16.08.2010

Kinderlärm

Warum sich Menschen über lärmende Kinder aufregen, ist mir seit langem ein Rätsel. Immer wieder war ich überrascht und entnervt, wenn mal wieder ein Spielplatz oder eine Liegewiese juristisch umkämpft wurde. Sicher; nicht alles, was auf diesen geschieht, finde ich toll. Aber das liegt eher daran, dass Spielplätze und Liegewiesen nicht zum Zerdeppern von Flaschen und Abladeort für Hundek*** da sind.

Kinder dagegen sollten gerade solche Orte nutzen dürfen und selbst wenn es einen stört, sollte er doch Abstriche machen können und es den Kleinen gönnen. Schließlich ist ihr Freiraum eh schon verbaut genug. Zumindest in einer Großstadt.

Was ich auch nicht verstehen kann, sind die mehr oder weniger terroristisch anmutenden Erziehungstipps, die Mütter bekommen, wenn sie mit dem plärrenden Nachwuchs an der Supermarktkasse stehen.

Kleiner Tipp für die Zukunft: ich schneide dem Kind dann immer Grimassen. Schon hört der Lütte auf zu plärren und guckt, was der doofe Onkel Fredi da macht.

Die Emotionstheorie von Plutchik

Emotionen spielen in unserem Alltag eine wichtige Rolle. Auch der Begriff der emotionalen Intelligenz ist in aller Munde. Neben den durchaus wichtigen Alltagstheorien über Emotionen gibt es viele wissenschaftliche Ansätze. Einer davon soll hier vorgestellt werden.

Acht grundlegende Emotionen

Der amerikanische Psychologe Robert Plutchik hat zwei grundlegende Bewegungsrichtungen bei den Emotionen unterschieden: eine verbindende und eine trennende. Über diese erste Unterscheidung kommt er zu acht Basisemotionen.
Die vier verbindenden Basisemotionen sind Freude, Vertrauen, Überraschung und Erwartung.
Die vier trennenden Basisemotionen sind Furcht, Trauer, Ekel und Ärger.

Intensität und Kombination der Emotionen

Diese acht Formen der Emotion existieren in unterschiedlicher Intensität und können sich miteinander kombinieren.
Für die unterschiedliche Intensität der verschiedenen Emotionen seien hier zwei Beispiele genannt. Nehmen wir zum Beispiel Freude. Bei einer hohen Intensität nennen wir den Ausdruck von Freude Ekstase. Bei einer niedrigen Intensität nennen wir dies Freudigkeit, Gelassenheit oder Fröhlichkeit.
Ähnlich ist es zum Beispiel beim Ärger. In einer hohen Intensität erscheint dieser als Zorn oder Wut, bei einer niedrigen Intensität als Feindseligkeit oder Verärgerung.
Kombinieren sich zwei Emotionen, entstehen neue, abgeleitete Gefühle. So nennt Plutchik die Verbindung von Freude und Vertrauen Liebe. Kombinieren sich zum Beispiel Vertrauen und Überraschung, entsteht Neugier. Zynismus wiederum sei, so Plutchik, eine Mischung aus Ekel und Erwartung.

Kann man Emotionen lernen?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse in der Emotionstheorie allerdings ist, dass es zwar elementare Gefühle gibt, dass man aber lernt, wann man sie hat. Das heißt, man kann durchaus ein Gefühl verlernen oder erlernen. Dabei allerdings sollte man vorsichtig sein, denn zunächst denkt man, dass es sinnvoll ist, negative Emotionen aus seinem Leben zu verbannen. Es gibt aber äußerst sinnvolle Ableitungen von schlechten Gefühlen.
So ist eine "verfeinerte" Version der Angst die Fähigkeit, sich von etwas zu distanzieren, zum Beispiel von anderen Meinungen. Plutchik sieht den Ursprung der Angst in der Funktion, sich in Sicherheit zu bringen. Dies geschieht durch eine Flucht. Dieses Moment der Flucht steckt auch hinter der Distanzierung von fremden Meinungen.
In solchen sehr erwachsenen Verhaltensweisen steckt natürlich die ganze persönliche Geschichte der Gefühle mit drin. In der Distanzierung spielen noch andere Gefühlserfahrungen eine Rolle. Häufig "zerstört" man auch diese anderen Meinung, sei es durch offene Kritik, sei es durch verächtlichem Gedanken. Dies kann man wiederum auf die Grundemotion des Ärgers zurückführen.
Von dem Standpunkt der Gefühle aus leisten Gedanken und Handlungen mehrererlei. Zunächst einmal sind es die Elemente, an die sich Gefühle binden können. Zudem mischen sich die Grundgefühle in den Gedanken und Handlungen und können in unterschiedlicher Intensität ausgedrückt werden. Schließlich verfeinert eine reiche Gedankenwelt die Emotionen, bis zu dem Moment, in dem sie gar nicht mehr für uns wahrnehmbar sind.
So kann man abschließend sagen, dass die Grundemotionen zwar angeboren sind, deren Intensität, Mischung und Verfeinerung aber erlernt werden. Zudem erlernen Menschen auch, in welchen Situationen sie welche Gefühle bevorzugen.

Überlebensstrategien

Plutchik hat die Emotionen in der Evolution verankert. Er postuliert fünf wichtige Elemente, die jede Grundemotion ausmachen.
Das erste Element ist das Reizereignis. Damit ist ein Reiz gemeint, der aktuell vorliegt und mit dem besonderen Gefühl einhergeht. Das zweite Element ist die kognitive Einschätzung. Diese repräsentiert den aktuellen Zustand. Als drittes Element kommt die subjektive Reaktion dazu, die aus dem Grundgefühl besteht. Schließlich gibt es noch ein Verhalten, das durch die Emotion ausgelöst wird und eine evolutionäre Funktion. Mit dieser wird die Anpassungsleistung an die Umwelt bezeichnet.
Ärger zum Beispiel wird durch ein Hindernis ausgelöst. In Gedanken wird dieses Hindernis als Feind bewertet (kognitive Einschätzung). Das dazugehörige Verhalten ist der Angriff und evolutionäre Funktion besteht in der Zerstörung eines Hindernisses.
Die Trauer begleitet den Verlust eines wertvollen Objekts. In diesem Fall stehen sich allerdings die kognitive Einschätzung und das Verhalten entgegen. Die kognitive Einschätzung ist, dass man das Objekt aufgeben sollte, während das Verhalten jemanden ruft. Dieser jemand ist entweder das verlorene Objekt selbst, oder jemand, der einem dabei hilft, dieses verlorene Objekt wiederzuerlangen.

Wie geht man mit Emotionen um?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass man möglichst viele Handlungen kennen sollte. Zudem ist eine umfassende Bildung wichtig, um viele verschiedene Gedanken entwickeln zu können. Das klassische Lernen ist also ebenso notwendig für eine reiche Gefühlswelt, wie die praktischen Tätigkeiten.
Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Gefühle in jedem Gedanken und jeder Handlung enthalten sind, aber nicht offen daliegen. Man kann sie jedoch aus dem Bewegungsimpuls erschließen. Um dies gut zu können, ist eine hohe Bewusstheit des eigenen Denkens und eine sensible Reflexion des eigenen Handelns nötig.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, auf eine emotional besetzte Situation andere Gefühle auszuprobieren. So kann man zum Beispiel einen Menschen, auf den man ärgerlich ist, mit einem Gefühl der Überraschung "besetzen". Gelingt dies, ersetzt man nämlich den Impuls zur Zerstörung durch einen Impuls, sich neu zu orientieren. Dadurch können aus einer Situation neue Einsichten entstehen. Bei dieser dritten Möglichkeit gibt es allerdings nicht darum, sich emotional umzupolen, sondern ausschließlich darum, durch andere Gefühle eine andere Sichtweise auf eine bestimmte Situation zu erproben.

Emotionale Kompetenz

Folgt man den Gedankengängen von Plutchik, dann gibt es keine emotionale Intelligenz. Diese müsste nämlich angeboren sein. Stattdessen kann man von einer emotionalen Kompetenz reden. Diese kann erlernt werden, wenn auch nur auf dem indirekten Weg der wissenschaftlichen, kulturellen und praktischen Bildung.

15.08.2010

Blog-Marathon

Ich befinde mich viel zu selten im Internet. Gerade lese und erfahre ich, dass es seit dem 29.07 einen Blogger-Marathon gibt, der - leider! - mit nur 97 Blogs auskommen muss. Hier bekommt ihr sie alle auf einen Blick: Blogger-Marathon-Teilnehmer.
Insgesamt eine sehr schöne Idee, nur leider eben wenig genutzt. Das zeigt aber auch, wie wenig sich Blogger untereinander verlinken. Auch ich muss mich dazu rechnen. Ich verspreche aber Besserung.

10.08.2010

Zoltan Gal

Ab und zu, ganz selten, viel zu selten, schreibe ich auch mal was über Kunst.

Den Lesern wird nicht entgangen sein (hoffe ich), dass sich mal wieder jemand meinem Blog angeschlossen hat, ein Maler mit Namen Zoltan Gal. Er führt selbst einen Blog, in dem er seine Kunstwerke präsentiert.
Normalerweise bin ich von dem modernen Tafelgemälde nicht so angetan. Zu gewollt, zu maniriert, oft zu ästhetisiert und deshalb ausdruckslos. Installationen finde ich sehr viel spannender. Die Bilder von Gal jedoch haben etwas. Da kann noch jemand malen und produziert nicht nur snobistisches Handwerk.

06.08.2010

Plurales Lesen

Lotman spricht davon, dass zunächst ein Text vorhanden ist und dann seine Sprache rekonstruiert wird. Er spricht dann allerdings von Bruchstücken einer fremden Kultur, Text in einer unbekannten Sprache oder aus dem Kontext gerissene Fragmente von Kunstwerken oder Werkzeugen materieller Natur. So weit bleibt Lotman im gewöhnlichen Rahmen.

Dann aber kommt er auf innovative Kunstwerke zu sprechen, die in einer unbekannten Sprache geschrieben seien. Diese müssen die Adressaten erst rekonstruieren und sich aneignen. Lotman bezeichnet dies als »Selbstschulung« des Adressaten (Lotman, Jurij: Die Innenwelt des Denkens, S. 25f.).

Tatsächlich muss man aber sagen, dass jeglicher Text und jegliche Äußerung als solche vielfältig rekonstruiert werden kann; selbst die banalste Äußerung ist einem pluralen Lesen zugänglich.

Modelle dienen dazu, dieses plurale Lesen zu ermöglichen.

Aus den Äußerungen von Lotman kann man folgern (und da bin ich sehr dafür), dass Modelle zunächst (und wahrscheinlich immer) der Selbstschulung dienen. Modelle sind Anleitungen zur Metakognition.

 

Komponenten der metakognitiven Kompetenz

1. Metakognitives Wissen, beziehungsweise metakognitive Bewusstheit: was Menschen über sich selbst und andere Menschen als kognitive Verarbeiter wissen;

2. Metakognitive Regulationen: bezeichnet das Regulieren und Kontrollieren von Kognitionen und Lernerfahrungen durch eine Reihe von Aktivitäten, die dem Menschen helfen zu lernen;

3. Metakognitive Erfahrung: bezeichnen Reflexionen, die auf die aktuellen kognitiven Bemühungen gerichtet sind.

Ziel der metakognitiven Kompetenz ist die Fähigkeit, das richtige Werkzeug für die richtige Arbeit auszuwählen, das heißt die Fähigkeit, die richtigen Lernstrategien effektiv und zielorientiert zu nutzen.

 

Lotman geht davon aus, dass diese Selbstschulung nur deshalb möglich sei, weil an einer Sprache, selbst einer extrem individualisierten Sprache, nicht alles individuell sei. Darin sieht er den Einstieg in den Sinngehalt einer Sprache.

Ich würde dies anders ausdrücken: weil alles, was ich wahrnehme, in Form von Mustern (oder kognitiven Fertigkeiten) existiert, liegt die Grundbedingung der Selbstschulung darin, dass ich in Mustern wahrnehme und in Mustern interpretiere.

Selbstschulung bedeutet, in fremde Muster einzudringen, um eigene Muster aufzubauen. Lapidar sagt Luhmann, dass man fremde Komplexität nutze, um eigene Komplexität aufzubauen.

Intellekt

"Zum Funktionieren des Intellekts braucht es einen anderen Intellekt."

Wygotski: "Ursprünglich war jede höhere Funktion von […] zwei Menschen geteilt, sie war ein gemeinsamer psychologischer Prozess."

"Der Intellekt steht immer im Dialog."

Lotman, Jurij: Die Innenwelt des Denkens, S. 11

Auch dies ist ein Grund, warum intellektuelle Prozesse in sich asymmetrisch verlaufen (müssten). Während mir meine Denkinhalte fraglos gegeben sind, muss ich die Denkinhalte eines anderen Menschen erschließen. Sind höhere psychologische Funktionen Abkömmlinge des Dialogs, müsste sich die Polarität zwischen automatischem Erkennen und prozessualem Erschließen darin abbilden.

Was natürlich zu überprüfen wäre!

Immanente Übersetzung

Bei Lotman findet sich eine seltsame Bemerkung:

"Dabei hat sich gezeigt, dass die kleinste funktionierende semiotische Struktur nicht eine künstlich isolierte Sprache oder ein Text in einer solchen Sprache ist, sondern ein paralleles Paar ineinander nicht übersetzbarer, aber dennoch durch den »Flaschenzug« einer Übersetzung verbundener Sprachen. Ein solcher Mechanismus ist die kleinste Keimzelle, aus der sich neue Mitteilungen generieren."

(Seite 10)

Jede bedeutungstragende Einheit besteht also nicht aus einer Sprache, sondern immer aus zweien.

Wenn Lotman sagt, dass diese doppelte Sprache (plus einer losen Übersetzung) auch die kleinste Einheit eines semiotischen Objekts sei, so führt er den Bruch und die Vagheit mitten durch die Kultur (Vergiss nicht, dass du der Kern eines Bruches ist!).

Weiters spricht Lotman in diesem Zusammenhang von einer "bipolaren Asymmetrie semiotischer Mechanismen" (Seite 11).

Hier und an anderen Stellen formuliere ich im Moment zwischen Lotman und Anderson (Kognitive Psychologie) hin und her. Anderson schreibt, dass neues (deklaratives) Wissen durch bereits vorhandene Prozeduren (prozedurales Wissen) interpretiert und in "sinnvolle" Handlungen übersetzt werde.

Die Parallele zu Lotman dürfte klar sein: das Erlernen von Wissen besteht wie das semiotische Objekt Lotmans aus zwei Polen. Beide Autoren unterstreichen in diesem Zusammenhang den konstruktiven Charakter von Lernen und Interpretation, und verweisen hier auf eine immanente "Unklarheit".

Jurij Lotman

Gerade lese ich Die Innenwelt des Denkens von Jurij Lotman. Ein schönes Buch!

Ich habe mir, um nicht ständig mein Headset aufzuhaben, ein Tischmikrophon gekauft, in das ich alle meine Gedanken beim Lesen hineinplappere. Da ich das seit Tagen mache, hat sich mittlerweile ein ziemlicher Berg an Notizen angehäuft, die ich noch in meinen Zettelkasten packen muss. Der Zettelkasten ist leider in irgendeiner Weise inkompatibel mit meinem Spracherkennungsprogramm. Allzu häufig werden Wörter falsch erkannt oder mit doppeltem Anfangsbuchstaben eingeschrieben.

Außerdem habe ich mir noch zwei weitere Bücher gekauft, einmal Schriften von Helmut Plessner aus der Gesamtausgabe, und zwar den Band, in dem sein berühmter Aufsatz über Lachen und Weinen enthalten ist; und dann habe ich mir Die Ästhetik des Wortes von Michail Bachtin zugelegt. Auch dort findet sich eine Passage zur Lachkultur bei Gogol, den ich dann vermutlich auch mal wieder lesen muss.

Ich komme nicht zum Ausformulieren längerer Artikel, obwohl ich in den letzten vier Monaten so viel neues Material eingearbeitet habe, dass es für zahlreiche und auch recht unterschiedliche Themen reichen würde. So werde ich einiges an Anmerkungen und Zitaten in den Blog stellen.

02.08.2010

Es ist passiert

Ich habe das Design meines Bloges (ihr seht es!) radikal umgestellt.

Den ganzen Tag habe ich an verschiedenen, kleinen Themen gebastelt. Insbesondere bin ich wieder bei den Schreibkompetenzen. Drollig, dass bisher niemand diese Kompetenzen ausformuliert und auf eine kognitionspsychologische Basis gestellt hat, zumindest in Deutschland. Allerdings ist die Arbeit auch mühsam.

Zwischendrin und seit mehreren Tagen tilge ich die ganzen Rechtschreibfehler in meinem Zettelkasten. Der Zettelkasten von Daniel Lüdecke ist mittlerweile ganz großartig. Vor allem die Schreibtischfunktion ist für jeden Autor wissenschaftlicher und auch kreativer Texte zu empfehlen.

01.08.2010

Stranger than fiction

Dieser ganz bezaubernde Film wurde von Marc Forster gedreht, der auch bei Ein Quantum Trost Regisseur war. Will Farrell spielt einen Steuerbeamten, der merkt, dass sein Leben von einer fremden Frau geschrieben wird, einer Schriftstellerin, die ihn am Ende ihres Romans umkommen lassen will. Er macht sich auf die Suche nach dieser Frau, findet sie, stellt fest, dass dieser Roman, der Roman über sein eigenes Leben (und Sterben), das Schönste ist, was er jemals gelesen hat und überredet die Schriftstellerin dazu, ihn sterben zu lassen (im Roman und im wirklichen Leben).

Sie werden wissen, wie dieser Film ausgeht.

Was mir so wichtig an diesem Film ist, ist diese wunderbare Vermischung der verschiedenen Ebenen, die eine Erzählung ausmachen. Und gerade weil dieser Film diese Ebenen so gut vermischt, macht er sie so deutlich. So ist Stranger than fiction nicht nur eine ganz bezaubernde Fast-Komödie, sondern auch ein Lehrstück über Erzähltechniken.

In vielen Filmen spielt die so genannte Falken-Theorie eine wichtige Rolle. Der Falke ist eine Metonymie für das Dingsymbol, einem zentralen Gegenstand, der das Problem der Geschichte symbolisiert. Ein solcher "Falke" ist in diesem Film ein Apfel. Dieser Apfel wird als der Auslöser eingeführt, wodurch der Hauptdarsteller später stirbt. Doch gerade zum Schluss wird er ersetzt, und statt seinem Apfel hinterherzulaufen, rettet der Hauptdarsteller einen Jungen vor dem Überfahren-werden. Ist der Apfel ein Symbol für ein Problem, so ist der Junge eine Metapher für die Lösung.

Hier zeigt sich, wie der Autor in seine Erzählungen eingreift und sich mit diesen vermischt, untergründig und oft unerkannt. Die Autorin (wunderbar gespielt von Emma Thompson) sieht diesen Apfel, sie sieht ihn auf die Straße rollen, sie beschreibt, zuvor, wie der Protagonist jeden Morgen, zwanghaft, diese Art von Apfel isst, und bis zum Schluss weiß weder sie noch der Zuschauer, wie diese Geschichte enden soll. Im Apfel drückt sich also die Notwendigkeit des Todes aus. Zum Schluss, und das zeichnet diesen Film dann doch als Komödie aus, wird der Tod verdrängt, durch eine Metapher.

Zu diesem Satz wäre einiges zu sagen. Die Metapher ist nicht, wie uns das die heutige Vulgärliteratur über Metaphern glauben machen möchte, ein Verbildlichen, sondern eine Verdrängung, ein Ungeschehenmachen des Todes. In diesem Fall, also im Falle des Films Stranger than fiction, ist das sogar wortwörtlich zu nehmen. Häufiger jedoch ist eine Metapher tatsächlich eine Blockade eines "kleinen Todes", also einer Veränderung, einem Bruch in der Identität. Die Metapher verpfropft, so liest man bei Lacan, das Ende/Entweichen eines Symptoms. Stranger than fiction ist mehr als nur eine romantische Komödie: es ist eine Allegorie auf die Wirksamkeit von Metaphern.

Hatte ich schon erzählt, dass ich diesen Film liebe? Zu dumm, dass ich ihn erst heute entdeckt habe (und wieder einmal vielen Dank an meine Videothekarin, die mir mit großer Treffsicherheit die allerschönsten Filme aussucht).

27.07.2010

Zitatenschätze

In einem dieser Zitatenschätze findet man auch Hermann Goering. Als Beruf wird angegeben: Führer. Und bei Lech Walesa steht als Nationalität: Poliermittel. Emerson habe gesagt: Bau ein besseres mousetrap und die Welt schlägt einen Weg zu deiner Tür.
Na bitte! Schon haben wir wieder drei geile Tatsachen dazu gelernt. Weitere geile Tatsachen HIER.


Urworte - orphisch

Was man alles im Internet findet, z.B. jenes Zitat von Goethe:
Holz brennt, weil es das korrekte Material in ihm hat; und ein Mann wird berühmt, weil er das korrekte Material in ihm hat.
Diese Übersetzung ist geradezu faustisch.



Elite und Integration

Der Begriff der Elite spielt in der Soziologie von Niklas Luhmann kaum eine Rolle. Er greift diesen eher als semantisches Überbleibsel auf. Hier ein längerer Abschnitt aus Luhmanns Buch Die Politik der Gesellschaft (Seite 131-132):
Die klassische politische Theorie hatte im Anschluss an alte Traditionen der Politik eine Funktion gesellschaftlicher Integration zugewiesen. Es blieb bei höheren begrifflichen Ansprüchen unklar, wie das gemeint war. Diese Unklarheit war der Preis, der für das Festhalten an einem Identitätskonzept für Politik und Gesellschaft unter immer komplexer werdenden Bedingungen zu zahlen war. Integration wurde einerseits über den Staatsbegriff zugemutet, wobei vorausgesetzt wurde, dass eine Gesellschaft jeweils nur einen Staat hervorbringe. Sie konnte andererseits mit Hilfe einer Theorie politischer Eliten formuliert werden, womit (bei heutiger Distanz zu diesem Theoriedesign) sowohl regierende als auch »kritische«, das heißt protestierende Eliten gemeint sein konnten. Geht man zu einer Theorie gesellschaftlich ausgelöster und reproduzierter Systemautonomie über, gewinnt man die Möglichkeit, diese ziemlich unplausibel gewordenen Integrationstheorien aufzugeben. An ihre Stelle tritt das Konzept der funktionalen Spezifikation des politischen Systems.
Die Konsequenzen dieser Theorieumstellung werden an vielen Stellen unserer Darlegungen sichtbar werden. Im Moment soll nur ein besonders wichtiger Gesichtspunkt angedeutet werden.
Während im Integrationskonzept Übereinstimmung und Verständigung über Politikvorschläge im Vordergrund stehen, kann nach Aufgabe dieses Konzepts die Bedeutung politischer Konflikte differenzierter gewürdigt werden. Konflikte sind durch die Codierung Regierung/Opposition geradezu vorgeschrieben. Sie werden durch das links/rechts-Schema schematisch reproduziert. Es mag sich in nicht wenigen Fällen nur um gespielte Konflikte handeln; aber auch dies signalisiert die strukturell garantierte Dauerbereitschaft des politischen Systems, gesellschaftlich fundierte Meinungs- oder Interessenkonflikte aufzugreifen und zur Entscheidung zu bringen. Dem entspricht (wie wir noch sehen werden) eine Präferenz der Massenmedien, über Konflikte (und nicht: über übereinstimmende Meinungen) zu berichten und die »öffentliche Meinung« entsprechend zu strukturieren. Die öffentliche Aufmerksamkeit und Kommunikation konzentriert sich damit typisch auf den politischen Konflikt - so wie im Falle des Sports auf Sieg oder Niederlage oder im Falle der Börsenberichte auf die Auf- oder Abwärtsbewegung der Kurse. Was fasziniert, ist nicht die Einheit, sondern die Differenz; oder genauer: die spezifisch bestimmte Einheit einer Differenz - die Streitfrage über Militäreinsatz, über Ausdehnung oder Einschränkung von Sozialleistungen, über Technologiepolitik, regionale Dezentralisierung etc.
Da man nur über Dasselbe streiten kann, liegt auch im Konflikt eine Integrationsleistung vor, aber sie ist viel komplexer gebaut, als es in klassischen Politikkonzepten formuliert werden kann. Sieht man Konflikte als soziale Systeme, die sich in anderen Systemen gleichsam parasitär entwickeln, so handelt es sich deutlich um überintegrierte Systeme, die dazu tendieren, alle Ressourcen im Blick auf Sieg oder Niederlage auf einen Konflikt zu konzentrieren. Dem wirkt nach üblicher Vorstellung die Juridifizierung der Konflikte (= Konditionierung der Entscheidung durch einen unabhängigen Dritten) entgegen. Im Zuge einer stärkeren Ausdifferenzierung des politischen Systems ergibt sich dazu ein funktionales Äquivalent, nämlich die thematische Spezifikation von politischen Konflikten. Sie ermöglicht eine Begrenzung der jeweiligen Beiträge, Argumente und verwendungsfähigen Mittel. Sie verhindert eine gesellschaftliche »Versäulung« der Konflikte mit der Folge, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen sich in allen Konflikten als dieselben Gegner wiedererkennen. Gelingt eine thematische Spezifikation der Konflikte, kann man das politische System beobachten im Blick auf die Frage, ob und wie es gelingt, Konflikte zu entscheiden. Auch die Beobachtung (und vor allem: Selbstbeobachtung) des politischen Systems wird damit auf das Politische konzentriert und mehr oder weniger distanziert von den Interessen, die jeweils vertreten und berücksichtigt oder übergangen werden. Außerdem strukturiert die laufende Bearbeitung und Entscheidung thematisierter Konflikte das Gedächtnis des Systems; und dabei erinnert sich das System auch und gerade an die immer wieder zurückgesetzten Interessen, die allein dadurch schon Gewicht gewinnen, dass sie typisch zu den Verlierern gehören.

Und an einer anderen Stelle, in Soziale Systeme (Seite 465-467), schreibt Luhmann folgendes:
Wenn diese Theorie zutrifft, müsste man im Übergang von einer hierarchischen zu einer funktionsbezogenen Gesellschaftsordnung ein Problematischwerden der Latenz feststellen können, und das ist in der Tat der Fall. Das »seiner Natur nach Geheime« wird in Kommunikationsprobleme und Kommunikationssperren übersetzt. So sieht Pascal die Situation: Das Volk lebt in der Illusion. Wer das durchschaut, darf dies nicht äußern. Nicht der Sachverhalt, sondern die Einsicht hat verborgen zu bleiben. Pascal spricht an vielen Stellen noch von mystère; aber er betont auch, dass das Akzeptieren der vorhandenen Ordnung auf Illusionen über die Gerechtigkeit des überkommenen Rechts, über die Qualitäten des Adels, über die Legitimität der Herrschaft beruhe; dass diese Einsicht aber nicht geäußert werden dürfe, sondern dass sie pensée, cachée, pensée de derrière bleiben müsse; dass gerade dies Zurückhalten der Kommunikation der Ordnungsbeitrag des Christen sei: der damit den Sündenfall akzeptiere; und dass auch der einsichtige Adel darauf verzichten müsse, darzustellen, wie es um seine Qualität und seine Menschlichkeit in Wahrheit stehe. Auch die Theorie der Salonkonversation findet sich bald darauf durchsetzt mit Kommunikationsverboten und Schweigepflichten, die benötigt werden, um Geselligkeit in Gang zu halten. Und auch die Moraltheorie nimmt die Einsicht auf, dass das Interesse an moralischer Achtung nicht in die Kommunikation einfließen dürfe, sondern dass man moralisches Handeln um der Moral selbst willen zu verlangen habe (was immer die wahren Motive seien, die auszuleuchten man besser zu vermeiden habe).
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spitzt diese Problematik sich zu. Der Aufklärer nimmt als »Philosoph« eine öffentliche Rolle in Anspruch, er symbolisiert in seiner Person die Selbstreflexion des Gesellschaftssystems. Man beginnt, sich auf die öffentliche Meinung zu berufen. Ausgerechnet die öffentliche Meinung wird zur unsichtbaren Gewalt erklärt. Manifest und latent fallen zusammen - und nur dass dies geschieht, bleibt latent.
Parallel zu dieser Problematisierung von Latenz (die sich zu jener Zeit nur auf die Ordnungsvoraussetzungen der alten Gesellschaft beziehen konnte), nimmt die Bereitschaft zu, Vorgefundenes auf Alternativen hin zu befragen, das heißt in funktionalen Bezügen zu denken. Kritik wird als Anwendung von Urteilsvermögen im 18. Jahrhundert zur Universaltugend - zunächst gedacht als Verfahren der Aussonderung des wirklich Vernünftigen, im 19. Jahrhundert dann als Praxis des Änderns um des Änderns willen, als Revolution, als Umwälzung und in diesem Sinne als Praxis, die sich selbstkritisch ihr Ziel, ihr Maß, ihr Gesetz gibt. Gerade diese Radikalisierung muss sich aber auf eine latente Beziehung zum Problem der Latenz zurückführen lassen. Sie ist nicht freiwillig radikal, sie muss auf eigentümlich hilflose Weise radikal werden, weil sie keine Form mehr findet, latente Funktionen und Strukturen zu respektieren. Sie leistet damit im Ergebnis aber nicht viel mehr als eine negative Darstellung dessen, was ohnehin der Fall ist, und kann dann sehr rasch in Verzweiflung und Resignation zusammensinken. Oder eine neue Elite findet sich wieder in der Pascalschen Situation: zu wissen, aber nicht sagen zu können, dass sie nicht verdient, es zu sein!

Halten wir zudem noch fest, dass allein der strukturelle Bezug zwischen Elite und Gesellschaft bedingt, dass Eliten selbst sich nicht integrieren, sondern desintegrieren. Sie müssten ja, qua Definition, besser sein, als die Gesellschaft.
Hieraus könnte man auch schließen, dass jegliche real existierende Elite die gesellschaftliche Integration nur an dem Maß des Besser-Seins begreift. So, wie man aus der Gesellschaft aussteigt, so steigt man zunächst in die Gesellschaft ein. Dies scheint der Mythos hinter den Aussagen von Trapp und Sarrazin zu sein. Ich würde mit den beiden wirklich gerne mal einen Intelligenztest machen.