28.02.2016

Python

Irgendwie erscheint es mir jetzt logisch: in den letzten Wochen hatte ich, wenn ich überhaupt mal Zeit hatte, kleine Videos gedreht, um Python zu erklären. Dabei bin ich zwar oft hin- und hergesprungen (ich habe sie eigentlich nur für mich gemacht, um mal das Medium zu wechseln), aber jetzt fand ich sie doch relativ gut und habe sie auf youtube veröffentlicht - oder zumindest einen kleineren Teil davon: Programmieren mit Python

Es gibt also noch ein Leben zwischen Wohnung aufräumen, Didaktikbücher lesen und youtube-Videos schauen.

20.02.2016

Die Fliege die nicht durch das Glas kann, oder: Genealogische Kritik

Martin Saar hat dem von Rachel Jaeggi herausgegebenen Sammelband Was ist Kritik? einen Aufsatz mit dem Titel Genealogische Kritik beigesteuert. In diesem behandelt er die Formen der Genealogie bei Nietzsche und Foucault. Der Aufsatz ist zu kurz, um ein solch komplexes und zentrales Thema zufriedenstellend zu behandeln.
Ich möchte hier, ohne erschöpfend zu argumentieren, einige Methoden der Kritik herausarbeiten. Dies ist im Anschluss an die Kritik der Ideologien, wie sie Umberto Eco vorstellt (Eco, der Amateur als Schriftsteller), zu lesen.

Kritik als Praxis

Kritik, im weitesten Sinne politische Kritik, auch wenn diese literarische Werke betrifft, ist eine Praxis. Wir können dies aus der lapidaren Bemerkung von Niklas Luhmann ableiten, dass auch Wissenschaft Interaktion nötig habe. Fraglich ist allerdings, ob Kritik zu einem Ende kommt. Die großen Utopien sind bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts schal geworden; Nietzsche hatte seinen Anteil daran. Mit dem selben Recht könnte man aber auch Dilthey oder Wittgenstein herbeizitieren. Gerade zum geflügelten Wort ist dann Lyotards (wohl ironische) Bemerkung vom Ende der Meta-Erzählungen geworden. Wenn aber politische Kritik nicht mehr auf die Verwirklichung einer Utopie abzielt, wenn überhaupt das Ziel der Kritik verloren gegangen ist, was soll Kritik dann noch?

Bewegung und Stillstand

Von hier aus lassen sich zwei einander ergänzende Ziele der Kritik herausarbeiten. Auf der einen Seite ist dies die Freiheit der Entscheidung, auf der anderen Seite die Selbstversicherung. Beide sind zeitlich begrenzt zu sehen. Dabei zielt die Freiheit der Entscheidung auf eine größere Beweglichkeit der Menschen im Verkehr untereinander, während die Selbstversicherung die Verantwortung dafür übernimmt, sich selbst als Subjekt zu entwerfen, sich also nicht blindlings subjektivieren zu lassen.
Diese beiden Positionen widersprechen einander nicht: die Entscheidungsfreiheit und die Selbstverantwortlichkeit sind die beiden Seiten derselben Münze.

Anti-Chronologie

Die Genealogie, bzw. die kritische Methode, die Nietzsche praktiziert, verläuft nicht entlang einer Chronologie. Natürlich könnte man eine Geschichte chronologisch rekonstruieren. Dies würde allerdings die geschichtlichen Entwicklungen von der Psychologie ihrer Akteure abschneiden. Eine solche Art der Darstellung würde aber auch den Leser einer solchen Geschichte von der Geschichte selbst trennen. Sie würde zum Objekt eines „quasi-göttlichen“ Subjekts werden; dieses wäre aus der Welt der Historie verbannt.
Nietzsche beabsichtigte aber etwas anderes: er wollte, dass seine Leser Verantwortung für ihr Leben, für ihr „Schicksal“, für (ihre) Geschichte übernehmen. Deshalb verlaufen seine Argumentationen nicht über eine sachliche, objektive Darstellung, sondern über Faszinationen. Nicht die Wahrheit, sondern die Aufmerksamkeit ist ein erster Maßstab einer genealogischen Kritik. Insofern ist diese nicht chronologisch geordnet, sondern sprunghaft. Sie bedient sich auch nicht abgesicherter Quellen, der Mythen und der Gerüchte, der zweideutigen Darstellungen und der Täuschungen und Fälschungen. Die Genealogie ist deshalb nicht als historische Darstellung zu lesen, sondern gleichsam unter der Hand als Positionsbestimmung zur Jetztzeit.

Die Methoden

Die historisch-rhetorischen Codes

Auch wenn Nietzsche immer wieder sagt, er habe die Philologie hinter und unter sich gelassen, liest er Texte mit dem ganzen Instrumentarium der Philologie. Aber er liest sie nicht mehr, um zu einer „sauberen“ Rekonstruktion des Quellenmaterials zu kommen, sondern um den Abstand zwischen einem historischen Phänomen und der Jetztzeit auszumessen. Er relativiert und relationiert damit die Aktualität, die unmittelbare Gegebenheit.
Und noch anders gesagt interessieren ihn weniger die tatsächlichen Ereignisse, als die Sprache, in der sie dargestellt werden, und in der sie hier und jetzt aufzufinden sind. Insofern ist die Geschichte ein Vorrat an rhetorischen Codes, der interessant vor allem dadurch ist, dass er abweicht.

Provozieren

Nietzsche will, so könnte man das sagen, nicht Geschichte schreiben, sondern Geschichte erzeugen, oder, noch präziser, Geschichte provozieren. Und insofern sind seine Texte auch nicht auf den Anschein der Objektivität gemünzt, sondern direkt auf den (möglichen) Leser hin. Es sind Zwiesprachen mit dem Leser. Oft genug wendet sich Nietzsche dann auch direkt an den Leser, bezieht ihn mit ein, greift seinen Fragen vorweg, macht sich über ihn lustig oder schmeichelt ihm. Der Leser wird dazu gedrängt, sich zu positionieren:
Wir wähnen, allmählich stelle sich die Wahrheit fest – aber nur der Mensch in seiner Relation zu anderen Kräften stellt sich fest.
N 1880-1882, 6 [437]

Exzentrische Zentren

Die Texte Nietzsches sind nicht nur auf die Leser hingeschrieben, sondern zugleich exzentrisch. Nietzsche selbst benutzt das Wort „Satellit“. Der gute, der achtsame Leser bewegt sich in den Fragmenten Nietzsches wie in einer Sternenwolke: das eine ist immer näher, das andere ferner. Diese Exzentrik allerdings ist dem Menschen als eine Notwendigkeit eingeschrieben:
Wir können nur intellektuelle Vorgänge begreifen: also an der Materie das, was sichtbar hörbar fühlbar wird – werden kann! d.h. wir begreifen unsere Veränderungen im Sehen, Hören, Fühlen, welche dabei entstehen. Wofür wir keine Sinne haben, das existiert für uns nicht – aber deshalb braucht die Welt nicht zu Ende zu sein.
N 1880-1882, 11 [75]
Anders als bei Hegel kehrt das Bewusstsein aber nicht zu sich selbst zurück, es wird kein Selbstbewusstsein. Dazwischen steht der stets unbewusste, interpretierende Leib:
das was wirklich vor sich geht bei der Wirksamkeit unserer menschlichen Affekte sind jene physiologischen Bewegungen, und die Affekte … sind nur intellektuelle Ausdeutungen, dort wo der Intellekt gar nichts weiß, aber doch alles zu wissen meint.
N 1880-1882, 11 [128]
Schließlich aber sind die Affekte Ausdruck eines leiblichen Du musst!:
Hinter deinen Gedanken und Gefühlen steht dann Leib und dann Selbst im Leibe: die Terra incognita. Wozu hast du diese Gedanken und diese Gefühle? Dein Selbst im Leibe will etwas damit.
N 1882-1884, 5 [31]
Gegenüber den dramatischen Argumentationen verortet sich der Leser mit seinen Gefühlen und entdeckt daran, was sein „Selbst im Leibe“ will.

Perspektive und Verortung

Gegenüber seiner frühen Überzeugung, dass die Perspektive eines Menschen direkt zu erreichen sei, wird der späte Nietzsche vorsichtiger. Metaphern wie das Kraftzentrum verweisen zwar auf die Perspektive, benennen sie aber nicht mehr direkt. Während die späten Schriften im Ton immer schärfer werden, findet man zugleich in der Theorie des philosophischen Schreibens einen Rückzug.
In diesem Sinne schreibt Werner Stegmaier, dass der Perspektivismus „nur eine Hypothese und als Hypothese keine positive Behauptung, sondern nur eine negative Einräumung sei (Friedrich Nietzsche zur Einführung. Hamburg 2011). Die Perspektive zu finden, den Ort zu finden, von dem aus man spricht und schreibt, bleibt den Menschen selbst überlassen, am Leitfaden der Affekte, die ihnen kommen.

Die Begriffe aufbrechen

Für Nietzsche ist der Intellekt blind. Begriffe sind nichts als Ausdeutungen von Gefühlen, Gefühle wiederum sind Ausdeutungen des Leibwillens. Um zu einer gewissen Wahrheit zu kommen gilt es, diese Dramaturgie des Willens zu rekonstruieren, bzw. sie zuallererst bewusst zu machen. Wenn Nietzsche also Begriffe kritisiert, dann nicht, um sie durch bessere Begriffe zu ersetzen, sondern um die physiologischen Bedingungen dieser Begriffe zu erforschen.
Hier kommt er dann auf die historischen Werkzeuge zurück: die Bewegungen der Begriffe, bzw. die Bewegungen der Personen, die sich dieser Begriffe bemächtigt haben, wird nachgezeichnet, um dahinter die leiblichen Voraussetzungen zu erschließen. Jedoch dreht Nietzsche die Interpretation noch ein Stück weiter.

Die Fliege die nicht durch das Glas kann

Dieser Aphorismus (?) steht inmitten einer Kette von Aphorismen, die sich um die Sinnesorgane als Spiegel, schließlich auch des Bewusstseins als Spiegel drehen. Die Feinheit, die man hier zu lesen hat, ist, dass diese Spiegel nichts Äußerliches wiedergeben, sondern nach innen gerichtet sind:
Aber alle unsere Relationen, mögen sie noch so exakt sein, sind Beschreibung des Menschen, nicht der Welt: es sind die Gesetze dieser höchsten Optik, von der uns keine Möglichkeit weiterführt. Nicht Schein, nicht Täuschung, sondern eine Chiffreschrift, in der eine unbekannte Sache sich ausdrückt, – für uns ganz deutlich, für uns gemacht, unsere menschliche Stellung zu den Dingen. Damit sind uns die Dinge verborgen.
N 1880-1882, 6 [429]
Und gleich danach:
Unser Denken ist wirklich nichts als ein sehr verfeinertes zusammen geflochtenes Spiel des Sehens Hörens Fühlens, die logischen Formen sind physiologische Gesetze der Sinneswahrnehmungen. Unsere Sinne sind entwickelte Empfindungscentra mit starken Resonanzen und Spiegeln.
N 1880-1882, 6 [433]
Unschwer begreift sich nun der fragmentierte Satz von der Fliege als eine Allegorie des menschlichen Bewusstseins.

Genealogie

Die Genealogie kann hier als Ahnenforschung der intellektuellen Ausdeutungen gelesen werden, wobei mit Ahnen nicht die älteren, vorgängigen Begriffe gemeint sind, obwohl man aus der Ableitung der Begriffe, aus ihrem Wandel und ihrer Historie die Ahnen herauslesen kann: gemeint sind die physio-psychologische Ereignisse, die den Begriffen zustoßen und deren Wandel verursachen. Verständlicher wird diese Art des Ahnentums, wenn man statt ihnen mit Deleuze von Ereignis-Eltern spricht. Diese Ereignisse geschehen auf einer anderen Ebene: wir erleiden sie. Sie erschaffen uns. Aus dem selben Grund sind die Objekte an der Oberfläche füreinander nur augenscheinlich nach der Form Ursache/Wirkung geordnet; ihre eigentliche Ordnung ist die der Quasi-Kausalitäten (vgl. Systemische Kriminologie?).
Bei Nietzsche ist die Genealogie also die Erforschung der physiologischen Ursache intellektueller Ausdeutungen. Jenes physiologische Spiel erscheint dann als Kampf, als Agonistik, in der sich die einen Bedürfnisse der anderen Bedürfnisse bemächtigen, dann als eine Affektenlehre, insofern die Affekte noch zu den intellektuellen Ausdeutungen gehören, die durch lange Übung zur Gewohnheit geworden sind. Und erst dann ist es eine Lehre der Bedürfnisse, die sich die Zufälle der Umwelt zu Nutze macht, um sich daran auszuprobieren und daran zu wachsen oder zu schrumpfen (Nietzsche spricht auch von einer Diätetik der Seele).
Insofern ist eine Genealogie auch ein Experimentierkasten des Anderswerdens.

Rückkehr zur Semiologie

Vergleichen wir dies nun mit der Metasemiose Umberto Ecos, dann finden wir deutliche Verschiebungen, obwohl ein zentraler Sachverhalt bei beiden gleicht. Wo wir in der Semiologie von einer unendlichen Semiose und einem ewigen Gleiten des Sinns sprechen, der auf der vielfältigen Vernetzbarkeit der Zeichen beruht, wird bei Nietzsche dieser ewige Prozess durch eine beständige Aktualisierung und Reaktualisierung erzeugt: die Genealogie setzt sich fort und wandelt sich, weil die Menschen, ihre Perspektiven und ihre Welten beständig im Werden sind. Gemeinsam ist beiden Prozessen die unendliche Ausdehnung, die Tätigkeit, der experimentelle Charakter der Tätigkeit und schließlich die Zeichenhaftigkeit der Welt.
Ecos wissenschaftliche Schriften sind nicht polemisch, obwohl er zur Polemik und zur Parodie neigt (zum Beispiel Platon im Striptease-Lokal). Und in gewisser Weise hat Eco auch seinen Zarathustra geschrieben, wenn auch auf unterschiedliche Romane verteilt; die Lehren eines William von Baskerville, eines Roberto de la Grive, eines Baudolino oder eines Yambo, all dies sind Variationen eines Semiologen oder eines zur Semiologie neigenden Menschen, also eine Selbst-Neuerfindung Ecos als Nicht-Eco.
Kritik ist sowohl bei Nietzsche als auch bei Eco nicht aus der Geschichte direkt ableitbar. Sie muss aus den Zeichengefügen erschlossen werden. Während bei Eco allerdings die Geschichte dadurch vervielfältigt wird, als sich Zeichengefüge unterschiedlicher Art mit unterschiedlicher Geschwindigkeit wandeln, so dass sehr altes „Gedankengut“ neben sehr neuem stehen kann, wird die Geschichte bei Nietzsche durch die Faszination, die vergangene Ereignisse aktualisiert, aufgebrochen: sie ist nicht an einer Chronologie interessiert, sondern an den „richtigen“ Affekten.

Eco, der Amateur als Schriftsteller

Nun ist er tot, Umberto Eco, und beinah möchte ich sagen damit auch eine der letzten Lichtgestalten meiner Studienzeit. Was ich über Semiotik weiß, das habe ich vor allem bei Umberto Eco und Roland Barthes erfahren; alles, was dazu kam, war Beiwerk. Nun, nicht ganz: William van Orman Quine wäre der dritte. Doch dessen Theorie ist eine andere.

Seitdem

Im Tagesspiegel wird der Tod Umberto Ecos beklagt. Ganz auf der Höhe ist der Artikel allerdings nicht. So wird dort behauptet, Eco habe mit Der Name der Rose Weltruhm erlangt, was noch stimmt. Seitdem, so der Artikel weiter, mache er sich auch als Philosoph und Sprachwissenschaftler einen Namen. Und das wiederum stimmt nicht. Denn viele wichtige Werke, allen voran seine Einführung in die Semiotik (ES), sind wesentlich früher erschienen.

Ideologie

Denotation und Konnotation

Mir sind die Romane Ecos nicht so wichtig. Für mich war vor allem die Auseinandersetzung mit seiner Theorie der Ideologie prägend.
Wie jede sprachliche Schöpfung beruht die Ideologie auf Konnotationen. Eine Konnotation, dies bezeichnete Roland Barthes mal als „systematisch ausgearbeitetes Geräusch“, was, wenn man dies genau bedenkt, ein Oxymoron ist, ein scharfer Widerspruch, bzw. eine Unvereinbarkeit der Bedeutungen. Tatsächlich ist eine Konnotation mehr als eine Assoziation. Die reine Assoziation ist flüchtig. Aber sie ist weniger als eine Denotation, eine „Wörterbuch-Bedeutung“. Zwischen Assoziation, Konnotation und Denotation bestehen fließende Übergänge. Denotationen werden durch Machtverhältnisse erzeugt: man findet diese Stabilität nicht in der reinen Tätigkeit des Bezeichnens.

Metasemiose

Wir neigen dazu, bestimmte Eigenschaften eines Phänomens zu stabilisieren, andere nicht. Solche Stabilisierungen werden von einer Kultur gefördert oder behindert. Wir neigen weiterhin dazu, stabile Eigenschaften für ein wesentliches Phänomen zu halten, instabile dagegen den Umständen zuzurechnen. Die Metasemiose (oder Resignifikation, wie dies bei Judith Butler heißt) löst diese Stabilitäten auf, ohne sie ganz in die Flüchtigkeit der Assoziation zurückzustoßen. Die Metasemiose ist demnach zugleich die Metamethode der Ideologiekritik.

Fixierte Konnotationen

Eine ideologische Botschaft sei eine „Formel mit fixierter Konnotation“ (ES, 173). Mit anderen Worten: eine Botschaft ist genau dann ideologisch, wenn ein möglicher konnotativer Subcode sich „notwendig“ macht, indem er alle anderen konnotativen Subcodes verdrängt oder zensiert. Der Subcode übernimmt dann auch nach und nach die übergeordnete Kodierung.

Homo Faber

Geben wir ein altbekanntes Beispiel zum besten: im Roman Homo Faber begegnet Walter Faber den Frauen auf eine zum Teil kurzsichtige, zum Teil befremdliche Art und Weise. Diese Kodierung wird zum ersten Mal von Hanna Landsberg auf die Differenz Mann/Frau hin interpretiert.
Die Interpreten des Romans haben diese Darstellung aufgegriffen und nie hinterfragt. Tatsächlich kann man aber die Rolle von Hanna keineswegs so verklären, wie dies getan wird. So wird Walter Faber immer wieder die Schuld am Tod seiner Tochter zugesprochen; zudem wird ihm ein Inzest vorgeworfen. Doch aus genau denselben Gründen könnte man auch Hanna für die Schuldige halten, hat diese doch Walter die Geburt ihrer gemeinsamen Tochter verschwiegen und so das Missverständnis erst möglich gemacht.
Dadurch aber wird die Behauptung, dass Walter Faber frauenfeindlich sei, zu einer ideologischen Botschaft. Natürlich ist sie nicht gänzlich abzulehnen. Sie erreicht ihre Eindeutigkeit aber erst dadurch, dass wesentliche Aspekte des Romans nicht in die Interpretation mit hineinfließen. Aus der konnotativen Deutung wird eine denotative, aus der Resignifikation eine Ideologie, der Subcode des ewigen Missverständnisses zwischen Mann und Frau bestimmt schließlich die ganze Sichtweise und verdrängt andere Subcodes.

Die ästhetische Botschaft

Es hilft an dieser Stelle nicht, den Dogmatismus der Ideologie durch einen Avantgardismus zu ersetzen; führt dieser doch nur die Bildung von Deutungseliten fort. Die feministische Interpretation, die zum Erscheinen des Romans von Walter Jens in der FAZ geäußert wurde, war damals wie heute eine Fehllektüre. Sie kann allerdings nur schwerlich durch eine antifeministische Interpretation ersetzt werden. Das Problem an der ganzen Sache ist nicht das bessere Ergebnis, sondern das Ende einer Tätigkeit, die eigentlich nie beendet werden kann. In Das offene Kunstwerk spricht Umberto Eco von einer unendlichen Semiose, einem ewigen Weitergleiten des Sinns.
An anderer Stelle wird Eco in Bezug auf die Botschaft und den interpretierenden Codes deutlicher:
Das Verständnis der ästhetischen Botschaft basiert auch auf einer Dialektik zwischen Akzentuierung und Ablehnung der Codes und Lexika des Senders auf der einen Seite und Einführung und Zurückweisung von persönlichen Codes und Lexika auf der anderen Seite. Es ist eine Dialektik zwischen interpretatorischer Treue und interpretatorischer Freiheit: Einerseits versucht der Empfänger, die Aufforderung der Ambiguität der Botschaft aufzunehmen und die unsichere Form mit den eigenen Codes zu füllen; andererseits wird er von den Kontextbeziehungen dazu gebracht, die Botschaft so zu sehen, wie sie gebaut ist, in einem Akt der Treue gegenüber dem Autor und der Zeit, in der die Botschaft hervorgebracht worden ist.
(ES, 165)

Romane schreiben als Amateur

Ebenso deutlich wird Roland Barthes in seiner Vorlesung Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen:
Ich versetze mich in die Lage desjenigen, der etwas macht, nicht mehr desjenigen, der über etwas spricht: Ich untersuche kein Produkt, ich nehme eine Produktion auf mich; ich hebe den Diskurs über den Diskurs auf; die Welt kommt nicht mehr in Gestalt eines Objekts auf mich zu, sondern in der eines Schreibens, d.h. einer Praxis: ich gehe zu einer anderen Art des Wissens über (dem des ›Amateur‹, des ›Liebhabers‹), und gerade darin bin ich methodisch. »Als ob«: ist diese Formel nicht der eigentliche Ausdruck einer wissenschaftlichen Vorgehensweise, die in der Mathematik zu sehen ist? Ich stelle eine Hypothese auf und forsche, ich entdecke den Reichtum des sich aus ihr Ergebenden; ich postuliere einen zu schreibenden Roman und kann dergestalt hoffen, mehr über den Roman zu erfahren, als wenn ich ihn als ein bereits von anderen gemachtes Objekt betrachtete.
(Das Rauschen der Sprache, 320)

Praxis/Kritik

Wenn die Interpretation allerdings nicht beendet werden kann, lässt sich ihr „Wesen“ nicht in einem Ziel, in einem fertigen Produkt angeben. Sie ist eine Praxis ohne Abschluss, oder vielmehr ist sie eine Praxis, die nur gewaltsam unterbrochen werden kann, durch eine Art Tod. Allegorisch gewendet gleicht das Interpretieren dem Atmen.
Auch die Kritik „leidet“ an ihrer Erstarrung. Auch ihr kann eine Unendlichkeit, eine ewige Bewegung zugesprochen werden.
Hier verschmelzen die Metasemiose (bzw. Resignifikation) und die Kritik als semiologische Praxis. Dies werde ich im folgenden Artikel genauer beschreiben.

Weiter: Methoden der kritischen Genealogie

14.02.2016

Mrs. Todds Abkürzung - eine Erzählung von Stephen King

Neulich hatte ich mir ein Buch gekauft, über dessen Untertitel ich mich einigermaßen geärgert habe: Königin im Exil von George Martin und Gardner Dozois. Im Untertitel werden Kurzromane angekündigt. In Wirklichkeit handelt es sich um Erzählungen, allerhöchstens Novellen. Auch wenn der Seitenumfang kein wirkliches Kriterium ist, denn hier muss man tatsächlich auf den Inhalt achten (manchmal sind Prosatexte des gleichen Umfangs Novellen, manchmal Romane), sind die Geschichten in dem Band zu kurz. Lohnenswert ist diese Sammlung trotz allem, weil sie so viele verschiedene ErzählerInnen vereint.

Mrs. Todds Abkürzung

Die Erzählung von Stephen King ist eine klassische Erzählung aus dem Sammelband Blut. Sie behandelt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben weniger Personen, hat weitgehend ein einzelnes Thema, welches eine bestimmte Idee illustriert, und ist durch eine einzige Steigerung und einen einzelnen Höhepunkt (ohne Zwischenhöhepunkte, wie diese in Shining, Christine oder Das Bild zu finden sind) strukturiert. Sie ist keine short story, weil sie das Thema in gewisser Weise „sättigt“. Eine short story findet sich in dem Sammelband Blut im Text Hier seyen Tiger. Diese kleine Geschichte enthält eine Momentaufnahme und lässt den weiteren Verlauf offen. Nicht der Höhepunkt, sondern das bemerkenswerte Ereignis ist Inhalt einer short story. In Mrs. Todds Abkürzung ist die bemerkenswerte Stelle mit dem bemerkenswerten Ereignis nicht das Ende der Geschichte, und tatsächlich gibt es zwei bemerkenswerte Stellen (was die Handlung angeht): einmal auf S. 327: dort fahren Mrs. Todd und Homer durch einen befremdlichen Wald; und einmal ab S. 335: dort findet Homer auf dem Auto von Mrs. Todd seltsame Pflanzen und Tiere. Doch die Geschichte hat noch zwei andere bemerkenswerte Stellen. Der eine besteht aus der Passage, in der der zusammenfassende Satz der Geschichte besprochen wird (S. 333): Es gibt Löcher in der Mitte von Dingen. Und der andere Höhepunkt beschließt die Geschichte, nämlich dass Homer mit Mrs. Todd endgültig mitfährt und das banale Leben verlässt.

Die Rahmenerzählung

King benutzt in dieser Erzählung eine andere erzählerische Besonderheit: die Rahmenhandlung und den Erzähler als Zeugen. Der Erzähler macht in dieser Erzählung nichts; er ist nicht der Mittelpunkt, ja noch nicht einmal wirklich notwendig, und hätte leicht durch irgend eine andere Person ersetzt werden können. Dieser Erzähler bekommt eine Geschichte erzählt, die sich bis in die Gegenwart hinein erstreckt. In weiten Teilen gibt er das, was er erzählt bekommen hat, wieder. Dadurch bekommt die Geschichte einen „authentischen“ Charakter.
Formal spricht man hier auch von einer Rahmenerzählung, die die eigentliche Erzählung umschließt. Diese Struktur finden wir zum Beispiel auch bei Der Schimmelreiter oder Doktor Faustus. Sie korrespondiert relativ eng mit dem formalen Aufbau des Märchens, in dem die Rahmenerzählung zu einer Floskel („Es war einmal vor langer Zeit …“, „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“) erstarrt ist.

Maskerade und Besessenheit

Inhaltlich wird die Hauptfigur in einem Zwischenzustand von Maskerade und Besessenheit dargestellt. Mrs. Todd liebt es, schnell zu fahren, und sie ist ständig auf der Suche nach Abkürzungen, nach schnelleren Wegen. Nach und nach findet sie immer kürzere Wege, bis hin zu dem fantastischen Ereignis, dass sie eine Strecke fahren kann, die kürzer als die Luftlinie auf der Karte ist. Auf diesen Wegen durchquert sie nicht mehr die realen Orte, sondern ebenso fantastische und mystische Gebiete mit fantastischen Figuren (die lebenden Bäume, die riesige Kröte).
Die Erzählung bietet uns auch eine ganz konkrete Deutung an: Mrs. Todd ist eine motorisierte Diana, eine Göttin der Jagd, ein unabhängiges, wildes Wesen. In dieses verwandelt sie sich, sobald sie ihre Abkürzungen durch die Welt erreicht.
Die Erzählung lässt allerdings offen, ob die Protagonistin ihr wahres Wesen entdeckt oder nach und nach von ihrem Hobby besessen wird.

Die implizite Philosophie

Alles in dieser Geschichte dreht sich um Wege. Gleich zu Beginn lässt King seinen Erzähler sagen:
Sommergäste wie die Todds sind für die ständigen Einwohner kleiner Städte in Maine längst nicht so interessant, wie sie sich selbst einbilden. (306)
Nach einem illustrierenden Einschub fügt er hinzu:
Es ist einfach so, dass sie [die Sommergäste] auf anderen Rennbahnen unterwegs sind als wir [die Einheimischen]. (306)
Aber Mrs. Todd eben noch auf ganz anderen Wegen unterwegs, sogar auf anderen Wegen als denen der Sommergäste. Dies wird dann zusammengefasst durch den Spruch:
Löcher in der Mitte von Dingen. (333)
Die wesentlichen Dinge allerdings werden angedeutet. So wird Mrs. Todd immer jünger, schließlich auch Homer Buckland, der doch zunächst wesentlich älter, mehr als Großvater, denn als Vater erscheint. Ein unterschwelliges Thema ist also der Mythos vom Jungbrunnen und vom ewigen Leben.
Erzählungen führen philosophische Gedanken nicht zu Ende; sie geben ihnen eher neue Nahrung (wenn überhaupt). Trotzdem könnte man die Philosophie dieser Geschichte in einem (komplizierteren) Satz zusammenfassen: Wer in seinem Begehren nicht nachgibt, bleibt ewig jung, weil er die Brüche in den „Dingen“ entdeckt. (Diese Zusammenfassung ist auf der einen Seite Jaques Lacan und seinem Aufsatz Kant avec Sade, auf der anderen Seite Gilles Deleuze und seinem Die Dinge, die Wörter aufbrechen geschuldet.)

Schluss

Neben der Kritik an aktuellen Bezeichnungen des Genres schildere ich eine "vergessene" Erzähltechniken, die der Rahmenerzählung. Der Erzähler erlebt nur das Erzählen der Geschichte, nicht aber die Geschichte selbst. Dadurch kann sich der Erzähler relativ frei in seiner Geschichte bewegen und eigene Gedanken in Form von Reflexionen einschieben.
Ein Reiz der Erzählung besteht in ihrer "unvollkommenen" Philosophie: die Reflexionen des Erzählers lassen sich durch den Leser mühelos weiterführen. Damit gerät der Leser in eine noch überlegenere Position, als er sie sowieso schon durch die Handlungslosigkeit des Erzählers besitzt. Die Unbedeutendheit des Erzählers korrespondiert mit dem natürlichen Narzissmus des Lesers.

05.02.2016

Muster in der Geometrie

Die Programmiersprachen habe ich erst mal beiseite geschoben. Vorgestern hatte ich noch einige ganz gute Einfälle und einige schöne Sachen ausprobiert. So langsam nähere ich mich doch einem guten Verständnis der unterschiedlichen Programmiersprachen. Trotzdem bleibt Java für mich weiterhin die attraktivste Sprache, weil ich sie für mein Wunschprogramm am tauglichsten halte. Aber das ist eine andere Sache.

Übersetzen

Programmieren hängt für mich seit langer Zeit mit der Kognitionspsychologie zusammen. Neuerdings finde ich Wechselwirkungen zur Geometrie. Ein Teil meiner Kommentare, die ich in den letzten Tagen verfasst habe, haben die Strukturen der Programmiersprachen in die Sprache der Geometrie übersetzt und umgekehrt. Solche Übersetzungsprozesse sind wichtig, weil sie neue Felder an bereits Bekanntes anschließen. Tatsächlich verdanke ich einige wichtige Fortschritte meiner Beschäftigung mit der Geometrie. Und man unke jetzt bitte nicht, Geometrie für die zweite Klasse sei doch einfach. Inhaltlich, von den rein mathematischen Aspekten, ist sie das natürlich. Aber das ist natürlich nur die Oberfläche. Wie in jeder Disziplin müssen auch hier die Kinder sich die Strukturen nach und nach aneignen.

Muster

Ein hartnäckiges Problem dabei ist, und wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben, dass der Begriff der Struktur, bzw. des Musters, vieldeutig ist. Dies fällt mir insbesondere in der Mathematikdidaktik auf. Diese nutzt offensichtlich zwei komplett verschiedene Begriffe, nämlich einmal als die Muster, die auf dem Papier zu finden sind, und einmal als die Muster, die im Kopf eines Kindes entstehen.
Muster auf dem Papier entstehen durch Wiederholungen. Wir können mit ihnen umgehen, indem wir Gleichheiten oder hinreichend große Ähnlichkeiten entdecken. Muster im Kopf dagegen scheinen vor allem Kräfte (oder wie auch immer man das nennen möchte) zu kanalisieren. Sie entstehen nicht durch Wiederholung, sondern durch Begrenzung (vgl. dazu Luhmann, Niklas: Soziale Systeme 1988, S. 73).
Doch wenn man sich meine Argumentation genauer ansieht, merkt man, wie ungenau sie ist. Auch ein Muster in der Umwelt muss wahrgenommen werden. Es existiert nicht unabhängig von einer Beobachtung durch ein lebendes System. Gehen wir davon aus, dass lebende Systeme sich generell durch Musterbildung an sich selbst binden, dann sind beide Arten von Mustern Phänomene lebender Systeme.
Bei den Mustern, die durch Wiederholung beschrieben werden, handelt es sich offensichtlich um Rekonstruktionen von Sinnesreizen und ihre Projektion. Die Muster, die unser Denken ausmachen, und durch die unser Denken sich an sich selbst bindet, liegen gleichsam auf der Rückseite dieser Projektionen. Insofern scheinen die beiden Arten ineinander zugreifen: das einschränkende Muster ermöglicht das wiederholende Muster, während sich über das wiederholende Muster das einschränkende Muster beobachten lässt.

Tiefengrammatik

Dies erinnert an die Tiefengrammatik bei Wittgenstein. Diese ist ein recht seltsames Phänomen. Auf der einen Seite scheint sie im Gebrauch der Sprache auf, ist also an die Handlungen gebunden, auf der anderen Seite verbirgt sie sich aber in den Strukturen, die gerade diese bestimmten Gebrauchsweisen ermöglichen, die den jeweiligen Wörtern zukommt, während sie alle anderen Gebrauchsweisen ausschließt. Wie ich zum Beispiel „Haare tanzt Berge zurück.“ in einer Situation verwenden kann, in der ich Beispiele für sinnlose Sätze gebe; derselbe Satz lässt sich aber keineswegs im Mathematikunterricht oder an der Supermarktkasse verwenden, jedenfalls nicht mit beliebigen Folgen. Offensichtlich werden Aussagen in bestimmten Situationen in bestimmte Richtungen dirigiert, ohne die Folgen vollständig festzulegen.

Die Kunst der Geometriedidaktik

Offensichtlich besteht das große Problem der Geometriedidaktik darin, auf die Wiederholungsmuster zu zeigen, aber die Einschränkungsmuster beizubringen. Der notwendige Zwischenschritt scheint durch Handlungsanweisungen gebildet zu werden. Indem man den Kindern den Umgang mit bestimmten Formen auf eine bestimmte Weise beibringt, bilden sich innere Repräsentationen der Gegenstände aus. Doch ganz so einfach ist es doch nicht. So ist es unmöglich, zwei kompakte Körper ineinander zu stecken. Ich kann mir das zwar in Gedanken vorstellen; aber in der Wirklichkeit, ob ich diese nun direkt wahrnehme, oder sie nur in meinem Kopf rekonstruiere, gelingt mir das nicht.
Auf irgend eine Weise geht also doch eine Realität dort draußen. Wenn sie sich schon nicht in ihrer positiven Art offenbart, so doch in ihrer Widerständigkeit. So wenig ich ein Marmeladenglas durch die geschlossene Kühlschranktür in den Kühlschrank befördern kann, so wenig räumt sich mein Bücherregal während meiner Abwesenheit von selber auf. Das Material besitzt Eigenschaften. Vielleicht lassen sich diese Eigenschaften nur durch ihren Widerstand gegen meine Handlungen rekonstruieren und werden in ihrer Objektivität nur projeziert.
Ich frage mich zur Zeit, ob dies für den Unterricht eine wesentliche Rolle spielen muss. – Aber so weit ist meine Arbeit noch nicht gediehen.

02.02.2016

Feinstoffliche Grenzen

Ich gestehe.
Was? – Ich habe zahlreiche Bücher von Sloterdijk gelesen; ich mag seine Bücher, ich mag die Art, wie er schreibt, ich mag, was er schreibt. Gerade habe ich mir sein Buch Eurotaoismus zugelegt. Hineingeschaut habe ich noch nicht. Die Geometrie, bzw. die Mathematikdidaktik, ihr wisst schon, ihr kennt meine Klagen.

Flüchtlingspolitik

Nun meldet sich Peter Sloterdijk zur Flüchtlingspolitik zu Wort, behauptet einen Souveränitätsverzicht und konstatiert eine Überrollung Deutschlands. Man habe, so lese ich, das „Lob der Grenze“ nicht gelernt, in Deutschland. Und man glaube, in Deutschland, „eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten“.
Ich kann mich nicht zu den größeren politischen Implikationen Sloterdijks äußern. Gerade weil ich Sloterdijk mag, gerade weil ich aber auch seine Äußerungen für „schwierig“ halte, spüre ich meine geradezu katastrophale Unbelesenheit, was politische Denker betrifft. Und was das Wort „schwierig“ angeht, so ist dies natürlich nur ein Hilfsmittel, um mich aus der Affäre zu ziehen. Flüchtling, der ich bin. Flüchtling im Lande der rhetorischen Analyse, weil ich in der politischen Philosophie nicht oder zu wenig beheimatet bin.

Grenzen

Seltsamerweise hat mir meine Ex-Frau eine Erfahrung ermöglicht, die, wie viele der Erfahrungen, die sie mir ermöglicht hat, unangenehm ist, die für mich aber sehr fruchtbar war. Damals, als sie noch meinte, kommunistisch zu sein (aber der Übergang zum paranoiden und faschistischen Denken war ihr längst gelungen), besuchten wir die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Frankfurt. Und dort hielt ein Irgendwer eine Vorlesung über ein Irgendwas, in der er scharf die nationalen Grenzen Deutschlands angriff.
In der darauf folgenden Diskussion warf ich ihm vor, dass er die Grenzen zu materialistisch denken würde. Die Grenzen des Nationalstaates sind eben nicht durch ein Territorium, einen konkreten Boden, definiert. In der anschließenden Beschäftigung mit dem, was Grenzen überhaupt sein können, konnte ich zumindest formulieren, dass die Grenzen des Nationalstaates auf der einen Seite natürlich materialisiert worden sind, aber dies nur zu einem kleinen, geradezu lächerlich geringfügigen Detail. Der größere Teil eines Nationalstaates schafft sich seine Grenzen über Gesetze, Zugänglichkeit, Mitwirkungen.
So gesehen sind Grenzen nicht materiell verfügbar, sondern über Kommunikation geschaffen. Selbst semantische Oppositionen (zum Beispiel Mann/Frau oder Deutscher/Ausländer) sind noch zu grob gedacht: dahinter stehen immer Strukturen, die sich aus Operationen bilden und eigendynamisch entscheiden, was dazu gehört und was nicht. Anscheinend halten es solche Strukturen aber nicht aus, feinstofflich zu sein. Sie imaginieren sich eine Materialität. Und so scheint es das Schicksal von Sloterdijk zu sein, dass er seine eigenen wortgewaltigen Analysen der politischen Metaphorik nicht aushält und in die groben Gefilde eines vulgären Marxismus zurückfällt.
Grenzen, um nicht einfach nur bei einer Polemik stehenzubleiben, sind immer Grenzen von irgendwem. Sie werden besetzt und besessen, nicht aufgrund einer physikalischen Eigenschaft, sondern aufgrund einer konstruierten Bedeutung. So, wie Sloterdijk sich im Moment äußert, referiert er aber auf materialisierte Grenzen, die a priori bestehen. Und genau so funktionieren die Grenzen des Nationalstaates eben nicht. Sie sind feinstofflich, operationalisiert. Sloterdijk müsste dies eigentlich wissen.

Materialismus

Was hatte man Niklas Luhmann nicht alles vorzuwerfen! Neoliberal sei er, unpolitisch. Doch einmal mehr bewundere ich ihn dafür, dass er es geschafft hat, die Gesellschaft auf Ereignisse zurückzuführen, sie an ihre eigenen Ereignisse zu binden, nicht an ihre Materialität. So spielt der Nationalstaat bei Niklas Luhmann lediglich eine Rolle, solange er eine Idee ist. Er ist ein kommunikatives Ereignis, keine materielle Tatsache. Sloterdijk, der Luhmann scharf angegriffen hat (und zu Recht), scheint dies vergessen zu haben. Seine jüngsten Aussagen spielen einem Materialismus, der so selbst nicht von Karl Marx vertreten wurde, in die Hände. Dies beginnt mit der Aufforderung, ein Staatsoberhaupt (Angela Merkel) solle die Souveränität eines Staates garantieren. Und endet längst nicht damit, es gäbe so etwas wie ein „deutsches Bewusstsein“, welches von „Flüchtlingen“ überrollt werden könne.

01.02.2016

Unity und C#

Eigentlich ...
Also, eigentlich wollte ich ... und das kennt ihr ja von mir, mein persönlicher running gag. Eigentlich wollte ich noch ein paar Notizen zur Geometrie einspeichern und weiter durchkommentieren. Eine Kollegin hatte mir noch Fördermaterial für Mathematik in der 2. Klasse auf den Schreibtisch gestellt.
Aber natürlich habe ich mich dann, sobald ich zuhause war, erstmal ans Stöbern gesetzt, mich über die AfD dermaßen geärgert (Schießbefehl! aber das wurde ja schon lang und breit besprochen), und einiges anderes mehr. Irgendwelche dämlichen Posts auf facebook, die nur glauben, sie seien cool, in Wirklichkeit aber ziemlich beleidigend sind; oftmals gegen Claudia Roth: wobei ich nicht weiß, wie man sich auf einen solchen Hass auf eine einzelne Frau eineichen kann, noch dazu auf einen solch argumentationslosen Hass.

Aber es gibt auch diese ganz andere Seite von mir: den (laienhaften) Programmierer. Zunächst habe ich ein wenig mit Python herumgespielt. Die Sprache ist einfach. Dann habe ich mich an Unity erinnert, mit dem ich schon mal vor ein paar Jahren herumgespielt hatte. Das habe ich mir jetzt wieder installiert und einen Kurs dazu gekauft. Sprache in Unity ist C#, was ich mal ähnlich gelernt habe, als C++ von Borland, damals 1990, während meiner Lehrzeit. Lange ist es her.
Der Kurs findet sich auf Udemy und führt in die Spieleprogrammierung mit Unity ein. Der Sprecher ist angenehm, die Inhalte gut dargestellt. Gerade schaue ich mir die ganzen Befehle von C# an, was langweilig ist, denn das kenne ich schon.