fokussiert sich Cuvillier vor allem auf die neuzeitliche Philosophie. Die Antike, die Patristik und Scholastik streift er allerhöchstens. Deutsche und amerikanische Philosophen nach Hegel sucht man hier auch vergeblich. Im Gegensatz zum Hirschberger allerdings gibt sich Cuvillier "unparteiisch" und sachlich.

28.06.2013

Snowden und Obst zum Basteln (man kann es ja mal versuchen)

Zitronen überwachen: auch ein Hobby.
"Die USA drohen ganz offen und ohne auch nur einen Anflug von Skrupeln dem südamerikanischen Land Ecuador mit drastischen wirtschaftlichen Sanktionen, sollte es Edward Snowden Asyl gewähren.
Landläufig nennt man sowas Erpressung.
Glaubt eigentlich irgendjemand, dass es den USA lediglich darum geht, den “bösen Verräter” vor Gericht zu stellen und zu bestrafen? Wer das glaubt, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten."
Zitiert aus Der Spiegelfechter. Das erste eingerückte Zitat stammt aus dem Artikel. Das restliche Zitat aus einem Kommentar, den ich allerdings mit ein bisschen Rechtschreibung versehen habe.

27.06.2013

Pornographie und Rechtschreibung

Eine liebe Kollegin hat einen Artikel über die Autobiografie eines Pornodarstellers geschrieben. Ich wusste gar nicht, dass sie solche Themen auch mal bedient. Normalerweise kenne ich von ihr mehr "seriöse" Sachen. Jedenfalls war ich dann auf der Internetseite dieses Pornodarstellers und musste feststellen, dass Rechtschreibung und Zeichensetzung ganz schön hart sein können:
Neu und für alle die einen anfahtsweg von mehr als 100 km haben zahlen auch nur 80 Euro.
Nachtrag: Gerade finde ich einen Eintrag aus dem Jahr 2009: Zeichensetzung und Pornographie.

24.06.2013

Kopflos, Zopflos und was vom literarischen Kanon zu halten ist

Kopflos ist ein "Thriller" eines jungen Autoren, eines gewissen Kutschers. Er hat sich gegenüber einem Rezensenten recht seltsam verhalten, was mich geärgert hat. Daraufhin habe ich mir das Buch zugelegt und konnte gleich auf den ersten beiden Seiten eine ganze Menge an stilistischen und narrativen Fehlern entdecken. Jedenfalls hat es gereicht, um dies in einer Rezension zu zerpflücken. Ich habe sogar auswählen müssen. Der Rest der Geschichte ist ähnlich verwirrend geschrieben. [Siehe auch meinen Nachtrag dazu und zur Parodie Zopflos am Ende des Artikels; wer einen wesentlich besser geschriebenen Thriller lesen möchte, dem sei das Buch Der Prediger von Nathalie Schauer empfohlen: es ist zwar auch "nur" ein Unterhaltungsroman, aber eben einer, der gut geschrieben ist. Gut heißt: man kann in der Geschichte bleiben. Während man in manch anderen Büchern von Kindle-Autoren alleine durch die Rechtschreibung oder den Stil ständig daran erinnert wird, dass man liest, nicht, dass man "eine Wirklichkeit erlebt".]
Ich habe daraufhin eine Mail vom Autoren bekommen, in der er "androht", mein Werk auch zu "rezinsieren". In einer weiteren Mail hat Kutscher dann behauptet, dass, wer über Einhörner schreibt, keine Ahnung von Thrillern habe. Das allerdings ist eine recht kühne Behauptung. Sowohl Fantasy als auch Thriller bedienen nämlich weitestgehend eine sehr ähnliche Struktur. Die Unterschiede sind eher oberflächlich. Das wird zwar meistens vom Leser nicht gelesen (und muss es ja auch nicht), aber für Literaturwissenschaftler ist das schon wichtig und wer Spannungsgeschichten schreibt, tut jedenfalls ganz gut daran, sich an diese Struktur zu halten. Es gibt natürlich Ausnahmen und hervorragende Ausnahmen, zum Beispiel Der Buick von Stephen King. Dieser Roman ist eher eine Enttäuschungsgeschichte, weshalb er bei den Lesern auch nicht besonders gut angekommen ist.
Hitchens, den ich als Diskussionspartner sehr schätze, hat in einem Kommentar zu meiner Rezension die fehlende Kenntnis von klassischer Literatur eingeklagt. Ich stimme mit ihm zum Teil darin überein. Mir wäre es auch lieber, ich könnte mich über die Bücher, die ich faszinierend finde, mit möglichst vielen Menschen unterhalten. Andererseits ist natürlich die Aufgabe des Buchmarktes oder der Leser nicht, meine persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Ich muss also damit rechnen, dass andere Menschen andere Bücher lieber mögen. Meine ganze Antwort an Hitchens zitiere ich noch einmal hier, da sie verdeutlicht, wo für mich tatsächlich komplett schlechte Literatur anfängt.
Wobei ich von einem solchen Kanon [gemeint ist der literarische Kanon der Klassiker] wenig halte. Die Konflikte, die Goethe in seinen Werken schildert, sind eindeutig nicht die Konflikte der meisten Menschen von heute. Ich empfinde auch manche Schullektüren als zu schwierig, als dass man sie den Schülern anbieten könnte. Agnes von Peter Stamm, ein wunderschöner Liebesroman, ist sehr schwierig zu interpretieren, gerade weil er zu schlicht schreibt, gerade weil er die tiefere Bedeutung nicht durch Symbole, sondern durch die Aneinanderreihung von Szenen vermittelt.
Andererseits empfehle ich meinen Kunden, möglichst viel und möglichst unterschiedlich zu lesen, und natürlich auch den Kanon an Klassikern zu beachten. Nur seien wir ehrlich: wer hat schon mal etwas von Gerhart Hauptmann gelesen, immerhin ein Literaturnobelpreisträger? Und wie viele Werke von Goethe kennt der gute Bildungsbürger eigentlich? Ein paar Gedichte, drei, vier Theaterstücke? Und was davon hat er eigentlich gelesen?
Im übrigen halte ich von der Goethe-Rezeption des 19. Jahrhunderts meist gar nichts. Die läuft allzu häufig auf eine Tautologie hinaus: Goethe ist wichtig, weil Goethe wichtig ist.

Natürlich haben Sie recht: Sprachgefühl, Logik und die dazugehörigen Teilgebiete wie Begriffsbildung und Urteilsvermögen, Schlussfolgerungen oder sei es nur eine präzise Wahrnehmung werden wenig gepflegt, wenig überdacht. Andererseits müsste man dann allerdings schon von den ersten Philosophen so etwas wie eine endgültige Wahrheit fordern können. Doch die Logik hat sich über die Laufe der Jahrhunderte extrem verändert, was nicht nur an gesellschaftlichen Änderungen liegt, sondern eben auch, dass mithilfe der Logik die Logik kritisiert wurde. Derzeit ist wohl das größte Problem, dass die Massenmedien eine mediale Logik anbieten, die zur klassischen Logik überhaupt nicht passt. Die Folge ist, dass die meisten Menschen nicht mehr den großen Denkern folgen, sondern den rhetorischen Verdrehungen aktueller Medien. Das allerdings kann man nicht den Menschen anlasten, sondern vor allen Dingen auch den Journalisten. Mindestens die großen Tageszeitungen, aber auch die öffentlichen Sender hätten hier die Pflicht, auf solche Kompetenzen zu achten. Und notfalls eben auf viele Zuschauer zu verzichten.

Nein, ich denke, in meiner Rezension geht es einfach um ganz grundlegende Sachen, eher um eine Unfähigkeit, den Alltag zu erzählen und noch lange nicht um die Fähigkeit, eine bedeutsame Geschichte zu schreiben. Und das macht mir wirklich Angst: wenn die Menschen nicht mehr in der Lage sind, Tatsachen zumindest so zu ordnen, dass sie in der richtigen Reihenfolge erscheinen, wie sie aufgetreten sind. Oder auftreten sollten, wie man dies für fiktive Prosa in Anspruch nehmen darf.
Und da finde ich Kutscher noch nicht einmal besonders relevant. Wenn ich dies aber in einer Beurteilung eines Schülers entdecke, in den Behauptungen, die jemand über einen anderen Menschen macht (bis hin zur Erfindung von Tatsachen, weil sich sonst der logische Bruch allzu deutlich zeigt), finde ich das schon extrem bedenklich. Hier rutschen einzelne Menschen bis hin zu ganzen Bevölkerungsschichten in die Esoterik zurück, während wir doch versuchen, die Aufklärung voranzutreiben.
Nachtrag:
Kutscher hat mittlerweile das Buch gelöscht und wiederum neu eingestellt. Er schreibt, es sei eine verbesserte Auflage. Er begeht hier einen Fehler, mit dem ich bei meinen Kunden immer wieder zu kämpfen habe: man muss sein Buch, aber auch die Kritik dazu, liegen lassen. Manchmal muss man sie lange liegen lassen. Blinder Aktionismus schadet nur. Und so hat Kutscher eben nicht nur zahlreiche seiner Rezensenten beleidigt, sondern sein Buch auch verschlimmbessert. Will sagen: es ist immer noch unglaublich anstrengend erzählt und damit nicht das, was ein unterhaltendes Buch leisten sollte: zu unterhalten.
Unterhaltsam allerdings ist, wenn auch manchmal etwas schwarzhumorig und derb, der Kein-Roman Kopflos. Dieser Mensch kann schreiben. Und er kann gut schreiben. Sofern man manchen etwas böseren Spruch abkann.

21.06.2013

Ich gestehe: manchmal mag ich sogar einen CSU-Menschen; die Obamas scheitern immer an der Komplexität

Ich habe den ganzen Nachmittag und Abend auf YouTube politische Diskussionen angeschaut. Nicht nur, aber vor allen Dingen. Nebenher habe ich mir dazu Notizen gemacht. Auf ein Video mag ich hier schon einmal hinweisen. Es ist ein Ausschnitt aus einer Talkshow vom bayerischen Rundfunk mit Jutta Ditfurth. Bemerkenswert finde ich allerdings einen Lokalpolitiker, Heinrich Oberreuter (CSU), der folgenden, zurzeit sogar sehr aktuellen Satz fallen lässt:
Die Obamas scheitern immer an der Komplexität.
Unter anderem habe ich mir auch ein Video aus einer Talkshow mit Norbert Bolz angesehen. Norbert Bolz ist Professor für Medientheorie und vertritt, allerdings nur angeblich, die Systemtheorie. Tatsächlich wandert er aber zwischen wissenschaftlicher Analyse und Moralvorstellungen äußerst konservativer Art hin und her. Das verträgt sich nicht zusammen und insofern ist er auch kein Systemtheoretiker, sondern jemand, der die Systemtheorie benutzt, um darauf dann, gleichsam mit einem argumentativen Bocksprung, seine Moral draufzupacken. Das bedarf einer ausführlicheren Analyse, auch, um mal wieder die Systemtheorie ins Feld zu führen.

Neuland und Muttifaktor; Katachrese; Sittlichkeit

Satzfiguren

Nein, ich werde keine weiteren Witzchen über Neuland machen, oder, wie man es spezifischer schreibt #Neuland. Wie aber nennt man nun eine Aussage, die offensichtlich lächerlich ist, aber eben nicht ironisch gemeint? In der Rhetorik gibt es die so genannten Satzfiguren, die für dies zuständig sind. Da aber offensichtlich kein Mensch gewollt Sätze ausspricht, die albern sind, hat es dafür auch nie einen Grund gegeben, sie zu bezeichnen.
Satzfiguren sind zum Beispiel die rhetorische Frage oder die Lizenz. Zur rhetorischen Frage muss man, glaube ich, wenig sagen. Die Lizenz ist ein Zugeständnis an den Zuhörer, das aber meistens zurückgenommen wird durch ein Aber oder Trotzdem: "Natürlich hat diese Regierung die Steuern gesenkt …, und im ersten Moment haben die Menschen auch tatsächlich davon profitiert, aber langfristig …".

Katachrese und Metapher

Bei dem Wort Neuland schwanke ich übrigens zwischen einer Metapher und einer Metonymie. Man kann es nicht ganz von der Hand weisen: das, was im Internet passiert, ist teilweise immer noch überraschend. Es ist eben kein vollständiges Neuland, sondern etwas von beidem: viel genutzt, aber immer nur in einzelnen Bereichen; manches wird schlichtweg nicht verstanden. Sieht man es so, dann ist Neuland eine Metonymie, ein Teil des Ganzen. Auf der anderen Seite ist Neuland auch eine Katachrese, jedenfalls in diesem Fall.
Die Katachrese verbindet ein nicht-metaphorisches Wort mit einem metaphorischen. Das ist zum Beispiel bei dem Wort Stuhlbein plastisch. Stühle haben keine Beine; aber die Analogie zwischen dem Stuhlbein und dem menschlichen Bein ist deutlich genug, um die Metapher zu gewährleisten. Der Tagesspiegel, eine Berliner Zeitung, stellt ebenso eine Katachrese dar. Da er täglich erscheint, gilt er für den Tag. Dass er etwas spiegelt (im wörtlichen, d.h. physikalischen Sinne), gehört ins Reich der Metaphern. Es ist eine sehr konventionelle Metapher, weshalb wir darüber kaum noch nachdenken.

Neuland ist deshalb eine Katachrese, weil Land metaphorisch gebraucht wird. Das Internet ist eben kein Raum in dem Sinne. Natürlich nimmt die Hardware Platz weg, ist also räumlich. Aber das, wofür wir das Internet eigentlich gebrauchen, den Austausch von Informationen, kann man schlecht als Raum bezeichnen. Neu dagegen ist keine Metapher, sondern ein Adjektiv, das wohl im eigentlichen Sinne gemeint ist, also eben als in der Vergangenheit noch nicht vorhanden, jetzt aber schon.

Pejorativ

Ebenso ist das Wort Muttifaktor eine Katachrese. Mit diesem Wort wird die hartnäckige und teilweise nicht mehr nachvollziehbare Beliebtheit von Angela Merkel bezeichnet. Alles, was Angela Merkel sagt, gilt als besonders richtig. Auf Facebook habe ich es bereits erlebt, dass erwachsene Menschen, die von Demokratie eigentlich Ahnung haben sollten, gefordert haben, dass Angela Merkel als Bundeskanzlerin auf Lebenszeit gewählt werden sollte. So, wie das bei einer Mutti eben üblich ist. Faktor kann man großzügig als Einfluss übersetzen und damit, dass die Mutti eben Einfluss auf die Meinung hat. Mutti ist gleichzeitig ein Pejorativ, halb abwertend, aber auch halb verniedlichend gemeint.

Nachsatz: Analyse und Sittlichkeit

Neulich beschwerte sich ein Leser meines blogs, dass meine Analysen nie zu einer Praxis führen würden. Ich würde Texte auseinander pflücken, ausführlich kritisch beleuchten und dann nicht sagen, was die Menschen damit anfangen sollen. Ich kann aber einem einzelnen Menschen nicht seine Sittlichkeit vorschreiben. Ich kann nur sagen, wo für mich die Grenzen sind und die Grenzen sind dort für mich gegeben, wo das demokratische Bewusstsein und die demokratischen Gepflogenheiten überschritten werden. Aufklärung über die Verführung durch Sprache halte ich dagegen für sehr wichtig. Und wenn man so etwas wie eine Maxime über meine Analysen stellen müsste, dann wäre das wohl: lasst euch nicht (von der Sprache) verführen! Die Verführung kann nur dort Mittel sein, wo Argumentation nicht mehr hilft, nicht mehr helfen kann. Obwohl auch das eine gefährliche Aussage ist. Die Argumentation gehört für mich zur Demokratie dazu. Sie leichtfertig aufzugeben ist jenes Überschreiten einer Grenze, die durch individuelle Sittlichkeit nicht mehr abgedeckt ist.

19.06.2013

Ich habe Hegel auf die lange Bank geschoben

Eine Anmerkung von Judith Butler hat mich auf Hegel gebracht. Seit eineinhalb Monaten arbeite ich mit seiner Phänomenologie. Jetzt reicht es mir; ich bräuchte mehr Zeit, zum Beispiel auch, um die beiden großen Hegel-Bücher von Marcuse zu lesen oder eben Adorno oder einfach mal eine Einführung.
Ich kehre zu Butler zurück und werde mich später nochmal mit Hegel beschäftigen.

Derzeit vor allem: Christa Wolf. Wieland (mein Bruder) verweist mich auf Gryphius (Es ist alles eitel); und so weiter und so fort. Wollte für Kirsten etwas schreiben, mache es aber halbherzig. Andere Fragen beschäftigen mich mehr. Noch eifrige Notizen zu Szenen in Krimis und Thrillern: zwei Kindle-Autoren gelesen, Sergej Schuster (Kopflos), der tatsächlich das Schreiben lassen sollte, da er weder Sprachgefühl noch Einsicht zeigt. Heiko Grießbach, der erstmal technisch gut schreibt, sich aber nicht zwischen Suspension und Ironie entscheiden kann.

15.06.2013

CSD in Köln und die Homo-Ehe; Individual-Rechte

Diesmal führt mich nicht eine aktuelle Debatte in den üblichen online-Portalen zum Thema CSD. Das wäre momentan zwar wahrscheinlich, aber eigentlich bastele ich gerade an poetischen Figuren bei DDR-Schriftstellerinnen herum. Ich habe es bereits angedeutet. Nein, diesmal war es fast ein Zufall: ich wollte mal wieder meine Link-Sammlung aufräumen und einige Blogs löschen, die seit langer Zeit nicht mehr geführt werden.
Dabei bin ich über die Internetpräsenz meines ehemaligen Kollegens Robert Niedermeier gestolpert. Sein aktueller Artikel Neuanmeldung gegen Nazis ist nicht nur hervorragend geschrieben, sondern hat mir noch einmal gezeigt, wie und wo meine eigenen Grenzen politischen Denkens verlaufen. Die werde ich nun überdenken müssen.
Wie meine treueren Leser wissen, bin ich für eine Legitimierung der (scheußliches Wort!) Homo-Ehe und eine Gleichstellung. Allerdings ist es sehr fraglich, ob das tatsächlich politisch sinnvoll ist. Nicht, weil ich nun keine Gleichberechtigung mehr möchte. Fraglich ist, was mit anderen möglichen Formen der (Intim-)Gemeinschaft passiert; ob es hier nicht eine Berechtigung gebe, auch diese gesetzlich besserzustellen. Es geht also um die Frage, ob es gleiche oder eventuell bessere Rechte geben soll. (Nachtrag: der Spiegelfechter vertritt die Gleichstellung vor dem Gesetz: Dumm, dreist, verlogen: Das Märchen von der Schwulen-Lesben-Lobby.)
Niedermeier führt die Möglichkeit an, nicht die Eherechte auszudehnen, sondern Individualrechte zu stärken, also auch die Partizipation an nicht-ehelichen Pflichten und Rechten in gemeinschaftlichen Lebensformen. Ich halte die Diskussion darüber für äußerst sinnvoll. Derzeit erlebe ich das an meinem Patenkind, den ich seit sechzehn Jahren als meinen eigenen Sohn ansehe. Er war über lange Zeit Woche für Woche bei mir; weder steht er auf meiner Lohnsteuerkarte, noch hat seine Mutter mich jemals finanziell unterstützt. Meine Motive sind deutlich andere. Trotzdem behauptet sie sogar noch, das sei irgendwie großzügig von ihr, dass sie ihren Sohn zu mir gelassen hätte. Dass sie selber dadurch einen Abend in der Woche und jedes zweite Wochenende frei hatte, das scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen. Ebenso hat sie mich an wichtigen Entscheidungen über das Leben des Jungen nie teilhaben lassen. Gemeckert hat sie, wenn das nicht alles zu ihrer Bequemlichkeit verlaufen ist. Und als Strafe hat sie ihn auch gerne mir vorenthalten.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ja, ich hätte gerne mehr Individualrecht gehabt. Heute ist das kaum noch sinnvoll. Mein Sohn ist ein junger Mann und muss langsam seinen eigenen Lebensweg finden. Es ist sehr bedauerlich, dass er von einer eigentlich nur stockkonservativen und, wie man es von Konservativen kennt, auch recht ungebildeten Frau großgezogen wurde; die nicht dadurch progressiv ist, dass sie angeblich feministisch sei. Das gilt schon lange nicht mehr. Zumindest einige Strömungen des Feminismus sind längst im Neoliberalismus angekommen.
Robert Niedermeier hat mich mit seinem tollen Artikel daran erinnert. Es muss doch noch weitere Lebensformen geben jenseits eines Elite-Feminismus und diesen pseudo-biologisierenden Männerbewegungen. Seltsamerweise hat mich gerade meine Krankheit und dass ich fast gestorben wäre, darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig die Wahrheit ist und wie wichtig es ist, zunächst bei den simplen Tatsachen zu bleiben. Was für Männer und auch für Frauen heißt, nicht wie kleine, beleidigte Prinzesschen in ihrer Traumwelt herumzuturnen.

14.06.2013

Unheimlich unbekannte Philosophen

Schon einer der bekannten Philosophen sagte: "Füllt Euer Leben nicht mit mehr Tagen, sondern Eure Tage mit mehr Leben!"
schreibt eine gute Freundin, die ich hier mal nicht outen möchte. Welcher denn? habe ich sie zurückgefragt.
Angeblich war es eine gewisse Cicely Saunders, eine englische Krankenschwester. Behauptet Google! (Und deren Datensammlung ist natürlich auch eine Lüge!)

Homosexuelle Seismographen

Ich würde ja nicht so viel über die Homosexualität schreiben, wenn sich nicht die Schwulenfeindlichkeit als ein recht präzises Instrument für antidemokratische Strömungen erweisen würde. Was die Homophobie einzelner Individuen angeht, sehe ich das relativ gelassen: die wird es immer wieder geben. Leider scheint sich hier aber so etwas wie ein Despotismustest zu etablieren: wenn man gegen Homosexuelle ausfallend werden darf, dann sind weitere Formen der Unterdrückung auch möglich. So erweist sich die Homophobie als eine Art Seismograph für die Festigkeit, die ein demokratisches Verständnis in der Bevölkerung hat.

Aktueller Anlass:
In Russland wird die Unterstützung von Homosexualität unter Strafe gestellt. Das entsprechende Gesetz ist gerade in der Duma verabschiedet worden.
Papst Franziskus hat auf einem eher privaten Treffen mit Ordensleuten gegen die Homo-Lobby im Vatikan konkrete Maßnahmen angekündigt. Nun dürfen natürlich Christen ihren persönlichen Glauben halten wie sie wollen; und dazu darf dann auch gehören, die christliche Ehe für ausschließlich heterosexuelle Paare in Anspruch zu nehmen. Die christliche Ehe ist allerdings nicht die juristische Ehe. Und so weit sollte der Verstand doch reichen, dass man beides trennen kann. Abgesehen davon lehrt uns die Geschichte, dass Staaten, die zwischen Gesetzestreue und Religionsfreiheit nicht unterscheiden können, meist zu Ungunsten der Gesamtbevölkerung wirken, Wirtschaft und Innovation bremsen und die Schere zwischen Armut und Reichtum verstärken. Das ist zwar kein ungeschriebenes Gesetz, das immer in Kraft tritt, aber es gibt doch einen deutlichen Zusammenhang.

Besonders lustig aber ist, dass Papst Franziskus bei der Legitimierung der Homo-Ehe den Teufel im Spiel sah. Soviel zur Überwindung der Mythen im aufgeklärten Zeitalter.