30.06.2014

Eine psychoanalytische Fehlinterpretation zum Nationalsozialismus

Neulich hatte ich das Bedürfnis, mir weitere Bücher von Leon Wurmser zu Gemüte zu führen. Leon Wurmser ist ein kanadischer Psychoanalytiker, den ich 1992 ausgiebig gelesen und kommentiert hatte. Dies betraf allerdings nur eines seiner Bücher, nämlich ›Die Maske der Scham‹. Die Auseinandersetzung ist weitestgehend sehr persönlich verlaufen, d.h. vor allem auf der Suche nach meiner eigenen Geschichte und meinem eigenen, seelischen Werdegang. In den letzten Jahren bin ich sehr häufig in der Universitätsbibliothek gewesen und ebenso häufig an seinen Werken vorbeigelaufen. Aus meiner Arbeit hat sich nie ergeben, mich wieder intensiv mit der klassischerweise Psychoanalyse zu beschäftigen. Lediglich Lacan, Barthes und ein wenig darum herum haben mich weiterhin beschäftigt. In den letzten anderthalb Jahren allerdings ist dann auch bei meinen Kunden die Psychoanalyse wieder häufiger aufgetaucht, meist in einer klassischen Form.

Übermacht der Feinde

Gerade finde ich eine Notiz zu einem Aufsatz von Peter Kutter — ›Aggression als Trieb- und Objektschicksal‹ — aus dem Buch ›Aggression und Wachstum‹. Dort habe ich mich über eine Passage sehr aufgeregt, weil sie so weltfremd und so wenig geschichtsbewusst ist:
In psychoanalytischer Sicht [es heißt aber: aus psychoanalytischer Sicht] ist hinzuzufügen, dass ängstliche, selbstunsichere und oft ohnmächtig wütende Menschen sich besonders leicht zu aggressivem Verhalten verführen lassen, besonders dann, wenn ihnen gesagt wird, dass dieses aggressive Verhalten einem guten Ziel dient. So erklärt sich Hass auf Minderheiten, wie Juden, Behinderte und Homosexuelle. Die Aggression kann sich bis zur systematischen Tötungs-Maschinerie steigern, wenn keine Möglichkeit mehr besteht, sich erfolgreich gegenüber der Übermacht der Feinde zur Wehr setzen können (die Situation der nationalsozialistischen Führung ab 1943).
Seite 15

Ideologie und Deutungswahn

Es ist immer sehr fragwürdig, wenn man eine Organisation auf Ziele hin analysiert, die den Familiengeschichten und individuellen Urfantasien abgelauscht sind. Der Fehler besteht darin, eine Ideologie und eine funktionierende Organisation gleichzusetzen, als wäre das eine durch das andere bestimmt und als ließe sich ein solcher Wahnsinn, wie der des III. Reiches verhindern, wenn man nur eine möglichst sich distanzierende Blickweise aufbaut und möglichst oft auf den Nationalsozialisten herumhackt. Wie immer muss man dann aber feststellen, dass die Ideologie nicht durch ihre Inhalte, sondern eher durch ihre Struktur zu definieren ist. Ideologien zeigen z.B. einen ausgeprägten Hang zum Deutungswahn. Der Nationalismus wie die Psychoanalyse zeigen immer wieder solche Züge und insofern sollte man vorsichtig sein, wenn sich ein Psychoanalytiker von der nationalsozialistischen Ideologie distanziert. Gerade die deutsche Psychoanalyse war dann ja auch sehr fleißig, Hitler zu dämonisieren. Ein Hund, wer hier an die nachträgliche Reaktivierung einer traumatischen Situation oder Urphantasie denkt.

Dämonisierungen

Wahnhaftes Denken erzeugt sich seine eigenen Dämonen. Wer sich etwas genauer mit der Biografie von Adolf Hitler auseinandersetzt, der findet hier keinen übermächtigen Feind vor, sondern ein armes Würstchen. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass die Dämonisierung der Juden in der Nazizeit und die Dämonisierung der herrschenden politischen Riege der NSDAP äquivalente Züge aufweist.
Dies wird deutlich, wenn Kutter die langfristige Vorbereitung zum Massenmord, deren frühe Ankündigung und die systematische Glorifizierung auf einen Punkt und eine Ursache zusammendampft. Der Gang der Geschichte ist damit verfehlt. Was bleibt, das ist die Bestätigung der eigenen Weltsicht und der eigenen Ideologie. Und nichts anderes scheint mir jenes Zitat zu bewirken. Statt einer scharfen, von sich selbst auch distanzierenden Analyse wird hier die Bestätigung bereits bekannter Hypothesen gefeiert.

Mir ist insgesamt nicht klar, warum der Aufsatz von Kutter seinen Titel trägt. Er gibt einen Überblick über einige Theorien der Aggression, bleibt aber in der gesamten Darstellung eher unspezifisch. Besonders hübsch ist dabei folgende Einleitung in ein Unterkapitel:
Nach dieser theoretischen Übersicht über die verschiedenen Auffassungen einzelner Autoren in der Literatur zu Phänomen und Ursachen von Aggression möchte ich jetzt persönlicher werden.
Seite 16
Was folgt, ist Backfisch-Philosophie.

23.06.2014

Ethische Demonstrationen

Das, und nicht so sehr ihr Selbstverliebtsein und der speckige Heiligenschein, ist es, was wir an den »Gutmenschen« so hassen: dass das Tun für andere zugleich ein Spektakel sein muss und dass es sein Objekt zugleich distanziert und abstrahiert. Da man nichts Gutes tun kann ohne die Hilfe der Medien, wird das Objekt von Solidarität und Zuwendung weitgehend fiktionalisiert. Aber seien wir ehrlich: Auch die christlichen Missionare erfanden sich ihre Objekte. Kann man etwas Furchtbareres von einem System sagen, als dass es auch noch die Tugend der Caritas in eine Blödmaschine zu verwandeln versucht?
Seeßlen, Georg/Metz, Markus: Blödmaschinen, Frankfurt am Main 2011, S. 536
Die gegenseitige Hilfe - die Kooperation in den Konflikthandlungen - sichert noch nicht den individuellen Erfolg. Der Zusammenhalt wird für den einzelnen nicht unmittelbar prämiiert, die Gemeinsamkeit bedeutet zunächst nur ein Wagnis. Was die Besitzlosen sich wirklich gegenseitig zu bieten haben, entscheidet sich erst später. Die Solidarität ist also davon abhängig, dass sich alle Beteiligten auf die übernächste Phase hin orientieren. Nicht auf einen Augenblicksvorteil, sondern auf ein fernes Ziel muss die Organisationsbereitschaft sich konstituieren, nicht auf den wirklichen, sondern den imaginären Liegestuhl. Sie kann sich nur auf ein spekulatives Vertrauen gründen, auf eine spekulative Solidarität, - eine unvergleich viel höhere Leistung, als sie den Privilegierten zugemutet wird.
Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, Tübingen 1992, S. 194 f.
Ich habe den Abend über noch Zitate zur Solidarität gesammelt. Mir fällt bei den Schriften von Marcuse immer wieder unangenehm auf, dass er große Worte in den Raum schmeißt, ohne sie zu vermitteln. Solidarität ist ein solches. In diesem Sinne ist Marcuse ein Prediger, wie Gauck die Freiheit predigt. Ähnliches muss man Arendt vorwerfen. — Ich gestehe aber ein, dass ich mich mit beiden Denkern nicht gut genug auskenne und mich in ihren Werken immer noch tastend vorwärts bewege. Andererseits gefallen mir solche Passagen wie die oben zitierten wesentlich besser, da sie den Begriff in ein Netzwerk hineinstellen. Sie definieren, kritisieren.

Roland Barthes hat diese isolierte Begrifflichkeit einmal wunderbar geschildert:
Paris-Match hat uns eine Geschichte erzählt, die vieles über den kleinbürgerlichen Mythos des Negers verrät. Ein junges Lehrerehepaar hat das Land der Kannibalen erforscht, um dort Bilder zu malen; Bichon, ihr wenige Monate altes Baby, nahmen sie mit. Man ist entzückt über den Mut der Eltern und des Kindes.
Zunächst einmal ist nichts irritierender als ein Heldentum ohne Objekt. Eine Gesellschaft, welche die Formen ihrer Tugenden unmotiviert zu entfalten beginnt, muss in einer ernsten Lage sein. Wenn die Gefahren echt waren, die der kleine Bichon durchgemacht hat (Sturzfluten, Raubtiere, Krankheiten usw.), so war es eigentlich töricht, ihn solchen Gefahren auszusetzen, bloß um in Afrika ein bisschen zu malen und dem zweifelhaften Ehrgeiz freien Lauf zu lassen, »einen Rausch von Sonne und Licht« auf der Leinwand festzuhalten. Und noch mehr zu verurteilen ist es, diese Dummheit für eine schöne, schmückende und bewegende Kühnheit auszugeben. Man sieht, wie in diesem Fall der Mut funktioniert: als ein formaler und hohler Akt, der, je unmotivierter er ist, desto mehr Respekt eingibt. Wir befinden uns in einer Pfadfinderkultur, in welcher der Code der Gefühle und Werte von den konkreten Problemen der Solidarität und des Fortschritts völlig losgelöst ist. Es ist der alte Mythos des »Charakters«, das heißt der »Dressur«. Die Leistungen Bichons sind von der Art spektakulärer Bergbesteigungen: Es sind ethische Demonstrationen, die ihren Wert letztlich nur von der Publizität beziehen, die sie erhalten.
Barthes, Roland: Mythen des Alltags, Frankfurt am Main 2012, S. 82.

22.06.2014

Lese-Sprünge

Man möge mir meine Abstinenz vom Internet verzeihen. Ich bin auch seit einer Woche nicht mehr auf Facebook gewesen (was sich als sehr angenehm empfinde). Fleißig bin ich aber, wirklich.
Im Hintergrund lese ich sehr viel Wittgenstein, auch sehr viel über Wittgenstein. Vor allem durch Kant, Arendt und Butler angeregt beschäftige ich mich intensiv mit der Anthropologie. Derzeit ist es ein Buch von Gunter Gebauer: Wittgensteins anthropologisches Denken. Weitere Bücher stehen auf meiner Leseliste. So wollte ich mir vor einigen Monaten Blumenbergs Beschreibung des Menschen kaufen. Das hatte ich mir im Februar auf der Bibliothek ausgeliehen und fand es so faszinierend, dass ich es sofort kaufen wollte. Leider aber war es vergriffen. Mein aufmerksamer Buchhändler hat mich vor zwei Monaten darauf aufmerksam gemacht, dass es ab August neu verlegt wird.
Blumenbergs Ausführungen zeigen sehr schön, dass man die Lebenswelt als interaktiv ausgehandelt verstehen kann.

Blumenberg schreibt z.B. von dem vorprädikativen Status der Lebenswelt (S. 50). Hier wäre ein Vergleich mit dem späten Wittgenstein interessant, bei dem die Sprachspiele vor allem durch eine Nachbarschaft geprägt sind, die operativ zusammenwirkt.
Ein Prädikat kann auf doppelte Art und Weise gebraucht werden:
(1) ist es eine Aneignung von Merkmalen durch ein Subjekt, welches zugleich als eine Kontrolle der Merkmale durch das Subjekt als auch einer Unterwerfung des Subjekts unter die Merkmale etabliert, die in etwa der Satz von Foucault ausrückt:
Im Herzen der Disziplinarprozeduren manifestiert sie [die Disziplinaranstalt] die subjektivierende, die als Objekte wahrgenommen werden, und die objektivierende Vergegenständlichung jener, die zu Subjekten unterworfen werden.
Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main 1991, S. 238.
(2) bildet es zusammen mit dem Subjekt ein Gefüge, in dem sich beides, Subjekt wie Prädikat, realisiert: die Aussage ist damit nicht mehr ein Herrschaftsverhältnis, sondern der Ausdruck eines verwirklichenden Austauschs.

Anders gesagt:
Was hier Sphäre heißt, wäre demnach, in einem ersten und vorläufigen Verständnis aufgefasst, eine zweihälftige, von Anfang an polarisierte und differenzierte, gleichwohl innig verfugte, subjektive und erlebende Kugel - ein zweieinig gemeinsamer Erlebnis- und Erfahrungsraum. Durch Sphärenbildung ist folglich, was die Tradition Geist nennt, ursprünglich räumlich ausgespannt. Ihrer Grundform nach erscheint die Sphäre als eine Zwillingsblase, ein ellipsoider Geist- und Erlebnisraum mit mindestens zwei polarisch einander zugewandten und zugehörigen Einwohnern. Leben in Sphären heißt also Wohnen im gemeinsamen Subtilen. Es ist die Absicht [...], den Nachweis zu führen, dass das Sein-in-Sphären für Menschen das Grundverhältnis bildet - freilich eines, das von Anfang an durch die Nicht-Innenwelt angetastet wird und das sich ständig gegen die Provokation des Außen behaupten, wiederherstellen und steigern muss. In diesem Sinne sind Sphären immer auch morpho-immunologische Gebilde. Nur in innenraumbildenden Immunstrukturen können Menschen ihre Generationenprozesse weiterführen und ihre Individuationen vorantreiben. Noch nie haben die Menschen unmittelbar zur so genannten Natur gelebt, und erst recht haben ihre Kulturen niemals den Boden dessen betreten, was man die nackten Tatsachen nennt; sie haben ihr Dasein immer schon ausschließlich im gehauchten, geteilten, aufgerissenen, wiederhergestellten Raum. Sie sind die Lebewesen, die darauf angelegt sind, Schwebewesen zu sein, wenn schweben bedeutet: von geteilten Stimmungen und von gemeinsamen Annahmen abhängen. Somit sind die Menschen von Grund auf und ausschließlich die Geschöpfe ihres Interieurs und die Produkte ihrer Arbeiten an der Immanenzform, die ihnen unabtrennbar zugehört. Sie gedeihen nur im Treibhaus ihrer autogenen Atmosphäre.
Sloterdijk, Peter: Sphären I, Frankfurt am Main 1998, S. 45 f.

11.06.2014

Soziale Passivität

Kulturen, die an der Mitteilung orientiert sind, haben einen beweglicheren, dynamischeren Charakter. Sie neigen dazu, die Menge der Texte unendlich zu vergrößern, und erzeugen einen schnellen Zuwachs an Wissen. Ein klassisches Beispiel ist die europäische Kultur des 19. Jahrhunderts. Die negative Seite dieses Typs von Kultur ist die scharfe Trennung der Gesellschaft in Übermittelnde und Empfangende, die psychologische Erwartung, dass man Wahrheit in Gestalt einer fertigen Mitteilung von einer fremden geistigen Anstrengung erhält, und die wachsende soziale Passivität jener, die in der Position der Empfänger der Mitteilung sind. Es ist offensichtlich, dass der Leser eines neuzeitlichen europäischen Romans passiver ist als der Hörer eines Zaubermärchens, der die aufgenommenen Formeln erst in Texte seines Bewusstseins transformieren muss, und dass ein Theaterbesucher passiver ist als ein Teilnehmer des Karnevals. Die Tendenz zur geistigen Konsumhaltung ist die gefährliche Seite einer Kultur, die einseitig auf das Empfangen von Information von außen ausgerichtet ist.
Lotman, Jurij: Die Innenwelt des Denkens. Berlin 2010, 51
Das ist ein hübsches Beispiel, wie Oppositionen überraschend umgedreht werden können. Normalerweise setzt man Aktivität mit Dynamik gleich. Lotman behauptet hier das Gegenteil. Dynamische Gesellschaften sind durch eine große soziale Passivität geprägt.

Ich habe den ganzen Argumentationsgang von Lotman noch nicht so richtig verstanden. Insbesondere ist mir recht unklar, wie der Rhythmus eines Textes (als Beispiel) zu einer Veränderung der Persönlichkeit beim Leser führt. Doch zumindest erklärt seine Behauptung (oder könnte erklären), warum die zahlreichen Veränderungen der letzten 20 Jahre zu solchen Auswüchsen an Biederkeit geführt haben. Im kulturellen Feld ist die Neuerung und das Experiment geradezu zu einem Makel geworden, während man recht stumpfsinnig und willkürlich das Wort Kreativität auf alles Mögliche klebt, Hauptsache, es ist nichts Neues.

Zumindest eine Sache kann man aber zu diesem Zitat sagen: der Begriff der Aktivität, den Lotman hier benutzt, ist nicht mit der Handlung gleichzusetzen. Aktivität scheint eher darin zu bestehen, neue Informationen zu erschaffen, an der Produktion von informativen Ereignissen teilzunehmen. Dann aber wäre die Aktivität, die Lotman meint, eine aktive politische Teilnahme (wobei man Politik im weitesten Sinne hören darf). Umgedreht wäre die reine Information etwas, was nicht auf das aktive politische Verhältnis des Individuums einwirkt.

08.06.2014

Übersetzungen (Wittgenstein und die Kinder)

Vor über einem Jahr hat mich der (philosophische) Wind von Christa Wolf zu Ludwig Wittgenstein geweht. Seitdem lässt mich Wittgenstein nicht mehr los. Dabei ist es gar nicht so sehr seine Philosophie, sondern seine Art und Weise, an Phänomene heranzugehen, die mich so fasziniert.

Leibhaftig

Leibhaftig von Christa Wolf beschäftigt mich seit letztem Frühjahr. Seitdem kehre ich immer wieder zu diesem Buch zurück, mehr, als zu jedem anderen Buch von dieser wunderbaren Autorin. Im Laufe der Zeit sind kleine Netzwerke entstanden, z.B. eben zu Ludwig Wittgenstein.
Letztes Jahr im Spätsommer habe ich z.B. geschrieben (die Seitenzahlen ohne Literaturangabe beziehen sich auf Wittgensteins Philosophische Grammatik):
Sätze sind anfällig für ein "Außen". So verweist ›der Baum‹ auf ein Bild, das Wort ›wachsen‹ auf eine Erfahrung, die man nicht nur mit Bäumen machen kann, ›im Frühjahr‹ ist ebenfalls eine Erfahrung, an die man sich erinnert und schließlich ist das Wort ›noch‹ ein logischer Partikel, der sich auf eine Aussage bezieht. So entsteht der Satz: ›Der Baum wächst im Frühjahr noch.‹

"Kann man einen halben Satz verstehn?" (39)
Kann man eine Ellipse verstehen? Ja, wenn sie zu einer anderen Gruppe dazugehört.
So macht folgende Stelle durchaus Sinn: "Absinken. Dass immer dann das Klagen lauter wird. Abfahrt. Eine neue, hohe Welle der gleichen Flut, die nimmt mich mit. Untertauchen. Untergetauchtwerden. Dunkel. Stille." (Leibhaftig, 8)
Natürlich, denn hier schiebt sich unter die elliptischen Sätze ein Wortfeld, das des Wassers. Zugleich gibt es aber auch diese Isotopie des Nach-unten-Sinkens, zu der zugleich der Abstieg in einer Hierarchie gehört (Urban), als auch in den Keller oder in die Hölle hinabzusteigen. Eine zweite Isotopie wird angedeutet durch das Wort Abfahrt, die Isotopie des Reisens. Denn die Icherzählerin reist, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, als die Kultur dies vorsieht oder es für sie persönlich wünschenswert ist. Die Reise im Krankenwagen, die Reise durch die dunklen Keller, die Reise in die Erinnerungen und einmal, da treffen sich die Icherzählerin und ihr Antagonist Urban an der Passkontrolle. Passkontrolle heißt: darfst du überhaupt auf diese Art und Weise reisen?

Andere Denkordnungen — Ellipse, Anakoluth und Aposiopese

Die "Misshandlung" eines Satzes, zum Beispiel in der Ellipse, verweist auf eine andere Ordnung als die Grammatik.
(zu 39)

Das Anakoluth dagegen verweist eher auf eine andere Denkordnung als auf eine andere Ordnung insgesamt. Im Artikel zum Anakoluth auf Wikipedia wird dies deutlich:
"Man fängt einen Satz an, besinnt sich neu und fährt in einer Weise fort, die dem begonnenen Satz nicht entspricht, oder bricht ihn auch ab. Beispielsweise kann die grammatische Beziehung der Satzglieder gestört sein, oder ein neu hereinbrechender Gedanke stört die Folgerichtigkeit des Satzes; oft wird einfach umgeplant."
(zu 39)

Spannend ist auch, dass Ernst Bloch, der scheinbar für Christa Wolf eine große Rolle spielt, einen Artikel über das Anakoluth verfasst hat. Noch einmal aus dem Wikipedia-Artikel:
"Ernst Bloch widmete der Figur einige Aufmerksamkeit und bescheinigte ihr, die Fragmentierung der Welt besser abzubilden als die üblicherweise ungebrochene Schriftsprache: "Das an sich Klare kann auch in der Darstellung klar sein. … Anders das Gährende, das sich Gebärdende, das noch im Schwange ist …. Ihm entspricht in der Sprache das Bewegte, das Opake, der Neueinsatz, das Anakoluth. Eine solche Sprache des ›Unvollendbar‹ … steht nicht in der Gefahr, dort Vollendung vorzuspiegeln, wo keine ist, während eine geglättete Sprache durch ihre eigene Glattheit das zu Sagende gerade verbirgt.""
Im Gegensatz zu dem Eingangssatz bei Wikipedia betont Bloch hier die Abbildfunktion dieser rhetorischen Figur. Der Eingangssatz betont die Unordnung der grammatischen Regel, spricht von einer Störung, einer gewissen Impulsivität oder einer geringen Fähigkeit zu planen. Bloch dagegen verweist auf das utopische Moment dieser Figur, nicht auf den Mangel an Kompetenz.
(Zu 39)

Damit kann man deutlich sagen, dass sowohl die Ellipse (das Weglassen von Satzgliedern bis hin zu einem völligen Skelett aus einem Wort), das Anakoluth (das "dysgrammatische" Vermischen zweier Satzgefüge), die Aposiopese (eigentlich eine Form der Ellipse und nicht, wie Wikipedia das schreibt, eine Form des Anakoluth: nämlich das Abbrechen eines Satzes), die Retraktion (eine Art Korrektur eines Satzgliedes, das ausgesprochen, dann aber sofort verändert wird) und schließlich eine tatsächliche zerbrochene Ineinanderfügung von zwei grammatischen Konstruktionen (die man dann vielleicht, um abzugrenzen, als kontaminierendes Anakoluth bezeichnen könnte). Damit also könnte man deutlich sagen, dass sich die Ordnung eines Satzes durchaus auflösen kann, ohne die Ordnung in einem Textmuster zu verlieren.
(Zu 39)

Die radikale Ellipse und das Verstehen

Wie versteht man eine rhetorische Figur? Doch bei vielen der rhetorischen Figuren nur, indem man erkennt, dass sie den geregelten Ablauf der Sprache in irgendeiner Weise verletzen.
(Zu 39)

Die radikale Ellipse (der Skelettsatz) hatte ich zunächst der Verdinglichung zugeschlagen. Tatsächlich aber bezieht sich ein solcher Skelettsatz, manchmal nur Ein-Wort-Sätze, immer auf seine Umgebung.
Einige Beispiele aus Christa Wolfs Leibhaftig:
"Verletzt." (7) — Dieses Wort springt mich an. Scheinbar ist es aus dem Zusammenhang gerissen. Vielleicht eine Art Ruf. Im Folgenden aber wird es erklärt, durch eine Szene im Krankenwagen.
"Elixier. Lebenselixier." (7) — Eine Präzisierung. Zugleich wird damit der vorhergehende Satz auf seinen wichtigsten Aspekt zusammengefasst (Emphase): "Aus dem ovalen durchsichtigen Behältnis, das über ihr im Rhythmus des Krankenwagens schüttert, mit Tropfen um Tropfen über Schläuche in ihre Armvenen geleitet. Elixier. Lebenselixier." (7); logisch gesehen natürlich die Extrapolation.
(Zu 39)

So gesehen ist die Ellipse ein Übergang zur Theorie, ein Übergang von der praktischen Situation zur sprachlichen.
Es ist aber die radikalste Form der sprachlichen Situation: wenn die Wörter noch keine Verbindung untereinander haben, die die Situation ersetzen; aber eben auch nicht sprachlich vortäuschen. Die radikale Ellipse ist zugleich gewaltsam und sehr zerbrechlich. Sie ist gleichsam der Soldat in der Materialschlacht.
Andererseits: die nicht geordneten Wörter sind weder einer Norm unterworfen (sie haben noch keinen Teil an der sprachlichen Hegemonie), noch verschweigen sie die Pflicht zur Argumentation (sie haben also eine gewisse Nähe zur Aufklärung).
Schließlich färben sich diese radikalen Ellipsen stark nach ihrer Interpretation ein. Sie sind für das Lesen empfänglich.
(Zu 39)

In zahlreichen Sätzen in Leibhaftig fehlt das Verb, bzw. der Verbkern des Prädikats: "Über ihr zwei Tropfbehälter." (Leibhaftig, 8)
Zum einen wird hier das Faktische suggeriert, zum anderen das Statische.

Übersetzungen und Quellen

Übersetzen heißt, das Original, die Quelle zu beleuchten:
"Ich kann als Erklärung nur das musikalische Bild in das Bild eines anderen Vorgangs übersetzen; und dieses Bild jenes beleuchten lassen." (41)
Sinn jeglicher Transmedialisierung: das Verständnis des Originals. (Hier ist auch der Einbruch — ein möglicher Einbruch! — für die verletzende und befriedende Wirkung der Sprache. Indem ich die Sprache in Akte des Verstehens übersetze, mache ich sie wirksam.) (?)

Aber es ist ein schöner Gedanke: Verstehen heißt etwas zu übersetzen, die Anknüpfungsstellen zu finden. (Aber davon gibt es ja Myriaden! — Genau aus diesem Grund kann man auch nicht zu Ende verstehen. Das Verständnis ist nur ein Horizont, kein Ort. — Intertextualität, Vielstimmigkeit, Palimpsest)
(Zu 41)

Wollte man also das Verständnis zu einem Machtwort machen, dann käme das einer Art Rassismus gleich: gut ist nur, was ich sowieso schon kenne (die Heimat) und was ich kenne, ist das, was gut ist (die Tautologie).
(Zu 41)

Es gibt kein Verstehen ohne das Experiment (das Verständnis-Experiment).
(Zu 41)

Ein ganzes Stück weit wird diese Behauptung von der Neurophysiologie auch gestützt. Wenn das Gehirn über Vernetzungen arbeitet, dann ist es genau diese Verknüpfung, diese Verkopplung, die hier ihre "biologische" Basis findet (allerdings haben die Neurophysiologen noch nicht entdecken können, was ein Gedanke auf der biochemischen Ebene eigentlich ist).
(Solange man diese Basis nicht ausgearbeitet hat, muss man sich auf eine phänomenologische Beschreibung des Gedankens stützen, d.h. im weitesten Sinne auf eine Täuschung, die durch Reflexion erzeugt, aber auch korrigiert wird.)
(Zu 41)

Könnte man sagen: die Wörter eines Satzes umstellen ein Wort, wie die Vorstellungen ein Wort umstellen. Und so lernen wir nach und nach die Sätze kennen, bis sie selbst wieder zu Akten des Verstehens werden.
(Zu 41)

30.05.2014

Goethe und Meer

Mich selbst hat an diesem Abend eine Stelle aus einem Brief von Goethe beschäftigt. Diesen schrieb er am 11. Januar 1815 an Karl Ludwig von Knebel (den Goethe seinen Urfreund nannte).
So habe ich mich die Zeit her meist im Orient aufgehalten, wo denn freilich eine reiche Ernte zu finden ist. Man unterrichtet sich im Allgemeinen und Zerstückelten wohl von so einer großen Existenz; geht man aber einmal ernstlich hinein, so ist es vollkommen, als wenn man ins Meer geriete.
Indessen ist es doch auch angenehm, in einem so breiten Elemente zu schwimmen und seine Kräfte darin zu üben. Ich tue dies nach meiner Weise, indem ich immer etwas nachbilde und mir so Sinn und Form jener Dichtarten aneigne.
Die Stelle ist reich an Metaphern. Auffällig ist die Allegorisierung ab dem zweiten Satz, der den Wissensstoff mit dem Meer parallelisiert. Diese Allegorie wird im letzten Satz in einen pragmatischen Kontext gefasst: die Methode ist das Nachbilden; Ziel die Aneignung von Sinn und Form jener (orientalischen) Dichtarten. Diese Pflicht zur Tätigkeit findet sich öfter bei Goethe, z.B. im Faust: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es um es zu besitzen.

Der Brief spricht von Goethes Arbeit am westöstlichen Divan. Die zitierte Stelle korrespondiert mit dem Gedicht Nachbildung (das siebte Gedicht im Buch Hafis). Der erste Teil dieses Gedichtes lobt die Auseinandersetzung mit dem orientalischen Stoff emphatisch; der zweite (folgend zitierte) enthält eine Warnung, die man wohl manchem Schriftsteller in sein Arbeitsbuch schreiben muss:
Zugemessne Rhythmen reizen freilich,
Das Talent erfreut sich wohl darin;
Doch wie schnell widern sie abscheulich,
Hohle Masken ohne Blut und Sinn.
Selbst der Geist erscheint sich nicht erfreulich,
Wenn er nicht, auf neue Form bedacht,
Jener toten Form ein Ende gemacht.
Seltener finden sich Bezüge zum Meer. Das Meer erscheint aber gelegentlich als das eigentliche Territorium des Dichters, so z.B. hier (aus dem Buch Suleika):
Hier nun dagegen
Dichtrische Perlen,
Die mir deiner Leidenschaft
Gewaltige Brandung
Warf an des Lebens
Verödeten Strand aus.
Der Dichter ist hier „ins Meer gefallen“. In den großen Hymnen findet sich das Gedicht Seefahrt, einer Allegorie auf den Dichter als Seefahrer.

Zu Goethe kehre ich gerade zurück, weil mich die aktuelle politische Rhetorik ziemlich langweilt; zum Teil sind mir auch diese ganzen Tautologien (siehe meinen letzten Beitrag Kleiner Lacher am Rande) herzlich zuwider.

Kleiner Lacher am Rande (Hilflose Tautologien und ein wenig Paranoia)

Sehr unruhige, ständig in Bewegung befindliche, unkonzentrierte und impulsive Kinder fallen insbesondere in Schulen auf.
Dieses Zitat schickte mir (gestern) ein ehemaliger Kunde zu, der ein ähnlich unaufgeregtes Verhältnis zur Theorie besitzt wie ich. Zu finden ist dieses Zitat in dem Buch Einführung in die Verhaltensgestörtenpädagogik von Clemens Hillenbrand auf Seite 173.
Es besagt, dass ein Kind dann auffällig ist, wenn es auffällt.
Rhetorisch gesehen fungiert eine solche Argumentationsweise als symptomatisch für unsichere, wenig abgrenzbare Disziplinen. Die Argumentation lässt sich auf eine Tautologie zusammendampfen. Die Tautologie selbst kann, sobald sie etabliert ist, als Element in einem paranoiden Wahnsystem genutzt werden.

Gender-Mainstreaming

Eine andere hübsche Tautologie, die mir immer wieder auffällt, findet man in der Definition des gender-Begriffes. Gender sei, so die Kurzform, wer Frau oder homosexuell sei und umgekehrt haben Homosexuelle und Frauen ein gender und damit Anspruch auf gender-Mainstreaming. Hier hat sich der paranoide Gegenbegriff, der Feind, stark etabliert: es geht um hegemoniale Männlichkeit, um Heteronormativität, um patriarchale Denk- und Handlungsstrukturen. Eigentlich sollte man sowohl bei dem Wort Struktur als auch bei dem Adjektiv patriarchal aufhorchen.
Bei einer Struktur, vor allem einer Struktur, die Interaktionen prägt, kann man eine Verdinglichung in einzelnen Menschen ausschließen. Regelmäßig aber wird die Hegemonialität dann bei einzelnen Menschen (insbesondere Männern) vorgefunden. Der Anti-Essentialismus, durch den sich z.B. Judith Butler auszeichnet, wird hier gründlich missachtet.
Auch das Adjektiv ist nicht ganz so unschuldig, wie es zunächst aussieht. Wenn es z.B. patriarchale Denkstrukturen gibt, dann auch anti-patriarchale. Und genau an dieser Grenzlinie pocht bereits das paranoide Denken an die Tür.

Analytische und politische Begriffe

Gender, so hatte ich mir schon vor längerer Zeit als Arbeitsauftrag notiert, betrifft allerdings auch die verschiedenen Typen von Männlichkeit. Gender-Mainstreaming kann auch hier stattfinden, muss es sogar. Allerdings muss dann das gender-Mainstreaming andere Abgrenzungskriterien entwickeln als durch den Begriff des gender gegeben ist.
Schlimmer noch taugt der Begriff des gender überhaupt nicht in Kombination mit dem Mainstreaming. Begrifflich gesehen hängt das auch damit zusammen, dass gender eine analytische Kategorie darstellt, dagegen Mainstreaming politisch zu lesen ist, also performativ. Die Tautologie soll diese etwas absurde Kombination verwischen.
Verhaltensauffälligkeiten kann man auch nicht so einfach als politischen (oder pädagogischen) Begriff ansehen. Verhalten muss auffällig sein, wenn es in Gesellschaft ausgeführt wird. Auffälligkeit ist also, ähnlich wie beim gender, kein abgrenzender Begriff. (Man hofft ja auch, dass Kinder in Klassen auffallen und der Lehrer nicht am Ende des Schuljahres sagt: zu Sandra fällt mir nichts ein, sie ist mir nicht aufgefallen.)

13.05.2014

Hans-Ruedi Giger

Nun ist er gestorben, jener "Erfinder des Alien".

Giger, der mich in meiner wilden Jugendphase interessiert hat, zeigt vor allem eines: das bestimmte Innovationen aus Mischungen bestehen. In seinem Fall könnte man von einer Mischung biologischer und mechanischer Formen sprechen, zu denen die Oppositionen Gewalt/Hingabe und Kultur/Tod querliegen.

Innovationen bestehen häufig aus solchen Mischungen und Giger ist dabei nicht gerade subtil. Sein Werk übertreibt, karikiert, parodiert. (Siehe dazu: Die Kreativität der Schriftsteller.)
Soll also heißen: seine Kunst ist mir zu grob, zu selbstverliebt in der Provokation.

Ich verstehe allerdings die düstere Faszination, die von seiner Kunst ausgeht. Man muss nicht lange suchen, um ähnliche Konstellationen in Werken anderer Autoren wiederzufinden, zum Beispiel bei Sybille Lewitscharoff und ihrer einsamen Aufmerksamkeit für "Halbwesen" und dem Tod von Gynäkologen.

Zur Nachricht: Der Erfinder des "Alien" ist tot

Die deutsche Abhörangst

Worte gibt es, da kann man sich nur wundern. Deutsche Abhörangst z.B. Für die zeigt nämlich der neue NSA-Chef Verständnis. Schließlich gäbe es historische Gründe. Gemeint damit ist wohl die Stasi. Genaueres allerdings verrät uns der Artikel auf Spiegel-online nicht.
Was ist das für ein Wort, die deutsche Abhörangst? Zunächst fokussiert es eine Tätigkeit, nicht deren Folgen. Hätte Abhören keine Folgen, dann bräuchte man davor ja auch keine Angst zu haben. Es ist vielleicht gar nicht so wichtig, dass der Fokus auf die reine Tätigkeit gelegt wird, als vielmehr, dass sie zu einer Art homogener Tätigkeit wegdiskutiert wird. Abhören ist eben nicht immer gleich abhören. Es geschieht aus vielerlei Gründen und führt zu vielerlei Folgen. Und wie bei manchen Tätigkeiten, so kann auch hier eine Folge sein, dass gar nichts passiert. Oder es kann dazu führen, dass man die Veränderungen nicht merkt, weil durch das Abhören nichts passiert, was ohne das Abhören durchaus passiert wäre.

Vereinheitlichung und Isolation

Einheitlichkeit, unterstellte Einheitlichkeit, das ist hier der rhetorische Trick.
Der zweite ist, wie eigentlich immer, wenn es um Einheitlichkeit geht, die Isolation. Wenn es um das Abhören geht, dann wird gerne auf die DDR verwiesen. Das mag ja alles richtig sein. Was aber ist mit all den Menschen, all den deutschen Menschen, die nicht die Erfahrung der DDR gemacht haben? Warum haben diese Menschen Angst? Vor allem aus historischen Gründen? (Siehe dazu: Isolation und Vereinheitlichung.)

Die Vergangenheit

Zu einer isolierenden Strategie gehört auch dazu, etwas als vergangen darzustellen. Auch hier werden Ursachen und Wirkungen gekappt.
Wenn man sich die Diskussion in Deutschland ansieht, dann sind zahlreiche politische Gründe genannt worden, die nicht eine Vergangenheit oder gar eine vergangene Staatsform betreffen, sondern sich vor einem ethischen und politischen Horizont stellen lassen und der Frage, wie wir (in Zukunft!) miteinander leben wollen.

Transparenz

So gesehen ist zumindest der Artikel auf Spiegel-online äußerst fragwürdig in seinen Implikationen. Transparenz und damit Nachvollziehbarkeit sind in einer komplexen Gesellschaft gerade dort wichtig, wo es um politische Grundrechte geht.
Der NSA-Skandal hat schließlich nicht nur gezeigt, dass man gegenüber der amerikanischen Regierung oder vielmehr gegenüber deren Staatsapparat ein tiefes Misstrauen besitzt, sondern auch, dass dieses Misstrauen innerhalb Deutschlands gegenüber der politischen Oberschicht herrscht.

Edward Snowden

Auch die Bewertung von Edward Snowden durch Michael Rogers fällt einseitig aus. Snowden hat durchaus komplexere Gründe für sein Verhalten genannt. Die Diskussion um die Reichweite der Abhöroperationen wurde, soweit ich mich erinnere, im Vorfeld abgewürgt. Und damit muss schließlich auch, ob die Diskussion nun möglich gewesen wäre oder nicht, immer auch gerechnet werden: dass jemand die Situation so einschätzt, dass Widerstand geleistet werden muss. Im Falle von Snowden kann man sogar von einem sehr rücksichtsvollen Widerstand sprechen, der gut überlegt und relativ dosiert erfolgte. Ob das hinterher alles richtig war, ist eine andere Sache. Es gibt zwar Grenzen des Widerstands und auch Grenzen des guten Geschmacks, aber so wie sich Regierungen und Behörden gerne auf das Recht zurückziehen, eine Situation falsch eingeschätzt zu haben, so muss dieses Recht auch Menschen im Widerstand zugesprochen werden.

Streitkultur

Es geht also nicht darum, wenn man meine Motivation betrachtet, eine Person oder eine Praxis mit Zähnen und Klauen zu verteidigen (im Gegensatz zu manchen radikalen „Linken“ halte ich den Schutz vor Terrorismus für ein durchaus sehr wichtiges Ziel des Staates). Ich möchte nur die Diskussion darüber nicht einseitig geführt wissen und einseitig entschieden wissen. Deshalb mag es manchmal so aussehen, dass ich mich zu sehr gegen die Rolle des Staates oder Amerikas oder bestimmter Werte stelle. Das allerdings ist nur bedingt richtig. Die meisten demokratischen Grundwerte müssen gegeneinander abgewogen werden und dieses Abwiegen geschieht dann teilweise durch sehr deutliche Empörungen und durch Streit. Keinesfalls aber darf diese Ruhe der Grund sein, dass nicht mehr diskutiert wird. Dass der Weg der Diskussion falsch verlaufen mag und ebenfalls ständig korrigiert werden muss, macht die Ziele nicht unwichtig.

Zum Spiegel-Artikel: NSA und Deutschland: Chef Rogers hebt Beziehung zu Deutschland hervor

Die notwendige und die nicht notwendige Grammatik

Videos

Die Videos habe ich in den letzten Wochen ruhen lassen müssen, weil bei mir einfach zu viel Chaos im Leben geherrscht hat. Seit einigen Tagen bin ich wieder am Ausprobieren. Die schöpferische Pause hat mir ganz gut getan. Zu Beginn einer neuen Tätigkeit entwickelt sich die Fantasie langsam.

Unterricht

Ich habe in einer Schule unterrichtet. Eine Stunde hat ganz wundervoll angefangen. Die Schüler mussten sehr lachen (weil ich herumgealbert habe) und waren hoch motiviert. Und dann habe ich einen ganz großen didaktischen Fehler begangen: ich habe die Schüler nicht schnell genug zum Handeln gebracht. Es gab auch noch einige weitere Kritikpunkte an dieser Stunde. Genauer gesagt habe ich übers Wochenende hinweg 24 gefunden.

Grammatik

Aber zur eigentlichen Sache, zur Grammatik.
Das Thema habe ich einem Kunden zu verdanken, einem Kunden, der vor drei Jahren über meine Ausführungen zu Gilles Deleuze gestolpert ist. Wir hatten dann einen etwas intensiveren Kontakt. Mittlerweile war er sehr fleißig und hat alle meine Anregungen gedanklich weitergeführt. In einem recht speziellen Fall, in der Grammatik, hat er mich gerade noch einmal kontaktiert und um eine Stellungnahme zu einem Text gebeten. Hier ein Zwischenergebnis.

Valenzgrammatik

In der Grammatiktheorie gibt es bekanntlich verschiedene Auffassungen, so unter anderem die Valenzgrammatik. Diese beruht auf der Auffassung, dass das Verb die anderen Satzteile bestimmt und kontrolliert (vereinfacht gesagt). Dementsprechend haben Verben eine bestimmte Wertigkeit, eben jene Valenzen. Jedes Verb, zumindest in den indogermanischen Sprachen, besitzt eine Wertigkeit von eins; zu jedem Prädikat gehört ein Subjekt.

Unbestimmte Subjekte, Befehle und personifizierende Metaphern

Folgt man der Grammatik von dieser Theorie aus, gibt es einige interessante Probleme. Das erste Problem sind die Sätze mit einem völlig unbestimmten Subjekt, wie z.B. »Es regnet.« Diese müssen übrigens von den Sätzen, die einen Subjektschwund zeigen, unterschieden werden. Ein Satz mit einem Subjektschwund ist z.B. »Es lässt sich nicht so einfach sagen.« Solche Sätze sind Passivkonstruktionen, die durch eine Umstellung in eine aktive Form ein Subjekt hätten. »Es regnet.« dagegen lässt sich nicht sinnvoll mit einem Subjekt versehen.
Personifizierende Metaphern werden von Schriftstellern häufig genutzt, um eine an sich eher statische Beschreibung zu dynamisieren. »Der Wald warf sich mit voller Wucht in das offene Land hinein wie eine Armee, die auf Eroberung drängte.« Solche Metaphern sind allerdings nur Scheinprobleme. Grammatisch gesehen muss ein Subjekt nicht handeln. Hier ist lediglich der Begriff des Subjekts zweideutig. Einmal ist er grammatisch zu verstehen als Position in einem Satz, und einmal ist er metaphysisch zu lesen als Geburtsort von Handlungen, Wahrnehmungen und einer (menschlichen) Vernunft.
Ein drittes Problem sind die Befehle. »Schreibt auf!«, »Folgt mir!«, usw.; all das sind zunächst sinnvolle Sätze ohne grammatisches Subjekt. Man kann sich sogar Sprachen denken, die nicht einmal mehr eine grammatische Markierung der Anrede kennen und in denen man solche Sätze äußern würde wie »Hunger!«, »Stein!«, usw. — Trotzdem müsste man sich für solche Sätze doch einen Grund denken, warum Menschen sie äußern und so miteinander sprechen.

Die Grammatik und die Situation

Dies führt uns zu der Beobachtung, dass eine Grammatik verstümmelt werden kann, wenn eine Situation Alternativen bereitstellt. Das ist z.B. bei den Befehlen der Fall, aber auch bei der direkten Anrede. Man setzt einfach voraus, dass die Gesprächspartner alle möglichen fehlenden Satzteile aus der Situation ergänzen können. Die Grammatik wird nicht korrekt geäußert, aber eventuell doch korrekt gedacht und die Folgen der Grammatik auch korrekt vollzogen.

Korrektheit und Situation

Dementsprechend ist es auch nicht die geäußerte Grammatik, die richtig sein muss. Selbst in geschriebenen Texten wird die Grammatik eines Satzes durch den umstehenden Text mitbestimmt und teilweise obsolet. Deshalb kann man auf der einen Seite sagen, dass eine Grammatik richtig befolgt wird, wenn grammatisch richtige Sätze geäußert werden; und zum anderen kann man von einer korrekten Grammatik dann sprechen, wenn sich ein Satz aus dem Umfeld sinnvoll ergänzen lässt.
Bei der ersten Auffassung wird die Grammatik von sprachlichen Normierungen bestimmt und bei der zweiten von praktizierbaren Zusammenhängen.

Gewöhnung und Kultur

Beide Betrachtungsweisen beruhen aber nicht auf einer außermenschlichen Wahrheit, sondern auf stillschweigenden Übereinkünften zwischen den Menschen einer Sprachgemeinschaft. Sie beruhen auf Gewöhnung. (Deshalb ist es auch so unsinnig, wenn manchmal der Ruf nach einer korrekten Grammatik geäußert wird, wobei der Kontext auch ganz andere Möglichkeiten zulässt. Z.B. schwache oder fehlerhafte Syntaxformen in einem insgesamt praktikablen Zusammenhang.)

Grade der grammatischen Normierung

An diesem Punkt kann man weitere Feststellungen machen. Es gibt „verzeihliche“ und „unverzeihliche“ grammatische Fehler. »Er liebte.« ist ein unvollständiger Satz, da es immer jemand oder etwas sein muss, den man liebt. Doch aus dem Kontext kann man durchaus verstehen, wer oder was hier geliebt wird und in einer praktischen Situation sind wir bereit, das hinzunehmen, oder notfalls nachzufragen.
Anders dagegen sieht es mit folgendem Satz aus: »Er schenkte dem Ring seiner Geliebten.« Der Satz ist durch das doppelte Dativobjekt zweideutig geworden. Wir können zwar seinen Sinn verstehen, müssen dies aber ebenfalls aus dem praktischen Zusammenhang sehen, denn würden wir uns nur auf die sprachlichen Norm verlassen, dann könnten wir lediglich sagen, dass in einem Satz keine zwei Objekte im Dativ stehen dürfen. Wir könnten aber nicht entscheiden, bei welchen Objekt der Kasus falsch angewendet worden ist.
Solche Abstufungen, bis wann ein Normbruch hinnehmbar ist und ab wann nicht mehr, gibt es wohl in jeder Sprache. Sie werden zudem auch individuell gehandhabt.
Witzigerweise wird ein grammatischer Normbruch umso weniger hingenommen, je weniger pragmatische Relevanz die Grammatik hat. Die Markierung des Dativs ist in einer Situation, in der es vorwiegend um Handlung geht, sicherlich nicht sonderlich wichtig. Dagegen wäre es schon ganz sinnvoll, wenn man bei einem Befehl wie »Hausaufgaben!« wüsste, was man mit den Hausaufgaben denn nun machen soll. Doch genau das wird häufig wieder vom Kontext klargestellt. Am Anfang einer Unterrichtsstunde heißt dies, dass die Schüler ihre Hausaufgaben herausholen sollen; am Ende der Unterrichtsstunde werden dadurch die Hausaufgaben angekündigt.

Die Grammatik einer gemeinsamen Welt

Es gibt vermutlich keinen einheitlichen Grund, die Grammatik zu benutzen. Zumindest aber gibt es verschiedene Aspekte, warum eine Grammatik sinnvoll ist. Und natürlich gibt es dann auch Aspekte, die der einen, wie der anderen Grammatik, der normativ fixierten, wie der situativ ergänzbaren, gemeinsam sind. Versuchen wir es mit einem ganz unwahrscheinlichen Beispiel, der Intersubjektivität. Grammatische Kompetenz wird sehr gerne als psychische Kompetenz ausgegeben. So spielt bei der generative Transformationsgrammatik (den Adepten von Noam Chomsky) die Kultur kaum eine Rolle für die Entstehung der Grammatik. Die Tiefengrammatik ist eine Sache des Denkenkönnens, und der Weg zur Oberflächengrammatik ebenso. Dass Chomsky das nicht in einem so strikten Sinne gemeint hat, wird selten deutlich.
Tatsächlich kann man aber auch von der Oberflächengrammatik aus argumentieren und entlang der philosophischen Vertragstheorien. Demnach kann man eine Parallele zwischen der Arbeitsteilung und der situativen Grammatik ziehen. Und eine andere Parallele könnte zwischen der politischen Sicherheit und dem Einhalten sprachlicher Normierungen gesehen werden. Beidesmal aber ist die Grammatik intersubjektiv. Sie ist ein Zeichen für die Geregeltheit menschlicher Verhältnisse. Dann wird auch klar, warum die Grammatik umso stärker normativ eingefordert wird, je weniger sie einen situativen Halt erfährt: wenn man nicht durch Arbeitsteilung etwas miteinander gemeinsam tun kann, dann will man sich wenigstens auf Verträge verlassen können.
So oder so dient die Grammatik einer gemeinsamen Welt. Zumindest unter diesem Blickwinkel, denn natürlich wäre es Unsinn, die Grammatik nur auf diese beiden Funktionen zu reduzieren.

Die nicht notwendige Grammatik

Grammatik, so sage ich manchmal, dient auch dazu, seine Vorstellungen präziser auszudrücken. Aus dieser Behauptung ergeben sich ganz andere Herausforderungen. Grammatisch korrekte Sätze können auf unterschiedliche Art und Weise präzise sein. Das sieht man leicht an den Ergänzungen, die man Sätzen einfügen kann und die nicht zu einer größeren grammatischen Korrektheit führen. Der Satz »Es regnete.« und »Es regnete schon den ganzen Tag wie aus Kübeln.« sind beide grammatisch korrekt und drücken doch nicht dasselbe aus. Man kann allerdings in beiden Sätzen unterschiedliche Bedürfnisse des Sprechenden vermuten, sich auf die eine oder die andere Weise auszudrücken.
Man könnte hier, ganz im Duktus Wittgensteins, fragen: Wie weiß ich denn, dass ich meine Vorstellung korrekt ausgedrückt habe?
Hier haben wir einen ganz anderen Übergang zwischen grammatischen Formen als eben besprochen. Auf der einen Seite gibt es den „notwendigen“ arbeitsteiligen oder vertraglichen Zusammenhang in der Gesellschaft, auf der anderen Seite finden wir die objektive und subjektive Notwendigkeit, an einer Gesellschaft teilzuhaben.

10.05.2014

Vom mangelhaften Zustand weiblicher Brüste

Frauen haben zwei Brüste und darin ist die Miltsch für die Beebys. Besser wäre rechts Milch und links Kakau oder Cola.
Im Fernsehen werden immer viele Brüste gezeigt. Beebys dürfen nicht fernsehen, weil sie davon ständig Hunger kriegen.
Text einer Schülerin, 2. Klasse

08.05.2014

Ach Wittgenstein

387. Der tiefe Aspekt entschlüpft leicht.
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen
Wittgenstein ist echt faszinierend.
Ich habe mich ja schon seit langer Zeit mit ihm beschäftigt: ich glaube, Wittgenstein war der Philosoph, den ich nach meiner Nietzsche-Phase gründlicher gelesen habe, also etwa mit 17; und natürlich kann man ihn auch für das Studium der Sprachwissenschaften wunderbar verwenden.

Wittgenstein und Arendt

Im Moment entdecke ich Wittgenstein aus ganz anderen Gründen. Ich war ja mal bei Hannah Arendt (und werde demnächst auch wieder dorthin zurückkehren, weil ich mir gerade Eichmann in Jerusalem gekauft habe). Was mich bei Hannah Arendt sehr interessiert hat, das war diese Logik des »Zwischen«, also das, was ich mittlerweile die politische Logik nenne.
Von dort aus hat sich dann mein Lesen vervielfältigt. Klar, zunächst war das Judith Butler, die sich an bestimmten Stellen auf Hannah Arendt bezieht. Und über Judith Butler dann auch mal wieder Michel Foucault und, kurz und recht hineingezwängt, Claude Lévi-Strauss. Wie aber bin ich nun zu Wittgenstein gestoßen? Darüber rätsele ich jetzt seit zwei Stunden. Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht mehr. Irgendein Zitat muss mich aufgeschreckt haben. Oder es war eine Erinnerung.
Jedenfalls ist mir dann bei ihm (also Wittgenstein) als erstes der Begriff der Mannigfaltigkeit über den Weg gelaufen, den ich von Kant gut kennen und der mir bei Wittgenstein nie so richtig aufgefallen ist. Also bin ich zunächst diesem Begriff gefolgt. Dann kam die Grammatik dazu. Und dann verschiedene Bemerkungen von Wittgenstein, die so wunderbar zu Bemerkungen von mir zu Hannah Arendt passten.

Essenz und Gebrauch

Worum geht es also? Schlichtweg um die Auseinandersetzung zwischen Essentialismus und Anti-Essentialismus. Der schlägt sich z.B. in der Frage nieder, ob es ein natürliches Wesen von Frauen gäbe oder nicht.
Wittgenstein ist dort sehr deutlich. Er schreibt:
371. Das Wesen ist in der Grammatik ausgesprochen.
Philosophische Untersuchungen
Und einiges anderes mehr. Die einzelnen Aspekte und Fragmente um diese eben zitierte Stelle herum sind darin sehr deutlich und sehr interessant.
Man könnte z.B. auch sagen, dass das Wesen der Frau in der Grammatik ausgesprochen wird, oder sagen wir einfach umfassender, im Sprachspiel. Und dass die Frau in verschiedenen Sprachspielen mitwirkt, so dass die Bedeutung der Frau aus diesem Sammelsurium von Sprachspielen entsteht, die sich aktuell, in einer Gesellschaft, spielen lassen. Dass die Frau ein biologisches Wesen sei, ist ebenfalls nur ein Sprachspiel. Man kann mit einer Frau auch andere Spiele spielen.

Philosophie der Oberfläche

Was mich am meisten fasziniert, ist, dass Wittgenstein auf seine Art und Weise ganz an der Oberfläche bleibt, nie in irgendeiner Weise in die Tiefe hinabsteigt, zu einem Wesen, zu einer Essenz. Er schreibt sich nicht um das herum, was das Wesen eines Phänomens sei, sondern er schaut sich den Gebrauch dieses Phänomens an. Man könnte also sagen, dass bei Wittgenstein alles „flach“ wird. Es ist aber trotzdem nicht einfach, weil die Tiefe die Fähigkeit hat, alles einfacher zu machen, alles zu summieren. Jedoch hat die Tiefe einen entscheidenden Nachteil: es wird alles zum Geheimwissen.
Genau das macht eben Wittgenstein nicht. Auf seine Art und Weise liegt alles offen da, lesbar, sichtbar, ohne ein Rätsel und ohne ein Geheimnis. Und trotzdem ist alles, so empfinde ich das, wild und aufregend.

»Zwischen« und Mannigfaltigkeit

Jenes »Zwischen«, aus dem Hannah Arendt ihre politische Logik entfaltet, schreibt sich in gewisser Weise auch bei Wittgenstein ein, allerdings weniger mit dem Menschen als Subjekt, als mit dieser Differenz als Subjektspender. Diese Mannigfaltigkeiten erschaffen nie das ganze Subjekt, sondern sind immer nur an seiner Konstitution neben anderen Mannigfaltigkeiten beteiligt, so dass das Subjekt (was man hier durchaus grammatisch lesen darf, denn es sind nicht nur Menschen, sondern auch Ideen oder Farben oder simple Gegenstände) wie ein Flickenteppich erscheint.
So gelesen ist Arendts großes Problem, dass sie heimlich immer noch von einer Einheit ausgeht, die all diese verschiedenen Richtungen und Strömungen versammelt und zu einem durchaus vielfältigen, aber letztendlich doch unteilbaren Körper versammeln.

06.05.2014

Wittgensteins Beulen

Ein Grund, warum ich gerade wenig (offiziell) schreibe, liegt an meinem großen Lesepensum. Ich habe gerade einige Bücher über Wittgenstein hinter mir und diese auch weitestgehend durchkommentiert (mein Spracherkennungsprogramm funktioniert im Moment ganz hervorragend).

Wittgenstein hat so wunderbare Bilder und Analogien. Z.B. diese aus den »Philosophischen Untersuchungen«:
190. Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.