27.07.2010

Intelligente Ausländer

Sarrazin schafft es, und Peter Trapp legt nach. Man solle, so Trapp, Zuwanderer einem Intelligenztest unterziehen. So ließe sich zeigen, ob diese etwas zum Wohlstand beitragen könnten.
Intelligenztests sind nun äußerst fragwürdige Mittel. Meiner Ansicht nach existiert so etwas wie Intelligenz sowieso nicht. Intelligenz drückt sich, wenn überhaupt, in einem gelungenen Handeln aus. Da Handlung immer aus vielen Faktoren entsteht, und vermutlich eine "günstige" Interpretation der aktuellen Situation eine gelungene Handlung am wahrscheinlichsten macht, ist die Anwendung von Intelligenztests bei Ausländern so etwas wie eine self-fulfilling prophecy. Wer nicht aus einem westlichen Land kommt und so nicht dem westlichen Usus einer Intelligenz entspricht, kann nicht gut abschneiden. Nur fehlt es nicht an Intelligenz, sondern an Gewohnheit.
Es gibt zahlreiche weitere Einwände gegen Intelligenztests. Dass Trapp, und vorher Sarrazin, sich solch eine krude Vermittlung zwischen sozialen Problemen und möglicher Intelligenz erlauben, spricht aber noch für etwas ganz anderes: dass politische Eliten und Intelligenz auch nicht besonders vermittlungsfähig sind. Vielleicht sollte man den guten Herren erstmal selbst einen solchen Test angedeihen lassen. Mich würde ein solches Ergebnis auf jeden Fall brennend interessieren.


26.07.2010

Fantasie

Husserl stellt die Funktion der Fantasie als eine Form der (gedanklichen) Variation heraus, mit der wir das Eidos, die "Idee" vom Faktischen lösen. Die "Idee" bezeichnet Husserl als das allgemeine Wesen, von der aus sich alle Reihen der Variationen erschließen. (Husserl, Edmund: Phänomenologische Psychologie, S. 72ff.)

Ernst Mach schreibt, dass Fantasie entstehe, wenn sich durch zahlreiche Anschauungen die Verbindungen zwischen den Phänomenen so lockern, dass neue Assoziationen möglich sind. (Mach, Ernst: Erkenntnis und Irrtum, S. 38)

Schließlich muss man sich Piagets Untersuchungen zur Entwicklung von Nachahmung und Spiel ins Bewusstsein rufen. In der Nachahmung passen Kinder (aber auch Erwachsene!) ihre gedanklichen Strukturen an die Welt an. Im Spiel wird die Welt - umgekehrt - an die Gedanken angepasst. Entwicklungspsychologisch geht die Nachahmung dem Spiel voraus. Zunächst muss ein Themengebiet (und sei es, wie bei Kindern, die alltägliche Welt) erfasst werden; dann kann dieses neu (und freier) geordnet werden.

Für das Textverständnis heißt dies, dass der Kommentar der Kritik zeitlich vorausgeht. Kritik fasse ich hier als zunächst unterbietend auf, nämlich als eine Variation des Textes, in der implizit ein (Bündel von) Urteil(en) erkennbar wird. Demnach ist auch der Kommentar schon eine Kritik. Später (und erst dann) löst sich dieses Kommentieren von der Nachahmung und spielt freier mit dem Text. Thematische Transpositionen, wie der Dr. Faustus von Thomas Mann nach dem Faust von Goethe, sind nicht nur Umschriften und Aktualisierungen, sondern auch Kritiken (vgl. Genette, Gerard: Palimpseste).

Maßgeblich ist mir aber dabei, dass die Fantasie bei diesem Vorgang eine zentrale Rolle spielt. Mach schreibt, gleich zu Beginn seines Buches (S. 17), dass die Methode der Variation dazu diene, Abhängigkeiten, oder, naturwissenschaftlich ausgedrückt, Funktionalitäten zu ermitteln. Folgt man diesem Gedanken, gibt es ohne Fantasie kein naturwissenschaftliches Denken.

Eingeübt werden müssen also, so oder so (d. h. ob naturwissenschaftlich gebildete Kinder/Jugendliche dabei herauskommen sollen oder nicht), Methoden der Variation. Zum Teil müssen diese aufgebaut, zum Teil 'kleingearbeitet' werden. Dies entdecke ich gerade wieder in De Bonos neue Denkschule (die gerade in einer frischen Auflage erschienen ist).

19.07.2010

Motive

Den gestrigen Sonntag habe ich mit Motivationspsychologen (natürlich nur deren Büchern) verbracht.
Obwohl sich das Feld der Motivation auf ein paar Modelle beschränkt, sind die Schlussfolgerungen insgesamt relativ komplex. Besonders faszinierend finde ich immer noch den leicht exzentrischen Bereich, diese Modelle auf die Literatur anzuwenden.
Ein zentrales Arbeitsmittel ist mir die Maslowsche Bedürfnispyramide geworden. Wer sich unbedarft mit diesem Modell an die Literatur begibt, merkt sofort, dass sie hinten und vorne nicht passt. Erst wenn man dieses Unpassende ausformuliert, bekommt das Modell seinen Sinn. Schlägt das Modell auf der Frontseite eine Ordnung vor, so zwingt es auf der Rückseite zu einer Sensibilisierung gegenüber dem untersuchten Artefakt (wie zum Beispiel einem fiktiven Text).
Nähme man die Phänomenologie zur Hilfe, dann ginge es bei der Sensibilisierung um die Aufmerksamkeit gegenüber dem Erkenntnisinhalt (Noema) und gleichzeitig dem Erkenntnisakt (Noesis). Ist es schon nicht einfach, einen wissenschaftlichen Text auf diese schlichte Formel immer wieder zu überprüfen, so ist die intellektuelle Herausforderung bei einem fiktiven Text mehr als enorm. Vor allem findet sich aber diese Differenz von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt auch in dem neumodischen Begriff der emotionalen Kompetenz. Die emotionale Kompetenz erklärt die Souveränität als einen zentralen Punkt.
Souveränität entsteht, wenn ich den Gefühlen so weit Widerstand leisten kann, dass ich trotz der Gefühle entscheidungsfähig bleibe. Ungebremste Gefühle schlagen sich in ungebremsten Motiven nieder. Erst wenn ich mir meiner Motive bewusst werde, kann ich diese gewollt einsetzen. Erst dann bin ich auch souverän. Ähnlich wie beim Modell kommt die souveräne Handlung nur dadurch zustande, dass ich in der Lage bin, auszuwählen.

Das Faszinierende an dieser ganzen Geschichte ist, dass sowohl die Kompetenzen im Modellieren als auch die emotionale Kompetenz nicht das Ziel sind, sondern nur Werkzeuge, um zu mehr Sensibilität zu gelangen. Weder ist ein wissenschaftliches Modell ein Ausschwitzen der Wahrheit, noch ist ein persönliches Modell individueller Motive ein Abbild. Hinter Motiven stehen Transformationsleistungen, die die Welt verwandeln. Die Sensibilisierung entsteht, indem man das Vorher und das Nachher in einen kritischen Bezug zueinander setzt, bei der man zugleich lösungsorientiert arbeitet, als sich auch von jeder Lösung als Endlösung fern hält.
Motive sind also Transformationsleistungen, die nicht (im konkreten Falle) wissenschaftlich erörtert werden können, sondern Brennpunkte der Reflexion aufzeigen. Dies gilt für den Menschen im alltäglichen Leben, aber auch genauso für den fiktiven Menschen im Roman. Wenn ich auf meine letzten drei Jahre als Textcoach zurückblicke, dann ist eine der größten Fehler das fehlende Bewusstsein für Motive, und daraus entstehend eine mangelnde Sensibilität.


Paul Nizon

Paul Nizon gibt es mittlerweile als Gesamtausgabe. Musste ich mir leisten. Habe aber noch nicht so viel gelesen.
Neulich fragte mich mein Sohn, wer das sei. Ich sagte ihm, das sei ein Schriftsteller, ähnlich wie Hermann Hesse. Man habe bloß hinterher nicht das Gefühl, man habe sich einen Eimer süßer Limonade ins Gehirn geschüttet. Das Gefühl bekommt man nämlich, wenn man zu viel Hesse liest.
Nizons Roman Im Hause enden die Geschichten ist einfach großartig.


Modellieren

Eine meiner wichtigsten Auseinandersetzungen in den letzten vier Monaten betrifft den Begriff des Modellierens.
Als Modellieren bezeichnet die naturwissenschaftliche Didaktik das aktive Hineinsehen und Herauslesen eines Modells in und aus der Umwelt. Was als Modell gesehen wird, bestimmt der Betrachter. Eine der reizvollsten Aufgaben dabei sind mathematische Modelle wie zum Beispiel Formeln.
Modelle haben einen intimen Bezug zur Abstraktion. Die Abstraktion muss in diesem Fall allerdings doppelt gelesen werden. Folgt man den Entwicklungspsychologen, wie zum Beispiel Piaget, dann beginnen Kinder von Geburt an die Welt mit Differenzen zu überziehen, Differenzen, die zunächst völlig abstrakt sind. Der Mensch beginnt also nicht mit Konkretionen, sondern mit Abstraktionen. Konkret darf hier nicht mit sinnlich verwechselt werden. Das Sinnliche markiert sich über Kontraste, die ebenso unsinnlich sind, wie Wörter in Texten. Genau dasselbe gilt für Emotionen.
Dieses Denken in Abstraktionen wird in der Entwicklung nach und nach durch eine zunehmende Kombination sinnlicher Kontraste und mentaler Muster überwunden. An dieser Stelle greift das Modell ein. Das Modell rekombiniert diese Abstraktionen erneut, um eine andere Ordnung (des Denkens) auszuprobieren. Gewollte Modelle, also solche, die die Wissenschaft entwirft, sind Reflexionsleistungen, die im wissenschaftlichen Bereich neue Möglichkeiten der Abstraktion erforschen, im praktischen Bereich neue Möglichkeiten der Konkretion. Es geht bei einem Modell nicht um die Wahrheit, sondern um die Übersetzungsleistung und ihre Allgemeingültigkeit (Plausibilität).
In der naturwissenschaftlichen Didaktik wird eine Liste von Modellierungskompetenzen aufgestellt. Eine der zentralsten und wichtigsten Kompetenzen dabei ist die Anwendung eines Modells. Anwendung heißt in diesem Fall, dass das Modell in seiner Übersetzungsleistung Punkt für Punkt nachvollzogen wird. Dabei geht es nicht (ich sagte es schon) um Wahrheit, sondern um Übersetzung und das heißt auch Auseinandersetzung. Vielleicht ist dies einer der wesentlichsten Aspekte eines Modells: dass es in einer unsicheren Umwelt das Handeln ermöglicht. Anders formuliert: ein Modell übersetzt unspezifische Unsicherheit in spezifische Unsicherheit.

07.07.2010

Wilde Zeit

Die letzten zwei Monate haben mich völlig in Beschlag genommen: weiterhin naturwissenschaftliche Didaktiken, ständiges neues Ausprobieren und Durchkommentieren, auch viel Ärger (möchte ich nicht verschweigen) und viele neue Perspektiven.
In den nächsten Tagen bin ich hoffentlich wieder fleißiger, was den Blog angeht.


08.05.2010

neuer Computer

Mein neuer Computer ist da. Hipp Hipp Hurraaa ...
Ich werde mich zwar auch in der nächsten Zeit noch ein wenig rar machen, aber dann soll es auch wieder voll los gehen. Hoffe ich. Schließlich soll der neue Computer ja schneller sein.


01.05.2010

Depression und Reise

Was einem manchmal auffällt!
Bisher habe ich immer als Hintergrundprinzip von Spannungsromanen den Kampf gegen das Böse postuliert. Tatsächlich scheint es aber ein viel grundlegenderes Prinzip zu geben. Diese Idee kam mir, als ich gestern Abend Peter Sloterdijks Sphären I durchgewühlt habe.
Sloterdijk schreibt:
... Was man als Schamanismus bezeichnet, ist unter anderem eine Technik, verloren gegangene freie Seelen aufzuspüren und zu ihren Gastgebern zurückzubringen - der historische Prototyp einer Depressionsbehandlungen.
Sloterdijk, Peter: Sphären I, F.a.M. 1998, S. 433
Und wer müsste da nicht an Harry Potter und die Suche nach den Horkruxen denken? Bei Harry Potter ist Voldemort nicht die böse Seite der Seele, sondern die depressive. Sehr häufig geht das Böse mit einer Entdifferenzierung einher, die der Entdifferenzierung der Welt des Depressiven gleicht. Die Reise des Helden ist eine Reise gegen dieses depressive Prinzip. Am Ende wird der Held nur dann gewinnen, wenn er klein wird, wenn es sich nicht an die Stelle des depressiven Prinzips setzt, und dadurch als einer unter anderen in einer vitalen Umwelt überleben kann.
Bei Prinzen, Thronfolgern und Auserwählten wird der Sieg durch eine Höllenfahrt vorbereitet. Diese Höllenfahrt umfasst zwei Teile: zum einen Entsagung der Macht, sei es durch Unwissenheit, sei es durch Einsicht, sei es, dass die auserwählten Fähigkeiten noch nicht entdeckt oder gelernt wurden; der andere Aspekt ist die Gruppe, die man zu schützen hat, die Freunde, die Familie, die Mitmenschen, was zunehmend schwieriger wird, je mehr man in die Hölle hinabsteigt.
Die Höllenfahrt als literarisches Motiv umfasst demnach zwei Lehren, eine personale, und eine soziale. In der personalen Lehre erfährt der Held, wie mächtig er ist. In der sozialen Lehre erfährt er, dass wirklich ganz ist, wenn er einer unter Anderen ist. Ganzheit und (wahre) Mächtigkeit verschränken sich häufig; besonders prägnant wird dies bei Harry Potter thematisiert.


Computerprobleme

Mein alter Computer wird jetzt in den Ruhestand geschickt: ich warte auf einen neuen, einen, der nicht fünf Jahre alt ist und für Textverarbeitung gekauft wurde. Bestellt ist er, bezahlt auch, nur eben noch nicht da. Einige Zeit ging das ja mit meinem jetzigen noch, aber nachdem ich letzten Sonntag geschlagene drei Stunden gebraucht habe, um acht Bilder einzuscannen, habe ich den Rappell bekommen. Ich hoffe, ich schaffe es diesmal besser, alle meine Adressdaten rüber zu nehmen.
Und - wegen dem Grafikdesign - schiele ich sogar noch auf einen zweiten Monitor.


12.04.2010

Eins darf ich noch ...

Wieder Goethe/Schiller, Distichen, und übrigens ein Beispiel, wie sich eine Metapher ganz großartig ausnimmt, nicht zu illustrieren, sondern zu denunzieren.
Geschwindschreiber
Was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren
Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm!
Hatte ich da übrigens schon von dem Kollegen erzählt, der geradezu schrie, er wolle Entwicklungspsychologie lehren, und als ich ihn fragte, was er denn mache, Piaget etwa?, fragte er mich zurück: Wer ist Piaget?
Ich bin nicht der Freund von Piaget, schätze ihn aber in vielem. Jedenfalls kommt man in der Entwicklungspsychologie nicht an ihm vorbei. Wenn jemand so unversiert ist, dass er Piaget nicht kennt, sollte er mindestens noch drei, vier Jahre die Finger von der Lehre der Entwicklungspsychologie lassen.


Noch ein schöner Fund

wiederum bei Goethe, wiederum in den Distichen, den ich gerade zur Reiseliteratur befrage:
Literarische Zuverlässigkeit
Allegiere der erste nur falsch, da schreiben ihm zwanzig
Immer den Irrtum nach, ohne den Text zu besehn.



Faszinierend, ...

wie einem die Zeit weggefressen wird, mal mit guten, mal mit nicht ganz so guten Ergebnissen.

Ich hoffe, ihr habt alle Ostern gut verbracht.
Meine Zeit habe ich mit vielerlei Dingen verbracht. Vor drei oder vier Jahren hatte ich eine unschöne, aber finanziell lohnende Begegnung in einem Betrieb, genauer habe ich ein Seminar zur Kommunikation abgehalten, das ich mit Luhmann begonnen und mit Spielchen für Verhaltensgestörte beendet habe. So schraubt man seine Ansprüche herunter, wenn man es mit Akademikern zu tun hat.
Jetzt habe ich mir das Buch mit diesen Spielchen wieder einmal angesehen. Es ist übrigens ein schönes Buch, keine Frage. Man ist eben bloß überrascht, in welchen Kreisen man damit punkten kann. - Was mich gerade an diesem Buch interessiert hat, waren die Notizen zum Humor, die mir aus meinem Zettelkasten entgegen gehüpft sind, als ich gerade mit Paul Ricoeurs Temps et récit zu Gange war.

Der Humor, der mich also immer noch fasziniert. In der Tat! Schon vor längerer Zeit wollte ich für Lea Streisand und Matthias Keidtel dazu etwas schreiben, und natürlich auch für mich. - Hier steht aber noch so einiges an Arbeit aus. Helmuth Plessner zum Beispiel, den ich bisher in meinen Arbeiten kaum berücksichtigt habe. Seine Schrift Lachen und Weinen. Eine Untersuchung über die Grenzen des menschlichen Verhaltens dürfte noch einmal viel Aufschluss geben.
Nebenbei habe ich mir ein weiteres Tagebuch von Walter Kempowski geholt. Wieder, wie Sirius, äußerst lesenswert. Dann habe ich noch die ersten drei Bände der Stadtgeschichten von Armistead Maupin gelesen, die mal gut, mal brauchbar sind und auf jeden Fall zu meiner bisherigen Sammlung humorvoller Literatur eine gute Ergänzung darstellen.

Mein Computer wird immer langsamer. Ich bin im Moment sehr unentschieden, ob ich mir nicht einfach einen besseren Computer hole, oder ob ich nicht noch ein wenig warte, bis ich mir gleich einen ganz dicken Brummer unter den Schreibtisch stellen kann.


Kein Lob

Schreiben wollt' er, und leer war der Kopf, da besah er sich Deutschland;
Leer kam der Kopf zurück, aber das Buch war gefüllt.
Goethe, Johann Wolfgang von: Distichen, hier: Nicolai auf Reisen