30.06.2007

Dialog und Szene

Wie viel hätte derjenige zu tun, der all die vielen, kleinen Beschreibungen umgestalten wollte, die einen Roman zu einem dröge sich dahinschleppenden Pfuhl aus Worten machen?
Sehr viel.

Nicht, dass Beschreibungen einfach wegerfunden werden könnten. So einfach ist das auch nicht. Aber immerhin könnte sich jeder Autor und jede Autorin die Mühe machen, seinen Text daraufhin durchzulesen, wo er mit allzu raschen Worten oder endlos aufgeblähten Umständlichkeiten eine Geschichte ins Unverständliche und Spannungslose zieht.

Aufgabe
Suchen Sie sich eine Beschreibung aus irgendeinem Roman und basteln Sie daraus eine Dialogszene!
Achten Sie dabei auf
  1. die enge Verknüpfung von Dialog und Beschreibung;
  2. die unterschiedlichen Charaktere und den möglichen Konflikt zwischen ihnen;
  3. Sparsamkeit in der Rede;
  4. Direktheit (was sich im Dialog ausdrücken lässt, muss nicht referiert werden);
  5. Folgerichtigkeit (am Ende eines Dialogs müssen die Charaktere anders informiert sein als zu Beginn);
Beispiele (rein beliebig)
  • "Auf der Straße geht sein Blick in beide Richtungen. Er ist unschlüssig, ob er noch weitere Handwerker aufsuchen oder es lieber bei einem der Kaufleute probieren soll. Er entscheidet sich für einen Kaufmann, da er dort seine Vorräte ergänzen und unauffällig Fragen stellen kann."
  • "Wie ein Gockel stolzierte Mikey vor den verschwitzten Musikern auf und ab und überschüttete sie mit überschwänglichem Lob. Der Hauptteil des Auftritts war zu Ende, die erste Zugabe gelaufen und die Band hatte sich vor dem ultimativen Schlag hinter der Bühne versammelt."
Weitere Probleme
Ein wichtiges Problem erscheint mir dabei, den Dialog in einer Szene einzubauen, die gut gegen andere Szenen abgegrenzt ist. Ich kann zwar immer noch nicht genau definieren, was eine Szene in einem Prosatext ausmacht, aber zumindest kann man als Daumenregel aufstellen: Je schlechter die Dialoge, umso schlechter abgegrenzt die Szenen und umgekehrt.
Ein schönes Beispiel für eine recht brauchbare Definition der Funktion einer Prosa-Szene führt das englische Wikipedia hier vor.
Allerdings würde ich die Liste ein wenig kürzen. Aufgabe einer Szene ist es ...
  • Geschichte und Konflikt voranzutreiben. Fast jede Geschichte besteht aus Konflikten und nur Konflikte machen aus einer Geschichte eine Geschichte. Analytisch lassen diese sich möglicherweise trennen, aber nicht in einem fiktiven Text. Natürlich kann man eine Geschichte nur vorantreiben, indem man etwas zeigt - Show, don't tell! -; deshalb habe ich die beiden ersten Punkte des wikipedia-Artikels zusammengelegt.
  • Charaktere zu entwickeln. Neben der Geschichte sind Charaktere die wichtigsten Elemente fiktiver (Spannungs-)Literatur. Dabei sollte man vor allem darauf achten, dass die Charaktere sich auch zueinander eigensinnig verhalten, widerständig gegeneinander sind. Allzu häufig schwanken die Charaktere herum wie lose Blätter im Wind. Man bekommt keine klare Vorstellung von ihnen, Konfliktpotential wird verspielt. - Die Einführung von Charakteren ist ein Sonderfall bei der Entwicklung von Charakteren.
  • Atmosphäre zu schaffen, vor allem Spannung. Spannung ist dem Konflikt und der Atmosphäre nahe; natürlich ist Atmosphäre etwas anderes - das Wetter, die Umstände, die Menschen -, aber zugleich notwendig, um den Konflikt aufzuschieben, auf Umwege zu leiten, etc. Zudem ist Spannung natürlich auch eine Atmosphäre (beim Leser).
  • Informationen zu geben und Themen zu gestalten. Informationen und Themen gehören zusammen, insofern Informationen die Elementarteilchen von Themen bilden. Sicher: ein Thema entwickelt sich anders als Informationen vergeben werden. Informationen bilden eine kristalline Kette, Themen einen eher diffusen Raum; Informationen kann man "wie am Schnürchen" aufzählen, während die Abgrenzung eines Themas immer ein Problem darstellt. Trotzdem dürfte es leicht einsichtig sein, dass beide ineinander verflochten sind - irgendwie, um eins meiner Lieblingswörter zu benutzen.
Und dies ist ebenso die Aufgabe des Dialogs.

Anagramme

Zappadong, bzw. in einem Kommentar Alex Lightbringer, wies auf eine Seite hin, auf der man sich Anagramme zusammenstellen lassen kann.

Bei meinem Namen kamen solche Sachen heraus wie "Kiez wirft Erde" und "ZDF wirkte Eier". Nicht schlecht sind auch "Tiere wider KFZ", "Erd-Kiefer-Witz", "Reif zierte KDW" oder "Fetzer wie Dirk".

Weitere Anagramme:
  • "Mal Unsinn kahl!"
  • "Ericas Quader-DJ"
  • "Oma Lucie flucht." oder "Tuch umlief Cola!" oder "Ich auftue c-moll."
  • "Eil zu Lesegeld!" und "Leidge US-Zelle" oder "Ellis Dez.-Luege" und "Siege Zell-Duel!"
  • "Hu! Krakau-Miriam!"
(Lösungshilfe: Lieblingsschriftsteller von mir)

"Etappe abgebruehter Asse!" ist übrigens ein Anagramm von "spätpubertäres Gehabe" - ich verwendete dieses kolossale Wort in einem Gespräch mit einer Kollegin.
Und wer könnte das sein: "Mustere Ricci derb!"?

Murakami - Foucault - Hemingway

Feine Sachen habe ich in letzter Zeit auch gelesen.
Von Murakami zum Beispiel noch drei weitere Bücher. Unter anderem mal wieder "Mister Aufziehvogel".

Dann habe ich mich in das Werk von Michel Foucault vergraben, die "Archäologie des Wissens" und die "Schriften zur Literatur" - in denen man unter anderem die Aufsätze "Vorrede zur Überschreitung", "Die Prosa Aktaions" und "Das Denken des Außen" findet.

Außerdem sehr zu empfehlen: Hemingways "Nick Adams Stories", in denen der Held Nick eine durchgehende Rolle spielt. Das Buch ist im Rowohlt-Verlag erschienen. So wundervolle Geschichten wie "Das Licht der Welt", "Die Killer", "So, wie du niemals sein wirst" oder "Schnee überm Land" sind hier versammelt. Großartige kleine Prosa.

Ganz Deutschland ist ...

von Dysgrammatikern und Sprachverflachern besetzt. Ganz Deutschland? Nein! Ein kleines, aber hartnäckiges Dörfchen mehr oder weniger namhafter Fantasyautoren leistet den Eindringlingen tapfer Widerstand. "Gefrühstückt habend starrte er das luxuriöse, schwarze Telefon an, das er seit einigen Jahren besaß, und atmete die Luft des kühlen schottischen Morgens ein."; oder sie schreiben: "Sich den Schlaf aus den Augen reibend schlurfte er in Richtung der mysteriösen Lärmquelle."; oder "Sich unters Auto werfend erspähte er zwei feindliche Ganger, die, sämtliche Pistolen gezogen habend, wie wild auf ihn einschossen."

Dies gelesen habend werden Sie sicherlich verstehen, dass ich an meinem Schreibtisch sitze. Bitterlich weinend.

22.06.2007

nette Zitate

"Ehe ein Mann anfängt, seine Feinde zu lieben, sollte er seine Freunde erst einmal besser behandeln."

"Das beste am Wein ist das Bier danach."

"Es ist unmöglich, witzig zu sein ohne ein bisschen Bosheit; die Malice eines guten Witzes ist der Widerhaken, der ihn haften macht."

"Taktgefühl ist für die Menschen, die für Sarkasmus nicht geistreich genug sind."

"Ich bin bekannt für meine Ironie. Aber auf den Gedanken, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen."

"Ab und zu sollten wir auch jene, die nichts Gutes an uns finden, maßlos enttäuschen."

"Charakter ist die Fähigkeit, sich selbst im Wege zu stehen, obwohl man ausweichen könnte."

"Auch Schlafen ist eine Form der Kritik, vor allem im Theater."

Das ist doch eine Frechheit ...

Da sagt ein Kollege zu mir: "Oh, was das Kindchenschema angeht bist Du vom Chinchilla gar nicht sooo weit entfernt... große Knopfaugen, sonore Stimme und intelligent..."
Ist das zu fassen!

18.06.2007

Geärgert habe ich mich auch ...

über die wikipedia-Seite über Gilles Deleuze. Da war ein schlimmer Pfuscher am Werk. Ebenso unerträglich ist die Seite zur Schizoanalyse. Ich verweise hier nicht auf sie.

Dagegen ist die französische Seite von wikipedia wenigstens mit guten Links ausgestattet und eine besonders schöne Seite möchte ich allen meinen französisch sprechenden Lesern ans Herz legen: petit vocabulaire deleuzien.

Hier werden - ganz brauchbar - wesentliche Begriffe aus Deleuze' Philosophie erläutert.
Und das wird auch meine Vorlage werden, wenn ich hier umfangreicher über Deleuze und vor allem über das nomadische Schreiben schreiben werde. (Zur Zeit beschäftigt mich ja eher Niklas Luhmann.)
An dem deutschen Artikel über die Schizoanalyse hat mich neben vielem anderen vor allem eins gestört: dort steht, es sei eine Kritik an der Psychoanalyse. Das ist wohl wahr; vor allem aber ist es eine Kritik an den Kantschen Kritiken (hier also der Grund, warum ich derzeit Kant lese). Das kann man aber im Vorwort zu Tausend Plateaus wortwörtlich von den Autoren erfahren.

Eine andere Sache, die mich sehr allgemein an der (deutschen - andere kenne ich weniger -) Rezeption der Schriften Deleuzes stört, ist, dass ihre Logik wenig aufgearbeitet wird. Man ergötzt sich hier eher an der Oberfläche, an den teilweise recht kratzbürstigen Formulierungen, und vergisst dabei - oder ist zu faul dazu -, dass dem ganzen eine gut ausgearbeitete Logik zugrunde liegt.
Schon die frühe Logik Deleuze' ist differenzorientiert und anti-hegelianisch. Mit der Umarbeitung von Nietzsche (Nietzsche und die Philosophie), Alice im Wunderland (Logik des Sinns), schließlich von Freud und Marx (Anti-Ödipus) wird diese Logik immer operativer, und setzt sich über das Kant-Buch, Differenz und Wiederholung bis hin zu Tausend Plateaus immer mehr mit Kant auseinander - ja, selbst Tausend Plateaus hat noch Kant als "Feind", auch wenn die Autoren dies nicht mehr so schreiben.

Auch dies wird euch also nicht erspart bleiben, die Logik von Gilles Deleuze, die sehr komplex und sehr wundervoll ist.

Wurzelgeflechts-Geschichten

Auf einer Seite finde ich ein Interview mit Grass und Walser und darin folgenden Abschnitt:

ZEIT: Bei Ihnen, Herr Walser, findet man manches Kritische über Grass. In einem Brief an Frisch schreiben Sie über ihn: fremd, zu viel Abenteuerliches, zu viel Heraldisches.
Walser: Das ist ein Wurzelgeflecht, da gibt es nicht einen Hauptstrang.

In "Tausend Plateaus" findet sich - unter anderem - folgende Stelle:
Das Denken ist nicht baumförmig, und das Gehirn ist weder eine verwurzelte noch eine verzweigte Materie. Die zu Unrecht so genannten "Dendriten" stellen keine Verbindung von Neuronen in einem zusammenhängenden Gewebe her. Die Diskontinuität der Zellen, die Rolle der Axonen, die Funktion der Synapsen, die Existenz synaptischer Mikro-Fissuren, der Sprung jeder Botschaft über diese Fissuren hinweg, machen aus dem Gehirn eine Mannigfaltigkeit, die auf ihrer Konsistenzebene oder ihrer Glia in ein ungewisses System von Wahrscheinlichkeiten eingebettet ist, uncertain nervous system. Vielen Menschen ist ein Baum in den Kopf gepflanzt, aber das Gehirn selbst ist eher ein Kraut oder Gras als ein Baum. "Axon und Dendrit sind umeinander gewunden wie eine Ranke um einen Brombeerstrauch, mit einer Synapse an jedem Dorn." (TP, S. 28)
Und im gleichen Buch steht zum Buch:

Wir kennen keine Wissenschaftlichkeit und keine Ideologie mehr, sondern nur noch Gefüge. Und es gibt nur noch maschinelle Gefüge des Begehrens und kollektive Gefüge der Äußerung. Keine Signifikanz und keine Subjektivierung: auf n hin schreiben (jede individuierte Äußerung bleibt in den herrschenden Signifikationen gefangen, jeder signifikante Wunsch verweist auf unterworfene Subjekte). Ein Gefüge wirkt in seiner Mannigfaltigkeit notwendigerweise zugleich auf semiotische, materielle und gesellschaftliche Strömungen ein (unabhängig von ihrer möglichen Wiedereinbindung in einen theoretischen oder wissenschaftlichen Korpus). Es gibt keine Dreiteilung mehr zwischen einem Bereich der Realität (der Welt), einem Bereich der Darstellung und Vorstellung (dem Buch) und einem Bereich der Subjektivität (dem Autor). Vielmehr stellt ein Gefüge Verbindungen zwischen bestimmten Mannigfaltigkeiten aus all diesen Ordnungen her, so dass ein Buch seine Fortsetzung nicht im folgenden Buch findet und weder die Welt zum Objekt noch einen oder mehrere Autoren zum Subjekt hat. Kurz gesagt, wir meinen, dass man gar nicht genug im Namen eines Außen schreiben kann. Das Außen hat kein Bild, keine Signifikation und keine Subjektivität. Das Buch als Zusammenfügung mit dem Außen gegen das Buch als Bild der Welt. Ein Rhizom-Buch, das nicht mehr dichotom, zentriert oder gebündelt ist. Niemals Wurzeln schlagen oder anpflanzen, wie schwierig es auch sein mag, nicht auf diese alten Verfahrensweisen zurückzugreifen. (TP, S. 38)

Murakami schreibt Rhizom-Bücher: sie ahmen noch die alten Buchformen nach, aber sie enden nicht mehr in der Erlösung durch die kleinbürgerliche, ödipalisierte Familie. Die Geschichte wird mehr im Flug erhascht, als zusammenkonstruiert.
Wie langweilig ist dagegen Stephen King: am Ende stirbt das Monster, wird die Kleinstadt gerettet. Wieviel nomadischer ist das Werden der Außerirdischen in "Tommyknockers" - Das Monstrum auf deutsch! - als dieses langweilige Verantwortungsgesäusel von Jim Gardener (eine Figur aus dem Buch). King hat dieses Buch geschrieben, nachdem er über Goulds Theorie der dummen Evolution gelesen hat. King führt diese dumme Evolution herausragend drastisch vor. Zugleich setzt er aber auch wieder einen Fixpunkt, der diese Evolution außer Kraft setzen kann: den gesunden Menschenverstand, die "amerikanische" Art und Weise der Solidarität und der Nachbarschaftshilfe, etc.
Doch selbst die Sackgassen - die Solidarität, die Nachbarschaftshilfe, die Revolution - sind noch Teil des Rhizoms. Man muss bloß wissen, dass jede Sackgasse in jede beliebige Richtung weiterführt, wenn man springt.

Insofern schreibt auch Walser keine "Bäume", sondern nur Wurzelgeflechte - Rhizome. Man muss bloß die Einheit seiner Bücher missachten.

Tausend Plateaus von Gilles Deleuze und Félix Guattari, Berlin 1997
Das Monstrum von Stephen King
Das Lächeln des Flamingos von Stephen Jay Gould, Frankfurt a. M. 1995

17.06.2007

Skandale

Die allgemeine Berichterstattung werde durch Skandale und Konflikte verdrängt, „eine Nachricht ist selten eine Nachricht, wenn sie nicht so viel oder mehr Hitze erzeugt als sie Erhellung bringt“. Alles sei entweder ein Triumph oder eine Katastrophe, jedes Problem gerate zur Krise, ein Rückschlag werde als „Politik in Trümmern“, eine Kritik als „schonungsloser Angriff“ dargestellt.
So wird Tony Blair in einem Bericht über die modernen Massenmedien zusammengefasst (unter anderem; der Rest siehe HIER).

Immanente Unruhe
Niklas Luhmann schreibt zu den Massenmedien zunächst, dass sie immanent unruhig sind. (RM, S. 41-44)
Da Massenmedien mit neuen Informationen aufwarten müssen, haben sie ein selbsterzeugtes Problem: sobald die Information gebracht ist, ist sie nicht mehr neu. - Da sich Massenmedien erhalten, mithin also stabil bleiben wollen, müssen sie ständig neue Informationen heranschaffen. Die Massenmedien sind also erst dadurch stabil, dass die Welt instabil ist, bzw. als instabil beobachtet werden kann. -
Im übrigen ist dies ein Problem, das Massenmedien mit allen anderen Systemen teilen: Kein System kann in sich selbst genug Struktur "entwickeln", um stabil zu sein. Alleine dadurch, dass ein System dynamisch ist, also aus Operationen (und nicht aus Festkörpern) besteht, ist es mit Unruhe ausgestattet. Um sich selbst Halt zu geben, sucht es diesen Halt in Umweltereignissen. - Die Operationen eines Systems finden natürlich nur im System statt. Aber die Struktur findet ein System in sich selbst UND in der Umwelt. Es ist sowohl strukturdeterminiert - führt sich also anhand interner Strukturen -, als auch strukturell offen, also bereit, sich auf die Strukturiertheit der Umwelt zu verlassen und diese Strukturiertheit auch zu nutzen.

Zwei Selektoren
Was Tony Blair angeht, haben Massenmedien (unter anderem) zwei Mechanismen entwickelt, die typischerweise die Eigenaktivität der Medien bestimmen und oft genug dann selbst wieder skandalträchtig werden: Konflikte und Normverstöße.

Konflikte
Luhmann schreibt dazu:
Konflikte haben als Themen den Vorteil, auf eine selbsterzeugte Ungewissheit anzuspielen. Sie vertagen die erlösende Information über Gewinner und Verlierer mit dem Hinweis auf Zukunft. Das erzeugt Spannung und, auf der Verstehensseite der Kommunikation, guess-work. (RM, S. 59)
Mit der Information muss also immer noch die Desinformiertheit thematisiert werden, um dann weitere Informationen nachschieben zu können.
Nicht nur wird damit das "Gesetz der Serie" erfüllt (und oft genug das Gesetz der Soap), sondern Teilthemen eignen sich dazu, herauszufinden, welches Thema gewinnträchtig ist und weiter thematisiert werden kann.
Zum anderen lassen sich Teilthemen wesentlich leichter revidieren und in die gewünschte Richtung lenken, als vollständig abgearbeitete Themen.

Normverstöße
Hierzu schreibt Luhmann:
In der Darstellung durch die Medien nehmen Normverstöße häufig den Charakter von Skandalen an. Das verstärkt die Resonanz, belebt die Szene und schließt die bei Normverstößen mögliche Äußerung von Verständnis und Entschuldigung aus. Im Falle von Skandalen kann es ein weiterer Skandal werden, wie man sich zum Skandal äußert.
Die Massenmedien können durch solche Meldungen von Normverstößen und Skandalen mehr als auf andere Weise ein Gefühl der gemeinsamen Betroffenheit und Entrüstung erzeugen. Am Normtext selbst könnte man dies nicht ablesen, der Verstoß erzeugt erst eigentlich die Norm, die vorher in der Masse der geltenden Normen eben nur "gilt". Vorauszusetzen ist natürlich, dass niemand den Gesamtumfang dieser Art von Devianz kennt und auch niemand weiß, wie andere in entsprechenden Fällen sich selbst verhalten würden. Wenn aber Verstöße (und: entsprechend ausgewählte Verstöße) als Einzelfälle berichtet werden, stärkt das auf der einen Seite die Entrüstung und so auf indirekte Weise die Norm selbst, und auf der anderen Seite auch das, was man "pluralistic ignorance" genannt hat, nämlich die Unkenntnis der Normalität von Devianz. (RM, S. 61f.)
Nous
Dieses Problem, dass eine Singularität als exemplum eines Wesens - im philosophischen Sinne - dargestellt wird, und dies dann zu einer Betroffenheit führt, drückt - wenn auch nicht in diesem Kontext - Derrida folgendermaßen aus:
Le nous est le lieu où nous changeons notre identité. (irgendwo in "La Dissémination")
Da es sich hier um ein Sprachspiel handelt, habe ich zuerst auf französisch zitiert. Die erste Übersetzung lautet:
Das Wir (fr.: nous) ist der Ort, wo wir unsere Identität ändern.
Die zweite Übersetzung ist fast gleich:
Das Wesen (gr.: nous) ist der Ort, wo wir unsere Identität ändern.
Der glückliche Zufall, der uns den Gleichklang zwischen dem französischen Wir und dem griechischen Wesen beschert, erlaubt es Derrida, hier in äußerster Kürze auszudrücken, welche Funktion er diesem topologischen Ereignis zuweist.

Empörung und Signifikation
Es gibt natürlich zwischen der Blindheit, die Luhmann anspricht, und der Funktion des nous, die Derrida ausdrückt, einige entscheidende Unterschiede. Während Luhmann das eigensinnige Prozessieren des Systems der Massenmedien darstellt, spielt Derrida mit der entscheidenden Eigensinnigkeit im Nie-zu-Ende-signifiziert-habens des Signifikanten.

Trotzdem ist die Parallele nicht zufällig, erzeugen die Massenmedien doch immer jenes Publikum, das sich durch ein "Wir" auf der Seite der Empörung weiß, und das sein Wesen dadurch findet, indem es das Unwesen ausschließt.
Während bei Luhmann die Empörung zu einer recht flüchtigen und meist nur imaginierbaren Inklusion führt (eigentlich ist nur das Ausgeschlossene, das Exkludierte sichtbar), ist die Signifikation durch den Signifikanten gerade nicht dadurch lösbar, indem man die Signifikanz vermeidet - wir sind nicht die Herren der Signifikation -, sondern indem man sie zerstreut. Der Imperialismus des Identifizierens kann nur durch mehrfaches Durcharbeiten, durch die Arbeit der Dissemination (Zerstreuung) "abgemildert" werden. (Adorno schreibt in der Negativen Dialektik etwas ähnliches: auch diese löst nicht mehr das Versprechen eines letzten Sinns ein, sondern wagt sich an Denkmodelle, die, auf ihre Weise, singulär und nicht wiederholbar sind. Siehe insbesondere den Abschnitt "Wesen und Erscheinung" in ND, S. 169ff.)
Gerade weil die Signifikation, sobald sie fraglos akzeptiert wird, ihr Unwesen treibt, steht sie strukturell in einer ähnlichen Position wie bei Luhmann die Empörung angesichts eines Skandals.

Die "pluralistic ignorance", die Luhmann von Hermann Popitz übernimmt, gilt in dem selben Maße auch für das empörte Publikum, das sich in seiner Heterogenität nicht wahrnimmt, und auch für den Signifikanten, sobald er seine Eineindeutigkeit durchsetzt.

Strukturelle Demokratie
Die Reibungshitze und die Reibungsverluste scheinen eine wesentliche Rolle in den öffentlichen Medien zu spielen. Die Demokratie muss - mehr als früher - rasch sein, um wenigstens anstandshalber, die Form der Pluralität zu wahren.
Blair wird dazu folgendermaßen zusammengefasst:
Ein wesentlicher Teil der Arbeit von Menschen im öffentlichen Leben bestehe darin, die Hyperaktivität der Medien zu bewältigen, bemängelte Blair. Niemand könne es sich leisten, eine Spekulation auch nur einen Augenblick unwidersprochen zu lassen, mit dem Ergebnis, dass Erklärungen abgegeben werden müssten, bevor die Tatsachen genau ermittelt seien. Dieser Prozess sei in den letzten Jahren viel schlimmer geworden.
Auch damit ist eine wesentliche Form, warum Demokratie einen so flüchtigen, instabilen Charakter hat, benannt: um sich von dem Spiel der Massenmedien abzukoppeln, muss das politische System das Spiel mitmachen.
Das Ausbremsen des massenmedialen Informationsdurstes hat möglicherweise vielfältige Ursachen. Mindestens einer aber wird sein, dass Politik wesentlich langsamer entscheiden kann - im Guten wie im Schlechten -, als Massenmedien Informationen aufbereiten und verbreiten.
Inwieweit die Kopplung des politischen Systems an die Massenmedien die Informationsflut ausbremsen kann, bleibt dahingestellt.

Zwischencharakter
Nach Niklas Luhmann jedenfalls muss man noch eine andere Frage stellen.
Massenmedien, so Luhmann, unterbrechen den Kontakt zwischen Sender (das betreffende Medium) und Empfänger (das Publikum). Politiker sind nun eher in der Lage, dieses Unterbrechen des Kontaktes aufzuheben. Natürlich kann dies nicht vollständig passieren und nur in Einzelfällen können Proteste von Seiten der Politik zu entsprechend anderen Nachrichten führen. Trotzdem haben Politiker, indem sie Ursache und Ziel der (politischen) Information sind, einen etwas anderen Status als der Normalbürger.
Etwas anders gesagt und gefragt: Massenmedien sind Massenmedien für Normalbürger, aber sind Massenmedien auch Massenmedien für Politiker?

RM: Die Realität der Massenmedien von Niklas Luhmann, Opladen 1995
ND: Negative Dialektik von Theodor W. Adorno, Frankfurt a.M. 1994
La Dissémination von Jacques Derrida, ohne angegebenen Ort, édition de Seuil 1972

Nur eine Liebesgeschichte

Und wo wir bei Murakami sind:
Mein Arbeitstag heute ist recht dröge. Ich habe selten einen Anruf und dann auch keine lange Gespräche. Das muss heute wohl so sein. Geld lässt sich dabei nicht viel verdienen, aber zumindest kann man nebenher lesen.

Murakami natürlich.
Nachdem ich mir vier Romane bei Nico ausgeliehen habe, habe ich einen ziemlichen Lesedrang gehabt, geradezu einen Lesedurst. "Hard-boiled Wonderland" habe ich zuerst gelesen, dann "Kafka am Strand". Jetzt bin ich mit "Naokos Lächeln" fertig.
Alle drei Romane sind auf ihre jeweils sehr eigene Weise ganz zauberhaft.

Das war noch lange nicht alles.
Zwischendurch, in einem Schnelldurchlauf, Petra Hammesfahr gelesen. "Die Mutter". Schauderhafter Titel.
Der Stil von Hammesfahr interessiert mich nicht. Verzweifelten Frauen kann ich auch nicht so viel abgewinnen - jedenfalls nicht, wenn diese fiktiv sind, und ihre Verzweiflung wie das ursprünglichste weibliche Recht vor sich hertragen. Eigentlich ziemlich scheußlich sogar.

Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, eine Parodie auf dieses Buch zu schreiben. "Hammesfahr" hieße es, unter dem Pseudonym "Petra Mutter" veröffentlicht.
Dann fiel mir ein, dass Petra Hammesfahr nicht die Mutter des schlechten Psychothrillers ist, sondern allerhöchstens dessen verstoßene Base. Über so jemanden schreibt man keine Parodie.
Schade eigentlich.

Früher mochte ich Clive Barker sehr gerne.
Die Bücher des Blutes habe ich in meiner Pubertät mit langanhaltendem Gruseln gelesen. Jetzt das dritte Buch dieser Reihe gelesen. Nein!, das alles überzeugt mich nicht mehr. Nett, aber eigentlich sehr banal. Kein guter Stil.
Nun, man entwickelt sich eben weiter.

Die wundervolle Welt der Amelie

Amelie ist schon älteren Semesters.
Als ich neulich eine ihrer Geschichten mit dem Stil Murakamis verglich, schrieb sie mir, dass dies ein bezauberndes Lob sei. Murakami sei nämlich einer ihrer Lieblingsschriftsteller.
Ich war baff und erstaunt. Meinen alten Herrschaften würde ich nämlich keineswegs zutrauen, Murakami zu lesen, geschweige denn, ihn zu verstehen, und zuallerletzt, ihn zu lieben.
Die Welt von Amelie muss wundervoll sein, dass sie sich einem so außergewöhnlichen Schriftsteller anvertrauen kann.

12.06.2007

Gewaltenteilung

Ein letzter Eintrag zu jenem Autor-dessen-Namen-nicht-genannt-werden-darf:

Da schreibt der Kerl doch, das Rechtssystem produziere Recht. - Hat der denn noch nie etwas von Gewaltenteilung gehört?
Erstens werden Gesetze im politischen System verabschiedet; zweitens wird im Rechtssystem "nur" Recht gesprochen. Drittens gibt es zahlreiche Organisationen, die die Einhaltung des Rechts durchsetzen, Polizei, Gefängnisse, Umweltämter, TÜV, Straßenbauämter, Jugendämter, usf.

All dies fällt noch irgendwie unter Produktion von Recht. Der TÜV muss, um das Normmaß eines Öltanks durchzusetzen, nicht extra das Rechtssystem einschalten oder nicht die Politiker mobilisieren. Andererseits kann der TÜV niemanden festnehmen, sondern muss notfalls seine Zuständigkeit für eine Sachlage abgeben. Trotzdem ist der TÜV in gewissem Maße in der Lage, Rechtsvorschriften durchzusetzen, nämlich die zur Einhaltung von gesetzlich vorgegebenen Bedingungen zum Beispiel für Öltanks.

Hochschulen

Nämlicher Autor, den ich eben schon zitiert habe, um mich ein wenig über ihn lustig zu machen, bringt auch folgende Erkenntnis zu Papier: "Hochschule produziert Bildung, ..."
Zuvor schreibt er noch, jedes System hätte eine Organisation.
Das ist natürlich - von Luhmann aus gesehen - in mehrfachem Sinne falsch.

Erstens muss man Systeme und Organisationen unterscheiden. Organisationen sind eine Form von System.
Organisationen sind nicht in irgendwelchen Systemen drinnen, zum Beispiel im Wirtschaftssystem. Natürlich kann man im alltäglichen Sprachgebrauch sagen, dass das Wirtschaftssystem organisiert sei. Der korrekte systemtheoretische Begriff lautet aber, dass Systeme strukturdeterminiert sind. Der Begriff der Organisation ist einem bestimmten Systemtyp vorbehalten.

Was aber ist nun eine Organisation?
Zunächst lösen Organisationen ein Problem der zunehmenden Individualisierung und der alteuropäischen Leitbegriffe von Freiheit und Gleichheit ein, auch auf Druck eines Wirtschaftssystems, das sich mehr und mehr aus langfristigen und komplexen Arbeitsvorgängen zusammensetzt. In der mittelalterlichen Gesellschaft und sogar noch in der beginnenden Neuzeit wurden die Leistungen von (heutigen) Organisationen durch Leibeigenschaft und Sklaverei erbracht. Große Projekte, wie der Bau einer Kathedrale, wurden nicht durch Verträge und Entlohnung geregelt, sondern durch religiöse Pflichten, weltlichen Gehorsam oder einfach durch Zwang.
Die humanistische Semantik lässt all dies nicht mehr zu. Die Menschen sind frei und deshalb auch frei in der Wahl. Trotzdem erzwingt die zunehmend komplexer werdende Gesellschaft, Arbeitsprozesse zu koordinieren, für die zahlreiche Menschen benötigt werden.

Genau hier greifen Organisationen ein.
Sie regeln den Zugriff auf Arbeit über Individuen und über individuelles Können; und nicht mehr über familiäre Traditionen, nach dem Motto: Vater Metzger, Sohn Metzger, Enkel Metzger.
Organisationen lösen sich also von sozialen Bedingungen wie der Schichtzugehörigkeit ab und ersetzen diese durch interne Bedingungen. Gerade dadurch können Organisationen freier wählen, wovon sie sich im Außen abhängig machen. Organisationen sind also nicht unabhängiger von der Umwelt als zum Beispiel Gilden, aber sie sind unabhängiger in der Wahl der Abhängigkeit.
Individuen werden in Organisationen gewöhnlich dadurch inkludiert, indem ihnen eine bestimmte Rolle zugemutet wird, zum Beispiel die des Lehrers (Schulen sind Organisationen). Man kann als Individuum in einer Organisation Mitglied sein, solange man die Rollenerwartung erfüllt. Wie dieses Erfüllen aussieht, muss die Organisation organisationsintern aushandeln, notfalls durch Wegsehen oder Dulden.
In Organisationen gibt es zahlreiche Verfahren, die greifen, wenn es zu bestimmten Entscheidungen gekommen ist. Solche Verfahren produzieren wiederum andere Entscheidungen, über die dann wieder entschieden werden muss. Mithin ist eine Organisation darin selbstreferentiell, dass sie über Entscheidungen von Entscheidungen entscheidet.
Aufgrund dieser extremen Freiheit in der Grundoperation einer Organisation kann sie gleichzeitig extrem determiniert sein, und muss es auch - anderenfalls wird sie kafkaesk.
Damit Entscheidungen nicht haltlos in einer Organisation herumwirbeln, gibt es dann Verfahren, die teilweise sehr penibel entscheiden, wie entschieden werden darf. Verfahren sind der strukturelle Halt der Organisation.
Auch Verfahren sind unspezifisch. Beides garantiert der Organisation noch immer, dass sie sich beliebig entwickeln kann. Schließlich muss - natürlich per Verfahren - entschieden werden, auf welche Entscheidungen in der Umwelt eine Organisation entscheidet, dass sie eigene Entscheidungen darin einhängt.
Erst dieser letzte Punkt ermöglicht es der Organisation, sich als Hochschule zu bezeichnen und nicht als Gericht oder als Umweltamt. Als Hochschule entscheidet eine Organisation über Zulassungsverfahren und Prüfungen, über Organisation von Seminaren und über interne Anschaffungen, wie Büromaterial, aber auch Fachliteratur. Von Gerichten würde man dies so nicht erwarten, obwohl diese auch Organisationen sind.

Hochschulen jedenfalls produzieren keine Bildung.
Hochschulen sind weder mit dem Erziehungssystem gleichzusetzen, noch mit dem Wissenschaftssystem. Natürlich wird in Hochschulen neues Wissen produziert, natürlich kann man bei langjährigem Verharren in einer Hochschule auch Bildung erwerben.
Zunächst aber besteht die Hochschule aus Verfahren, und unter anderem aus Verfahren, Studenten aufzunehmen oder zu entlassen, sei es durch Entzug der Hochschulerlaubnis, sei es durch eine erfolgreich bestandene Prüfung.

Bildung ist ja im Übrigen nur eine Kompaktzumutung an Personen, genau das richtige Faktenwissen zur richtigen Zeit parat zu haben, zum Beispiel Goethe-Zitate auf Sektempfängen.

Auch die Behauptung des ominösen Autors, Hochschulen würden Theorien zum Thema Umweltschutz entwickeln, ist - von der Systemtheorie aus gesehen - falsch.
Die Wissenschaft produziert Theorien, und sonst kein anderes Funktionssystem.
Eine Hochschule kann als Organisation nur beschließen (also entscheiden!), ob sie zum Beispiel umweltfreundliches Papier benutzt, oder ob sich die Kollegen bei der Müllentsorgung zwischen zwei oder drei Müllsorten und damit zwei oder drei verschiedenen Mülleimern entscheiden müssen. - All dies fällt aber unter Verfahren. Diese finden dann ihren Niederschlag in Erlassen, Rechtsverordnungen, Vorschriften, etc.

Literatur dazu:
Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 826 ff (Kapitel "Organisation und Gesellschaft")
Legitimation durch Verfahren
Das Recht der Gesellschaft, S. 297ff (Kapitel "Die Stellung der Gerichte im Rechtssystem")